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Up Reisen gohn

Brüder Grimm

Et was emol ne arme Frau, de hadde enen Suhn, de wull so gerne reisen, do seg de Mohr: „Wu kannst du reisen? Wi hebt je gar kien Geld, dat du mitniemen kannst.“ Do seg de Suhn: „Ick will mi gut behelpen, ick will alltied seggen: ‚Nig viel, nig viel, nig viel.‘ „

Do genk he ene gude Tied un sede alltied: „Nig viel, nig viel, nig viel.“ Kam do bi en Trop Fisker un seg: „Gott helpe ju! Nig viel, nig viel, nig viel.“ „Wat segst du, Kerl, nig viel?“ Un asse dat Gören (Garn) uttrocken, kregen se auck nig viel Fiske. So met enen Stock up de Jungen, un: „Hest du mi nig dresken (dreschen) seihn?“ „Wat sall ick denn seggen?“ seg de Junge. „Du sallst seggen: ‚Fank vull, fank vull.‘ „

Do geit he wier ene ganze Tied un seg: „Fank vull, fank vull“, bis he kümmt an enen Galgen, do hebt se en armen Sünder, den willt se richten. Do seg he: „Guden Morgen, fank vull, fank vull.“ „Wat segst du, Kerl, fank vull? Söllt der noch mehr leige (leidige, böse) Lüde in de Welt sien? Is düt noch nig genog?“ He krig wier wat up den Puckel. „Wat sall ick denn seggen?“ „Du sallst seggen: ‚Gott tröst de arme Seele.‘ „

De Junge geit wier ene ganze Tied un seg: „Gott tröst de arme Seele!“ Da kümmert he an en Grawen, do steit en Filler (Schinder), de tüt en Perd af. De Junge seg: „Guden Morgen, Gott tröst de arme Seele!“ „Wat segst du, leige Kerl?“ Un schleit en met sinem Filhacken üm de Ohren, dat he ut den Augen nig seihen kann. „Wu sall ick denn seggen?“ „Du sallst seggen: ‚Do ligge, du Aas, in en Grawen.‘ “ Do geit he und seg alltied: „Do ligge, du Aas, in en Grawen! Do ligge, du Aas, in en Grawen!“ Nu kümmt he bi enen Wagen vull Lüde, do seg he: „Guden Morgen, do ligge, du Aas, in en Grawen!“ Do föllt de Wagen üm in en Grawen, de Knecht kreg de Pietske un knapt den Jungen, dat he wier to sine Mohr krupen moste. Un he is sien Lewen nig wier up Reisen gohn. 

Vom unsichtbaren Königreich

In einem kleinen Haus, das wohl eine Viertelstunde abseits von dem übrigen Dorf auf der halben Berghöhe lag, wohnte mit seinem alten Vater ein junger Bauer namens Jörg. Es gehörten zu dem Haus soviel Acker und Feld, dass beide keine Sorgen hatten. Gleich hinter dem Haus fing der Wald an, mit Eichen und Buchen und so alt, dass die Enkelkinder von denen. die sie gepflanzt hatten, schon seit mehr als hundert Jahren tot waren. Vor dem Haus lag ein alter, zerbrochener Mühlstein – wer weiß, wie er dahin gekommen war. Wer sich auf ihn setzte, der hatte eine wunderschöne Aussicht hinab ins Tal, auf den Fluss, der das Tal durchströmte, und die Berge, die jenseits des Flusses aufstiegen. Hier saß der Jörg am Abend, wenn er seine Arbeit auf dem Feld getan hatte, den Kopf auf die Hände und die Ellbogen auf die Knie gestützt, oft stundenlang und träumte Und weil er sich wenig um die Leute im Dorf kümmerte und meist still und in sich gekehrt einherging wie einer, der an allerhand denkt, nannten ihn die Leute spöttisch den Traumjörg.

Je älter er wurde, desto stiller wurde er noch. Als sein alter Vater starb und er ihn unter einer großen, alten Eiche begraben hatte, wurde er ganz still. Wenn er dann auf dem alten, zerbrochenen Mühlstein saß, was er jetzt noch viel häufiger tat als zuvor, und hinab in das herrliche Tal sah, wie die Abendnebel an dem einen Ende hereintraten und langsam an den Bergen hinwandelten, wie es dann dunkler wurde und dunkler, bis zuletzt der Mond und die Sterne in ihrer ganzen Herrlichkeit am Himmel heraufzogen, wurde ihm recht wunderbar ums Herz. Denn dann fingen die Wellen im Fluss zu singen an, zuerst ganz leise, bald aber deutlich vernehmbar, und sie sangen von den Bergen, von denen sie kamen, vom Meer, wohin sie wollten, und von den Nixen, die tief auf dem Grunde des Flusses wohnen. Dann begann auch der Wald zu rauschen, ganz anders wie ein gewöhnlicher Wald, und erzählte die wunderbarsten Dinge. Besonders der alte Eichbaum, der an seines Vaters Grab stand, der wusste noch viel mehr als die anderen Bäume. Die Sterne aber, die hoch am Himmel standen, flimmerten und zitterten, als ob sie es gar nicht mehr aushalten könnten, in den grünen Wald und in den blauen Fluss herabzufallen. Doch die Engel, von denen hinter jedem Stern einer steht, hielten sie fest und sagten: „Sterne, Sterne, macht keine Torheiten! Ihr seid ja viel zu alt dazu, viel tausend Jahre und noch mehr! Bleibt im Lande und seid zu frieden!“

Es war ein wunderbares Tal! Aber alles das sah und hörte nur der Traumjörg. Die Leute, die im Dorf wohnten, ahnten nichts davon, denn es waren ganz gewöhnliche Leute. Dann und wann schlugen sie einen von den alten Baumriesen um, zersägten und zerspellten ihn, und wenn sie eine hübsche Klafter aufgerichtet hatten, sprachen sie: „Nun können wir uns wieder eine Weile Kaffee kochen.“ Und im Fluss waschen sie ihre Wäsche. Das war ihnen sehr bequem. Von den Sternen aber, wenn sie so recht funkelten, sagten sie weiter nichts als: „Es wird heute Nacht recht kalt werden, wenn nur unsere Kartoffeln nicht einfrieren.“ Versuchte es einmal der Traumjörg, ihnen eine andere Meinung beizubringen, so lachten sie ihn aus. Es waren eben ganz gewöhnliche Menschen.

Als Jörg eines Tages wieder auf dem alten Mühlstein saß und bei sich bedachte, dass er doch auf der ganzen Welt mutterseelenallein sei, schlief er ein. Da träumte ihm, es hinge vom Himmel eine goldene Schaukel an zwei silbernen Seilen herab. Jedes Seil war an einem Stern befestigt. Auf der Schaukel aber saß eine reizende Prinzessin, die schaukelte sich so hoch, dass sie vom Himmel zur Erde herab- und von der Erde wieder zum Himmel hinaufflog. Jedes Mal, wenn die Schaukel bis an die Erde kam, klatschte die Prinzessin vor Freude in ihre Hände und warf ihm eine Rose zu. Aber plötzlich rissen die Seile, und die Schaukel mit der Prinzessin flog weit in den Himmel hinein, immer weiter, immer weiter, bis er sie zu letzt nicht mehr sehen konnte. Da wachte er auf, und als er sich umsah, lag neben ihm auf dem Mühlstein ein großer Strauß Rosen.

Am nächsten Tag schlief er wieder ein und träumte das gleiche, und beim Erwachen lagen wieder die Rosen da.

So ging es die ganze Woche hindurch. Da sagte sich Traumjörg, es müsse doch irgend etwas Wahres an dem Traum sein, weil er ihn immer wieder träumte. Er schloss sein Haus zu und machte sich auf, die Prinzessin zu suchen.

Nachdem er viele Tage gegangen war, erblickte er von weitem ein Land, wo die Wolken bis auf die Erde hingen. Er wanderte rüstig darauf zu, kam aber in einen großen Wald. Plötzlich hörte er hier ein ängstliches Stöhnen und Wimmern, und als er auf die Stelle zugegangen war, sah er einen ehrwürdigen Greis mit silbergrauem Bart auf der Erde liegen. Zwei hässliche, splitternackte Kerle knieten auf ihm und versuchten, ihn zu erwürgen. Da blickte er um sich, ob er nicht irgendeine Waffe fände, mit der er den Kerlen zu Leibe gehen könnte, und da er nichts fand, riss er in seiner Todesangst einen großen Baumast ab. Kaum jedoch hatte er diesen erfasst, da verwandelte er sich in seinen Händen in eine mächtige Hellebarde. Damit stürmte er auf die beiden Ungeheuer los und rannte sie ihnen durch den Leib, so dass sie mit Geheul den Alten losließen und fortsprangen.

Darauf hob er den ehrwürdigen Greis auf, tröstete ihn und fragte, war um ihn die beiden nackten Kerle hatten erwürgen wollen.

Da erzählte der Alte, er sei der König der Träume und aus Versehen etwas vom Wege ab in das Reich seines größten Feindes, des Königs der Wirklichkeit, gekommen. Sobald dies der König der Wirklichkeit bemerkt hatte, habe er ihm durch zwei Diener auflauern lassen, damit sie ihm den Garaus machten.

„Hast du denn dem König der Wirklichkeit etwas zuleide getan?“ fragte Traumjörg.

„Behüte Gott!“ versicherte der Alte. „Er wird überhaupt sehr leicht gegen andere ausfällig. Das liegt in seinem Charakter – und mich hasst er besonders.“ „Aber die Kerle, die dich erwürgen sollten, waren ja ganz nackt!“ warf Traumjörg ein.

„Jawohl“, sagte der König, „splitterfasernackt. Das ist so Mode im Lande der Wirklichkeit. Alle Leute gehen dort nackt, selbst der König, und schämen sich nicht. Es ist ein abscheuliches Volk! – Weil du mir nun aber das Leben gerettet hast, will ich mich dankbar gegen dich erweisen und dir mein Land zeigen. Es ist wohl das herrlichste der Welt, und die Träume sind meine Untertanen!“

Darauf ging der König der Träume voran, und Jörg folgte ihm. Als sie an die Stelle kamen, wo die Wolken auf die Erde hingen, wies der König auf eine Falltür, die so versteckt im Busch lag, dass sie gar nicht zu finden war, wenn man es nicht wusste. Er hob sie auf und führte seinen Begleiter fünfhundert Stufen hinab in eine hellerleuchtete Grotte, welche sich meilenweit in wunderbarer Pracht dahinzog. Es war unsagbar schön! Da waren Schlösser auf Inseln mitten in großen Seen, und die Inseln schwammen umher wie Schiffe. Wenn man in ein solches Schloss hineingehen wollte, brauchte man sich nur ans Ufer zu stellen und zu rufen:

„Schlösslein, Schlösslein, schwinun heran,

dass ich in dich ‚reingehn kann!“

Dann kam es von selbst an das Ufer. Aber es waren noch andere Schlösser da auf Wolken, die flogen langsam durch die Luft. Sprach man:

„Steig herab, mein Luftschlösslein,

dass ich kann in dich hinein!“,

so senkten sie sich langsam nieder. Außerdem waren noch Gärten da mit Blumen, die am Tag dufteten und in der Nacht leuchteten, schillernde Vögel, die Märchen erzählten,und eine Menge anderer, wunderbarer Dinge. Traumjörg konnte mit dem Staunen und Wundern gar nicht fertig werden.

„Nun will ich dir noch meine Untertanen, die Träume, zeigen“, sagte der König. „Ich habe deren drei Arten: gute Träume für die guten Menschen, böse Träume für die bösen und Traumkobolde, mit denen ich zu weilen Spaß treibe, denn ein König muss doch auch seinen Spaß haben.“

Zuerst führte er ihn also in eins der Schlösser, das eine so verzwickte Bauart hatte, dass es förmlich komisch aussah. „Hier wohnen die Traumkobolde“, sprach er, „kleines, übermütiges, schabernackiges Volk. Tut niemandem etwas zuleide, aber neckt gern.“

„Komm einmal her, Kleiner“, rief er darauf einem der Kobolde zu, „und sei einmal einen einzigen Augenblick ernsthaft.“ Dann fuhr er fort, zu Traumjörg gewandt: „Weißt du, was der Schelm tut, wenn ich ihm ein mal ausnahmsweise erlaube, auf die Erde hinaufzusteigen? Er läuft in das nächste Haus, holt den erstbesten Menschen, der gerade wunderschön schläft, aus den Federn, trägt ihn auf den Kirchturm und wirft ihn kopf über hinunter. Dann springt er eiligst die Turmtreppe hinab, so dass er unten eher ankommt, fängt ihn auf, trägt ihn wieder nach Haus und schmeißt ihn so ins Bett, dass es kracht und er davon aufwacht. Dann reibt sich der den Schlaf aus den Augen, sieht sich ganz verwundert um und spricht: ,Ei du lieber Gott, war’s mir doch gerade, als ob ich vom Kirchturm herabfiele. Es ist nur gut, dass ich nur geträumt habe.'“

„Das ist er?“ rief Traumjörg. „Siehst du, der ist auch schon einmal bei mir gewesen! Wenn er aber wieder kommt und ich erwische ihn, soll’s ihm schlecht gehen.“ Kaum hatte er dies gesagt, so sprang ein anderer Traumkobold unter dem Tisch hervor. Der sah fast aus wie ein kleiner Hund, denn er hatte ein ganz zottiges Wämslein an, und die Zunge streckte er auch heraus.

„Der ist auch nicht viel besser“, meinte der Traumkönig, „er bellt wie ein Hund, und dabei hat er Kräfte wie ein Riese. Wenn dann die Leute im Traum Angst bekommen, hält er sie an Händen und Füßen fest, damit sie nicht fort können.“

„Den kenne ich auch“, fiel Traumjörg ein. „Wenn man fort will, ist es einem, als ob man starr und steif wie ein Stück Holz wäre. Will man den Arm aufheben, geht es nicht, und will man die Beine rühren, geht es auch nicht. Manchmal aber ist’s kein Hund, sondern ein Bär oder ein Räuber oder sonst etwas Schlinunes.“ –

„Ich werde ihnen nie wieder erlauben, dich zu besuchen, Traumjörg“, beruhigte ihn der König. „Nun komm einmal zu den bösen Träumen, aber fürchte dich nicht, sie werden dir keinen Schaden zufügen. Sie sind nur für die bösen Menschen.“ Damit traten sie in einen ungeheuren Raum, der von einer hohen Mauer umgeben und mit einer gewaltigen Tür verschlossen war. Hier wimmelte es von gräulichen Gestalten und entsetzlichen Ungeheuern. Manche sahen halb wie Menschen, halb wie Tiere, manche ganz wie Tiere aus. Erschrocken wich Traumjörg bis an die eiserne Tür zurück Doch der König redete ihm freundlich zu und sprach: „Willst du dir nicht genauer besehen, was böse Menschen träumen?“ Und er winkte einem Traum, der zunächst stand, das war ein scheußlicher Riese, der hatte unter jedem Arm ein Mühlrad.

„Erzähle, was du heute nacht tun wirst!“ herrschte ihn der König an. Da zog das Ungeheuer den Kopf zwischen die Schultern und den Mund bis zu den Ohren, wackelte mit dem Rücken wie einer, der sich so recht freut, und sagte grinsend: „Ich gehe zum reichen Mann, der seinen Vater hungern ließ. Als der alte Mann sich eines Tages auf die steinerne Treppe vor dem Haus seines Sohnes gesetzt hatte und um Brot bat, kam der Sohn und sagte zum Gesinde: ,Jagt mir einmal den Hampelmann fort!‘ Da gehe ich nun nachts zu ihm und ziehe ihn zwischen den beiden Mühlrädern durch, bis alle seine Knochen hübsch kurz und klein gebrochen sind. Ist er dann so recht geschmeidig und zappelig geworden, so nehme ich ihn am Kragen, schüttle ihn und sage: ,Siehst du, wie hübsch du nun zappelst, du Hampelmann!‘ Dann wacht er auf, klappert mit den Zähnen und ruft: ,Frau, bring mir noch ein Deckbett, mich friert.‘ Und wenn er wieder ein geschlafen ist, mache ich’s noch einmal!“ Als Traumjürg das hörte, drängte er mit Gewalt zur Tür hinaus, den König nach sich ziehend, und rief: „Nicht einen Augenblick länger bleibe ich hier bei den bösen Träumen. Das ist ja entsetzlich.“ Und der König führte ihn nun in einen prächtigen Garten, in dem die Wege von Silber, die Beete von Gold und die Blumen von geschliffenen Edelsteinen waren. Hier gingen die guten Träume spazieren. Das erste, was er sah, war eine blasse, junge Frau, die hatte unter dem Arm eine Arche Noah und unter dem andern einen Baukasten.

„Wer ist denn das?“ fragte Traumjörg. „Die geht abends immer zu einem kleinen kranken Jungen, dem die Mutter gestorben ist. Am Tage ist er ganz allein, und niemand kümmert sich um ihn. Aber gegen Abend geht sie zu ihm, spielt mit ihm und bleibt die ganze Nacht. Er schläft immer schon sehr früh ein, darum geht sie auch so zeitig. Die anderen Träume gehen viel später. – Komm nur weiter, wenn du alles sehen willst, dann müssen wir uns sputen!“

Sie gingen nun tiefer in den Garten hinein, mitten unter die guten Träume. Es waren Männer, Frauen, Greise und Kinder, alle mit lieben und guten Gesichtern und in den schönsten Kleidern. In den Händen trugen viele von ihnen alle möglichen Dinge, die sich das Herz nur wünschen kann. – Auf einmal blieb Traumjörg stehen und schrie so laut auf, dass alle Träume sich umsahen.

„Was hast du denn?“ fragte der König.

„Da ist ja meine Prinzessin, die mir so oft erschienen ist und mir die Rosen geschenkt hat!“ rief Traumjörg voll Freude. „Freilich, freilich!“ erwiderte der König, „das ist sie. Nicht wahr, ich habe dir immer einen sehr hübschen Traum geschickt? Es ist beinahe der hübscheste, den ich habe.“

Da lief Traumjörg auf die Prinzessin zu, die gerade wieder auf ihrer kleinen goldenen Schaukel saß und sich schaukelte. Sobald sie ihn kommen sah, sprang sie herab und ihm gerade in die Arme. Er aber nahm sie an der Hand und führte sie zu einer goldenen Bank. Da setzten sich beide hin und erzählten einander, wie hübsch es sei, sich wieder zu sehen. Als sie damit fertig waren, fingen sie wieder von vorne an. Der König der Träume ging mittlerweile auf dem großen Weg. der schnurgerade durch den Garten führte, auf und ab, die Hände auf dem Rücken, und sah zuweilen nach der Uhr, weil Traumjörg und die Prinzessin immer noch nicht mit dem fertig waren, was sie sich zu erzählen hatten. Zuletzt ging er doch zu ihnen und sagte: „Kinder, nun ist es genug! Du, Traumjörg, hast noch weit nach Hause, und über Nacht kann ich dich nicht hier behalten, denn ich habe keine Betten, weil die Träume nicht schlafen, sondern nachts immer zu den Menschen auf die Erde gehen müssen. Du, Prinzesschen, du musst dich Fertigmachen. Zieh dich heute einmal ganz rosa an, und nachher komm zu mir, damit ich dir sage, wem du heute erscheinen und was du ihm sagen sollst.“

Als Traumjörg das hörte, wurde er auf einmal so mutig wie noch nie in seinem Leben. Er stand auf und sagte mit fester Stimme: ,.Herr König, von meiner Prinzessin lass‘ ich nie und nimmermehr Entweder Ihr müsst mich hier unten behalten oder Ihr müsst sie mir mit auf die Erde geben. Ich kann ohne sie nicht leben, dazu habe ich sie viel zu lieb.“ Dabei trat ihm in jedes Auge eine Träne, so groß wie eine Haselnuss.

„Aber Jörg, Jörg“, erwiderte der König, „es ist ja der allerhübscheste Traum, den ich habe! Doch du hast mir das Leben gerettet, so sei es denn. Nimm deine Prinzessin und steige mit ihr hinauf auf die Erde. Sobald du oben angelangt bist, nimm ihr den silbernen Schleier vom Kopf und wirf ihn mir durch die Falltür wieder herab. Dann wird deine Prinzessin von Fleisch und Blut wie ein anderes Menschenkind sein. Jetzt ist sie ja nur ein Traum!“

Da bedankte sich Traumjörg auf das herzlichste und sagte: „Lieber König, weil du nun einmal so überaus gut bist, so möchte ich wohl noch eine Bitte wagen. Sieh, eine Prinzessin habe ich nun, doch es fehlt mir das Königreich. Und eine Prinzessin ohne Königreich ist ganz unmöglich Kannst du mir nicht eins verschaffen, wenn es auch nur ein ganz kleines ist?“

Darauf antwortete der König: „Sichtbare Königreiche, Traumjörg, habe ich zwar nicht zu vergeben, aber unsichtbare. Davon sollst du eins haben, und zwar eins der größten und herrlichsten, die ich besitze.“

Da fragte Traumjörg, wie es mit den unsichtbaren Königreichen beschaffen wäre, doch der König bedeutete ihm, er würde das schon alles erfahren und sein blaues Wunder erleben, so schön und herrlich sei es mit den unsichtbaren Königreichen.

„Mit den gewöhnlichen, sichtbaren“, sagte er, „ist es doch zuweilen eine sehr unangenehme Sache. Zurn Beispiel: Du bist König in einem gewöhnlichen Königreich, und frühmorgens tritt der Minister an dein Bett und sagt: ,Majestät, ich brauche tausend Taler fürs Reich.‘ Darauf öffnest du die Staatskasse und findest nicht einen Heller darin! Was willst du dann anfangen? Oder ein anderes: Du bekommst Krieg und verlierst, und der andere König, der dich besiegt hat, heiratet deine Prinzessin, dich aber sperrt er in einen Turm. So etwas kann in einem unsichtbaren Reich nicht vorfallen!“

„Wenn wir es aber nicht sehen“, fragte Traumjörg, noch immer etwas betreten, „was kann uns dann unser Königreich nützen?“

„Du sonderbarer Mensch“, sagte der König darauf und hielt den Zeigefinger an die Stirn, „du und deine Prinzessin, ihr seht es schon. Ihr seht die Schlösser und Gärten, die Wiesen und Wälder, die zu dem Königreich gehören, wohl! Ihr wohnt darin, geht spazieren und könnt alles damit machen, was euch gefällt. Nur die anderen Leute sehen es nicht.“

Da war Traumjörg hoch erfreut, denn es war ihm schon etwas ängstlich geworden, ob die Leute im Dorf ihn nicht scheel ansehen würden, wenn er mit seiner Prinzessin nach Haus käme und König wäre. Er nahm sehr gerührt Abschied vom König der Träume, stieg mit der Prinzessin die fünfhundert Stufen hinauf, nahm ihr den silbernen Schleier vom Kopf und warf ihn hinunter. Darauf wollte er die Falltür zumachen, aber sie war sehr schwer. Er konnte sie nicht halten und ließ sie zufallen. Da gab es einen großen Krach, und es vergingen ihm auf einen Augenblick die Sinne. Als er wieder zu sich kam, saß er vor seinem Häuschen auf dem alten Mühlstein und neben ihm die Prinzessin. Sie war von Fleisch und Blut wie ein gewöhnliches Menschenkind. Sie hielt seine Hand, streichelte sie und sagte: „Du lieber, guter Mensch, du hast dich so lange nicht getraut, mir zu sagen, wie lieb du mich hast! Hast du dich denn vor mir gefürchtet?“

Und der Mond ging auf und beleuchtete den Fluss, die Wellen schlugen klingend ans Ufer, und der Wald rauschte. Doch sie saßen noch immer und schwatzten. Da war es plötzlich, als wenn eine kleine ganz schwarze Wolke vor den Mond träte, und auf einmal fiel etwas vor ihre Füße nieder wie ein großes zusammengelegtes Tuch. Dann leuchtete der Mond wieder in vollem Glanze. Sie hoben das Tuch auf und breiteten es auseinander Es war aber sehr fein und viele hundert Male zusammengelegt, so dass sie viel Zeit brauchten. Als sie es vollständig auseinandergefaltet hatten, sah es aus wie eine große Landkarte. In der Mitte zog sich ein Fluss hin, und zu beiden Seiten waren Städte, Wälder und Seen. Da merkten sie, dass es ein Königreich war, das ihnen der gute Traumkönig vom Himmel hatte herunterfallen lassen. Und als sie nun ihr kleines Häuschen besahen, war es zu einem wundervollen Schloss geworden, mit gläsernen Treppen, Wänden von Marmor, Tapeten aus Samt und spitzen Türmen mit blauen Schieferdächern. Da fassten sie sich an und gingen in das Schloss hinein, und als sie eintraten, waren schon die Untertanen versammelt und verneigten sich tief. Pauken und Trompeten erschollen, und Edelknaben gingen vor ihnen her und streuten Blumen. Da waren sie König und Königin.

Am anderen Morgen aber lief es wie ein Feuer durch das Dorf, dass der Traumjörg wiedergekommen sei und sich ein Frau mitgebracht habe. „Das wird auch was recht Gescheites sein“, sagten die Leute. „Ich habe sie heute früh gesehen“, fiel einer von den Bauern ins Wort, ,als ich in den Wald ging. Sie stand mit ihm vor der Tür. Es ist nichts Besonderes, eine ganz gewöhnliche Person, klein und schmächtig. Ziemlich ärmlich war sie angezogen. Wo soll’s denn am Ende auch herkommen! Er hat nichts, da wird sie wohl auch nichts haben!“

So schwatzten sie, die dummen Leute, denn sie konnten nicht sehen, dass es eine Prinzessin war. Und dass sich das Häuschen in ein großes, wundervolles Schloss verwandelt hatte, bemerkten sie in ihrer Einfalt auch nicht, denn es war eben ein unsichtbares Königreich, was dem Traumjörg vom Himmel herabgefallen war. Aus diesem Grunde kümmerte er sich auch nicht um die dummen Leute, sondern lebte in seinem Königreich mit seiner lieben Prinzessin herrlich und vergnügt. Und sie bekamen sechs Kinder, eins schöner als das andere. Das waren lauter Prinzen und Prinzessinnen. Niemand aber wusste es im Dorf, denn dort waren die Leute viel zu einfältig, um es zu sehen.

Die weiße und die schwarze Braut

Eine Frau ging mit ihrer Tochter und Stieftochter über Feld, Futter zu schneiden. Da kam der liebe Gott als ein armer Mann zu ihnen gegangen und fragte ‚wo führt der Weg ins Dorf?‘ ‚Wenn Ihr ihn wissen wollt,‘ sprach die Mutter, ’so sucht ihn selber,‘ und die Tochter setzte hinzu ‚habt Ihr Sorge, dass Ihr ihn nicht findet, so nehmt Euch einen Wegweiser mit.‘ Die Stieftochter aber sprach ‚armer Mann, ich will dich führen, komm mit mir.‘ Da zürnte der liebe Gott über die Mutter und Tochter, wendete ihnen den Rücken zu und verwünschte sie, dass sie sollten schwarz werden wie die Nacht und hässlich wie die Sünde. Der armen Stieftochter aber war Gott gnädig und ging mit ihr, und als sie nahe am Dorf waren, sprach er einen Segen über sie und sagte ‚wähle dir drei Sachen aus, die will ich dir gewähren.‘ Da sprach das Mädchen ‚ich möchte gern so schön und rein werden wie die Sonne;‘ alsbald war sie weiß und schön wie der Tag. ‚Dann möchte ich einen Geldbeutel haben, der nie leer würde;‘ den gab ihr der liebe Gott auch, sprach aber ‚vergiss das Beste nicht.‘ Sagte sie ‚ich wünsche mir zum dritten das ewige Himmelreich nach meinem Tode.‘ Das ward ihr auch gewährt, und also schied der liebe Gott von ihr.

Als die Stiefmutter mit ihrer Tochter nach Hause kam und sah, dass sie beide kohlschwarz und hässlich waren, die Stieftochter aber weiß und schön, so stieg die Bosheit in ihrem Herzen noch höher, und sie hatte nichts anders im Sinn, als wie sie ihr ein Leid antun könnte. Die Stieftochter aber hatte einen Bruder namens Reginer, den liebte sie sehr und erzählte ihm alles, was geschehen war. Nun sprach Reginer einmal zu ihr ‚liebe Schwester, ich will dich abmalen, damit ich dich beständig vor Augen sehe, denn meine Liebe zu dir ist so groß, dass ich dich immer anblicken möchte.‘ Da antwortete sie ‚aber ich bitte dich, lass niemand das Bild sehen.‘ Er malte nun seine Schwester ab und hing das Bild in seiner Stube auf; er wohnte aber in des Königs Schloss, weil er bei ihm Kutscher war. Alle Tage ging er davor stehen und dankte Gott für das Glück seiner lieben Schwester. Nun war aber gerade dem König, bei dem er diente, seine Gemahlin verstorben, die so schön gewesen war, dass man keine finden konnte, die ihr gliche, und der König war darüber in tiefer Trauer. Die Hofdiener bemerkten aber, dass der Kutscher täglich vor dem schönen Bilde stand, missgönntens ihm und meldeten es dem König. Da ließ dieser das Bild vor sich bringen, und als er sah, dass es in allem seiner verstorbenen Frau glich, nur noch schöner war, so verliebte er sich sterblich hinein. Er ließ den Kutscher vor sich kommen und fragte, wen das Bild vorstellte. Der Kutscher sagte, es wäre seine Schwester, so entschloss sich der König, keine andere als diese zur Gemahlin zu nehmen, gab ihm Wagen und Pferde und prächtige Goldkleider und schickte ihn fort, seine erwählte Braut abzuholen. Wie Reginer mit der Botschaft ankam, freute sich seine Schwester, allein die Schwarze war eifersüchtig über das Glück, ärgerte sich über alle Maßen und sprach h zu ihrer Mutter ‚was helfen nun all Eure Künste, da Ihr mir ein solches Glück doch nicht verschaffen könnt.‘ ‚Sei still,‘ sagte die Alte, ‚ich will dirs schon zuwenden.‘ Und durch ihre Hexenkünste trübte sie dem Kutscher die Augen, dass er halb blind war, und der Weißen verstopfte sie die Ohren, dass sie halb taub war. Darauf stiegen sie in den Wagen, erst die Braut in den herrlichen königlichen Kleidern, dann die Stiefmutter mit ihrer Tochter, und Reginer saß auf dem Bock, um zu fahren. Wie sie eine Weile unterwegs waren, rief der Kutscher

‚deck dich zu, mein Schwesterlein,
dass Regen dich nicht nässt,
dass Wind dich nicht bestäubt,
dass du fein schön zum König kommst.‘

Die Braut fragte ‚was sagt mein lieber Bruder?‘ ‚Ach,‘ sprach die Alte, ‚er hat gesagt, du solltest dein gülden Kleid ausziehen und es deiner Schwester geben.‘ Da zog sie’s aus und tat’s der Schwarzen an, die gab ihr dafür einen schlechten grauen Kittel. So fuhren sie weiter: über ein Weilchen rief der Bruder abermals

‚deck dich zu, mein Schwesterlein‘
dass Regen dich nicht nässt,
dass Wind dich nicht bestäubt,
und du fein schön zum König kommst.‘

Die Braut fragte ‚was sagt mein lieber Bruder?‘ ‚Ach,‘ sprach die Alte, ‚er hat gesagt, du solltest deine güldene Haube abtun und deiner Schwester geben.‘ Da tat sie die Haube ab und tat sie der Schwarzen auf und saß im bloßen Haar. So fuhren sie weiter: wiederum über eine Weile rief der Bruder

‚deck dich zu, mein Schwesterlein,
dass Regen dich nicht nässt
dass Wind dich nicht bestäubt,
und du fein schön zum König kommst.‘

Die Braut fragte ‚was sagt mein lieber Bruder?‘ ‚Ach,‘ sprach die Alte, ‚er hat gesagt, du möchtest einmal aus dem Wagen sehen.‘ Sie fuhren aber gerade auf einer Brücke über ein tiefes Wasser. Wie nun die Braut aufstand und aus dem Wagen sich herausbückte, da stießen sie die beiden hinaus, dass sie mitten ins Wasser stürzte. Als sie versunken war, in demselben Augenblick stieg eine schneeweiße Ente aus dem Wasserspiegel hervor und schwamm den Fluss hinab. Der Bruder hatte gar nichts davon gemerkt und fuhr den Wagen weiter, bis sie an den Hof kamen. Da brachte er dem König die Schwarze als seine Schwester und meinte, sie wär’s wirklich, weil es ihm trübe vor den Augen war und doch die Goldkleider schimmern sah. Der König, wie er die grundlose Hässlichkeit an seiner vermeinten Braut erblickte, ward sehr bös und befahl, den Kutscher in eine Grube zu werfen, die voll Ottern und Schlangengezücht war. Die alte Hexe aber wusste den König doch so zu bestricken und durch ihre Künste ihm die Augen zu verblenden, dass er sie und ihre Tochter behielt, ja dass sie ihm ganz leidlich vorkam und er sich wirklich mit ihr verheiratete.

Einmal abends, während die schwarze Braut dem König auf dem Schoße saß, kam eine weiße Ente zum Gossenstein in die Küche geschwommen und sagte zum Küchenjungen

‚Jüngelchen, mach Feuer an‘
dass ich meine Federn wärmen kann.‘

Das tat der Küchenjunge und machte ihr ein Feuer auf dem Herd: da kam die Ente und setzte sich daneben, schüttelte sich und strich sich die Federn mit dem Schnabel zurecht. Während sie so saß und sich wohltat, fragte sie

‚was macht mein Bruder Reginer?‘
Der Küchenjunge antwortete

‚liegt in der Grube gefangen
bei Ottern und bei Schlangen.‘

Fragte sie weiter

‚was macht die schwarze Hexe im Haus?‘
Der Küchenjunge antwortete

‚die sitzt warm
ins Königs Arm.‘

Sagte die Ente
‚dass Gott erbarm!‘

und schwamm den Gossenstein hinaus.

Den folgenden Abend kam sie wieder und tat dieselben Fragen und den dritten Abend noch einmal. Da konnte es der Küchenjunge nicht länger übers Herz bringen, ging zu dem König und entdeckte ihm alles. Der König aber wollte es salbst sehen, ging den andern Abend hin, und wie die Ente den Kopf durch den Gossenstein hereinstreckte, nahm er sein Schwert und hieb ihr den Hals durch, da ward sie auf einmal zum schönsten Mädchen, und glich genau dem Bild, das der Bruder von ihr gemacht hatte. Der König war voll Freuden; und weil sie ganz nass dastand, ließ er köstliche Kleider bringen und ließ sie damit bekleiden. Dann erzählte sie ihm, wie sie durch List und Falschheit wäre betrogen und zuletzt in den Fluss hinabgeworfen worden; und ihre erste Bitte war, dass ihr Bruder aus der Schlangenhöhle herausgeholt würde. Und als der König diese Bitte erfüllt hatte, ging er in die Kammer, wo die alte Hexe saß, und fragte ‚was verdient die, welche das und das tut?‘ und erzählte, was geschehen war. Da war sie so verblendet, dass sie nichts merkte und sprach ‚die verdient, dass man sie nackt auszieht und in ein Faß mit Nägeln legt, und dass man vor das Faß ein Pferd spannt und das Pferd in alle Welt schickt.‘ Das geschah alles an ihr und ihrer schwarzen Tochter. Der König aber heiratete die weiße und schöne Braut und belohnte den treuen Bruder, indem er ihn zu einem reichen und angesehenen Mann machte.

Die sieben Raben


Ein Mann hatte sieben Söhne und immer noch kein Töchterchen, so sehr er sich’s auch wünschte; endlich gab ihm seine Frau wieder Hoffnung zu einem Kinde, und wie es zur Welt kam, war’s auch ein Mädchen. Die Freude war groß, aber das Kind war schmächtig und klein und sollte wegen seiner Schwachheit die Nottaufe haben. Der Vater schickte einen der Knaben eilends zur Quelle, Taufwasser zu holen, die anderen sechs liefen mit, und weil jeder der erste beim Schöpfen sein wollte, so fiel ihnen der Krug in den Brunnen. Da standen sie, und wussten nicht, was Sie tun sollten, und keiner getraute sich heim. Als sie immer nicht zurückkamen, ward der Vater ungeduldig und sprach: „Gewiss haben sie’s wieder über ein Spiel vergessen, die gottlosen Jungen.“ Es ward ihm angst, das Mädchen müsste ungetauft verscheiden, und im Ärger rief er: „Ich wollte, dass die Jungen alle zu Raben würden.“ Kaum war das Wort ausgeredet, so hörte er ein Geschwirr über seinem Haupte in der Luft, blickte in die Höhe und sah sieben kohlschwarze Raben auf und davon fliegen.

Die Eltern konnten die Verwünschung nicht mehr zurücknehmen, und so traurig sie über den Verlust ihrer sieben Söhne waren, trösteten sie sich doch einigermaßen durch ihr liebes Töchterchen, das bald zu Kräften kam und mit jedem Tage schöner ward. Es wusste lange Zeit nicht einmal, dass es Geschwister gehabt hatte, denn die Eltern hüteten sich, ihrer zu erwähnen, bis es eines Tages die Leute von sich von ungefähr sprechen hörte, das Mädchen wäre wohl schön, aber doch eigentlich schuld an dem Unglück seiner sieben Brüder. Da ward es ganz betrübt, ging zu Vater und Mutter und fragte, ob es denn Brüder gehabt hätte und wo sie hingeraten wären? Nun durften die Eltern das Geheimnis nicht länger verschweigen, sagten jedoch, es sei so des Himmels Verhängnis und seine Geburt nur der unschuldige Anlass gewesen. Allein das Mädchen machte sich täglich ein Gewissen daraus und glaubte, es müsste seine Geschwister wieder erlösen. Es hatte nicht Ruhe und Rast, bis es sich heimlich aufmachte und in die weite Welt ging, seine Brüder irgendwo aufzuspüren und zu befreien, es möchte kosten, was es wolle. Es nahm nichts mit als ein Ringlein von seinen Eltern zum Andenken, einen Laib Brot für den Hunger, ein Krüglein Wasser für den Durst und ein Stühlchen für die Müdigkeit.

Nun ging es immer zu, weit, weit, bis an der Welt Ende. Da kam es zur Sonne, aber die war zu heiß und fürchterlich und fraß die kleinen Kinder. Eilig lief es weg und lief hin zu dem Mond, aber der war zu kalt und auch grausig und bös, und als er das Kind merkte, sprach er: „Ich rieche Menschenfleisch.“ Da machte es sich geschwind fort und kam zu den Sternen, die waren ihm freundlich und gut, und jeder saß auf seinem besonderen Stühlchen. Der Morgenstern aber stand auf, gab ihm ein Hinkelbeinchen und sprach: „Wenn du das Beinchen nicht hast, kannst du den Glasberg nicht aufschließen, und in dem Glasberg, da sind deine Brüder.“

Das Mädchen nahm das Beinchen, wickelte es wohl in ein Tüchlein und ging wieder fort, so lange bis es an den Glasberg kam. Das Tor war verschlossen, und es wollte das Beinchen hervorholen; aber wie es das Tüchlein aufmachte, so war es leer, und es hatte das Geschenk der guten Sterne verloren. Was sollte es nun anfangen? Seine Brüder wollte es erretten und hatte keinen Schlüssel zum Glasberg. Das gute Schwesterchen nahm ein Messer, schnitt sich ein kleines Fingerchen ab, steckte es in das Tor und schloss glücklich auf. Als es eingegangen war, kam ihm ein Zwerglein entgegen, das sprach: „Mein Kind, was suchst du?“ -„Ich suche meine Brüder, die sieben Raben“, antwortete es. Der Zwerg sprach: „Die Herren Raben sind nicht zu Haus, aber willst du hier so lang warten, bis sie kommen, so tritt ein.“ Darauf trug das Zwerglein die Speise der Raben herein auf sieben Tellerchen und in sieben Becherchen, und von jedem Tellerchen aß das Schwesterchen ein Bröckchen und aus jedem Becherchen trank es ein Schlückchen; in das letzte Becherchen aber ließ es das Ringlein fallen, das es mitgenommen hatte.

Auf einmal hörte es in der Luft ein Geschwirr und ein Geweh, da sprach das Zwerglein: „Jetzt kommen die Herren Raben heimgeflogen.“ Da kamen sie, wollten essen und trinken und suchten ihre Tellerchen und Becherchen. Da sprach einer nach dem anderen: „Wer hat von meinem Tellerchen gegessen? Wer hat aus meinem Becherchen getrunken? Das ist eines Menschen Mund gewesen.“ Und wie der siebente auf den Grund des Bechers kam, rollte ihm das Ringlein entgegen. Da sah er es an und erkannte, dass es ein Ring von Vater und Mutter war und sprach: „Gott gebe, unser Schwesterlein wäre da, so wären wir erlöst.“ Wie das Mädchen, das hinter der Türe stand und lauschte, den Wunsch hörte, so trat es hervor, und da bekamen alle die Raben ihre menschliche Gestalt wieder. Und sie herzten und küssten einander und zogen fröhlich heim.

Von dem Mäuschen, Vögelchen und der Bratwurst

Gebr. Grimm

Es waren einmal ein Mäuschen, ein Vögelchen und eine Bratwurst in Gesellschaft geraten, hatten einen Haushalt geführt, lange wohl und köstlich im Frieden gelebt und trefflich an Gütern zugenommen. Des Vögelchens Arbeit war, dass es täglich in den Wald fliegen und Holz beibringen musste. Die Maus sollte Wasser tragen, Feuer anmachen und den Tisch decken, die Bratwurst aber sollte kochen.

Wem zu wohl ist, den gelüstet immer nach neuen Dingen. Eines Tages traf das Vöglein unterwegs einen anderen Vogel, dem es von seinem prächtigen Leben erzählte. Der andere Vogel schalt es aber einen armen Tropf: „Du hast große Arbeit, die andern zu Hause aber gute Tage“, sagte er. Denn wenn die Maus das Feuer angemacht und Wasser getragen hatte, so begab sie sich in ihr Kämmerlein zur Ruhe, bis man sie hieß, den Tisch zu decken. Das Würstchen aber blieb beim Hafen und sah zu, dass die Speise wohl kochte. Wenn es bald Essenszeit war, schlängelte es sich viermal durch den Brei oder das Gemüse. So war es geschmalzen, gesalzen und bereitet. Kam dann das Vöglein heim und legte seine Bürde ab, so saßen sie zu Tisch, und nach dem Mahl schliefen sie sich die Haut voll bis an den andern Morgen, und das war ein herrlich Leben.

Das Vöglein wollte andern Tags nicht mehr ins Holz. Es sagte: „Lange genug bin ich Euer Knecht gewesen. Ich mag es nun nicht mehr sein. Wir wollen einmal umwechseln und es auf eine andere Weise versuchen.“ Die Maus und die Bratwurst waren damit gar nicht zufrieden. Das Vöglein aber überredete sie endlich. Also musste es gewagt sein, und sie losten darum. Die Bratwurst musste nun Holz tragen, die Maus ward Koch und der Vogel sollte Wasser holen.

Was geschieht? Das Bratwürstchen zieht fort ins Holz; das Vöglein machte Feuer an, die Maus stellte den Topf zu. Nun warteten die beiden bis Bratwürstchen heimkäme und Holz für den anderen Tag brächte. Es blieb aber das Würst lein so lang unterwegs, dass ihnen angst wurde. Das Vöglein machte sich auf und flog ein Stück in die Luft, ihm entgegen. Unfern aber findet es einen Hund am Weg, der das arme Bratwürstlein als freie Beute angesehen, es gepackt und niedergemacht hatte. Das Vöglein beschwerte sich heftig und schalt den Hund einen argen Räuber. Aber was half’s? Der Hund sprach: „Ich habe falsche Briefe bei dem Würstlein gefunden, darum war es mein.“

Das Vöglein, traurig, nahm das Holz auf sich, flog heim und erzählte, was es gesehen und gehört. Sie waren sehr betrübt, kamen aber überein, das Beste zu tun und beisammen zu bleiben. Nun deckte das Vöglein den Tisch, und die Maus rüstete das Essen. Ehe sie anrichtete, wollte sie, wie zuvor das Würstchen, sich durch das Gemüse schlängeln, um es zu schmalzen, aber ehe sie in die Mitte kam, ward sie angehalten und musste Haut und Haar und dabei das Leben lassen. Als das Vöglein kam und wollte das Essen auftragen, da war kein Koch vor handen. Das Vöglein warf bestürzt das Holz hin und her, rief und süchte, konnte aber seinen Koch nicht mehr finden. Aus Unachtsamkeit kam das Feuer in das Holz, also dass eine Brunst entstand. Das Vöglein eilte, Wasser zu langen, da fiel ihm der Eimer in den Brunnen und es mit hinab, dass es sich nicht mehr erholen konnte und da ertrinken musste.

Das Lumpengesindel

Geb. Grimm


Hähnchen sprach zum Hühnchen: „Jetzt ist die Zeit, wo die Nüsse reif werden, da wollen wir zusammen auf den Berg gehen und uns einmal recht satt essen, ehe sie das Eichhorn alle wegholt.“ „Ja“, antwortete das Hühnchen, „komm, wir wollen uns eine Lust miteinander machen.“ Da gingen sie zusammen fort auf den Berg, und weil es ein heller Tag war, blieben sie bis zum Abend. Nun weiß ich nicht, ob sie sich so dick gegessen hatten, oder ob sie übermütig geworden waren,kurz, sie wollten nicht zu Fuß nach Hause gehen, und das Hähnchen musste einen kleinen Wagen von Nussschalen bauen. Als er fertig war, setzte sich das Hühnchen hinein und sagte zum Hähnchen: „Du kannst dich nur immer vorspannen.“ – „Oh, du kommst mir recht“, sagte das Hähnchen, „lieber geh‘ ich zu Fuß nach Hause, als dass ich mich vorspannen lasse; nein, so haben wir nicht gewettet. Kutscher will ich wohl sein und auf dem Bock sitzen, aber selbst ziehen, das tu, ich nicht.“

Wie sie so stritten, schnatterte eine Ente daher: „Ihr Diebsvolk, wer hat euch geheißen in meinen Nussberg gehen? Wartet, das soll euch schlecht bekommen!“ Ging also mit aufgesperrtem Schnabel auf das Hähnchen los. Aber Hähnchen war auch nicht faul und stieg der Ente tüchtig zu Leib; endlich hackte es mit seinen Sporen so gewaltig auf sie los, dass sie um Gnade bat und sich gern zur Strafe vor den Wagen spannen ließ. Hähnchen setzte sich nun auf den Bock und war Kutscher, und darauf ging es fort in einem Jagen: „Ente, lauf zu, was du kannst!“

Als sie ein Stück Weges gefahren waren, begegneten sie zwei Fußgängern, einer Stecknadel und einer Nähnadel. Die riefen: „Halt! Halt!“ und sagten, es würde gleich stichdunkel werden, da könnten sie keinen Schritt weiter, auch wäre es so schmutzig auf der Straße, ob sie nicht ein wenig einsitzen könnten: sie wären auf der Schneiderherberge vor dem Tor gewesen und hätten sich beim Bier verspätet. Da es magere Leute waren, die nicht viel Platz einnahmen, ließ Hähnchen beide einsteigen, doch mussten sie versprechen, ihm und seinem Hühnchen nicht auf die Füße zu treten. Spätabends kamen sie zu einem Wirtshaus, und weil sie die Nacht nicht weiterfahren wollten, die Ente auch nicht gut zu Fuß war und von einer Seite auf die andere fiel, so kehrten sie ein. Der Wirt machte anfangs viel Einwendungen, sein Haus wäre schon voll, gedachte auch wohl, es möchte keine vornehrne Herrschaft sein; endlich aber, da sie süße Reden führten, er sollte das Ei haben, das das Hühnchen unterwegs gelegt hatte, auch die Ente behalten, die alle Tage eins legte, so sagte er endlich, sie möchten die Nacht über bleiben. Nun ließen sie wieder frisch auftragen und lebten in Saus und Braus.

Frühmorgens, als es dämmerte und noch alles schlief, weckte Hähnchen das Hühnchen, holte das Ei, pickte es auf, und sie verzehrten es zusammen; die Schalen aber warfen sie auf den Feuerherd. Dann gingen sie zu der Nähnadel, die noch schlief, packten sie beim Kopfe und steckten sie in das Sesselkissen des Wirts, die Stecknadel aber in sein Handtuch; endlich flogen sie, mir nichts dir nichts, über die Heide davon. Die Ente, die gern unter freiem Himmel schlief und im Hof geblieben war, hörte sie fortschnurren, machte sich munter und fand einen Bach, auf dem sie hinabschwamm; und das ging geschwinder als vor dem Wagen. Ein paar Stunden später machte sich erst der Wirt aus den Federn, wusch sich und wollte sich am Handtuch abtrocknen, da fuhr ihm die Stecknadel über das Gesicht und machte ihm einen roten Strich von einem Ohr zum andern; dann ging er in die Küche und wollte sich eine Pfeife anstecken, wie er aber an den Herd kam, sprangen ihm die Eierschalen in die Augen. „Heute morgen will mir alles an meinen Kopf“, sagte er und ließ sich verdrießlich auf seinen Großvaterstuhl nieder; aber geschwind fuhr er wieder in die Höhe und schrie: „Auweh!“, denn die Nähnadel hatte ihn noch schlimmer und nicht in den Kopf gestochen Nun war er vollends böse und hatte Verdacht auf die Gäste, die so spät gestern abend gekommen waren; und wie er ging und sich nach ihnen umsah, waren sie fort. Da tat er einen Schwur, kein Lumpengesindel mehr in sein Haus zu nehmen, das viel verzehrt, nichts bezahlt und zum Dank noch obendrein Schabernack treibt.

Marienkind

Gebr. Grimm

Vor einem großen Walde lebte ein Holzhacker mit seiner Frau, der hatte nur ein einziges Kind, das war ein Mädchen von drei Jahren. Sie waren aber so arm, dass sie nicht mehr das tägliche Brot hatten und nicht wussten, was sie dem Kinde sollten zu essen geben. Eines Morgens ging der Holzhacker voller Sorgen hinaus in den Wald an seine Arbeit, und wie er da Holz hackte, stand auf einmal eine schöne, große Frau vor ihm, die hatte eine Krone von leuchtenden Sternen auf dem Haupte und sprach zu ihm: „Ich bin die Jungfrau Maria, die Mutter des Christkindleins; du bist arm und dürftig, bring‘ mir dein Kind, ich will es mit mir nehmen, seine Mutter sein und für es sorgen.“ Der Holzhacker gehorchte, holte sein Kind und übergab es der Jungfrau Maria, die nahm es mit sich hinauf in den Himmel. Da ging es ihm wohl, es aß Zuckerbrot und trank süße Milch, und seine‘ Kleider waren von Gold, und die Englein spielten mit ihm.

Als es nun vierzehn Jahre alt geworden war, rief die Jungfrau Maria es einmal zu sich und sprach: „Liebes Kind, ich habe eine große Reise vor, da nimm die Schlüssel zu den dreizehn Türen des Himmelreichs in Verwahrung. Zwölf davon darfst du aufschließen und die Herrlichkeiten darin betrachten, aber die dreizehnte, wozu dieser kleine Schlüssel gehört, die ist dir verboten; hüte dich, dass du sie nicht aufschließest, sonst wirst du unglücklich.“ Das Mädchen versprach, gehorsam zu sein, und als nun die Jungfrau Maria weg war, fing es an und besah die Wohnungen des Himmelreichs: jeden Tag schloss es eine auf, bis die zwölfe herum waren. In jeder aber saß ein Apostel und war von großem Glanz umgeben, und es freute sich über all die Pracht und Herrlichkeit, und die Englein, die es immer begleiteten, freuten sich mit ihm. Nun war‘ die verbotene Tür allein noch übrig, da empfand es eine große Lust zu wissen, was dahinter verborgen wäre, und sprach zu den Englein: „Ganz aufmachen will ich sie nicht und will auch nicht hinein gehen, aber ich will sie aufschließen, damit wir ein wenig durch den Ritz sehen.“ – „Ach nein“, sagten die Englein, „das wäre Sünde, die Jungfrau Maria hat’s verboten, und es könnte leicht dein Unglück werden.“ Da schwieg es still, aber die Begierde in seinem Herzen schwieg nicht still, sondern nagte und pickte ordentlich daran und ließ ihm keine Ruhe. Und als die Englein einmal alle hinaus gegangen waren, dachte es: „Nun bin ich ganz allein und könnte hineingucken, es weiß es ja niemand, wenn ich’s tue.“ Es suchte den Schlüssel heraus, und als es ihn in der Hand hielt, steckte es ihn auch in das Schloss, und als es ihn hineingesteckt hatte, drehte es auch um. Da sprang die Tür auf, und es sah da die Drei einigkeit im Feuer und Glanz sitzen. Es blieb ein Weilchen stehen und betrachtete alles mit Erstaunen, dann rührte es ein wenig mit dem Finger an dem Glanz, da wurde der Finger ganz golden. Alsbald empfand es eine gewaltige Angst, schlug die Tür heftig zu und lief fort. Die Angst wollte auch nicht wieder weichen, es mochte anfangen, was es wollte, und das Herz klopfte in einem fort und wollte nicht ruhig werden; auch das Gold blieb am Finger und ging nicht ab, es mochte waschen und reiben, soviel es wollte. Gar nicht lange, so kam die Jungfrau Maria von ihrer Reise zurück. Sie rief das Mädchen zu sich und forderte ihm die Himmelsschlüssel wieder ab. Als es den Bund hinreichte, blickte ihm die Jungfrau in die Augen und sprach: „Hast du auch nicht die dreizehnte Tür geöffnet?“ – „Nein“, antwortete es. Da legte die Jungfrau ihre Hand auf des Mädchens Herz, fühlte, wie es klopfte und klopfte, und merkte wohl, dass es ihr Gebot übertreten und die Tür aufgeschlossen hatte. Da sprach sie noch einmal: „Hast du es gewiss nicht getan?“ – „Nein“, sagte das Mädchen zum zweiten Mal. Da erblickte sie den Finger, der von der Berührung des himmlischen Feuers golden geworden war, sah wohl, dass es gesündigt hatte, und sprach zum dritten Mal: „Hast du es nicht getan?“ – „Nein“, sagte das Mädchen zum dritten Mal. Da sprach die Jung frau Maria: „Du hast mir nicht gehorcht und hast noch dazu gelogen, du bist nicht mehr würdig, im Himmel zu sein.“

Da versank das Mädchen in einen tiefen Schlaf, und als es erwachte, lag es unten auf der Erde, mitten in einer Wildnis. Es wollte rufen, aber es konnte keinen Laut hervorbringen. Es sprang auf und wollte fortlaufen; aber wo es sich hinwendete, immer ward es von dichten Domhecken zurückgehalten, die es nicht durchbrechen konnte. In der Einöde, in die es eingeschlossen war, stand ein alter, hohler Baum, das musste seine Wohnung sein. Da kroch es hinein, wenn die Nacht kam, und schlief darin, und wenn es stürmte und regnete, fand es darin Schutz; aber es war ein jämmerliches Leben, und wenn es daran dachte, wie es im Himmel so schön gewesen war, und die Engel mit ihm gespielt hatten, so weinte es bitterlich. Wurzeln und Waldbeeren waren seine einzige Nahrung, die suchte es sich, soweit es kommen konnte. Im Herbst sammelte es die herabgefallenen Nüsse und Blätter und trug sie in die Höhle: die Nüsse waren im Winter seine Speise, und wenn Schnee und Eis kamen, kroch es wie ein armes Tierchen in die Blätter, dass es nicht fror. Nicht lange, so zerrissen seine Kleider, und es fiel ein Stück nach dem andern vom Leib herab. Sobald dann die Sonne wieder warm schien, ging es hinaus und setzte sich vor den Baum, und seine langen Haare bedeckten es von allen Seiten wie ein Mantel. So saß es ein Jahr nach dem andern und fühlte den Jammer und das Elend der Welt.

Einmal, als die Bäume wieder in frischem Grün standen, jagte der König des Landes in dem Walde und verfolgte ein Reh, und weil es in das Gebüsch geflohen war, das den Waldplatz einschloss, stieg er vom Pferde, riss das Gestrüpp aus einander und hieb sich mit seinem Schwert einen Weg. Als er endlich hindurch- gedrungen war, sah er unter dem Baum ein wunderschönes Mädchen sitzen, das saß da und war von seinem goldenen Haar bis zu den Fußzehen bedeckt. Er stand still und betrachtete es voll Erstaunen, dann redete er es an und sprach: „Wer bist du? Warum sitzest du hier in der Einöde?“ Es gab aber keine Antwort, denn es konnte seinen Mund nicht auftun. Der König sprach weiter: „Willst du mit mir auf mein Schloss gehen?“ Da nickte es nur ein wenig mit dem Kopfe. Der König nahm es auf seinen Arm, trug es auf sein Pferd und ritt mit ihm heim; und als er auf das königliche Schloss kam, ließ er ihm schöne Kleider anziehen und gab ihm alles im Überfluss. Und ob es gleich nicht sprechen konnte, war es doch schön und holdselig, dass er es von Herzen liebgewann, und dauerte nicht lange, da vermählte er sich mit ihm.

Als etwa ein Jahr verflossen war, bekam die Königin einen Sohn. Darauf in der Nacht, wie sie allein in ihrem Bette lag, erschien ihr wiederum die Jungfrau Maria und sprach: „Willst du die Wahrheit sagen und gestehen, dass du die verbotene Tür aufgeschlossen hast, so will ich deinen Mund öffnen und dir die Sprache wiedergeben; verharrst du aber in der Sünde und leugnest hartnäckig, so nehm‘ ich dein neugeborenes Kind mit mir.“ Da war der Königin verliehen zu antworten, sie blieb aber verstockt und sprach: „Nein, ich habe die verbotene Tür nicht aufgemacht“, und die Jungfrau Maria nahm ihr das neugeborene Kind aus den Armen und verschwand damit. Am andern Morgen, als das Kind nicht zu finden war, ging ein Gemurmel unter den Leuten, die Königin wäre eine Menschenfresserin und hätte ihr eigenes Kind umgebracht. Sie hörte alles und konnte nichts dagegen sagen, der König aber wollte es nicht glauben, weil er sie so lieb hatte.

Nach einem Jahr bekam die Königin wieder einen Sohn. In der Nacht trat auch wieder die Jungfrau Maria zu ihr herein und sprach: „Willst du gestehen, dass du die verbotene Tür geöffnet hast, so will ich dir dein Kind wiedergeben und deine Zunge lösen; verharrst du aber in der Sünde und leugnest, so nehme ich auch dieses neugeborene mit mir.“ Da sprach die Königin wiederum: „Nein, ich habe die verbotene Tür nicht geöffnet“, und die Jungfrau nahm ihr das Kind aus den Armen weg und mit sich in den Himmel. Am Morgen, als das Kind abermals verschwunden war, sagten die Leute ganz laut, die Königin hätte es verschlungen, und des Königs Räte verlangten, dass sie gerichtet werden sollte. Der König aber hatte sie so lieb, dass er es nicht glauben wollte, und befahl den Räten bei Leibes- und Lebensstrafe nichts mehr darüber zu sprechen.

Im nächsten Jahre bekam die Königin ein schönes Töchterlein, da erschien ihr zum dritten Mal nachts die Jungfrau Maria und sprach: „Folge mir!“ Sie nahm sie bei der Hand und führte sie in den Himmel und zeigte ihr da ihre beiden ältesten Kinder, die lachten sie an und spielten mit der Weltkugel. Als sich die Königin darüber freute, sprach die Jungfrau Maria: „Ist dein Herz noch nicht erweicht? Wenn du eingestehst, dass du die verbotene Tür geöffnet hast, will ich dir deine beiden Söhnlein zurückgeben.“ Aber die Königin antwortete zum dritten Mal: „Nein, ich habe die verbotene Tür nicht geöffnet.“ Da ließ die Jung frau sie wieder zur Erde hinabsinken und nahm ihr auch das dritte Kind.

Am andern Morgen, als es ruchbar wurde, riefen alle Leute laut: „Die Königin ist eine Menschenfresserin, sie muss verurteilt werden!“ und der König konnte seine Räte nicht mehr zurückweisen. Es ward ein Gericht über sie gehalten, und weil sie nicht antworten und sich nicht verteidigen konnte, ward sie verurteilt, auf dem Scheiterhaufen zu sterben. Das Holz wurde zusammengetragen, und als sie an einen Pfahl festgebunden war und das Feuer ringsumher zu brennen anfing, da schmolz das harte Eis des Stolzes, und ihr Herz ward von Reue bewegt, und sie dachte: „Könnt‘ ich nur noch vor meinem Ende gestehen, dass ich die Tür geöffnet habe!“ Da kam ihr die Stimme, dass sie laut ausrief: „Ja, Maria, ich habe es getan!“ Und alsbald fing der Himmel an zu regnen und löschte die Feuer flammen, und über ihr brach ein Licht hervor, und die Jungfrau Maria kam herab und hatte die beiden Söhnlein zu ihren Seiten und das neugeborene Töchterlein auf dem Arm. Sie sprach freundlich zu ihr: „Wer seine Sünde bereut und eingesteht, dem ist sie vergeben“, und reichte ihr die drei Kinder, löste ihr die Zunge und gab ihr Glück fürs ganze Leben.

Katz und Maus in Gesellschaft

Gebr. Grimm


Eine Katze und eine Maus wollten zusammen leben und Wirtschaft zusammen haben; sie sorgten auch für den Winter und kauften ein Töpfchen mit Fett, und weil sie keinen bessern und sicheren Ort wussten, stellten sie es unter den Altar in der Kirche, da sollt’ es stehen, bis sie sein bedürftig wären. Einstmals aber trug die Katze Gelüsten darnach, und ging zur Maus: „hör’ Mäuschen, ich bin von meiner Base zu Gevatter gebeten, sie hat ein Söhnchen geboren, weiß und braun gefleckt, das soll ich über die Taufe halten, lasse mich ausgehen und halt heut allein Haus.“ – „Ja, ja, sagte die Maus, geh hin, und wenn du was Gutes aßest, denk an mich, von dem süßen roten Wein tränke ich auch gern ein Tröpfchen.“ Die Katze aber ging geradeswegs in die Kirche und leckte die fette Haut ab, spazierte darnach um die Stadt herum und kam erst am Abend nach Haus. „Du wirst dich recht erlustigt haben, sagte die Maus, wie hat denn das Kind geheißen?“ – „Hautab, antwortete die Katze.“ – „Hautab? das ist ein seltsamer Name, den hab’ ich noch nicht gehört.“

Bald darnach hatte die Katze wieder ein Gelüsten, ging zur Maus und sprach: „ich bin aufs neue zu Gevatter gebeten, das Kind hat einen weißen Ring um den Leib, da kann ich’s nicht abschlagen, du musst mir den Gefallen tun und allein die Wirtschaft treiben.“ Die Maus sagte ja, die Katze aber ging hin und fraß den Fett Topf bis zur Hälfte leer. Als sie heim kam, fragte die Maus: „wie ist denn dieser Pate getauft worden?“ – „Halbaus“ – „Halbaus? was du sagst! den Namen hab’ ich gar noch nicht gehört, der steht gewiss nicht im Kalender.“

Die Katze aber konnte den Fett Topf nicht vergessen: „ich bin zum dritten Mal zu Gevatter gebeten, das Kind ist schwarz und hat bloß weiße Pfoten, sonst kein weißes Haar am ganzen Leib, das trifft sich alle paar Jahr nur einmal, du lässt mich doch ausgehen?“ – „Hautab, Halbaus, sagte die Maus, es sind so kuriose Namen, die machen mich so nachdenksam, doch geh nur hin.“ Die Maus hielt alles in Ordnung und räumte auf, dieweil fraß die Katze den Fett Topf rein aus und kam satt und dick erst in der Nacht wieder. „Wie heißt denn das dritte Kind?“ – „Ganzaus“ – „Ganzaus! ei! ei! Das ist der allerbedenklichste Namen, sagte die Maus; Ganzaus? was soll der bedeuten? gedruckt ist er mir noch nicht vorgekommen!“ damit schüttelte sie den Kopf und legte sich schlafen.

Zum vierten Mal wollte niemand die Katze zu Gevatter bitten; der Winter aber kam bald herbei. Wie nun draußen nichts mehr zu finden war, sagte die Maus zur Katze: „komm wir wollen zum Vorrat gehen, den wir in der Kirche unter dem Altar versteckt haben.“ Wie sie aber hinkamen, war alles leer – „Ach! sagte die Maus, nun kommt’s an den Tag, du hast Alles gefressen, wie du zu Gevatter ausgegangen bist, erst Haut ab, dann Halb aus, dann“ – „Schweig still, sagte die Katze, oder ich fresse dich, wenn du noch ein Wort sprichst“ – „Ganz aus“ hatte die arme Maus im Mund, und hatte’ es kaum gesprochen, so sprang die Katz’ auf sie zu und schluckte sie hinunter.

Rätselmärchen

Gebr. Grimm

Drei Frauen waren verwandelt in Blumen, die auf dem Felde standen, doch deren eine durfte des Nachts in ihrem Hause sein. Da sprach sie auf eine Zeit zu ihrem Mann, als sich der Tag nahte und sie wiederum zu ihren Gespielen auf das Feld gehen und eine Blume werden musste, ’so du heute Vormittag kommst und mich abbrichst, werde ich erlöst und für immer bei dir bleiben;‘ was dann auch geschah. Nun ist die Frage, wie sie ihr Mann erkannt habe, so die Blumen ganz gleich und ohne Unterschied waren.

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Die zwei Brüder


Gebr. Grimm


Es waren einmal zwei Brüder, ein reicher und ein armer. Der reiche war ein Goldschmied und bös von Herzen; der arme nährte sich davon, dass er Besen band, und war gut und redlich. Der arme hatte zwei Kinder, das waren Zwillingsbrüder und sich so ähnlich wie ein Tropfen Wasser dem andern. Die zwei Knaben gingen in des reichen Haus ab und zu und erhielten von dem Abfall manchmal etwas zu essen. Es trug sich zu, dass der arme Mann. als er in den Wald ging, Reisig zu holen, einen Vogel sah, der ganz golden war und so schön, wie ihm noch niemals einer vor Augen gekommen war. Da hob er ein Steinchen auf, warf nach ihm und traf ihn auch glücklich; es fiel aber nur eine goldene Feder herab, und der Vogel flog fort. Der Mann nahm die Feder und brachte sie seinem Bruder, der sah sie an und sprach: „Es ist eitel Gold!“ und gab ihm viel Geld dafür. Am andern Tag stieg der Mann auf einen Birkenbaum und wollte ein paar Äste abhauen; da flog derselbe Vogel heraus, und als der Mann nachsuchte, fand er ein Nest, und ein Ei lag darin, das war von Gold. Er nahm das Ei mit heim und brachte es seinem Bruder, der sprach wiederum: „Es ist eitel Gold!“ und gab ihm, was es wert war. Zuletzt sagte der Goldschmied: „Den Vogel selber möcht‘ ich wohl haben.“ Der Arme ging zum drittenmal in den Wald und sah den Goldvogel wieder auf dem Baume sitzen; da nahm er einen Stein, warf ihn herunter und brachte ihn seinem Bruder, der gab ihm einen großen Haufen Gold dafür. „Nun kann ich mir forthelfen“, dachte er und ging zufrieden nach Hause.

Der Goldschmied war klug und listig und wusste wohl, was das für ein Vogel war. Er rief seine Frau und sprach: „Brat‘ mir den Goldvogel und sorge, dass nichts davon wegkommt; ich habe Lust, ihn ganz allein zu essen.“ Der Vogel war aber kein gewöhnlicher sondern so wunderbarer Art, dass wer Herz und Leber von ihm aß, jeden Morgen ein Goldstück unter seinem Kopfkissen fand. Die Frau machte den Vogel zurecht, steckte ihn an einen Spieß und ließ ihn braten. Nun geschah es, dass, während er am Feuer stand und die Frau anderer Arbeiten wegen notwendig aus der Küche gehen musste, die zwei Kinder des armen Besenbinders hereinliefen, sich vor den Spieß stellten und ihn ein paar Mal herumdrehten. Und als da gerade zwei Stücklein aus dem Vogel in die Pfanne herabfielen, sprach der eine: „Die paar Bisslein wollen wir essen, ich bin so hungrig; es wird’s ja niemand daran merken.“ Da aßen sie beide die Stückchen auf; die Frau kam aber dazu, sah, dass sie etwas aßen, und sprach:“ Was habt ihr gegessen?“ – „Ein paar Stückchen, die aus dem Vogel herausgefallen sind“, antworteten sie. „Das ist Herz und Leber gewesen“ sprach die Frau ganz erschrocken, und damit ihr Mann nichts vermisste und nicht böse ward, schlachtete sie geschwind ein Hähnchen, nahm Herz und Leber heraus und legte es zu dem Goldvogel. Als er gar war, trug sie ihn dem Goldschmied auf, der ihn ganz allein verzehrte und nichts übrig ließ. Am andern Morgen aber, als er unter sein Kopfkissen griff und das Goldstück hervorzuholen dachte, war so wenig wie sonst eins zu finden.


Die beiden Kinder aber wussten nicht, was ihnen für ein Glück zuteil geworden war. Am andern Morgen, wie sie aufstanden, fiel etwas auf die Erde und klingelte, und als sie es aufhoben, da waren’s zwei Goldstücke. Sie brachten sie ihrem Vater, der wunderte sich und sprach: „Wie sollte das zugegangen sein?“ Als sie aber am andern Morgen wieder zwei fanden und so jeden Tag, da ging er zu seinem Bruder und erzählte ihm die seltsame Geschichte. Der Goldschmied merkte gleich, wie es gekommen war und dass die Kinder Herz und Leber von dem Goldvogel gegessen hatten, und um sich zu rächen und weil er neidisch und hartherzig war, sprach er zu dem Vater: „Deine Kinder sind mit dem Bösen im Spiel, nimm das Gold nicht, und dulde sie nicht länger in deinem Hause, denn er hat Macht über sie und kann dich selbst noch ins Verderben bringen.“ Der Vater fürchtete den Bösen, und so schwer es ihn ankam, führte er doch die Zwillinge hinaus in den Wald und verließ sie da mit traurigem Herzen.

Nun liefen die zwei Kinder im Wald umher und suchten den Weg nach Hause, konnten ihn aber nicht finden, sondern verirrten sich immer weiter. Endlich begegneten sie einem Jäger, der fragte: „Wem gehört ihr, Kinder?“ – „Wir sind des armen Besenbinders Jungen“, antworteten sie und erzählten ihm, dass ihr Vater sie nicht länger im Hause hätte behalten wollen, weil alle Morgen ein Goldstück unter ihrem Kopfkissen läge. „Nun“, sagte der Jäger, „das ist gerade nichts Schlimmes, wenn ihr nur rechtschaffen dabei bleibt und euch nicht auf die faule Haut legt.“ Der gute Mann nahm die Kinder, weil sie ihm gefielen und er selbst keine hatte, mit nach Hause und sprach: „Ich will euer Vater sein und euch großziehen.“ Sie lernten da bei ihm die Jägerei, und das Goldstück, das ein jeder beim Aufstehen fand, das hob er ihnen auf, wenn sie’s in Zukunft nötig hätten.

Als sie herangewachsen waren, nahm sie ihr Pflegevater eines Tages mit in den Wald und sprach: „Heute sollt ihr euern Probeschuss tun, damit ich euch freisprechen und zu Jägern machen kann.“ Sie gingen mit ihm auf den Anstand und warteten lange, aber es kam kein Wild. Der Jäger sah über sich und erblickte eine Kette von Schneegänsen in der Gestalt eines Dreiecks fliegen, da sagte er zu dem einen: „Nun schieß‘ von jeder Ecke eine herab.“ Der tat’s und vollbrachte damit seinen Probeschuss. Bald darauf kam noch eine Kette angeflogen und hatte die Gestalt der Ziffer zwei; da hieß der Jäger den andern gleichfalls von jeder Ecke eine herunterholen, und dem gelang sein Probeschuss auch. Nun sagte der Pflegevater: „Ich spreche euch frei, ihr seid ausgelernte Jäger. “ Darauf gingen die zwei Brüder zusammen in den Wald, ratschlagten miteinander und verabredeten etwas. Und als sie sich abends zum Essen niedergesetzt hatten, sagten sie zu ihrem Pflegevater: „Wir rühren die Speise nicht an und nehmen keinen Bissen, bevor Ihr uns eine Bitte gewährt habt.“ Sprach er: „Was ist denn eure Bitte?“ Sie antworteten: „Wie haben nun ausgelernt, wir müssen uns auch in der Welt versuchen, so erlaubt, dass wir fortziehen und wandern.“ Da sprach der Alte mit Freuden: „Ihr redet wie brave Jäger. Was ihr begehrt, ist mein Wunsch gewesen; zieht aus, es wird euch wohl ergehen.“ Darauf aßen und tranken sie fröhlich zusammen.

Als der bestimmte Tag kam, schenkte der Pflegevater jedem eine gute Büchse und einen Hund und ließ jeden von seinen gesparten Goldstücken mitnehmen, soviel er wollte. Darauf begleitete er sie ein Stück Wegs, und beim Abschied gab er ihnen noch ein blankes Messer und sprach: „Wenn ihr euch einmal trennt, so stoßt dieses Messer am Scheideweg in einen Baum. Daran kann einer, wenn er zurückkommt, sehen, wie es seinem abwesenden Bruder ergangen ist, denn die Seite, nach der dieser ausgezogen ist, rostet, wenn er stirbt; solang er aber lebt, bleibt sie blank.“ Die zwei Brüder gingen immer weiter fort und kamen in einen Wald, so groß, dass sie unmöglich in einem Tag hinauskommen konnten. Also blieben sie die Nacht darin und aßen, was sie in die Jägertasche gesteckt hatten; sie gingen aber auch noch den zweiten Tag und kamen nicht hinaus. Da sie nichts zu essen hatten, sprach der eine: „Wir müssen uns etwas schießen, sonst leiden wir Hunger“, lud seine Büchse und sah sich um. Und als ein alter Hase dahergelaufen kam, legte er an, aber der Hase rief:

„Lieber Jäger, lass mich leben,

Ich will dir auch zwei Junge geben.“

Sprang auch gleich ins Gebüsch und brachte zwei Junge; die Tierlein spielten aber so munter und waren so artig, dass die Jäger es nicht übers Herz bringen konnten, sie zu töten. Sie behielten sie also bei sich, und die kleinen Hasen folgten ihnen auf dem Fuße nach. Bald darauf schlich ein Fuchs vorbei, den wollten sie niederschießen, aber der Fuchs rief:

„Lieber Jäger, lass mich leben,

Ich will dir auch zwei Junge geben.“

Er brachte auch zwei Füchslein, und die Jäger mochten sie auch nicht töten, gaben sie den Hasen zur Gesellschaft, und sie folgten ihnen nach. Nicht lange, so schritt ein Wolf aus dem Dickicht, die Jäger legten auf ihn an, aber der Wolf rief:

„Lieber Jäger, lass mich leben,

Ich will dir auch zwei Junge geben.“

Die zwei jungen Wölfe taten die Jäger zu den andern Tieren, und sie folgten ihnen nach. Darauf kam ein Bär, der wollte gern noch länger herumtraben und rief:

„Lieber Jäger, lass mich leben,

Ich will dir auch zwei Junge geben.“

Die zwei jungen Bären wurden zu den andern gesellt, und nun waren es ihrer schon acht. Endlich, wer kam? Ein Löwe kam und schüttelte seine Mähne. Doch die Jäger ließen sich nicht schrecken und zielten auf ihn; aber der Löwe sprach gleichfalls:

„Lieber Jäger, lass mich leben,

Ich will dir auch zwei Junge geben.“

Er holte auch seine Jungen herbei, und nun hatten die Jäger zwei Löwen, zwei Bären, zwei Wölfe, zwei Füchse und zwei Hasen, die ihnen nachzogen und dienten. Indessen war ihr Hunger damit nicht gestillt worden, da sprachen sie zu den Füchsen: ..Hört‘ ihr Schleicher, schafft uns etwas zu essen! Ihr seid ja listig und verschlagen.“ Sie antworteten: „Nicht weit von hier liegt ein Dorf, wo wir schon manches Huhn geholt haben; den Weg dahin wollen wir euch zeigen.“ Da gingen sie ins Dorf, kauften sich etwas zu essen, ließen auch ihren Tieren Futter geben und zogen dann weiter. Die Füchse aber wussten guten Bescheid in der Gegend, wo die Hühnerhöfe waren, und konnten die Jäger überall zurechtweisen.

Nun zogen sie eine Weile herum, konnten aber keinen Dienst finden, wo sie zusammengeblieben wären; da sprachen sie: „Es geht nicht anders, wir müssen uns trennen.“ Sie teilten die Tiere, so dass jeder einen Löwen, einen Bären, einen Wolf, einen Fuchs und einen Hasen bekam; dann nahmen sie Abschied, versprachen sich brüderliche Treue bis in den Tod und stießen das Messer, das ihnen ihr Pflegevater mitgegeben hatte, in einen Baum; worauf der eine nach Osten, der andere nach Westen zog.

Der jüngere aber kam mit seinen Tieren in eine Stadt, die war ganz mit schwarzem Flor überzogen. Er ging in ein Wirtshaus und fragte den Wirt, ob er nicht seine Tiere beherbergen könnte. Der Wirt gab ihnen einen Stall, wo in der Wand ein Loch war: da kroch der Hase hinaus und holte sich ein Kohlhaupt, und der Fuchs holte sich ein Huhn, und als er das gefressen hatte, auch den Hahn dazu; der Wolf aber, der Bär und der Löwe, weil sie zu groß waren, konnten nicht hinaus. Da ließ sie der Wirt hinbringen, wo eben eine Kuh auf dem Rasen lag, dass sie sich satt fraßen. Und als der Jäger für seine Tiere gesorgt hatte, fragte er erst den Wirt, warum die Stadt so mit Trauerflor ausgehängt wäre. Sprach der Wirt: „Weil morgen unseres Königs einzige Tochter sterben wird.“ Fragte der Jäger: „Ist sie sterbenskrank?“ – „Nein“‚ antwortete der Wirt, „sie ist frisch und gesund, aber sie muss doch sterben.“ – „Wie geht das zu?“ fragte der Jäger. – „Draußen vor der Stadt ist ein hoher Berg, darauf wohnt ein Drache, der muss jedes Jahr eine Jungfrau zum Opfer haben, sonst verwüstet er das ganze Land. Nun sind schon alle Jungfrauen hingegeben, und es ist keine mehr übrig als die Königstochter, dennoch ist keine Gnade, sie muss ihm überliefert werden, und das soll morgen geschehen.“ Sprach der Jäger: „Warum wird der Drache nicht getötet?“ – „Ach“, antwortete der Wirt, „so viele Ritter haben’s versucht, aber allesamt ihr Leben eingebüßt; der König hat dem, der den Drachen besiegt, seine Tochter zur Frau versprochen, und er soll auch nach seinem Tode das Reich erben.“

Der Jäger sagte dazu weiter nichts, aber am andern Morgen nahm er seine Tiere und stieg mit ihnen auf den Drachenberg. Da stand oben eine kleine Kirche, und auf dem Altar standen drei gefüllte Becher, und dabei war die Schrift: „Wer die Becher austrinkt, wird der stärkste Mann auf Erden und wird das Schwert führen, das vor der Türschwelle vergraben liegt.“ Der Jäger trank da nicht, ging hinaus und suchte das Schwert in der Erde, vermochte es aber nicht von der Stelle zu bewegen. Da ging er hin und trank die Becher aus und war nun stark genug, das Schwert aufzunehmen, und seine Hand konnte es ganz leicht führen. Als die Stunde kam, wo die Jungfrau dem Drachen ausgeliefert werden sollte, begleiteten sie der König, der Marschall und die Hofleute hinaus. Sie sah von weitem den Jäger oben auf dem Drachenberg und meinte, der Drache stände da und erwarte sie, und da wollte sie nicht hinaufgehen; endlich aber, weil die ganze Stadt sonst verloren gewesen wäre, musste sie den schweren Gang tun. Der König und die Hofleute kehrten voll großer Trauer heim, des Königs Marschall aber sollte stehen bleiben und aus der Ferne alles mit ansehen.

Als die Königstochter oben auf den Berg kam, stand da nicht der Drache, sondern der junge Jäger, der sprach ihr Trost ein und sagte, er wollte sie retten, führte sie in die Kirche und verschloss sie darin. Gar nicht lange, so kam mit großem Gebraus der siebenköpfige Drache dahergefahren. Als er den Jäger erblickte, verwunderte er sich und sprach: „Was hast du hier auf dem Berge zu schaffen?“ Der Jäger antwortete: „Ich will mit dir kämpfen.“ Sprach der Drache: „So mancher Rittersmann hat hier sein Leben gelassen, mit dir will ich auch fertig werden“, und atmete Feuer aus sieben Rachen. Das Feuer sollte das trockene Gras anzünden, und der Jäger sollte in der Glut und dem Dampf ersticken; aber die Tiere kamen herbeigelaufen und traten das Feuer aus. Da fuhr der Drache gegen den Jäger der aber schwang sein Schwert, dass es in der Luft sang. und schlug ihm drei Köpfe ab. Da wurde der Drache erst recht wütend, erhob sich in die Luft, spie die Feuerflammen über den Jäger aus und wollte sich auf ihn stürzen, aber der Jäger zückte nochmals sein Schwert und hieb ihm wieder drei Köpfe ab. Das Untier ward matt und sank nieder und wollte doch wieder auf den Jäger los, aber er schlug ihm mit der letzten Kraft den Schweif ab, und weil er nicht mehr kämpfen konnte, rief er seine Tiere herbei, die zerrissen es in Stücke. Als der Kampf zu Ende war, schloss der Jäger die Kirche auf und fand die Königstochter auf der Erde liegen, weil ihr die Sinne vor Angst und Schreck während des Streites vergangen waren. Er trug sie hinaus, und als sie wieder zu sich kam und die Augen aufschlug, zeigte er ihr den zerrissenen Drachen und sagte ihr, dass sie nun erlöst wäre. Sie freute sich und sprach: „Nun wirst du mein liebster Gemahl werden, denn mein Vater hat mich dem versprochen, der den Drachen tötet.“ Darauf nahm sie ihr Halsband von Korallen ab und verteilte es unter die Tiere, um sie zu belohnen, und der Löwe erhielt das goldene Schlösschen davon. Ihr Taschentuch aber, worin ihr Name stand, schenkte sie dem Jäger, der ging hin und schnitt aus den sieben Drachenköpfen die Zungen aus, wickelte sie in das Tuch und verwahrte sie wohl.

Als das geschehen und der Jäger von dem Feuer und dem Kampfe so matt und müde war, sprach er zur Jungfrau: „Wir sind beide so matt und müde, wir wollen ein wenig schlafen.“ Da sagte sie ja, und sie ließen sich auf die Erde nieder, und der Jäger sprach zu dem Löwen: „Du sollst wachen, damit uns niemand im Schlaf überfällt“, und beide schliefen ein. Der Löwe legte sich neben sie, um zu wachen, aber er war vom Kampf auch müde, dass er den Bären rief und sprach: „Lege dich neben mich, ich muss ein wenig schlafen, und wenn was kommt, so wecke mich auf.“ Da legte sich der Bär neben ihn, aber er war auch müde und rief den Wolf und sprach: „Lege dich neben mich, ich muss ein wenig schlafen, und wenn was kommt, so wecke mich auf.“ Da legte sich der Wolf neben ihn, aber er war auch müde und rief den Fuchs und sprach: „Lege dich neben mich, ich muss ein wenig schlafen, und wenn was kommt, so wecke mich auf.“ Da legte sich der Fuchs neben ihn, aber er war auch müde, rief den Hasen und sprach: „Lege dich neben mich, ich muss ein wenig schlafen, und wenn was kommt, so wecke mich auf.“ Da setzte sich der Hase neben ihn, aber der arme Hase war auch müde und hatte niemand, den er zur Wache herbeirufen konnte, und schlief ein. Da schlief nun die Königstochter, der Jäger, der Löwe, der Bär, der Wolf, der Fuchs und der Hase, und schliefen alle einen festen Schlaf.

Der Marschall aber, der von weitem hatte zuschauen sollen, als er den Drachen nicht mit der Jungfrau fortfliegen sah und alles auf dem Berge ruhig war, nahm sich ein Herz und stieg hinauf. Da lag der Drache zerstückt und zerrissen auf der Erde und nicht weit davon die Königstochter und ein Jäger mit seinen Tieren, die waren alle in tiefem Schlaf versunken. Und weil er bös und gottlos war, so nahm er sein Schwert und hieb dem Jäger das Haupt ab; dann fasste er die Jungfrau auf den Arm und trug sie den Berg hinab. Da erwachte sie und erschrak, aber der Marschall sprach; „Du bist in meinen Händen, du sollst sagen, dass ich es gewesen bin, der den Drachen getötet hat.“ – „Das kann ich nicht“; antwortete sie, „denn ein Jäger mit seinen Tieren hat’s getan.“ Da zog er sein Schwert, drohte sie zu töten, wenn sie ihm nicht gehorchte, und zwang sie damit, dass sie es versprach. Darauf brachte er sie vor den König, der sich vor Freude nicht zu lassen wusste, als er sein liebes Kind wieder lebend erblickte, das er von dem Untier zerrissen glaubte. Der Marschall sprach zu ihm; „Ich habe den Drachen getötet und die Jungfrau und das ganze Reich befreit, darum fordere ich sie zur Gemahlin, so wie es zugesagt ist.“ Der König fragte die Jungfrau; „Ist das wahr, was er spricht?“ – „Ach ja“, antwortete sie, „es muss wohl wahr sein; aber ich halte mir aus, dass erst über Jahr und Tag die Hochzeit gefeiert wird“, denn sie dachte, in der Zeit etwas von ihrem lieben Jäger zu hören.

Auf dem Drachenberg aber lagen noch die Tiere neben dem toten Herrn und schliefen; da kam eine große Hummel und setzte sich dem Hasen auf die Nase, aber der Hase wischte sie mit der Pfote ab und schlief weiter. Die Hummel kam zum zweitenmal, aber der Hase wischte sie wieder ab und schlief fort. Da kam sie zum drittenmal und stach ihn in die Nase, dass er aufwachte. Sobald der Hase wach war, weckte er den Fuchs, und der Fuchs den Wolf, und der Wolf den Bären, und der Bär den Löwen. Und als der Löwe aufwachte und sah, dass die Jungfrau fort war und sein Herr tot, fing er an, fürchterlich zu brüllen und rief; „Wer hat das vollbracht? Bär, warum hast du mich nicht geweckt?“ Der Bär fragte den Wolf: warum hast du mich nicht geweckt?“ und der Wolf den Fuchs: „Warum hast du mich nicht geweckt?“ und der Fuchs den Hasen „Warum hast du mich nicht geweckt?“ Der arme Hase wusste allein nichts zu antworten, und die Schuld blieb auf ihm hängen. Da wollten sie über ihn herfallen, aber er bat und sprach; „Bringt mich nicht um, ich will unseren Herrn wieder lebendig machen. Ich weiß einen Berg, da wächst eine Wurzel, wer die im Mund hat, der wird von aller Krankheit und allen Wunden geheilt. Aber der Berg liegt zweihundert Stunden von hier.“ Sprach der Löwe; „In vierundzwanzig Stunden musst du hin und her gelaufen sein und die Wurzel mitbringen.“ Da sprang der Hase fort, und in vierundzwanzig Stunden war er wieder zurück und brachte die Wurzel mit. Der Löwe setzte dem Jäger den Kopf wieder an, und der Hase steckte ihm die Wurzel in den Mund; alsbald fügte sich alles wieder zusammen, und das Herz schlug, und das Leben kehrte zurück. Da erwachte der Jäger und erschrak, als er die Jungfrau nicht mehr sah, und dachte: „Sie ist wohl fortgegangen, während ich schlief, um mich loszuwerden.“ Der Löwe hatte in der großen Eile seinem Herrn den Kopf verkehrt aufgesetzt, der aber merkte es nicht bei seinen traurigen Gedanken an die Königstochter; erst zu Mittag, als er etwas essen wollte, sah er, dass ihm der Kopf nach dem Rücken zu stand‘ konnte es nicht begreifen und fragte die Tiere, was ihm im Schlaf widerfahren wäre. Da erzählte ihm der Löwe, dass sie auch alle aus Müdigkeit eingeschlafen wären, und beim Erwachen hätten sie ihn tot gefunden mit abgeschlagenem Haupte, der Hase hätte die Lebenswurzel geholt, er aber habe in der Eile den Kopf verkehrt gehalten; doch wollte er seinen Fehler wieder gutmachen. Dann riss er dem Jäger den Kopf wieder ab, drehte ihn herum, und der Hase heilte ihn mit der Wurzel fest.

Der Jäger aber war traurig, zog in der Welt umher und ließ seine Tiere vor den Leuten tanzen. Es trug sich zu, dass er gerade nach Verlauf eines Jahres wieder in dieselbe Stadt kam, wo er die Königstochter vom Drachen erlöst hatte, und die Stadt war diesmal ganz mit rotem Scharlach ausgehängt. Da sprach er zum Wirt:

„Was will das sagen? Vorm Jahr war die Stadt mit schwarzem Flor überzogen, was soll heute der rote Scharlach?“ Der Wirt antwortete: „Vorm Jahr sollte unseres Königs Tochter dem Drachen ausgeliefert werden, aber der Marschall hat mit ihm gekämpft und ihn getötet, und da soll morgen ihre Vermählung gefeiert werden; darum war die Stadt damals mit schwarzem Flor zur Trauer und ist heute mit rotem Scharlach zur Freude ausgehängt.“

Am andern Tag, da die Hochzeit sein sollte, sprach der Jäger um die Mittagszeit zum Wirt: „Glaubt Er wohl, Herr Wirt, dass ich heute Brot von des Königs Tisch bei Ihm essen will?“ – „Ja“, sprach der Wirt, „da wollt‘ ich doch noch hundert Goldstücke dransetzen, dass das nicht wahr ist.“ Der Jäger nahm die Wette an und setzte einen Beutel mit ebensoviel Goldstücken dagegen. Dann rief er den Hasen und sprach: „Geh‘ hin, lieber Springer, und hoI‘ mir von dem Brote, das der König isst.“ Nun war das Häslein das Geringste und konnte es keinem andern wieder auftragen, sondern musste sich selbst auf die Beine machen. „Ei“, dachte es, „wenn ich so allein durch die Straßen springe, werden die Metzgerhunde hinter mir drein sein.“ Wie es dachte, so geschah es auch, und die Hunde kamen hinter ihm drein und wollten ihm sein gutes Fellchen flicken. Es sprang aber, hast du nicht gesehen! und flüchtete sich in ein Schilderhaus, ohne dass es der Soldat gewahr wurde. Da kamen die Hunde und wollten es heraushaben, aber der Soldat verstand keinen Spaß und schlug mit dem Kolben drein, dass sie schreiend und heulend fortliefen. Als der Hase merkte, dass die Luft rein war, sprang er zum Schloss hinein und gerade zur Königstochter, setzte sich unter ihren Stuhl und kratzte sie am Fuß. Da sagte sie: „Willst du fort!“ und meinte, es wäre ihr Hund. Der Hase kratzte zum zweitenmal am Fuß, da sagte sie wieder: „Willst du fort!“ und meinte, es wäre ihr Hund. Aber der Hase ließ sich nicht irremachen und kratzte zum drittenmal; da guckte sie hinab und erkannte den Hasen an seinem Halsband. Nun nahm sie ihn auf ihren Schoß, trug ihn in ihre Kammer und sprach: „Lieber Hase, was willst du?“ Antwortete er: „Mein Herr, der den Drachen getötet hat, ist hier und schickt mich, ich soll um ein Brot bitten, wie es der König isst.“ Da war sie voll Freude und ließ den Bäcker kommen und befahl ihm, ein Brot zu bringen, wie es der König aß. Sprach das Häslein: „Aber der Bäcker muss mir’s auch hintragen, damit mir die Metzgerhunde nichts tun.“ Der Bäcker trug es ihm bis an die Tür der Wirtsstube, da stellte sich der Hase auf die Hinterbeine, nahm alsbald das Brot in die Vorderpfoten und brachte es seinem Herrn. Da sprach der Jäger: „Sieht Er, Herr Wirt, die hundert Goldstücke sind mein.“ Der Wirt wunderte sich, aber der Jäger sagte weiter: „Ja, Herr Wirt, das Brot hätt‘ ich, nun will ich aber auch von des Königs Braten essen. Der Wirt sagte: „Das möcht‘ ich sehen“, aber wetten wollte er nicht mehr. Rief der Jäger den Fuchs und sprach: „Mein Füchslein, geh‘ hin und hoI‘ mir Braten, wie ihn der König isst.“ Der Rotfuchs wusste die Schliche besser, ging an den Ecken und durch die Winkel, ohne dass ihn ein Hund sah, setzte sich unter der Königstochter Stuhl und kratzte an ihrem Fuß. Da sah sie hinab und erkannte den Fuchs am Halsband, nahm ihn mit in ihre Kammer und sprach: „Lieber Fuchs, was willst du?“ Antwortete er: „Mein Herr, der den Drachen getötet hat, ist hier und schickt mich, ich soll bitten um einen Braten, wie ihn der König isst.“ Da ließ sie den Koch kommen, der musste einen Braten, wie ihn der König aß, anrichten, und dem Fuchs bis an die Tür tragen; da nahm ihm der Fuchs die Schüssel ab, wedelte mit seinem Schwanz erst die Fliegen weg, die sich auf den Braten gesetzt hatten, und brachte ihn dann seinem Herrn. „Sieht Er, Herr Wirt“, sprach der Jäger, „Brot und Fleisch ist da, nun will ich auch Zugemüs essen, wie es der König isst.“ Da rief er den Wolf und sprach: „Lieber Wolf, geh‘ hin und hol‘ mir Zugemüs, wie es der König isst.“ Da ging der Wolf geradezu ins Schloss, weil er sich vor niemand fürchtete, und als er in der Königstochter Zimmer kam, zupfte er sie hinten am Kleide, dass sie sich umschauen musste. Sie erkannte ihn am Halsband, nahm ihn mit in ihre Kammer und sprach:“ Lieber Wolf, was willst du?“ Antwortete er:“ Mein Herr, der den Drachen getötet hat, ist hier, ich soll bitten um ein Zugemüs, wie es der König isst.“ Da ließ sie den Koch kommen, der musste ein Zugemüs bereiten. wie es der König aß, und musste es dem Wolfe bis vor die Tür tragen; da nahm ihm der Wolf die Schüssel ab und brachte sie seinem Herrn. „Sieht Er, Herr Wirt“, sprach der Jäger, „nun hab‘ ich Brot, Fleisch und Zugemüs, aber ich will auch Zuckerwerk essen, wie es der König isst.“ Rief er den Bären und sprach: „Lieber Bär, du leckst doch gern etwas Süßes, geh‘ hin und hol‘ mir Zuckerwerk, wie es der König isst.“ Da trabte der Bär nach dem Schlosse, und jedermann ging ihm aus dem Wege; als er aber zu der Wache kam, hielt sie die Flinten vor und wollte ihn nicht ins königliche Schloss lassen. Aber er hob sich in die Höhe und gab mit seinen Tatzen links und rechts ein paar Ohrfeigen, dass die ganze Wache zusammenfiel; darauf ging er geradewegs zu der Königstochter, stellte sich hinter sie und brummte ein wenig. Da schaute sie rückwärts und erkannte den Bären. Sie hieß ihn mitgehen in ihre Kammer und sprach: „Lieber Bär, was willst du?“ Antwortete er: „Mein Herr, der den Drachen getötet hat, ist hier, ich soll bitten um Zuckerwerk, wie es der König isst.“ Da ließ sie den Zuckerbäcker kommen, der musste Zuckerwerk backen, wie es der König aß, und dem Bären vor die Tür tragen. Da leckte der Bär erst die Zuckererbsen auf, die heruntergerollt waren, dann stellte er sich aufrecht, nahm die Schüssel und brachte sie seinem Herrn. „Sieht Er, Herr Wirt“, sprach der Jäger, „nun habe ich Brot, Fleisch, Zugemüs und Zuckerwerk‘ aber ich will auch Wein trinken, wie ihn der König trinkt.“ Er rief seinen Löwen herbei und sprach: „Lieber Löwe, du trinkst dir doch gern einen Rausch, geh‘ und hol‘ mir Wein, wie ihn der König trinkt.“ Da schritt der Löwe über die Straße, und die Leute liefen vor ihm, und als er an die Wache kam, wollte sie den Weg sperren, aber er brüllte nur einmal, so sprang alles fort. Nun ging der Löwe vor das königliche Zimmer und klopfte mit seinem Schweif an die Tür. Da kam die Königstochter heraus und wäre fast über den Löwen erschrocken; aber sie erkannte ihn an dem goldenen Schloss von ihrem Halsbande, hieß ihn mit in ihre Kammer gehen und sprach: „Lieber Löwe, was willst du?“ Antwortete er: „Mein Herr, der den Drachen getötet hat, ist hier, ich soll bitten um Wein, wie ihn der König trinkt.“ Da ließ sie den Mundschenk kommen, der sollte dem Löwen Wein geben, wie ihn der König trank. Sprach der Löwe: „Ich will mitgehen und sehen, dass ich den rechten kriege.“ Da ging er mit dem Mundschenk hinab, und als sie unten an die Fässer kamen, wollte ihm dieser von dem gewöhnlichen Wein zapfen, wie ihn des Königs Diener tranken; aber der Löwe sprach: „Halt, ich will den Wein erst versuchen“, zapfte sich eine halbe Maß und schluckte sie auf einmal hinab. „Nein“, sagte er, „das ist nicht der rechte.“ Der Mundschenk sah ihn schief an, ging aber und wollte ihm aus einem andern Fasse geben, das für des Königs Marschall war. Sprach der Löwe:

„Halt, erst will ich den Wein versuchen“, zapfte sich eine halbe Maß und trank sie. „Der ist besser“, sagte er, „aber noch nicht der rechte.“ Da wurde der Mundschenck bös und sprach: „Was so ein dummes Vieh vom Wein verstehen will!“ Aber der Löwe gab ihm einen Schlag hinter die Ohren, dass er unsanft zur Erde fiel, und als er sich wieder aufgemacht hatte, führte er den Löwen ganz stillschweigend in einen besonderen Keller, wo des Königs Wein lag, von dem sonst kein Mensch zu trinken bekam. Der Löwe zapfte sich erst eine halbe Maß und versuchte den Wein, dann sprach er: „Das kann vom rechten sein“, und hieß den Mundschenk sechs Flaschen füllen. Nun stiegen sie hinauf; wie der Löwe aber aus dem Keller ins Freie kam, schwankte er hin und her und war ein wenig trunken, und der Mundschenk musste ihm den Wein bis vor die Tür tragen. Da nahm der Löwe den Henkelkorb ins Maul und brachte ihn seinem Herrn. Sprach der Jäger: „Sieht Er, Herr Wirt, da hab‘ ich Brot, Fleisch, Zugemüs, Zuckerwerk und Wein, wie es der König hat, nun will ich mit meinen Tieren Mahlzeit halten“, und setzte sich hin, aß und trank und gab dem Hasen, dem Fuchs, dem Wolf, dem Bären und dem Löwen auch davon zu essen und zu trinken und war guter Dinge, denn er sah, dass ihn die Königstochter noch lieb hatte. Und, als er Mahlzeit gehalten hatte, sprach er: „Herr Wirt, nun habe ich gegessen und getrunken, wie der König isst und trinkt, jetzt will ich an des Königs Hof gehen und die Königstochter heiraten.“ Fragte der Wirt: „Wie soll das zugehen, da sie schon einen Bräutigam hat und heute Vermählung gefeiert wird?“ Da zog der Jäger das Taschentuch heraus, das ihm die Königstochter auf dem Drachenberg gegeben hatte und worin die sieben Zungen des Untiers eingewickelt waren, und sprach: „Dazu soll mir helfen, was ich da in der Hand halte.“ Da sah der Wirt das Tuch an und sprach: „Wenn ich alles glaube, so glaube ich das nicht und will wohl Haus und Hof dransetzen.“ Der Jäger aber nahm einen Beutel mit tausend Goldstücken‘ stellt ihn auf den Tisch und sagte: „Das setze ich dagegen.“

Nun sprach der König an der königlichen Tafel zu seiner Tochter:“ Was haben die wilden Tiere alle gewollt, die zu dir gekommen und in meinem Schlosse ein- und ausgegangen sind?“ Da antwortete sie: „Ich darf’s nicht sagen, aber schickt hin und lasst den Herrn dieser Tiere holen, so werdet Ihr wohl tun.“ Der König schickte einen Diener ins Wirtshaus und ließ den fremden Mann einladen, und der Diener kam gerade, wie der Jäger mit dem Wirt gewettet hatte. Da sprach der Jäger: „Sieht Er, Herr Wirt, da schickt der König einen Diener und lässt mich einladen, aber ich gehe so noch nicht:“ Und zu dem Diener sagte er: „Ich lasse den Herrn König bitten, dass er mir königliche Kleider schickt, einen Wagen mit sechs Pferden und Diener, die mir aufwarten.“ Als der König die Antwort hörte, sprach er zu seiner Tochter: „Was soll ich tun?“ Sagte sie: „Lass ihn holen, wie er’s verlangt, so werdet Ihr wohl tun.“ Da schickte der König königliche Kleider, einen Wagen mit sechs Pferden und Diener, die ihm aufwarten sollten. Als der Jäger sie kommen sah, sprach er: „Sieht er, Herr Wirt, nun werde ich abgeholt, wie ich es verlangt habe“, und zog die königlichen Kleider an, nahm das Tuch mit den Drachenzungen und fuhr zum König. Als ihn der König kommen sah, sprach er zu seiner Tochter: „Wie soll ich ihn empfangen?“ Antwortete sie: „Geht ihm entgegen, so werdet Ihr wohl tun.“ Da ging ihm der König entgegen und führte ihn hinauf, und seine Tiere folgten ihm nach. Der König wies ihm einen Platz an neben sich und seiner Tochter, der Marschall saß auf der andern Seite, als Bräutigam, aber der kannte ihn nicht mehr. Nun wurden gerade die sieben Häupter des Drachen zur Schau aufgetragen, und der König sprach: „Die sieben Häupter hat der Marschall dem Drachen abgeschlagen, darum geb‘ ich ihm heute meine Tochter zur Gemahlin.“ Da stand der Jäger auf, öffnete die sieben Rachen und sprach: „Wo sind die sieben Zungen des Drachen?“ Da erschrak der Marschall, ward bleich und wusste nicht was er antworten sollte; endlich sagte er in der Angst: „Drachen haben keine Zungen.“ Sprach der Jäger: „Die Lügner sollten keine haben, aber die Drachenzungen sind das Wahrzeichen des Siegers.“ Und nun wickelte er das Tuch auf, da lagen sie alle sieben darin, und dann steckte er jede Zunge in den Rachen, in den sie gehörte, und sie passten genau. Darauf nahm er das Tuch, in das der Name der Königstochter gestickt war, zeigte es der Jungfrau und fragte sie, wem sie es gegeben hätte. Da antwortete sie: „Dem, der den Drachen getötet hat.“ Und dann rief er sein Getier, nahm jedem das Halsband und dem Löwen das goldene Schloss ab, zeigte es der Jungfrau und fragte, wem es gehörte. Antwortete sie: „Das Halsband und das goldene Schloss waren mein, ich habe es unter die Tiere verteilt, die den Drachen besiegen halfen.“ Da sprach der Jäger: „Als ich müde von dem Kampfe geruht und geschlafen habe, da ist der Marschall gekommen und hat mir den Kopf abgehauen. Dann hat er die Königstochter fortgetragen und vorgegeben, er sei es gewesen, der den Drachen getötet habe; und dass er gelogen hat, beweise ich mit den Zungen, dem Tuch und dem Halsband.“ Und dann erzählte er, wie ihn seine Tiere durch eine wunderbare Wurzel geheilt hätten und dass er ein Jahr lang mit ihnen herumgezogen und endlich wieder hier hergekommen wäre, wo er den Betrug des Marschalls durch die Erzählung des Wirtes erfahren hätte. Da fragte der König seine Tochter: „Ist es wahr, dass dieser den Drachen getötet hat?“ Darauf antwortete sie: „Ja, es ist wahr; jetzt darf ich die Schandtat des Marschalls offenbaren, weil sie ohne mein Zutun an den Tag gekommen ist, denn er hat mir das Versprechen zu schweigen abgezwungen. Darum aber habe ich mir ausgehalten, dass erst in Jahr und Tag die Hochzeit gefeiert werden sollte.“ Da ließ der König zwölf Ratsherren rufen, die über den Marschall Urteil sprechen sollten, und die urteilten, dass er von vier Ochsen zerrissen werden müsste. Also wurde der Marschall gerichtet, der König aber übergab seine Tochter dem Jäger und ernannte ihn zu seinem Statthalter im ganzen Reich. Die Hochzeit wurde mit großen Freuden gefeiert, und der junge König ließ seinen Vater und Pflegevater holen und überhäufte sie mit Schätzen. Den Wirt vergaß er auch nicht. Er ließ ihn kommen und sprach zu ihm: „Sieht Er, Herr Wirt, die Königstochter habe ich geheiratet, und Sein Haus und Hof sind mein.“ Sprach der Wirt: „Ja, das wäre nach dem Rechten.“ Der junge König aber sagte: „Es soll nach Gnaden gehen: Haus und Hof soll Er behalten, und die tausend Goldstücke schenke ich Ihm noch dazu.“

Nun waren der junge König und die junge Königin guter Dinge und lebten vergnügt zusammen. Er zog oft hinaus auf die Jagd, weil das seine Freude war, und die treuen Tiere mussten ihn begleiten. Es lag aber in der Nahe ein Wald, von dem hieß es, er wäre nicht geheuer, und wäre einer erst darin, so käme er nicht leicht wieder heraus. Der junge König hatte aber große Lust, darin zu jagen, und ließ dem alten König keine Ruhe, bis er es ihm erlaubte. Nun ritt er mit großer Begleitung aus, und als er zu dem Walde kam, sah er eine schneeweiße Hirschkuh darin und sprach zu seinen Leuten: „Haltet hier, bis ich zurückkomme, ich will das schöne Wild jagen“, und ritt ihm nach in den Wald hinein, und nur seine Tiere folgten ihm. Die Leute hielten und warteten bis zum Abend, aber er kam nicht wieder. Da ritten sie heim und erzählten der jungen Königin: „Der junge König hat im Zauberwald einer weißen Hirschkuh nachgejagt und ist nicht wiedergekommen.“ Da war sie in großer Besorgnis um ihn. Er war aber dem schönen Wild immer nachgeritten und konnte es niemals einholen; wenn er meinte, es wäre schussrecht, so sah er es gleich wieder in weiter Ferne dahinspringen, und endlich verschwand es ganz. Nun merkte er, dass er tief in den Wald hineingeraten war nahm sein Horn und blies, aber er bekam keine Antwort. denn seine Leute konnten’s nicht hören. Und da auch die Nacht einbrach, sah er, dass er diesen Tag nicht heimkommen könnte, stieg ab, machte sich bei einem Baum ein Feuer und wollte dabei übernachten. Als er bei dem Feuer saß, und, seine Tiere sich auch neben ihn gelegt hatten, deuchte ihn, als hörte er eine menschliche Stimme; er schaute umher, konnte aber nichts bemerken. Bald darauf hörte er wieder ein Ächzen wie von oben her, da blickte er in die Höhe und sah ein altes Weib auf dem Baume sitzen, das jammerte in einem fort: „Hu hu hu, was mich friert!“ Sprach er: „Steig‘ herab und wärme dich. wenn dich friert.“ Sie aber sagte: „Nein, deine Tiere beißen mich.“ Antwortete er: „Sie tun dir nichts, altes Mütterlein, komm‘ nur herunter.“ Sie war aber eine Hexe und sprach: „Ich will dir eine Rute von dem Baume herabwerfen, wenn du sie damit auf den Rücken schlägst, tun sie mir nichts.“ Da warf sie ihm ein Rütlein hinab, und er schlug sie damit, alsbald lagen sie still und waren in Stein verwandelt. Und als die Hexe vor den Tieren sicher war, sprang sie hinunter, rührte auch ihn mit einer Rute an und verwandelte ihn in Stein. Darauf lachte sie und schleppte ihn und die Tiere in einen Graben, wo schon mehr solcher Steine lagen.

Als aber der junge König gar nicht wiederkam, wurde die Angst und Sorge der Königin immer größer. Nun trug sich zu, dass gerade in dieser Zeit der andere Bruder, der bei der Trennung gen Osten gewandert war, in das Königreich kam. Er hatte einen Dienst gesucht und keinen gefunden, war dann herumgezogen hin und her und hatte seine Tiere tanzen lassen. Da fiel ihm ein, er wollte einmal nach dem Messer sehen, das sie bei ihrer Trennung in einen Baumstamm gestoßen hatten, um zu erfahren, wie es seinem Bruder ginge. Wie er dahin kam, war seines Bruders Seite halb verrostet und halb war sie noch blank. Da erschrak er und dachte: „Meinem Bruder muss ein großes Unglück zugestoßen sein, doch kann ich ihn vielleicht noch retten, denn die Hälfte des Messers ist noch blank.“ Er zog mit seinen Tieren gen Westen, und als er in das Stadttor kam, trat ihm die Wache entgegen und fragte, ob sie ihn bei seiner Gemahlin melden sollte; die junge Königin wäre schon seit ein paar Tagen in großer Angst über sein Ausbleiben und fürchtete, er wäre im Zauberwald umgekommen. Die Wache nämlich glaubte nicht anders, als er wäre der junge König selbst, so ähnlich sah er ihm, und hatte auch die wilden Tiere hinter sich laufen. Da merkte er, dass von seinem Bruder die Rede war, und dachte: „Es ist das beste, ich gebe mich für ihn aus, so kann ich ihn wohl leichter erretten.“ Also ließ er sich von der Wache ins Schloss begleiten und wurde mit großen Freuden empfangen. Die junge Königin meinte nicht anders, als es wäre ihr Gemahl, und fragte ihn, warum er so lange ausgeblieben wäre. Er antwortete: „Ich hatte mich in einem Walde verirrt und konnte mich nicht eher wieder herausfinden.,‘ Abends ward er in das königliche Bett gebracht, aber er legte ein zweischneidiges Schwert zwischen sich und die junge Königin. Sie wusste nicht, was das heißen sollte, getraute aber nicht, zu fragen.

Da blieb er nun ein paar Tage und erforschte derweil alles, wie es mit dem Zauberwald beschaffen war; endlich sprach er: „Ich muss noch einmal dort jagen.“ Der König und die junge Königin wollten es ihm ausreden, aber er bestand darauf und zog mit großer Begleitung hinaus. Als er in den Wald gekommen war, erging es ihm wie seinem Bruder. Er sah eine weiße Hirschkuh und sprach zu seinen Leuten: „Bleibt hier und wartet, bis ich wiederkomme, ich will das schöne Wild jagen“, ritt in den Wald hinein, und seine Tiere liefen ihm nach. Aber er konnte die Hirschkuh nicht einholen und geriet so tief in den Wald, dass er darin übernachten musste. Und als er ein Feuer gemacht hatte, hörte er über sich ächzen: „Hu hu hu, wie mich friert!“ Da schaute er hinauf, und es saß dieselbe Hexe oben im Baum. Sprach er: „Wenn dich friert, so komm‘ herab, altes Mütterchen, und wärme dich.“ Antwortete sie: „Nein, deine Tiere beißen mich.“ Er aber sprach: „Sie tun dir nichts.“ Da rief sie: „Ich will dir eine Rute hinabwerfen, wenn du sie damit schlägst, so tun sie mir nichts.“ Wie der Jäger das hörte, traute er der Alten nicht und sprach: „Meine Tiere schlag‘ ich nicht, komm‘ du herunter, oder ich hoI‘ dich.“ Da rief sie: „Was willst du wohl? Du tust mir doch nichts!“ Er aber antwortete: „Kommst du nicht, so schieße ich dich herunter.“ Sprach sie: „Schieß nur zu, vor deinen Kugeln fürchte ich mich nicht.“ Da legte er an und schoss nach ihr, aber die Hexe war fest gegen alle Bleikugeln, lachte, dass es gellte, und rief: „Du sollst mich doch nicht treffen.“ Der Jäger wusste Bescheid, riss sich drei silberne Knöpfe vom Rock und lud sie in die Büchse, denn dagegen war ihre Kunst umsonst, und als er losdrückte, stürzte sie gleich mit Geschrei herab. Da stellte er den Fuß auf sie und sprach: „Alte Hexe, wenn du nicht gleich gestehst, wo mein Bruder ist, so pack‘ ich dich auf mit beiden Händen und werfe dich ins Feuer!“ Sie war in großer Angst, bat um Gnade und sagte: „Er liegt mit seinen Tieren versteinert in einem Graben.“ Da zwang er sie, mit hinzugehen, drohte ihr und sprach: „Alte Meerkatze, jetzt machst du meinen Bruder und alle Geschöpfe, die hier liegen, lebendig, oder du kommst ins Feuer!“ Sie nahm eine Rute und rührte die Steine an, da wurde sein Bruder mit den Tieren wieder lebendig, und viele andere, Kaufleute, Handwerker, Hirten, standen auf, dankten für ihre Befreiung und zogen heim. Die Zwillingsbrüder aber, als sie sich wiedersahen, küssten sich und freuten sich von Herzen Dann ergriffen sie die Hexe, banden sie und legten sie ins Feuer, und als sie verbrannt war, tat sich der Wald von selbst auf und war licht und hell, und man konnte das königliche Schloss auf drei Stunden Wegs sehen.

Nun gingen die zwei Brüder zusammen nach Hause und erzählten einander unterwegs ihre Schicksale. Und als der jüngere sagte, er wäre an des Königs Statt Herr im ganzen Lande, sprach der andere: „Das hab‘ ich wohl gemerkt, denn als ich in die Stadt kam und für dich angesehen wurde, geschah mir alle königliche Ehre: die junge Königin hielt mich für ihren Gemahl, ich musste an ihrer Seite sitzen und in deinem Bett schlafen.“ Wie das der andere hörte, ward er so eifersüchtig und zornig, dass er sein Schwert zog und seinem Bruder den Kopf abschlug. Als dieser aber tot dalag und er sein rotes Blut fließen sah, reute es ihn gewaltig: „Mein Bruder hat mich erlöst“, rief er aus, „und ich habe ihn dafür getötet!“ und jammerte laut. Da kam sein Hase und erbot sich, von der Lebenswurzel zu holen, sprang fort und brachte sie noch zu rechter Zeit. Und der Tote ward wieder ins Leben gebracht und merkte gar nichts von der Wunde.

Darauf zogen sie weiter, und der jüngere sprach: „Du siehst aus wie ich, hast königliche Kleider an wie ich, und die Tiere folgen dir nach wie mir, da wollen wir zu den entgegengesetzten Toren eingehen und von zwei Seiten zugleich beim alten König anlangen.“ Also trennten sie sich, und bei dem alten König kam zu gleicher Zeit die Wache von dem einen und dem andern Tore und meldete, der junge König mit den Tieren wäre von der Jagd angelangt. Sprach der König: „Es ist nicht möglich, die Tore liegen eine Stunde weit auseinander.“ Indem aber kamen von zwei Seiten die beiden Brüder in den Schlosshof herein

und stiegen beide herauf. Da sprach der König zu seiner Tochter: „Sag‘ an, welcher ist dein Gemahl? Es sieht einer aus wie der andere, ich kann’s nicht wissen.“ Sie war da in großer Angst und konnte es nicht sagen, endlich fiel ihr das Halsband ein, das sie den Tieren gegeben hatte, suchte und fand an dem einen Löwen ihr goldenes Schlösschen. Da rief sie vergnügt:“ Der, dem dieser Löwe nachfolgt, der ist mein rechter Gemahl!“ Da lachte der junge König und sagte: „Ja, das ist der rechte“, und sie setzten sich zusammen zu Tisch, aßen und tranken und waren fröhlich. Abends, als der junge König zu Bett ging, sprach seine Frau: „Warum hast du die vorigen Nächte immer ein zweischneidiges Schwert in unser Bett gelegt, ich habe geglaubt, du wolltest mich totschlagen.“ Da erkannte er, wie treu sein Bruder gewesen war.

Der Räuberbräutigam

Gebr. Grimm


Es war einmal ein Müller, der hatte eine schöne Tochter, und als sie herangewachsen war, so wünschte er sie wäre versorgt und gut verheiratet: er dachte „kommt ein ordentlicher Freier und hält um sie an, so will ich sie ihm geben.“ Nicht lange so kam ein Freier, der schien sehr reich zu sein, und da der Müller nichts an ihm auszusetzen wusste, so versprach er ihm seine Tochter. Das Mädchen aber hatte ihn nicht so recht lieb, wie eine Braut ihren Bräutigam lieb haben soll, und hatte kein Vertrauen zu ihm: so oft sie ihn ansah oder an ihn dachte, fühlte sie ein Grauen in ihrem Herzen. Einmal sprach er zu ihr „du bist meine Braut und besuchst mich nicht einmal.“ Das Mädchen antwortete „ich weiß nicht wo euer Haus ist.“ Da sprach der Bräutigam „mein Haus ist draußen im dunkeln Wald.“ Es suchte Ausreden und meinte es könnte den Weg dahin nicht finden. Der Bräutigam sagte „künftigen Sonntag muss du hinaus zu mir kommen, ich habe die Gäste schon eingeladen, und damit du den Weg durch den Wald findest, so will ich dir Asche streuen.“ Als der Sonntag kam und das Mädchen sich auf den Weg machen sollte, ward ihm so Angst, es wusste selbst nicht recht warum, und damit es den Weg bezeichnen könnte, steckte es sich beide Taschen voll Erbsen und Linsen. An dem Eingang des Waldes war Asche gestreut, der ging es nach, warf aber bei jedem Schritt rechts und links ein paar Erbsen auf die Erde. Es ging fast den ganzen Tag bis es mitten in den Wald kam, wo er am dunkelsten war, da stand ein einsames Haus, das gefiel ihm nicht, denn es sah so finster und unheimlich aus. Es trat hinein, aber es war niemand darin und herrschte die größte Stille. Plötzlich rief eine Stimme

„kehr um, kehr um, du junge Braut,
 du bist in einem Mörderhaus.“

Das Mädchen blickte auf und sah dass die Stimme von einem Vogel kam, der da in einem Bauer an der Wand hing. Nochmals rief er

„kehr um, kehr um, du junge Braut,
 du bist in einem Mörderhaus.“

Da ging die schöne Braut weiter aus einer Stube in die andere und ging durch das ganze Haus, aber es war alles leer und keine Menschenseele zu finden. Endlich kam sie auch in den Keller, da saß eine steinalte Frau, die wackelte mit dem Kopfe. „Könnt ihr mir nicht sagen, „ sprach das Mädchen, „ob mein Bräutigam hier wohnt?“ „Ach, du armes Kind,“ antwortete die Alte, „wo bist du hingeraten! du bist in einer Mördergrube. Du meinst du wärst eine Braut, die bald Hochzeit macht, aber du wirst die Hochzeit mit dem Tode halten. Siehst du, da hab ich einen großen Kessel mit Wasser aufsetzen müssen, wenn sie dich in ihrer Gewalt haben, so zerhacken sie dich ohne Barmherzigkeit, kochen dich und essen dich, denn es sind Menschenfresser. Wenn ich nicht Mitleiden mit dir habe und dich rette, so bist du verloren.“

Darauf führte es die Alte hinter ein großes Fass, wo man es nicht sehen konnte. „Sei wie ein Mäuschen still“, sagte sie, „rege dich nicht und bewege dich nicht, sonst ist‘s um dich geschehen. Nachts wenn die Räuber schlafen, wollen wir entfliehen, ich habe schon lange auf eine Gelegenheit gewartet.“ Kaum war das geschehen, so kam die gottlose Rotte nach Haus. Sie brachten eine andere Jungfrau mitgeschleppt, waren trunken und hörten nicht auf ihr Schreien und Jammern. Sie gaben ihr Wein zu trinken, drei Gläser voll, ein Glas weißen, ein Glas roten, und ein Glas gelben, davon zersprang ihr das Herz. Darauf rissen sie ihr die feinen Kleider ab, legten sie auf einen Tisch, zerhackten ihren schönen Leib in Stücke und streuten Salz darüber. Die arme Braut hinter dem Fass zitterte und bebte, denn sie sah wohl was für ein Schicksal ihr die Räuber zugedacht hatten. Einer von ihnen bemerkte an dem kleinen Finger der Gemordeten einen goldenen Ring, und als er sich nicht gleich abziehen ließ, so nahm er ein Beil und hackte den Finger ab: aber der Finger sprang in die Höhe über das Fass hinweg und fiel der Braut gerade in den Schoß. Der Räuber nahm ein Licht und wollte ihn suchen, konnte ihn aber nicht finden. Da sprach ein anderer „hast du auch schon hinter dem großen Fasse gesucht?“ Aber die Alte rief, „kommt und esst, und lässt das Suchen bis Morgen: der Finger läuft euch nicht fort.“

Da sprachen die Räuber „die Alte hat Recht,“ ließen vom Suchen ab, setzten sich zum Essen, und die Alte tröpfelte ihnen einen Schlaftrunk in den Wein, dass sie sich bald in den Keller hinlegten, schliefen und schnarchten. Als die Braut das hörte, kam sie hinter dem Fass hervor, und musste über die Schlafenden wegschreiten, die da reihenweise auf der Erde lagen, und hatte große Angst sie möchte einen aufwecken. Aber Gott half ihr dass sie glücklich durchkam, die Alte stieg mit ihr hinauf, öffnete die Türe, und sie eilten so schnell sie konnten aus der Mördergrube fort. Die gestreute Asche hatte der Wind weggeweht, aber die Erbsen und Linsen hatten gekeimt und waren aufgegangen, und zeigten im Mondschein den Weg. Sie gingen die ganze Nacht bis sie morgens in der Mühle ankamen. Da erzählte das Mädchen seinem Vater alles wie es sich zugetragen hatte. Als der Tag kam wo die Hochzeit sollte gehalten werden, erschien der Bräutigam, der Müller aber hatte alle seine Verwandte und Bekannte einladen lassen. Wie sie bei Tische saßen, ward einem jeden aufgegeben etwas zu erzählen. Die Braut saß still und redete nichts. Da sprach der Bräutigam zur Braut „nun, mein Herz, weißt du nichts? erzähl uns auch etwas.“ Sie antwortete „so will ich einen Traum erzählen. Ich ging allein durch einen Wald und kam endlich zu einem Haus, da war keine Menschenseele darin, aber an der Wand war ein Vogel in einem Bauer, der rief

„kehr um, kehr um, du junge Braut,
 du bist in einem Mörderhaus.“

Und rief es noch einmal. Mein Schatz, das träumte mir nur. Da ging ich durch alle Stuben, und alle waren leer, und es war so unheimlich darin; ich stieg endlich hinab in den Keller, da saß eine steinalte Frau darin, die wackelte mit dem Kopfe. Ich fragte sie „wohnt mein Bräutigam in diesem Haus?“ Sie antwortete „ach, du armes Kind, du bist in eine Mördergrube geraten, dein Bräutigam wohnt hier, aber er will dich zerhacken und töten, und will dich dann kochen und essen.“ Mein Schatz, das träumte mir nur. Aber die alte Frau versteckte mich hinter ein großes Fass, und kaum war ich da verborgen, so kamen die Räuber heim und schleppten eine Jungfrau mit sich, der gaben sie dreierlei Wein zu trinken, weißen, roten und gelben, davon zersprang ihr das Herz. Mein Schatz, das träumte mir nur. Darauf zogen sie ihr die feinen Kleider ab, zerhackten ihren schönen Leib auf einem Tisch in Stücke und bestreuten ihn mit Salz. Mein Schatz, das träumte mir nur. Und einer von den Räubern sah dass an dem Goldfinger noch ein Ring steckte, und weil er schwer abzuziehen war, so nahm er ein Beil und hieb ihn ab, aber der Finger sprang in die Höhe und sprang hinter das große Fass und fiel mir in den Schoß. Und da ist der Finger mit dem Ring.“ Bei diesen Worten zog sie ihn hervor und zeigte ihn den Anwesenden. Der Räuber, der bei der Erzählung ganz kreideweiß geworden war, sprang auf und wollte entfliehen, aber die Gäste hielten ihn fest und überlieferten ihn den Gerichten. Da ward‘ er und seine ganze Bande für ihre Schandtaten gerichtet.

Robin Hood


Englisches Märchen


Wer von der Höhe der Zinnen von Nottingham, der festen Stadt, herabblickt, erkennt in der Ferne einen dunkelgrünen Waldstreifen. Das ist der Sherwood, der sich weit durch das englische Land zieht. Dort lebte zur Zeit des Königs Richard, den alles Volk wegen seines hochgemuten, tapferen Wesens „Löwenherz“ nannte, als Waldvogt Herr Hugh Fitzooth von Locksley. Er war ein Nachfahre der angelsächsischen Geschlechter, die einst mit ihren Drachenschiffen zur britischen Insel gestoßen waren und dort seither als Freisassen gelebt hatten. Als dann vor drei Menschenaltern die Normannen unter Wilhelm dem Eroberer das Inselreich in ihre Gewalt gebracht hatten, waren die angestammten Sachsen gezwungen, sich der Befehlsgewalt der Normannen zu beugen, aber deren Herrschaft war verständnisvoll und milde gewesen, solange Richard Löwenherz sie ausübte. Er war gerecht und großherzig, und darum liebten ihn auch die Sachsen. Keiner der königlichen Statthalter, der Grafen und Barone, missbrauchte seine Gewalt, denn sie sahen sich von dem rechtlich denkenden König Richard überwacht. Das wussten die Sachsen dem Normannenkönig zu danken, und besonders hatte er ihre Zuneigung gewonnen, seit er ihnen die alten Rechte – vor allem das Jagdrecht – wiedergegeben hatte.

Doch nun war König Richard außer Landes, er machte einen Kreuzzug in das Heilige Land, um das Grab des Erlösers vor dem Zugriff der „Ungläubigen“ zu schützen. Als Stellvertreter hatte er seinen Bruder, den Prinzen Johann, eingesetzt und ihm die Regentschaft übertragen.

Der Prinz – das Volk nannte ihn verächtlich ,“Johann-ohne-Land“ – war ein schlechter Sachwalter des Willens seines königlichen Bruders. In seinem Hass gegen die heimatstolzen Sachsen, die sich nicht der Fremdherrschaft beugen wollten, schrak Johann nicht davor zurück, ihnen angestammte Rechte zu versagen. Leichtfertig setzte er sich darüber hinweg, dass König Richard ihnen das alt überlieferte Recht zu jagen ausdrücklich zugestanden hatte, und er verbot ihnen die Jagd; der hartherzige Prinz wusste genau, dass ein Sachse ohne sie nicht leben kann.

Seit Johanns neue Gesetze galten, hatte Hugh von Locksley sein Amt als königlicher Waldvogt verloren. Er musste sich darüber im klaren sein, dass die Vögte des Prinzen Johann jede Übertretung des Verbots mit unnachsichtiger Härte ahnden würden, denn der Prinz hatte ihnen eingeschärft, notfalls jeden Trotz mit Gewalt zu brechen.

In bitterer Unzufriedenheit hauste der sächsische Edeling mit Frau und Kind, seinem Sohn Robert, den sie Robin nannten, in seiner festen Burg am Rande des riesigen Waldes. Der Sherwood war seine Welt, von den Vorfahren ererbt, und er war von Jugend auf gewohnt, hier zu jagen – nun war ihm durch Prinz Johanns ungerechtes Verbot alles Lebensglück zerstört.

Wie König Richard seinen Grafen und Baronen milde und gerechte Verwaltung befahl und diese überwachte, so betrieb Prinz Johann mit aller Strenge die Durchführung seiner neuen Befehle. In der festen Stadt Nottingham hatte er als seinen Vogt den Grafen de Lacy eingesetzt, einen grimmigen, hartherzigen Mann, der wie sein Herr die Sachsen hasste. Er misstraute dem Gehorsam des Waldvogts von Locksley, und heimlich ließ er Herrn Hugh Fitzooth überwachen – er hoffte, man werde ihn bei einer gesetzeswidrigen Handlung überraschen und dann strenger Strafe zuführen können.

Die Mutter wollte, dass der Sohn Geistlicher würde, doch für den standesstolzen Edeling gab es keine Frage, dass Robin im Walde lebte wie er. „Jäger will ich werden wie der Vater“, sagte auch Robin selbstbewusst, „und unserm König Richard, wenngleich er Normanne ist, will ich dienen, denn er ist ein guter König, und ich will mit ihm hinausziehen und große Taten vollbringen.“

Der Vater wusste, was ein sächsischer Edeling an Waffenkunst beherrschen muss. Von ihm lernte Robin die Kunst, mit dem Wolfsspieß zu werfen, vom Vater lernte er die Kunst des Bogenschießens, in der Herr Hugh Fitzooth Meister war, und der Vater nahm ihn in harte Lehre, um ihn im Stockfechten zu unterweisen. Später sollte an die Stelle des schweren Eichenknüppels das Sachsenschwert treten.

Harte Tage, harte Wochen waren es für Robin, so hart, dass mancher Jüngling vielleicht den Wunsch der Mutter erwägen würde, Bücher zu lesen, um Geistlicher zu werden.

Nicht so Robin. Wenn er abends mit lahmen Gliedern und zerschundenen Knochen auf sein Lager sank, dann dachte er nicht zurück, sondern nur vorwärts: Wie hätte ich dem Schlag besser ausweichen können, wie treffe ich des Vaters Stock härter, um ihm die Waffe aus der Hand zu schlagen.

Bald war Robin Hood, erst sechzehn Jahre alt, unübertrefflich im Stockfechten, im Werfen mit dem Wolfsspieß, im Bogenschießen.

Graf de Lacy, der Sheriff des Landes, hatte in seiner Stadt Nottingham ein Wettschießen mit dem Bogen angesagt. Nur widerwillig war Herr Hugh der Aufforderung gefolgt. Robin begleitete den Vater. Die beiden wussten nicht von der Absicht des Sheriffs: mit einer Niederlage in dem Preisschießen wollte er ihr Ansehen herabsetzen. Er war fest überzeugt, dass Red Gill, der Führer seiner Leibgarde, den Wettkampf gewinnen werde.

Die Zuschauer beim Wettschießen jubelten laut, als die Besten sich zur Entscheidung stellten. Immer weiter hatte man die Scheibe abgerückt, immer mehr der Bewerber waren ausgefallen. In der Ehrenlaube saß Prinz Johann. Er hatte es sich nicht nehmen lassen, das Festspiel zu besuchen.

Nun standen, wie vorausgesehen. nur noch drei der Besten auf dem Platze. Es war Gill, der Rothaarige, es war Hugh Fitzooth, der sächsische Freisass, es war Robin, sein Sohn.

Der Herold trat in die Schranken: Die Scheibe wurde jetzt auf hundert Schritt Entfernung gerückt. Es ging um die letzte Entscheidung.

„Den ersten Schuss hat Red Gill!“ Laut klang des Herolds Stimme über den Platz.

Der Aufgerufene trat vor, hob den Bogen, legte den Pfeil ein und zielte lange. In der fürstlichen Laube verfolgten Prinz Johann und sein Sheriff voller Spannung den schwirrenden Pfeil. „Das nenne ich eine Leistung!“ rief der Regent begeistert: „Auf solche Entfernung noch den Rand des Zentrums zu treffen!“ De Lacy, der Sheriff, nickte dienstbeflissen. „Ja, mein Fürst, kein Schütze in England kommt ihm gleich!“

„Es folgt der zweite Bewerber, Herr Robin Fitzooth“, ertönte des Herolds Ansagen.

„Der junge Mann sollte lieber auf seinen Schuss verzichten“, meinte Prinz Johann und blickte gleichgültig zu Robin hinüber.

Ruhig, als sei es etwas ganz Alltägliches, legte Robin den Pfeil ein, schätzte mit dem Auge die Entfernung und zielte sorgfältig. Dann ließ er den Pfeil schwirren. Aus der Frauenlaube hörte man Jubelrufe:

„Ins Schwarze!“

„Das nenn ich Glück“, stieß der Sheriff bissig hervor, während die. Menge wie rasend vor Begeisterung tobte.

Als der Beifall langsam verebbte, trat der Herold wieder vor. „Als dritter Bewerber schießt Herr Hugh Fitzooth.“

Jedermann sah, Robins Schuss war nicht zu übertreffen.

Herr Hugh nahm Aufstellung, sichtete kurz und ließ den Pfeil aus der Sehne schnellen.

War so etwas möglich? Sein Geschoss hatte Robins Pfeil, der genau im Zentrum steckte, in zwei Teile gespalten! „Solch einen Meisterschuss sieht man nicht in jedem Menschenleben!“ rief ein weißbärtiger Alter ganz außer sich. Die Menge war wie von Sinnen in ihrem Jubel.

Die glücklichen Schützen rief man vor die Frauenlaube, wo die Königinmutter den Sieger ehren sollte. „Majestät“, sagte Herr Hugh, „gebt den Preis dem Schützen, dessen Pfeil zuerst das Zentrum traf!“

Doch sie schüttelte lächelnd den Kopf und überreichte ihm den kostbaren Siegespreis.

Da trat ein Bote vor Herrn Hugh: „Der Sheriff lässt Euch auffordern, mit Eurem Sohne vor ihm zu erscheinen!“

Den Vater durchzuckte es ahnungsvoll: das war das Verhängnis, das er nahen sah.

Robin spürte des Vaters Besorgnis. „Ach was“, flüsterte er ihm zu, „,er will uns doch nur zu unserm Siege beglückwünschen.“

„Gott geb es“, murmelte der Vater.

Als sie vor dem Gestrengen erschienen, nickte er ihnen wohlwollend zu. „Gute Schützen seid ihr, Vater und Sohn“, sagte er und blickte sie prüfend an. „Ich habe eine Frage an euch.“

Beide blickten den Sheriff erwartungsvoll an. Würde sich des Vaters Besorgnis jetzt erfüllen?

„Gute Schützen kann ich gebrauchen“, sagte der Sheriff langsam, „es gibt so viel widersetzliche Menschen, die es zum Gehorsam zu zwingen gilt. Wollt ihr nicht in meine Leibgarde eintreten?“

„Mein Pfeil richtet sich nicht auf Menschen“, sagte Vater Hugh hart. „Ich liebe meine Freiheit.“

„Und ich nicht weniger, Herr Sheriff“, fügte Robin schnell hinzu, „auch ich tauge nicht für solchen Herrendienst.“

„So frech wagt ihr mir zu trotzen?“, fuhr de Lacy auf. „Erbärmliches Sachsengesindel!“

Hugh Fitzooth wollte aufbegehren, doch der Sheriff winkte böse ab. „Kein Wort mehr von solchen anmaßenden Frechlingen! Ihr werdet von mir hören!“

Die Drohung war nicht von ungefähr. Noch am Abend machten Vater und Sohn sich auf den Rückweg. Sie sehnten sich nach ihrem festen Hause und nach der Waldeseinsamkeit. Beide wussten nicht, was der Sheriff seinem treuesten Gefolgsmann und besten Bogenschützen zugeflüstert hatte. Heimlich folgte Red Gill den Fitzooths mit einer kleinen Schar wendiger und kampferprobter Reiter.

Gedankenvoll ritten Vater und Sohn durch den dunkelnden Wald. „Wer sich gegen de Lacy aufzulehnen wagt, tut gut daran, auf der Hut zu sein“, sagte er eben, zu Robin gewendet – da schwirrte ein Pfeil durch die Luft, und sofort folgte auch ein Schrei. Voller Entsetzen blickte Robin zur Seite: zwischen des Vaters Schulterblättern haftete das Geschoss! Schon taumelte der Alte – jetzt brach er zusammen.

Erschüttert kniete Robin vor ihm: „Vater, lieber Vater!“ keuchte er.

„Das war des Sheriffs Geschoss!“ stieß Hugh Fitzooth aus. Als Robin sich über den Vater beugte, spürte er, wie das Herz zu schlagen aufhörte.

Woher war der Schuss gekommen? Vorsichtig erhob sich der Junge und spähte nach allen Seiten. In diesem Augenblick schwirrte etwas durch die Luft. Robin warf sich beiseite über ihm im Baumstamm stak zitternd ein zweiter Pfeil!

Robin hatte den Bogen von der Schulter gerissen und schlich in die Richtung des unsichtbaren Schützen. Da bekam er ihn zu Gesicht. „Dachte ich es doch“, stieß er hervor, „es ist Red Gill, dieses feige Werkzeug des Sheriffs!“

Red Gill schlich sich an, um die Wirkung seines Schusses festzustellen. Als er sich eine kleine Blöße gab, fuhr Robins Schuss ihm mitten ins Herz.

Eben wollte er sich wieder dem toten Vater zuwenden, da hörte er hinter sich Hufgetrappel. „Dort ist der Mörder!“ schrien mehrere Stimmen. „Los, packt ihn!“

Es ging um Sekunden. Wieselgleich suchte Robin hinter den Stämmen Schutz, wand sich durchs dichte Unterholz, wo die Pferde keinen Weg finden, und ließ das Waldesgrün über sich zusammenschlagen.

Mehrere Tage irrte Robin durch den Wald, um den Häschern zu entgehen. Erst als sich der dritte Abend herab senkte, wagte Robin sich aus seinem Versteck. Vorsichtig pirschte er sich um die Waldecke, um das freie Feld zu überqueren, an dem das Elternhaus sich vor dem jenseitigen Waldrand erhob. Er würde nur auf einen Sprung einkehren, um der Mutter vom Tode des Vaters zu berichten. Er würde ihr raten, zum Onkel Gamewell, dem alten Landedelmann in Norfolk, zu ziehen, bis bessere Zeiten kämen.

Ich darf mich nicht lange bei der Mutter aufhalten, dachte Robin bitter bei sich selber. Ich werde… Da, was ist das? Welch seltsame Abendbeleuchtung, dass er das feste Haus am Waldrand nicht erkennen konnte? Narrte ihn etwa ein Trugbild?

Bin ich wahnsinnig geworden? durchfuhr es Robin wild.

Nein, es war kein Trugbild, was sich dort seinen Augen zeigte. Wo einst das Elternhaus stand, hoben sich verkohlte Mauerreste gegen den Abendhimmel ab. Noch qualmte es zwischen den Ruinen. Wie in stummer Anklage ragte der alte Turm über den zusammengestürzten Mauern empor.

Fassungslos stand Robin vor den noch schwelenden Trümmern des Hauses, in dem er einst mit Vater und Mutter glücklich war. Ganz gebrochen trat der Hausverwalter zu seinem jungen Herrn.

„Wo ist meine Mutter?,“ stieß Robin heiser hervor.

Der treue Mann hatte sie abseits von den Trümmern auf eine Felldecke gebettet. Dort lag sie unter freiem Himmel. Nur mit größter Vorsicht konnte Robin es wagen, in ihrer Nähe zu bleiben, denn jeden Augenblick musste er gewärtig sein, dass des Sheriffs Häscher zurückkehrten, um ihn zur Stadt zu schleppen. Und dabei war es der Mutter anzusehen, dass sie in den letzten Zügen lag. Als sie von dem schrecklichen Ende ihres Ehemannes hörte, sank ihr der Kopf zur Seite; der unendliche Schmerz brach ihr das Herz.

So wurde Robin ein Geächteter, ein „outlaw“, das heißt ein Mann außerhalb der Gesetze. Die Landesgesetze, die für ihn galten, besagten, niemand dürfe ihm helfen, ihm Nahrung und Trank reichen, niemand dürfe ihm Obdach gewähren Robin Hood war vogelfrei!

Die Mutter war gestorben – an gebrochenem Herzen, sagten die Leute mit Recht. Das Hausgesinde von daheim war in alle Winde verstreut; nur Muck, der Reitknecht, hatte seinen jungen Herrn nicht verlassen wollen.

Tief drinnen im Dunkel des Sherwood-Waldes, wo man sich vor dem Arm des Sheriffs sicher fühlen darf, hatten die beiden ihr Freiheitsasyl gefunden. Was scherte es sie, dass sie auf nacktem Boden schlafen mussten, mit dem Laub der Waldbäume zugedeckt! Was scherte es sie, dass die Mahlzeiten karg waren und die Nächte kalt.

Bald hatten sie, wo der Wald am dichtesten war, sich ein Lager eingerichtet. Mit Eschenbogen und Hirschfänger bot der Wald Nahrung genug, und der sprudelnde, frische Waldbach gewährte Trunk in Fülle.

Wie herrlich ist es, durch den Wald zu streifen, wenn der Tau noch auf Gräsern und Zweigen liegt, wenn die Vögel erwachen und die Sonne langsam über den Waldrand klettert. Wie schön ist die Gottesnatur in der unberührten Morgenstille.

Bald sammelten sich um Robin Hood Männer, die geächtet und vogelfrei waren wie er, alle entschlossene Gesellen, die die Fremdherrschaft der Normannen hassten wie er. Da war Klein John, ein ungefüger, bärenstarker Kerl, der wie Robin ein Meister im Stockfechten war, und Bruder Tuck, ein entlaufener Mönch; da war Muck, des Oheims getreuer Knecht, dazu die drei Brüder Huggins, denen die Normannenschergen das Elternhaus niedergebrannt hatten, weil die bedrängten Bauern die Steuern nicht bezahlen konnten. Immer mehr dieser tollkühnen, wild entschlossenen Freiheitskämpfer stießen zu dem Haufen der Ausgestoßenen.



Wenn Ritter de Lacy, der Sheriff von Nottingham, von der Höhe seiner Stadtburg über das weite englische Land sah, wandte er nur ungern seinen Blick zu dem grünen Waldstreifen hinüber, denn mochte er auch Herr über die weite Stadtumgebung sein: in den Sherwood reichte seine Macht nicht, denn dort hausten die sächsischen Outlaws – und Robin Hood war ihr Führer und der König des grünen Waldes, denn er war der kühnste und verwegenste und klügste unter ihnen.

Bald traute sich kein Normanne mehr in den Sherwood-Wald hinein, so gefürchtet waren Robin und seine tollkühnen Gesellen. Man erkannte sie an dem Lincolnrock, den sie trugen, aber dieses waldgrüne Tuch machte sie unsichtbar. So waren sie allgegenwärtig, ein Schrecken der normannischen Häscher. Auch die Reichen ringsum, die das Volk aussaugten, waren vor Robin Hoods Männern nicht sicher, denn er schonte keinen, zum Nutzen der Unbegüterten und Unterdrückten, die darben mussten.

Als Robin eines Tages durch das maiengrüne Land ritt, sah er auf einer Wiese neben der Landstraße eine seltsame Gruppe. Drei normannische Reiter waren es, die einen jungen Menschen in kanarienbuntem Gewand in die Mitte genommen hatten. Der eine ließ drohend seine Reitpeitsche spielen, der andere zerrte das Bürschlein derb am Arme, während der dritte ihm seinen Spieß vor den Bauch hielt. Sie wollten dem Spielmann das Pferd abnehmen.

Blitzschnell hatte Robin seinen Eschenbogen in der Hand, den armlangen Pfeil auf der Sehne.

„Ich pflege bedrängten Menschen zu helfen und trete ein für Recht und Billigkeit, wenn unser gutes Sachsenrecht so mit Füßen getreten wird!“ So erklärte er ruhig, als die drei Normannenreiter ihn beschimpfen wollten. Ruhig brachte er den jungen Menschen in Sicherheit – und hatte der Bande der Geächteten einen neuen Freund gewonnen, einen normannischen Spielmann, der die Gesetzlosigkeit seiner eigenen Landsleute erlebt hatte.

Als die beiden dem Waldlager zuritten, leuchtete es zwischen den Baumstämmen auf. Bärtige Männer, die um die Flammen saßen, sprangen auf, als die beiden in den Kreis einritten. Ganz unbekümmert, ein echter Spielmann, klimperte Alin ein fröhliches Liedchen, während die Gesellen voll Erstaunen sein buntes Wams betrachteten. „Unser neuer Freund wird unser Schicksal teilen“, rief Robin den Gefährten zu. „Willkommen sei uns jeder, der für Recht und Freiheit ist!“

Abends saßen sie wieder zusammen und wetterten über des Sheriffs Grausamkeit. „Wir sind nicht die einzigen“, berichteten Abel und Fred, „viele gibt es, die geächtet und vogelfrei sind und vor ihren Häschern im Walde Schutz gesucht haben.“

„So holt sie herbei“, rief Robin, „wenn ihr für sie bürgen könnt. Jeden freiheitsliebenden Mann können wir gebrauchen!“

Tags darauf standen die Männer vor ihm, alles bärenstarke, hochgewachsene Sachsen, die mit dem schmalen Schwert und dem langen Bogen aus Eschenholz umzugehen wussten. Und alles entschlossene Burschen, die Prinz Johanns grausame Härte gespürt hatten und ihm voll Ingrimm den Tod an den Hals wünschten. „Willst du unsere Hilfe, Robin Hood“, sagte der Führer dieser Burschen, „so wollen wir dir folgen!“

„Seid mir willkommen. Und wie ist dein Name?“

„Ich heiße Will Stutely“, versetzte der Mann.

So wuchs der Haufen der Verschworenen. Und Robin Hood, der junge sächsische Edelmann, war ihr Haupt. Die Armen liebten ihn, der das freie Leben unter den Bäumen des Waldes einem Leben in Zwang und Unfreiheit vorzog; der Sheriff aber hasste diesen Freund und Helfer der Unterdrückten und sann auf Mittel und Wege, ihn zu fangen und zum Tode zu führen. Er setzte auf Robin Hoods Kopf einen Preis aus. Fünfzig Goldstücke für den, der den verhassten Freiheitskämpfer in Ritter de Lacys Hände lieferte!

Da gaben seine Ratgeber ihm einen Vorschlag für eine Veranstaltung ein, die Robin Hood in seine Hände führen könnte. Er ließ zu einem Wettschießen aufrufen, dessen Preis ein silberner Bogen sein sollte. Sicherlich würde Robin Hood, der Meisterschütze, der Versuchung nicht widerstehen können auch wenn es mehr als Tollkühnheit bedeutete, sich in den Machtbereich des Sheriffs zu wagen.

In seinem unbändigen Verlangen, seine Kunst zu zeigen, lachte Robin Hood unbekümmert über die Bedenken seiner Gesellen. „Geh nicht, Robin,“ baten sie ihn, „denk auch daran, was du uns schuldig bist als unser Führer! Es wäre für dich ein Tod in Schande!“

„Für mich gibt es keine Gefahr“, sagte er sorglos. „Mich fängt der Sheriff nicht. Aber was wird es für uns bedeuten, wenn jedermann weiß, dass ich in Nottingham gewesen bin und am Bogenschießen des hochgeborenen Herrn de Lacy teilgenommen und den silbernen Bogen gewonnen habe!“

Als armseliger Bettler verkleidet, betrat der Geächtete die Stadt. Niemand kam auf den Gedanken, den gefürchteten Anführer der Freiheitskämpfer vor sich zu haben.

Bunte Wimpel wehten über dem Kampfplatz, wo die festliche Menge sich erwartungsfroh drängte. In der Laube des Sheriffs hatte auch Prinz Johann Platz genommen. Da trat der Herold in die Schranken, ließ sein Horn erschallen und forderte die Bewerber auf, sich zum Wettkampf zu stellen.

Ein Murren ging durch die Menge, als man unter den Meistern des Eschenbogens den zerlumpten Bettler gewahrte. Stimmen wurden laut, dass solcher Bewerber nicht zuzulassen sei. Doch die Königinmutter, die ihr Volk liebte, sprach die Entscheidung. „Hier geht es nicht nach Rang und Stand, sondern nach der Fertigkeit im Bogenschießen“, rief sie lächelnd. „Jeder Meister ist uns willkommen!“

Der Wettkampf begann. Alle trafen das Ziel, das auf sechzig Schritt gestellt war. Der Bettler, der als erster schießen musste, schien sich gar keine Mühe zu geben, so dass es aussah, als habe er nur durch Zufall getroffen.

Weiter rückte man die Scheibe ab; schon verfehlten zwei der Herren das Ziel und mussten vom Wettkampf abtreten. Wieder wurde die Entfernung größer, und wieder mussten zwei Bewerber sich geschlagen bekennen. Als des Herolds Helfer die Zielscheibe auf hundertundzwanzig Schritt gestellt hatten, waren nur noch zwei Schützen im Spiel: Thorn Greenwood, der Führer der prinzlichen Jäger, und der unbekannte Bettler.

„Jetzt wäre Red Gill vonnöten“, rief jemand in die Spannung hinein. Den einstigen Führer der Bogenschützen hätte man hier in der Tat im Wettkampf sehen mögen.

Ungeheuer war die Erregung, mit der die Menge den Wettkampf verfolgte. Einhundertundzwanzig Schritt war die Entfernung des Ziels! So klein war das Schwarze auf der Scheibe, dass es kaum noch zu erkennen war.

Jetzt ging es um die Entscheidung! Wieder schritt der Herold vor die Menge: „Wir werfen das Los, um festzustellen, wem der erste Schuss gehört!“

Das Los traf den Bettler. Mit demütiger Selbstsicherheit trat Robin vor. Er dachte an den einstigen Meisterschuss seines Vaters, dessen Schuss den im Mittelpunkt haftenden Pfeil gespalten hatte. Diese Leistung würde Thorn Greenwood nicht vollbringen. So durfte Robin seines Sieges sicher sein. Ruhig legte er den Pfeil ein, zog ihn bis hinters Ohr zurück und ließ die Sehne schnellen.

In atemloser Spannung folgten die Augen der Zuschauer dem schwirrenden Geschoss. Es traf genau in den Mittelpunkt, schwankte einen Augenblick hin und her und stand wie ein stolzer Sieger.

Der Mitbewerber wusste, dass damit seine Aussicht, ins Ziel zu treffen, dahin war. „Man hätte einen hergelaufenen Bettler nicht zum Wettkampf ehrenhafter Männer zulassen sollen“, knurrte er verächtlich und trat beiseite. Ringsum wurden höhnische Stimmen laut, Jubelschreie für den Sieger. Nur mit Unwillen erklärte der Herold den Bettler zum Sieger. „Du sollst vor der Laube erscheinen“, sagte er unfreundlich. „Prinz Johann selber will dich kennen lernen.“

Für Robin Hood war es niemals zweifelhaft gewesen, wer den Siegespreis davontragen werde. Trotzdem schwoll ihm das Herz vor Freude; denn nicht nur der Erfolg, auch das Abenteuerglück wog alles auf.

Während er, von der Menge bestaunt, zur Laube des Prinzen hinüberging, ließ er die Blicke über den Platz schweifen. Da plötzlich stutzte er: Ringsum zwischen den Zuschauern gewahrte er zu seiner Überraschung die Gesichter seiner verwegenen Gesellen – da hatten sie sich doch in die Stadt gewagt, die treuen Freunde, um ihm in der Stunde der Gefahr zur Seite zu stehen! Alle waren verkleidet; aber Robin erkannte sie in ihren Altweiberröcken und Bauernmänteln, in den Mönchskutten und Fuhrmannskitteln.

Da packte den Freiheitskämpfer wieder die verwegene Abenteuerlust: Heute wollte er einen Streich wagen, den der Sheriff sein Lebtag nicht vergessen sollte!

Herr de Lacy hatte gedacht, seinen Feind in eine Falle zu locken, als er das Wettschießen verkünden ließ, und nun fühlte er sich enttäuscht, dass Robin es nicht gewagt hatte zu erscheinen. Mehrfach hatte der Sheriff die Gestalt des Bettlers gemustert. Sollte er etwa der Gesuchte sein? Aber nein, so sah Robin Hood nicht aus.

Jetzt stand der Freiheitsheld vor dem verhassten Mann. Gleichgültig blickte er an ihm vorbei. Den Kopf etwas gesenkt und in kraftloser Haltung. „Du hast den Wettkampf gewonnen“, begann der Sheriff, und aus seiner Stimme war deutlich zu spüren, wie ungern er diesem zerlumpten Strauchdieb die Anerkennung aussprach. „So empfange nun den Siegespreis; doch zuvor muss ich dich auffordern, uns deinen Namen zu nennen!“

„Was tut er zur Sache, Herr“, versetzte der Bettler mit krächzender Stimme. „Was kann Euch hochgeborenen Herrn ein armer, namenloser Waldläufer kümmern, der…“

„Nenne uns deinen Namen“, unterbrach ihn der Sheriff ungehalten, „so wie es Brauch ist unter ehrbaren Menschen . . .“ Er stutzte voller Entsetzen, denn was nun geschah, musste ihm den Atem rauben.

„Ja, Ritter de Lacy, so hört meinen Namen und seht, wer ich bin!“ schrie der Zerlumpte wild auf. Aus der zusammengesunkenen Gestalt des kraftlosen Bettlers wurde plötzlich ein aufrechter, starker Mann, die Bettlerlumpen flogen beiseite, und vor dem Sheriff stand, in waldgrünes Wams gekleidet, der Mann, den er hasste und den er fürchtete . . .

„Robin Hood!“ rief er stammelnd.

„Nicht schwer zu erraten“, lachte Robin unbekümmert, sprang auf das Podest vor der Laube und hob sein Schwert. „Freiheit!“ schrie er wild über die Menge hin. „Tod den Zwingherren!“

Ein ungeheures Getümmel erfüllte sekundenschnell den Platz. Robin drang auf den verhassten Gegner ein, doch der wich seinem Schwertstoß aus. Ehe die Häscher des Sheriffs zupacken konnten, hatten sich Robins tollkühne Gesellen dazwischengedrängt. Entsetzt wichen Ritter de Lacys Männer zurück, als sie urplötzlich unter vielfacher Vermummung einen Haufen wild entschlossener Männer im grünen Gewand der Freiheitskämpfer auftauchen sahen.

In dem allgemeinen Tumult kämpften diese sich durch die dichtgedrängte Menge. Immer mehr waren es von den Leuten der Stadtbevölkerung, die mit unterdrückter Freude Robins verwegene Tat bewunderten. Schwerfällig schoben und drängten sie sich dazwischen, wenn die normannischen Knechte auf die Grünröcke eindrangen, und sicherten diesen so den Rückzug.

Nun hatte Robin Hood das Stadttor erreicht. Mit grimmigem Lachen schwang er sich auf die Mauerkuppe und stieß in sein Horn, dass es weit über die Stadt hin und über die Burg ertönte. ,“An diesen Tag wird der Sheriff noch lange denken“, rief er den Gesellen zu; dann verschwand er mit ihnen jenseits der Stadtmauer und führte sie zurück in den Sherwood-Wald.

Wie zum Hohn klang noch lange Robins Horn zur Stadt hinüber.

Wenige Tage später trat die Königinmutter in das Zimmer des Prinzen Johann.

„Gute Kunde, mein Sohn, hat mich soeben erreicht. Richard sitzt in Verhaft in der Feste Dürnstein im Österreichischen, doch der Bote meldet, dass wir ihn durch ein Lösegeld freikaufen können. . .“

Prinz Johann tat erfreut – und wusste doch, dass mit der Rückkehr König Richards sein Los besiegelt war.

„Wir müssen das Volk zu einer Spende aufrufen, doch schwer wird es sein, den hohen Betrag aufzubringen, denn Robin Hood hat das Land ausgeplündert!“

Jeder wusste, wie lügnerisch seine Behauptung war. In Wirklichkeit war der Prinz glücklich, Geld in den Kasten fließen zu sehen, denn schon hatte er einen heimtückischen Plan, der König Richard für alle Zeit die Heimkehr verwehren würde: er wollte die Spende des Volkes in seine eigene Schatzkammer führen – ein zweites Mal würde das ausgepresste Volk den Betrag nicht aufbringen können.

Das treue Volk gab sein Letztes, um dem Herrscher, den es so sehr liebte und zurückwünschte, die Freiheit zu verschaffen. Bald lag die riesige Summe des geforderten Lösegeldes bereit.

Der verräterische Prinz Johann ging sogleich daran, seinen Plan auszuführen, der ihm doppelten Vorteil und Gewinn bringen sollte. Noch vor Sonnenaufgang ließ er fünfzig seiner Bogenschützen in aller Heimlichkeit auf dem Schlosshof versammeln. „Ihr reitet auf der Landstraße am Sherwood-Walde entlang. Dort legt ihr die grasgrünen Wämser an, die ich euch mitgeben lasse, und kleidet euch so wie Robin Hoods Bande.“

Niemand ahnte das hinterhältige Vorgehen des Prinzen. In der Tracht von Robin Hoods kühnen Gesellen sollten die Bogenschützen den Lastzug überfallen, der das für König Richard bestimmte Lösegeld in Prinz Johanns Schatzkammer nach London schaffte!

Doch Robin Hoods Späher erkannten rechtzeitig genug auch diesen heimtückischen Bubenstreich, der das Ansehen der grünen Gesellen so schmählich missbrauchen und verunglimpfen und König Richard für immer die Heimkehr verwehren sollte. In Windeseile war die Bande zur Stelle und verhinderte die Entführung des Lösegeldes. Statt in die Schatzkammer des eigensüchtigen Prinzen gelangte der Betrag an die richtige Stelle: Er diente als Lösegeld für den König, der fern der Heimat auf Rückkehr hoffte.

Nach dem erbarmungslos harten Winter in der Kälte der waldigen Schlupfwinkel sahen die Geächteten endlich den Frühling nahen. Mit ihm wuchs ihnen neuer Mut und neue Hoffnung. Immer neue Gesellen strömten den Freiheitskämpfern als Helfer zu.

In sorgenvollen Gedanken, wie er die große Zahl der Getreuen ernähren solle, schritt Robin Hood mit Bruder Tuck durch den Wald. Der freiheitsliebende Mönch war seit langer Zeit einer der tätigsten unter seinen Gesellen.

„Halt!“ tönte es ihnen plötzlich entgegen.

Robin zuckte zusammen. Gerade vor ihnen an der großen Eiche hielt ein Ritter hoch zu Ross, in blanker Rüstung, das Visier heruntergeklappt.

„Was wollt Ihr hier im Walde?“ rief Robin drohend.

„Ich suche Robin Hood! Wisst ihr, wo ich ihn finde?“

„Ich selber bin es! Was wollt Ihr?“

„Den Sherwood-Wald von Geächteten befreien! Wir wissen von deinen Schandtaten und Gesetzwidrigkeiten, Robin Hood. Du weigerst dich, dem Prinzen Johann den schuldigen Gehorsam zu erweisen, du hast hier im Walde wider alles Landrecht einen Haufen gesetzloser Gesellen um dich geschart, du hast das Lösegeld geraubt, das für unsern gefangenen König bestimmt war!“

„Weil der verräterische Prinz falsches Spiel getrieben hat!“ rief Robin in wildem Zorn. „Ihr dient einem schlechten Herrn, Herr Ritter! Soll ich sagen, wo das Geld geblieben ist? Seinem rechten Zweck habe ich es zugeführt! Meine Männer haben es übers Meer gebracht, um unsern geliebten König Richard aus der schmählichen Gefangenschaft freizukaufen . . .“

Bruder Tuck konnte nicht mehr an sich halten. „Lasst diese herausfordernde Sprache, Herr Ritter! Und nehmt den Helm ab, oder ich schlage ihn Euch vom Schädel!“ Drohend hatte der streitbare Mönch den schweren Knüppel erhoben. Willig folgte der fremde Ritter der Aufforderung, löste den Riemen und nahm den Helm vom Kopf.

Wie auf eine Geistererscheinung blickten die beiden Männer auf den Reiter. „König – König Richard!“ brach Robin fast stammelnd aus und beugte das Knie. Der Mönch tat desgleichen.

„Ihr seid wieder zurück, Majestät“, sagte Robin. Erst langsam begann er, sich zu fassen. „Vergebt mir, Majestät, das große Auftreten“, sagte er dann, „ich ahnte ja nicht . . .“

„Ihr habt nicht zu bitten, Robin Hood. Mit mir ist ganz England in Eurer Schuld. In Eurer Schuld und der Eurer verwegenen Gesellen.“

Gütig lächelnd stieg der König vom Pferde. „Robin Hood“, sagte er. „Kniet nieder, hier an der Stätte, wo Ihr für die Freiheit gekämpft habt.“

Der König hatte sein Schwert gezogen und legte es dem Knienden auf die Schulter. „Robin Hood, ich schlage Euch hiermit zum Ritter meiner Krone und ernenne Euch hiermit zum Herzog,“ sagte er, als Herzog von Locksley sollt Ihr das Land hier ringsum als Lehen aus meiner Hand übernehmen und für mich in Treue verwalten. Erhebt Euch, Sir Robin!“

Hand in Hand schritten die beiden dem Waldlager zu. Bruder Tuck führte des Königs Streitross am Zügel.

Mit wilden Heilrufen umringten die Geächteten den König und seinen neuen Herzog.

„Ich weiß, wo ich meine Freunde zu suchen habe“, sagte König Richard. „Ich werde sie zu belohnen wissen, und sie sollen die Stelle in meinem Reiche einnehmen, die ihnen zukommt und die dem Reiche förderlich ist!“ Da breitete Robin seine Arme aus, als wollte er alle darin einschließen, und dann rief er, dass es hinauf klang bis zu den Baumkronen des Sherwood-Waldes: „Hoch Robins tollkühne Gesellen!“ England hatte seinen Frieden wieder gefunden.

Der unartige Knabe

Hans-Christian Andersen


Es war einmal ein alter Dichter, so ein richtig guter alter Dichter. Eines Abends, als er zu Hause saß, gab es draußen ein schrecklich böses Wetter; der Regen strömte hernieder, aber der alte Dichter saß gemütlich an seinem Kachelofen, wo das Feuer brannte und die Äpfel brutzelten.

»Da bleibt kein trockener Faden an den Armen, die bei diesem Wetter draußen sind! « sagte er, denn er war so ein guter Dichter.

»Oh, öffne mir! Mich friert und ich bin so nass! « rief draußen ein kleines Kind. Es weinte und klopfte an die Tür, während der Regen herabströmte und der Wind an allen Fenstern rüttelte.

»Armer Kleiner! « sagte der alte Dichter und ging zur Tür und öffnete. Da stand ein kleiner Knabe; er war ganz nackt, und das Wasser floss aus seinen langen, blonden Locken. Er zitterte vor Kälte. Wäre er nicht hereingekommen, hätte er gewiss in dem bösen Wetter sterben müssen.

»Armer Kleiner! « sagte der alte Dichter und nahm ihn bei der Hand. »Komm zu mir, ich werde dich schon erwärmen! Wein und einen Apfel sollst du haben, denn du bist ein prächtiger Knabe! «

Das war er auch. Seine Augen leuchteten wie zwei helle Sterne, und obwohl das Wasser aus seinen blonden Locken herabfloss, ringelten sie sich doch so schön. Er sah aus wie ein kleines Engelskind, war aber blass vor Kälte und zitterte am ganzen Körper. In der Hand trug er einen herrlichen Flitzbogen, aber der war vom Regen völlig verdorben. Alle Farben auf den hübschen Pfeilen liefen vor Nässe ineinander.

Der alte Dichter setzte sich an den Kachelofen, nahm den kleinen Knaben auf seinen Schoß, drückte das Wasser aus seinen Locken, wärmte seine Hände in seinen eigenen und kochte ihm süßen Wein. Da erholte er sich, bekam rote Wangen, sprang auf den Fußboden und tanzte um den alten Dichter herum.

»Du bist ein lustiger Knabe! « sagte der Alte. »Wie heißt du?«

»Ich heiße Amor! « antwortete er. »Kennst du mich nicht? Dort liegt mein Bogen! Damit schieße ich, das kannst du mir glauben! Sieh, nun wird das Wetter draußen wieder gut; der Mond scheint. «

»Aber dein Bogen ist verdorben! « sagte der alte Dichter.

»Das wäre schlimm! « sagte der kleine Knabe, hob ihn auf und sah ihn an. »Oh, der ist ganz trocken und hat gar keinen Schaden erlitten; die Sehne sitzt ganz straff. Nun, ich werde ihn probieren! « Dann spannte er ihn, legte einen Pfeil darauf, zielte und schoss den guten alten Dichter gerade ins Herz. »Siehst du nun, dass mein Bogen nichtverdorben war? « sagte er, lachte ganz laut und lief davon. Der unartige Knabe, so auf den alten Dichter zu schießen, der ihn in die warme Stube hereingenommen hatte, so gut gegen ihn gewesen war und ihm den schönen Wein und den besten Apfel gegeben hatte!

Der gute Dichter lag auf dem Fußboden und weinte. Er war wirklich gerade ins Herz getroffen, und dann sagte er: »Pfui, was ist dieser Amor für ein unartiger Knabe! Das werde ich allen guten Kindern erzählen, damit sie sich in acht nehmen können und niemals mit ihm spielen, denn er tut ihnen etwas zuleide! «

Alle guten Kinder, Mädchen und Knaben, denen er dieses erzählte, nahmen sich vor dem bösen Amor in acht; aber der führte sie doch an, denn er ist so durchtrieben! Wenn die Studenten aus den Vorlesungen kommen, dann läuft er an ihrer Seite mit einem Buch unter dem Arm und hat einen schwarzen Rock an. Sie können ihn gar nicht erkennen. Und dann fassen sie ihn unter den Arm und glauben, er sei auch ein Student; aber da sticht er ihnen den Pfeil in die Brust. Wenn die Mädchen vom Pfarrer kommen und wenn sie eingesegnet werden, so ist er auch hinter ihnen her. Ja, er ist immer hinter den Leuten her! Er sitzt im großen Kronleuchter im Theater und brennt lichterloh, so dass die Leute glauben, es sei eine Lampe; aber später merken sie etwas anderes. Er läuft im Schlosspark und auf den Wällen umher! Ja, er hat auch einmal deinem Vater und deiner Mutter gerade ins Herz geschlossen! Frage sie nur danach, so wirst du hören, was sie sagen. Ach, es ist ein böser Knabe, dieser Amor; mit ihm darfst du nie etwas zu tun haben! Hinter allen Leuten ist er her. Denk einmal, er Schoss sogar einen Pfeil auf die alte Großmutter ab; aber das ist lange her. Es ist vorübergegangen, aber so etwas vergisst sie nie. Pfui, der böse Amor! Aber nun kennst du ihn und weißt, was für ein unartiger Knabe er ist.

Der treue Johannes

Gebr. Grimm


Es war einmal ein alter König, der war krank und dachte: „Es wird wohl das Totenbett sein, auf dem ich liege.“ Da sprach er: „Lasst mir den getreuen Johannes kommen.“ Der getreue Johannes war sein liebster Diener und hieß so, weil er ihm sein Lebelang so treu gewesen war. Als er nun vor das Bett kam, sprach der König zu ihm: „Getreuester Johannes, ich fühle, dass mein Ende herannaht, und da habe ich keine andere Sorge als um meinen Sohn: er ist noch in jungen Jahren, wo er sich nicht immer zu raten weiß, und wenn du mir nicht versprichst, ihn zu unterrichten in allem, was er wissen muss, und sein Pflegevater zu sein, so kann ich meine Augen nicht in Ruhe schließen.“ – Da antwortete der getreue Johannes: „Ich will ihn nicht verlassen und will ihm mit Treue dienen, wenn’s auch mein Leben kostet.“ – Da sagte der alte König: „So sterb‘ ich getrost und in Frieden.“ Und sprach dann weiter: „Nach meinem Tode sollst du ihm das ganze Schloss zeigen, alle Kammern, Säle und Gewölbe und alle Schätze, die darin liegen, aber die letzte Kammer in dem langen Gange sollst du ihm nicht zeigen, worin das Bild der Königstochter vom goldenen Dache verborgen steht. Wenn er das Bild erblickt, wird er eine heftige Liebe zu ihr empfinden und wird in Ohnmacht niederfallen und wird ihretwegen in große Gefahren geraten; davor sollst du ihn hüten.“ Und als der treue Johannes nochmals dem alten König die Hand darauf gegeben hatte, ward dieser still, legte sein Haupt auf das Kissen und starb.

Als der alte König zu Grabe getragen war, da erzählte der treue Johannes dem jungen König, was er seinem Vater auf dem Sterbelager versprochen hatte, und sagte: „Das will ich gewisslich halten und will dir treu sein, wie ich ihm gewesen bin, und sollte es mein Leben kosten.“ Die Trauer ging vorüber, da sprach der treue Johannes zu ihm: „Es ist nun Zeit, dass du dein Erbe siehst, ich will dir dein väterliches Schloss zeigen.“ Da führte er ihn überall herum, auf und ab, und ließ ihn alle die Reichtümer und prächtigen Kammern sehen, nur die eine Kammer öffnete er nicht, worin das gefährliche Bild stand. Das Bild war aber so gestellt, dass, wenn die Türe aufging, man gerade darauf sah, und war so herrlich gemacht, dass man meinte, es leibte und lebte, und es gäbe nichts Lieblicheres und Schöneres auf der ganzen Welt. Der junge König aber merkte wohl, dass der getreue Johannes immer an einer Tür vorüberging, und sprach: „Warum schließest du mir diese niemals auf?“ – „Es ist etwas darin“, antwortete er, „vor dem du erschrickst.“ Aber der König antwortete: „Ich habe das ganze Schloss gesehen, so will ich auch wissen, was darin ist“, ging und wollte die Türe mit Gewalt öffnen. Da hielt ihn der getreue Johannes zurück und sagte: „Ich habe es deinem Vater vor seinem Tode versprochen, dass du nicht sehen sollst, was in der Kammer steht, es könnte dir und mir zu großem Unglück ausschlagen.“ – „Ach nein“, antwortete der junge König, „wenn ich nicht hineinkomme, so ist’s mein sicheres Verderben; ich würde Tag und Nacht keine Ruhe haben, bis ich’s mit meinen Augen gesehen hätte. Nun gehe ich nicht von der Stelle, bis du aufgeschlossen hast.“

Da sah der getreue Johannes, dass es nicht mehr zu ändern war, und suchte mit schwerem Herzen und vielem Seufzen aus dem großen Bund den Schlüssel heraus. Als er die Türe geöffnet hatte, trat er zuerst hinein und dachte, er wolle das Bildnis bedecken, dass es der König vor ihm nicht sähe. Aber was half das? Der König stellte sich auf die Fußspitzen und sah ihm über die Schulter. Und als er das Bildnis der Jungfrau erblickte, das so herrlich war und von Gold und Edelsteinen glänzte, da fiel er ohnmächtig zur Erde nieder. Der getreue Johannes hob ihn auf, trug ihn in sein Bett und dachte voll Sorge: „Das Unglück ist geschehen, Herr Gott, was will daraus werden!“ Dann stärkte er ihn mit Wein, bis er wieder zu sich selbst kam. Das erste Wort, das er sprach, war: „Ach! wer ist das schöne Bild?“ – „Das ist die Königstochter vom goldenen Dache“, antwortete der treue Johannes. Da sprach der König weiter: „Meine Liebe zu ihr ist so groß, wenn alle Blätter an den Bäumen Zungen wären, sie könnten’s nicht aussagen; mein Leben setze ich daran, dass ich sie erlange. Du bist mein getreuester Johannes, du musst mir beistehen.“

Der treue Diener besann sich lange, wie die Sache anzufangen wäre; denn es hielt schwer, nur vor das Angesicht der Königstochter zu kommen. Endlich hatte er ein Mittel ausgedacht und sprach zu dem König: „Alles, was sie um sich hat, ist von Gold, Tische, Stühle, Schüsseln, Becher, Näpfe und alles Hausgerät; in deinem Schatze liegen fünf Tonnen Goldes, lass eine von den Goldschmieden verarbeiten zu allerhand Gefäßen und Gerätschaften, zu allerhand Vögeln, Gewild und wunderbaren Tieren, das wird ihr gefallen, wir wollen damit hinfahren und unser Glück versuchen.“ Der König hieß alle Goldschmiede herbeiholen, die mussten Tag und Nacht arbeiten, bis endlich die herrlichsten Dinge fertig waren. Als alles auf ein Schiff geladen war, zog der getreue Johannes Kaufmannskleider an, und der König musste ein Gleiches tun, um sich ganz unkenntlich zu machen. Dann fuhren sie über das Meer und fuhren so lange, bis sie zu der Stadt kamen, worin die Königstochter vom goldenen Dache wohnte.

Der treue Johannes hieß den König auf dem Schiffe zurückbleiben und auf ihn warten. „Vielleicht“, sprach er, „bring‘ ich die Königstochter mit, darum sorgt, dass alles in Ordnung ist, lasst die Goldgefäße aufstellen und das ganze Schiff ausschmücken.“ Darauf suchte er sich in sein Schürzchen allerlei von den Goldsachen zusammen, stieg ans Land und ging gerade nach dem königlichen Schloss. Als er in den Schlosshof kam, stand da beim Brunnen ein schönes Mädchen, das hatte zwei goldene Eimer in der Hand und schöpfte damit. Und als es das blinkende Wasser forttragen wollte und sich umdrehte, sah es den fremden Mann und fragte, wer er wäre. Da antwortete er: „Ich bin ein Kaufmann“, und öffnete sein Schürzchen und ließ sie hineinschauen. Da rief sie: „Ei, was für schönes Goldzeug!“ setzte die Eimer nieder und betrachtete eins nach dem andern. Da sprach das Mädchen: „Das muss die Königstochter sehen, die hat so große Freude an den Goldsachen, dass sie Euch alles abkauft.“ Es nahm ihn bei der Hand und führte ihn hinauf; denn es war die Kammerjungfer. Als die Königstochter die Ware sah, war sie ganz vergnügt und sprach: „Es ist so schön gearbeitet dass ich dir alles abkaufen will.“ Aber der getreue Johannes sprach: „Ich bin nur der Diener von einem reichen Kaufmann, was ich hier habe, ist nichts gegen das, was mein Herr auf seinem Schiff stehen hat; und das ist das Künstlichste und Köstlichste, was je in Gold ist gearbeitet worden.“ Sie wollte alles heraufgebracht haben, aber er sprach: „Dazu gehören viele Tage, so groß ist die Menge, und so viel Säle, um es aufzustellen, dass Euer Haus nicht Raum dafür hat.“ Da ward ihre Neugierde und Lust immer mehr angeregt, so dass sie endlich sagte: „Führe mich hin zu dem Schiff, ich will selbst hingehen und deines Herrn Schätze betrachten.“

Da führte sie der getreue Johannes zu dem Schiffe hin und war ganz freudig, und der König, als er sie erblickte, sah, dass ihre Schönheit noch größer war, als das Bild sie dargestellt hatte, und meinte nicht anders, als das Herz wollte ihm zerspringen. Nun stieg sie in das Schiff, und der König führte sie hinein; der getreue Johannes aber blieb zurück bei dem Steuermann und hieß das Schiff abstoßen: „Spannt alle Segel auf, dass es fliegt wie ein Vogel in der Luft.“ Der König aber zeigte ihr drinnen das goldene Geschirr, jedes einzeln, die Schüsseln, Becher, Näpfe, die Vögel, das Gewild und die wunderbaren Tiere. Viele Stunden gingen herum, während sie alles besah, und in ihrer Freude merkte sie nicht, dass das Schiff dahinfuhr. Nachdem sie das Letzte betrachtet hatte, dankte sie dem Kaufmann und wollte heim; als sie aber an des Schiffes Rand kam, sah sie, dass es fern vom Land auf hohem Meere ging und mit vollen Segeln forteilte. „Ach“, rief sie erschrocken, „ich bin betrogen, ich bin entführt und in die Gewalt eines Kaufmanns geraten; lieber wollt‘ ich sterben!“ Der König aber fasste sie bei der Hand und sprach: „Ein Kaufmann bin ich nicht, ich bin ein König und nicht geringer an Geburt, als du es bist, aber dass ich dich mit Listen entführt habe, das ist aus übergroßer Liebe geschehen. Das erste Mal, als ich dein Bildnis gesehen habe, bin ich ohnmächtig zur Erde gefallen.“ Als die Königstochter vom goldenen Dache das hörte, ward sie getröstet, und ihr Herz ward ihm geneigt, so dass sie gerne einwilligte, seine Gemahlin zu werden.

Es trug sich aber zu, während sie auf dem hohen Meere dahinfuhren, dass der getreue Johannes, als er vorn auf dem Schiffe saß und Musik machte, in der Luft drei Raben erblickte, die dahergeflogen kamen. Da hörte er auf zu spielen und horchte, was sie miteinander sprachen, denn er verstand das wohl. Die eine rief: „Ei, da führt er die Königstochter vom goldenen Dache heim.“ – „Ja“, antwortete die zweite, „er hat sie noch nicht.“ Sprach die dritte: „Er hat sie doch, sie sitzt bei ihm im Schiffe.“ Da fing die erste wieder an und rief: „Was hilft ihm das! Wenn sie ans Land kommen, wird ihm ein fuchsrotes Pferd entgegenspringen, da wird er sich aufschwingen wollen, und tut er das, so sprengt es mit ihm fort und in die Luft hinein, dass er nimmermehr seine Jungfrau wiedersieht.“ Sprach die zweite: „Ist gar keine Rettung?“ – „0 ja, wenn ein anderer schnell aufsitzt, das Feuergewehr, das in den Halftern stecken muss, herausnimmt und das Pferd damit totschießt, so ist der junge König gerettet. Aber wer weiß das! Und wer’s weiß und sagt’s ihm, der wird zu Stein von den Fußzehen bis zum Knie.“ Da sprach die zweite: „Ich weiß noch mehr wenn das Pferd auch getötet wird, so behält der junge König doch nicht seine Braut. Wenn sie zusammen ins Schloss kommen, so liegt dort ein gemachtes Brauthemd in einer Schüssel und sieht aus, als wär’s von Gold und Silber gewebt, ist aber nichts als Schwefel und Pech; wenn er’s antut, verbrennt es ihn bis auf Mark und Knochen.“ Sprach die dritte: „Ist da gar keine Rettung?“ – „0 ja“, antwortete die zweite, „wenn einer mit Hand schuhen das Hemd packt und wirft es ins Feuer, dass es verbrennt, so ist der junge König gerettet. Aber was hilft’s! Wer’s weiß und es ihm sagt, der wird halbes Leibes Stein vom Knie bis zum Herzen.“ Da sprach die dritte: „Ich weiß noch mehr, wird das Brauthemd auch verbrannt, so hat der junge König seine Braut doch noch nicht: Wenn nach der Hochzeit der Tanz anhebt, und die junge Königin tanzt, wird sie plötzlich erbleichen und wie tot hinfallen, und, hebt sie nicht einer auf und zieht aus ihrer rechten Brust drei Tropfen Blut und speit sie wieder aus, so stirbt sie. Aber verrät das einer, der es weiß, so wird er ganzes Leibes zu Stein vom Wirbel bis zur Fußzehe.“ Als die Raben das miteinander gesprochen hatten, flogen sie weiter, und der getreue Johannes hatte alles wohl verstanden, aber von der Zeit an war er still und traurig; denn verschwieg er seinem Herrn, was er gehört hatte, so war dieser unglücklich, entdeckte er es ihm, so musste er selbst sein Leben hingeben. Endlich aber sprach er bei sich: „Meinen Herrn will ich retten, und sollt‘ ich selbst darüber zugrunde gehen.“

Als sie nun ans Land kamen, da geschah es, wie die Raben vorher gesagt hatten, und es sprengte ein prächtiger fuchsroter Gaul daher. „Wohlan“, sprach der König, „der soll mich in mein Schloss tragen“, und wollte sich aufsetzen, doch der treue Johannes kam ihm zuvor, schwang sich schnell darauf, zog das Gewehr aus den Halftern und schoss den Gaul nieder. Da riefen die andern Diener des Königs, die dem treuen Johannes doch nicht gut waren: „Wie schändlich, das schöne Tier zu töten, das den König in sein Schloss tragen sollte!“ Aber der König sprach: „Schweigt und lasst ihn gehen, es ist mein getreuester Johannes, wer weiß, wozu das gut ist!“ Nun gingen sie ins Schloss, und da stand im Saal eine Schüssel, und das gemachte Brauthemd lag darin und sah aus nicht anders, als wäre es von Gold und Silber. Der junge König ging darauf zu und wollte es ergreifen, aber der treue Johannes schob ihn weg, packte es mit Handschuhen an, trug es schnell ins Feuer und ließ es verbrennen. Die anderen Diener fingen wieder an zu murren und sagten: „Seht, nun verbrennt er gar des Königs Brauthemd.“ Aber der junge König sprach: „Wer weiß, wozu es gut ist, lasst ihn gehen, es ist mein getreuester Johannes.“ Nun ward die Hochzeit gefeiert, der Tanz hub an, und die Braut trat auch hinein, da hatte der treue Johannes acht und schaute ihr ins Antlitz; auf einmal erbleichte sie und fiel wie tot zur Erde. Da sprang er eilends hinzu, hob sie auf und trug sie in eine Kammer, da legte er sie nieder, kniete und sog die drei Blutstropfen aus ihrer rechten Brust und speite sie aus. Alsbald atmete sie wieder und erholte sich, aber der junge König hatte es mitangesehen und wusste nicht, warum es der getreue Johannes getan hatte, ward zornig darüber und rief: „Werft ihn ins Gefängnis.“ Am andern Morgen ward der getreue Johannes verurteilt und zum Galgen geführt, und als er oben stand und gerichtet werden sollte, sprach er: „Jeder, der sterben soll, darf vor seinem Ende noch einmal reden, soll ich das Recht auch haben?“ – „Ja“, antwortete der König, „es soll dir vergönnt sein.“ Da sprach der treue Johannes: „Ich bin mit Unrecht verurteilt und bin dir immer treu gewesen“, und erzählte, wie er auf dem Meer das Gespräch der Raben gehört, und wie er, um seinen Herrn zu retten, das alles hätte tun müssen. Da rief der König: „0 mein treuester Johannes, Gnade! Gnade! führt ihn herunter.“ Aber der treue Johannes war bei dem letzten Wort, das er geredet hatte, leblos herabgefallen und war ein Stein.

Darüber trug nun der König und die Königin großes Leid, und der König sprach: „Ach, was hab‘ ich große Treue so übel belohnt!“ und ließ das steinerne Bild aufheben und in seine Schlafkammer neben sein Bett stellen. So oft er es ansah, weinte er und sprach: „Ach, könnt‘ ich dich wieder lebendig machen, mein getreuester Johannes.“ Es ging eine Zeit herum, da bekam die Königin Zwillinge, zwei Söhnlein, die wuchsen heran und waren ihre Freude. Einmal, als die Königin in der Kirche war, und die zwei Kinder bei dem Vater saßen und spielten, sah dieser wieder das steinerne Bildnis voll Trauer an, seufzte und rief: „Ach, könnt‘ ich dich wieder lebendig machen, mein getreuester Johannes.“ Da fing der Stein an zu reden und sprach: „Ja, du kannst mich wieder lebendig, machen, wenn du dein Liebstes daran wenden willst.“ Da rief der König: „Alles, was ich auf der Welt habe, will ich für dich hingeben.“ Sprach der Stein weiter: „Wenn du mit deiner eigenen Hand deinen beiden Kindern den Kopf abhaust und mich mit ihrem Blute bestreichst, so erhalte ich das Leben wieder.“ Der König erschrak, als er hörte, dass er seine liebsten Kinder selbst töten sollte, doch dachte er an die große Treue und dass der getreue Johannes für ihn gestorben war, zog sein Schwert und hieb mit eigener Hand den Kindern den Kopf ab. Und als er mit ihrem Blute den Stein bestrichen hatte, so kehrte das Leben zurück, und der getreue Johannes stand wieder frisch und gesund vor ihm. Er sprach zum König: „Deine Treue soll nicht unbelohnt bleiben“, und nahm die Häupter der Kinder, setzte sie auf und bestrich die Wunde mit ihrem Blut, davon wurden sie im Augenblick wieder heil, sprangen herum und spielten fort, als wär‘ ihnen nichts geschehen. Nun war der König voll Freude, und als er die Königin kommen sah, versteckte er den getreuen Johannes und die beiden Kinder in einen großen Schrank. Wie sie hereintrat, sprach er zu ihr: „Hast du gebetet in der Kirche?“ – „Ja“, antwortete sie, „aber ich habe beständig an den treuen Johannes gedacht, dass er so unglücklich durch uns geworden ist.“ Da sprach er: „Liebe Frau, wir können ihm das Leben wiedergeben, aber es kostet uns unsere beiden Söhnlein, die müssen wir opfern.“ Die Königin ward bleich und erschrak im Herzen, doch sprach sie: „Wir sind’s ihm schuldig wegen seiner großen Treue.“ Da freute er sich, dass sie dachte, wie er gedacht hatte, ging hin und schloss den Schrank auf, holte die Kinder und den treuen Johannes heraus und sprach: „Gott sei gelobt, er ist erlöst, und unsere Söhnlein haben wir auch wieder“, und erzählte ihr, wie sich alles zugetragen hatte. Da lebten sie zusammen in Glückseligkeit bis an ihr Ende.