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Das Märchen von dem Witzenspitzel

Märchen aus Italien – Clemens von Brentano


Es war einmal ein König von Rundumherum, der hatte unter seinen vielen andern Dienern einen Edelknaben, der hieß Witzenspitzel, und er liebte ihn über alles und überhäufte ihn mit tausend Gnaden und Geschenken; weil Witzenspitzel ungemein klug und artig war und alles, was ihm der König zu verrichten gab, mit außerordentlicher Geschicklichkeit ausrichtete. Wegen dieser großen Gunst des Königs waren alle die andern Hofdiener sehr neidisch und bös auf Witzenspitzel;

Denn wurde seine Klugheit belohnt mit Gelde,
So wurde ihre Dummheit bestraft mit Schelte;
Und erhielt Witzenspitzel vom König großen Dank,
So erhielten sie von ihm großen Zank;
Kriegte Witzenspitzel einen neuen Rock,
So zerschlug er auf ihnen einen neuen Stock;
Durfte Witzenspitzel des Königs Hand küssen,
So traktierte der König sie mit Kopfnüssen.

Darüber wurden sie nun gewaltig zornig auf Witzenspitzel und brummten und zischelten den ganzen Tag und steckten überall die Köpfe zusammen und überlegten, wie sie den Witzenspitzel sollten um die Liebe des Königs bringen. Der eine streute Erbsen auf den Thron, damit Witzenspitzel stolpern und den gläsernen Szepter zerbrechen sollte, den er dem König immer reichen musste; der andere nagelte ihm Melonenschalen unter die Schuhe, damit er ausgleiten sollte und dem König den Rock begießen, wenn er ihm die Suppe brachte; der dritte setzte allerlei garstige Mücken in einen Strohhalm und blies sie dem König in die Perücke, wenn Witzenspitzel sie frisierte; der vierte tat wieder etwas anderes, und so versuchte jeder etwas, den Witzenspitzel um die Liebe des Königs zu bringen. Witzenspitzel aber war so klug und behutsam und vorsichtig, dass alles umsonst war und er alle Befehle des Königs glücklich zu Ende brachte.

Da nun alle ihre Anschläge nichts fruchten wollten, versuchten sie etwas anderes. Der König hatte einen Feind, mit dem er nie fertigwerden konnte und der ihm alles zum Possen tat. Das war ein Riese, der hieß Labelang und wohnte auf einem ungeheuren Berg, wo er in einem dicken dunkeln Walde in einem prächtigen Schlosse hauste, und hatte außer seiner Frau, die Dickedull hieß, niemand bei sich als einen Löwen Hahnebang und einen Bären Honigbart und einen Wolf Lämmerfraß und einen erschrecklichen Hund Hasenschreck, das waren seine Diener. Außerdem hatte er auch ein Pferd im Stall, Flügelbein genannt.

Nun wohnte in der Gegend von Rundumherum eine sehr schöne Königin, Frau Flugs, die hatte eine Tochter, Fräulein Flink; und der König Rundumherum, der gern alle andern Länder um sein Land herum auch gehabt hätte, hätte die Königin Frau Flugs gar gerne zu seiner Gemahlin gehabt. Sie ließ ihm aber sagen, dass noch viele andere Könige sie auch gerne zur Gemahlin hätten, dass sie aber keinen nehmen wolle als den allergeschwindesten, und dass der, welcher am nächsten Montag, morgens um halb zehn Uhr, wenn sie in die Kirche gehe, zuerst bei ihr wäre, sie zur Gemahlin und mit ihr das ganze Land haben sollte.

Nun ließ der König Rundumherum alle seine Diener zusammenkommen und fragte sie: »Wie soll ich es doch anfangen, dass ich am Montag zuerst in der Kirche bin und die Königin Flugs zur Gemahlin bekomme?« Da antworteten ihm seine Diener: »Ihr müsst machen, dass Ihr dem Riesen Labelang sein Pferd Flügelbein bekommt; wenn Ihr darauf reitet, kömmt Euch niemand zuvor; und um dieses Pferd zu holen, wird niemand geschickter sein als der Edelknabe Witzenspitzel, der ja alles zustande bringt.« So sagten die bösen Diener und hofften schon, der Riese Labelang werde den Witzenspitzel gewiss umbringen. Der König befahl also dem Witzenspitzel, er solle das Pferd Flügelbein bringen.

Witzenspitzel erkundigte sich um alles recht genau, wie es bei dem Riesen Labelang beschaffen sei, und dann nahm er sich einen Schiebekarren und stellte sich einen Bienenkorb darauf und nahm einen Sack, da steckte er einen Gockelhahn hinein und einen Hasen und ein Lamm, und legte ihn auch auf den Karren; weiter nahm er einen Strick mit und eine große Schachtel voll Schnupftabak, hängte eine Kurierpeitsche um, machte sich ein paar tüchtige Sporen an die Stiefel und marschierte mit seinem Schiebekarren ruhig fort.

Gegen Abend war er endlich den hohen Berg hinauf, und als er durch den dicken Wald kam, sah er das Schloss des Riesen Labelang vor sich. Und es ward Nacht, und er hörte, wie der Riese Labelang und seine Frau Dickedull und sein Löwe Hahnebang und sein Bär Honigbart und sein Wolf Lämmerfraß und sein Hund Hasenschreck gewaltig schnarchten; nur das Pferd Flügelbein war noch munter und scharrte mit den Füßen im Stall.

Da nahm Witzenspitzel leise, leise seinen langen Strick und spannte ihn vor die Schloßtüre von einem Baum zum andern und stellte die Schachtel mit Schnupftabak dazwischen; dann nahm er den Bienenkorb und setzte ihn an einen Baum in den Weg, und ging in den Stall und band das Pferd Flügelbein los und setzte sich mit dem Sack, worin er den Hahn, das Lamm und den Hasen hatte, drauf und gab ihm die Sporen und trieb es hinaus.

Das Pferd Flügelbein aber konnte sprechen und schrie ganz laut:

Dickedull und Labelang!

Lämmerfraß und Hasenschreck!

Witzenspitzel reitet Flügelbein weg!

und dann galoppierte es fort, was gibst du, was hast du!

Da wachte der Labelang und die Dickedull auf und hörten das Geschrei des Pferdes Flügelbein; geschwind weckten sie den Bären Honigbart und den Löwen Hahnebang, den Wolf Lämmerfraß und den Hund Hasenschreck auf, und alle stürzten zugleich aus dem Schloss heraus, um den Witzenspitzel mit dem Pferd Flügelbein zu fangen.

Aber der Riese Labelang und seine Frau Dickedull stolperten in der Dunkelheit über den Strick, den Witzenspitzel vor der Türe gespannt hatte, und perdauz – da fielen sie mit der Nase und den Augen gerade in die Schachtel voll Schnupftabak hinein, die er dahin gestellt hatte, und rieben sich die Augen und niesten einmal über das anderemal, und der Labelang sagte: »Zur Gesundheit, Dickedull!«

»Ich danke«, sagte Dickedull; dann sagte sie: »Zur Gesundheit, Labelang!« und »Ich danke«, sagte Labelang, und bis sie sich den Tabak aus den Augen geweint und aus der Nase geniest hatten, war Witzenspitzel schier aus dem Wald.

Der Bär Honigbart war zuerst hinter ihm drein, als er aber an den Bienenkorb kam, kriegte er Lust zum Honig und wollte ihn fressen; da schnurrten die Bienen heraus und zerstachen ihn so, dass er halb blind ins Schloss zurücklief. Witzenspitzel war schon weit aus dem Wald, da hörte er hinter sich den Löwen Hahnebang kommen; geschwind nahm er den Gockelhahn aus seinem Sack, und als der auf einen Baum flog und zu krähen anfing, ward es dem Löwen Hahnebang sehr angst und er lief zurück. Nun hörte Witzenspitzel den Wolf Lämmerfraß hinter sich. Da ließ er geschwind das Lamm aus seinem Sack laufen, und dem sprang der Wolf nach und ließ ihn reiten. Schon war er nahe der Stadt, da hörte er hinter sich ein Gebelle, und wie er sich umschaute, sah er den Hund Hasenschreck angelaufen kommen. Geschwind ließ er nun den Hasen aus dem Sack laufen, und da sprang der Hund dem Hasen nach, und er kam mit Flügelbein glücklich in die Stadt.

Der König dankte dem Witzenspitzel sehr für das Pferd; die falschen Hofdiener aber ärgerten sich, dass er so mit heiler Haut wiedergekommen war. Am nächsten Montag setzte sich der König gleich auf sein Pferd Flügelbein und ritt zur Königin Flugs, und das Pferd lief so geschwind, dass er viel früher da war und schon mehrere Tänze auf seiner Hochzeit mit der Königin Flugs getanzt hatte, als die andern Könige aus der Gegend erst ankamen. Da er nun mit seiner Königin nach Hause ziehen wollte, sagten seine Diener zu ihm: »Ihro Majestät haben zwar das Pferd des Riesen Labelang; aber wie herrlich wäre es, wenn Sie auch dessen prächtige Kleider hätten, die alles übertreffen, was man bis jetzt gesehen, und der geschickte Witzenspitzel wird dieselben ganz gewiss herbeischaffen, wenn es ihm befohlen wird.«

Der König bekam gleich eine große Lust nach den schönen Kleidern des Labelang und gab dem Witzenspitzel abermal den Auftrag. Als dieser sich nun auf den Weg machte, dachten die falschen Hofdiener, er würde diesmal dem Riesen Labelang gewiss nicht entgehen.

Witzenspitzel nahm diesmal nichts mit als einige starke Säcke, und kam abends wieder vor das Schloss des Labelang, wo er sich auf einen Baum setzte und lauerte, bis alles im Schlosse zu Bette sei.

Als alles still geworden war, stieg er vom Baum herunter, da hörte er auf einmal die Frau Dickedull rufen: »Labelang, ich liege mit dem Kopf so niedrig, hole mir doch draußen ein Bund Stroh.« Da schlüpfte Witzenspitzel geschwind in das Bund Stroh, und Labelang trug ihn mitsamt dem Bund Stroh in seine Stube, steckte ihn unter das Kopfkissen und legte sich dann auch in das Bett.

Als sie ein wenig eingeschlafen waren, streckte Witzenspitzel die Hand aus dem Stroh und raufte den Labelang tüchtig in den Haaren und dann die Frau Dickedull auch, worüber beide erwachten und, weil eines glaubte, das andere habe es gerauft, sich einander gewaltig im Bette zerprügelten, während welchem Streit Witzenspitzel aus dem Stroh herauskroch und sich hinter das Bett setzte.

Da sie wieder ruhig eingeschlafen waren, packte Witzenspitzel alle Kleider des Labelang und der Dickedull in seinen Sack und band diesen leise, leise dem schlafenden Löwen Hahnebang an den Schwanz; dann band er den Wolf Lämmerfraß und den Bären Honigbart und den Hund Hasenschreck, welche alle da herum schliefen, an die Bettlade des Riesen fest und machte die Türe weit, weit auf. Er hatte alles so in der Ordnung, da wollte er aber auch dem Riesen seine schöne Bettdecke noch mitnehmen und zupfte ganz sachte, sachte an dem Zipfel, bis er sie heruntergezogen, wickelte sich hinein und setzte sich auf den Sack voll Kleider, den er dem Löwen an den Schwanz gebunden hatte. Nun wehte die kalte Nachtluft durch die offene Türe der Frau Dickedull an die Beine, sie wachte auf und rief: »Labelang! du nimmst mir die Decke weg, ich liege ganz bloß.« Da wachte Labelang auf und rief: »Nein, ich liege ganz bloß, Dickedull, du hast mir die Bettdecke genommen.« Darüber fingen sie sich wieder an zu schlagen und zu zanken, und Witzenspitzel fing laut an zu lachen. Nun merkten sie etwas und riefen: »Dieb da! Dieb da! Auf, Hahnebang! Auf, Lämmerfraß! Honigbart und Hasenschreck! Dieb da! Dieb da!« – Da wachten die Tiere auf, und der Löwe Hahnebang sprang fort; weil er aber den Bündel angebunden hatte, worauf der Witzenspitzel in die Bettdecke gewickelt saß, fuhr der wie in einem Wagen hinter ihm her und fing einige Male an, wie ein Hahn kikriki, kikriki zu schreien; da kriegte der Löwe eine solche Angst, dass er immer, immer zulief, bis an das Stadttor, wo Witzenspitzel ein Messer herauszog und hinten den Strick abschnitt, so dass der Löwe, der im besten Ziehen war, auf einmal ausfuhr und so mit dem Kopf wider das Tor rannte, dass er tot an die Erde fiel.

Die andern Tiere, welche Witzenspitzel an die Bettstelle des Riesen gebunden hatte, konnten diese nicht zum Tor hinausbringen, weil sie zu breit war, und zerrten die Bettlade so in der Stube herum, dass Labelang und Dickedull herausfielen und aus großem Zorn den Wolf und den Bären und den Hund totschlugen, welche doch gar nichts dafür konnten.

Als die Wache in der Stadt den großen Stoß, den der Löwe gegen das Stadttor getan hatte, hörte, öffnete sie das Tor, und Witzenspitzel brachte dem König die Kleider des Labelang und der Dickedull, worüber dieser vor Freuden aus der Haut fahren wollte, denn niemals waren noch solche Kleider gesehen worden. Es war dabei ein Jagdrock, von den Pelzen aller vierfüßigen Tiere so schön zusammengenäht, dass daran die ganze Geschichte des Reineke Fuchs zu sehen war. Weiter ein Vogelstellerrock, von den Federn aller Vögel der Welt: vorn ein Adler, hinten eine Eule und in der Tasche eine Drehorgel und ein Glockenspiel, welche wie alle Vögel durcheinandersangen. Dann ein Bade- und Fischfängerkleid, aus allen Fischhäuten der Welt so zusammengenäht, dass man einen ganzen Walfisch- und Häringsfang darauf sah. Dann ein Gartenkleid der Frau Dickedull, worauf alle Arten von Blumen und Kräutern, Salat und Gemüs abgebildet war. Was aber alles übertraf, war die Bettdecke; sie war von lauter Fledermauspelzen zusammengenäht, und alle Sterne des Himmels mit Brillanten darauf gestickt.

Die königliche Familie wurde ganz dumm von lauter Betrachten und Bewundern. Witzenspitzel wurde geküsst und gedrückt, und seine Feinde platzten bald vor Zorn, dass er wieder so glücklich dem Riesen Labelang entgangen sei.

Doch ließen sie den Mut nicht sinken und setzten dem König in den Kopf, jetzt fehle ihm nichts mehr als das Schloss des Labelang selber, dann hätte er alles, was ihm zu wünschen übrig sei, und der König, der ein rechter Kindskopf war und alles haben wollte, was ihm einfiel, sagte gleich zu Witzenspitzel, er solle ihm das Schloss des Labelang schaffen, dann wolle er ihn belohnen.

Witzenspitzel besann sich nicht lange und lief zum dritten Mal nach dem Schloss des Labelang. Da er dahin kam, war der Riese nicht zu Hause, und in der Stube hörte er etwas schreien wie ein Kalb. Da guckte er durchs Fenster und sah, dass die Riesin Dickedull einen kleinen Riesen auf dem Arm hatte, der bleckte die Zähne und schrie wie ein Kalb, während sie dabei Holz hackte.

Witzenspitzel ging hinein und sagte: »Guten Tag, große, schöne, breite, dicke Frau! Wie mögt Ihr Euch nur bei dem allerliebsten Kinde so viele Arbeit machen, habt Ihr denn keine Knechte oder Mägde? Wo ist denn Euer lieber Herr Gemahl?« – »Ach!« sagte die Dickedull, »mein Mann Labelang ist ausgegangen, die Herrn Gevatter einzuladen, wir wollen einen Schmaus halten; und nun soll ich alles allein kochen und braten, denn mein Mann hat den Wolf und Bären und Hund, die uns sonst geholfen, totgeschlagen, und der Löwe ist auch fort.«

»Das ist freilich sehr beschwerlich für Euch«, sagte Witzenspitzel; »wenn ich Euch helfen kann, soll es mir lieb sein.«

Da bat ihn die Dickedull, er solle ihr nur vier Stücke Holz kleinmachen, und Witzenspitzel nahm die Axt und sagte zu der Riesin: »Haltet mir das Holz ein wenig!« – Die Riesin bückte sich und hielt das Holz: da hob Witzenspitzel die Axt auf, und ratsch hieb er der Dickedull den Kopf ab, und ritsch dem kleinen Riesen Mollakopp auch, und da lagen sie.

Nun machte er ein großes tiefes Loch gerade vor die Türe des Schlosses, und warf die Dickedull und Mollakopp hinein und deckte das Loch oben ganz dünne mit Zweigen und Blättern zu; dann steckte er in allen Stuben des Schlosses eine Menge Lichter an und nahm einen großen kupfernen Kessel, da paukte er mit Kochlöffeln darauf, und nahm einen blechernen Trichter, darauf blies er die Trompete und schrie immer dazwischen: »Vivat! es lebe Ihro Majestät, der König Rundumherum!« –

Als Labelang abends nach Hause kam und die vielen Lichter in seinem Schloss sah und das Vivatgeschrei hörte, ward er ganz rasend vor Zorn und rannte mit solcher Wut gegen die Türe, dass er, da er über das mit Zweigen bedeckte Loch laufen wollte, durchfiel und mit großem Geschrei in der Grube gefangen lag, welche Witzenspitzel dann mit Erde und Steinen über ihm zufüllte.

Hierauf nahm Witzenspitzel den Schlüssel des Riesenschlosses und brachte ihn dem König Rundumherum, der sich sogleich mit der Königin Flugs und ihrer Tochter, der Prinzessin Flink, und dem Witzenspitzel nach dem Schloss begab und alles betrachtete. Nachdem sie vierzehn Tage an allen den vielen Stuben, Kammern, Kellerlöchern, Dachluken, Ofenlöchern, Feueressen, Küchenherden, Holzställen, Speisekammern, Rauchkammern und Waschküchen und dergleichen betrachtet hatten und fertig waren, fragte der König den Witzenspitzel, was er zur Belohnung für seine treuen Dienste haben wollte: da sagte er, die Prinzessin Flink, und die war es auch zufrieden; da wurde Hochzeit gehalten, und Witzenspitzel und die Prinzessin Flink blieben auf dem Riesenschloß wohnen, wo sie bis auf diesen Tag zu suchen sind.

Die Bescherung

Der Weihnachtsmann putzte seine großen schwarzen Stiefel so blank, dass sich sein lächelndes Gesicht darin spiegelte. „Heiligabend muss ich sehr gut aussehen“, sagte der Weihnachtsmann. „Auch wenn ich am Weihnachtstag ganz mit Ruß beschmiert bin.“ Er zog sich die Stiefel und den roten Mantel an. „Los geht’s“, sagte er.
Herr Grün war sein Helfer. Er war groß und dünn und trug ein Gewand aus Stechpalmenblättern. Herr Grün suchte seinen Hut. Wo war der nur? Er hob Schneeflöckchen, die Katze, hoch. Da war sein Hut! Schnell bürstete er ihn und setzte ihn auf. „Los geht’s!“ sagte Herr Grün.
Draußen warfen die Rentiere die Köpfe hin und her und stampften mit den Hufen. Sie konnten es nicht erwarten! So aufregend war es in keiner anderen Nacht. Der Weihnachtsmann und Herr Grün beluden den Schlitten mit Spielzeug. Bald war der Schlitten vollgepackt. „Los geht’s!“ sagten alle.
Herr Grün saß neben dem Weihnachtsmann und sah auf die Karte. Endlich schüttelte der Weihnachtsmann die Zügel, und der Schlitten erhob sich in die Nacht. Es war Vollmond, die Sterne blinkten hell am Himmel. „Ein richtiger Heiligabend“, sagte der Weihnachtsmann. Die Rentiere nickten, und die Schlittenglöckchen klingelten in der eisigen Luft.
Bald erreichten sie das erste Haus. Der Weihnachtsmann kletterte den Schornstein hinunter. Er lass den Wunschzettel, der am Kamin hing. „Anna wünscht sich einen Teddy und eine Uhr“, rief er den Schacht hinauf. Herr Grün suchte in den Säcken und fand die richtigen Geschenke. Er reichte sie hinunter, und der Weihnachtsmann steckte alles in die Strümpfe.
Als der Weihnachtsmann Peters Schornstein hinabkletterte, fiel er in einen riesigen Sack, der vor den Kamin gespannt war. „Nanu!“ rief der Weihnachtsmann überrascht. Er strampelte sich frei und verwickelte sich dabei in die längste Wunschliste, die er je gesehen hatte. „Na, so ein gieriger Junge“, sagte er. „Wenn ich ihm alle Wünsche erfülle, bekommen andere Kinder gar nichts.“
„Gib mir mal den Sack“, sagte Herr Grün. Er fand ein Nähkästchen und machte sich ans Werk. Schnipp, schnapp, machte die Schere. Rein und raus ging die Nadel. Endlich hielt Herr Grün einen winzigen Strumpf hoch, den er aus dem riesigen Sack geschnitten hatte. „Der ist bestimmt gerade groß genug für ein einziges Geschenk“, sagte er.
Dann landete der Schlitten auf einem krummen Häuschen. Die Tür bog sich in eine Richtung, das Fenster in die andere. Sogar der Schornstein war verdreht, so wie ein Korkenzieher. Bevor der Weihnachtsmann hinunterging, holte er tief Luft. Doch schon bald steckte er fest. „Hilfe! Hilfe!“ schrie er.
Herr Grün zog. Die Rentiere zogen. Wie einen Korken zogen sie den Weihnachtsmann heraus. „Was sollen wir tun?“ fragte er. Herr Grün holte eine Angelrute vom Schlitten. Er warf die Schnur den Schornstein hinab, dann fischte er einen gelben Strumpf heraus. „Paul wünscht sich eine Uhr“, sagte Herr Grün. Der Weihnachtsmann füllte den Strumpf und ließ ihn hinunter.
Weiter ging es durch die Nacht, von einem Kamin zum nächsten, von Strumpf zu Strumpf. Endlich kamen sie zum letzten Haus. Da wohnten die Zwillinge Karin und Jan. Herr Grün suchte zwischen den Säcken. „Weihnachtsmann“, rief Herr Grün den Schornstein hinunter, „die Geschenke sind leider ausgegangen!“
Der Weihnachtsmann half suchen. „Das gibt es doch gar nicht!“ sagte er. „Dem Weihnachtsmann dürfen die Geschenke nicht ausgehen. Herr Grün, was sollen wir machen? Karin und Jan finden morgen nichts im Strumpf.“ Beide setzten sich auf das Dach und dachten angestrengt nach.
„Was wünschen sich die Zwillinge denn?“ fragte Herr Grün. Der Weihnachtsmann las den Wunschzettel und klatschte in die Hände. „Lesen Sie mal, Herr Grün!“ Herr Grün setzte sich die Brille auf. „Lieber Weihnachtsmann“, las er, „unser Vater hat einen Spielzeugladen, wir brauchen nichts. Aber dürfen wir bitte einmal mit dem Schlitten fahren? Von Karin und Jan.“
Das war ein Spaß für Karin und Jan! Sie hielten abwechselnd die Zügel und fuhren dreimal um die Stadt. Sie sahen die Häuser ihrer Freunde und Omas Häuschen am See. Zum Schluss landeten sie auf dem eigenen Dach. Die Zwillinge winkten zum Abschied und klingelten mit den Schlittenglöckchen, die der Weihnachtsmann ihnen gegeben hatte. Diesen Heiligabend würden sie nie vergessen.

Das versunkene Schloss

Heinrich Seidel


Im Norden von Deutschland gibt es zwar keine eigentlichen Gebirge, wohl aber stattliche Hügelzüge, die im Verein mit großen blauen Seenflächen, weiten Wiesentälern und alten mächtigen Waldungen diesen Gegenden ihre eigentümliche Schönheit verleihen. Inmitten eines solchen Landstriches, am Fuße einer dieser Hügelreihen, war eine kleine Stadt gelegen, deren Bewohner zum größeren Teil aus friedlichen Ackerbürgern, zum kleineren aus Handwerkern bestanden. In den stillen Straßen wuchs das Gras, und über die alte, bröcklige Stadtmauer spann der Efeu seine Ranken. In der Mittagszeit, wenn alle Leute in ihren Häusern bei Tisch saßen, konnte man denken, die Stadt sei ausgestorben oder in Zauberschlaf versunken, so still und einsam war es dann. Am meisten Leben zeigte sich noch des Abends, wenn die Jugend auf den freien Plätzen lärmend ihre Spiele trieb, die Leute auf den Bänken vor ihren Türen saßen und die von der Weide heimkehrenden Kühe brüllend durch die Straßen wandelten, um ihre Ställe aufzusuchen. Nur der Jahrmarkt und das Schützenfest brachten etwas mehr Bewegung in diesen stillen Erdenwinkel. Das letztere ward in dem Wald gefeiert, der den benachbarten Höhenzug bedeckte. In der Senkung zwischen zwei Hügeln befand sich die Schießbahn, und auf einem freien Platze im Walde waren die Buden aufgebaut, die sowohl den Bedürfnissen des Leibes als auch der Schaulust reichliche Nahrung boten. Da war der fremde Kuchenmann, der mit heiserer, aber unendlich verlockender Stimme seine schön verzierten Honigkuchen und Herzen ausbot und zahllose Schätze von Bonbons in allen Farben des Regenbogens entfaltete; da war die dickste und schönste Dame der Welt, achtzehn Jahre alt und dreihundertsieben Pfund schwer; dann die Seejungfrau, das größte Meerwunder aller Zeiten, leider nur ausgestopft, aber darum nicht minder seltsam; da war der prophetisch begabte Mann, der gegen geringes Entgelt jeglichen einen Blick in die Geheimnisse der Zukunft tun ließ; da war die mit reichen Schätzen ausgestattete Bude, wo man gegen den Einsatz von nur einem Groschen die seltsamsten und teuersten Dinge gewinnen konnte, sogar als Höchstes eine altehrwürdige Taschenuhr, zur Klasse der »Butterbüchsen« gehörig, die wirklich ging, wie jeder sich durch Augenschein überzeugen konnte. Da nun in der Stadt ein würdiger Greis lebte, der vor vielen Jahren bei solcher Gelegenheit wirklich eine Uhr gewonnen hatte, welches Ereignis einen Höhepunkt in seinem Leben bildete, so war natürlich die Verlockung, in gleicher Weise das Glück zu versuchen, für jung und alt beträchtlich. Zu weit würde es führen, wollte ich alle Herrlichkeiten ausführlich aufzählen, die bei dieser Gelegenheit zu freudigem Genüsse einluden. Ich will nur kurz das Karussell, das Puppentheater und den Tanzplatz erwähnen, allwo sich beiden Weisen von vier Stadtmusikanten die Jugend unablässig im Kreise drehte; ich will nur vorübergehend erinnern an die Gastzelte, wo das edle Bier in Strömen verschenkt wurde, also daß sich selbst die solidesten und ehrsamsten Schützenbrüder am Abend etwas unsicher auf den Beinen fühlten und beim Einmarsch in die Stadt kein besonderes Schauspiel darboten.

Diese Zeit, wo sich das Leben der kleinen Stadt zu seiner Taumelhöhe entfaltete, war die einzige, in der die meisten der erwachsenen Einwohner den Hügelwald besuchten, außer es handelte sich um eine Holzauktion oder dergleichen, denn die guten Ackerbürger und ehrsamen Handwerker zogen es vor, wenn sie sich zu einem Sonntagsspaziergange aufschwangen, in ihren Feldern das Wachstum zu betrachten und sich freundlichen Spekulationen über den Ernteertrag, die Kornpreise und den Stand der Kartoffeln hinzugeben. Zu allen Zeiten aber ward der Wald besucht von der Jugend und von den Armen, von Kindern, die Blumen suchten oder Vogelnester oder Beeren, je nach der Jahreszeit, von unternehmenden Knaben, die sich in den buschigen und verwachsenen Abhängen Räuberhöhlen anlegten, von armen holzlesenden Weiblein und dergleichen. Nur einen Ort gab es in diesem Walde, der von den meisten gemieden ward, das war der von Bäumen entblößte und nur mit niederem Buschwerk bestandene Gipfel des großen Hügels. Dort fanden sich, ganz überwuchert von wilden Rosen, Weißdorn, Jelängerjelieber und ähnlichen Sträuchern, einige Überreste von uraltem Mauerwerk, und es ging die Sage, dort habe in grauen Zeiten ein großes Schloß gestanden, das aber in einer stürmischen Gewitternacht zur Strafe für den Frevel und die Bosheit seiner gottlosen Bewohner mit Mann und Maus in die Tiefe gesunken sei. An diesem Ort sollte es nicht geheuer sein. Manche wollten den alten Schloßvogt, ein kleines graues Männchen, das die Schätze in dem versunkenen Gemäuer zu bewachen hatte, am hellen Tage mit kläglichem Seufzer dort haben umherwandern sehen, nächtlich hatten andere dort Feuer und blaue Flammen erblickt, wie sie die Anwesenheit verborgener Schätze andeuten, und schneidende Klagelaute, deren Ursprung unerklärlich war, hatte man dort in stiller Mittagsstunde vernommen. Das Merkwürdigste war aber, daß sich dort, verborgen zwischen dem Gestrüpp, eine Öffnung befinden sollte, die über kirchturmtief in den Berg hinabreichte. Manche behaupteten, sie gesehen zu haben. Sie hatten Steine hinabgeworfen und gehorcht, aber niemals vernommen, daß diese unten aufschlugen. Andere mutige und neugierige Leute hatten wieder nach dieser Öffnung lange gesucht, aber nichts gefunden. Es sollte dies die Ausmündung des Hauptschornsteins der versunkenen Burg sein und zuweilen sogar Rauch daraus hervorkommen. Alle diese Dinge waren den meisten so unheimlich, daß der Gipfel dieses Hügels gemieden ward, obwohl man dort eine herrliche Aussicht hatte auf die alte Stadt, auf das weite Wiesental mit dem gewundenen Fluß und die dämmernden Wälder in der Ferne. In der Stadt lebte eine Anzahl von unternehmenden Knaben, die unter der Anführerschaft eines braunhaarigen Jungen namens Bertram standen. Dieser war gewissermaßen ihr Räuberhauptmann, denn es muß gesagt werden, daß sich diese sechs Verbündeten weniger durch ihre Leistungen in der Schule, als durch zahlreiche Streiche auszeichneten, die sie gemeinschaftlich ausführten. In der Dunkelheit Bindfaden über die Straße zu spannen, die den ehrsamen Bürgern die Hüte von den Köpfen rissen, räuberische Ausflüge in fremde Obstgärten, Fischfang und Vogelstellen, nächtliches Abfeuern von Kanonenschlägen, verbotene Schießübungen und dergleichen Unfug waren ihre Lieblingsbeschäftigungen. In dem Abhang des Hügelwaldes hatten sie wohlverborgen im Gestrüpp eine Räuberhöhle angelegt, wo sie ihre geraubten Obstschätze aufbewahrten, verbotene Pfeifen rauchten und sonst allerlei unerlaubte Dinge trieben. Bertram hatte sich durch seinen gewalttätigen Charakter, seine Körperstärke und Entschlossenheit zum Anführer dieser kleinen Bande aufgeschwungen, und ihm wurde unweigerlicher Gehorsam gezollt. Eines Tages streifte diese Gesellschaft dort am Abhang umher, als sie eines Knaben namens Roland ansichtig wurde, der in den entfernteren Teilen des Waldes ein stattliches Körbchen mit Himbeeren zum Verkauf gesammelt hatte und damit nach Hause gehen wollte. Er war der Sohn einer armen Witwe, die sich kümmerlich von ihrer Hände Arbeit ernährte und darin von ihrem Sohne, soweit es in seinen Kräften stand, unterstützt wurde. Die Knaben hatten ihn kaum bemerkt, als sie ihn auch schon umringten und die gesammelten Früchte für gute Beute erklärten.

»Wie gut, daß du die Himbeeren für uns gesucht hast!« sagte Bertram und streckte die Hand nach dem Korbe aus. Allein Roland umklammerte diesen, hielt seine Hand schützend darüber und rief: »Ihr dürft sie nicht nehmen, ich habe den ganzen Tag daran gesammelt, und meine arme Mutter braucht das Geld!«

»Oh, sie werden uns ebenso gut schmecken wie dem Advokaten oder dem Kaufmann am Markt, wo du sie verkaufst!« sagte Bertram; »her damit!«

Roland sah nun wohl ein, daß er gegen die Übermacht nichts ausrichten würde, allein es kam ihm ein anderer Gedanke.

»Wenn ihr versprechen wollt, mir die Himbeeren zu lassen«, sagte er rasch, »so zeige ich euch etwas, das ihr lange gesucht habt. Ich habe das Loch auf dem Burgberge gefunden, wo es in das versunkene Schloß hinabgeht.«

»Ach, was wirst du da gefunden haben«, sagte Bertram, »wo wir schon so lange gesucht haben, das sind Ausflüchte.«

»So hört doch nur!« rief Roland eifrig. »Ich weiß dort, wo die alten Steine liegen und so viele dichte Dornen stehen, einen Ort, auf dem die allerschönsten Himbeeren wachsen. Nur an einer Stelle kann man zwischen dem Gemäuer und den großen Dornbüschen durchkriechen, da kommt man an einen Fleck, der rings von dem dichtesten Gestrüpp eingeschlossen ist. Heute habe ich dort wohl den halben Korb voll Himbeeren gesammelt. Während ich pflückte, kam mir schon immer ein sonderlicher Geruch in die Nase, es war gerade, als wenn meine Mutter Eierkuchen backt, und zuletzt sah ich in der Mitte des Platzes, wo der Boden etwas erhöht war, einen leichten Dampf aufsteigen. Ich dachte, was kann denn dort brennen, und es ward mir ganz unheimlich zumute, denn mir fiel ein, was man alles von dem Ort erzählt, und daß es dort nicht geheuer sein soll. Allein ich faßte Mut, schlich mich näher und bemerkte nun, daß dieser Rauch zwischen Gras und dichtem Rankenwerk hervorkam. Mit einem Stock schob ich dies beiseite, und ein schwarzes Loch wie von einem großen Schornstein ward frei. Vorsichtig kroch ich heran und horchte, allein ich konnte nichts wahrnehmen als ein leises Zischen und Schmoren in der Tiefe! Da überfiel mich die Angst, und ich machte, daß ich fortkam. Wenn ihr mir nun die Hand darauf gebt, mir meine Himbeeren zu lassen, so zeige ich euch das Loch.«

Die Knaben hatten mit der größten Aufmerksamkeit und Spannung zugehört. Bertram streckte seine Hand aus und rief: »Dort müssen wir hin, schlag ein, Roland.«

Dieser tat es, und alle stiegen nun den Hügel hinauf und krochen unter den Dornen hindurch, um diese wunderliche Entdeckung in Augenschein zu nehmen.

In dem eingeschlossenen Raume war es schwül, denn die Sonne brannte hinein, und die dichten Dornbüsche ringsum hielten jeden Luftzug ab. Ein schwerer Duft, wie ihn die Sommerhitze erzeugt, wenn sie auf gewürzigen Kräutern brütet, war rings verbreitet. Die Knaben waren still geworden und starrten ein wenig bänglich auf die finstere Öffnung im Boden hin. Es stieg kein Rauch mehr daraus hervor. Allmählich wurden sie dreister, schlichen herzu und blickten, rings auf den Knien liegend, in die dunkle Tiefe hinab. Dabei löste sich ein Steinchen und stürzte in den Abgrund, allein so angestrengt sie auch lauschten, sie vernahmen nicht, daß es unten aufschlug. »Große Schätze sollen dort liegen«, sagte Bertram, »wer dort hinunter könnte!«

Ein Gedanke schien ihm zu kommen; er flüsterte einem seiner Genossen, dem Sohne eines Seilers, etwas ins Ohr, dieser kroch hinaus und sprang in der Richtung auf die Stadt eilig den Abhang hinab. Die Knaben erzählten nun, was der eine oder der andere über das versunkene Schloß gehört hatte. Zwischendurch starrten sie wieder in die Tiefe und horchten, allein nicht das geringste war vernehmlich. Nach einer Weile kehrte der Abgesandte zurück und brachte eine sehr lange Wäscheleine mit sich, und Bertram sprach: »Einer von uns muß dort hinabsteigen, wir binden ihm das Seil um den Leib und lassen ihn vorsichtig hinab. Wer von euch hat Lust dazu?«

Allein keiner meldete sich zu diesem Unternehmen. Bertrams Augen fielen auf Roland. »Dieser«, sagte er, »hat das Geheimnis aufgefunden, außerdem ist er der leichteste und behendeste, wir wollen ihn hinunterlassen, daß wir erfahren, was auf dem Grunde verborgen liegt.« Da auf diese Weise die anderen frei ausgingen, fanden sie sämtlich den Vorschlag sehr gut und angemessen, jedoch Roland bekam einen tödlichen Schreck und wünschte, er hätte seine Himbeeren geopfert und das Geheimnis für sich behalten. Jedoch, ob er sich auch sträubte und wehrte, es half ihm nichts, das Tau ward um seinen Leib geschlungen, und trotz seiner flehentlichen Bitten ward er mitsamt seinem Korbe, den er krampfhaft festhielt, langsam in das Loch hinabgelassen.

Das Seil war fast zu Ende, als es sich krümmte und seine Spannung nachließ. Die Knaben zogen an, allein es war ganz leicht und schien offenbar leer zu sein. Sie ließen es wieder hinab und riefen in die Öffnung hinein, allein es kam keine Antwort. Dann zogen sie wieder an, und nun schien ihnen das Seil wieder beschwert zu sein. Allmählich wanden sie es empor, und als das Ende kam, sahen sie, daß auch wirklich etwas daran hing. »Na, Roland, wie war’s?« riefen sie schon, allein wie entsetzten sie sich, als sie bemerkten, daß es nicht der Knabe war, der an dem Tau hing, sondern eine tote Katze. Alle schrien laut auf und liefen davon. Da nun jeder so schnell wie möglich aus dem engen Eingang hinauswollte, so waren sie einander hinderlich, drängten sich und stießen sich in die Dornen und schrien, denn alle hatten die unbestimmte Angst, es möchte noch etwas viel Gräulicheres und Entsetzlicheres hinterherkommen. Als sie sich endlich blaß und zitternd draußen wieder gesammelt hatten, gaben sie sich gegenseitig das Versprechen, fürs erste von diesem Vorfall zu schweigen, und begaben sich sehr niedergeschlagen in die Stadt zurück.

*

Nachdem Roland unter Furcht und Zittern eine lange Weile, wie ihm dünkte, in dem engen Raum hinabgeglitten war, merkte er, daß es heller um ihn wurde. Er erkannte die Wände, die ihn umgaben, und das Gefüge der Steine. Dann wurde der Raum noch weiter und heller, und plötzlich fühlte er Boden unter seinen Füßen. Unwillkürlich streifte er das Seil ab, da es ihn gedrückt hatte, und sah sich um. Er stand auf dem Herde einer großen Küche, die mit glänzendem Kupfer- und Zinngeschirr reichlich versehen war. An einem Küchentisch saß ein kleiner, alter, grau gekleideter Mann mit einem Schlüsselbund an der Seite und aß Eierkuchen. Dieser kam auf ihn zu, blickte ihn finster aus kleinen schwarzen Augen an und sprach: »Unglücklicher, kommst du freiwillig an diesen Ort?« Roland erzählte zitternd, wie es ihm ergangen war. Der Alte lächelte. »Das ist gut«, sagte er, »kämst du aus freiem Antrieb, so würdest du die Welt nie wiedersehen.« Dann nahm er etwas hinter dem Herde hervor, das Roland nicht erkennen konnte, und machte sich mit dem Seile zu tun, das eben wieder herabgelassen wurde. Es war Roland, als höre er aus weiter Ferne seinen Namen rufen. Dann führte der Alte den Knaben an den Tisch und hieß ihn von dem Eierkuchen essen. Dabei bemerkte er den Korb mit Himbeeren und spitzte schmunzelnd die Lippen. »Ei, mein Junge«, sagte er, »was hast du da mitgebracht? Willst du mir die Früchte verkaufen?«

Roland dachte, es würde gut sein, sich diesen Mann zum Freunde zu halten, und sagte: »Ich schenke sie Euch!«

»Ei, du freundlicher Knabe«, sagte der Alte, »das will ich dir danken, das will ich dir danken.«

Damit langte er mit spitzen Fingern in den Korb und verzehrte einige der Himbeeren unter sichtlichem Behagen. Die übrigen schüttete er in eine Schüssel und stellte sie sorgfältig in einen Schrank. Dann gab er Roland den Korb zurück und sprach: »Folge mir!«

Er führte ihn nun durch die prächtigen Hallen und Räume des versunkenen Schlosses, bis sie an eine mächtige eiserne Tür gelangten. Diese öffnete der Alte, und die Schatzkammer tat sich vor Rolands erstaunten Blicken auf. Dort lagen wie auf einem Kornboden in mächtigen Haufen Perlen, Edelsteine und Goldstücke aufgespeichert. Von der Decke hing eine strahlende Lampe hernieder, und es funkelte, blitzte und glänzte in diesem Raum, daß es fast die Augen blendete. Der Alte nahm den Korb und füllte ihn mit diesen kostbaren Dingen an. Er ward dadurch so schwer, daß der Knabe ihn kaum zu tragen vermochte. Dann führte ihn der Alte durch einen langen, schmalen und dunklen Gang, schloß eine kleine Tür auf, und plötzlich strahlte ihnen das helle Tageslicht entgegen. Er streichelte dem kleinen Roland die Wangen und sprach: »Hab Dank für die schönen Früchte; seit hundert Jahren habe ich dergleichen nicht mehr gesehen und geschmeckt.« Damit schob er ihn hinaus, und die Tür fiel krachend ins Schloß. Als sich Roland umsah, war keine Spur von einem Eingang zu bemerken, nur grüner Rasen bedeckte gleichmäßig den Abhang des Hügels, an dessen Fuß er stand. Aber wie sonderbar, eine kühle Morgenluft wehte ihm entgegen, und es war doch so schwül gewesen, als er seine unfreiwillige Fahrt angetreten hatte. Nach seiner Ansicht mußte es jetzt Abend sein, aber dort, wo die Sonne über den Dächern der alten Stadt tief am Himmel stand, war ja Osten. Fürwahr, der Tag und die ganze Nacht waren vergangen, während er in dem versunkenen Schlosse gewesen war. Roland dachte an seine gute Mutter und an die Angst, die sie um seinetwegen gewiß empfand, und eilte, soviel es die schwere Last in seinem Korbe zuließ, der Stadt zu. Hei, wie aber sein Schatz von Gold und Edelgestein in der Sonne blitzte und funkelte und Strahlen von sich warf! Er raufte schnell ein wenig Gras und Moos aus und deckte ihn damit zu. Dicht vor dem Tore begegnete ihm Bertram mit seinen Genossen. Die Knaben waren noch ganz verstört und wollten wieder auf den Burgberg und noch einen Versuch mit dem Seile anstellen. Ihr freudiges Erstaunen, als sie Roland munter und wohlbehalten vor sich sahen, und ihre Verwunderung, als er sie einen Blick auf seine kostbaren Schätze tun ließ, war groß. Sie eilten, so schnell sie konnten, auf den Hügel und stritten sich unterwegs darum, wer zuerst in das Loch hinabgelassen werden sollte. Als sie aber oben anlangten, war, soviel sie auch suchten, keine Spur der geheimnisvollen Öffnung mehr zu finden. Sie durchkrochen auf den Knien sämtliche Dorngebüsche und stöberten im Schweiße ihres Angesichts den ganzen Tag dort umher, allein alles war und blieb vergeblich.

Der kleine Roland und seine Mutter aber waren durch den Schatz des alten Schloßhüters reiche Leute geworden und hatten genug an Geld und Gut für ihr ganzes Leben.

Rübezahl

Erste Legende

Auf den oft besungenen Sudeten haust in friedlicher Eintracht der berufene Berggeist, Rübezahl genannt, der das Riesengebirge berühmt gemacht hat. Dieser Fürst der Gnomen besitzt zwar auf der Oberfläche der Erde nur ein kleines Gebiet, von wenigen Meilen im Umfang, mit einer Kette von Bergen umschlossen. Aber unter der urbaren Erdrinde hebt seine Alleinherrschaft an und erstreckt sich auf achthundertsechzig Meilen in die Tiefe, bis zum Mittelpunkt der Erde. Zuweilen beurlaubt er sich aller unterirdischen Regierungssorgen, erhebt sich zur Erholung auf die Grenzfeste seines Gebiets und hat sein Wesen auf dem Riesengebirge, treibt da sein Spiel und Spott mit den Menschenkindern wie ein froher Übermütiger, der, um einmal zu lachen, seinen Nachbarn zu Tode kitzelt.

Freund Rübezahl ist geartet wie ein Kraftgenie, launisch, ungestüm, sonderbar; bengelhaft, roh, unbescheiden; stolz, eitel, wankelmütig, heute der wärmste Freund, morgen fremd und kalt; zuzeiten gutmütig, edel und empfindsam; aber mit sich selbst in stetem Widerspruch, albern und weise, schalkhaft und bieder, störrisch und beugsam.

Von Olims Zeiten her toste Rübezahl schon im wilden Gebirge, hetzte Bären und Auerochsen aneinander, dass sie zusammen kämpften, oder scheuchte mit grausendem Getöse das scheue Wild vor sich her und stürzte es von den steilen Felsenklippen hinab ins tiefe Tal. Dieser Jagden müde, zog er wieder seine Straße durch die Regionen der Unterwelt und weilte da Jahrhunderte, bis ihn von neuem die Lust anwandelte, sich an die Sonne zu legen und des Anblicks der äußern Schöpfung zu genießen. Wie nahm’s ihn wunder, als einst bei seiner Rückkehr, von dem beschneiten Gipfel des Riesengebirges umherschauend, die Gegend ganz verändert fand! Die düsteren undurchdringlichen Wälder waren ausgehauen und in fruchtbares Ackerland verwandelt, wo reiche Ernten reiften. Zwischen den Pflanzungen blühender Obstbäume ragten die Strohdächer geselliger Dörfer hervor, aus deren Schlot friedlicher Hausrauch in die Luft wirbelte; hier und da stand eine einsame Warte auf dem Abhang eines Berges zu Schutz und Schirm des Landes.

Die Neuheit der Sache und die Annehmlichkeit des ersten Anblicks ergötzten den verwunderten Territorialherrn so sehr, dass er über die eigenmächtigen Pflanzer nicht unwillig ward, noch ihrem Tun und Wesen sie zu stören begehrte, sondern sie ruhig im Besitz ihres angemaßten Eigentums ließ, wie ein gutmütiger Hausvater der geselligen Schwalbe oder selbst dem überlästigen Spatz unter seinem Obdach Aufenthalt gestattet. Sogar ward er Sinnes, mit den Menschen Bekanntschaft zu machen und mit ihnen Umgang zu pflegen, Er nahm die Gestalt eines rüstigen Ackerknechtes an und verdingte sich bei dem ersten besten Landwirt. Alles was er unternahm, gedieh wohl unter seiner Hand, und Rips, der Ackerknecht, war für den besten Arbeiter im Dorfe bekannt. Aber sein Brotherr war ein Prasser und Schlemmer, der ihm für seine Mühe und Arbeit wenig Dank wusste; darum schied er von ihm und kam zu dessen Nachbar, der ihm seine Schafherde unterstellte. Die Herde gedieh gleichfalls unter seiner Hand und mehrte sich, kein Schaf stürzte vom Felsen herab das Genick, und keins zerriss der Wolf. Aber sein Brotherr war ein karger Filz, der seinen treuen Knecht nicht lohnte wie er sollte; denn er stahl den besten Widder aus der Herde und kürzte dafür den Hirtenlohn. Darum entlief er dem Geizhals und diente dem Richter als Herrenknecht, ward die Geißel der Diebe und frönte der Justiz mit strengem Eifer. Aber der Richter war ein ungerechter Mann, beugte das Recht, richtete nach Gunst und spottete der Gesetze. Weil Rips nun nicht das Werkzeug der Ungerechtigkeit sein wollte, sagte er dem Richter den Dienst auf und ward in den Kerker geworfen, aus dem er jedoch auf dem gewöhnlichen Wege der Geister, durchs Schlüsselloch, leicht einen Ausweg fand.

Dieser erste Versuch, das Studium der Menschenkunde zu treiben, konnte ihn unmöglich zur Menschenliebe erwärmen; er kehrte mit Verdruss auf seine Felsenzinne zurück, überschaute von da die lachenden Gefilde und wunderte sich, dass die Mutter Natur ihre Spenden an solche Brut verlieh. Desungeachtet wagte er noch eine Ausflucht ins Land fürs Studium der Menschheit, schlich unsichtbar herab ins Tal und lauschte in Busch und Hecken. Da stand vor ihm die Gestalt eines reizvollen Mädchens, lieblich anzuschauen, denn sie stieg eben ins Bad. Rings um sie hatten sich ihre Gespielinnen im Gras gelagert an einem Wasserfalle, der seine Silberflut in ein kunstloses Becken goss, scherzten und kosten mit ihrer Gebieterin in unschuldsvoller Fröhlichkeit. Dieser Anblick wirkte so wundervoll auf den lauschenden Berggeist, dass er schier seine geistige Natur und Eigenschaft vergaß und sich das Los der Sterblichkeit wünschte. Deshalb verwandelte er sich in einen blühenden Jüngling. Das war der rechte Weg, ein Mädchenideal in seiner ganzen Vollkommenheit zu umfassen. Es erwachten Gefühle in seiner Brust, von denen er seit seiner Existenz noch nichts geahnt hatte; alle Ideen bekamen einen neuen Schwung. Ein unwiderstehlicher Trieb zog ihn nach dem Wasserfalle hin, und doch empfand er eine gewisse Scheu, durchs Gesträuch hervorzubrechen durch das sein Auge gleichwohl eine verstohlene Aussicht auszuspähen strebte.

Die schöne Nymphe war die Tochter des schlesischen Pharao, der in der Gegend des Riesengebirges damals herrschte. Sie pflegte oft mit den Jungfrauen des Hofes in den Hainen und Büschen des Gebirges zu lustwandeln und, wenn der Tag heiß war, sich bei der Felsenquelle am Wasserfalle zu erfrischen und darin zu baden. Von diesem Berggeist an diesen Platz, den er nicht mehr verließ, und täglich der Wiederkehr der reizenden Badegesellschaft mit Ungeduld entgegen harrte.

Die Nymphe zögerte lange, doch in der Mittagsstunde eines schwülen Sommertages besuchte sie wieder mit ihrem Gefolge die kühlen Schatten am Wasserfalle. Ihre Verwunderung ging über alles, da sie den Ort ganz verändert fand; die rohen Felsen waren mit Marmor und Alabaster bekleidet, das Wasser stürzte nicht mehr in einem wilden Strom von der steilen Bergwand, sondern rauschte, durch viele Abstufungen gebrochen, mit sanften Gemurmel in ein weites Marmorbecken herunter. Maßlieben, Zeitlosen und das romantische Blümlein Vergissmeinnicht blühten an dessen Rande, Rosenhecken, mit wildem Jasmin und Silberblüten vermengt, zogen sich in einiger Entfernung umher und bildeten das angenehmste Luststück. Rechts und links der Kaskade öffnete sich der doppelte Eingang einer prächtigen Grotte, deren Wände und Bogengewölbe mit mosaischer Bekleidung prangten, von farbigen Erzstufen, Bergkristall und Frauenglas, alles funkelnd und flimmernd, dass der Abglanz davon das Auge blendete.

Die Prinzessin stand lange in stummer Verwunderung da, wusste nicht, ob sie ihren Augen trauen, diesen zauberhaften Ort betreten oder fliehen sollte. Nachdem sie mit ihrem Gefolge in diesem kleinen Tempel sich sattsam erlustigt und alles fleißig durchgemustert hatte lüstete sie, in dem Bassin zu baden.

Kaum war sie über den glatten Rand des Marmorbeckens hinab geschlüpft, so sank sie in eine endlose Tiefe. Laut ließ die bange Schar der erschrockenen Mädchen Klage, Ach und Weh erschallen , als ihr Fräulein vor ihren Augen dahinschwand; sie liefen ängstlich am marmornen Gestade hin und wieder, indes das Springwasser recht geflissentlich sie mit einem Platzregen nach dem anderen übergoss.

Hier war kein anderer Rat, als dem Könige die traurige Begebenheit mit seiner Tochter zu hinterbringen. Wehklagend begegneten ihm die Mädchen, da er eben mit seinen Jägern zu Walde zog. Der König zerriss sein Kleid vor Betrübnis und Entsetzen, nahm die goldene Krone vom Haupte, verhüllte sein Angesicht mit dem Purpurmantel, weinte uns stöhnte laut über den Verlust der schönen Emma.

Nachdem er der Vaterliebe den ersten Tränenzoll entrichtet hatte, stärkte er seinen Mut und eilte, das Abenteuer am Wasserfalle selbst zu beschauen. Aber der angenehme Zauber war verschwunden, die rohe Natur stand wieder da in ihrer vorigen Wildheit; da war keine Grotte, kein Rosengehege, keine Jasminlaube.

Unterdessen hatte der Berggeist die liebreizende Emma durch einen unterirdischen Weg in einen prächtigen Palast geführt. Als sich die Lebensgeister der Prinzessin wieder erholt hatten, befand sie sich auf einem Sofa, angetan mit einem Gewand von rosenfarbenem Satin und einem Gürtel von himmelblauer Seide. Ein junger Mann lag zu ihren Füßen und tat ihr mit dem wärmsten Gefühl das Geständnis der Liebe, das sie mit schamhaftem Erröten annahm. Der entzückte Gnom unterrichtete sie hierauf von seinem Stand und seiner Herkunft, von den unterirdischen Staaten, die er beherrschte, führte sie durch die Zimmer und Säle des Schlosses und zeigte ihr alle Pracht und Reichtum. Ein herrlicher Lustgarten umgab das Schloss von drei Seiten, der mit feinen Blumenstücken und Rasenplätzen, auf deren grüner Fläche ein kühler Schatten schwamm, dem Fräulein vornehmlich zu behagen schien. Alle Obstbäume trugen purpurrote, mit Gold gesprenkelte oder zur Hälfte übergoldete Äpfel. In den traulichen Bogengängen lustwandelte das Paar. Sein Blick hing an ihren Lippen, und sein Ohr trank die sanften Töne aus ihrem melodischen Munde. In seinem langen Leben hatte er dergleichen selige Stunden noch nie genossen, als ihm jetzt die erste Liebe gab.

Nicht gleiches Wonnegefühl empfand die reizende Emma. Ein gewisser Trübsinn hing über ihrer Stirn, sanfte Schwermut und zärtliches Hinschmachten offenbarten genug, dass geheime Wünsche in ihrem Herzen verborgen lagen. Er machte gar bald diese Entdeckung und bestrebte sich, durch Liebkosungen diese Wolken zu zerstreuen und die Schöne aufzuheitern, obwohl vergebens. Der Mensch, dachte er bei sich selbst, ist ein geselliges Tier wie die Biene und die Ameise; der schönen Sterblichen gebricht’s an Unterhaltung. Flugs ging er hinaus ins Feld, zog auf einem Acker ein Dutzend Rüben aus, legte sie in einen zierlichen geflochtenen Deckelkorb und brachte diesen der schönen Emma, die melancholisch einsam in der beschatteten Laube eine Rose entblätterte. «Schönste der Erdentöchter,» redete sie der Gnom an, «du sollst nicht mehr die einsam Trauernde in meiner Wohnung sein. In diesem Korbe ist alles, was du bedarfst, diesen Aufenthalt dir angenehm zu machen. Nimm den kleinen buntgeschälten Stab und gib durch die Berührung mit ihm den Erdengewächsen im Korbe die Gestalten, die dir gefallen.»

Hierauf verließ er die Prinzessin, und sie weilte keinen Augenblick, mit dem Zauberstabe laut Instruktion zu verfahren, nachdem sie den Deckelkorb geöffnet hatte. «Brunhild,» rief sie, «liebe Brunhild, erscheine!» Und Brunhild lag zu ihren Füßen, umfasste die Knie ihrer Gebieterin und benetzte ihren Schoß mit Freudenzähren. Die Täuschung war so vollkommen, dass Fräulein Emma selbst nicht wusste, wie sie mit ihrer Schöpfung dran war: ob sie die wahre Brunhild hergezaubert hatte, oder ob ein Blendwerk das Auge betrog. Sie überließ sich indessen ganz den Empfindungen der Freude, ihre liebste Gespielin um sich zu haben, lustwandelte mit ihr Hand in Hand im Garten umher, ließ sie dessen herrliche Anlagen bewundern und pflückte ihr goldgesprenkelte Äpfel von den Bäumen. hierauf führte sie ihre Freundin durch alle Zimmer im Palast bis in die Kleiderkammer, wo sie bis zu Sonnenuntergang verweilten. Alle Schleier, Gürtel, Ohrspangen wurden gemustert und anprobiert.

Der spähende Gnom war entzückt über den Tiefblick, den er in das weibliche Herz getan zu haben vermeinte, und freute sich über den guten Fortgang in der Menschenkunde. Die schöne Emma dünkte ihn jetzt schöner, freundlicher und heiterer zu sein als jemals. Sie unterließ nicht, ihren ganzen Rübenvorrat mit dem Zauberstabe zu beleben, gab ihnen die Gestalt der Jungfrauen, die ihr vordem aufzuwarten pflegten, und weil noch zwei Rüben übrig waren, bildete sie eine Zyperkatze um, aus der anderen schuf sie ein niedlich hüpfendes Hündchen. Einige Wochen lang genoss sie die Wonne des gesellschaftlichen Vergnügens ungestört, Sang und Saitenspiel wechselten vom Morgen bis zum Abend; nur merkte das Fräulein nach Verlauf einiger Zeit, dass die frische Gesichtsfarbe ihrer Gesellschafterinnen etwas abbleichte. Der Spiegel im Marmorsaal ließ zuerst bemerken, dass sie allein wie eine Rose aus der Knospe frisch hervor blühte, da die geliebte Brunhild und die übrigen Jungfrauen welkenden Blumen glichen; gleichwohl versicherten sie alle, dass sie sich wohl befänden, und der freigebige Gnom ließ sie an seiner Tafel auch keinen Mangel leiden. Dennoch zehrten sie sichtbar ab, Leben und Tätigkeit schwand von Tag zu Tag mehr dahin, und alles Jugendfeuer erlosch.

Als die Prinzessin an einem heitern Morgen, durch gesunden Schlaf gestärkt, fröhlich ins Gesellschaftszimmer trat, wie schauderte sie zurück, da ihr ein Haufen eingeschrumpfter Matronen an Stäben und Krücken entgegen zitterte, mit Dumpf- und Keuchhusten beladen, unvermögend sich aufrechtzuerhalten. Das schäkernde Hündchen hatte alle vier von sich gestreckt, und der schmeichelnde Zyper konnte sich vor Kraftlosigkeit kaum noch regen und bewegen. Bestürzt eilte die Prinzessin aus dem Zimmer, der schaudervollen Gesellschaft zu entfliehen, trat hinaus auf den Söller des Portals und rief laut den Gnomen, der alsbald in demütiger Stellung auf ihr Geheiß erschien. «Boshafter Geist,» redete sie ihn zornmütig an, «warum missgönnst du mir die einzige Freude meines harmvollen Lebens, die Schattengesellschaft meiner ehemaligen Gespielinnen? Augenblicklich gib meinen Dirnen Jugend und Wohlgestalt wieder, oder Hass und Verachtung soll deinen Frevel rächen.» – «Schönste der Erdentöchter, » entgegnete der Gnom, «zürne nicht über die Gebühr! Alles, was in meiner Gewalt ist, steht in deiner Hand; aber das Unmögliche fordere nicht von mir. Die Kräfte der Natur gehorchen mir, doch vermag ich nichts gegen ihre unwandelbaren Gesetze. Solange vegetierende Kraft in den Rüben war, konnte der magische Stab ihr Pflanzenleben nach deinem Gefallen verwandeln; aber ihre Säfte sind nun vertrocknet, und ihr Wesen neigt sich nach der Zerstörung hin; denn der belebende Elementargeist ist verraucht. Jedoch das; soll dich nicht kümmern, Geliebte, ein frischgefüllter Deckelkorb kann den Schaden leicht ersetzen; du wirst daraus alle Gestalten wieder hervorrufen, die du begehrst. Gib jetzt der Mutter Natur ihre Geschenke zurück, die dich so angenehm unterhalten haben; auf dem großen Rasenplatze im Garten wirst du die Gesellschaft finden.» Der Gnom entfernte sich darauf, und Fräulein Emma ihren buntgeschälten Stab zur Hand, berührte damit die gerunzelten Weiber, las die eingeschrumpften Rüben zusammen und tat damit, was Kinder, die eines Spielzeugs müde sind, zu tun pflegen: sie warf den Plunder ins Kehricht und dachte nicht mehr daran.

Leichtfüßig hüpfte sie nun über die grünen Matten dahin, den frisch gefüllten Deckelkorb in Empfang zu nehmen, den sie jedoch nirgends fand. Sie ging den Garten auf und nieder, spähte fleißig umher; aber es wollte kein Korb zum Vorschein kommen. Am Traubengeländer kam ihr der Gnom entgegen mit so sichtbarer Verlegenheit, dass sie seine Bestürzung schon von ferne wahrnahm. «Du hast mich getäuscht,» sprach sie, «wo ist der Deckelkorb geblieben? Ich suche ihn schon seit einer Stunde vergebens.» – «Holde Gebieterin meines Herzens, » antwortete der Geist, «wirst du mir meinen Unbedacht verzeihen? Ich versprach mehr, als ich geben konnte, ich habe das Land durchzogen, Rüben aufzusuchen, aber sie sind längst geerntet und welken in dumpfigen Kellern. Harre nur drei Mondwechsel in Geduld aus, dann soll dir’s nie an Gelegenheit gebrechen, mit deinen Puppen zu spielen.» Ehe noch der beredsame Gnom mit dieser Rede zu Ende war, drehte ihm seine Schöne unwillig den Rücken zu, ohne ihm einer Antwort zu würdigen. Er aber hob sich von dannen in die nächste Marktstadt innerhalb seines Gebietes, kaufte, als ein Pächter gestaltet, einen Esel, den er mit schweren Säcken Sämerei belud, womit er einen ganzen Morgen Landes besäte.

Die Rübensaat schoss lustig auf und versprach in kurzer Zeit eine reiche Ernte; Fräulein Emma ging täglich hinaus auf ihr Ackerfeld, das zu besehen sie mehr lüstete als die goldenen Äpfel. Aber Kummer und Missmut trübten ihre kornblumenfarbenen Augen. Sie weilte am liebsten in einem düsteren, melancholischen Tannenwäldchen am Rande eines Quellbaches, der sein silbernes Gewässer ins Tal rauschen ließ, und warf Blumen hinein, die in den Odergrund hinabflossen.

Der Gnom sah wohl, dass bei den sorgfältigsten Bestreben, durch tausend kleine Gefälligkeiten sich in der schönen Emma Herz zu stehlen, ihr keine Liebe abzugewinnen war. Desungeachtet ermüdete seine hartnäckige Geduld nicht, durch die pünktlichste Erfüllung ihrer Wünsche ihren spröden Sinn zu überwinden. Er nahm als etwas ausgemachtes an, dass ihr Herz so frei und unbefangen sei wie das seine, doch das war ein großer Irrtum. Ein junger Grenznachbar an den Gestaden der Oder, Fürst Ratibor, hatte den süßen Minnetrieb in dem Herzen der holden Emma bereits angefacht. Schon sah das glückliche Paar dem Tage seiner Vermählung entgegen, da die Braut mit einem Male verschwand. Diese Nachricht verwandelte den liebenden Rabtibor in einen rasenden Roland. Er verließ seine Residenz, zog menschenscheu in einsamen Wäldern umher und klagte den Felsen sein Unglück. Die treue Emma seufzte unterdessen ihre Herzgefühle so fest in ihrem Busen, dass der spähende Gnom nicht enträtseln konnte, was für Empfindungen sich darin regten. Lange schon hatte sie darauf gesonnen, wie sie ihn überlisten und der lästigen Gefangenschaft entrinnen möchte. Nach mancher durchwachten Nacht sann sie endlich einen Plan aus, der des Versuchs würdig schien, ihn auszuführen.

Der Lenz kehrte in die gebirgischen Täler zurück, und die Rüben gediehen zur Reife. Die schlaue Emma zog täglich einige davon aus und machte damit Versuche, ihnen allerlei beliebige Gestalten zu geben, dem Anschein nach sich damit zu belustigen; aber ihre Absicht ging weiter. Sie ließ eines Tages eine kleine Rübe zur Biene werden, um sie abzuschicken, Kundschaft von ihrem Geliebten einzuziehen. «Fleuch, liebes Bienchen, gegen Aufgang,» sprach sie, «zu Ratibor, dem Fürsten des Landes, und sumse ihm sanft ins Ohr, dass Emma noch für ihn lebt, aber eine Sklavin ist des Fürsten der Gnomen, der das Gebirge bewohnt; verlier‘ kein Wort von diesem Gruße und bring mir die Botschaft von seiner Liebe.» Die Biene flog alsbald von dem Finger ihrer Gebieterin, wohin sie beordert war; aber kaum hatte sie ihren Flug begonnen, so stach eine gierige Schwalbe auf sie herab und verschlang zum großen Leidwesen des Fräuleins die Botschafterin der Liebe. Darauf formte sie vermöge des wunderbaren Stabes eine Grille, lehrte sie gleichen Spruch und Gruß. Die Grille flog und hüpfte so schnell, wie sie konnte, auszurichten, was ihr befohlen war; aber ein langbeiniger Storch promenierte eben an dem Wege, auf dem die Zirpe zog, erfasste sie mit seinem langen Schnabel und begrub sie in das Verlies seines weiten Kropfes.

Diese misslungenen Versuche schreckten die entschlossene Emma nicht ab, einen neuen zu wagen; sie gab der dritten Rübe die Gestalt einer Elster. «Schwanke hin, beredsamer Vogel,» sprach sie, «von Baum zu Baum, bis du gelangest zu Ratibor, sag ihm an meine Gefangenschaft und gib ihm Bescheid, dass er meiner harre mit Ross und Mann, den dritten Tag von heute, an der Grenze des Gebirges im Maientale, bereit, den Flüchtling aufzunehmen, der seine Ketten zu zerbrechen wagt und Schutz von ihm begehrt.» Die Elster gehorchte, und die sorgsame Emma begleitete ihren Flug, soweit das Auge reichte. Der harmlose Ratibor irrte noch immer melancholisch in den Wäldern herum; die Rückkehr des Lenzes und die wiederauflebende Natur hatten seinen Kummer nur gemehrt. Er saß unter einer schattenreichen Eiche, dachte an seine Prinzessin und seufzte laut: Emma! Alsbald gab das vielstimmige Echo ihm diesen geliebten Namen schmeichelhaft zurück; aber zugleich rief auch eine unbekannte Stimme den seinigen aus. Er horchte hoch auf, sah niemanden, wähnte eine Täuschung und hörte den nämlichen Ruf wiederholen. Kurz darauf erblickte er eine Elster, die auf den Zweigen hin und her flog und ward inne, dass der gelehrige Vogel ihn beim Namen rief. «Armer Schwätzer,» sprach er, «wer hat dich gelehrt, diesen Namen auszusprechen, der einem Unglücklichen gehört, der wünscht, von der Erde vertilgt zu sein wie sein Gedächtnis?» Hierauf fasste er einen Stein und wollte ihn nach dem Vogel schleudern, als dieser den Namen Emma hören ließ. Der Sprecher auf dem Baume begann mit der dem Elstergeschlecht eigenen Beredsamkeit den Spruch, der ihm gelehrt war. Fürst Ratibor vernahm kaum diese fröhliche Botschaft, so ward’s hell in seiner Seele; der tödliche Gram, der die Sinne umnebelt und die Federkraft der Nerven erschlafft hatte, verschwand. Er forschte mit Fleiß von der Glücksverkünderin nach den Schicksalen der holden Emma; aber die gesprächige Elster konnte nichts als mechanisch ihre Lektion ohne Aufhören wiederholen und flatterte davon. Schnellfüßig eilte der auflebende Prinz zu seinem Hoflager zurück, rüstete eilig das Geschwader der Reisigen, saß auf und zog mit ihnen hin ans Vorgebirge seiner guten Hoffnung, das Abenteuer zu bestehen.

Fräulein Emma hatte unterdessen mit weiblicher Schlauheit alles vorbereitet, ihr Vorhaben auszuführen. Sie ließ ab, den duldsamen Gnomen mit Kaltsinn zu quälen, ihr Auge sprach Hoffnung, und ihr spröder Sinn schien beugsamer zu werden. Der seufzende Liebhaber empfand gar bald diese scheinbare Sinnesänderung der holden Spröden. Ein holdseliger Blick, eine freundliche Miene, ein bedeutsames Lächeln setzten sein entzündbares Wesen in volle Flammen. Er bat um Erhörung und wurde nicht zurückgewiesen. Das Fräulein begehrte nur noch einen Tag Bedenkzeit, den ihr der wonnetrunkene Gnom bereitwillig zugestand.

Den folgenden Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, trat die schöne Emma geschmückt wie eine Braut hervor, mit allem Geschmeide belastet, das sie in ihrem Schmuckkästlein gefunden hatte, und da ihr der harrende Gnom auf der großen Terrasse im Lustgarten entgegen wandelte, bedeckte sie züchtiglich mit dem Ende des Schleiers ihr Angesicht. «Himmlisches Mädchen,» stammelt er ihr entgegen, «lass mich die Seligkeit der Liebe aus deinen Augen trinken und weigere mir nicht länger den bejahenden Blick, der mich zum glücklichsten Wesen macht, das jemals die rote Morgensonne bestrahlt hat!» Hierauf wollte er ihr Antlitz enthüllen, aber das Fräulein machte ihre Schleierwolke noch dichter um sich her und antwortete gar bescheiden: «Vermag eine Sterbliche dir zu widerstehen, Gebieter meines Herzens? Deine Standhaftigkeit hat obgesiegt. Nimm dies Geständnis von meinen Lippen; aber lass mein Erröten und meine Zähren diesen Schleier auffassen.» – «Warum Zähren, o Geliebte?» fiel der beunruhigte Geist ein, «ich heische Lieb‘ um Liebe und will nicht Aufopferung.» – «Ach, » erwiderte Emma, «warum missdeutest du meine Tränen? Mein Herz lohnt deine Zärtlichkeit; aber Bange zerreißt meine Seele. Das Weib hat nicht stets die Reize einer Geliebten; du alterst nimmer; aber irdische Schönheit ist eine Blume, die bald dahinwelkt. Woran soll ich erkennen, dass du der zärtliche, liebevolle, gefällige, duldsame Gemahl sein werdest, wie du als Liebhaber warest?» Er antwortete: «Fordere einen Beweis meiner Treue oder des Gehorsams in Ausrichtung deiner Befehle, oder stelle meine Geduld auf die Probe und urteile daraus von der Stärke meiner unwandelbaren Liebe.» – «Es sei also!» beschloss die schlaue Emma «ich heische nur einen Beweis deiner Gefälligkeit. Gehe hin und zähle die Rüben alle auf dem Acker; mein Hochzeitstag soll nicht ohne Zeugen sein, ich will sie beleben, damit sie mir zu Kränzeljungfrauen dienen; aber hüte dich, mich zu täuschen und verzähle dich nicht um eine, denn das ist die Probe, woran ich deine Treue prüfen will.»

So ungern sich der Gnom in diesen Augenblick von seiner reizenden Braut trennte, so gehorchte er doch, machte sich rasch an seine Geschäfte und hüpfte hurtig unter den Rüben herum. Er war durch diese Geschäftigkeit mit seiner Aufgabe bald zustande; doch um der Sache recht gewiss zu sein, wiederholte er sie nochmals und fand zu seinem Verdruss eine andere Zahl, was ihn nötigte, zum dritten Mal den Rübenpöbel durchzumustern.

Die verschmitzte Emma hatte ihren Paladin kaum aus den Augen verloren, als sie zur Flucht Anstalt machte. Sie hielt eine saftvolle Rübe in Bereitschaft, die sie flugs in ein mutiges Ross mit Sattel und Zeug metamorphosierte. Rasch schwang sie sich in den Sattel, flog über die Heiden und Steppen des Gebirges dahin, und der flüchtige Pegasus wiegte sie, ohne zu straucheln, auf seinem sanften Rücken hinab ins Maiental, wo sie sich dem geliebten Ratibor, der der Kommenden ängstlich entgegen harrte, fröhlich in die Arme warf.

Der geschäftige Gnom hatte sich indessen so in seine Zahlen vertieft, dass er von dem, was um und neben ihm geschah, nichts wusste. Nach langer Mühe und Anstrengung seiner Geisteskraft war ihm endlich gelungen, die wahre Zahl aller Rüben auf dem Ackerfelde, klein und groß mit eingerechnet, gefunden zu haben. Er eilte nun froh zurück, sie seiner Herzensgebieterin gewissenhaft zu berechnen und durch die pünktliche Erfüllung ihrer Befehle sie zu überzeugen, dass er der gefälligste und unterwürfigste Gemahl sein werde. Mit Selbstzufriedenheit trat er auf den Rasenplatz; aber da fand er nicht, was er suchte; er lief durch die bedeckten Lauben und Gänge; auch da war nicht, was er begehrte. Er kam in den Palast, durchspähte alle Winkel, rief den holden Namen Emma aus, den ihm die einsamen Hallen zurücktönten, begehrte einen Laut von dem geliebten Munde; doch da war weder Stimme noch Rede. Das fiel ihm auf, er merkte Unrat; flugs warf er das schwerfällige Phantom der Verkörperung ab, schwang sich hoch in die Luft und sah den geliebten Flüchtling in der Ferne, als eben der rasche Gaul über die Grenze setzte. Wütend ballte der ergrimmte Geist ein paar friedlich vorüberziehende Wolken zusammen und schleuderte einen kräftigen Blitz der Fliehenden nach, der eine tausendjährige Grenzeiche zersplitterte. Aber jenseits dieser war des Gnomen Rache unkräftig, und die Donnerwolke zerfloss in einen sanften Heiderauch.

Nachdem er die Luftregionen verzweiflungsvoll durchkreuzt hatte, kehrte er trübselig in den Palast zurück, schlich durch alle Gemächer und erfüllte sie mit Seufzen und Stöhnen. Die Sehnsucht erwachte wieder an jedem Platze, wo sie vormals ging und stand, wo er trauliche Unterredungen mit ihr gepflogen hatte. Alles das würgte und knotete ihn so zusammen, dass er unter der Last seiner Gefühle in dumpfes Hinbrüten versank. Bald danach brach sein Unmut in grässliche Verwünschungen aus, und er vermaß sich höchstlich, der Menschenkenntnis zu entsagen und von diesem argen betrüglichen Geschlechte keine weitere Notiz zu nehmen. In dieser Entschließung stampfte er dreimal auf die Erde, der ganze Zauberpalast mit all seiner Herrlichkeit kehrte in sein ursprüngliches Nichts zurück, und der Gnom fuhr hinab in die Tiefe bis an die entgegengesetzte Grenze seines Gebietes, in den Mittelpunkt der Erde.

Während dieser Katastrophe im Gebirge führte Fürst Ratibor sie schöne Emma an den Hof ihres Vaters zurück, vollzog daselbst seine Vermählung, teilte mit ihr den Thron seines Erbes und erbaute die Stadt Ratibor, die noch seinen Namen trägt bis auf diesen Tag. Das sonderbare Abenteuer der Prinzessin, das ihr auf dem Riesengebirge begegnet war, ihre kühne Flucht und glückliche Entrinnung wurde das Märchen des Landes, pflanzte sich von Geschlecht zu Geschlecht fort bis in die entferntesten Zeiten. Und die Einwohner der umliegenden Gegenden, die den Nachbar Berggeist bei seinem Geisternamen nicht zu nennen wussten, legten ihm einen Spottnamen auf, riefen ihn Rübenzähler oder kurz Rübezahl.


Zweite Legende

Kaum hatte er dies Wort gesagt, so vernahm er in der Ferne Menschenstimmen. Drei junge Gesellen wanderten durchs Gebirge, und der keckste unter ihnen rief ohne Unterlass: «Rübezahl, komm herab! Rübezahl, Mädchendieb!» Von undenklichen Jahren her hatte die Lästerchronik die Liebesgeschichte des Berggeistes in mündlichen Überlieferungen getreulich aufbewahrt, sie wie gewöhnlich mit lügenhaften Zusätzen vermehrt, und jeder Reisende, der das Riesengebirge betrat, unterhielt sich mit seinem Gefährten von seinen Abenteuern. Man trug sich mit unzähligen Spukhistörchen, machte damit zaghafte Wanderer fürchten, und die starken Geister und Philosophen, die am hellen Tage und in zahlreicher Gesellschaft an keine Gespenster glauben und sich darüber lustig machen, pflegen aus Übermut, oder um ihre Herzhaftigkeit zu beweisen, den Geist oft zu zitieren, aus Schäkerei bei seinem Ekelnamen zu rufen und auf ihn zu schimpfen. Man hat nie gehört, dass dergleichen Kränkungen von dem friedsamen Berggeiste wären gerügt worden; denn in den Tiefen des Abgrundes erfuhr er von diesem mutwilligen Hohn kein Wort. Desto mehr war er betroffen, da er seine ganze Schande jetzt so kurz und bündig ausrufen hörte. Wie der Sturmwind raste er durch den düsteren Fichtenwald und war schon im Begriff, den armen Tropf, der sich ohne Absicht über ihn lustig gemacht hatte, zu erdrosseln, als er in dem Augenblick bedachte, dass eine so furchtbare Rache großes Geschrei im Lande erregen, alle Wanderer aus dem Gebirge wegbannen und ihm die Gelegenheit rauben würde, sein Spiel mit den Menschen zu treiben. Darum ließ er ihn nebst seinen Konsorten ruhig ihre Straße ziehen, mit dem Vorbehalt, seinen verübten Mutwillen ihm doch nicht ungenossen hingehen zu lassen.

Auf dem nächsten Scheidewege trennte sich der Hohnsprecher von seinen beiden Kameraden und gelangte diesmal mit heiler Haut in Hirschberg, seiner Heimat an. Aber der unsichtbare Geleitsmann war ihm bis zur Herberge gefolgt, um ihn zu gelegener Zeit dort zu finden. Jetzt trat er seinen Rückweg ins Gebirge an und sann auf Mittel, sich zu rächen. Von ungefähr begegnete ihm auf der Landstraße ein reicher Israelit, der nach Hirschberg wollte; da kam ihm in den Sinn, diesen zum Werkzeug seiner Rache zu gebrauchen. Also gesellte er sich zu ihm in Gestalt des losen Gesellen, der ihn gefoppt hatte, führte ihn unbemerkt seitab von der Straße, und da sie ins Gebüsch kamen, fiel er dem Juden mörderisch in den Bart, riss ihn zu Boden, knebelte ihn und raubte ihm seinen Säckel, worin er viel Geld und Geschmeide trug. Nachdem er ihn mit Faustschlägen und Fußtritten noch gar übel traktiert hatte, ging er davon und ließ den armen geplünderten Juden halbtot im Busche liegen.

Als sich der Israelit von seinem Schrecken erholt hatte, fing er an zu wimmern und laut um Hilfe zu rufen. Da trat ein feiner, ehrbarer Mann zu ihm, fragte, warum er also beginne, und wie er ihn geknebelt fand, löste er ihm die Bande von Händen und Füßen. Nachher labte er ihn mit einem herrlichen Schluck Kordial wasser, das er bei sich trug, führte ihn wieder auf die Landstraße und geleitete ihn freundlich gen Hirschberg an die Tür der Herberge; dort reichte er ihm einen Zehrpfennig und schied von ihm. Wie erstaunte der Jude, da er beim Eintritt in den Krug seinen Räuber am Zechtisch erblickte, so frei und unbefangen wie ein Mensch sein kann, der sich keiner Übeltat bewusst ist. Er saß hinter einem Schoppen Landwein, trieb Scherz und gute Schwänke mit anderen lustigen Zechbrüdern, und neben ihm lag der nämliche Rucksack, in dem er den geraubten Säckel verborgen hatte. Der bestürzte Jude wusste nicht, ob er seinen Augen trauen sollte, schlich sich in einem Winkel und ging mit sich selbst zu Rate, wie er wieder zu seinem Eigentum gelangen möchte. Es schien ihm unmöglich, sich in der Person geirrt zu haben; darum drehte er unbemerkt sich zur Tür hinaus, ging zum Richter und zeigte den Diebstahl an.

Die Hirschberger Justiz stand damals in dem Rufe, dass sie schnell und tätig sei, Recht und Gerechtigkeit zu handhaben, wenn’s was einzuziehen gab; wo sie aber einfach ihrer Pflicht Genüge leisten musste, ging sie ihren Schneckengang. Der erfahrene Israelit war mit dem gewöhnlichen Gang schon bekannt und verwies den unentschlossenen Richter auf den Inhalt seines Beutels, und diese goldene Hoffnung unterließ nicht, einen Verhaftungsbefehl auszuwirken. Häscher bewaffneten sich mit Spießen und Stangen, umringten das Schenkhaus, griffen den unschuldigen Verbrecher und führten ihn vor die Schranken der Ratsstube, wo sich die weisen Väter indes versammelt hatten. «Wer bist du?» fragte der ernsthafte Stadtrichter, als der Angeklagte hereintrat, «und von wannen kommst du?» Er antwortete freimütig und unerschrocken: «Ich bin ein ehrlicher Schneider meines Handwerks, Benedix genannt, komme von Liebenau und stehe hier in Arbeit bei meinem Meister.»

«Hast du nicht diesen Juden im Walde mörderisch überfallen, übel geschlagen, gebunden und seines Säckels beraubt?»

«Ich habe diesen Juden nie mit Augen gesehen, hab‘ ihn auch weder geschlagen, noch gebunden, noch seines Säckels beraubt.»

«Womit kannst du deine Ehrlichkeit beweisen?»

«Mit meiner Kundschaft und dem Zeugnis meines guten Gewissens.»

«Weis‘ auf deine Kundschaft.»

Benedix öffnete getrost den Rucksack, denn er wusste wohl, dass er nichts als ein wohlerworbenes Eigentum darin verwahrte. Doch als er ihn ausleerte, siehe da! da klingelt’s unter dem herausstürzenden Plunder wie Geld. Die Häscher griffen hurtig zu, störten den Kram auseinander und zogen den schweren Säckel hervor, den der erfreute Jude alsbald als sein Eigentum erkannte. Der Wicht stand da wie vom Donner gerührt, die Lippen bebten, die Knie wankten, er verstummte und sprach kein Wort.

«Wie nun, Bösewicht!» donnerte der Stadtvogt. «Erfrechst du dich noch, den Raub zu leugnen?»

«Erbarmung, gestrenger Herr Richter!» winselte der Beschuldigte auf den Knien, mit hochaufgehobenen Händen. «Alle Heiligen im Himmel ruf‘ ich zu Zeugen an, dass ich unschuldig bin an dem Raube; ich weiß nicht, wie des Juden Säckel in meinen Rucksack gekommen ist, Gott weiß es.»

«Du bist überwiesen,» redete der Richter fort, «der Säckel zeugt genügend von Verbrechen, tue Gott und der Obrigkeit die Ehre und bekenne freiwillig, ehe der Peiniger kommt, dir das Geständnis der Wahrheit abzufoltern.»

Der geängstigte Benedix konnte nichts als auf seine Unschuld pochen; aber er predigte tauben Ohren. Meister Hämmerling, der fürchterliche Wahrheitsforscher, wurde herbeigerufen, durch die stählernen Argumente seiner Beredsamkeit ihn dazu zu bringen, Gott und der Obrigkeit die Ehre anzutun, zu bekennen. Jetzt verließ den armen Wicht die standhafte Freudigkeit seines guten Gewissens, er bebte zurück vor den Qualen, die auf ihn warteten. Da der Peiniger im Begriff war, ihm die Daumenstöcke anzulegen, bedachte er, dass diese Operation ihn untüchtig machen würde, jemals wieder mit Ehren die Nadel zu führen, und ehe er wollte ein verdorbener Kerl bleiben sein Leben lang, meinte er, es sei besser, von der Marter mit einem Male abzukommen, und gestand das Bubenstück ein, wovon sein Herz nichts wusste. Der Kriminalprozess wurde nun abgetan, der Beschuldigte, ohne dass sich das Gericht teilte, von Richter und Schöffen zum Strange verurteilt, welcher Rechtsspruch gleich tags darauf bei frühem Morgen vollzogen werden sollte.

Alle Zuschauer, die das hochnotpeinliche Halsgericht herbeigelockt hatte, fanden das Urteil des wohlweisen Magistrats gerecht und billig; doch keiner rief den Richtern lauteren Beifall zu als der barmherzige Samariter, der mit in die Kriminalstube eingedrungen war und nicht satt werden konnte, die Gerechtigkeitsliebe der Herren von Hirschberg zu erheben; und in der Tat hatte auch niemand nähern Anteil an der Sache als eben dieser Menschenfreund, der mit unsichtbarer Hand des Juden Säckel in des Schneiders Rucksack verborgen hatte und kein anderer als Rübezahl selbst war. Schon am frühen Morgen lauerte er am Hochgericht in Rabengestalt auf den Leichenzug, der das Opfer seiner Rache dahin begleiten sollte, aber diesmal harrte er vergebens. Ein frommer Ordensbruder fand an dem unwissenden Benedix einen so rohen, wüsten Klotz, dass es ihm unmöglich schien, in so kurzer Zeit, als ihm zu dem Bekehrungsgeschäfte übrigblieb, einen Heiligen daraus zu schnitzeln; er bat deshalb das Kriminalgericht um einen dreitägigen Aufschub, den er dem frommen Magistrat nicht ohne große Mühe und unter Androhung des Kirchenbannes endlich abzwang. Als Rübezahl davon hörte, flog er ins Gebirge, den Termin der Hinrichtung dort zu erwarten.

Während dieser Zeit durchstrich er nach Gewohnheit die Wälder und erblickte auf dieser Streiferei eine junge Dirne, die sich unter einem schattenreichen Baum gelagert hatte. Ihre Kleidung war nicht kostbar, aber reinlich, und der Zuschnitt daran bürgerlich. Von Zeit zu Zeit wischte sie mit der Hand eine herabrollende Zähre von den Wangen, und stöhnende Seufzer quollen aus der vollen Brust hervor. Schon ehemals hatte der Gnom die mächtigen Eindrücke jungfräulicher Zähren empfunden; auch jetzt war er so gerührt davon, dass er von dem Gesetz, das er sich auferlegt hatte, alle Adamskinder, die durchs Gebirge ziehen würden, zu necken und quälen, die erste Ausnahme machte. Er gestaltete sich wieder zu einem ehrsamen Bürger, trat zu der jungen Dirne freundlich hin und sprach: «Mägdlein, was trauerst du hier in der Wüste so einsam? Verhehle mir nicht deinen Kummer, dass ich zusehe, wie dir zu helfen ist.»

Die Dirne, die ganz in Schwermut versunken war, schreckte auf, da sie diese Stimme hörte, und erhob ihr gesenktes Haupt. Da sie den ehrsamen Mann vor sich stehen sah, öffnete sie ihren Purpurmund und sprach: «Was kümmert Euch mein Schmerz, guter Mann, zumal mir nicht zu helfen ist? Ich bin eine Unglückliche, eine Mörderin, habe den Mann meines Herzens gemordet und will abbüßen meine Schuld mit Jammer und Tränen, bis mir der Tod das Herz zerbricht.»

Der ehrbare Mann staunte. «Du eine Mörderin?» rief er, «bei diesem himmlischen Gesicht trügst du die Hölle im Herzen? Unmöglich! – Zwar die Menschen sind aller Ränke und Bosheit fähig, das weiß ich; gleichwohl ist mir’s hier ein Rätsel.»

«So will ich’s Euch lösen,» erwiderte die trübsinnige Jungfrau, «wenn Ihr es zu wissen begehrt.»

Er sprach: «Sag‘ an!»

Sie: «Ich hatte einen Gespielen von Jugend an, den Sohn einer tugendsamen Witib, meiner Nachbarin, der mich zu seinem Liebchen erkor, als er heranwuchs. Er war so lieb und gut, so treu und bieder, dass er mir das Herz stahl und ich ihm ewige Treue gelobte. – Ach, das Herz des lieben Jungen habe ich Natter vergiftet, hab‘ ihn die Tugendlehren seiner frommen Mutter vergessen gemacht und ihn zu einer Übeltat verleitet, wofür er das Leben verwirkt hat!»

Der Gnom rief nachdrücklich: «Du?»

«Ja, Herr,» sprach sie, «ich bin seine Mörderin, hab‘ ihn gereizt, einen Straßenraub zu begehen und einen schelmischen Juden zu plündern; da haben ihn die Herren von Hirschberg gegriffen, Halsgericht über ihn gehegt, und o Herzeleid! morgen wird er abgetan. Ja Herr! ich hab’s auf meinem Gewissen das junge Blut!»

«Wie das?»

«er zog auf die Wanderschaft übers Gebirge, und als er beim Abschied an meinem Halse hing, sprach er: Fein Liebchen, bleib mir treu. Wenn der Apfelbaum zum drittenmal blüht und die Schwalbe zum Neste trägt, kehr‘ ich von der Wanderschaft zurück, dich heimzuholen als mein junges Weib; und das gelobte ich ihm zu werden durch einen teuren Eid. Nun blühte der Apfelbaum zum drittenmal, und die Schwalbe nistete, da kam Benedix wieder, erinnerte mich meiner Zusage und wollte mich zur Trauung führen. Ich aber neckt‘ und höhnt‘ ihn, wie die Mädchen es oft mit den Freiern tun, und sprach: Dein Weib kann ich nicht werden, du hast weder Herd noch Obdach. Schaff‘ dir erst blanke Batzen an, dann frage wieder an. Der arme Junge wurde durch diese Rede sehr betrübt. Ach, Klärchen, seufzte er tief mit einer Träne im Auge, steht dir dein Sinn nach Geld und Gut, so bist du nicht das biedere Mädchen mehr, das du vormals warst! Schlugst du nicht ein in diese Hand, da du mir deine Treue schwürest? Und was hatte ich mehr als diese Hand, dich einst damit zu nähren? Ach, Klärchen, ich verstehe dich; ein reicher Buhle hat mir dein Herz entwendet; belohnst du mich also, Ungetreue? Er bat und flehte, doch ich blieb fest auf meinem Sinn: Mein Herz verschmäht dich nicht, o Benedix! antwortete ich, nur meine Hand versag‘ ich dir zunächst; zieh hin, erwirb dir Gut und Geld, und hast du das, so komm wieder. Wohlan, sprach er mit Unmut, du willst es so, ich gehe in die Welt, will laufen, will rennen, will betteln, stehlen, schnurren, sorgen, und eher sollst du mich nicht wiedersehen, bis ich erlange den schnöden Preis, um den ich dich erwerben muss. Leb‘ wohl, ich fahre hin, ade! – So hab‘ ich ihn betört, den armen Benedix; er ging ergrimmt davon; da verließ ihn sein guter Engel, dass er tat, was nicht recht war, und was sein Herz gewiss verabscheute.»

Der ehrsame Mann schüttelte den Kopf über diese Rede und rief nach einer Pause mit einer nachdenklichen Miene: «Wunderbar!» Hierauf wendete er sich zu der Dirne: «Warum,» fragte er, «erfüllst du hier den leeren Wald mit deinen Wehklagen, die dir und deinem Buhlen nichts nützen und frommen können?»

«Lieber Herr,» fiel sie ihm ein, «ich war auf dem Wege nach Hirschberg. Ich will dem Blutrichter zu Füßen fallen, will mit meinem Klageschrei die Stadt erfüllen, ob das die Herren erbarmen möchte, dem unschuldigen Blut das Leben zu schenken; und wenn mir’s nicht gelingt, meinem Buhlen dem schmählichen Tode zu entreißen, will ich freudig mit ihm sterben.»

Der Geist wurde durch diese Rede so bewegt, dass er von Stund‘ an seine Rache ganz vergaß und der Trostlosen ihren Buhlen wiederzugeben beschloss. «Trockne ab deine Tränen,» sprach er mit teilnehmender Gebärde, «und lass deinen Kummer schwinden. Ehe die Sonne zur Küste geht, soll dein Buhle frank und frei sein. Morgen um den ersten Hahnenschrei sei wach und horchsam, und wenn ein Finger ans Fenster klopft, so tu‘ auf die Tür zu deinem Kämmerlein; denn es ist dein Benedix, der davor steht. – Du sollst auch wissen, dass er das Bubenstück nicht begangen hat, dessen du ihn anklagst, und du hast gleichfalls keine Schuld; denn er hat sich durch deinen Eigensinn zu keiner bösen Tat reizen lassen. Ich bin ein Bürger aus Hirschberg, habe mit zu Rate gesessen, als der arme Sünder verurteilt wurde, aber seine Unschuld ist ans Licht gebracht, fürchte nichts für sein Leben. Ich will hin, ihn seiner Banden zu entledigen, denn ich vermag viel in der Stadt. Sei guten Muts und kehre heim in Frieden.» Die Dirne machte sich alsbald auf und gehorchte, obgleich Furcht und Hoffnung in ihrer Seele kämpften.

Der ehrwürdige Pater Graurock hatte sich’s die drei Tage des Aufschubs blutsauer werden lassen, den Verbrecher gehörig zu bekehren, um seine arme Seele der Hölle zu entreißen, der sie, seiner Meinung nach, verpfändet war von Jugend auf. Denn der gute Benedix war ein unwissender Laie, der mit Nadel und Schere besser Bescheid wusste als mit dem Rosenkranz. Den Engelsgruß und das Paternoster mengte er stets durcheinander, und vom Kredo wusste er keine Silbe; der eifrige Mönch hatte alle Mühe von der Welt, ihn das letztere zu lehren, und brachte mit dieser Arbeit zwei volle Tage zu. Denn wenn er sich die Formel aufsagen ließ und das Gedächtnis des armen Sünders auch nicht strauchelte, so unterbrach doch oft ein Gedanke an das Irdische und der halblaute Seufzer: «Ach Klärchen!» die ganze Lektion, weshalb es die religiöse Politik des frommen Bruders zuträglich fand, dem verlorenen Schaf die Hölle recht heiß zu machen, und das gelang ihm auch so, dass der geängstigte Benedix kalten Todesschweiß schwitzte und zu geheiligter Freude seines Bekehrers Klärchen rein darüber vergaß.

Ob sich nun wohl Benedix völlig unschuldig wusste, legte er sich aufs Bitten, flehte seinen geistlichen Richter um Barmherzigkeit an und suchte von den Qualen des Fegefeuers so viel abzudringen wie möglich; wodurch sich denn der strenge Pater bewogen fand, ihn endlich nur bis an die Knie ins Feuerbad zu versenken.

Eben verließ der unerbittliche Sündenrüger den Kerker, als ihm Rübezahl unsichtbarerweise beim Eingange begegnete, noch unentschlossen, wie er sein Vorhaben, den armen Schneider in Freiheit zu setzten, auszuführen vermöchte. In dem Augenblick geriet er auf einen Einfall, der recht nach seinem Sinne war. Er schlich dem Mönche ins Kloster nach, stahl aus der Kleiderkammer ein Ordenskleid, fuhr hinein und begab sich in Gestalt des Bruders Graurock ins Gefängnis, das ihm der Kerkermeister ehrerbietig öffnete.

«Das Heil deiner Seele,» redet er den Gefangenen an, «treibt mich nochmals hierher, da ich dich kaum verlassen habe. Sag an, mein Sohn, was hast du noch auf deinem Herzen und Gewissen, damit ich dich tröste.“ – «Ehrwürdiger Vater,» antwortete Benedix, «mein Gewissen beißt mich nicht; aber Euer Fegefeuer bangt und ängstigt mich und presst mir das Herz zusammen, als läg’s zwischen den Daumenstöcken.» Freund Rübezahl hatte von kirchlichen Lehrmeinungen sehr unvollständige und verworrene Begriffe, daher war ihm die Querfrage: «Wie meinst du das?» wohl zu verzeihen. «Ach,» antwortet Benedix, «in dem Feuerpfuhl bis an die Knie zu waten, Herr, das halt‘ ich nicht aus!» – «Narr,» versetzt Rübezahl, «so bleib davon, wenn dir das Bad zu heiß ist.» Benedix ward an dieser Rede irre und sah dem Pfaffen so starr ins Gesicht, dass dieser merkte, er habe irgend eine Unschicklichkeit vorgebracht; darum lenkte er ein: «Davon ein andermal; denkst du auch noch an Klärchen? liebst du sie noch als deine Braut? Und hast du ihr etwas vor deiner Hinfahrt zu sagen, so vertraue es mir.» Benedix staunte bei diesem Namen noch mehr; der Gedanke an sie, den er mit großer Gewissenhaftigkeit in seiner Seele zu ersticken bemüht gewesen war, wurde auf einmal wieder so heftig angefacht, dass er überlaut anfing zu weinen und zu schluchzen und kein Wort vorzubringen vermochte. Dieses jammerte den mitleidigen Pfaffen so, dass er beschloss, dem Spiel ein Ende zu machen. «Armer Benedix,» sprach er, «gib dich zufrieden und sei getrost und unverzagt, du sollst nicht sterben. Ich habe in Erfahrung gebracht, dass du unschuldig bist an dem Raube und deine Hand mit keinem Laster befleckt hast, darum bin ich gekommen, dich aus dem Kerker zu reißen und der Banden zu entledigen.» Er zog einen Schlüssel aus der Tasche. «Lass sehen,» fuhr er fort, «ob er schließe.» Der Versuch gelang, der Entfesselte stand da frank und frei, das Geschmeide fiel ab von Händen und Füßen. Hierauf wechselte der gutmütige Pfaffe mit ihm die Kleider und sprach: «Gehe gemächlich wie ein frommer Mönch durch die Schar der Wächter vor der Tür des Gefängnisses und durch die Straßen, bis du der Stadt Weichbild hinter dir hast. Dann schürze dich hurtig und schreite rüstig zu, dass du gelangest ins Gebirge, und raste nicht, bis du in Liebenau vor Klärchens Tür stehst, klopfe leise an, dein Liebchen harrt deiner mit ängstlichem Verlangen.»

Der gute Benedix wähnte, das alles sei nur ein Traum, und da er inneward, dass sich alles so verhalte, fiel er seinem Befreier zu Füßen, umfing seine Knie, und lag da in stummer Freude, denn die Worte versagten ihm. Der Pfaffe trieb ihn endlich fort und auf dem Weg. Mit wankendem Knie schritt der Entledigte über die Schwelle des traurigen Kerkers, und sein ehrwürdiger Rock gab ihm einen solchen Wohlgeruch von Frömmigkeit und Tugend, dass die Wächter nichts darunter witterten.

Klärchen saß indessen bänglich einsam in ihrem Kämmerlein. Oft dünkte ihr, es rege sich etwas am Fensterladen, oder es klinge der Pfortenring; sie schreckte auf mit Herzklopfen, sah durch die Luke, und es war Täuschung. Schon schüttelten die Hähne in der Nachbarschaft die Flügel und verkündeten durch ihr Krähen den kommenden Tag; das Glöcklein im Kloster läutete zur Frühmette, das ihr wie Totenruf und Grabesklang tönte. Der Wächter stieß zum letzten Mal ins Horn und weckte die schnarchenden Bäckermägde zu ihrem frühen Tagwerke. Klärchens Lämpchen fing an dunkel zu brennen, weil’s ihm an Öl gebrach, ihre Unruhe mehrte sich mit jedem Augenblick. Sie saß auf ihrer Bettlade, weinte bitterlich und seufzte: «Benedix! Benedix! Was für ein bänglicher Tag für dich und mich dämmert jetzt heran!»

Da pocht’s dreimal leise an das Fenster, als ob es spukte. Ein froher Schauder durchlief ihre Glieder, sie sprang auf, tat einen lauten Schrei; denn eine Stimme flüsterte durch die Luke: «Fein Liebchen, bist du wach?» – Husch, war sie an der Tür. – «Ach Benedix, bist’s du oder ist’s dein Geist?» Als sie aber den Bruder Graurock erblickte, sank sie zurück und starb vor Entsetzen hin. Da umschlang sie sanft sein treuer Arm, und der Kuss der Liebe brachte sie bald wieder ins Leben.

Nachdem die stumme Szene des Erstaunens und die Ergießungen der ersten freudigen Herzensgefühle vorüber waren, erzählte ihr Benedix seine wunderbare Errettung aus dem Kerker; doch die Zunge klebte ihm am Gaumen vor großem Durst und Ermattung. Klärchen ging, ihm einen Trunk frisches Wasser zu holen, und nachdem er sich damit gelabt hatte, fühlte er Hunger. Aber sie hatte nichts zum Imbiss als Salz und Brot, wobei sie voreilig gelobten, zufrieden und glücklich miteinander zu sein ihr Leben lang. Da dachte Benedix an seine Knackwurst, zog sie aus der Tasche und wunderte sich bass, dass sie schwerer war als ein Hufeisen, brach sie auseinander, siehe! da fielen eitel Goldstücke heraus, worüber Klärchen nicht wenig erschrak, meinte, das Gold sei ein schändliches Überbleibsel von dem Raube des Juden, und Benedix sei nicht so unschuldig, wie ihn der ehrsame Mann gemacht habe, der ihr im Gebirge erschienen war. Allein der truglose Gesell beteuerte höchlich, dass der fromme Ordensmann ihm diesen verborgenen Schatz vermutlich als eine Hochzeitssteuer verliehen habe, und sie glaubte seinen Worten. Drauf segneten beide mit dankbaren Herzen den edelmütigen Wohltäter, verließen ihre Vaterstadt und zogen gen Prag, wo Meister Benedix mit Klärchen, seinem Weibe, lange Jahre als ein angesehener Mann in friedlicher Ehe bei reichem Kindersegen lebte.

In der frühen Morgenstunde, da Klärchen mit schauervoller Freude den Finger ihres Buhlens am Fenster bemerkte, klopfte auch in Hirschberg ein Finger an die Tür des Gefängnisses. Das war der Bruder Graurock, der den Anbruch des Tages kaum erwarten konnte, die Bekehrung des armen Sünders zu vollenden und ihn als einen halben Heiligen dem gewaltsamen Arm des Henkers zu überantworten. Rübezahl hatte einmal die Sünderrolle übernommen und war entschlossen, sie zur Ehre der Justiz rein auszuspielen. er schien wohlgefasst zum Sterben zu sein, und der fromme Mönch freute sich darüber; darum ermüdete er nicht ihn in dieser Gemütsverfassung durch seinen geistlichen Zuspruch zu erhalten, und beschloss seinen Sermon mit dem tröstlichen Weidespruch: «So viel Menschen du bei deiner Ausführung erblicken wirst, die dich an die Gerichtsstätte geleiten, siehe so viel Engel stehen schon bereit, deine Seele in Empfang zu nehmen und sie einzuführen ins schöne Paradies.» Drauf ließ er ihn der Fesseln entledigen, wollte Beichte hören und dann lossprechen; doch fiel ihm ein, vorher noch die geistige Lektion zu wiederholen, damit der arme Sünder unterm Galgen im geschlossenen Kreise sein Glaubensbekenntnis frei und ohne Anstoß zur Erbauung der Zuschauer hersagen möchte. Aber wie erschrak der Ordensmann, da er inneward, dass der Ungelehrige sein Kredo die Nacht über völlig ausgeschwitzt hatte! Der fromme Mönch war völlig der Meinung, der Satan sei hier im Spiel und wolle dem Himmel die gewonnene Seele entreißen.

Die Zeit war darüber verlaufen, das peinliche Gericht war dafür, dass es nun an der Stunde sei, den Leib zu töten, und kümmerte sich nicht weiter um den Seelenzustand seines Schlachtopfers. Ohne der Hinrichtung länger Aufschub zu gestatten, wurde der Stab gebrochen, und obwohl Rübezahl als ein verstockter Sünder ausgeführt wurde, so unterwarf er sich doch allen übrigen Formalitäten der Hinrichtung ganz willig. Als er von der Leiter gestoßen wurde, zappelte er am Strange nach Herzenslust und trieb das Spiel so arg, dass dem Henker dabei übel zumute war; denn es erhob sich ein plötzliches Getöse im Volk und einige schrien, man solle den Henker steinigen, weil er den armen Sünder über die Gebühr martere. Um also Unglück zu verhüten, streckte sich Rübezahl lang aus und stellte sich an, als sei er tot. Da sich aber das Volk verlaufen hatte, und nachher einige Leute in der Gegend des Hochgerichts hin und her wandelten, aus Vorwitz hinzutraten und den Kadaver beschauen wollten, fing der Scherztreiber am Galgen sein Spiel von neuem an und erschreckte die Beschauer durch fürchterliche Grimassen. Daher lief gegen Abend in der Stadt ein Gerücht um, der Gehangene könne nicht sterben und tanze noch immer am Hochgericht, was den Senat bewog, des Morgens in aller Frühe de Sache untersuchen zu lassen. Als sie nun dahin kamen, fanden sie nichts als ein Wischlein Stroh am Galgen, mit alten Lumpen bedeckt, wie man es in die Erbsen zu stellen pflegt, die genäschigen Spatzen damit zu scheuchen. Worüber sich die Herren von Hirschberg bass wunderten, ließen in aller Stille den Strohmann abnehmen und breiteten aus, der große Wind habe zur Nachtzeit den leichten Schneider vom Galgen über die Grenze geweht.


dritte Legende



Nicht immer war Rübezahl bei der Laune, denen, die er durch seine Neckereien in Schaden und Nachteil gebracht hatte, einen so edelmütigen Ersatz zu geben. Oft machte er nur den Plagegeist aus boshafter Schadenfreude und kümmerte sich wenig darum, ob er einen Schurken oder einen Biedermann foppte. Oft gesellte er sich zu einem einsamen Wanderer als Geleitsmann, führte unbemerkt den Fremdling irre, ließ ihn an dem Absturz einer Bergzinne oder in einem Sumpfe stehen und verschwand mit höhnendem Gelächter. Zuweilen erschreckte er die furchtsamen Marktweiber durch abenteuerliche Gestalten wildfremder Tiere. Oft lähmte er den Reisigen das Ross, dass es nicht von der Stelle konnte, zerbrach den Fuhrleuten ein Rad oder eine Achse am Wagen, ließ vor ihren Augen ein abgerissenes Felsenstück in einen Hohlweg hinab rollen, das sie mit unendlicher Mühe auf die Seite räumen mussten, um sich freie Bahn zu machen. Oft hielt eine unsichtbare Kraft einen ledigen Wagen, dass sechs rasche Pferde ihn nicht fortzuziehen vermochten, und ließ der Fuhrmann merken, dass er eine Neckerei von Rübezahl wähnte, oder brach er in Unwillen gegen den Berggeist aus, so hatte er ein Hornissenheer, das die Pferde wild machte, einen Steinhagel oder eine reichhaltige Tracht Prügel von unsichtbarer Hand zu erwarten.

Mit einem alten Schäfer, der ein gerader, treuherziger Mann war, hatte er Bekanntschaft gemacht und sogar eine Art von vertraulicher Freundschaft errichtet. Er gestattete ihm, mit der Herde bis an die Hecken seiner Gärten zu treiben, was ein anderer nicht hätte wagen dürfen. Der Geist hörte dem Graukopf bisweilen mit Vergnügen zu, wenn ihm dieser seinen unbedeutenden Lebenslauf erzählte. Des ungeachtet versah’s der Alte doch einmal. Da er eines Tages nach Gewohnheit seine Herde in des Gnomen Gehege trieb, brachen einige Schafe durch die Hecken und weideten auf den Grasplätzen des Gartens; darüber ergrimmte Freund Rübezahl derartig, dass er alsbald die Herde in wildem Getümmel den Berg hinab scheuchte, wodurch sie größtenteils verunglückte, und der Nahrungsstand des alten Schäfers in solchen Verfall kam, dass er sich darüber zu Tode grämte.

Ein Arzt aus Schmiedeberg, der auf dem Riesengebirge Pflanzen zu sammeln pflegte, genoss gleichfalls zuweilen die Ehre, mit seiner prahlerischen Gesprächigkeit den Gnomen zu unterhalten, der bald als Holzhauer, bald ein Reisender sich zu ihm gesellte und den Schmiedeberger Arzt seine Wunderkuren mit Vergnügen sich erzählen ließ. Er war zuzeiten so gefällig, das schwere Kräuterbündel ihm ein gut Stück Weges nachzutragen und ihm manche noch unbekannte Heilkräfte kundzutun. Der Arzt, der sich in der Kräuterkunde weiser dünkte als ein Holzhauer, empfand einst diese Belehrungen übel und sprach mit Unwillen: «Der Schuster soll bei seinem Leisten bleiben, und der Holzhauer soll den Arzt nicht belehren. Weil du aber der Kräuter und Pflanzen kundig bist, so sage mir doch, du weiser Salomon, was war eher, die Eichel oder der Eichbaum?» Der Geist antwortete: «Doch wohl der Baum, denn die Frucht kommt vom Baume.» – «Narr,» sprach der Arzt, «wo kam denn der erste Baum her, wenn er nicht aus dem Samen sprosste, der in der Frucht verschlossen liegt?» Der Holzhauer erwiderte: «Das ist, wie ich sehe, eine Meisterfrage, die mir schier zu hoch ist. Aber ich will Euch eine Frage vorlegen: wem gehört dieser Erdengrund, worauf wir stehen, dem König von Böhmen oder dem Herrn vom Berge?» (So nannten die Nachbarn den Berggeist, nachdem sie waren gewitzigt worden, dass der Name Rübezahl im Gebirge nur Stöße und blaue Mäler einbrächte.) Der Arzt bedachte sich nicht lange: «Ich meine, dieser Grund und Boden gehöre meinem Herrn, dem König von Böhmen; denn Rübezahl ist ja nur ein Hirngespinst, ein Popanz, die Kinder damit fürchten zu machen.» Kaum war das Wort aus seinem Munde, so verwandelte sich der Holzhauer in einen scheußlichen Riesen mit feuerfunkelnden Augen und wütiger Gebärde, schnauzte den Arzt grimmig an und sagte mit rauer Stimme: «Hier ist Rübezahl, der dich popanzen wird, dass dir sollen die Rippen krachen;» erwischte ihn darauf beim Kragen, rannte ihn gegen die Bäume und Felsenwände, riss und warf ihn hin und her, schlug ihm zuletzt ein Auge aus und ließ ihn wie tot auf dem Platze liegen, dass sich der Arzt nachher stark vornahm, nie wieder ins Gebirge zu gehen.

So leicht war’s, Rübezahls Freundschaft zu verscherzen; doch eben so leicht war’s auch, sie zu gewinnen. Einem Bauern in der Amtspflege Reichenberg hatte ein böser Nachbar sein Hab und Gut abgenommen, und nachdem sich die Justiz seiner letzten Kuh bemächtigt hatte, blieb ihm nichts übrig als ein abgehärmtes Weib und ein halbes Dutzend Kinder, von denen er gern den Gerichten die Hälfte für sein letztes Stückchen Vieh verpfändet hätte. Zwar gehörten ihm noch ein Paar rüstige gesunde Arme, aber sie waren nicht hinreichend, sich und die Seinigen damit zu ernähren. Es schnitt ihm durchs Herz, wenn die jungen Raben nach Brot schrien, und er nichts hatte, um ihren quälenden Hunger zu stillen. «Mit hundert Talern,» sprach er zu dem kummervollen Weibe, «wäre uns geholfen, unseren zerfallenen Haushalt wieder einzurichten und fern von dem streitsüchtigen Nachbar ein neues Eigentum zu gewinnen. Du hast reiche Vettern jenseits des Gebirges, ich will hin und ihnen unsere Not klagen; vielleicht, dass sich einer erbarmt und aus gutem Herzen von seinem Überfluss uns auf Zinsen leiht, soviel wir bedürfen.»

Das niedergedrückte Weib willigte mit schwacher Hoffnung eines glücklichen Erfolgs in diesen Vorschlag ein, weil sie keinen besseren wusste. Der Mann aber machte sich auf, und indem er Weib und Kinder verließ, sprach er ihnen Trost ein: «Weinet nicht! Mein Herz sagt es mir, ich werde einen Wohltäter finden, der uns förderlicher sein wird als die vierzehn Nothelfer, zu denen ich so oft vergeblich gewallfahrtet bin.» Hierauf steckte er eine harte Brotrinde zur Zehrung in die Tasche und ging davon. Müde und matt von der Hitze des Tages und dem weiten Wege, gelangte er zu Abendzeit in dem Dorfe an, wo die reichen Vettern wohnten; aber keiner wollte ihn kennen, keiner wollte ihn beherbergen. Mit heißen Tränen klagte er ihnen sein Elend; aber die hartherzigen Filze achteten nicht darauf, kränkten den armen Mann mit Vorwürfen und beleidigenden Sprichwörtern. Einer sprach: «Junges Blut, spar‘ dein Gut», der andere: «Hoffart kommt vor dem Fall», der dritte: «Wie du’s treibst, so geht’s», der vierte: «Jeder ist seines Glückes Schmied». So höhnten und spotteten sie seiner, nannten ihn einen Prasser und Faulenzer, und endlich stießen sie ihn gar zur Tür hinaus. Eine solche Aufnahme hatte sich der arme Vetter bei der reichen Sippschaft seines Weibes nicht vorgestellt; stumm und traurig schlich er von dannen, und weil er nichts hatte, um das Schlafgeld in der Herberge zu bezahlen, musste er auf einem Heuschober im Felde übernachten. Hier wartete er schlaflos des zögernden Tages, um sich auf den Heimweg zu begeben.

Da er nun wieder ins Gebirge kam, überkam ihn Harm und Bekümmernis so sehr, dass er der Verzweiflung nahe war. Zwei Tage Arbeitslohn verloren, dachte er bei sich selber, matt und entkräftet von Gram und Hunger, ohne Trost, ohne Hoffnung! Wenn du nun heimkehrst und die sechs armen Würmer dir entgegen schmachten, ihre Hände aufheben, von dir Labsal zu begehren, und du für einen Bissen Brot ihnen einen Stein bieten musst! Vaterherz! Vaterherz! wie kannst du’s tragen! Brich entzwei, armes Herz, ehe du diesen Jammer fühlst! Hierauf warf er sich unter einen Schlehenbusch, seinem schwermütigen Gedanken weiter nachzuhängen.

Wie aber am Rande des Verderbens die Seele noch die letzten Kräfte anstrengt, ein Rettungsmittel auszukundschaften, jede Hirnfaser auf und nieder läuft, alle Winkel der Phantasie durchspäht, Schutz oder Frist für den hereinbrechenden Untergang zu suchen; gleich einem Bootsmann, der sein Schiff sinken sieht, schnell die Strickleiter hinaufrennt, sich in den Mastkorb zu bergen, oder wenn er unter Verdeck ist, aus der Luke springt, in der Hoffnung, ein Brett oder eine ledige Tonne zu erhaschen, um sich über Wasser zu halten: so verfiel unter tausend nichtigen Anschlägen und Einfällen der trostlose Veit auf den Gedanken, sich an den Geist des Gebirges in seinem Anliegen zu wenden. Er hatte viel abenteuerliche Geschichten von ihm gehört, wie er zuweilen die Reisenden gedrillt und geneckt, ihnen manchen Schimpf angetan, doch auch mitunter Gutes erwiesen habe. Es war ihm nicht unbekannt, dass er sich bei seinem Spottnamen nicht ungestraft rufen lasse; dennoch wusste er ihm auf keine andere Weise beizukommen; also wagte er es auf eine Prügelei hin und rief so sehr er konnte: «Rübezahl! Rübezahl!»

Auf diesen Ruf erschien alsbald eine Gestalt gleich einem rußigen Köhler mit einem fuchsroten Bart, der bis an den Gürtel reichte, feurigen, stieren Augen, und mit einer Schürstange bewaffnet, gleich einem Weberbaum, die er mit Grimm erhob, den frechen Spötter zu erschlagen. «Mit Gunst, Herr Rübezahl, » sprach Veit ganz unerschrocken, «verzeiht, wenn ich Euch nicht recht anredete; hört mich nur an, dann tut, was Euch gefällt.» Diese dreiste Rede und die kummervolle Miene des Mannes, die weder auf Mutwillen noch Vorwitz deutete, besänftigten den Zorn des Geistes in etwas: «Erdenwurm, » sprach er, «was treibt dich, mich zu beunruhigen? Weißt du auch, dass du mir mit Hals und Haut für deinen Frevel büßen musst?» – «Herr, » antwortete Veit, «die Not treibt mich zu Euch, habe eine Bitte, die Ihr mir leicht gewähren könnt. Ihr sollt mir hundert Taler leihen, ich zahle sie Euch mit landesüblichen Zinsen in drei Jahren wieder, so wahr ich ehrlich bin!» – «Tor, » sprach der Geist, «bin ich ein Wucherer oder Jude, der auf Zinsen leiht? Gehe hin zu deinen Menschenbrüdern und borge da so viel dir nottut, mich aber lass in Ruhe.» – «Ach!» erwiderte Veit, «mit der Menschenbrüderschaft ist’s aus! Auf Mein und Dein gilt keine Brüderschaft.» Hierauf erzählte er ihm seine Geschichte der Länge nach und schilderte ihm sein drückendes Elend so rührend, dass ihm der Gnom seine Bitte nicht versagen konnte; und wenn der arme Tropf auch weniger Mitleid verdient hätte, so schien doch dem Geist das Unterfangen, von ihm ein Kapital zu leihen, so neu und sonderbar, dass er um des guten Zutrauens willen geneigt war, des Mannes Bitte zu gewähren. «Komm, folge mir, » sprach er und führte ihn darauf Wald einwärts, in ein abgelegenes Tal zu einem schroffen Felsen, dessen Fuß ein dichter Busch bedeckte.

Nachdem sich Veit nebst seinem Begleiter mit Mühe durchs Gesträuche gearbeitet hatte, gelangten sie zum Eingang einer finsteren Höhle. Dem guten Veit war nicht wohl dabei zumute, da er so im Dunkeln tappen musste; es lief ihm ein kalter Schauer nach dem anderen über den Rücken herab, und seine Haare sträubten sich empor. Rübezahl hat schon manchen betrogen, dachte er, wer weiß, was für ein Abgrund mir vor den Füßen liegt, in den ich beim nächsten Schritte hinabstürze; dabei hörte er ein fürchterliches Brausen wie von einem Tagwasser, das sich in den tiefen Schacht ergoss. Je weiter er fortschritt, desto mehr engten ihm Furcht und Grauen das Herz ein. Doch bald sah er zu seinem Trost in der Ferne ein blaues Flämmchen hüpfen, das Berggewölbe erweiterte sich zu einem großen Saale, das Flämmchen brannte hell und schwebte als ein Hängeleuchter in der Mitte der Felsenhalle. Auf dem Pflaster fiel ihm eine kupferne Braupfanne in die Augen, mit eitel harten Talern bis an den Rand gefüllt. Da Veit den Geldschatz erblickte, schwand alle seine Furcht und das Herz hüpfte ihm vor Freuden. «Nimm, » sprach der Geist, «was du bedarfst, es sei wenig oder viel, nur stelle mir einen Schuldbrief aus, wenn du der Schreiberei kundig bist.» Veit bejahte das und zählte sich gewissenhaft die hundert Taler ab, nicht einen mehr und keinen weniger. Der Geist schien auf das Zählungsgeschäft gar nicht zu achten, drehte sich weg und suchte indes seine Schreibmaterialien hervor. Veit schrieb den Schuldbrief so bündig wie ihm möglich war. Der Gnom schloss diesen in einen eisernen Schatzkasten und sagte zum Abschied: «Zieh hin, mein Freund, und nütze dein Geld mit arbeitsamer Hand. Vergiss nicht, dass du mein Schuldner bist, und merke dir den Eingang in das Tal und diese Felsenkluft genau. Sobald das dritte Jahr verflossen ist, zahlst du mir Kapital und Zins zurück; ich bin ein strenger Gläubiger, hältst du das nicht ein, so fordere ich es mit Ungestüm.» Der Ehrliche Veit versprach auf den Tag gute Zahlung zu leisten, versprach’s mit seiner biedern Hand, doch ohne Schwur; verpfändete nicht seine Seele und Seligkeit, wie lose Bezahler zu tun pflegen, und schied mit dankbaren Herzen von seinem Schuldherrn in der Felsenhöhle, aus der er leicht den Ausgang fand.

Die hundert Taler wirkten bei ihm so mächtig auf die Seele und Leib, dass ihm nicht anders zumute war, da er das Tageslicht wieder erblickte, als ob er Balsam des Lebens in der Felsenkluft eingesogen habe. Freudig und gestärkt an allen Gliedern, schritt er nun seiner Wohnung zu und trat in die elende Hütte, indem sich der Tag zu neigen begann. Sobald ihn die abgezehrten Kinder erblickten, schrien sie ihm einmütig entgegen: «Brot, Vater, einen Bissen Brot! Hast uns lange darben lassen.» Das abgehärmte Weib saß in einem Winkel und weinte, fürchtete nach der Denkungsart der Kleinmütigen das Schlimmste und vermutete, dass der Ankömmling eine traurige Litanei anstimmen werde. Er aber bot ihr freundlich die Hand, ließ sie Feuer anschüren auf dem Herde; denn er trug Grütze und Hirse aus Reichenberg im Rucksack, wovon die Hausmutter einen steifen Brei kochen musste, dass der Löffel darin stand. Nachher gab er ihr Bericht von dem guten Erfolg seines Geschäftes. «Deine Vettern,» sprach er, «sind gar rechtliche Leute, die mir nicht meine Armut vorgehalten, haben mich nicht verkannt oder mich schimpflich vor der Tür abgewiesen; sondern mich freundlich beherbergt, Herz und Hand mir geöffnet und hundert Taler vorschussweise auf den Tisch gezählt.» Da fiel dem guten Weibe ein schwerer Stein vom Herzen, der sie lange gedrückt hatte. «Wären wir, » sagte sie, «eher vor die rechte Schmiede gegangen, so hätten wir uns manchen Kummer ersparen können.» Hierauf rühmte sie ihre Freundschaft, von der sie sich vorher so wenig Gutes versprochen hatte, und tat recht stolz auf die reichen Vettern.

Der Mann ließ ihr nach so vielen Drangsalen gern die Freude, die ihrer Eitelkeit so schmeichelhaft war. Da sie aber nicht aufhörte die reichen Vettern zu loben und das viele Tage so forttrieb, wurde Veit des Lobposaunens der Geizdrachen satt und müde und sprach zum Weibe: «Als ich vor der rechten Schmiede war, weißt du, was mir der Meister Schmied für eine weise Lehre gab?» Sie sprach: «Welche?» – «Jeder,» sagte er, «sei seines Glückes Schmied, und man müsse das Eisen schmieden, weil’s heiß sei; drum lass uns nun die Hände rühren und unserem Beruf fleißig obliegen, dass wir was vor uns bringen, in drei Jahren den Vorschuss nebst Zinsen abzahlen können und aller Schuld quitt und ledig seien.» Drauf kaufte er einen Acker und einen Heuschlag, dann wieder einen und noch einen, dann eine ganze Hufe; es war ein Segen in Rübezahls Gelde, als wenn ein Hecktaler darunter wäre. Veit säte und erntete, wurde schon für einen wohlhabenden Mann im Dorfe gehalten, und sein Säckel langte noch immer zur Erweiterung seines Eigentums. Im dritten Sommer hatte er schon zu seiner Hufe ein Herrengut gepachtet, das ihm reichen Wucher brachte; kurz er war ein Mann, dem alles was er tat, zu gutem Glück gedieh.

Der Zahlungstermin kam nun heran, und Veit hatte so viel erübrigt, dass er ohne Beschwerde seine Schuld abtragen konnte; er legte das Geld zurecht, und auf den bestimmten Tag war er früh auf, weckte das Weib und alle seine Kinder, hieß sie waschen und kämmen und ihre Sonntagskleider anziehen, auch die neuen Schuhe und die scharlachenen Mieder und Brusttücher, die sie noch nicht auf den Leib gebracht hatten. Er selbst holte seinen Gottestischrock herbei und rief zum Fenster hinaus: «Hans, spann an!» – «Mann, was hast du vor?» fragte die Frau, «es ist heute weder Freitag noch ein Kirchweihfest, was macht dich so guten Mutes, dass du uns ein Wohlleben bereitet hast, und wo gedenkst du uns hinzuführen?» Er antwortete: «Ich will mit Euch die reichen Vettern jenseits des Gebirges heimsuchen und dem Gläubiger, der mir durch seinen Vorschub wieder ausgeholfen hat, Schuld und Zins bezahlen, denn heute ist der Zahltag.» Das gefiel der Frau wohl; sie putzte sich und die Kinder stattlich heraus, und damit die reichen Vettern eine gute Meinung von ihrem Wohlstande bekämen und sich ihrer nicht schämen dürften, band sie eine Schnur Dukaten um den Hals. Veit rüttelte den schweren Geldsack zusammen, nahm ihn zu sich, und da alles in Bereitschaft war, saß er auf mit Frau und Kind. Hans peitschte die vier Hengste an, und sie trabten mutig über das Blachfeld nach dem Riesengebirge zu.

Vor einem steilen Hohlweg ließ Veit den Rollwagen halten, stieg ab und hieß den anderen gleiches tun, dann gebot er dem Knechte: «Hans, fahr langsam den Berg hinan, oben bei den drei Linden sollst du unser warten, und ob wir auch lange bleiben, so lass dich’s nicht anfechten, lass die Pferde verschnauben und einstweilen grasen; ich weiß hier einen Fußpfad, der ist etwas um, doch lustig zu wandeln!» Darauf schlug er sich in Begleitung des Weibes und der Kinder Wald einwärts durch dicht Verwachsenes und spähte hin und her, dass die Frau meinte, ihr Mann habe sich verirrt, ermahnte ihn darum, zurückzukehren und der Landstraße zu folgen. Veit aber hielt plötzlich still, versammelte seine sechs Kinder um sich her und redete also: «Du wähnst, liebes Weib, dass wir zu deiner Freundschaft ziehen; dahin steht jetzt nicht mein Sinn. Deine reichen Vettern sind Knauser und Schurken, die, als ich weiland in meiner Armut Trost und Zuflucht bei ihnen suchte, mich gefoppt, gehöhnt und mit Übermut von sich gestoßen haben. – Hier wohnt der reiche Vetter, dem wir unseren Wohlstand verdanken, der mir aufs Wort das Geld geliehen, das in meiner Hand so wohl gewuchert hat. Auf heute hat er mich her beschieden, Zins und Kapital ihm wiederzuerstatten. Wisst ihr nun, wer unser Schuldherr ist? Der Herr vom Berge, Rübezahl genannt!» Das Weib entsetzte sich heftig über die Rede, schlug ein großes Kreuz vor sich, und die Kinder bebten und gebärdeten sich ängstlich vor Furcht und Schrecken, dass sie der Vater vor Rübezahl führen wollte. Sie hatten viel in den Spinnstuben von ihm gehört, dass er ein scheußlicher Riese und Menschenfresser sei. Veit erzählte ihnen sein ganzes Abenteuer, wie ihm der Geist in Gestalt eines Köhlers auf sein Rufen erschienen sei und was er mit ihm verhandelt habe in der Höhle, pries seine Mildtätigkeit mit dankbarem Herzen und so inniger Rührung, dass ihm die warmen Tränen über die freundlichen rotbraunen Backen herab träufelten. «Wartet hier,» fuhr er fort, «jetzt geh‘ ich hin in die Höhle, mein Geschäft auszurichten. Fürchtet nichts, ich werde nicht lange aus sein, und wenn ich’s vom Gebirgsherrn erlangen kann, so bring‘ ich ihn zu euch. Scheut euch nicht, eurem Wohltäter treuherzig die Hand zu schütteln, ob sie gleich schwarz und rußig ist; er tut euch nichts zuleide und freut sich seiner guten Tat und unseres Dankes gewiss! Seid nur beherzt, er wird euch goldene Äpfel und Pfeffernüsse austeilen.»

Obgleich nun das bängliche Weib viel gegen die Wallfahrt in die Felsenhöhle einzuwenden hatte und auch die Kinder jammerten und weinten, sich um den Vater her lagerten und, da er sie auf die Seite schob, ihn an den Rockfalten zurückzuziehen sich anstemmten, so riss er sich doch mit Gewalt von ihnen in den dicht verwachsenen Busch und gelangte zu dem wohlbekannten Felsen. Er fand alle Merkzeichen der Gegend wieder, die er sich wohl ins Gedächtnis geprägt hatte; die alte halberstorbene Eiche, an deren Wurzel die Kluft sich öffnete, stand noch wie sie vor drei Jahren gestanden hatte, doch von einer Höhle war keine Spur mehr vorhanden. Veit versucht’s auf alle Weise, sich den Eingang in den Berg zu öffnen, er nahm einen Stein, klopfte an den Felsen; er sollte, meinte er, sich auftun; er zog den schweren Geldsack hervor, klingelte mit den harten Talern und rief so laut er nur konnte: «Geist des Gebirges, nimm hin, was dein ist»; doch der Geist ließ sich weder hören noch sehen. Also musste sich der ehrliche Schuldner entschließen, mit seinem Säckel wieder umzukehren. Sobald ihn das Weib und die Kinder von ferne erblickten, eilten sie ihm freudvoll entgegen; er war missmutig und sehr bekümmert, dass er seine Zahlung nicht an die Behörde abliefern konnte, setzt sich zu den Seinen auf einen Rasenrain und überlegte, was nun zu tun sei. Da kam ihm sein altes Wagestück wieder ein. «Ich will», sprach er, «den Geist bei seinem Ekelnamen rufen; wenn’s ihn auch verdrießt, mag er mich bläuen und zupfen, wie er Lust hat, wenigstens hört er auf diesen Ruf gewiss;» schrie darauf aus Herzenskraft: «Rübezahl! Rübezahl!» Das angstvolle Weib bat ihn, zu schweigen, wollte ihm den Mund zu halten; er ließ sich nicht wehren und trieb’s immer ärger. Plötzlich drängte sich jetzt der jüngste Bube an die Mutter an, schrie bänglich: «Ach, der schwarze Mann!». Getrost fragte Veit: «Wo?» – «Dort lauscht er hinter jenem Baume hervor;» und alle Kinder krochen in einen Haufen zusammen, bebten vor Furcht und schrien jämmerlich. Der Vater blickte hin und sah nichts, es war eine Täuschung, nur ein leerer Schatten; kurz, Rübezahl kam nicht zum Vorschein, und alles Rufen war umsonst.

Die Familie trat nun den Rückweg an, und Vater Veit ging ganz betrübt und schwermütig auf der Landstraße vor sich hin. Da erhob sich vom Walde her ein sanftes Rauschen in den Bäumen, die schlanken Birken neigten ihre Wipfel, das bewegliche Laub der Espen zitterte, das Brausen kam näher, und der Wind schüttelte die weitausgestreckten Äste der Steineichen, trieb dürres Laub und Grashalme vor sich her, kräuselte im Wege kleine Staubwolken empor, an welchem artigen Schauspiel die Kinder, die nicht mehr an Rübezahl dachten, sich belustigten und nach den Blättern haschten, womit der Wirbelwind spielte. Unter dem dürren Laube wurde auch ein Blatt Papier über den Weg geweht, auf welches der kleine Geisterseher Jagd machte; doch wenn er danach griff, hob es der Wind auf und führte es weiter, dass er’s nicht erlangen konnte. Drum warf er seinen Hut danach, der’s endlich bedeckte; weil’s nun ein schöner weißer Bogen war und der ökonomische Vater jede Kleinigkeit in seinem Haushalt zu nutzen pflegte, so brachte ihm der Knabe dem Fund, um sich ein kleines Lob zu verdienen. Als dieser das zusammengerollte Papier aufschlug, um zu sehen, was es wäre, fand er, dass es der Schuldbrief war, den er an den Berggeist ausgestellt hat, von oben herein zerrissen, und unten stand geschrieben: Zu Dank bezahlt.

Wie das Veit inneward, rührt’s ihn tief der Seele, und er rief mit freudigem Entzücken: «Freue dich, liebes Weib, und ihr Kinder allesamt freut euch; er hat uns gesehen, hat unseren Dank gehört, unser guter Wohltäter, der uns unsichtbar umschwebte, weiß, dass Veit ein ehrlicher Mann ist. Ich bin meiner Zusage quitt und ledig, nun lasst uns mit frohem Herzen heimkehren.» Eltern und Kinder weinten noch viele Tränen der Freude und des Dankes, bis sie wieder zu ihrem Fuhrwerk gelangten, und weil die Frau groß Verlangen trug, ihre Freundschaft heimzusuchen, um durch ihren Wohlstand die filzigen Vettern zu beschämen – denn der Bericht des Mannes hatte ihre Galle gegen die Knauser rege gemacht – so rollten sie frisch den Berg hinab, gelangten in der Abendstunde in die Dorfschaft und hielten bei dem nämlichen Bauernhofe an, aus dem Veit vor drei Jahren war hinaus gestoßen worden. Er pochte diesmal ganz herzhaft an und fragte nach dem Wirte. Es kam ein unbekannter Mann zum Vorschein, der gar nicht zur Freundschaft gehörte; von diesem erfuhr Veit, dass die reichen Vettern ausgewirtschaftet hatten. Der eine war gestorben, der andere verdorben, der dritte davongegangen, und ihre Stätte war nicht mehr gefunden in der Gemeinde. Veit übernachtete nebst seiner Rollwagengesellschaft bei dem gastfreien Hauswirt, der ihm und seinem Weibe das alles weitläufig erzählte, kehrte tags darauf in seine Heimat und an seine Berufsgeschäfte zurück, nahm zu an Reichtum und Gütern und blieb ein rechtlicher, angesehener Mann sein Leben lang.


Vierte Legende



So sehr sich’s auch des Gnomen Günstling hatte angelegen sein lassen, den wahren Ursprung seines Glücks zu verhehlen, um nicht ungestüme Bittsteller anzureizen, den gebirgischen Patron um ähnliche Spenden mit dreister Zudringlichkeit zu überlaufen, so wurde die Sache doch endlich ruchbar; denn wenn das Geheimnis des Mannes der Frau zwischen den Lippen schwebt, weht es das kleinste Lüftchen fort, wie eine Seifenblase vom Strohhalm. Veitens Frau vertraute es einer verschwiegenen Nachbarin, diese ihrer Gevatterin, diese ihrem Herrn Paten, dem Dorfbarbier, und der allen seinen Bartkunden; so kam’s im Dorfe und hernach im ganzen Kirchspiele herum. Da spitzten die verdorbenen Hauswirte, die Lungerer und Müßiggänger das Ohr, zogen scharenweise ins Gebirge, beschimpften den Gnomen, hoben an ihn zu beschwören; zu ihnen gesellten sich Schatzgräber und Landfahrer, die das Gebirge durchkreuzten, allenthalben einschlugen und den Schatz in der Braupfanne zu heben vermeinten. Rübezahl ließ sie eine Zeitlang ihr Wesen treiben, wie sie Lust hatten, achtete es der Mühe nicht wert, sich über die Gauche zu erzürnen, trieb nur seinen Spott mit ihnen, ließ zur Nachtzeit da und dort ein blaues Flämmchen auflodern, und wenn die Laurer kamen, ihre Mützen und Hüte darauf warfen, ließ er sie manchen schweren Geldtopf ausgraben, den sie mit Freuden heimtrugen, neun Tage lang stillschweigend verwahrten, und wenn sie nun hinkamen, den Schatz zu besehen, fanden sie Stank und Unrat im Topf oder Scherben und Steine. Gleichwohl ermüdeten sie nicht, das alte Spiel wieder zu beginnen und neuen Unfug zu treiben. Darüber wurde der Geist endlich unwillig, stäubte das lose Gesindel durch einen kräftigen Steinhagel aus seinem Gebiete hinaus und wurde gegen alle Wanderer so barsch und grämlich, dass keiner ohne Furcht das Gebirge betrat, auch selten ohne Staupe entrann, und der Name Rübezahl wurde nicht mehr gehört im Gebirge bei Menschengedenken.

Eines Tages sonnte sich der Geist an der Hecke seines Gartens; da kam ein Weiblein ihres Weges daher in großer Unbefangenheit, die durch ihren sonderbaren Aufzug seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie hatte ein Kind an der Brust liegen, eins trug sie auf dem Rücken, eins leitete sie an der Hand, und ein etwas größerer Knabe trug einen leeren Korb nebst einem Rechen; denn sie wollte eine Last Laub fürs Vieh laden. Eine Mutter, dachte Rübezahl, ist doch wahrlich ein gutes Geschöpf, schleppt sich mit vier Kindern und wartet dabei ihres Berufs ohne Murren, wird sich noch mit der Bürde des Korbes belasten müssen. Diese Betrachtung versetzte ihn in eine gutmütige Stimmung, die ihn geneigt machte, sich mit der Frau in Unterredung einzulassen. Sie setzte ihre Kinder auf den Rasen und streifte Laub von den Büschen; indes wurde den Kleinen die Zeit lang, und sie fingen an, heftig zu schreien. Alsbald verließ die Mutter ihre Geschäfte, spielte und tändelte mit den Kindern, nahm sie auf, hüpfte mit ihnen singend und scherzend herum, wiegte sie in Schlaf und ging wieder an ihre Arbeit. Bald darauf stachen die Mücken die kleinen Schläfer, sie fingen ihre Symphonien von neuem an; die Mutter wurde darüber nicht ungeduldig, sie lief ins Holz, pflückte Erdbeeren und Himbeeren und legte das kleinste Kind an die Brust. Diese mütterliche Behandlung gefiel dem Gnomen ungemein wohl. Allein der Schreier, der vorher auf der Mutter Rücken ritt, wollte sich durch nichts befriedigen lassen, war ein störrischer, eigensinniger Junge, der die Erdbeeren, die ihm die liebreiche Mutter darreichte, von sich warf und dazu schrie, als wenn er aufgespießt wäre. Darüber riss ihr doch endlich die Geduld aus. «Rübezahl,» rief sie, «komm und friss mir den Schreier!» Augenblicks verzichtbare sich der Geist in der Köhlergestalt, trat zum Weibe und sprach: «Hier bin ich, was ist dein Begehr?» Die Frau geriet über diese Erscheinung in großen Schrecken; da sie aber ein frisches, herzhaftes Weib war, sammelte sie sich bald und fasste Mut. «Ich rief dich nur,» sprach sie, «meine Kinder schweigen zu machen; nun sie ruhig sind, bedarf ich deiner nicht, sei bedankt für deinen guten Willen.» – «Weißt du auch,» entgegnete der Geist, «dass man mich hier nicht ungestraft ruft? Ich halte dich beim Wort, gib mir deinen Schreier, dass ich ihn fresse; so ein leckerer Bissen ist mir lange nicht vorgekommen.» Darauf streckte er die rußige Hand aus, den Knaben in Empfang zu nehmen.

Wie eine Gluckhenne, wenn der Weih hoch über dem Dache in den Lüften schwebt oder der schäkerhafte Spitz auf dem Hofe hetzt, mit ängstlichem Glucksen vorerst ihre Küchlein in den sicheren Hühnerkorb lockt, dann ihr Gefieder empor sträubt, die Flügel ausbreitet und mit dem stärkeren Feinde einen ungleichen Kampf beginnt: so fiel das Weib dem schwarzen Köhler wütig in den Bart, ballte die kräftige Faust und rief: «Ungetüm! Das Mutterherz musst du mir erst aus dem Leibe reißen, eh‘ du mir mein Kind raubest.» Eines so mutvollen Angriffs hatte sich Rübezahl nicht versehen, er wich gleichsam schüchtern zurück; dergleichen handfeste Erfahrungen in der Menschenkunde war ihm noch nie vorgekommen. Er lächelte das Weib freundlich an: «Entrüste dich nicht! Ich bin kein Menschenfresser, wie du wähnest, will dir und deinen Kindern auch kein Leides tun: aber lass mir den Knaben; der Schreier gefällt mir, will ihn halten wie einen Junker, will ihn in Samt und Seide kleiden und einen wackeren Kerl aus ihm ziehen, der Vater und Brüder einst nähren soll. Fordere hundert Schreckenberger, ich zahl sie dir.»

«Ha!» lachte das rasche Weib, «gefällt Euch der Junge? Ja, das ist ein Junge, der wäre mir nicht um aller Welt Schätze feil.»

«Törin!» versetze Rübezahl, «hast du nicht noch drei Kinder, die dir Last und Überdruss machen! Musst sie kümmerlich nähren und dich mit ihnen plagen Tag und Nacht.»

Das Weib: «Wohl wahr, aber dafür bin ich Mutter, muss tun was meines Berufes ist. Kinder machen Überlast, aber auch manche Freunde.»

Der Geist: «Schöne Freunde, sich mit den Bälgen tagtäglich zu schleppen, sie zu gängeln, zu säubern, ihre Unart und Geschrei zu ertragen!»

Sie: «Wahrlich, Herr, Ihr kennt die Mutterfreuden wenig. Alle Arbeit und Mühe versüßt ein einziger freundlicher Anblick, das holde Lächeln und Lallen der kleinen unschuldigen Würmer. – Seht mir nur den Goldjungen da, wie er an mir hängt, der kleine Schmeichler! Nun ist er’s nicht gewesen, der geschrien hat. – Ach, hätte ich doch hundert Hände, die euch heben und tragen und für euch arbeiten könnten, ihr lieben Kleinen!»

Der Geist: «So! Hat denn dein Mann keine Hände, die arbeiten können?»

Sie: «O ja, die hat er! Er rührt sie auch, und ich fühl’s zuweilen.»

Der Geist aufgebracht: «Wie? Dein Mann erkühnt sich, die Hand gegen dich aufzuheben? Gegen solch ein Weib? Das Genick will ich ihm brechen, dem Mörder!»

Sie lachend: «Da hättet Ihr viel Hälse zu brechen, wenn alle Männer mit dem Halse büßen sollten, die sich an der Frau vergreifen. Die Männer sind ein schlimmes Volk; drum heißt’s: Ehestand, Weh ‘stand; muss mich drein ergeben, warum hab‘ ich gefreit.»

Der Geist: «Nun ja, wenn du wusstest, dass die Männer ein schlimmes Volk sind, so war’s auch ein dummer Streich, dass du streitest.»

Sie: «Mag wohl! Aber Steffen war ein flinker Kerl, der guten Erwerb hatte, und ich eine arme Dirne ohne Heiratsgut. Da kam er zu mir, begehrte mich zur Eh‘, gab mir einen Wildemannstaler auf den Kauf, und der Handel war gemacht. Nachher hat er mir den Taler wieder abgenommen, aber den wilden Mann hab‘ ich noch.»

Der Geist lächelte: «Vielleicht hast du ihn wild gemacht durch deinen Starrsinn.»

Sie: «O, den hat er mir ausgetrieben! Aber Steffen ist ein Knauser; wenn ich ihm einen Engelgroschen abfordere, so rast er im Hause ärger als Ihr zuzeiten im Gebirge, wirft mir meine Armut vor, und da muss ich schweigen. Wenn ich ihm eine Aussteuer zugebracht hätte, wollt‘ ich ihm schon den Daumen aufs Auge halten.»

Der Geist: «Was treibt dein Mann für ein Gewerbe?»

Sie: «Er ist ein Glashändler, muss sich seinen Erwerb auch lassen sauer werden; schleppt der arme Tropf die schwere Bürde aus Böhmen herüber jahraus jahrein; wenn ihm nun unterwegs ein Glas zerbricht, muss ich’s und die armen Kinder freilich entgelten; aber Liebesschläge tun nicht weh.»

Der Geist: «Du kannst den Mann noch lieben, der dir so übel mitspielt?»

Sie: «Warum nicht lieben? Ist er nicht der Vater meiner Kinder? Die werden alles gutmachen und uns wohl belohnen, wenn sie groß sind.»

Der Geist: «Leidiger Trost! Die Kinder danken auch den Eltern Müh‘ und Sorgen! Werden dir die Jungen den letzten Heller aus dem Schweißtuch pressen, wenn sie der Kaiser zum Heere schickt ins ferne Ungarland, dass die Türken sie erschlagen.»

Das Weib: «Ei nun, das kümmert mich auch nicht; werden sie erschlagen, so sterben sie für den Kaiser und fürs Vaterland in ihrem Beruf; können aber auch Beute machen und die alten Eltern pflegen.»

Hierauf erneuerte der Geist den Knabenhandel nochmals; doch das Weib würdigte ihn keiner Antwort, raffte das Laub in den Korb, band obendrauf den kleinen Schreier mit der Leibschnur fest, und Rübezahl wandte sich, als wollte er weiter gehen. Weil aber die Bürde zu schwer war, dass das Weib nicht aufkommen konnte, rief sie ihn zurück: «Ich hab‘ Euch einmal gerufen,» sprach sie, «helft mir nun auch auf, und wenn Ihr ein übriges tun wollt, so schenkt dem Knaben, der Euch gefallen hat, ein Karfreitagsgröschel zu einem Paar Semmeln; morgen kommt der Vater heim, der wird uns Weißbrot aus Böhmen mitbringen.» Der Geist antwortete: «Aufhelfen will ich dir wohl; aber gibst du mir den Knaben nicht, so soll er auch keine Spende haben.» – «Auch gut!» versetzte das Weib und ging ihres Weges.

Je weiter sie ging, je schwerer wurde der Korb, dass sie unter der Last schier erlag, und alle zehn Schritt verschnauben musste. Das schien ihr nicht mit rechten Dingen zuzugehen; sie wähnte, Rübezahl habe ihr eine Posse gespielt und eine Last Steine unter das Laub gesteckt; darum setzte sie den Korb ab auf dem nächsten Rande und stürzte ihn um. Doch es fielen eitel Laubblätter heraus und keine Steine. Also füllte sie ihn wieder zur Hälfte und raffte noch so viel Laub ins Vortuch, wie sie darin fassen konnte; aber bald ward ihr die Last von neuem zu schwer, und sie musste nochmals ausleeren, was die rüstige Frau sehr verwunderte; denn sie hatte gar oft hochgepanzerte Graslasten heimgetragen und solche Mattigkeiten noch nie gefühlt. Desungeachtet beschickte sie bei ihrer Heimkunft den Haushalt, warf den Ziegen und den jungen Hipplein das Laub vor, gab den Kindern das Abendbrot, brachte sie in Schlaf, betete ihren Abendsegen und schlief flugs und fröhlich ein.

Die frühe Morgenröte und der wache Säugling, der mit lauter Stimme sein Frühstück heischte, weckten das geschäftge Weib zu ihrem Tagewerk aus dem gesunden Schlaf. Sie ging zuerst mit dem Melkfasse ihrer Gewohnheit nach zum Ziegenstall. Welch schreckensvoller Anblick! Das gute, nahrhafte Haustier, die alte Ziege, lag da hart und steif, hatte alle viere von sich gestreckt und war verschieden; die Hipplein aber verdrehten die Augen grässlich im Kopfe, steckten die Zunge von sich, und gewaltsame Zuckungen verrieten, dass sie der Tod ebenfalls schüttele. So ein Unglücksfall war der guten Frau noch nicht begegnet, seitdem sie wirtschaftete; ganz betäubt von Schrecken sank sie auf ein Bündlein Stroh hin, hielt die Schürze vor die Augen, denn sie konnte den Jammer der Sterbenden nicht ansehen, und seufzte tief: «Ich unglückliches Weib, was fang ich an! Und was wird mein harter Mann beginnen, wenn er nach Hause kommt? Ach, hin ist mein ganzer Gottessegen auf dieser Welt!» – Augenblicklich strafte sie das Herz dieses Gedankens wegen. «Wenn das liebe Vieh dein ganzer Gottessegen ist auf dieser Welt, was ist denn Steffen und was sind deine Kinder?» Sie schämte sich ihrer Übereilung; lass fahren dahin aller Welt Reichtum, dachte sie, hast du doch noch deinen Mann und deine vier Kinder. Ist doch die Milchquelle für den lieben Säugling noch nicht versiegt, und für die übrigen Kinder ist Wasser im Brunnen. Wenn’s auch einen Strauß mit Steffen absetzt und er mich übel schlägt, was ist’s mehr als ein böses Ehestündlein? Habe ich doch nichts verwahrlost. Die Ernte steht bevor, da kann ich schneiden gehen, und auf den Winter will ich spinnen bis in die tiefe Mitternacht; eine Ziege wird ja wohl wieder zu erwerben sein, und habe ich die, so wird’s auch nicht an Hipplein fehlen.

Indem sie das bei sich gedachte, ward sie wieder frohen Mutes, trocknete ab ihre Tränen, und wie sie die Augen aufhob, lag da vor ihren Füßen ein Blättlein, das flitterte und blinkte so hell, so hoch gelb wie gediegen Gold; sie hob es auf, besah’s, und es war schwer wie Gold. Rasch sprang sie auf, lief damit zu ihrer Nachbarin, zeigte ihr den Fund mit großer Freude, und diese erkannte es für reines Gold, scherte es ihr ab und zählte ihr dafür zwei Dicktaler bar auf den Tisch. Vergessen war nun all ihr Herzeleid. Solchen Schatz an Barschaft hatte das arme Weib noch nie im Besitz gehabt. Sie lief zum Bäcker, kaufte Strötzel und Butterkringel und eine Hammelkeule für Steffen, die sie zurichten wollte, wenn er müde und hungrig auf den Abend von der Reise käme. Wie zappelten die Kleinen der fröhlichen Mutter entgegen, da sie hereintrat und ihnen ein so ungewohntes Frühstück austeilte! Sie überließ sich ganz der mütterlichen Freude, die hungrige Kinderschar zu füttern; und nun war ihre erste Sorge, das ihrer Meinung nach von einer Bösen getötete Vieh beiseite zu schaffen und dieses häusliche Unglück vor dem Manne so lange wie möglich zu verheimlichen. Aber ihr Erstaunen ging über alles, als sie von ungefähr in den Futtertrog sah und einen ganzen Haufen goldener Blätter darin erblickte. Sie ahnte, woran das Vieh gestorben war, darum schärfte sie geschwind das Küchenmesser, brach den Ziegenleichnam auf und fand im Magenschlunde einen Klumpen Gold, so groß wie ein Paulinerapfel, und so auch im Verhältnis in den Mägen der Zicklein.

Jetzt wusste sie ihres Reichtums kein Ende; doch mit dem Besitz empfand sie auch seine drückenden Sorgen; sie wurde unruhig, scheu, fühlte Herzklopfen, wusste nicht, ob sie den Schatz in die Lade verschließen oder in den Keller vergraben sollte, fürchtete Diebe und Schatzgräber, wollte auch den Knauser Steffen nicht gleich alles wissen lassen, aus gerechter Besorgnis, dass er, vom Wuchergeist angetrieben, den Mammon an sich nehmen und sie dennoch nebst den Kindern darben lassen möchte. Sie sann lange, wie sie’s klug damit anstellen möchte, und fand keinen Rat.

Der Pfaffe im Dorfe war der Schutzpatron aller bedrängten Weiber, legte den ungestümen Haustyrannen, wenn Klage einlief, schwere Bußen auf und nahm stets der Weiber Partei. Sie nahm also ihre Zuflucht zu dem trostreichen Seelenpfleger, berichtete ihm unverhohlen das Abenteuer mir Rübezahl, wie er ihr zu großem Reichtum verholfen, und was sie dabei für Anliegen habe, belegte auch die Wahrheit der Sache mit dem ganzen Schatze, den sie bei sich trug. Der Pfaffe kreuzte sich über das Wunderbare dieser Begebenheit mächtig, freute sich gleichwohl über das Glück des armen Weibes und rückte darauf sein Käpplein hin und her, für sie guten Rat zu suchen, um ohne Spuk und Aussehen sie im ruhigen Besitz ihres Reichtums zu erhalten und auch Mittel auszufinden, dass der zähe Steffen sich dessen nicht bemächtigen könne.

Nachdem er lange überlegt, redete er also: «Hör‘ an, meine Tochter, ich weiß guten Rat für alles. Wäge mir das Gold, dass ich’s dir getreulich aufbewahre; dann will ich einen Brief schreiben in welcher Sprache, der soll dahin lauten: Dein Bruder, der vor Jahren in die Fremde ging, sei in der Venediger Dienst nach Indien geschifft und daselbst gestorben und habe all sein Gut dir im Testament vermacht, mit der Bedingung, dass der Pfarrer des Kirchspiels dich bevormunde, damit es dir allein und keinem anderen zu Nutz komme. Ich begehre weder Lohn noch Dank von dir; nur gedenke, dass du der heiligen Kirche einen Dank schuldig bist für den Segen, den dir der Himmel beschert hat, und gelobe ein reiches Messgewand für die Sakristei.» Dieser Rat behagte dem Weibe herrlich; sie gelobte dem Pfarrer das Messgewand; er wog in ihrem Beisein das Gold gewissenhaft bis auf ein Quäntchen aus, legte es in den Kirchenschatz, und das Weib schied mit frohem und leichtem Herzen von ihm.

Rübezahl war nicht minder Weiberpatron als der gutmütige Pfarrer zu Kirsdorf, doch mit Unterschied. Der letztere verehrte das weibliche Geschlecht überhaupt, weil, wie er sagte, die heilige Jungfrau dazu gehöre; jener im Gegenteil hasste das ganze Geschlecht um eines Mädchens willen, das ihn überlistet hatte, obgleich ihn seine Launen zuweilen auf den milden Ton stimmten, ein einzelnes Weiblein in Schutz zu nehmen und ihr gefällig zu sein. So sehr die wackere Dörferin mit ihren Gesinnungen und Benehmen seine Gewogenheit erworben hatte, so ungehalten war er auf den barschen Steffen, trug groß Verlangen, das biedere Weib an ihm zu rächen, ihm eine Posse zu spielen, dass ihm angst und weh dabei würde, und ihn dadurch so kirre zu machen, dass er der Frau untertan würde, und sie ihm nach Wunsch den Daumen aufs Auge halten könne. Zu diesem Vorhaben sattelte er den raschen Morgenwind, saß auf und galoppierte über Berg und Tal, spähte aus wie ein Ausreiter auf allen Landstraßen und Kreuzwegen von Böhmen her, und wo er einen Wanderer erblickte, der eine Bürde trug, war er hinter ihm her und forschte mit dem Scharfblick eines Korbbeschauers nach seiner Ladung. Zum Glück führte kein Wanderer, der diese Straße zog, Glasware, sonst hätte er für Schaden und Spott nicht sorgen dürfen, ohne einen Ersatz zu hoffen, wenn er auch der Mann nicht gewesen wäre, den Rübezahl suchte.

Bei diesen Anstalten konnte ihm der schwer beladene Steffen allerdings nicht entgehen. Um Vesperzeit kam ein rüstiger frischer Mann angeschritten mit einer großen Bürde auf dem Rücken. Unter seinem festen, sichern Tritt ertönte jedes Mal die Last, die er trug. Der Laurer freute sich, sobald er ihn in der Ferne witterte, dass ihm nun seine Beute gewiss war und rüstete sich, seinen Meisterstreich auszuführen. Der keuchende Steffen hatte beinahe das Gebirge erstiegen; nur die letzte Anhöhe war noch zu gewinnen, so ging es bergab nach der Heimat zu, darum sputete er sich, den Gipfel zu erklimmen; aber der Berg war steil und die Last war schwer. Er musste mehr als einmal ruhen, stützte den knotigen Stab unter den Korb, um das drückende Gewicht zu mindern, und trocknete den Schweiß, der ihm in großen Tropfen vor der Stirn stand. Mit Anstrengung der letzten Kräfte erreichte er endlich die Zinne des Berges, und ein schöner gerader Pfad führte zu dessen Abhang. Mitten am Wege lag ein abgesägter Fichtenbaum, und der Überrest des Stammes stand daneben, kerzengerade und aufrecht, oben geebnet wie ein Tischblatt. Ringsumher grünte Tunkagras, Schwallenzagel und Marienflachs. Dieser Anblick war dem ermüdeten Lastträger so anlockend und zu einem Ruheplatz so bequem, dass er alsbald den schweren Korb auf den Klotz absetzte und sich gegenüber im Schatten auf das weiche Gras streckte. Hier übersann er, wie viel reinen Gewinn ihm seine Ware diesmal einbringen würde, und fand nach genauem Überschlag, dass, wenn er keinen Groschen fürs Haus verwendete und die fleißige Hand seines Weibes für Nahrung und Kleidung sorgen ließe, er gerade so viel lösen würde, auf dem Markte zu Schmiedeberg sich einen Esel zu kaufen und zu befrachten. Der Gedanke, wie er in Zukunft dem Grauschimmel die Last aufbürden und gemächlich nebenher gehen würde, war ihm zu der Zeit, wo seine Schultern eben wund gedrückt waren, so herzerquickend, dass er ihm, wie es bei frohen Idealen sehr natürlich ist, weiter nachging. Ist einmal der Esel da, dachte er, so soll mir bald ein Pferd daraus werden, und hab‘ ich nun den Rappen im Stalle, so wird sich auch ein Acker dazu finden, darauf sein Hafer wächst. Aus einem Acker werden dann leicht zwei, aus zweien vier, mit der Zeit eine Hufe und endlich ein Bauerngut, und dann soll Ilse auch einen neuen Rock haben.

Er war mit seinen Projekten beinahe so weit wie das Milchmädchen aus der Fabel, da tummelte Rübezahl seinen Wirbelwind um den Holzstock herum und stürzte mit einem Male den Glaskorb herunter, dass der zerbrechliche Kram in tausend Stücke zerfiel. Das war ein Donnerschlag in Steffens Herz; zugleich vernahm er in der Ferne ein lautes Gelächter, wenn’s anders nicht Täuschung war und das Echo den Laut der zerschellten Gläser nur wieder zurückgab. Er nahm’s für Schadenfreude, und weil ihm der unmäßige Windstoß unnatürlich schien, auch da er recht zusah, Klotz und Baum verschwunden waren, so riet er leicht auf den Unglücksstifter. «O!» wehklagte er, «Rübezahl, du Schadenfroher, was habe ich dir getan, dass du mein Stückchen Brot mir nimmst, meinen sauren Schweiß und Blut! Ach, ich geschlagener Mann auf Lebenszeit!» Hierauf geriet er in eine Art von Wut, stieß alle erdenklichen Schmähreden gegen den Berggeist aus, um ihn zum Zorn zu reizen. «Halunke,» rief er, «komm und erwürge mich, nach dem du mir mein alles auf der Welt genommen hast!» In der Tat war ihm auch das Leben in dem Augenblick nicht mehr wert als ein zerbrochenes Glas; Rübezahl ließ indessen weiter nichts von sich sehen noch hören.

Der verarmte Steffen musste sich entschließen, wenn er nicht den leeren Korb nach Hause tragen wollte, die Bruchstücke zusammenzulesen, um auf der Glashütte wenigstens ein paar Spitzgläser zum Anfang eines neuen Gewerbes dafür einzutauschen. Tiefsinnig wie ein Reeder, dessen Schiff der gefräßige Ozean mit Mann und Maus verschlungen hat, ging er das Gebirge hinab, schlug sich mit tausend schwermütigen Gedanken, machte dazwischen dennoch allerlei Pläne, wie er den Schaden ersetzen und seinem Handel wieder aufhelfen könne. Da fielen ihm die Ziegen ein, die seine Frau im Stalle hatte; doch sie liebte sie schier wie ihre Kinder, und im Guten, wusste er, waren sie ihr nicht abzugewinnen. Darum erdachte er diesen Kniff, seinen Verlust gar nicht daheim zu erzählen, auch nicht bei Tage in seine Wohnung zurückzukehren, sondern um Mitternacht sich ins Haus zu stehlen, die Ziegen nach Schmiedeberg auf den Markt zu treiben und das daraus gelöste Geld zum Ankauf neuer Ware zu verwenden, bei seiner Rückkehr aber mit dem Weibe zu hadern und sich bärbeißig zu stellen, als habe sie durch Unachtsamkeit das Vieh in seiner Abwesenheit stehlen lassen.

Mit diesem wohlersonnenen Vorhaben schlich der unglückliche Mann nahe beim Dorfe in einen Busch und erwartete mit sehnlichem Verlangen die Mitternachtsstunde, um sich selbst zu bestehlen. Mit dem Schlag zwölf machte er sich auf den Diebesweg, kletterte über die niedrige Hoftür, öffnete sie von innen und schlich mit Herzpochen zum Ziegenstalle; er hatte doch Scheu und Furcht vor seinem Weibe, auf einer unrechten Tat sich ertappen zu lassen. Wider Gewohnheit war der Stall unverschlossen, was ihn wunderte, ob’s ihn gleich erfreute; denn er fand in dieser Fahrlässigkeit einen Schein von Recht, sein Vorhaben damit zu beschönigen. Aber im Stall fand er alles öde und wüst; da war nichts, was Leben und Odem hatte, weder Ziege noch Böcklein. Im ersten Schrecken meinte er, es habe ihm bereits ein Dieb vorgegriffen, dem das Stehlen geläufiger sei als ihm; denn Unglück kommt selten allein. Bestürzt sank er auf die Streu und überließ sich, da ihm auch der letzte Versuch, seinen Handel wieder in Gang zu bringen, misslungen war, einer dumpfen Traurigkeit.

Seitdem die geschäftige Ilse vom Pfaffen wieder zurück war, hatte sie mit frohem Mute alles fleißig zugerichtet, ihren Mann mit einer guten Mahlzeit zu empfangen, wozu sie den geistlichen Weiberfreund auch eingeladen hatte, der versprach, ein Kännlein Speisewein mitzubringen, um beim fröhlichen Gelage dem aufgemunterten Steffen von der reichen Erbschaft des Weibes Bericht zu geben, und unter welcherlei Bedingungen er daran Genuss und Anteil haben solle. Sie sah gegen Abendzeit fleißig zum Fenster hinaus, ob Steffen käme, lief aus Ungeduld hinaus vors Dorf, blickte mit ihren schwarzen Augen auf die Landstraße hin, war bekümmert, warum er so lange weile, und da die Nacht hereinbrach, folgten ihr bange Sorgen und Ahnungen in die Bettkammer, ohne dass sie ans Abendbrot dachte. Lange kam ihr kein Schlaf in die ausgeweinten Augen, bis sie gegen Morgen in einen unruhigen, matten Schlummer fiel. Den armen Steffen quälten Verdruss und Langeweile im Ziegenstalle nicht minder; er war so niedergedrückt und kleinlaut, dass er sich nicht traute, an die Tür zu klopfen. Endlich kam er doch hervor, pochte ganz verzagt an und rief mit wehmütiger Stimme: «Liebes Weib, erwache und tue auf deinem Manne!» Sobald Ilse seine Stimme vernahm, sprang sie flink vom Lager wie ein munteres Reh, lief an die Türe und umhalste ihren Mann mit Freuden; er aber erwiderte diese herzigen Liebkosungen gar kalt und frostig, setzte seinen Korb ab und warf sich missmutig auf die Höllbank. Als das fröhliche Weib das Jammerbild sah, ging’s ihr ans Herz. «Was ist dir, lieber Mann,» sprach sie bestürzt, «was hast du?» Er antwortete nur durch Stöhnen und Seufzen; dennoch fragte sie ihm bald die Ursache des Kummers ab, und weil ihm das Herz zu voll war, konnte er sein erlittenes Unglück dem trauten Weibe nicht länger verhehlen. Da sie vernahm, dass Rübezahl den Schabernack verübt hatte, erriet sie leicht die wohltätige Absicht des Geistes und konnte sich des Lachens nicht erwehren, welches Steffen bei mutiger Gemütsverfassung ihr übel würde gelohnt haben. Jetzt ahnte er den scheinbaren Leichtsinn nicht weiter und fragte nur ängstlich nach dem Ziegenvieh. Das reizte noch mehr des Weibes Zwerchfell, da sie bemerkte, dass der Hausvogt schon allenthalben umher spioniert hatte, «Was kümmert dich mein Vieh?» sprach sie, «hast du doch noch nicht nach den Kindern gefragt; das Vieh ist wohl aufgehoben draußen auf der Weide. Lass dich auch den Schelm von Rübezahl nicht anfechten und gräme dich nicht; wer weiß, wo er oder ein anderer uns reichen Ersatz dafür gibt.» – «Da kannst du lange warten,» sprach der Hoffnungslose. – «Ei nun,» versetzte das Weib, «unverhofft kommt oft. Sei unverzagt, Steffen! Hast du auch keine Gläser und ich keine Ziegen mehr, so haben wir doch vier gesunde Kinder und vier gesunde Arme, sie und uns zu ernähren; das ist unser ganzer Reichtum.» – «Ach, dass es Gott erbarme!» rief der bedrängte Mann, «sind die Ziegen fort, so trage die vier Bälge nur gleich ins Wasser, nähren kann ich sie nicht.» – «Nun, so kann ich’s» sprach Ilse.

Bei diesen Worten trat der freundliche Pfaffe herein, hatte vor der Tür schon die ganze Unterredung abgelauscht, nahm das Wort, hielt Steffen eine lange Predigt über den Text, dass der Geiz eine Wurzel alles Übels sei; und nachdem er ihm das Gesetz genügend eingeschärft hatte, verkündigte er ihm nun auch das Evangelium von der reichen Erbschaft des Weibes, zog den welschen Brief heraus und verdolmetschte ihm daraus, dass der zeitige Pfarrer in Kirsdorf zum Vollstrecker des Testaments bestellt sei und die Verlassenschaft des abgeschiedenen Schwagers zu sicherer Hand bereits empfangen habe.

Steffen stand da wie ein stummer Ölgötze, konnte nichts als sich dann und wann verneigen, wenn bei Erwähnung der durchlauchten Republik Venedig der Pfaffe ehrerbietig ans Käpplein griff. Nachdem er wieder zu mehr Besonnenheit gelangt war, fiel er dem trauten Weibe herzig in die Arme und tat ihr die zweite Liebeserklärung in seinem Leben, so warm wie die erste, und, ob wohl sie jetzt aus anderen Beweggründen stammte, so nahm sie Ilse doch für gut auf. Steffen wurde von nun an der geschmeidigste, gefälligste Ehemann, ein liebevoller Vater seiner Kinder und dabei ein fleißiger ordentlicher Wirt; denn Müßiggang war nicht seine Sache.

Der redliche Pfaffe verwandelte nach und nach das Gold in klingende Münze und kaufte davon ein großes Bauerngut, worauf Steffen und Ilse wirtschafteten ihr Leben lang. Den Überschuss lieh er auf Zins aus und verwaltete das Kapital so gewissenhaft wie den Kirchenschatz, nahm keinen anderen Lohn dafür als ein Messgewand, das Ilse so prächtig machen ließ, dass kein Erzbischof sich dessen hätte schämen dürfen.

Die zärtliche treue Mutter erlebte noch im Alter große Freude an ihren Kindern, und Rübezahls Günstling wurde gar ein wackerer Mann, diente im Heer des Kaisers lange Zeit unter Wallenstein im Dreißigjährigen Kriege.


Fünfte Legende



Seitdem Mutter Ilse von dem Gnomen so herrlich war beschenkt worden, ließ er lange Zeit nichts mehr von sich hören. Zwar trug sich das Volk mit allerlei Wundergeschichten, welche die Phantasie der Hausmütter an geselligen Winterabenden so lang und fein ausspann wie den Faden am Rocken; es war aber eitel Fabelei zur Kurzweil ausgedacht. Der Gräfin Cäcilie, Voltairens Zeitgenossin und Schülerin, war noch in unseren Tagen die letzte Begegnung mit dem Gnomen vorbehalten, bevor er seine jüngste Hinabfahrt in die Unterwelt antrat.

Diese Dame, mit Gicht und vornehmen Gebrechen beladen, machte nebst zwei gesunden blühenden Töchtern die Reise ins Karlsbad. Die Mutter verlangte so sehr nach der Badekur und die Fräulein nach der Badegesellschaft, nach Bällen und den übrigen Lustbarkeiten des Bades, dass sie gerade mit Sonnenuntergang ins Riesengebirge gelangten. Es war ein schöner warmer Sommerabend, kein Lüftchen regte sich. Der nächtliche Himmel, mit funkelnden Sternen besät, die goldene Mondsichel, deren milchfarbenes Licht die schwarzen Waldschatten der hohen Fichten milderte, und die beweglichen Funken unzähliger leuchtender Insekten, die in den Gebüschen scherzten, gaben die Beleuchtung zu einer der schönsten Naturszenen, obwohl die Reisegesellschaft wenig davon wahrnahm; denn Mama war, da es langsam bergan ging, von der schaukelnden Bewegung des Wagens in sanften Schlummer gewiegt worden, und die Töchter nebst der Zofe hatten sich jede in ein Eckchen gedrückt und schlummerten gleichfalls. Nur dem wachsamen Johann kam auf der hohen Warte des Kutschbockes kein Schlaf in die Augen; alle Geschichten von Rübezahl, die er vorzeiten so inbrünstig angehört hatte, kamen ihm jetzt auf dem Tummelplatz dieser Abenteuer wieder in den Sinn, und er hätte wohl gewünscht, nie etwas davon gehört zu haben. Ach, wie sehnte er sich nach dem sichern Breslau zurück, wohin sich nicht leicht ein Gespenst wagte! Er sah schüchtern auf alle Seiten umher und durchlief mit den Augen oft zweiunddreißig Regionen der Windrose in weniger als einer Minute, und wenn er etwas ansichtig wurde, das ihm bedenklich schien, lief ihm ein kalter Schauer den Rücken herunter, und die Haare stiegen ihm zu Berge. Zuweilen ließ er seine Besorgnisse den Schwager Postillion merken und forschte mit Fleiß von ihm, ob’s auch geheuer sei im Gebirge. Obwohl ihn dieser durch einen kräftigen Fuhrmannsschwur beruhigte, bangte ihm doch das Herz unablässig.

Nach einer langen Pause der Unterredung hielt der Kutscher die Pferde an, murmelte etwas zwischen den Zähnen und fuhr weiter, hielt nochmals an und wechselte so verschiedentlich. Johann, der seine Augen fest geschlossen hatte, ahnte aus diesem Kutschmanöver nichts Gutes, blickte schüchtern auf und sah mit Entsetzen in der Weite eines Steinwurfs vor dem Wagen eine pechrabenschwarze Gestalt daher wandeln, von übermenschlicher Größe, mit einem weißen spanischen Halskragen angetan, und das Bedenkliche bei der Sache war, dass der Schwarzmantel keinen Kopf hatte. Hielt der Wagen, so stand der Wanderer, und regte Wipprecht die Pferde an, so ging auch er weiter. «Schwager, siehst du was!» rief der zaghafte Tropf vom hohen Kutschbock herab mit berganstehendem Haar. «Freilich sehe ich was,» antwortet dieser ganz kleinlaut; «aber schweig nur, dass wir’s nicht irremachen.» Johann waffnete sich mit allen Stoßgebetlein, die er wusste, schwitzte dabei vor Angst kalten Todesschweiß. Und wie ein Blitzscheuer, wenn’s in der Nacht wetterleuchtet und der Donner noch in der Ferne rollt, schon das ganze Haus rege macht, um sich durch die Geselligkeit vor der gefürchteten Gefahr zu sichern, so suchte aus dem nämlichen Instinkt der verzagte Diener Trost und Schutz bei seiner schlummernden Herrschaft und klopfte hastig ans Fensterglas. Die erwachende Gräfin, unwillig, dass sie aus ihrem sanften Schlummer gestört wurde, fragte: «Was gibt’s?» – «Ihr Gnaden, schauen Sie einmal aus,» rief Johann mit zagender Stimme, «dort geht ein Mann ohne Kopf.» – «Dummkopf, der du bist,» antwortete die Gräfin, «was träumt deine Pöbelphantasie für Fratzen! Und wenn dem so wäre,» fuhr sie scherzhaft fort, «so ist ja ein Mann ohne Kopf keine Seltenheit, es gibt deren in Breslau und außerhalb genug.» Die Fräuleins konnten indessen den Witz der gnädigen Mama diesmal nicht schmecken; ihr Herz war beklommen vor Schrecken, sie schmiegten sich schüchtern an die Mutter an, bebten und jammerten: «Ach, das ist Rübezahl, der Bergmönch!» Die Dame aber, die von der Geisterwelt eine ganz andere Theorie hatte als die Töchter, strafte die Fräulein dieser Vorurteile halber, bewies, dass alle Gespenster- und Spukgeschichten Ausgeburten einer kranken Einbildungskraft wären, und erklärte die Geistererscheinungen samt und sonders aus natürlichen Ursachen.

Ihre Rede war eben in vollem Gange, als der Schwarzmantel, der auf einige Augenblicke dem Gespensterspäher aus den Augen geschwunden war, wieder aus dem Busch hervor an den Weg trat. Da war nun deutlich wahrzunehmen, dass Johann falsch gesehen hatte; der Wandersmann hatte allerdings einen Kopf, nur dass er ihn nicht wie gewöhnlich zwischen den Schultern, sondern wie einen Schoßhund im Arme trug. Dieses Schreckbild in der Weite von drei Schritten erregte innerhalb und außerhalb des Wagens groß Entsetzen. Die holden Fräulein und die Zofe, die sonst nicht gewohnt war mit einzureden, wenn ihre junge Herrschaft das Wort führte, taten aus einem Munde einen lauten Schrei, ließen den seidenen Vorhang herabrollen, um nichts zu sehen, und verbargen ihr Angesicht wie der Vogel Strauß, wenn er dem Jäger nicht mehr entrinnen kann. Mama schlug mit stummen Schrecken die Hände zusammen. Johann, auf den der furchtbare Schwarzmantel ein besonderes Absehen gerichtet zu haben schien, erhob in der Angst seines Herzens das gewöhnliche Feldgeschrei, womit die Gespenster begrüßt zu werden pflegen: «Alle guten Geister -;» doch ehe er ausgeredet hatte, schleuderte ihm das Ungestüm den abgehauenen Kopf gegen die Stirn, dass er über Kopf von der Zinne des Polsters über den Ringnagel herabstürzte; in dem nämlichen Augenblicke lag auch der Postkutscher durch einen kräftigen Keulenschlag zu Boden gestreckt, und das Gespenst keuchte aus hohler Brust in dumpfen Ton diese Worte aus: «Nimm das von Rübezahl, dem Herrn des Gebirges, dass du ihm ins Gehege fuhrst! Verfallen ist mir Schiff, Geschirr und Ladung.» Hierauf schwang sich das Gespenst auf den Sattel, trieb die Pferde an und fuhr bergab, bergan, über Stock und Stein, dass vor dem Rasseln der Räder und dem Schnauben der Rosse von dem Angstgeschrei der Damen nichts hörbar war.

Urplötzlich vermehrte sich die Gesellschaft um eine Person; ein Reiter trabte ganz unbefangen neben dem Fuhrmann vorbei und schien es gar nicht zu bemerken, dass diesem der Kopf fehlte; ritt vor dem Wagen her, als wenn er dazu gedungen wäre. Dem Schwarzmantel schien diese Gesellschaft eben nicht zu behagen, er lenkte nach einer anderen Richtung um, der Reiter tat dasselbe, und so oft auch jener aus dem Wege bog, so konnte er den lästigen Geleitsmann nicht loswerden, der wie zum Wagen gebannt war. Das nahm den Fuhrmann groß wunder, besonders da er deutlich wahrnahm, dass der Schimmel des Reisigen einen Fuß zu wenig hatte, obgleich die dreibeinige Rosinante übrigens ganz schulgerecht traversierte. Dabei wurde dem schwarzen Kondukteur auf dem Sattelgaule nicht wohl zumute und er fürchtete, seine Rübezahlsrolle dürfte bald ausgespielt sein, da der wahre Rübezahl sich ins Spiel zu mischen schien.

Nach Verlauf einiger Zeit drehte sich der Reiter, dass er dicht neben den Fuhrmann kam, und fragte ihn ganz traulich: «Landsmann ohne Kopf, wo geht die Reise hin?» – «Wo wird’s hingehen,» antwortete das Kutschergespenst mit furchtbarem Trutz, «wie Ihr seht, der Nase nach.» – «Wohl!» sprach der Reiter, «lass sehen Gesell, wo du die Nase hast!» Drauf fiel er den Pferden in die Zügel, packte den Schwarzmantel beim Leibe und warf ihn so kräftig zur Erde, dass ihm alle Glieder dröhnten; denn das Gespenst hatte Fleisch und Bein, wie sie ordentlicherweise zu haben pflegen. Behänd wurde die Maske abgerissen; da kam ein wohlproportionierter Krauskopf zum Vorschein, der gestaltet war wie ein gewöhnlicher Mensch. Weil sich nun der Schalk entdeckt sah und die sichere Hand seines Gegners fürchtete, auch nicht zweifelte, der Reisige sei der leibhaftige Rübezahl, den er nachzuäffen sich unterfangen hatte, ergab er sich auf Diskretion und bat flehentlich um sein Leben. «Gestrenger Gebirgsherr,» sprach er, «habt Erbarmen mit einem Unglücklichen, der die Fußtritte des Schicksals von Jugend auf erfahren hat, der nie sein durfte was er wollte, der jederzeit aus dem Charakter mit Gewalt herausgestoßen wurde, in den er sich mit Mühe hinein studiert hatte, und nachdem seine Existenz unter den Menschen vernichtet ist, auch nicht einmal ein Gespenst sein darf.»

Diese Anrede war ein Wort geredet zu seiner Zeit. Der Gnom war gegen seinen Nebenbuhler so ergrimmt und würde ihn erdrosselt haben, wenn nicht seine Neugierde wäre rege gemacht worden, die Schicksale des Abenteuers zu vernehmen. «Sitz‘ auf, Gesell,» sprach er, «und tue, was du geheißen wirst.» darauf zog er vorerst dem Schimmel den vierten Fuß zwischen den Rippen hervor, trat an den Schlag, öffnete ihn und wollte die Reisegesellschaft freundlich begrüßen.

Aber drinnen war’s still wie in einer Totengruft; der übermäßige Schrecken hatte das weibliche Nervensystem so gewaltsam erschüttert, dass alle Lebensgeister aus den äußeren Werkzeugen der Empfindung hinter das Schutzgatter der Herzkammer sich geflüchtet hatten; alles was innerhalb des Wagens Leben und Odem hatte, von der gnädigen Frau bis auf die Zofe, lag in ohnmächtigem Hinbrüten. Der Reisige wusste indessen bald Rat zu schaffen; er schöpfte aus dem vorüberrieselnden Bächlein einer frischen Bergquelle seinen Hut voll Wasser, sprengte den erstorbenen Damen davon ins Gesicht, hielt ihnen das Riechglas vor, rieb ihnen von der flüchtigen Essenz an die Schläfe und brachte sie wieder ins Leben. Sie schlugen eine nach der anderen die Augen auf und erblickten einen wohlgestalteten Mann von unverdächtigem Ansehen, der durch seine Dienstbeflissenheit sich bald Zutrauen erwarb. «Es tut mir leid, meine Damen,» redete er sie an, «dass sie in meinem Gerichtsbezirk von einem entlarvten Bösewicht sind beleidigt worden, der ohne Zweifel die Absicht hatte, Sie zu bestehlen; aber Sie sind in Sicherheit, ich bin der Oberst von Riesental. Erlauben Sie, dass ich Sie zu meiner Wohnung geleite, die nicht fern ist.» Diese Einladung kam der Gräfin sehr gelegen, sie nahm sie mit Freuden an; der Krauskopf bekam Befehl fortzufahren und gehorchte mit zagender Bereitwilligkeit. Um den armen Damen Zeit zu lassen, sich von ihrem Schrecken zu erholen, gesellte sich der Kavalier wieder zum Fuhrmann, hieß ihn bald rechts bald links wenden, und dieser bemerkte ganz eigentlich, dass der Ritter zuweilen eine von den herumschwirrenden Fledermäusen zu sich berief und ihr geheime Aufträge erteilte, was sein Grausen noch vermehrte.

In Zeit von einer Stunde blinkte in der Ferne ein Lichtlein, daraus wurden zwei und endlich vier; es kamen vier Jäger herangesprengt mit brennenden Windlichtern, die ihren Herrn, wie sie sagten, ängstlich gesucht hatten und erfreut schienen, ihn zu finden. Die Gräfin war nun wieder in vollem Gleichgewichte, und da sie sich außer Gefahr sah, dachte sie an den ehrlichen Johann und war um sein Schicksal bekümmert. Sie eröffnete ihrem Schutzpatron dieses Anliegen, der alsbald zwei von den Jägern fortschickte, die beiden Unglückskameraden aufzusuchen und ihnen nötigen Beistand zu leisten. Bald darauf rollte der Wagen durchs düstere Burgtor in einem geraumen Vorhof hinein und hielt vor einem herrlichen Palast, der ganz erleuchtet war. Der Kavalier bot der Gräfin den Arm und führte sie in die Prachtgemächer seines Hauses in eine große Gesellschaft ein, die daselbst versammelt war. Die Fräulein befanden sich in keiner geringen Verlegenheit, dass sie in Reisekleidern in einen so vornehmen Kreis traten, ohne vorher Toilette gemacht zu haben.

Nach den ersten Höflichkeitsbezeugungen gruppierte sich die Gesellschaft wieder in verschiedene kleine Zirkel, einige setzten sich zum Spiel, andere unterhielten sich durch Gespräche. Das Abenteuer wurde viel beredet und, wie es bei Erzählungen überstandener Gefahren gewöhnlich der Fall ist, weiter ausgeschmückt. Bald darauf führte der aufmerksame Wirt einen Mann ein, der recht wie gerufen kam; es war ein Arzt, der nach dem Gesundheitszustande der Gräfin und ihrer schönen Töchter forschte, den Puls prüfte und mit bedeutender Miene mancherlei bedenkliche Krankheitsanzeigen ahnte. Obgleich sich die Dame nach Beschaffenheit ihrer Umstände so wohl befand wie jemals, so machte sie doch die angedrohte Gefahr für das Leben ängstlich; denn aller Liebesbeschwerden ungeachtet, war ihr der gebrechliche Körper noch so lieb wie ein langgewohntes Kleid, das man nicht gern entbehrt, obgleich es abgetragen ist. Auf Verordnung des Arztes verschluckte sie starke Mengen temperierender Pulver und Tropfen, und die gesunden Töchter mussten wider Willen und Dank dem Beispiel der besorgten Mutter gleichfalls folgen.

Allzu nachgiebige Patienten machen strenge Ärzte; der blutdurstige Arzt bestand nun sogar auf einen Aderlass, zog in Ermangelung seines Handlangers, des Wundarztes, die rote Binde hervor, und die Gräfin bequemte sich zu dem angerühmten Schutzmittel gegen alle schädlichen Wirkungen des Schreckens unweigerlich. Denn nur mit Mühe vermochte es die Überredungskunst des Arztes und die mütterliche Autorität über die Fräulein, dass sie die Furcht vor dem stählernen Zahn des Schneppers überwanden und den Fuß ins Wasser setzten. Zuletzt kam auch die Kammerjungfer noch an die Reihe, obgleich sie doch beteuerte, sie sei so blutscheu, dass die kleinste Verwundung von einer Nähnadel ihr Schwindel und Ohnmachten zu erregen pflege, so kehrte sich der unerbittliche Arzt doch an kein Weigern, entstrumpfte den Fuß des niedlichen Mädchens ohne Barmherzigkeit und bediente sie kunstmäßig und sorgsam wie ihre Herrschaft.

Diese Operation war kaum vollendet, so begab man sich zur Tafel in den Speisesaal, wo ein königliches Mahl aufgetischt wurde. Die Schenktische waren bis an das Gesims des Deckengewölbes mit Silberwerk aufgeputzt; es prangten da goldene und übergoldete Pokale und Willkommen nebst den dazugehörigen Kredenzschalen von getriebener Arbeit. Eine herrliche Musik tönte aus dem Nebenzimmer und flötete den leckerhaften Schmaus und die feinen Weine den Gästen lieblich hinunter. Nach dem Abräumen der Schüsseln ordnete der Speisemeister den bunten Nachtisch, der aus Bergen und Felsen von gefärbten Zucker und Gummi Tragant bestand. Die Gräfin unterließ nicht, das alles in der Stille bei sich bewundernd zu beherzigen. Sie wendete sich an ihren bebänderten Stuhlnachbar, seiner Angabe nach ein böhmischer Graf, fragte neugierig, was für ein Galatag hier gefeiert werde, und erhielt zur Antwort, dass nichts Außerordentliches vorgehe, es sei nur eine freundschaftliche Kollation guter Bekannten, die hier zufälligerweise zusammenträfen. Es nahm sie wunder, von dem wohlhabenden gastfreien Obersten von Riesental weder in noch außerhalb Breslau nie ein Wort gehört zu haben, und so emsig sie auch die vornehmen Geschlechtstafeln durchlief, wovon ihr Gedächtnis einen reichen Vorrat aufbewahrte, konnte sie doch diesen Namen darunter nicht ausfindig machen. Sie gedachte das von dem Wirte selbst zu erforschen, wovon sie Aufschluss und Belehrung begehrte; aber dieser wusste ihr so geschickt auszuweichen, dass sie nie mit ihm zum Zwecke kam. Geflissentlich riss er den Faden ab und zog die Unterredung in die lustigen Regionen des Geisterreichs hinüber; und in einer Gesellschaft, die sich auf den Ton der Geistergeschichten und Geisterseherei stimmt, wird’s selten bald Feierabend, wenigstens gebricht’s in diesen Fächern nie an Worthaltern und horchsamen Zuhörern.

Ein wohlgenährter Domherr wusste viel wundersame Geschichten von Rübezahl zu erzählen; man stritt für und wider seine Wahrheit; die Gräfin, die recht in ihrem Elemente war, wenn sie den Lehrton anstimmen und gegen Vorurteile zu Felde ziehen konnte, setzte sich an die Spitze der philosophischen Partei und trieb einen gelähmten Finanzrat, an dem nichts Gelenkes war, als die Zunge, und der sich zu Rübezahls rechtlichen Anwalt aufwarf, durch ihre Starkgeisterei sehr in die Enge. «Meine eigene Geschichte,» fügte sie zum Beschlusse noch hinzu, «ist ein augenscheinlicher Beweis, dass alles, was man von dem berufenen Berggeiste sagt, leere Träume sind. Wenn er hier im Gebirge sein Wesen hätte und die edlen Eigenschaften besäße, die ihm Fabler und müßige Köpfe zueignen, so würde er einem Schurken nicht gestattet haben, solchen Unfug auf seine Rechnung mit uns zu treiben. Aber das armselige Unding von Geist konnte seine Ehre nicht retten und ohne den edelmütigen Beistand des Herrn von Riesental hätte der freche Bube sein Spiel soweit mit uns treiben können, wie er Lust hatte.» – Der Herr vom Hause hatte an diesen Gesprächen bisher wenig Anteil genommen; jetzt aber mischte er sich mit ins Gespräch und nahm das Wort. «Sie haben auch das Nichtsein des alten Bewohners dieser Gegend mit guten Gründen genug bewiesen und sein rechtlicher Beistand, unser Finanzrat, ist verstummt. Dennoch dünkt mich, ließen sich gegen Ihren letzten Beweis noch einige Einwürfe machen. Wie, wenn der fabelhafte Gebirgsgeist bei Ihrer Befreiung aus der Hand des entlarvten Räubers dennoch mit im Spiel gewesen wäre? Wie, wenn dem Freund Nachbar beliebt hätte, meine Gestalt anzunehmen, um Sie unter dieser unverdächtigen Maske in Sicherheit zu bringen, und wenn ich Ihnen sagte, dass ich von dieser Gesellschaft, als Wirt vom Hause, mich nicht einen Fußbreit entfernt habe? Dass Sie durch einen Unbekannten in meine Wohnung sind eingeführt worden, dass der Nachbar Berggeist seine Ehre gerettet hätte, und daraus würde folgen, dass er nicht ganz das Unding wäre, wofür Sie ihn halten.»

Diese Rede brachte die Gräfin einigermaßen aus der Fassung, und die schönen Fräulein legten vor Erstaunen die Gabel aus der Hand und sahen dem Tischwirt starr ins Angesicht, um ihm aus den Augen zu lesen, ob das im Scherz oder Ernst gesagt sei. Die nähere Erörterung dieser Frage unterbrach die Ankunft des wiederaufgefundenen Bedienten und des Postkutschers. Der letztere fühlte eben die Wonne bei Erblickung seiner vier Rappen im Stalle, die der erstere empfand, als er frohlockend ins Tafelgemach eintrat und daselbst seine Herrschaft vergnügt und wohlbehalten antraf. Triumphierend trug er das ungeheure Riesenhaupt des Schwarzmantels einher, durch das er wie von einer Bombe zu Boden geschmettert worden war. Das Haupt wurde dem Arzte übergeben, um sein Gutachten darüber auszustellen. Doch ohne sein Messer anzustellen, erkannte er es alsbald für einen ausgehöhlten Kürbis, der mit Sand und mit Steinen angefüllt und durch den Zusatz einer hölzernen Nase und eines langen Flachsbartes zu einem grotesken Menschenantlitz aufgestutzt war.

Nach aufgehobener Tafel schied die Gesellschaft auseinander, da der Morgen bereits heran dämmerte. Die Damen fanden ein köstlich zubereitetes Nachtlager in seidenen Prunkbetten, wo sie der Schlaf so geschwind überraschte, dass die Phantasie nicht Zeit hatte, ihnen die Schreckbilder der Gespenstergeschichte wieder vorzugaukeln und durch ihr gewöhnliches Schattenspiel ängstliche Träume anzuspinnen. Es war hoch am Tage, als Mama erwachte, der Zofe klingelte und die Fräulein weckte, die gern noch einen Versuch gemacht hätten, in den weichen Daunen auch auf dem anderen Ohr zu schlafen. Allein die Gräfin verlangte so sehr, die Heilkräfte des Bades möglichst bald zu versuchen, dass sie durch keine Einladung des gastfreien Hauswirtes zu bewegen war, einen Tag zu verweilen, so gern auch die Fräulein dem Ball beigewohnt hätten, den er ihnen zu geben verhieß. Gerührt durch die freundschaftliche Aufnahme, die sie in dem Schlosse des Herrn vom Riesental genossen hatten, der auf die höflichste Art bis an die Grenzen seines Gebietes ihnen das Geleit gab, beurlaubten sie sich mit der Verheißung, auf der Rückreise wieder einzusprechen.

Kaum war der Gnom in seiner Burg angelangt, so wurde der Krauskopf ins Verhör geführt, der unter Furcht und Erwartung der Dinge, die da kommen würden, die Nacht in einem unterirdischen Keller zugebracht hatte. «Elender Erdenwurm,» redete ihn der Geist an, «was hält mich ab, dass ich dich zertrete für die in meinem Eigentum mir zu Spott und Hohn verübte Gaukelei? Büßen sollst du mir mit Haut und Haar für diese Frechheit.» – «Großguter Regent des Riesengebirges,» fiel der Schlaukopf ihm ein, «so wohlbegründet Eure Rechte über diesen Grund und Boden sein mögen, die ich Euch auch nicht streitig mache, so sagt mir erst, wo Eure Gesetze angeschlagen sind, die ich übertreten habe, und dann verurteilt mich.» Diese Virtuosensprache und die dreiste Ausflucht, die der Gefangene seinem strengen Richter im Wege des Rechtes entgegenstellte, ließen keinen gewöhnlichen Menschen vermuten. Darum mäßigte der Geist seinen Unwillen einigermaßen und sprach: «Meine Gesetze hat dir die Natur ins Herz geschrieben; aber damit du nicht sagen kannst, dass ich dich unverhörter Sache verurteilt habe, so rede und bekenne mir frei: wer bist du und was trieb dich, hier im Gebirge als ein Gespenst zu tosen?»

Das war dem Verhafteten lieb zu hören, dass er zum Worte kommen sollte, hoffte durch die getreue Erzählung seiner Schicksale sich von der verwirkten Rache des Geistes loszuschwatzen, oder die Strafe doch wenigstens zu mildern.

«Weiland,» fing er an, «hieß ich der arme Kunz und lebte in der Sechsstadt Lauban als ein ehrlicher Beutler kümmerlich von meiner Hände Arbeit; denn es gibt kein Gewerbe, das kärglicher nährt als die Ehrlichkeit. Obgleich meine Beutel guten Vertrieb fanden, weil die Rede ging, das Geld ruhe darin wohl, indem ich als der siebente Sohn meines Vaters eine glückliche Hand hätte, so widerlegte sich doch dieser Glaube durch mich selbst; mein eigener Beutel blieb immer leer und ledig wie ein gewissenhafter Magen am Fasttage. Dass aber meinen Kunden sich das Geld in den von mir erhandelten Beuteln so wohl konservierte, lag meinem Bedenken nach weder an der glücklichen Hand des Meisters, noch an der Güte der Arbeit, sondern an dem Stoff meiner Beutel: sie waren von Leder. Ihr sollt wissen, Herr, dass ein lederner Beutel das Geld allezeit fester hält als ein netzförmiger durchlöcherter von Seide. Wem an einem ledernen Beutel genügt, der ist nicht leicht ein Verschwender, sondern ein Mann, der, wie das Sprichwort sagt, den Knopf auf den Beutel hält; die durchsichtigen aber von Seide und Goldzwirn befinden sich in den Händen vornehmer Prasser, und da ist’s kein Wunder, wenn sie an allen Orten ausrinnen wie ein durchlöchert Fass und, so viel man auch hineinschüttet, dennoch immer leer und ledig bleiben.

Mein Vater prägte seinen sieben Buben fleißig die goldene Lehre ein: Kinder, was ihr tut, das treibt mir Ernst; darum trieb ich mein Gewerbe unverdrossen, ohne dass mein Nahrungszustand dadurch gefördert wurde. Es kam Teuerung, Krieg und bös Geld ins Land; meine Mitmeister dachten: Leicht Geld, leichte Ware, ich aber dachte: Ehrlich währt am längsten, gab gute Ware für schlecht Geld, arbeitete mich an den Bettelstab, war in den Schuldturm geworfen, aus der Innung gestoßen und, als mich meine Gläubiger nicht mehr länger ernähren wollten, ehrlich des Landes verwiesen. Auf dieser Wanderschaft ins Elend begegnete mir einer meiner alten Kunden; er ritt auf einem stolzen Ross stattlich einher, rief mich an und höhnte mich: Du Pfuscher, du Lump, bist, sehe ich wohl, deiner Kunst nicht Meister, verstehst sie gar schlecht, weist den Darm aufzublasen und ihn nicht zu füllen, machst den Topf und kannst nicht drein kochen, hast Leder und keinen Leisten dazu, machst so herrliche Beutel und hast kein Geld. – Höre, Gesell, antwortete ich dem Spötter, du bist ein elender Schütz, triffst mit deinen Pfeilen nicht ans Ziel. Es sind mehr Dinge in der Welt, die zusammengehören und die man nicht beieinander findet; hat mancher einen Stall und kein Pferd hineinzuziehen, oder eine Scheuer und keine Garben auszudreschen, einen Brotschrank und kein Brot, oder einen Keller und keinen Haustrunk, und so sagt auch das Sprichwort: Einer hat den Beutel, der andere das Geld. – Besser ist doch beides zusammen, versetzte er; bist du gesonnen bei mir in die Lehre zu treten, so will ich einen vollkommenen Meister aus dir machen, und weil du das Beutelmachen so wohl verstehst, will ich dich auch lehren den Beutel zu füllen; denn ich bin ein Geldmacher meines Handwerks; da nun beide Professionen einander in die Hand arbeiten, ist’s billig, dass die Kunstverwandten gemeine Sache machen. – Wohl, sprach ich, seid Ihr ein zünftiger Meister in irgendeiner Münzstadt, so mag’s drum sein; aber münzt Ihr auf Eure eigene Rechnung, so ist’s halsbrechende Arbeit, die mit dem Galgen lohnt, dann halte ich mich fern. – Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, sprach er, und wer bei der Schüssel sitzt und nicht zulangt, der mag darben. Am Ende läuft’s auf eins hinaus, ob du erstickst oder verhungerst, einmal muss es doch gestorben sein. – Nur mit Unterschied, fiel ich ihm ein, ob einer als ein ehrlicher Mann stirbt oder als ein Übeltäter. – Vorurteil, rief er, was kann das für eine Übeltat sein, wenn einer ein Stück Metall rundet?

Kurz, der Mann hatte eine Gabe, zu überreden, dass ich mir seinen Vorschlag gefallen ließ. Ich fand mich bald ins Handwerk, war eingedenk der väterlichen Lehre, mein Geschäft mit Ernst zu treiben, und erfuhr, dass die Geldmacherkunst besser und gemächlicher nähre als die Beutlerzunft. Aber wir wurden entdeckt und laut Urteil und Recht auf Lebenszeit auf den Festungsbau gebracht.

Hier lebte ich einige Jahre nach der Regel der büßenden Brüder, bis ein guter Engel, der damals im Lande herumzog, alle Gefangenen los und ledig zu machen, die knochenfest und rüstig waren, mir die Tür des Gefängnisses auftat. Es war ein Werbeoffizier, der mir anstatt für den König zu karren, den edleren Beruf gab, für ihn zu fechten. Mit diesem Tausch war ich wohl zufrieden; ich nahm mir nun vor, ganz Soldat zu sein, zeichnete mich bei jeder Gelegenheit aus, war immer der erste beim Angriff, und wenn wir zurückgingen, war ich so gewandt, dass mich der Feind nie einholen konnte. Das Glück wollte mir wohl, schon führte ich eine Rotte Reiter an und hoffte bald höher zu steigen. Da ward ich einmal auf Fouragierung ausgeschickt und befolgte meine Order so streng und pünktlich, dass ich nicht nur Speicher und Scheuer, sondern auch Kisten und Kasten in Häusern und Kirchen rein ausfouragierte. Zum Unglück war’s in Freundes Land, das gab großen Lärm; gehässige Leute nannten das Unternehmen eine Plünderung, man machte mir als Plünderer den Prozess, ich wurde degradiert durch eine Gasse von fünfhundert Mann eilends aus dem ehrsamen Stande heraus gestäupt, in dem ich gedachte mein Glück zu machen.

Jetzt wusste ich keinen anderen Rat, als wieder zu meinem Beruf zu greifen; aber es fehlte mir an Barschaft, Leder einzukaufen und an Lust zu arbeiten. Weil ich nun wegen des allzu wohlfeilen Verkaufs ein unstreitiges Recht auf meine ehemalige Ware zu haben vermeinte, so fasste ich den Anschlag, mich dieser mit guter Arbeit wieder zu bemächtigen, und ob sie schon durch langen Gebrauch abgenutzt war, mich dennoch meines Schadens in etwas dadurch zu erholen. Darum fing ich an, die Taschen zu untersuchen, und hielt jeden Beutel, den ich witterte, für einen von meiner Arbeit, machte Jagd darauf, und alle derer ich mich bemächtigen konnte, erklärte ich alsbald als gute Prisen. Bei dieser Gelegenheit hatte ich die Freude, einen guten Teil meiner eigenen Münze wieder einzukassieren; denn obgleich sie verrufen war, so kursierte sie doch nach wie vor in Handel und Wandel. Dies Gewerbe ging eine Zeitlang wohl vonstatten; ich besuchte unter mancherlei Gestalten, bald als Kavalier, bald als Handelsmann Messen und Märkte, hatte mich so gut in mein Fach einstudiert, meine Hand war so geübt und behänd, dass sie nie einen Fehlgriff tat und mich reichlich nährte. Diese Lebensart behagte mir trefflich, dass ich beschloss, dabei zu verharren; doch der Eigensinn meines Geschicks gestattete mir nie, das zu sein, was ich wollte. Ich bezog den Jahrmarkt zu Liegnitz und hatte da den Beutel eines reichen Pächters aufs Korn genommen, der von Gold strotzte wie der Bauch seines Besitzers von Schmerz. Durch die Unbehilflichkeit des schweren Säckels missriet der Kunstgriff meiner Hand; ich wurde auf der Tat ergriffen und unter der gehässigen Anklage als ein Beutelschneider vor Gericht gestellt, obschon ich diesen Namen nicht in einer unehrlichen Bedeutung verdiente. Ich hatte zwar ehedem Beutel genug zugeschnitten, aber nie hatte ich einem Menschen den Geldbeutel abgeschnitten, wie man mich doch beschuldigte; sondern alle, die ich erbeutet hatte, waren mir gleichsam freiwillig in die Hände gelaufen, als wenn sie zu ihrem ersten Eigentümer zurückkehren wollten. Diese Ausreden halfen zu nichts, ich wurde in den Stock gelegt, und mein Unstern wollte, dass ich abermals nach Urteil und Recht aus meinem Nahrungsstande hinaus gestäupt werden sollte. Diesem lästigen Verfahren kam ich zuvor, ersah meine Gelegenheit und strich mich in der Stille aus dem Gefängnis.

Ich war unentschlossen, was ich nun anheben und treiben sollte, um nicht zu hungern; auch der Versuch, ein Bettler zu werden, missriet. Die Polizei in Großglogau nahm mich in Anspruch, wollte mich wider Willen und Dank verpflegen und mit Gewalt in einen Beruf hineinzwängen, der mir widerstand. Mit Mühe und Not entkam ich dieser strengen Gerichtsbarkeit, die sich herausnimmt, die ganze Welt zu bevormunden. Ich mied darum die Städte und trieb mich als ein herumziehender Weltbürger auf dem Lande herum. Hier traf sich’s, dass die Gräfin gerade durch den Flecken reiste, wo ich meinen Aufenthalt hatte; es war etwas an ihrem Wagen zerbrochen, das wieder ausgebessert werden musste, und unter mehreren müßigen Leuten, welche die Neugierde trieb, nach der fremden Herrschaft zu gaffen, trat ich auch mit unter den Haufen und machte Bekanntschaft mit dem Bedienten, der mir in der Einfalt seines Herzens anvertraute, dass ihm vor Euch, Herr Rübezahl, gewaltig bange sei, weil wegen des Verzugs die Reise nun in der Nacht durchs Gebirge gehen würde. Das brachte mich auf den Einfall, die Zaghaftigkeit der Reisegesellschaft zu nutzen und in der Geisterwelt meine Talente zu versuchen. Ich schlich mich seitab in die Wohnung meines Patrons und Pflegers, des Dorfküsters, der eben abwesend war, bemächtigte mich seiner Amtskleidung, einem schwarzen Mantel; zugleich fiel mir ein Kürbis ins Gesicht, der zum Aufputz des Kleiderschrankes diente. Mit dieser Zurüstung und einem handfesten Bleuel versehen, begab ich mich in den Wald und staffierte da meine Maske aus. Welchen Gebrauch ich davon gemacht habe, ist Euch genugsam bekannt, und dass ich ihn ohne Eure Dazwischenkunft meinem Meisterstreich glücklich ausgeführt hätte, ist außer Zweifel; mein Spiel war bereits gewonnen. Nachdem ich mich der beiden feigen Kerle entledigt hatte, war meine Absicht, den Wagen tief in den Wald hineinzuführen und, ohne den Damen das geringste zuleide zu tun, nur einen kleinen Trödelmarkt zu eröffnen und den schwarzen Mantel, der in Absicht seiner mir geleisteten Dienste von keinem geringen Wert war, gegen ihre Barschaft und Geschmeide zu vertauschen, ihnen eine glückliche Reise wünschen und mich bestens zu empfehlen.

Aufrichtig gesprochen, Herr, von Euch fürchtete ich am wenigsten, dass Ihr mir den Markt verderben würdet. Die Welt ist so ungläubig, dass man nicht einmal die Kinder mit Euch mehr fürchten machen kann, und wenn nicht etwa noch hier und da ein Tropf, wie der Bediente der Gräfin, oder ein Weib hinter dem Rock Euch zuweilen erwähnte, so hätte Euch die Welt längst vergessen. Ich dachte, wer Rübezahl sein wollte, der dürft‘ es, ich bin nun eines anderen belehrt und befinde mich in Eurer Gewalt, habe mich auf Gnade und Ungnade ergeben und hoffe, dass meine offenherzige Erzählung Euren Unwillen mildern werde. Euch wär’s ein kleines, einen ehrlichen Kerl aus mir zu machen. Wenn Ihr mich, mit einem guten Zehrpfennig aus Eurer Braupfanne entließet, oder mir so wie jenem hungrigen Passagier ein Schock Heckschlehen von Eurem Zaune pflücktet, der sich auf Eurem Obst zwar einen Zahn ausbiss, aber die Schlehen hernach in eitel goldene Knöpfe verwandelt fand; oder wenn Ihr von den acht goldenen Kegeln, die Euch übrig sind, mir einen verehrtet, davon Ihr den neunten weiland einem Prager Studenten schenktet, der mit Euch kegelte; oder den Milchkrug, dessen geronnene Milch sich in Goldkäse verwandelte; oder wenn ich straffällig bin, mich so wie jenen wandernden Schuster schulmeisterhaft mit der goldenen Rute strichet, und mir solche hernach zum Andenken verehrtet, wie die Handwerker auf ihrem Gelagen und Herbergen von Euch zu erzählen wissen, so wäre mein Glück mit einem Male gemacht. Wahrlich Herr! Wenn Ihr die Bedürfnisse der Menschen fühltet, so würdet Ihr ermessen, dass es schwer hält, ein Biedermann zu sein, wenn man an allem Mangel leidet; denn wenn man zum Exempel Hunger fühlt und kein Scherflein im Beutel hat, so ist es eine Heldentugend, eine Semmel nicht zu stehlen von dem Brotvorrat, den ein reicher Bäcker auf seinem Laden zur Schau ausgestellt hat. Das Sprichwort sagt: Not hat kein Gebot.»

«Geh, Schurke,» sprach der Gnom, nachdem der Krauskopf ausgeredet hatte, «so weit dich deine Füße tragen, und ersteige den Gipfel deines Glücks am Galgen!» Hierauf verabschiedete er seinen Häftling mit einem kräftigen Fußtritte, und dieser war froh, dass er mit so gelinder Strafe abkam und pries seine Rede, die seiner Meinung nach ihn diesmal aus einer sehr kritischen Lage gezogen hatte. Er sputete sich fleißigst, dem gestrengen Gebirgsherrn aus den Augen zu kommen, und ließ aus Eilfertigkeit den schwarzen Mantel zurück. So sehr er aber eilte, so schien es doch nicht, als wenn er aus der Stelle käme, er sah immer die nämlichen Gegenden und Berge vor sich, obgleich er die Burg, in der er ein Gefangener gewesen war, aus dem Gesicht verloren hatte. Abgemattet von diesem endlosen Kreislauf, legte er sich unter einen Baum, im Schatten ein wenig auszuruhen und auf irgendeinen Wanderer zu lauern, der ihm zum Wegweiser dienen könnte. Darüber fiel er in einen festen Schlaf, und als er erwachte, war um ihn her dicke Finsternis; er wusste gar wohl, dass er unter einem Baume eingeschlafen war, gleichwohl hörte er kein Säuseln des Windes in den Ästen, sah auch keinen Stern durch das Laub schimmern, noch die geringste Nachthellung. Im ersten Schrecken wollte er aufspringen; da hielt ihn eine unbekannte Kraft zurück, und die Bewegung, die er machte, gab ein laut widerhallendes Geräusch wie das Geklirr von Ketten; nun wurde er gewahr, dass er in Fesseln lag, und vermeinte viel hundert Klafter unter der Erde wieder in Rübezahls Gewahrsam zu sein, worüber ihm große Furcht und Entsetzen ankam.

Nach ewigen Stunden begann es um ihn her zu tagen, doch fiel das Licht nur kärglich durch das eiserne Gitter eines kleinen Fensters zwischen den Mauern herein. Ohne zu wissen, wo er sich eigentlich befand, kam ihm der Kerker doch nicht ganz fremd vor; er hoffte auf den Gefangenenwärter, wiewohl vergebens. Es verlief eine lange Stunde nach der anderen, Hunger und Durst peinigten den Verhafteten, er fing an Lärm zu machen, rasselte mit den Ketten, pochte an die Wand, rief ängstlich um Hilfe und vernahm Menschenstimmen in der Nähe; aber niemand wollte die Tür des Gefängnisses auftun. Endlich waffnete sich der Kerkermeister mit einem Gespenstersegen, öffnete die Tür, schlug ein großes Kreuz vor sich und fing an, den Teufel auszutreiben, der seiner Einbildung nach in dem ledigen Kerker tobte. Doch da er die Spukerei näher betrachtet, erkannte er seinen entwichenen Gefangenen, den Beutelschneider, und Kunz den Kerkermeister in Liegnitz. Jetzt wurde er inne, dass ihn Rübezahl wieder zurückbefördert hatte. «Sieh da, Krauskopf!» redete ihn der Gerichtsfrohn an, «bist du wieder in deinen Käfig gehüpft? Woher des Landes?» – «Immer da zum Tor herein,» antwortete Kunz, «bin des Herumlaufens müde, habe mich, wie Ihr seht, in Ruhe gesetzt und mein alter Quartier wieder aufgesucht, so Ihr mich beherbergen wollt.» Obgleich niemand begreifen konnte, wie der Gefangene wieder in den Turm gekommen sei und wer ihm die Fesseln angelegt habe so behauptete Kunz, der sein Abenteuer nicht wollte kund werden lassen, dennoch dreist, er habe sich freiwillig wieder eingefunden, ihm sei die Gabe verliehen, nach Gefallen durch verschlossene Türen aus und ein zu gehen, die Fesseln anzulegen, und sich ihrer, wenn er wollte, wieder zu entledigen; denn ihm sei kein Schloss zu fest. Durch diesen scheinbaren Gehorsam bewogen, verschonten ihn die Richter mit der verwirkten Strafe und legten ihm nur auf, so lange für den König zu karren, bis er sich nach Gefallen der Fesseln entledigen würde. Man hat aber nicht vernommen, dass er von Bewilligung jemals Gebrauch gemacht hätte.

Die Gräfin Cäcilie war indessen mit ihrer Begleitung glücklich und wohlbehalten in Karlsbad angelangt. Das erste, was sie tat, war den Badearzt zu sich zu berufen und ihn wie gewöhnlich über ihren Gesundheitszustand und die Einrichtung der Kur zu konsultieren. Trat herein der weiland hochberühmte Arzt Doktor Springsfeld aus Merseburg. «Seien Sie uns willkommen, lieber Doktor,» riefen Mama und die holden Fräulein ihm traulich und freundlich entgegen. «Sie sind uns zuvorgekommen,» fügte erstere hinzu, «wir vermuteten Sie noch bei den Herrn von Riesental aber loser Mann, warum haben Sie uns dort verschwiegen, dass Sie der Badearzt sind?» – «Ach, Herr Doktor,» fiel Fräulein Hedwig ein, «Sie haben mir die Ader durchgeschlagen, der Fuß schmerzte mich, ich werde hier nur hinken und nicht mehr walzen können.» Der Arzt stutzte, sann lange hin und her und erinnerte sich nicht, die Damen irgendwo gesehen zu haben. «Ihro Gnaden verwechseln ohne Zweifel mich mit einem anderen,» sprach er, «ich habe vordem nicht die Ehre gehabt, Ihnen persönlich bekannt zu sein; der Herr von Riesental gehört auch nicht zu meiner Bekanntschaft, und während der Kurzeit pflege ich mich nie von hier zu entfernen.» Die Gräfin konnte keinen anderen Grund von diesem strengen Inkognito, das der Arzt so ernsthaft behauptete, sich geben, als dass er ganz gegen die Denkungsweise seiner Kollegen für seine geleisteten Dienste nicht wollte belohnt sein. Sie erwiderte lächelnd: «Ich verstehe Sie, lieber Doktor; Ihr Zartgefühl geht aber zu weit; sie soll mich nicht abhalten, mich für Ihre Schuldnerin zu bekennen und für Ihren guten Beistand dankbar zu sein.» Sie nötigte ihm darauf eine goldene Dose mit Gewalt auf, die der Arzt jedoch nur als Vorauszahlung annahm, und um die Dame als eine gute Kundin nicht unwillig zu machen, ihr nicht weiter widersprach.

Doktor Springsfeld war keiner der unbehilflichen Ärzte, die außer der Gabe, ihre Pillen und Salben anzupreisen, keine andere besitzen, sich ihren Patienten lieb und angenehm zu machen; er wusste seine Kunden mit artigen Geschichten, Stadtneuigkeiten und kleinen Anekdoten wohl zu unterhalten und ihre Lebensgeister dadurch aufzumuntern. Da er vom Besuch der Gräfin seine medizinische Ronde ging, gab er die sonderbare Begegnung mit der neuen Kundschaft in jedem Besuchszimmer zum besten, ließ bei der oftmaligen Wiederholung die Sache unvermerkt wachsen und kündigte die Dame bald als eine Kranke, bald als Medium oder Seherin an. Man war begierig, eine so außerordentliche Bekanntschaft zu machen, und die Gräfin Cäcilie wurde in Karlsbad das Märchen des Tages. Alles drängte sich in der Gesellschaft zu ihr, da sie mit ihren schönen Töchtern zum ersten Mal erschien. Es war ihr und den Fräuleins ein höchst überraschender Anblick, die ganze Gesellschaft hier anzutreffen, in die sie vor einigen Tagen in dem Schlosse des Herrn von Riesental waren eingeführt worden. Der bebänderte Graf, der wohlbebauchte Domherr, der gelähmte Finanzrat fielen ihnen gleich zuerst in die Augen. Mit freundlicher Unbefangenheit wendete sich die gesprächige Dame bald zu dem, bald zu jenem von der Gesellschaft, nannte jeden bei seinem Namen und Charakter, sprach viel vom Herrn von Riesental, bezog sich auf die bei diesem gastfreien Manne mit ihnen allerseits gepflogenen Unterredungen und wusste sich nicht zu erklären, wohin das fremde und kalte Betragen aller der Herren und Damen deuten sollte, die vor kurzem so viel Freundschaft und Vertraulichkeit gegen sie geäußert hatten. Natürlich geriet sie auf den Wahn, das sei eine verabredete Sache, und der Herr von Riesental würde der Schäkerei dadurch ein Ende machen, dass er unvermutet selbst zum Vorschein käme. Sie wollte ihm trotzdem nicht den Triumph gönnen, über ihren Scharfsinn gesiegt zu haben, und gab dem bekrückten Finanzrat scherzweise den Auftrag, seine vier Füße in Bewegung zu setzen und den Obersten aus dem verborgenen Hinterhalt hervorzurufen und einzuführen.

Alle diese Reden bewiesen nach der Meinung der Badegesellschaft so sehr eine überspannte Phantasie, dass sie samt und sonders die Gräfin bemitleideten, die nach dem Urteil aller Anwesenden eine sehr vernünftige Frau schien und ihren Reden und dem Gange der Gedanken nichts Ausschweifendes verriet, wenn ihre Phantasie nicht den Weg über das Riesengebirge nahm. Die Gräfin ihrerseits erriet aus den bedeutsamen Gesichtszügen, Winken und Blicken, dass man sie schief beurteilte und dass man wähne, ihre Krankheit habe sich aus den Gliedern ins Hirn versetzt. Sie glaubte, die beste Widerlegung dieses kränkenden Vorteils sei die aufrichtige Erzählung ihres Abenteuers auf der schlesischen Grenze. Man hörte sie mit der Aufmerksamkeit, mit der man ein Märchen anhört, das auf einige Augenblicke angenehm unterhält, davon man aber kein Wort glaubt. «Wunderbar!» riefen alle Zuhörer aus einem Munde und sahen bedeutsam den Doktor Springsfeld an, der verstohlen die Achsel zuckte und sich gelobte die Patientin nicht eher seiner Pflege zu entlassen, bis das mineralische Wasser das abenteuerliche Riesengebirge aus ihrer Phantasie würde weggespült haben. Das Bad leistete indessen alles, was der Arzt und die Kranke davon erwartet hatten. Da die Gräfin sah, dass ihre Geschichte bei dem Karlsbader Arzt wenig Glauben fand und sogar ihren gesunden Menschenverstand verdächtig machte, redete sie nicht mehr davon, und Doktor Springsfeld unterließ nicht, dieses Schweigen den Heilkräften des Bades zuzuschreiben, das doch auf eine ganz andere Art gewirkt und die Gräfin aller Gichter und Gliederschmerzen entledigt hatte.

Nachdem die Badekur beendigt war, die schönen Fräulein sich genug hatten begaffen und bewundern lassen, und sich satt und müde gewalzt hatten, kehrten Mutter und Töchter nach Breslau zurück. Sie nahmen mit gutem Vorbedacht den Weg wieder durchs Riesengebirge, um dem gastfreien Obersten Wort zu halten, bei der Rückreise bei ihm vorzusprechen; denn von ihm hoffte die Gräfin Auflösung des ihr unbegreiflichen Rätsels, wie sie zur Bekanntschaft der Badegesellschaft gelangt sei, die sich so wildfremd gegen sie gebärdete. Aber niemand wusste den Weg nach dem Schlosse des Herrn von Riesental nachzuweisen, noch war der Besitzer zu erfragen, dessen Name sogar weder diesseits noch jenseits des Gebirges bekannt war. Dadurch wurde die verwunderte Dame endlich überzeugt, dass der Unbekannte, der sie in Schutz genommen hatte, kein anderer gewesen sei als Rübezahl, der Berggeist. Sie gestand, dass er das Gastrecht auf eine edelmütige Art an ihr ausgeübt hätte, verzieh ihm seine Neckerei mit der Badegesellschaft und glaubte nun von ganzem Herzen an die Existenz der Geister, obgleich sie um der Spötter willen Bedenken trug, ihren Glauben vor der Welt offenbar werden zu lassen.

Seit der Vision der Gräfin Cäcilie hat Rübezahl nichts mehr von sich hören lassen. Er kehrte in seine unterirdischen Staaten zurück, und da bald nach dieser Begebenheit der große Erdbrand ausbrach, der Lissabon und nachher Guatemala zerstörte, seitdem immer weiter fortgewütet und sich neuerlich bis an die Grundfeste des deutschen Vaterlandes verbreitet hat, so fanden die Erdgeister so viele Arbeit in der Tiefe, den Fortgang der Feuerströme zu hemmen, dass sich seitdem keiner mehr auf der Oberfläche der Erde hat blicken lassen. Denn dass die Länder am Rhein und Neckarstrom auf ihrer alten Erdscholle noch so grund- und bodenfest stehen wie der Brocken und das Riesengebirge, das ist das Werk der wachsamen Gnomen und ihrer unermüdlichen Arbeit.

Die drei Sprachen

Gebr. Grimm

In der Schweiz lebte einmal ein alter Graf, und hatte nur einen einzigen Sohn, aber der war dumm und konnte nichts lernen. Da sprach der Vater: „hör mein Sohn, ich bringe nichts in deinen Kopf, ich mag es anfangen, wie ich will, du sollst mir fort, damit berühmte Meister es mit dir versuchen.“ Nun ward der Junge in eine fremde Stadt geschickt, und blieb bei den Meistern ein ganzes Jahr. Nach Verlauf desselben kam er wieder heim, da fragte ihn der Vater: „nun, was hast du gelernt?“ Der Sohn antwortete: „Vater, ich habe gelernt, was die Hunde bellen.“ „Das Gott erbarm! sprach der Vater, das ist alles, was du gelernt hast! nun sollst du in eine andere Stadt, zu andern Meistern.“ Der Junge ward hingebracht und blieb wieder ein ganzes Jahr; als er darnach zurück kam, sprach der Vater: „nun, was hast du gelernt?“ Der Sohn antwortete: „Vater, ich habe gelernt, was die Vögli sprechen.“ Da ward der Vater zornig und rief: „o du verlorener Mensch! hast die kostbare Zeit wieder zugebracht und nichts gelernt, und schämst dich nicht mir vor die Augen zu kommen? nun schick ich dich zum drittenmal zu andern Meistern, aber lernst du diesmal nichts, so will ich dein Vater nicht mehr seyn.“ Da ward der Sohn wieder in eine andere Stadt zu den Meistern gebracht und blieb das ganze Jahr da; als er nach Haus kam, fragte der Vater: „nun, was hast du gelernt?“ „Lieber Vater, antwortete er, ich habe dieses Jahr gelernt, was die Frösche quacken.“ Da ward der Vater ganz zornig, sprang auf, rief seine Leute und sagte: „dieser Mensch ist mein Sohn nicht mehr, ich stoße ihn von mir und gebiet euch, ihn hinaus in den Wald zu führen und zu töten.“ Sie nahmen ihn und führten ihn hinaus, aber als sie ihn töten sollten, konnten sie nicht vor Mitleiden und ließen ihn gehen, und schnitten einem Reh Augen und Zunge aus, damit sie dem Alten die Wahrzeichen bringen konnten.
Der Jüngling wanderte fort und kam nach einiger Zeit zu einer Burg, da bat er um Nachtherberge. „Ja, sagte der Burgherr, wenn du da unten in dem alten Turm übernachten willst, so geh hin, aber er ist lebensgefährlich, denn er ist voll wilder Hunde, die bellen und heulen in einem fort und müssen zu gewissen Stunden einen Menschen ausgeliefert haben, den sie gleich verzehren.“ Darüber war aber die ganze Gegend umher in Trauer und Leid, und konnte doch niemand helfen. Der Jüngling sprach: „lasst mich nur hinab zu den bellenden Hunden, und gebt mir etwas, das ich ihnen vorwerfen kann, mir sollen sie nichts tun.“ Weil er es nun selber nicht anders wollte, so gaben sie ihm etwas Essen für die wilden Tiere und führten ihn hinab zu dem Turm. Und als er hineintrat, wedelten die Hunde freundlich um ihn herum und krümmten ihm kein Härchen, sondern aßen, was er ihnen hinsetzte. Am andern Morgen kam er zu jedermanns Erstaunen gesund und unversehrt wieder heraus, und sagte zum Burgherrn. „Die Hunde haben mir in ihrer Sprache offenbart, warum sie da hausen und dem Lande schaden: sie sind verwünscht, so lang einen großen Schatz im Turme zu hüten, bis dieser gehoben ist, dann kommen sie zur Ruhe. Ich habe auch aus ihren Reden vernommen, auf was Art und Weise dies geschehen muss.“ Bei diesen Worten war allgemeine Freude und der Burgherr sprach: „wenn du mir den Schatz glücklich hebst, so soll meine Tochter deine Braut seyn.“ Da unternahm es der Jüngling und hob den großen Schatz, worauf die wilden Hunde verschwanden. Nun ward ihm die schöne Jungfrau angetraut und sie lebten vergnügt zusammen.
Über eine Zeit setzte er sich mit ihr in einen Wagen und wollte nach Rom fahren; auf dem Weg kamen sie an einem Sumpf vorbei, in welchem Frösche saßen und quackten. Der junge Graf verstand was sie sprachen und war ganz nachdenklich und traurig, sagte aber die Ursache seiner Frau nicht. Endlich gelangten sie in Rom an, da war gerade der Pabst gestorben und unter den Kardinälen großer Zweifel, wen sie zum Nachfolger bestimmen sollten. Sie wurden zuletzt einig, derjenige, an dem sich ein göttliches Wunderzeichen offenbaren würde, sollte zum Pabst erwählt werden. Und als sie das eben beschlossen, in demselben Augenblick trat der junge Graf in die Kirche und plötzlich flogen zwei schneeweiße Tauben auf jede seiner Schultern und blieben da sitzen. Wie das die Geistlichkeit sah, erkannte sie das Zeichen Gottes und frug ihn auf der Stelle, ob er ihr Pabst werden wolle? er war unschlüssig und wusste nicht, ob er dessen würdig sey, aber die Tauben redeten ihm zu, dass er es tun mögte und er antwortete: ja! Da wurde er gesalbt und geweiht und so war eingetroffen, was ihm die Frösche unterwegs gesagt hatten, und worüber er so bestürzt geworden, dass er der heilige Pabst werden sollte. Darauf musste er eine Messe singen und wusste kein Wort davon, aber die zwei Tauben saßen ihm stets auf den Schultern und redeten ihm jedes Wort in das Ohr, das er zu sagen hatte.

Strohhalm, Kohle und Bohne

Gebr. Grimm

In einem Dorfe wohnte eine arme alte Frau, die hatte ein Gericht Bohnen zusammen gebracht und wollte sie kochen. Sie machte also auf ihrem Herd ein Feuer zurecht, und damit es desto schneller brennen sollte, zündete sie es mit einer Hand voll Stroh an. Als sie die Bohnen in den Topf schüttete, entfiel ihr unbemerkt eine, die auf dem Boden neben einen Strohhalm zu liegen kam; bald danach sprang auch eine glühende Kohle vom Herd zu den beiden herab. Da fing der Strohhalm an und sprach „liebe Freunde, von wannen kommt ihr her?“ Die Kohle antwortete „ich bin zu gutem Glück dem Feuer entsprungen, und hätte ich das nicht mit Gewalt durchgesetzt, so war mir der Tod gewiss: ich wäre zu Asche verbrannt.“ Die Bohne sagte „ich bin auch noch mit heiler Haut davon gekommen, aber hätte mich die Alte in den Topf gebracht, ich wäre ohne Barmherzigkeit zu Brei gekocht worden, wie meine Kameraden.“ „Wäre mir denn ein besser Schicksal zu Teil geworden?“ sprach das Stroh, „alle meine Brüder hat die Alte in Feuer und Rauch aufgehen lassen, sechszig hat sie auf einmal gepackt und ums Leben gebracht. Glücklicherweise bin ich ihr zwischen den Fingern durchgeschlüpft.“ „Was sollen wir aber nun anfangen?“ sprach die Kohle. „Ich meine,“ antwortete die Bohne, „weil wir so glücklich dem Tode entronnen sind, so wollen wir uns als gute Gesellen zusammen halten und, damit uns hier nicht wieder ein neues Unglück ereilt, gemeinschaftlich auswandern und in ein fremdes Land ziehen.“

Der Vorschlag gefiel den beiden andern, und sie machten sich miteinander auf den Weg. Bald aber kamen sie an einen kleinen Bach, und da keine Brücke oder Steg da war, so wussten sie nicht wie sie hinüber kommen sollten. Der Strohhalm fand guten Rath und sprach „ich will mich quer über legen, so könnt ihr auf mir wie auf einer Brücke hinüber gehen.“ Der Strohhalm streckte sich also von einem Ufer zum andern, und die Kohle, die von hitziger Natur war, trippelte auch ganz keck auf die neugebaute Brücke. Als sie aber in die Mitte gekommen war und unter ihr das Wasser rauschen hörte, ward ihr doch angst: sie blieb stehen und getraute sich nicht weiter. Der Strohhalm aber fing an zu brennen, zerbrach in zwei Stücke und fiel in den Bach: die Kohle rutschte nach, zischte wie sie ins Wasser kam und gab den Geist auf. Die Bohne, die vorsichtigerweise noch auf dem Ufer zurückgeblieben war, musste über die Geschichte lachen, konnte nicht aufhören und lachte so gewaltig dass sie zerplatzte. Nun war es ebenfalls um sie geschehen, wenn nicht zu gutem Glück ein Schneider, der auf der Wanderschaft war, sich an dem Bach ausgeruht hätte. Weil er ein mitleidiges Herz hatte, so holte er Nadel und Zwirn heraus und nähte sie zusammen. Die Bohne bedankte sich bei ihm aufs schönste, aber da er schwarzen Zwirn gebraucht hatte, so haben seit der Zeit alle Bohnen eine schwarze Naht.

Der Wassermann

In Schnepfenburg lebten einmal ein Bruder und eine Schwester, die hatten sich sehr lieb, und eines mochte vom anderen nicht lassen. Da sie arm waren, wohnten sie in einer Hütte, die am Waldrand stand, der Bruder arbeitete als Taglöhner bei einem Bauern, und das Mädchen kümmerte sich um den kleinen Haushalt, spann wohl auch, wenn sie Zeit hatte, und verdiente sich auf diese Art manchen Groschen dazu.

Zwischen den Geschwistern fiel nie ein böses Wort, und oftmals sagte der Bruder zu der Schwester: „Ich wollte, es bliebe immer so zwischen uns, dann wären wir glücklich bis an unser Lebensende.“

Da geschah es, dass der Bruder sich eines Tages in ein reiches Mädchen verliebte, das im Nachbardorf bei den Eltern lebte. Es war nicht sonderlich schön, es war auch nicht sonderlich gut, es war nur reich. Die Schwester zu Hause mochte weinen und den Bruder immer wieder anflehen, doch von der Bauerntochter zu lassen, es brächte nichts als Unheil über sie, der Bruder hörte nicht darauf.

Er lächelte nur einfältig, nahm die Schwester in den Arm, küsste sie und sagte: „Lass mich gehen, ich kann nichts dafür, dass ich das Mädchen liebe. Zwischen uns bleibt alles, wie es war. Nur muss ich jetzt fort, denn ich will mich auf die Lauer legen, viel- leicht sehe ich sie. Man sagt, sie kommt heute zum Tanz in unser Dorf. Ach, Schwester, ich gäbe vieles darum, wenn ich mit ihr tanzen könnte.“

Da sah die Schwester wohl, dass ihr Reden nutzlos war. Sie bürstete den Anzug des Bruders aus, damit er sich auf dem Tanzboden sehen lassen könne, richtete ihm ein gutes Essen, küsste ihn zum Abschied, und obwohl sie traurig war, dass sie allein zu Hause bleiben musste, so wünschte sie ihm doch von Herzen Glück. Denn mehr als die eigene Freude galt ihr die Freude des Bruders.

Er ging zum Tanzboden und ließ den ganzen Abend kein Auge von dem Mädchen, und wie es so geht, auch er gefiel ihr, sie tanzten zusammen und blieben zusammen, und als sie den Heimweg antreten musste, legte er ihr den Arm um die Schulter und führte sie nach Hause. Am anderen Abend aber wollten sie sich wiedersehen.

Der Abend kam, der Bruder ging wieder zum Tanz. Doch diesmal dachte die Schwester bei sich:

Wenn er sich freut, so will ich mich wenigstens mit ihm freuen können. Ich will auch hingehen und ihn und sein Mädchen ansehen, denn ich muss wissen, ob sie auch die Rechte für ihn ist.

Sie kämmte sich das lange Haar, schloss die Hütte zu und ging ins Dorf. Dort sah sie ihren Bruder tanzen, aber wenn sie geglaubt hätte, dass sein Anblick sie erfreuen würde, so hatte sie sich arg getäuscht. Kaum sah sie, wie er den Arm um das fremde Mädchen legte, da wurde ihr das Herz schwer, sie wandte sich ab, ging durch den Abend zum See, der in der Nähe des Dorfes lag, setzte sich ins Gras und begann zu weinen, so bitterlich, dass sogar die Nachtigall, die soeben singen wollte, angesichts eines solchen Schmerzes innehielt. Wie das Mädchen so saß, rauschte es plötzlich neben ihm, und ein Wassermann stieg aus dem See herauf.

Er kam ans Ufer, setzte sich zu ihr und sagte:

„Deine Tränen sind auf das Wasser gefallen und haben mich gerufen. Nun sage mir, was dich bedrückt. Vielleicht kann ich dir helfen.“

Zuerst erschrak das Mädchen sehr, als es aber sah, dass der Wassermann ein gutes Gesicht hatte, ja, dass er sogar schön war, erzählte es ihm von seinem Bruder und dem fremden Mädchen. Der Wassermann lächelte darauf nur, stand auf deutete zum Dorf hin und hob das Mädchen auf.

„Komm“, sagte er, „wir wollen zusammen zum Tanz gehen. Ich will mit dir tanzen, besser als es die Menschen vermögen. Du bist nur traurig, weil du meinst, das fremde Mädchen hätte dir die Liebe deines Bruders gestohlen. Dein Bruder liebt dich noch wie früher aber es ist jemand gekommen, der ist ihm wichtiger als du. Das tut weh, ich weiß. Vielleicht aber kommt auch zu dir jemand, der dir wich tiger wird als dein Bruder. Dann wirst du wieder glücklich sein.“

Sie gingen zum Tanzboden und tanzten zusammen, und sie waren das schönste Paar weit und breit. Die anderen Burschen und Mädchen schauten zu ihnen hin und flüsterten miteinander, nur der Bruder merkte nichts, denn er hatte nur Augen für seine Liebste. Die Schwester tanzte so viel, wie sie noch nie getanzt hatte, doch als die Kirchglocke Mitternacht schlug, küsste der Wassermann sie auf die Stirn und verschwand.

In dieser Nacht lag das Mädchen lange wach und dachte darüber nach, wie es doch merkwürdig sei, dass der Wassermann ihm nach den kurzen Stunden fast lieber sei als der eigene Bruder. Eine Sehnsucht wurde in ihm wach, und es hätte nicht viel gefehlt, dann wäre es zum See geeilt und hätte den Wassermann gerufen. Aber da kehrte gerade der Bruder zurück, und so blieb das Mädchen in der Hütte.

Am anderen Morgen ging sie zum Bäcker, um Brot zu holen Da stand plötzlich der Wassermann vor ihr, grüßte sie freundlich und sagte: „Ich hätte gestern nicht mit dir tanzen sollen. Denn nun habe ich dich liebgewonnen und will ohne dich nicht mehr leben. Werde meine Frau, in meinem Schloss soll es dir wohl ergehen. Sagst du aber nein, dann werde ich meinem Leben ein Ende setzen.“

Das Mädchen erschrak sehr, dann aber lächelte es und meinte: „Sieh an, und wie klug hast du gestern abend die Worte gesetzt und hast mich getröstet, weil ich um meinen Bruder weinte. Ich will aber nicht, dass du meinetwegen leidest Warte drei Tage. In diesen drei Tagen will ich nachdenken und überlegen. Am dritten Tag komme ich zu dir zum See, dann sollst du meine Antwort hören.“

Der Wassermann fügte sich darein, das Mädchen aber ging umher voller Unruhe und Unrast und wusste nicht, was es tun sollte. Gern hätte es mit dem Bruder gesprochen, doch war der schon am frühen Morgen davongegangen, und als der Mond hoch am Himmel stand, war er noch nicht zurückgekommen. Ja, auch am zweiten Tag kam er nicht, und auch am dritten Tag trat er nicht in die Hütte.

Da weinte die Schwester und sagte: „Hat er mich vergessen, dann will ich ihn auch vergessen.“ Und sie eilte sogleich zum See, rief den Wassermann und sagte zu ihm, er solle sie mit sich nehmen, sie wolle fortan seine Frau sein. Da trug der Wassermann sie hinab in sein Schloss, und von Stund an wurde das Mädchen von keinem Menschen mehr gesehen.

Der Bruder hatte indessen bei dem Vater seines Mädchens um dessen Hand angehalten, doch der Vater hatte ihn ausgelacht und ihn mit Spott und Hohn davon gejagt. Da war der Bruder davongestürzt, war im Wald zusammengebrochen, und erst am Mittag des dritten Tages war ihm die Besinnung zurückgekehrt. Nun stand er auf und wanderte zu seiner Hütte, voller Sehnsucht nach der Schwester, an die er so lange nicht gedacht hatte Wie er aber die Hütte betrat, war sie leer, und die Schwester war weit und breit nicht zu sehen. Am Abend erschien sie nicht und auch nicht am anderen Tag. Da fiel eine tiefe Schwermut über den Bruder, er arbeitete nicht mehr, lebte nur von dem, was der Wald und mitleidige Menschen für ihn hatten, und nach Jahr und Tag war es so weit mit ihm gekommen, dass er seinem Leben selbst ein Ende setzen wollte.

So wanderte er an einem Sommermorgen zum See, um sich dort zu ertränken. Er stürzte sich auch hinein, doch fühlte er im gleichen Augenblick, wie eine Hand nach seinem Bein griff und wie ihn jemand in die Tiefe zog. Die Sinne schwanden ihm, er meinte, es sei der Tod, der ihn mit sich nähme. Wie aber erstaunte er, als er sich nach Minuten in einem herrlichen Saal wiederfand, der in allen Farben leuchtete. Und nun beugte sich eine Frau zu ihm nieder und küsste ihn auf den Mund, und diese Frau war seine Schwester.

„Da sehe ich dich endlich wieder“, sagte sie fröhlich zu ihm. „Ich hatte schon solche Sehnsucht nach dir, aber du kamst nie zum See, und so konnte ich dich nicht zu mir ziehen. Ich weiß um dein Leid. Aber auch ich war damals sehr unglücklich, und als du nicht nach Hause kamst, ging ich zum Wassermann und wurde seine Frau. Es geht mir gut hier, und ich bin glücklich und zufrieden. Nur du hast mir sehr gefehlt. Nun bleib bei mir, solange du willst, und wenn du zur Erde zurückkehrst, werde ich dir soviel Edelsteine mitgeben, wie du bedarfst, um dein Mädchen zu gewinnen.“

Der Bruder kam aus dem Verwundern nicht heraus. Endlich aber, als er begriffen hatte, dass alles, was ihn umgab, kein Traum, sondern Wirklichkeit war, sagte er: „Jenes Mädchen mag ich nicht mehr. Aber wenn du es erlaubst, dann möchte ich bei dir bleiben. Denn ich weiß nun, dass ich keine andere liebe als dich.“

Da freute sich die Schwester. Sie rief den Wassermann herbei, er war’s zufrieden, dass der Bruder bei ihnen blieb, und sie lebten in Ruhe und Zufriedenheit auf dem Grunde des Sees zusammen. Nur zuweilen, wenn des Nachts der Mond schien, kamen sie zum Ufer herauf, setzten sich ins Gras und sahen sich die Sterne an.

Einmal bin ich dort vorbeigekommen und habe mich zu ihnen gesetzt. Sie waren sehr freundlich und erzählten mir ihre Geschichte. So habe ich sie erfahren und aufgeschrieben.

Up Reisen gohn

Brüder Grimm

Et was emol ne arme Frau, de hadde enen Suhn, de wull so gerne reisen, do seg de Mohr: „Wu kannst du reisen? Wi hebt je gar kien Geld, dat du mitniemen kannst.“ Do seg de Suhn: „Ick will mi gut behelpen, ick will alltied seggen: ‚Nig viel, nig viel, nig viel.‘ „

Do genk he ene gude Tied un sede alltied: „Nig viel, nig viel, nig viel.“ Kam do bi en Trop Fisker un seg: „Gott helpe ju! Nig viel, nig viel, nig viel.“ „Wat segst du, Kerl, nig viel?“ Un asse dat Gören (Garn) uttrocken, kregen se auck nig viel Fiske. So met enen Stock up de Jungen, un: „Hest du mi nig dresken (dreschen) seihn?“ „Wat sall ick denn seggen?“ seg de Junge. „Du sallst seggen: ‚Fank vull, fank vull.‘ „

Do geit he wier ene ganze Tied un seg: „Fank vull, fank vull“, bis he kümmt an enen Galgen, do hebt se en armen Sünder, den willt se richten. Do seg he: „Guden Morgen, fank vull, fank vull.“ „Wat segst du, Kerl, fank vull? Söllt der noch mehr leige (leidige, böse) Lüde in de Welt sien? Is düt noch nig genog?“ He krig wier wat up den Puckel. „Wat sall ick denn seggen?“ „Du sallst seggen: ‚Gott tröst de arme Seele.‘ „

De Junge geit wier ene ganze Tied un seg: „Gott tröst de arme Seele!“ Da kümmert he an en Grawen, do steit en Filler (Schinder), de tüt en Perd af. De Junge seg: „Guden Morgen, Gott tröst de arme Seele!“ „Wat segst du, leige Kerl?“ Un schleit en met sinem Filhacken üm de Ohren, dat he ut den Augen nig seihen kann. „Wu sall ick denn seggen?“ „Du sallst seggen: ‚Do ligge, du Aas, in en Grawen.‘ “ Do geit he und seg alltied: „Do ligge, du Aas, in en Grawen! Do ligge, du Aas, in en Grawen!“ Nu kümmt he bi enen Wagen vull Lüde, do seg he: „Guden Morgen, do ligge, du Aas, in en Grawen!“ Do föllt de Wagen üm in en Grawen, de Knecht kreg de Pietske un knapt den Jungen, dat he wier to sine Mohr krupen moste. Un he is sien Lewen nig wier up Reisen gohn. 

Vom unsichtbaren Königreich

In einem kleinen Haus, das wohl eine Viertelstunde abseits von dem übrigen Dorf auf der halben Berghöhe lag, wohnte mit seinem alten Vater ein junger Bauer namens Jörg. Es gehörten zu dem Haus soviel Acker und Feld, dass beide keine Sorgen hatten. Gleich hinter dem Haus fing der Wald an, mit Eichen und Buchen und so alt, dass die Enkelkinder von denen. die sie gepflanzt hatten, schon seit mehr als hundert Jahren tot waren. Vor dem Haus lag ein alter, zerbrochener Mühlstein – wer weiß, wie er dahin gekommen war. Wer sich auf ihn setzte, der hatte eine wunderschöne Aussicht hinab ins Tal, auf den Fluss, der das Tal durchströmte, und die Berge, die jenseits des Flusses aufstiegen. Hier saß der Jörg am Abend, wenn er seine Arbeit auf dem Feld getan hatte, den Kopf auf die Hände und die Ellbogen auf die Knie gestützt, oft stundenlang und träumte Und weil er sich wenig um die Leute im Dorf kümmerte und meist still und in sich gekehrt einherging wie einer, der an allerhand denkt, nannten ihn die Leute spöttisch den Traumjörg.

Je älter er wurde, desto stiller wurde er noch. Als sein alter Vater starb und er ihn unter einer großen, alten Eiche begraben hatte, wurde er ganz still. Wenn er dann auf dem alten, zerbrochenen Mühlstein saß, was er jetzt noch viel häufiger tat als zuvor, und hinab in das herrliche Tal sah, wie die Abendnebel an dem einen Ende hereintraten und langsam an den Bergen hinwandelten, wie es dann dunkler wurde und dunkler, bis zuletzt der Mond und die Sterne in ihrer ganzen Herrlichkeit am Himmel heraufzogen, wurde ihm recht wunderbar ums Herz. Denn dann fingen die Wellen im Fluss zu singen an, zuerst ganz leise, bald aber deutlich vernehmbar, und sie sangen von den Bergen, von denen sie kamen, vom Meer, wohin sie wollten, und von den Nixen, die tief auf dem Grunde des Flusses wohnen. Dann begann auch der Wald zu rauschen, ganz anders wie ein gewöhnlicher Wald, und erzählte die wunderbarsten Dinge. Besonders der alte Eichbaum, der an seines Vaters Grab stand, der wusste noch viel mehr als die anderen Bäume. Die Sterne aber, die hoch am Himmel standen, flimmerten und zitterten, als ob sie es gar nicht mehr aushalten könnten, in den grünen Wald und in den blauen Fluss herabzufallen. Doch die Engel, von denen hinter jedem Stern einer steht, hielten sie fest und sagten: „Sterne, Sterne, macht keine Torheiten! Ihr seid ja viel zu alt dazu, viel tausend Jahre und noch mehr! Bleibt im Lande und seid zu frieden!“

Es war ein wunderbares Tal! Aber alles das sah und hörte nur der Traumjörg. Die Leute, die im Dorf wohnten, ahnten nichts davon, denn es waren ganz gewöhnliche Leute. Dann und wann schlugen sie einen von den alten Baumriesen um, zersägten und zerspellten ihn, und wenn sie eine hübsche Klafter aufgerichtet hatten, sprachen sie: „Nun können wir uns wieder eine Weile Kaffee kochen.“ Und im Fluss waschen sie ihre Wäsche. Das war ihnen sehr bequem. Von den Sternen aber, wenn sie so recht funkelten, sagten sie weiter nichts als: „Es wird heute Nacht recht kalt werden, wenn nur unsere Kartoffeln nicht einfrieren.“ Versuchte es einmal der Traumjörg, ihnen eine andere Meinung beizubringen, so lachten sie ihn aus. Es waren eben ganz gewöhnliche Menschen.

Als Jörg eines Tages wieder auf dem alten Mühlstein saß und bei sich bedachte, dass er doch auf der ganzen Welt mutterseelenallein sei, schlief er ein. Da träumte ihm, es hinge vom Himmel eine goldene Schaukel an zwei silbernen Seilen herab. Jedes Seil war an einem Stern befestigt. Auf der Schaukel aber saß eine reizende Prinzessin, die schaukelte sich so hoch, dass sie vom Himmel zur Erde herab- und von der Erde wieder zum Himmel hinaufflog. Jedes Mal, wenn die Schaukel bis an die Erde kam, klatschte die Prinzessin vor Freude in ihre Hände und warf ihm eine Rose zu. Aber plötzlich rissen die Seile, und die Schaukel mit der Prinzessin flog weit in den Himmel hinein, immer weiter, immer weiter, bis er sie zu letzt nicht mehr sehen konnte. Da wachte er auf, und als er sich umsah, lag neben ihm auf dem Mühlstein ein großer Strauß Rosen.

Am nächsten Tag schlief er wieder ein und träumte das gleiche, und beim Erwachen lagen wieder die Rosen da.

So ging es die ganze Woche hindurch. Da sagte sich Traumjörg, es müsse doch irgend etwas Wahres an dem Traum sein, weil er ihn immer wieder träumte. Er schloss sein Haus zu und machte sich auf, die Prinzessin zu suchen.

Nachdem er viele Tage gegangen war, erblickte er von weitem ein Land, wo die Wolken bis auf die Erde hingen. Er wanderte rüstig darauf zu, kam aber in einen großen Wald. Plötzlich hörte er hier ein ängstliches Stöhnen und Wimmern, und als er auf die Stelle zugegangen war, sah er einen ehrwürdigen Greis mit silbergrauem Bart auf der Erde liegen. Zwei hässliche, splitternackte Kerle knieten auf ihm und versuchten, ihn zu erwürgen. Da blickte er um sich, ob er nicht irgendeine Waffe fände, mit der er den Kerlen zu Leibe gehen könnte, und da er nichts fand, riss er in seiner Todesangst einen großen Baumast ab. Kaum jedoch hatte er diesen erfasst, da verwandelte er sich in seinen Händen in eine mächtige Hellebarde. Damit stürmte er auf die beiden Ungeheuer los und rannte sie ihnen durch den Leib, so dass sie mit Geheul den Alten losließen und fortsprangen.

Darauf hob er den ehrwürdigen Greis auf, tröstete ihn und fragte, war um ihn die beiden nackten Kerle hatten erwürgen wollen.

Da erzählte der Alte, er sei der König der Träume und aus Versehen etwas vom Wege ab in das Reich seines größten Feindes, des Königs der Wirklichkeit, gekommen. Sobald dies der König der Wirklichkeit bemerkt hatte, habe er ihm durch zwei Diener auflauern lassen, damit sie ihm den Garaus machten.

„Hast du denn dem König der Wirklichkeit etwas zuleide getan?“ fragte Traumjörg.

„Behüte Gott!“ versicherte der Alte. „Er wird überhaupt sehr leicht gegen andere ausfällig. Das liegt in seinem Charakter – und mich hasst er besonders.“ „Aber die Kerle, die dich erwürgen sollten, waren ja ganz nackt!“ warf Traumjörg ein.

„Jawohl“, sagte der König, „splitterfasernackt. Das ist so Mode im Lande der Wirklichkeit. Alle Leute gehen dort nackt, selbst der König, und schämen sich nicht. Es ist ein abscheuliches Volk! – Weil du mir nun aber das Leben gerettet hast, will ich mich dankbar gegen dich erweisen und dir mein Land zeigen. Es ist wohl das herrlichste der Welt, und die Träume sind meine Untertanen!“

Darauf ging der König der Träume voran, und Jörg folgte ihm. Als sie an die Stelle kamen, wo die Wolken auf die Erde hingen, wies der König auf eine Falltür, die so versteckt im Busch lag, dass sie gar nicht zu finden war, wenn man es nicht wusste. Er hob sie auf und führte seinen Begleiter fünfhundert Stufen hinab in eine hellerleuchtete Grotte, welche sich meilenweit in wunderbarer Pracht dahinzog. Es war unsagbar schön! Da waren Schlösser auf Inseln mitten in großen Seen, und die Inseln schwammen umher wie Schiffe. Wenn man in ein solches Schloss hineingehen wollte, brauchte man sich nur ans Ufer zu stellen und zu rufen:

„Schlösslein, Schlösslein, schwinun heran,

dass ich in dich ‚reingehn kann!“

Dann kam es von selbst an das Ufer. Aber es waren noch andere Schlösser da auf Wolken, die flogen langsam durch die Luft. Sprach man:

„Steig herab, mein Luftschlösslein,

dass ich kann in dich hinein!“,

so senkten sie sich langsam nieder. Außerdem waren noch Gärten da mit Blumen, die am Tag dufteten und in der Nacht leuchteten, schillernde Vögel, die Märchen erzählten,und eine Menge anderer, wunderbarer Dinge. Traumjörg konnte mit dem Staunen und Wundern gar nicht fertig werden.

„Nun will ich dir noch meine Untertanen, die Träume, zeigen“, sagte der König. „Ich habe deren drei Arten: gute Träume für die guten Menschen, böse Träume für die bösen und Traumkobolde, mit denen ich zu weilen Spaß treibe, denn ein König muss doch auch seinen Spaß haben.“

Zuerst führte er ihn also in eins der Schlösser, das eine so verzwickte Bauart hatte, dass es förmlich komisch aussah. „Hier wohnen die Traumkobolde“, sprach er, „kleines, übermütiges, schabernackiges Volk. Tut niemandem etwas zuleide, aber neckt gern.“

„Komm einmal her, Kleiner“, rief er darauf einem der Kobolde zu, „und sei einmal einen einzigen Augenblick ernsthaft.“ Dann fuhr er fort, zu Traumjörg gewandt: „Weißt du, was der Schelm tut, wenn ich ihm ein mal ausnahmsweise erlaube, auf die Erde hinaufzusteigen? Er läuft in das nächste Haus, holt den erstbesten Menschen, der gerade wunderschön schläft, aus den Federn, trägt ihn auf den Kirchturm und wirft ihn kopf über hinunter. Dann springt er eiligst die Turmtreppe hinab, so dass er unten eher ankommt, fängt ihn auf, trägt ihn wieder nach Haus und schmeißt ihn so ins Bett, dass es kracht und er davon aufwacht. Dann reibt sich der den Schlaf aus den Augen, sieht sich ganz verwundert um und spricht: ,Ei du lieber Gott, war’s mir doch gerade, als ob ich vom Kirchturm herabfiele. Es ist nur gut, dass ich nur geträumt habe.'“

„Das ist er?“ rief Traumjörg. „Siehst du, der ist auch schon einmal bei mir gewesen! Wenn er aber wieder kommt und ich erwische ihn, soll’s ihm schlecht gehen.“ Kaum hatte er dies gesagt, so sprang ein anderer Traumkobold unter dem Tisch hervor. Der sah fast aus wie ein kleiner Hund, denn er hatte ein ganz zottiges Wämslein an, und die Zunge streckte er auch heraus.

„Der ist auch nicht viel besser“, meinte der Traumkönig, „er bellt wie ein Hund, und dabei hat er Kräfte wie ein Riese. Wenn dann die Leute im Traum Angst bekommen, hält er sie an Händen und Füßen fest, damit sie nicht fort können.“

„Den kenne ich auch“, fiel Traumjörg ein. „Wenn man fort will, ist es einem, als ob man starr und steif wie ein Stück Holz wäre. Will man den Arm aufheben, geht es nicht, und will man die Beine rühren, geht es auch nicht. Manchmal aber ist’s kein Hund, sondern ein Bär oder ein Räuber oder sonst etwas Schlinunes.“ –

„Ich werde ihnen nie wieder erlauben, dich zu besuchen, Traumjörg“, beruhigte ihn der König. „Nun komm einmal zu den bösen Träumen, aber fürchte dich nicht, sie werden dir keinen Schaden zufügen. Sie sind nur für die bösen Menschen.“ Damit traten sie in einen ungeheuren Raum, der von einer hohen Mauer umgeben und mit einer gewaltigen Tür verschlossen war. Hier wimmelte es von gräulichen Gestalten und entsetzlichen Ungeheuern. Manche sahen halb wie Menschen, halb wie Tiere, manche ganz wie Tiere aus. Erschrocken wich Traumjörg bis an die eiserne Tür zurück Doch der König redete ihm freundlich zu und sprach: „Willst du dir nicht genauer besehen, was böse Menschen träumen?“ Und er winkte einem Traum, der zunächst stand, das war ein scheußlicher Riese, der hatte unter jedem Arm ein Mühlrad.

„Erzähle, was du heute nacht tun wirst!“ herrschte ihn der König an. Da zog das Ungeheuer den Kopf zwischen die Schultern und den Mund bis zu den Ohren, wackelte mit dem Rücken wie einer, der sich so recht freut, und sagte grinsend: „Ich gehe zum reichen Mann, der seinen Vater hungern ließ. Als der alte Mann sich eines Tages auf die steinerne Treppe vor dem Haus seines Sohnes gesetzt hatte und um Brot bat, kam der Sohn und sagte zum Gesinde: ,Jagt mir einmal den Hampelmann fort!‘ Da gehe ich nun nachts zu ihm und ziehe ihn zwischen den beiden Mühlrädern durch, bis alle seine Knochen hübsch kurz und klein gebrochen sind. Ist er dann so recht geschmeidig und zappelig geworden, so nehme ich ihn am Kragen, schüttle ihn und sage: ,Siehst du, wie hübsch du nun zappelst, du Hampelmann!‘ Dann wacht er auf, klappert mit den Zähnen und ruft: ,Frau, bring mir noch ein Deckbett, mich friert.‘ Und wenn er wieder ein geschlafen ist, mache ich’s noch einmal!“ Als Traumjürg das hörte, drängte er mit Gewalt zur Tür hinaus, den König nach sich ziehend, und rief: „Nicht einen Augenblick länger bleibe ich hier bei den bösen Träumen. Das ist ja entsetzlich.“ Und der König führte ihn nun in einen prächtigen Garten, in dem die Wege von Silber, die Beete von Gold und die Blumen von geschliffenen Edelsteinen waren. Hier gingen die guten Träume spazieren. Das erste, was er sah, war eine blasse, junge Frau, die hatte unter dem Arm eine Arche Noah und unter dem andern einen Baukasten.

„Wer ist denn das?“ fragte Traumjörg. „Die geht abends immer zu einem kleinen kranken Jungen, dem die Mutter gestorben ist. Am Tage ist er ganz allein, und niemand kümmert sich um ihn. Aber gegen Abend geht sie zu ihm, spielt mit ihm und bleibt die ganze Nacht. Er schläft immer schon sehr früh ein, darum geht sie auch so zeitig. Die anderen Träume gehen viel später. – Komm nur weiter, wenn du alles sehen willst, dann müssen wir uns sputen!“

Sie gingen nun tiefer in den Garten hinein, mitten unter die guten Träume. Es waren Männer, Frauen, Greise und Kinder, alle mit lieben und guten Gesichtern und in den schönsten Kleidern. In den Händen trugen viele von ihnen alle möglichen Dinge, die sich das Herz nur wünschen kann. – Auf einmal blieb Traumjörg stehen und schrie so laut auf, dass alle Träume sich umsahen.

„Was hast du denn?“ fragte der König.

„Da ist ja meine Prinzessin, die mir so oft erschienen ist und mir die Rosen geschenkt hat!“ rief Traumjörg voll Freude. „Freilich, freilich!“ erwiderte der König, „das ist sie. Nicht wahr, ich habe dir immer einen sehr hübschen Traum geschickt? Es ist beinahe der hübscheste, den ich habe.“

Da lief Traumjörg auf die Prinzessin zu, die gerade wieder auf ihrer kleinen goldenen Schaukel saß und sich schaukelte. Sobald sie ihn kommen sah, sprang sie herab und ihm gerade in die Arme. Er aber nahm sie an der Hand und führte sie zu einer goldenen Bank. Da setzten sich beide hin und erzählten einander, wie hübsch es sei, sich wieder zu sehen. Als sie damit fertig waren, fingen sie wieder von vorne an. Der König der Träume ging mittlerweile auf dem großen Weg. der schnurgerade durch den Garten führte, auf und ab, die Hände auf dem Rücken, und sah zuweilen nach der Uhr, weil Traumjörg und die Prinzessin immer noch nicht mit dem fertig waren, was sie sich zu erzählen hatten. Zuletzt ging er doch zu ihnen und sagte: „Kinder, nun ist es genug! Du, Traumjörg, hast noch weit nach Hause, und über Nacht kann ich dich nicht hier behalten, denn ich habe keine Betten, weil die Träume nicht schlafen, sondern nachts immer zu den Menschen auf die Erde gehen müssen. Du, Prinzesschen, du musst dich Fertigmachen. Zieh dich heute einmal ganz rosa an, und nachher komm zu mir, damit ich dir sage, wem du heute erscheinen und was du ihm sagen sollst.“

Als Traumjörg das hörte, wurde er auf einmal so mutig wie noch nie in seinem Leben. Er stand auf und sagte mit fester Stimme: ,.Herr König, von meiner Prinzessin lass‘ ich nie und nimmermehr Entweder Ihr müsst mich hier unten behalten oder Ihr müsst sie mir mit auf die Erde geben. Ich kann ohne sie nicht leben, dazu habe ich sie viel zu lieb.“ Dabei trat ihm in jedes Auge eine Träne, so groß wie eine Haselnuss.

„Aber Jörg, Jörg“, erwiderte der König, „es ist ja der allerhübscheste Traum, den ich habe! Doch du hast mir das Leben gerettet, so sei es denn. Nimm deine Prinzessin und steige mit ihr hinauf auf die Erde. Sobald du oben angelangt bist, nimm ihr den silbernen Schleier vom Kopf und wirf ihn mir durch die Falltür wieder herab. Dann wird deine Prinzessin von Fleisch und Blut wie ein anderes Menschenkind sein. Jetzt ist sie ja nur ein Traum!“

Da bedankte sich Traumjörg auf das herzlichste und sagte: „Lieber König, weil du nun einmal so überaus gut bist, so möchte ich wohl noch eine Bitte wagen. Sieh, eine Prinzessin habe ich nun, doch es fehlt mir das Königreich. Und eine Prinzessin ohne Königreich ist ganz unmöglich Kannst du mir nicht eins verschaffen, wenn es auch nur ein ganz kleines ist?“

Darauf antwortete der König: „Sichtbare Königreiche, Traumjörg, habe ich zwar nicht zu vergeben, aber unsichtbare. Davon sollst du eins haben, und zwar eins der größten und herrlichsten, die ich besitze.“

Da fragte Traumjörg, wie es mit den unsichtbaren Königreichen beschaffen wäre, doch der König bedeutete ihm, er würde das schon alles erfahren und sein blaues Wunder erleben, so schön und herrlich sei es mit den unsichtbaren Königreichen.

„Mit den gewöhnlichen, sichtbaren“, sagte er, „ist es doch zuweilen eine sehr unangenehme Sache. Zurn Beispiel: Du bist König in einem gewöhnlichen Königreich, und frühmorgens tritt der Minister an dein Bett und sagt: ,Majestät, ich brauche tausend Taler fürs Reich.‘ Darauf öffnest du die Staatskasse und findest nicht einen Heller darin! Was willst du dann anfangen? Oder ein anderes: Du bekommst Krieg und verlierst, und der andere König, der dich besiegt hat, heiratet deine Prinzessin, dich aber sperrt er in einen Turm. So etwas kann in einem unsichtbaren Reich nicht vorfallen!“

„Wenn wir es aber nicht sehen“, fragte Traumjörg, noch immer etwas betreten, „was kann uns dann unser Königreich nützen?“

„Du sonderbarer Mensch“, sagte der König darauf und hielt den Zeigefinger an die Stirn, „du und deine Prinzessin, ihr seht es schon. Ihr seht die Schlösser und Gärten, die Wiesen und Wälder, die zu dem Königreich gehören, wohl! Ihr wohnt darin, geht spazieren und könnt alles damit machen, was euch gefällt. Nur die anderen Leute sehen es nicht.“

Da war Traumjörg hoch erfreut, denn es war ihm schon etwas ängstlich geworden, ob die Leute im Dorf ihn nicht scheel ansehen würden, wenn er mit seiner Prinzessin nach Haus käme und König wäre. Er nahm sehr gerührt Abschied vom König der Träume, stieg mit der Prinzessin die fünfhundert Stufen hinauf, nahm ihr den silbernen Schleier vom Kopf und warf ihn hinunter. Darauf wollte er die Falltür zumachen, aber sie war sehr schwer. Er konnte sie nicht halten und ließ sie zufallen. Da gab es einen großen Krach, und es vergingen ihm auf einen Augenblick die Sinne. Als er wieder zu sich kam, saß er vor seinem Häuschen auf dem alten Mühlstein und neben ihm die Prinzessin. Sie war von Fleisch und Blut wie ein gewöhnliches Menschenkind. Sie hielt seine Hand, streichelte sie und sagte: „Du lieber, guter Mensch, du hast dich so lange nicht getraut, mir zu sagen, wie lieb du mich hast! Hast du dich denn vor mir gefürchtet?“

Und der Mond ging auf und beleuchtete den Fluss, die Wellen schlugen klingend ans Ufer, und der Wald rauschte. Doch sie saßen noch immer und schwatzten. Da war es plötzlich, als wenn eine kleine ganz schwarze Wolke vor den Mond träte, und auf einmal fiel etwas vor ihre Füße nieder wie ein großes zusammengelegtes Tuch. Dann leuchtete der Mond wieder in vollem Glanze. Sie hoben das Tuch auf und breiteten es auseinander Es war aber sehr fein und viele hundert Male zusammengelegt, so dass sie viel Zeit brauchten. Als sie es vollständig auseinandergefaltet hatten, sah es aus wie eine große Landkarte. In der Mitte zog sich ein Fluss hin, und zu beiden Seiten waren Städte, Wälder und Seen. Da merkten sie, dass es ein Königreich war, das ihnen der gute Traumkönig vom Himmel hatte herunterfallen lassen. Und als sie nun ihr kleines Häuschen besahen, war es zu einem wundervollen Schloss geworden, mit gläsernen Treppen, Wänden von Marmor, Tapeten aus Samt und spitzen Türmen mit blauen Schieferdächern. Da fassten sie sich an und gingen in das Schloss hinein, und als sie eintraten, waren schon die Untertanen versammelt und verneigten sich tief. Pauken und Trompeten erschollen, und Edelknaben gingen vor ihnen her und streuten Blumen. Da waren sie König und Königin.

Am anderen Morgen aber lief es wie ein Feuer durch das Dorf, dass der Traumjörg wiedergekommen sei und sich ein Frau mitgebracht habe. „Das wird auch was recht Gescheites sein“, sagten die Leute. „Ich habe sie heute früh gesehen“, fiel einer von den Bauern ins Wort, ,als ich in den Wald ging. Sie stand mit ihm vor der Tür. Es ist nichts Besonderes, eine ganz gewöhnliche Person, klein und schmächtig. Ziemlich ärmlich war sie angezogen. Wo soll’s denn am Ende auch herkommen! Er hat nichts, da wird sie wohl auch nichts haben!“

So schwatzten sie, die dummen Leute, denn sie konnten nicht sehen, dass es eine Prinzessin war. Und dass sich das Häuschen in ein großes, wundervolles Schloss verwandelt hatte, bemerkten sie in ihrer Einfalt auch nicht, denn es war eben ein unsichtbares Königreich, was dem Traumjörg vom Himmel herabgefallen war. Aus diesem Grunde kümmerte er sich auch nicht um die dummen Leute, sondern lebte in seinem Königreich mit seiner lieben Prinzessin herrlich und vergnügt. Und sie bekamen sechs Kinder, eins schöner als das andere. Das waren lauter Prinzen und Prinzessinnen. Niemand aber wusste es im Dorf, denn dort waren die Leute viel zu einfältig, um es zu sehen.

Die weiße und die schwarze Braut

Eine Frau ging mit ihrer Tochter und Stieftochter über Feld, Futter zu schneiden. Da kam der liebe Gott als ein armer Mann zu ihnen gegangen und fragte ‚wo führt der Weg ins Dorf?‘ ‚Wenn Ihr ihn wissen wollt,‘ sprach die Mutter, ’so sucht ihn selber,‘ und die Tochter setzte hinzu ‚habt Ihr Sorge, dass Ihr ihn nicht findet, so nehmt Euch einen Wegweiser mit.‘ Die Stieftochter aber sprach ‚armer Mann, ich will dich führen, komm mit mir.‘ Da zürnte der liebe Gott über die Mutter und Tochter, wendete ihnen den Rücken zu und verwünschte sie, dass sie sollten schwarz werden wie die Nacht und hässlich wie die Sünde. Der armen Stieftochter aber war Gott gnädig und ging mit ihr, und als sie nahe am Dorf waren, sprach er einen Segen über sie und sagte ‚wähle dir drei Sachen aus, die will ich dir gewähren.‘ Da sprach das Mädchen ‚ich möchte gern so schön und rein werden wie die Sonne;‘ alsbald war sie weiß und schön wie der Tag. ‚Dann möchte ich einen Geldbeutel haben, der nie leer würde;‘ den gab ihr der liebe Gott auch, sprach aber ‚vergiss das Beste nicht.‘ Sagte sie ‚ich wünsche mir zum dritten das ewige Himmelreich nach meinem Tode.‘ Das ward ihr auch gewährt, und also schied der liebe Gott von ihr.

Als die Stiefmutter mit ihrer Tochter nach Hause kam und sah, dass sie beide kohlschwarz und hässlich waren, die Stieftochter aber weiß und schön, so stieg die Bosheit in ihrem Herzen noch höher, und sie hatte nichts anders im Sinn, als wie sie ihr ein Leid antun könnte. Die Stieftochter aber hatte einen Bruder namens Reginer, den liebte sie sehr und erzählte ihm alles, was geschehen war. Nun sprach Reginer einmal zu ihr ‚liebe Schwester, ich will dich abmalen, damit ich dich beständig vor Augen sehe, denn meine Liebe zu dir ist so groß, dass ich dich immer anblicken möchte.‘ Da antwortete sie ‚aber ich bitte dich, lass niemand das Bild sehen.‘ Er malte nun seine Schwester ab und hing das Bild in seiner Stube auf; er wohnte aber in des Königs Schloss, weil er bei ihm Kutscher war. Alle Tage ging er davor stehen und dankte Gott für das Glück seiner lieben Schwester. Nun war aber gerade dem König, bei dem er diente, seine Gemahlin verstorben, die so schön gewesen war, dass man keine finden konnte, die ihr gliche, und der König war darüber in tiefer Trauer. Die Hofdiener bemerkten aber, dass der Kutscher täglich vor dem schönen Bilde stand, missgönntens ihm und meldeten es dem König. Da ließ dieser das Bild vor sich bringen, und als er sah, dass es in allem seiner verstorbenen Frau glich, nur noch schöner war, so verliebte er sich sterblich hinein. Er ließ den Kutscher vor sich kommen und fragte, wen das Bild vorstellte. Der Kutscher sagte, es wäre seine Schwester, so entschloss sich der König, keine andere als diese zur Gemahlin zu nehmen, gab ihm Wagen und Pferde und prächtige Goldkleider und schickte ihn fort, seine erwählte Braut abzuholen. Wie Reginer mit der Botschaft ankam, freute sich seine Schwester, allein die Schwarze war eifersüchtig über das Glück, ärgerte sich über alle Maßen und sprach h zu ihrer Mutter ‚was helfen nun all Eure Künste, da Ihr mir ein solches Glück doch nicht verschaffen könnt.‘ ‚Sei still,‘ sagte die Alte, ‚ich will dirs schon zuwenden.‘ Und durch ihre Hexenkünste trübte sie dem Kutscher die Augen, dass er halb blind war, und der Weißen verstopfte sie die Ohren, dass sie halb taub war. Darauf stiegen sie in den Wagen, erst die Braut in den herrlichen königlichen Kleidern, dann die Stiefmutter mit ihrer Tochter, und Reginer saß auf dem Bock, um zu fahren. Wie sie eine Weile unterwegs waren, rief der Kutscher

‚deck dich zu, mein Schwesterlein,
dass Regen dich nicht nässt,
dass Wind dich nicht bestäubt,
dass du fein schön zum König kommst.‘

Die Braut fragte ‚was sagt mein lieber Bruder?‘ ‚Ach,‘ sprach die Alte, ‚er hat gesagt, du solltest dein gülden Kleid ausziehen und es deiner Schwester geben.‘ Da zog sie’s aus und tat’s der Schwarzen an, die gab ihr dafür einen schlechten grauen Kittel. So fuhren sie weiter: über ein Weilchen rief der Bruder abermals

‚deck dich zu, mein Schwesterlein‘
dass Regen dich nicht nässt,
dass Wind dich nicht bestäubt,
und du fein schön zum König kommst.‘

Die Braut fragte ‚was sagt mein lieber Bruder?‘ ‚Ach,‘ sprach die Alte, ‚er hat gesagt, du solltest deine güldene Haube abtun und deiner Schwester geben.‘ Da tat sie die Haube ab und tat sie der Schwarzen auf und saß im bloßen Haar. So fuhren sie weiter: wiederum über eine Weile rief der Bruder

‚deck dich zu, mein Schwesterlein,
dass Regen dich nicht nässt
dass Wind dich nicht bestäubt,
und du fein schön zum König kommst.‘

Die Braut fragte ‚was sagt mein lieber Bruder?‘ ‚Ach,‘ sprach die Alte, ‚er hat gesagt, du möchtest einmal aus dem Wagen sehen.‘ Sie fuhren aber gerade auf einer Brücke über ein tiefes Wasser. Wie nun die Braut aufstand und aus dem Wagen sich herausbückte, da stießen sie die beiden hinaus, dass sie mitten ins Wasser stürzte. Als sie versunken war, in demselben Augenblick stieg eine schneeweiße Ente aus dem Wasserspiegel hervor und schwamm den Fluss hinab. Der Bruder hatte gar nichts davon gemerkt und fuhr den Wagen weiter, bis sie an den Hof kamen. Da brachte er dem König die Schwarze als seine Schwester und meinte, sie wär’s wirklich, weil es ihm trübe vor den Augen war und doch die Goldkleider schimmern sah. Der König, wie er die grundlose Hässlichkeit an seiner vermeinten Braut erblickte, ward sehr bös und befahl, den Kutscher in eine Grube zu werfen, die voll Ottern und Schlangengezücht war. Die alte Hexe aber wusste den König doch so zu bestricken und durch ihre Künste ihm die Augen zu verblenden, dass er sie und ihre Tochter behielt, ja dass sie ihm ganz leidlich vorkam und er sich wirklich mit ihr verheiratete.

Einmal abends, während die schwarze Braut dem König auf dem Schoße saß, kam eine weiße Ente zum Gossenstein in die Küche geschwommen und sagte zum Küchenjungen

‚Jüngelchen, mach Feuer an‘
dass ich meine Federn wärmen kann.‘

Das tat der Küchenjunge und machte ihr ein Feuer auf dem Herd: da kam die Ente und setzte sich daneben, schüttelte sich und strich sich die Federn mit dem Schnabel zurecht. Während sie so saß und sich wohltat, fragte sie

‚was macht mein Bruder Reginer?‘
Der Küchenjunge antwortete

‚liegt in der Grube gefangen
bei Ottern und bei Schlangen.‘

Fragte sie weiter

‚was macht die schwarze Hexe im Haus?‘
Der Küchenjunge antwortete

‚die sitzt warm
ins Königs Arm.‘

Sagte die Ente
‚dass Gott erbarm!‘

und schwamm den Gossenstein hinaus.

Den folgenden Abend kam sie wieder und tat dieselben Fragen und den dritten Abend noch einmal. Da konnte es der Küchenjunge nicht länger übers Herz bringen, ging zu dem König und entdeckte ihm alles. Der König aber wollte es salbst sehen, ging den andern Abend hin, und wie die Ente den Kopf durch den Gossenstein hereinstreckte, nahm er sein Schwert und hieb ihr den Hals durch, da ward sie auf einmal zum schönsten Mädchen, und glich genau dem Bild, das der Bruder von ihr gemacht hatte. Der König war voll Freuden; und weil sie ganz nass dastand, ließ er köstliche Kleider bringen und ließ sie damit bekleiden. Dann erzählte sie ihm, wie sie durch List und Falschheit wäre betrogen und zuletzt in den Fluss hinabgeworfen worden; und ihre erste Bitte war, dass ihr Bruder aus der Schlangenhöhle herausgeholt würde. Und als der König diese Bitte erfüllt hatte, ging er in die Kammer, wo die alte Hexe saß, und fragte ‚was verdient die, welche das und das tut?‘ und erzählte, was geschehen war. Da war sie so verblendet, dass sie nichts merkte und sprach ‚die verdient, dass man sie nackt auszieht und in ein Faß mit Nägeln legt, und dass man vor das Faß ein Pferd spannt und das Pferd in alle Welt schickt.‘ Das geschah alles an ihr und ihrer schwarzen Tochter. Der König aber heiratete die weiße und schöne Braut und belohnte den treuen Bruder, indem er ihn zu einem reichen und angesehenen Mann machte.

Die sieben Raben


Ein Mann hatte sieben Söhne und immer noch kein Töchterchen, so sehr er sich’s auch wünschte; endlich gab ihm seine Frau wieder Hoffnung zu einem Kinde, und wie es zur Welt kam, war’s auch ein Mädchen. Die Freude war groß, aber das Kind war schmächtig und klein und sollte wegen seiner Schwachheit die Nottaufe haben. Der Vater schickte einen der Knaben eilends zur Quelle, Taufwasser zu holen, die anderen sechs liefen mit, und weil jeder der erste beim Schöpfen sein wollte, so fiel ihnen der Krug in den Brunnen. Da standen sie, und wussten nicht, was Sie tun sollten, und keiner getraute sich heim. Als sie immer nicht zurückkamen, ward der Vater ungeduldig und sprach: „Gewiss haben sie’s wieder über ein Spiel vergessen, die gottlosen Jungen.“ Es ward ihm angst, das Mädchen müsste ungetauft verscheiden, und im Ärger rief er: „Ich wollte, dass die Jungen alle zu Raben würden.“ Kaum war das Wort ausgeredet, so hörte er ein Geschwirr über seinem Haupte in der Luft, blickte in die Höhe und sah sieben kohlschwarze Raben auf und davon fliegen.

Die Eltern konnten die Verwünschung nicht mehr zurücknehmen, und so traurig sie über den Verlust ihrer sieben Söhne waren, trösteten sie sich doch einigermaßen durch ihr liebes Töchterchen, das bald zu Kräften kam und mit jedem Tage schöner ward. Es wusste lange Zeit nicht einmal, dass es Geschwister gehabt hatte, denn die Eltern hüteten sich, ihrer zu erwähnen, bis es eines Tages die Leute von sich von ungefähr sprechen hörte, das Mädchen wäre wohl schön, aber doch eigentlich schuld an dem Unglück seiner sieben Brüder. Da ward es ganz betrübt, ging zu Vater und Mutter und fragte, ob es denn Brüder gehabt hätte und wo sie hingeraten wären? Nun durften die Eltern das Geheimnis nicht länger verschweigen, sagten jedoch, es sei so des Himmels Verhängnis und seine Geburt nur der unschuldige Anlass gewesen. Allein das Mädchen machte sich täglich ein Gewissen daraus und glaubte, es müsste seine Geschwister wieder erlösen. Es hatte nicht Ruhe und Rast, bis es sich heimlich aufmachte und in die weite Welt ging, seine Brüder irgendwo aufzuspüren und zu befreien, es möchte kosten, was es wolle. Es nahm nichts mit als ein Ringlein von seinen Eltern zum Andenken, einen Laib Brot für den Hunger, ein Krüglein Wasser für den Durst und ein Stühlchen für die Müdigkeit.

Nun ging es immer zu, weit, weit, bis an der Welt Ende. Da kam es zur Sonne, aber die war zu heiß und fürchterlich und fraß die kleinen Kinder. Eilig lief es weg und lief hin zu dem Mond, aber der war zu kalt und auch grausig und bös, und als er das Kind merkte, sprach er: „Ich rieche Menschenfleisch.“ Da machte es sich geschwind fort und kam zu den Sternen, die waren ihm freundlich und gut, und jeder saß auf seinem besonderen Stühlchen. Der Morgenstern aber stand auf, gab ihm ein Hinkelbeinchen und sprach: „Wenn du das Beinchen nicht hast, kannst du den Glasberg nicht aufschließen, und in dem Glasberg, da sind deine Brüder.“

Das Mädchen nahm das Beinchen, wickelte es wohl in ein Tüchlein und ging wieder fort, so lange bis es an den Glasberg kam. Das Tor war verschlossen, und es wollte das Beinchen hervorholen; aber wie es das Tüchlein aufmachte, so war es leer, und es hatte das Geschenk der guten Sterne verloren. Was sollte es nun anfangen? Seine Brüder wollte es erretten und hatte keinen Schlüssel zum Glasberg. Das gute Schwesterchen nahm ein Messer, schnitt sich ein kleines Fingerchen ab, steckte es in das Tor und schloss glücklich auf. Als es eingegangen war, kam ihm ein Zwerglein entgegen, das sprach: „Mein Kind, was suchst du?“ -„Ich suche meine Brüder, die sieben Raben“, antwortete es. Der Zwerg sprach: „Die Herren Raben sind nicht zu Haus, aber willst du hier so lang warten, bis sie kommen, so tritt ein.“ Darauf trug das Zwerglein die Speise der Raben herein auf sieben Tellerchen und in sieben Becherchen, und von jedem Tellerchen aß das Schwesterchen ein Bröckchen und aus jedem Becherchen trank es ein Schlückchen; in das letzte Becherchen aber ließ es das Ringlein fallen, das es mitgenommen hatte.

Auf einmal hörte es in der Luft ein Geschwirr und ein Geweh, da sprach das Zwerglein: „Jetzt kommen die Herren Raben heimgeflogen.“ Da kamen sie, wollten essen und trinken und suchten ihre Tellerchen und Becherchen. Da sprach einer nach dem anderen: „Wer hat von meinem Tellerchen gegessen? Wer hat aus meinem Becherchen getrunken? Das ist eines Menschen Mund gewesen.“ Und wie der siebente auf den Grund des Bechers kam, rollte ihm das Ringlein entgegen. Da sah er es an und erkannte, dass es ein Ring von Vater und Mutter war und sprach: „Gott gebe, unser Schwesterlein wäre da, so wären wir erlöst.“ Wie das Mädchen, das hinter der Türe stand und lauschte, den Wunsch hörte, so trat es hervor, und da bekamen alle die Raben ihre menschliche Gestalt wieder. Und sie herzten und küssten einander und zogen fröhlich heim.

Von dem Mäuschen, Vögelchen und der Bratwurst

Gebr. Grimm

Es waren einmal ein Mäuschen, ein Vögelchen und eine Bratwurst in Gesellschaft geraten, hatten einen Haushalt geführt, lange wohl und köstlich im Frieden gelebt und trefflich an Gütern zugenommen. Des Vögelchens Arbeit war, dass es täglich in den Wald fliegen und Holz beibringen musste. Die Maus sollte Wasser tragen, Feuer anmachen und den Tisch decken, die Bratwurst aber sollte kochen.

Wem zu wohl ist, den gelüstet immer nach neuen Dingen. Eines Tages traf das Vöglein unterwegs einen anderen Vogel, dem es von seinem prächtigen Leben erzählte. Der andere Vogel schalt es aber einen armen Tropf: „Du hast große Arbeit, die andern zu Hause aber gute Tage“, sagte er. Denn wenn die Maus das Feuer angemacht und Wasser getragen hatte, so begab sie sich in ihr Kämmerlein zur Ruhe, bis man sie hieß, den Tisch zu decken. Das Würstchen aber blieb beim Hafen und sah zu, dass die Speise wohl kochte. Wenn es bald Essenszeit war, schlängelte es sich viermal durch den Brei oder das Gemüse. So war es geschmalzen, gesalzen und bereitet. Kam dann das Vöglein heim und legte seine Bürde ab, so saßen sie zu Tisch, und nach dem Mahl schliefen sie sich die Haut voll bis an den andern Morgen, und das war ein herrlich Leben.

Das Vöglein wollte andern Tags nicht mehr ins Holz. Es sagte: „Lange genug bin ich Euer Knecht gewesen. Ich mag es nun nicht mehr sein. Wir wollen einmal umwechseln und es auf eine andere Weise versuchen.“ Die Maus und die Bratwurst waren damit gar nicht zufrieden. Das Vöglein aber überredete sie endlich. Also musste es gewagt sein, und sie losten darum. Die Bratwurst musste nun Holz tragen, die Maus ward Koch und der Vogel sollte Wasser holen.

Was geschieht? Das Bratwürstchen zieht fort ins Holz; das Vöglein machte Feuer an, die Maus stellte den Topf zu. Nun warteten die beiden bis Bratwürstchen heimkäme und Holz für den anderen Tag brächte. Es blieb aber das Würst lein so lang unterwegs, dass ihnen angst wurde. Das Vöglein machte sich auf und flog ein Stück in die Luft, ihm entgegen. Unfern aber findet es einen Hund am Weg, der das arme Bratwürstlein als freie Beute angesehen, es gepackt und niedergemacht hatte. Das Vöglein beschwerte sich heftig und schalt den Hund einen argen Räuber. Aber was half’s? Der Hund sprach: „Ich habe falsche Briefe bei dem Würstlein gefunden, darum war es mein.“

Das Vöglein, traurig, nahm das Holz auf sich, flog heim und erzählte, was es gesehen und gehört. Sie waren sehr betrübt, kamen aber überein, das Beste zu tun und beisammen zu bleiben. Nun deckte das Vöglein den Tisch, und die Maus rüstete das Essen. Ehe sie anrichtete, wollte sie, wie zuvor das Würstchen, sich durch das Gemüse schlängeln, um es zu schmalzen, aber ehe sie in die Mitte kam, ward sie angehalten und musste Haut und Haar und dabei das Leben lassen. Als das Vöglein kam und wollte das Essen auftragen, da war kein Koch vor handen. Das Vöglein warf bestürzt das Holz hin und her, rief und süchte, konnte aber seinen Koch nicht mehr finden. Aus Unachtsamkeit kam das Feuer in das Holz, also dass eine Brunst entstand. Das Vöglein eilte, Wasser zu langen, da fiel ihm der Eimer in den Brunnen und es mit hinab, dass es sich nicht mehr erholen konnte und da ertrinken musste.

Das Lumpengesindel

Geb. Grimm


Hähnchen sprach zum Hühnchen: „Jetzt ist die Zeit, wo die Nüsse reif werden, da wollen wir zusammen auf den Berg gehen und uns einmal recht satt essen, ehe sie das Eichhorn alle wegholt.“ „Ja“, antwortete das Hühnchen, „komm, wir wollen uns eine Lust miteinander machen.“ Da gingen sie zusammen fort auf den Berg, und weil es ein heller Tag war, blieben sie bis zum Abend. Nun weiß ich nicht, ob sie sich so dick gegessen hatten, oder ob sie übermütig geworden waren,kurz, sie wollten nicht zu Fuß nach Hause gehen, und das Hähnchen musste einen kleinen Wagen von Nussschalen bauen. Als er fertig war, setzte sich das Hühnchen hinein und sagte zum Hähnchen: „Du kannst dich nur immer vorspannen.“ – „Oh, du kommst mir recht“, sagte das Hähnchen, „lieber geh‘ ich zu Fuß nach Hause, als dass ich mich vorspannen lasse; nein, so haben wir nicht gewettet. Kutscher will ich wohl sein und auf dem Bock sitzen, aber selbst ziehen, das tu, ich nicht.“

Wie sie so stritten, schnatterte eine Ente daher: „Ihr Diebsvolk, wer hat euch geheißen in meinen Nussberg gehen? Wartet, das soll euch schlecht bekommen!“ Ging also mit aufgesperrtem Schnabel auf das Hähnchen los. Aber Hähnchen war auch nicht faul und stieg der Ente tüchtig zu Leib; endlich hackte es mit seinen Sporen so gewaltig auf sie los, dass sie um Gnade bat und sich gern zur Strafe vor den Wagen spannen ließ. Hähnchen setzte sich nun auf den Bock und war Kutscher, und darauf ging es fort in einem Jagen: „Ente, lauf zu, was du kannst!“

Als sie ein Stück Weges gefahren waren, begegneten sie zwei Fußgängern, einer Stecknadel und einer Nähnadel. Die riefen: „Halt! Halt!“ und sagten, es würde gleich stichdunkel werden, da könnten sie keinen Schritt weiter, auch wäre es so schmutzig auf der Straße, ob sie nicht ein wenig einsitzen könnten: sie wären auf der Schneiderherberge vor dem Tor gewesen und hätten sich beim Bier verspätet. Da es magere Leute waren, die nicht viel Platz einnahmen, ließ Hähnchen beide einsteigen, doch mussten sie versprechen, ihm und seinem Hühnchen nicht auf die Füße zu treten. Spätabends kamen sie zu einem Wirtshaus, und weil sie die Nacht nicht weiterfahren wollten, die Ente auch nicht gut zu Fuß war und von einer Seite auf die andere fiel, so kehrten sie ein. Der Wirt machte anfangs viel Einwendungen, sein Haus wäre schon voll, gedachte auch wohl, es möchte keine vornehrne Herrschaft sein; endlich aber, da sie süße Reden führten, er sollte das Ei haben, das das Hühnchen unterwegs gelegt hatte, auch die Ente behalten, die alle Tage eins legte, so sagte er endlich, sie möchten die Nacht über bleiben. Nun ließen sie wieder frisch auftragen und lebten in Saus und Braus.

Frühmorgens, als es dämmerte und noch alles schlief, weckte Hähnchen das Hühnchen, holte das Ei, pickte es auf, und sie verzehrten es zusammen; die Schalen aber warfen sie auf den Feuerherd. Dann gingen sie zu der Nähnadel, die noch schlief, packten sie beim Kopfe und steckten sie in das Sesselkissen des Wirts, die Stecknadel aber in sein Handtuch; endlich flogen sie, mir nichts dir nichts, über die Heide davon. Die Ente, die gern unter freiem Himmel schlief und im Hof geblieben war, hörte sie fortschnurren, machte sich munter und fand einen Bach, auf dem sie hinabschwamm; und das ging geschwinder als vor dem Wagen. Ein paar Stunden später machte sich erst der Wirt aus den Federn, wusch sich und wollte sich am Handtuch abtrocknen, da fuhr ihm die Stecknadel über das Gesicht und machte ihm einen roten Strich von einem Ohr zum andern; dann ging er in die Küche und wollte sich eine Pfeife anstecken, wie er aber an den Herd kam, sprangen ihm die Eierschalen in die Augen. „Heute morgen will mir alles an meinen Kopf“, sagte er und ließ sich verdrießlich auf seinen Großvaterstuhl nieder; aber geschwind fuhr er wieder in die Höhe und schrie: „Auweh!“, denn die Nähnadel hatte ihn noch schlimmer und nicht in den Kopf gestochen Nun war er vollends böse und hatte Verdacht auf die Gäste, die so spät gestern abend gekommen waren; und wie er ging und sich nach ihnen umsah, waren sie fort. Da tat er einen Schwur, kein Lumpengesindel mehr in sein Haus zu nehmen, das viel verzehrt, nichts bezahlt und zum Dank noch obendrein Schabernack treibt.

Marienkind

Gebr. Grimm

Vor einem großen Walde lebte ein Holzhacker mit seiner Frau, der hatte nur ein einziges Kind, das war ein Mädchen von drei Jahren. Sie waren aber so arm, dass sie nicht mehr das tägliche Brot hatten und nicht wussten, was sie dem Kinde sollten zu essen geben. Eines Morgens ging der Holzhacker voller Sorgen hinaus in den Wald an seine Arbeit, und wie er da Holz hackte, stand auf einmal eine schöne, große Frau vor ihm, die hatte eine Krone von leuchtenden Sternen auf dem Haupte und sprach zu ihm: „Ich bin die Jungfrau Maria, die Mutter des Christkindleins; du bist arm und dürftig, bring‘ mir dein Kind, ich will es mit mir nehmen, seine Mutter sein und für es sorgen.“ Der Holzhacker gehorchte, holte sein Kind und übergab es der Jungfrau Maria, die nahm es mit sich hinauf in den Himmel. Da ging es ihm wohl, es aß Zuckerbrot und trank süße Milch, und seine‘ Kleider waren von Gold, und die Englein spielten mit ihm.

Als es nun vierzehn Jahre alt geworden war, rief die Jungfrau Maria es einmal zu sich und sprach: „Liebes Kind, ich habe eine große Reise vor, da nimm die Schlüssel zu den dreizehn Türen des Himmelreichs in Verwahrung. Zwölf davon darfst du aufschließen und die Herrlichkeiten darin betrachten, aber die dreizehnte, wozu dieser kleine Schlüssel gehört, die ist dir verboten; hüte dich, dass du sie nicht aufschließest, sonst wirst du unglücklich.“ Das Mädchen versprach, gehorsam zu sein, und als nun die Jungfrau Maria weg war, fing es an und besah die Wohnungen des Himmelreichs: jeden Tag schloss es eine auf, bis die zwölfe herum waren. In jeder aber saß ein Apostel und war von großem Glanz umgeben, und es freute sich über all die Pracht und Herrlichkeit, und die Englein, die es immer begleiteten, freuten sich mit ihm. Nun war‘ die verbotene Tür allein noch übrig, da empfand es eine große Lust zu wissen, was dahinter verborgen wäre, und sprach zu den Englein: „Ganz aufmachen will ich sie nicht und will auch nicht hinein gehen, aber ich will sie aufschließen, damit wir ein wenig durch den Ritz sehen.“ – „Ach nein“, sagten die Englein, „das wäre Sünde, die Jungfrau Maria hat’s verboten, und es könnte leicht dein Unglück werden.“ Da schwieg es still, aber die Begierde in seinem Herzen schwieg nicht still, sondern nagte und pickte ordentlich daran und ließ ihm keine Ruhe. Und als die Englein einmal alle hinaus gegangen waren, dachte es: „Nun bin ich ganz allein und könnte hineingucken, es weiß es ja niemand, wenn ich’s tue.“ Es suchte den Schlüssel heraus, und als es ihn in der Hand hielt, steckte es ihn auch in das Schloss, und als es ihn hineingesteckt hatte, drehte es auch um. Da sprang die Tür auf, und es sah da die Drei einigkeit im Feuer und Glanz sitzen. Es blieb ein Weilchen stehen und betrachtete alles mit Erstaunen, dann rührte es ein wenig mit dem Finger an dem Glanz, da wurde der Finger ganz golden. Alsbald empfand es eine gewaltige Angst, schlug die Tür heftig zu und lief fort. Die Angst wollte auch nicht wieder weichen, es mochte anfangen, was es wollte, und das Herz klopfte in einem fort und wollte nicht ruhig werden; auch das Gold blieb am Finger und ging nicht ab, es mochte waschen und reiben, soviel es wollte. Gar nicht lange, so kam die Jungfrau Maria von ihrer Reise zurück. Sie rief das Mädchen zu sich und forderte ihm die Himmelsschlüssel wieder ab. Als es den Bund hinreichte, blickte ihm die Jungfrau in die Augen und sprach: „Hast du auch nicht die dreizehnte Tür geöffnet?“ – „Nein“, antwortete es. Da legte die Jungfrau ihre Hand auf des Mädchens Herz, fühlte, wie es klopfte und klopfte, und merkte wohl, dass es ihr Gebot übertreten und die Tür aufgeschlossen hatte. Da sprach sie noch einmal: „Hast du es gewiss nicht getan?“ – „Nein“, sagte das Mädchen zum zweiten Mal. Da erblickte sie den Finger, der von der Berührung des himmlischen Feuers golden geworden war, sah wohl, dass es gesündigt hatte, und sprach zum dritten Mal: „Hast du es nicht getan?“ – „Nein“, sagte das Mädchen zum dritten Mal. Da sprach die Jung frau Maria: „Du hast mir nicht gehorcht und hast noch dazu gelogen, du bist nicht mehr würdig, im Himmel zu sein.“

Da versank das Mädchen in einen tiefen Schlaf, und als es erwachte, lag es unten auf der Erde, mitten in einer Wildnis. Es wollte rufen, aber es konnte keinen Laut hervorbringen. Es sprang auf und wollte fortlaufen; aber wo es sich hinwendete, immer ward es von dichten Domhecken zurückgehalten, die es nicht durchbrechen konnte. In der Einöde, in die es eingeschlossen war, stand ein alter, hohler Baum, das musste seine Wohnung sein. Da kroch es hinein, wenn die Nacht kam, und schlief darin, und wenn es stürmte und regnete, fand es darin Schutz; aber es war ein jämmerliches Leben, und wenn es daran dachte, wie es im Himmel so schön gewesen war, und die Engel mit ihm gespielt hatten, so weinte es bitterlich. Wurzeln und Waldbeeren waren seine einzige Nahrung, die suchte es sich, soweit es kommen konnte. Im Herbst sammelte es die herabgefallenen Nüsse und Blätter und trug sie in die Höhle: die Nüsse waren im Winter seine Speise, und wenn Schnee und Eis kamen, kroch es wie ein armes Tierchen in die Blätter, dass es nicht fror. Nicht lange, so zerrissen seine Kleider, und es fiel ein Stück nach dem andern vom Leib herab. Sobald dann die Sonne wieder warm schien, ging es hinaus und setzte sich vor den Baum, und seine langen Haare bedeckten es von allen Seiten wie ein Mantel. So saß es ein Jahr nach dem andern und fühlte den Jammer und das Elend der Welt.

Einmal, als die Bäume wieder in frischem Grün standen, jagte der König des Landes in dem Walde und verfolgte ein Reh, und weil es in das Gebüsch geflohen war, das den Waldplatz einschloss, stieg er vom Pferde, riss das Gestrüpp aus einander und hieb sich mit seinem Schwert einen Weg. Als er endlich hindurch- gedrungen war, sah er unter dem Baum ein wunderschönes Mädchen sitzen, das saß da und war von seinem goldenen Haar bis zu den Fußzehen bedeckt. Er stand still und betrachtete es voll Erstaunen, dann redete er es an und sprach: „Wer bist du? Warum sitzest du hier in der Einöde?“ Es gab aber keine Antwort, denn es konnte seinen Mund nicht auftun. Der König sprach weiter: „Willst du mit mir auf mein Schloss gehen?“ Da nickte es nur ein wenig mit dem Kopfe. Der König nahm es auf seinen Arm, trug es auf sein Pferd und ritt mit ihm heim; und als er auf das königliche Schloss kam, ließ er ihm schöne Kleider anziehen und gab ihm alles im Überfluss. Und ob es gleich nicht sprechen konnte, war es doch schön und holdselig, dass er es von Herzen liebgewann, und dauerte nicht lange, da vermählte er sich mit ihm.

Als etwa ein Jahr verflossen war, bekam die Königin einen Sohn. Darauf in der Nacht, wie sie allein in ihrem Bette lag, erschien ihr wiederum die Jungfrau Maria und sprach: „Willst du die Wahrheit sagen und gestehen, dass du die verbotene Tür aufgeschlossen hast, so will ich deinen Mund öffnen und dir die Sprache wiedergeben; verharrst du aber in der Sünde und leugnest hartnäckig, so nehm‘ ich dein neugeborenes Kind mit mir.“ Da war der Königin verliehen zu antworten, sie blieb aber verstockt und sprach: „Nein, ich habe die verbotene Tür nicht aufgemacht“, und die Jungfrau Maria nahm ihr das neugeborene Kind aus den Armen und verschwand damit. Am andern Morgen, als das Kind nicht zu finden war, ging ein Gemurmel unter den Leuten, die Königin wäre eine Menschenfresserin und hätte ihr eigenes Kind umgebracht. Sie hörte alles und konnte nichts dagegen sagen, der König aber wollte es nicht glauben, weil er sie so lieb hatte.

Nach einem Jahr bekam die Königin wieder einen Sohn. In der Nacht trat auch wieder die Jungfrau Maria zu ihr herein und sprach: „Willst du gestehen, dass du die verbotene Tür geöffnet hast, so will ich dir dein Kind wiedergeben und deine Zunge lösen; verharrst du aber in der Sünde und leugnest, so nehme ich auch dieses neugeborene mit mir.“ Da sprach die Königin wiederum: „Nein, ich habe die verbotene Tür nicht geöffnet“, und die Jungfrau nahm ihr das Kind aus den Armen weg und mit sich in den Himmel. Am Morgen, als das Kind abermals verschwunden war, sagten die Leute ganz laut, die Königin hätte es verschlungen, und des Königs Räte verlangten, dass sie gerichtet werden sollte. Der König aber hatte sie so lieb, dass er es nicht glauben wollte, und befahl den Räten bei Leibes- und Lebensstrafe nichts mehr darüber zu sprechen.

Im nächsten Jahre bekam die Königin ein schönes Töchterlein, da erschien ihr zum dritten Mal nachts die Jungfrau Maria und sprach: „Folge mir!“ Sie nahm sie bei der Hand und führte sie in den Himmel und zeigte ihr da ihre beiden ältesten Kinder, die lachten sie an und spielten mit der Weltkugel. Als sich die Königin darüber freute, sprach die Jungfrau Maria: „Ist dein Herz noch nicht erweicht? Wenn du eingestehst, dass du die verbotene Tür geöffnet hast, will ich dir deine beiden Söhnlein zurückgeben.“ Aber die Königin antwortete zum dritten Mal: „Nein, ich habe die verbotene Tür nicht geöffnet.“ Da ließ die Jung frau sie wieder zur Erde hinabsinken und nahm ihr auch das dritte Kind.

Am andern Morgen, als es ruchbar wurde, riefen alle Leute laut: „Die Königin ist eine Menschenfresserin, sie muss verurteilt werden!“ und der König konnte seine Räte nicht mehr zurückweisen. Es ward ein Gericht über sie gehalten, und weil sie nicht antworten und sich nicht verteidigen konnte, ward sie verurteilt, auf dem Scheiterhaufen zu sterben. Das Holz wurde zusammengetragen, und als sie an einen Pfahl festgebunden war und das Feuer ringsumher zu brennen anfing, da schmolz das harte Eis des Stolzes, und ihr Herz ward von Reue bewegt, und sie dachte: „Könnt‘ ich nur noch vor meinem Ende gestehen, dass ich die Tür geöffnet habe!“ Da kam ihr die Stimme, dass sie laut ausrief: „Ja, Maria, ich habe es getan!“ Und alsbald fing der Himmel an zu regnen und löschte die Feuer flammen, und über ihr brach ein Licht hervor, und die Jungfrau Maria kam herab und hatte die beiden Söhnlein zu ihren Seiten und das neugeborene Töchterlein auf dem Arm. Sie sprach freundlich zu ihr: „Wer seine Sünde bereut und eingesteht, dem ist sie vergeben“, und reichte ihr die drei Kinder, löste ihr die Zunge und gab ihr Glück fürs ganze Leben.

Katz und Maus in Gesellschaft

Gebr. Grimm


Eine Katze und eine Maus wollten zusammen leben und Wirtschaft zusammen haben; sie sorgten auch für den Winter und kauften ein Töpfchen mit Fett, und weil sie keinen bessern und sicheren Ort wussten, stellten sie es unter den Altar in der Kirche, da sollt’ es stehen, bis sie sein bedürftig wären. Einstmals aber trug die Katze Gelüsten darnach, und ging zur Maus: „hör’ Mäuschen, ich bin von meiner Base zu Gevatter gebeten, sie hat ein Söhnchen geboren, weiß und braun gefleckt, das soll ich über die Taufe halten, lasse mich ausgehen und halt heut allein Haus.“ – „Ja, ja, sagte die Maus, geh hin, und wenn du was Gutes aßest, denk an mich, von dem süßen roten Wein tränke ich auch gern ein Tröpfchen.“ Die Katze aber ging geradeswegs in die Kirche und leckte die fette Haut ab, spazierte darnach um die Stadt herum und kam erst am Abend nach Haus. „Du wirst dich recht erlustigt haben, sagte die Maus, wie hat denn das Kind geheißen?“ – „Hautab, antwortete die Katze.“ – „Hautab? das ist ein seltsamer Name, den hab’ ich noch nicht gehört.“

Bald darnach hatte die Katze wieder ein Gelüsten, ging zur Maus und sprach: „ich bin aufs neue zu Gevatter gebeten, das Kind hat einen weißen Ring um den Leib, da kann ich’s nicht abschlagen, du musst mir den Gefallen tun und allein die Wirtschaft treiben.“ Die Maus sagte ja, die Katze aber ging hin und fraß den Fett Topf bis zur Hälfte leer. Als sie heim kam, fragte die Maus: „wie ist denn dieser Pate getauft worden?“ – „Halbaus“ – „Halbaus? was du sagst! den Namen hab’ ich gar noch nicht gehört, der steht gewiss nicht im Kalender.“

Die Katze aber konnte den Fett Topf nicht vergessen: „ich bin zum dritten Mal zu Gevatter gebeten, das Kind ist schwarz und hat bloß weiße Pfoten, sonst kein weißes Haar am ganzen Leib, das trifft sich alle paar Jahr nur einmal, du lässt mich doch ausgehen?“ – „Hautab, Halbaus, sagte die Maus, es sind so kuriose Namen, die machen mich so nachdenksam, doch geh nur hin.“ Die Maus hielt alles in Ordnung und räumte auf, dieweil fraß die Katze den Fett Topf rein aus und kam satt und dick erst in der Nacht wieder. „Wie heißt denn das dritte Kind?“ – „Ganzaus“ – „Ganzaus! ei! ei! Das ist der allerbedenklichste Namen, sagte die Maus; Ganzaus? was soll der bedeuten? gedruckt ist er mir noch nicht vorgekommen!“ damit schüttelte sie den Kopf und legte sich schlafen.

Zum vierten Mal wollte niemand die Katze zu Gevatter bitten; der Winter aber kam bald herbei. Wie nun draußen nichts mehr zu finden war, sagte die Maus zur Katze: „komm wir wollen zum Vorrat gehen, den wir in der Kirche unter dem Altar versteckt haben.“ Wie sie aber hinkamen, war alles leer – „Ach! sagte die Maus, nun kommt’s an den Tag, du hast Alles gefressen, wie du zu Gevatter ausgegangen bist, erst Haut ab, dann Halb aus, dann“ – „Schweig still, sagte die Katze, oder ich fresse dich, wenn du noch ein Wort sprichst“ – „Ganz aus“ hatte die arme Maus im Mund, und hatte’ es kaum gesprochen, so sprang die Katz’ auf sie zu und schluckte sie hinunter.