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Der alte Sultan

Gebr. Grimm
Es hatte ein Bauer einen treuen Hund, der Sultan hieß, der war alt geworden, so dass er nichts mehr fest packen konnte. Da stand der Bauer einmal mit seiner Frau im Hofe und sprach: „den alten Sultan schieß ich morgen tot, der ist zu nichts mehr nutz.“ Der Frau tat der Hund leid und sie antwortete: „er hat uns so lange Jahre gedient, dass wir ihm wohl könnten das Gnadenbrot geben.“ „Ei was, sprach der Mann, du bist nicht recht gescheit, er hat keinen Zahn mehr im Maul und kein Dieb fürchtet sich vor ihm; hat er uns gedient, so hat er sein gutes Fressen dafür gekriegt, jetzt taugt er nichts mehr und da kann er abgehn.“

Der Hund, der nicht weit davon lag, hatte alles mit angehört, erschrak und war traurig, dass morgen sein letzter Tag seyn sollte. Nun hatte er einen guten Freund, das war der Wolf, zu dem ging er Abends hinaus in den Wald und erzählte, was ihm für ein Schicksal bevorstehe. „Mach dir keine Sorgen, sprach der Wolf, ich weiß einen guten Rath. Morgen in aller früh geht dein Herr mit seiner Frau ins Heu und sie nehmen ihr kleines Kind mit. Das legen sie bei der Arbeit hinter die Hecke in den Schatten, da leg dich daneben, gleich als wolltest du es bewachen. Dann will ich aus dem Wald kommen und das Kind rauben, du musst mir nachspringen mit allen Kräften, als wolltest du mirs wieder abjagen. Ich lass es fallen und du bringst es wieder, dann glauben sie, du hättest es gerettet und sind viel zu dankbar, dir etwas zu tun; im Gegenteil, du kommst in völlige Gnade und es wird dir an nichts fehlen.“
Der Anschlag gefiel dem Hund und wie er ausgedacht war, so wurde er auch ausgeführt. Der Bauer schrie, wie er den Wolf mit seinem Kind durchs Feld laufen sah, als es aber der alte Sultan wieder zurückbrachte, da war er froh, streichelte ihn und sprach: „dir soll nichts Böses widerfahren, du sollst das Gnadenbrot haben, so lang du lebst.“ Dann sagte er zu seiner Frau: „geh gleich heim und koch dem alten Sultan einen Weckbrei, den braucht er nicht zu beißen und mein Kopfkissen schenk ich ihm auch zu seinem Lager.“ Von nun an hatte es der Sultan so gut, als er sichs nur wünschen konnte. Der Wolf besuchte ihn und freute sich, dass es so wohl gelungen war. „Hör Landsmann, sprach er, du wirst doch ein Aug zudrücken, wenn ich deinem Herrn ein fettes Schaf wegholen kann. Es wird einem heutzutage schwer, sich durchzuschlagen.“ „Nein, antwortete der Hund, meinem Herrn bin ich treu, das kann ich nicht zugeben.“ Der Wolf indessen meinte, das wär kein Ernst und kam in der Nacht, den guten Bissen abzuholen; aber der treue Sultan hatte dem Herrn alles angezeigt, so dass dieser in der Scheuer aufpasste und dem Wolf garstig die Haare kämmte. Der Wolf musste zwar ausreißen, rief aber dem Hund noch zu: „du schlechter Kerl, das soll dir nicht hingehen!“
Am andern Morgen schickte der Wolf das Schwein und ließ den Hund hinaus in den Wald fordern, da wollten sie ihre Sache ausmachen. Der Hund konnte niemand als eine dreibeinige Katze zu seinem Beistand bekommen; als sie nun zusammen hinaus gingen, humpelte die arme Katze daher und streckte dabei den Schwanz vor Schmerzen in die Höhe. Der Wolf und sein Beistand waren schon an Ort und Stelle; aber als sie die Gegenpart daher kommen sahen, meinten sie, er führe einen Säbel mit sich, weil sie den aufgerichteten Schwanz der Katze dafür ansahen, und wenn diese so auf drei Beinen hüpfte, dachten sie nicht anders, als sie höbe jedes Mal einen Stein auf und wollte damit auf sie werfen. Da ward ihnen beiden angst und das wilde Schwein verkroch sich ins Laub und der Wolf sprang auf einen Baum. Der Hund und die Katze, als sie herangekommen waren, wunderten sich, dass niemand sich sehen ließ. Das wilde Schwein aber hatte sich im Laub nicht ganz verstecken können, sondern die Ohren standen noch hervor. Als die Katze nun umher schaute und das Schwein mit den Ohren zwinste, meinte sie, es regte sich da eine Maus, sprang drauf los und biß herzhaft hinein. Da erhob sich das Schwein mit großem Geschrei, sprang fort und rief noch zurück: „dort auf dem Baum, da sitzt der Schuldner.“ Der Hund und die Katze sahen hinauf und erblickten den Wolf, der musste sich schämen, dass er sich so gefürchtet hatte und von dem Hund den Frieden annehmen.

Der Sandmann

Hans-Christian Andersen

In der ganzen Welt gibt es niemand, der so viele Geschichten weiß, wie der Sandmann. Er versteht das Erzählen!

Gegen Abend, wenn die Kinder noch hübsch artig am Tisch oder auf ihrer Hutsche sitzen, kommt der Sandmann. Er kommt leise die Treppe herauf, denn er geht auf Socken; ganz leise öffnet er die Türe und husch! wirft er den Kindern feinen Sand in die Augen, so fein, so fein, aber doch immer genug, dass sie nicht länger die Augen aufzuhalten vermögen. Deshalb sind sie auch nicht im Stande, ihn zu sehen. Er schlüpft gerade hinter sie, bläst ihnen sanft in den Nacken und dann wird ihnen das Köpfchen schwer. O ja, aber es tut ihnen nicht weh, denn der Sandmann meint es mit den Kindern gut. Er verlangt nur, dass sie ruhig sein sollen, und das sind sie am besten, wenn man sie zu Bett bringt. Sie sollen still sein, damit er ihnen Geschichten erzählen kann.
Sobald die Kinder nun schlafen, setzt sich der Sandmann zu ihnen auf das Bett. Er geht stattlich einher, sein Frack ist von Seidenzeug, aber es ist unmöglich, dessen Farben zu bestimmen, denn er schillert grün, rot und blau, je nach welcher Richtung er sich dreht. Unter jedem Arm hält er einen Regenschirm, einen mit Bildern darauf, den er über die Kinder aufspannt, und dann träumen sie die ganze Nacht die herrlichsten Geschichten, und einen ohne irgendeine Zeichnung. Diesen stellt er über die unartigen Kinder, damit sie ganz bewusstlos schlafen. Wenn sie am Morgen aufwachen, haben sie dann nicht das Allermindeste geträumt.
Nun wollen wir hören, wie der Sandmann eine ganze Woche lang je den Abend zu einem kleinen Knaben, der Hjalmar hieß, kam und was er ihm erzählte! Es sind im ganzen sieben Geschichten, weil es sieben Wochentage gibt.

Montag

„Hör einmal!“ sagte der Sandmann am Abend, als er Hjalmar zu Bett gebracht hatte, „nun will ich dir meinen ganzen Staat zeigen!“ Da verwandelten sich alle Blumen in den Blumentöpfen zu großen Bäumen, die ihre langen Zweige unter der Decke hin und die Wände entlang streckten, so dass die ganze Stube wie das herrlichste Lusthaus aussah. Alle Zweige waren voll Blumen und jede Blume war schöner als eine Rose, duftete balsamisch und wollte man sie essen, war sie süßer als Eingemachtes. Die Früchte glänzten gerade wie Gold, und Wecken waren da, die vor lauter Rosinen platzten – es war unvergleichlich schön. Plötzlich aber ließ sich in dem Tischkasten, wo Hjalmars Schulbücher lagen, ein entsetzliches Jammern vernehmen.
„Was ist das nur?“ fragte der Sandmann und ging nach dem Tisch und zog den Kasten aus. Es war die Tafel, in der es zerrte und zupfte, denn es hatte sich eine falsche Zahl in das Rechenexempel eingeschlichen, so dass die Zahlen auseinander laufen wollten. Der Griffel hüpfte und sprang an seiner Schnur, als stellte er einen kleinen Hund vor, der dem Rechenexempel helfen möchte, aber er war es nicht im Stande. Und dann jammerte es auch in Hjalmars Schreibebuch, dass es ordentlich hässlich mit anzuhören war. Auf jeder Seite standen der Länge nach von oben nach unten sämtliche große Buchstaben, ein jeder mit einem kleinen zur Seite einer hinter dem andern. Das bildete die Vorschrift, und neben dieser standen wieder einige Buchstaben, die sich einbildeten ebenso auszusehen, weil sie aus Hjalmars eigener Feder herrührten. Aber 0 weh! sie sahen fast aus, als ob sie über die Linien, auf denen sie doch stehen sollten, gestolpert wären.
„Seht, so solltet ihr euch halten!“ sagte die Vorschrift. „Seht, etwas schräg, aber mit kräftigem Schwung!“
„Oh, wir wollen gern“, sagten Hjalmars Buchstaben, „aber wir können nicht, wir sind so klein und unwissend!“
„Dann sollt ihr Kinderpulver bekommen!“ sagte der Sandmann.
„O nein!“ riefen sie, und dann standen sie mit einem Mal kerzengerade, dass es eine Lust war.
„Heute werden keine Geschichten erzählt!“ sagte der Sandmann. „Jetzt müssen sie üben! Eins, zwei! Eins, zwei!“ Nun übte er mit den Buchstaben, und sie standen so gerade und gesund da, wie nur eine Vorschrift immer stehen kann. Als aber der Sandmann ging, und Hjalmar am Morgen nachlas, da waren sie ebenso jämmerlich wie zuvor.

Dienstag

Sobald Hjalmar im Bett war, benetzte der Sandmann mit seiner kleinen Zauberspritze alle Möbel in der Stube, und sofort begannen sie zu plaudern und plauderten sämtlich von sich selbst, mit Ausnahme des Spucknapfes, der schweigend dastand und sich darüber ärgerte, dass sie so eitel sein konnten, nur von sich zu reden, nur an sich zu denken und sich auch nicht mit einem einzigen Gedanken an den zu erinnern, der doch so bescheiden in der Ecke stand und sich bespeien ließ.
Über der Kommode hing ein großes Gemälde in einem reich vergoldeten Rahmen, das eine Landschaft darstellte. Man sah hohe alte Bäume, Blumen im Gras und ein großes Wasser, durch das ein Fluss hin durchströmte, der sich um den Wald an vielen Schlössern vorüberschlängelte und sich fernab in das wilde Meer ergoss.
Der Sandmann benetzte mit seiner Zauberspritze das Gemälde, und dann begannen die Vögel darauf zu singen, die Baumzweige bewegten sich, und die Wolken flogen so natürlich, dass man ihren Schatten über die Landschaft konnte dahinschweben sehen.
Nun hob der Sandmann den kleinen Hjalmar so hoch, dass er seine Füße in den Rahmen hineinstellen konnte und zwar gerade in das hohe Gras. Da stand er nun. Die Sonne schien durch die Zweige auf ihn hernieder. Er lief hin an das Wasser und setzte sich in ein kleines Boot, das da lag. Es war rot und weiß angestrichen, die Segel leuchteten wie Silber und sechs Schwäne, alle mit goldenen Kronen, die vom Halse herniederhingen, und einem strahlenden blauen Sterne auf dem Kopfe, zogen das Boot an dem grünen Walde vorüber, wo die Bäume von Räubern und Hexen und die Blumen von den niedlichen kleinen Elfen und von dem erzählten, was ihnen die Schmetterlinge zugeflüstert hatten.
Die prächtigsten Fische mit silbernen und goldenen Schuppen schwammen hinter dem Boot her; bisweilen schnellten sie sich über das Wasser empor, dass es plätscherte, und Vögel, rote und blaue, kleine und große, flogen in zwei langen Reihen hinten nach, die Mücken tanzten und die Maikäfer brummten. Alle wollten Hjalmar folgen und jeder hatte eine Geschichte zu erzählen.
Das war allerdings eine Segelfahrt, wie sie sein musste! Bald waren die Wälder dicht und dunkel, bald waren sie wie der herrlichste Park mit Sonnenschein und Blumen, und große Schlösser aus Gras und Marmor lagen darin. Auf den Altanen standen Prinzessinnen, und alle waren kleine Mädchen, die Hjalmar recht wohl kannte, denn er hatte schon früher mit ihnen gespielt. Sie streckten die Hand aus und jede hielt ihm das reizendste Zuckerwerk hin, das nur je eine Kuchenfrau verkaufen konnte, und Hjalmar ergriff beim Vorübersegeln das eine Ende des Stücks Zuckerwerk und die Prinzessin hielt recht fest, so dass jedes seinen Teil erhielt, sie den kleinsten, Hjalmar den allergrößten. Bei jedem Schloss standen kleine Prinzen Schildwache. Sie schulterten goldene Säbel und ließen Rosinen und Zinnsoldaten regnen. Das waren wirkliche Prinzen!
Bald segelte Hjalmar durch Wälder, bald gerade durch große Säle oder mitten durch eine Stadt. Er kam auch durch diejenige, in der sein Kindermädchen wohnte, das gute Mädchen, das ihn getragen hatte, als er ein ganz kleiner Knabe war, und das ihn so lieb gehabt. Es nickte und winkte und sang den niedlichen Vers, den es selbst gedichtet und Hjal mar gesandt hatte:

Ich denke dein in mancher Stund‘,
Du süßes Kind, du Liebling mein!
Ich hab‘ geküsst dir deinen Mund,
Die Stirne, Wangen, rot und fein!
Dein erstes Wort vernahm mein Ohr!
Doch musst‘ ich fort, vergiß mein nicht!
Gott segne dich, den ich verlor,
Du Engel aus des Herren Licht!

Und alle Vögel sangen mit, die Blumen tanzten auf ihren Stengeln und die alten Bäume nickten, als ob der Sandmann auch ihnen Geschichten erzählte.

Mittwoch

Nein, wie der Regen herniederströmte! Hjalmar konnte es im Schlaf hören, und als der Sandmann ein Fenster öffnete, stand das Wasser gerade bis an das Fenster hinauf. Ein ganzer See wälzte sich schon da draußen, und das prächtigste Schiff lag hart vor dem Haus.
„Willst du mitsegeln, kleiner Hjalmar?“ fragte der Sandmann, „dann kannst du heute Nacht nach fremden Ländern reisen und morgen doch wieder hier sein!“
Im Nu stand da Hjalmar in seinen Sonntagskleidern mitten auf dem prächtigsten Schiff, und sofort heiterte sich das Wetter auf, und sie segelten durch die Straßen, kreuzten um die Kirche, und nun war alles eine große, wilde See. Sie segelten so lange, bis kein Land mehr zu er blicken war. Sie bemerkten auch eine Schar Störche, die gleichfalls die Heimat verlassen hatten und nach den warmen Ländern wollten. Ein Storch flog dicht hinter dem anderen und sie waren schon weit, weit geflogen. Einer war so müde, dass ihn seine Flügel kaum noch länger zu tragen vermochten. Er war der allerletzte in der Reihe und bald blieb er eine große Strecke zurück, endlich sank er mit ausgebreiteten Schwingen niedriger und niedriger, machte noch ein paar Flügelschläge, aber es half nichts. Jetzt berührte er mit seinen Füßen das Tauwerk des Schiffes, glitt das Segel hinunter und bums! da stand er auf dem Verdekke.
Da nahm ihn der Schiffsjunge und sperrte ihn in das Hühnerhaus zu den Hühnern, Enten und Truthähnen. Der arme Storch stand ganz ein geschüchtert mitten unter ihnen.
„Seht ihr den nicht?“ gackerten alle Hühner.
Der kalekutische Hahn blies sich aus Leibeskräften auf und fragte ihn, wer er wäre? Die Enten gingen rückwärts und stießen einander an:
„Spute dich, spute dich!“
Der Storch erzählte von dem warmen Afrika, von den Pyramiden und dem Strauß, der wie ein wildes Pferd durch die Wüste dahinstürmte, aber die Enten verstanden nicht, was er sagte, und darum stießen sie einander an: „Wir sind wohl einig darüber, dass er dumm ist?“
„Ja, er ist sicherlich dumm!“ sagte der kalekutische Hahn und kollerte dann. Da schwieg der Storch ganz still und dachte an sein Afrika.
„Für dünne Beine sind die Eurigen ganz hübsch!“ spottete der kalekutische Hahn. „Was kostet die Elle von ihnen?“
„Ha, ha, ha, ha!“ grinsten alle Enten, aber der Storch tat, als ob er es gar nicht hörte.
„Ihr dürft dreist mitlachen!“ sagte der kalekutische Hahn, „denn es steckt in Wahrheit viel Witz in meinen Worten; oder kamen sie Euch vielleicht zu seicht vor? Ja, ja, er ist nicht vielseitig. Wir wollen unsere Scherze für uns allein behalten!“ Und dann gluckten die Hühner, und die Enten schnatterten: „Gikgak! Gikgak!“ Es war schrecklich, wie lustig sie ihre eigenen Späße fanden.
Aber Hjalmar ging hin zum Hühnerhaus, öffnete die Tür, rief den Storch und dieser hüpfte auf das Verdeck zu ihm hinaus. Nun hatte er sich ausgeruht, und es war gerade, als ob er Hjalmar zunickte, um sich bei ihm zu bedanken. Darauf breitete er seine Schwingen aus und flog nach den warmen Ländern, aber die Hühner gluckten, die Enten schnatterten und der kalekutische Hahn wurde ganz rot am Kopf.
,,Morgen wollen wir Suppe von euch kochen!“ sagte Hjalmar‘ und da erwachte er und lag in seinem Bettchen. Es war doch eine merkwürdige Reise, die der Sandmann ihn diese Nacht hatte machen lassen.

Donnerstag

„Weißt du was?“ sagte der Sandmann‘ „fürchte dich nur nicht; hier wirst du eine kleine Maus gewahren!“ und dabei hielt er ihm seine Hand mit dem leichten, niedlichen Tierchen hin. „Sie ist gekommen, dich zur Hochzeit einzuladen. Hier sind zwei Mäuschen, die heute Nacht in den Ehestand treten wollen. Sie wohnen unter dem Fußboden in deiner Mutter Speisekammer.“
„Aber wie kann ich mich durch das kleine Mäuseloch im Fußboden hindurchdrängen?“ fragte Hjalmar.
„Lass mich nur machen!“ versetzte der Sandmann. „Ich will dich schon klein genug bekommen!“ Darauf benetzte er Hjalmar mit seitier Zauberspritze, der nun sofort kleiner und kleiner wurde, bis er zuletzt nur fingergroß war. „Nun kannst du dir vom Zinnsoldaten die Kleider borgen, ich denke, sie werden dir jetzt schon passen, und es nimmt sich gut aus, sich in Gesellschaft in Uniform zu zeigen.“
„Jawohl!“ sagte Hjalmar‘ und dann war er im Augenblick wie der niedlichste Zinnsoldat angekleidet.
„Wollen Sie nicht so freundlich sein, sich in Ihrer Frau Mutter Fingerhut zu setzen?“ sagte die kleine Maus, „dann werde ich die Ehre haben, Sie zu ziehen!“
„0 Himmel! Will sich das Fräulein vielleicht selbst bemühen!“ sagte Hjalmar, und so fuhren sie zur Mäusehochzeit.
Zuerst gelangten sie in einen weitläufigen Gang unter dem Fußboden, der nicht höher war, als dass sie ohne anzustoßen mit dem Fingerhut darin fahren konnten, und der ganze Gang war mit faulem Holz er leuchtet.
„Riecht es hier nicht prächtig?“ sagte die Maus, die ihn zog, „der ganze Gang ist mit Speckschwarten eingerieben! Es kann nichts Vortrefflicheres geben!“
Nun kamen sie in den Brautsaal hinein; hier standen zur Rechten alle die kleinen Mäusefräulein, und die zischelten und tuschelten, als ob sie sich über einander lustig machten. Zur Linken standen alle jungen Mäuseherren und strichen sich mit der Pfote den Schnauzbart; aber mitten im Kreis erblickte man das Brautpaar. Sie standen in einer aus gehöhlten Käserinde und küssten sich vor aller Augen ganz erschrecklich viel, denn sie waren ja nun Verlobte und sollten gleich Hochzeit halten.
Immer mehr und mehr Fremde erschienen; es fehlte nicht viel, so hätten die Mäuse einander totgetreten; dazu hatte sich das Brautpaar mitten in die Tür gestellt, so dass man weder hinein noch hinaus gelangen konnte. Wie der Gang, so war auch das ganze Zimmer mit Speck schwarten eingerieben; das war die ganze Bewirtung; indes wurde zum Nachtisch eine Erbse vorgewiesen, in die eine kleine Maus aus der Familie die Namen des Brautpaares hineingebissen, d.h. die ersten Buchstaben. Es war etwas ganz Außerordentliches.
Alle Mäuse versicherten, es wäre eine ausgezeichnete Hochzeit und die Unterhaltung wäre sehr angeregt gewesen.
Dann fuhr Hjalmar wieder nach Hause. Er war zwar in vornehmer Gesellschaft gewesen, hatte aber auch gehörig zusammenkriechen, sich klein machen und in Zinnsoldaten-Uniform erscheinen müssen.

Freitag

„Es ist unglaublich, wie viele ältere Leute es gibt, die mich gernhaben und festhalten möchten!“ sagte der Sandmann. „Es sind vorzüglich diejenigen, die etwas Böses getan haben. „Guter, lieber Schlaf!“‚ sagen sie zu mir, „kein Schlaf kommt in unsere Augen, und so liegen wir denn die ganze Nacht und sehen alle unsere schlechten Taten, die, wie kleine Kobolde, auf der Kante der Bettstelle sitzen und uns über und über mit heißem Wasser bespritzen. Komm doch und verjage sie, damit wir ein mal recht fest schlafen können.‘ Dann setzen sie tief aufseufzend hinzu:
Wir wollen es gewiss gern bezahlen. Gute Nacht! Das Geld für dich liegt im Fenster!‘ Aber für Geld tue ich es nicht!“ sagte der Sandmann.
„Was werden wir denn diese Nacht unternehmen?“ fragte Hjalmar.
„Ich weiß nicht, ob du heute Nacht wieder Lust hast eine Hochzeit mitzumachen. Sie ist freilich anderer Art als die gestrige. Deiner Schwester große Puppe, die, welche wie ein Mann aussieht und Hermann heißt, soll sich mit der Puppe Berta verheiraten, und da außerdem deren Geburtstag ist, wird es an Geschenken nicht fehlen.“
„Ja, das kenne ich schon!“ sagte Hjalmar, „sobald die Puppen neue Kleider gebrauchen, lässt sie meine Schwester ihren Geburtstag feiern oder Hochzeit halten. Das ist gewiss schon hundert Mal geschehen!“
„Ja, aber heute Nacht ist die hundert und erste Hochzeit, und wenn die hundert und erste aus ist, dann ist alles vorüber. Deshalb wird sie auch so unvergleichlich schön. Sieh einmal!“
Hjalmar sah nach dem Tische. Auf ihm stand das kleine Puppenhaus mit dem Licht in den Fenstern, und alle Zinnsoldaten präsentierten vor der Tür das Gewehr. Das Brautpaar saß, gegen einen Tischfuß gelehnt, ganz gedankenvoll da, und dazu hatte es auch Grund genug. Aber der Sandmann angetan mit der Großmutter schwarzem Rock, vollzog die Trauung. Nach deren Beendigung stimmten alle Möbel in der Stube folgendes Lied an, das der Bleistift gedichtet hatte. Es ging nach der Melodie des Zapfenstreichs:

Es brause unser Lied empor
Für’s teure Paar in hellem Chor.
Sie stehen beide wie ein Pflock‘
Denn Handschuhleder ist ihr Rock!
Hurrah! Hurrah! dem steifen Paar,
Das unsrer Stube Stolz stets war!:,:

Und nun überreichte man ihnen Geschenke, doch hatten sie sich alle Esswaren verbeten, denn sie hatten an ihrer Liebe genug.
„Wollen wir nun das Landleben genießen, oder eine Hochzeitsreise antreten?“ fragte der Bräutigam. Darauf wurde die Schwalbe, die sich in vielen Ländern umgesehen, und die alte Hofhenne, die fünfmal Küchlein ausgebrütet hatte, zu Rate gezogen. Die Schwalbe erzählte von den schönen, warmen Ländern, wo die Weintrauben groß und schwer an den Stöcken hängen, wo die Luft so mild wäre und die Berge Farben hätten, wie man sie hier zu Lande niemals sieht.
„Es fehlt ihnen aber doch unser Grünkohl!“ sagte die Henne. „Ich brachte einen Sommer mit allen meinen Küchlein auf dem Lande zu. Dort war eine Sandgrube, in der wir umhergehen und scharren konnten. Auch hatten wir Zutritt zu einem Garten mit Grünkohl! 0 wie grün der war! Ich kann mir nichts Schöneres denken!“
„Aber ein Kohlkopf sieht wie der andere aus“, sagte die Schwalbe, „und dann herrscht hier oft so unangenehme Witterung!“
„Oh, daran hat man sich schon gewöhnt!“ sagte die Henne.
„Aber hier ist es kalt, es friert!“
„Das ist für den Kohl gerade dienlich!“ sagte die Henne. „Übrigens kann es auch bei uns sehr warm sein. Hatten wir nicht vor vier Jahren einen Sommer, wo fünf Wochen lang eine solche Hitze war, dass man kaum atmen konnte? Dann leben aber bei uns auch keine giftigen Tiere, wie in jenen Ländern, und wir sind frei von Räubern! Ein Bösewicht muss der sein, der unser Land nicht für das schönste hält! Er verdiente wahrlich nicht, hier zu weilen!“ Weinend unterbrach sich die Henne und setzte dann schluchzend hinzu: „Auch ich bin gereist! Ich bin ein mal in einem Korbe über zwölf Meilen weit gefahren! Das Reisen gewährt schlechterdings kein Vergnügen!“
„Ja, die Henne ist eine vernünftige Frau!“ sagte die Puppe Berta. „Ich halte nichts davon, eine Gebirgsreise zu unternehmen, denn kaum ist man oben, so geht es gleich wieder hinunter! Nein, wir wollen hübsch nach der Sandgrube hinausziehen und uns im Kohlgarten ergehen!“
Und dabei blieb es!

Sonnabend

„Erzählst du mir nun Geschichten?“ fragte der kleine Hjalmar‘ sobald ihn der Sandmann zu Bett gebracht hatte.
„Heute Abend haben wir nicht Zeit dazu“, sagte der Sandmann und spannte seinen schönen Regenschirm über ihn auf. „Sieh nur diese Chinesen an!“ Der ganze Schirm glich einer großen chinesischen Schale mit blauen Bäumen und spitzen Brücken und kleinen Chinesen darauf, die dastanden und mit dem Kopfe nickten. „Wir müssen bis morgen die ganze Welt schön aufgeputzt haben“, sagte der Sandmann‘ „es ist dann ja ein heiliger Tag, es ist Sonntag. Ich will auf den Kirchturm steigen, um nachzusehen, ob die kleinen Kirchengeister die Glocken putzen, da mit ihr Geläute schön klingt. Auch will ich auf das Feld hinaus und untersuchen, ob die Winde den Staub von den Gräsern und Blättern blasen, und was die allerschwierigste Arbeit ist, ich will alle Sterne herunterholen, um sie aufzupolieren. Ich nehme sie in meine Schürze, aber erst müssen sie nummeriert werden und ebenso die Löcher, in denen sie da oben sitzen, damit sie ihren rechten Platz wieder erhalten können, sonst würden sie nicht festsitzen und wir bekämen zu viele Sternschnuppen, wenn einer nach dem andern herabpurzelte!“
„Hören Sie, wissen Sie was, Herr Sandmann!“ begann ein altes Porträt, das an der Wand hing, an der Hjalmar schlief, „ich bin Hjalmars Urgroßvater. Ich danke Ihnen zwar, dass Sie dem Knaben Geschichten erzählen, aber sie dürfen doch seine Begriffe nicht verwirren. Die Sterne können nicht heruntergeholt und geputzt werden! Die Sterne sind Weltkörper, gerade so wie unsere Erde, und das ist eben das Gute an ihnen.
„Besten Dank, du alter Urgroßvater!“ sagte der Sandmann, „besten Dank! Du bist ja das Haupt der Familie, du bist das Urhaupt! Aber ich bin älter als du. Ich bin ein alter Heide. Die Römer und Griechen nannten mich den Traumgott. Ich bin in die vornehmsten Häuser gekommen und komme noch hinein. Ich verstehe mit Niedrigen wie mit Großen umzugehen! Nun kannst du statt meiner erzählen!“ Nach diesen Worten verließ der Sandmann das Zimmer und nahm seinen Schirm mit.
„Nun darf man wohl seine Meinung nicht mehr sagen!“ sagte das alte Porträt.
Und da erwachte Hjalmar.

Sonntag

„Guten Abend!“ sagte der Sandmann, und Hjalmar nickte, sprang aber dann schnell hin und wandte des Urgroßvaters Porträt gegen die Wand um, damit er nicht wie gestern mitplaudern könnte.
„Nun musst du mir Geschichten erzählen: von den fünf grünen Erbsen, die in einer Schote wohnten, von Hahnenfuß, der Hennenfuß den Hof machte, und von der Stopfnadel, deren Spitze so fein war, dass sie sich einbildete, eine Nähnadel zu sein!“
„Man kann auch des Guten zu viel bekommen!“ sagte der Sandmann. „Ich zeige dir am liebsten etwas, wie du weißt! Ich will dir meinen Bruder zeigen, der auch Schlaf bringt, aber er kommt zu niemand öfter als ein Mal. Tritt er zu jemand heran, so nimmt er ihn mit auf sein Pferd und erzählt ihm Geschichten. Er weiß nur zwei, die eine ist so unvergleichlich schön, wie sich niemand in der Welt vorstellen kann; und die andere ist über alle Beschreibung hässlich und abscheulich!“ Darauf hob der Sandmann den kleinen Hjalmar zum Fenster empor und sagte:
„Dort wirst du meinen Bruder sehen, den sie auch den Tod nennen. Siehst du, er sieht gar nicht so schlimm wie in den Bilderbüchern aus, wo man ihn immer als Knochengerippe malt! Nein, sein Rock ist mit Silberstickerei verziert, er trägt eine stattliche Husarenuniform; ein Mantel von schwarzem Samt flattert bis über das Pferd hinaus! Sieh, wie er im Galopp dahinjagt!“
Und Hjalmar sah, wie der Tod vorwärtseilte und junge wie alte Leute auf sein Pferd nahm; einige setzte er vorn, andere hinten auf, aber immer fragte er erst: „Wie steht es mit dem Zensurbuch?“ – „Gut!“ sagten sie alle. „Ja, lass mich nur selbst sehen!“ erwiderte er, und dann mussten sie ihm das Buch zeigen. Alle nun, die „Sehr gut“ und „Ausgezeichnet“ hatten, kamen vorn auf das Pferd und ihnen erzählte er die herrliche Geschichte; doch diejenigen, die „Ziemlich gut“ und „Mittelmäßig“ hatten, mussten hinten auf und die hässliche Geschichte mit anhören. Sie schauderten und weinten, sie wollten vom Pferd springen, vermochten es aber nicht, denn sie waren sofort fest an demselben angewachsen.
„Aber der Tod ist ja der herrlichste Sandmann!“ sagte Hjalmar‘ „vor ihm fürchte ich mich gar nicht!“
„Das sollst du auch nicht!“ sagte der Sandmann, „siehe nur zu, dass du ein gutes Sittenzeugnis erhältst!“
„Ja, das ist lehrreich!“ murmelte des Urgroßvaters Porträt. „Es hilft doch, wenn man seine Meinung sagt!“ und dann freute er sich.
Sieh, das ist die Geschichte vom Sandmann! Nun mag er dir selbst heute Abend mehr erzählen.

Der kleine Tuk

Hans Christian Andersen

Nun kam seine Mutter, die fortgewesen war, heim und nahm ihm die kleine Gustave ab. Tuk lief ans Fenster und las, dass er sich fast die Augen ausgelesen hätte; denn es war schon am Dunkelwerden und die Nacht rückte näher und näher. Aber die Mutter hatte nicht die Mittel, Licht zu kaufen.

„Dort geht die alte Waschfrau aus der Gasse drüben“ sagte die Mutter, indem sie aus dem Fenster sah. „Sie kann sich kaum selbst schleppen und muss doch den Eimer vom Brunnen tragen. Spring Du hinaus, kleiner Tuk, sei ein braver Junge und hilf der alten Frau!“

Tuk sprang gleich hinaus und half. Als er jedoch wieder nachhause kam, war es ganz dunkel geworden; von Licht war keine Rede und er sollte ins Bett. Das war eine alte Schlafbank. Darauf lag er nun und dachte an seine Geographieaufgabe, an Seeland und an alles, was der Lehrer erzählt hatte. Er hätte es freilich lernen müssen, aber das konnte er ja nun nicht. Da steckte er das Geographiebuch unter das Kopfkissen, denn er hatte gehört, dass dies das Behalten seiner Aufgabe bedeutend erleichtern solle. Doch darauf ist kein Verlass.

Da lag er nun und dachte und dachte, und da war es ihm auf einmal, als ob jemand ihn auf Augen und Mund küsse. Er schlief und schlief doch wieder nicht. Ihm war, als sehe er der alten Waschfrau freundliche Augen auf sich niederschauen, und sie sagte: „Es wäre eine große Schande, wenn Du Deine Aufgabe nicht könntest. Du hast mir geholfen, nun werde ich Dir helfen, und der liebe Gott wird es immer tun.“

Und auf einmal kribbelte und krabbelte das Buch unter dem Kopfe des kleinen Tuk.

„Kikeriki put, put.“ Das war ein Huhn, das hereinspazierte; es kam aus der Stadt Kjöge. „Ich bin eins von den Hühnern aus Kjöge.“ Und dann nannte es die Anzahl der Einwohner und sprach von der Schlacht, die dort geschlagen worden sei, aber das wäre nichts besonderes.

„Kribbel, krabbe!, bums“ da fiel einer. Es war ein Vogel aus Holz, der nun heranmarschierte. Das war der Papagei vom Vogelschießen in Praestö. Er sagte, es wären dort so viele Einwohner, wie er Nägel im Leibe habe; und dann war er auch etwas stolz darauf, dass Torwaldsen an der Ecke bei ihm gewohnt habe. „Bums, ich liege herrlich!“

Aber der kleine Tuk lag nicht. Er saß auf einmal zu Pferde. Im Galopp, im Galopp ging es. Ein prächtig gekleideter Ritter mit leuchtendem Helm und wehendem Federbusch hatte ihn vor sich auf dem Pferde. Sie ritten durch den Wald zu der alten Stadt Vordingborg. Das war eine große Stadt voller Leben. Hohe Türme prangten auf der Königsburg, und die Lichter glänzten weit durch die Fenster hinaus. Drinnen war Gesang und Tanz. König Waldemar schritt zum Tanze und mit ihm die geputzten jungen Hofdamen. – Es wurde Morgen, und sobald die Sonne aufging, versank die Stadt und des Königs Schloss; ein Turm nach dem anderen verschwand, zuletzt stand nur noch ein einziger auf der Höhe, wo das Schloss gestanden hatte, und die Stadt war klein und ärmlich geworden. Und es kamen Schuljungen mit ihren Büchern unter dem Arm und sagten: „Zweitausend Einwohner.“ Aber das stimmte nicht, so viele waren es nicht.

Und der kleine Tuk lag in seinem Bett; ihm war, als ob er träumte und doch nicht träumte. Aber jemand stand ganz dicht bei ihm.

„Kleiner Tuk! Kleiner Tuk!“ sagte es. Es war ein Seemann, eine ganz kleine Person, als sei er nur ein Kadett; aber es war kein Kadett. „Ich soll Dich vielmals grüßen von Korsör; das ist eine Stadt, die im Aufblühen ist, eine lebhafte Stadt, die Dampfschiffe und Postwagen hat. Früher hatte sie den Ruf, hässlich zu sein, aber das ist eine veraltete Meinung. – Ich liege am Meere, sagt Korsör; ich habe Landstraßen und Lusthaine, und ich habe einen Dichter geboren, der lustig ist; das sind nicht alle. Ich habe ein Schiff rings um die Welt fahren lassen wollen; ich tat es dann zwar nicht, hätte es aber tun können. Und dann rieche ich so herrlich; dicht am Tore blühen die schönsten Rosen!“

Der kleine Tuk sah sie, es wurde ihm rot und grün vor Augen; aber als wieder Ruhe in das Farbengewirr kam, war es ein waldbewachsener Abhang dicht am klaren Meerbusen. Oben darüber lag eine prächtige, alte Kirche mit zwei hohen, spitzen Kirchtürmen. Von dem Abhange sprudelten Quellen in dicken Wasserstrahlen herab und plätscherten lustig. Dicht dabei saß ein alter König mit einer goldenen Krone auf dem langen Haar; das war König Hroar bei den Quellen. Es war die Stadt Roselinde, wie man sie nun heißt. Und über den Abhang hin in die alte Kirche hinein schritten alle Könige und Königinnen Dänemarks Hand in Hand, alle mit ihren goldenen Kronen auf dem Kopfe, und die Orgel spielte und die Quellen rieselten. Der kleine Tuk sah alles und hörte alles. „Vergiss nicht die Stände!“ sagte König Hroar.

Mit einem Male war alles wieder verschwunden; ja, wo war es geblieben? Es war gerade, als ob man ein Blatt im Buche umwendet. Und nun stand eine alte Frau da; das war eine Jäterin, die aus Sorö kam, wo das Gras auf dem Markte wächst. Sie hatte ihre graue Linnen Schürze über Kopf und Rücken hängen, die war so nass; es musste geregnet haben. „Ja, das hat es“ sagte sie, und dann erzählte sie allerlei Lustiges aus Holbergs Komödien und wusste auch etwas über Waldemar und Absalon. Plötzlich aber schrumpfte sie zusammen, wackelte mit dem Kopfe und tat, als ob sie springen wolle: „Koax!“ sagte sie; „es ist nass, es ist nass, man schläft gut und still wie im Grabe in Sorö!“ Mit einem Male war sie ein Frosch, „koax“ und dann war sie wieder die alte Frau. „Man muss sich nach dem Wetter kleiden!“ sagte sie. „Es ist nass, es ist nass. Meine Stadt ist grade wie eine Flasche; man muss beim Pfropfen hinein, und da muss man auch wieder heraus! Früher habe ich Fische im Grund meiner Flasche gehabt; jetzt habe ich rotbäckige Knaben da. Bei mir lernen sie Weisheit: Griechisch! Griechisch! Hebräisch! Koax!“ Es klang gerade wie Froschgequak, oder wenn man mit großen Stiefeln in einem Sumpf geht. Es war immer derselbe Ton, so einförmig, so langweilig, so furchtbar langweilig, dass der kleine Tuk in einen tiefen Schlaf fiel, und der tat ihm not.

Aber auch in diesen Schlaf schlich sich ein Traum, oder was es sonst war. Seine kleine Schwester Gustave mit den blauen Augen und dem blonden, lockigen Haar war auf einmal ein erwachsenes, schönes Mädchen und konnte, ohne Schwingen zu haben, fliegen. Und sie flogen über das ganze Seeland, über die grünen Wälder und das blaue Wasser dahin.

Hörst Du den Hahnenschrei, kleiner Tuk? Kikeriki. Die Hühner fliegen aus der Stadt Kjöge auf. Du bekommst einen Hühnerhof, so groß, so groß! Du wirst nicht Hunger, nicht Not leiden! Den Vogel sollst Du abschießen, wie man so sagt. Du wirst ein reicher und glücklicher Mann. Dein Haus soll prangen wie König Waldemars Turm, und reich wird er gebaut werden, mit Statuen aus Marmor, wie die von der Ecke in Prästö, Du verstehst mich wohl. Dein Name wird voller Ruhm durch die Welt fliegen, wie das Schiff, das von Korsör hätte ausgehen sollen, und in Roselinde – „Denk an die Stände!“ sagte König Hroar – da wirst Du gut und klug reden, kleiner Tuk! Und wenn Du dann einmal in Dein Grab kommst, dann wirst Du so stille schlafen“, „als läge ich in Sorö!“ sagte Tuk, und dann erwachte er. Es war heller Morgen, und er konnte sich nicht im mindesten mehr auf seinen Traum besinnen; aber das sollte er auch nicht, denn man darf nicht wissen, was die Zukunft bringen wird.

Und er sprang aus dem Bette und las in seinem Buche, da konnte er seine Aufgabe sogleich. Und die alte Waschfrau steckte den Kopf zur Türe herein, nickte ihm zu und sagte:

„Schönen Dank für Deine Hilfe gestern, du gutes Kind. Der liebe Gott lasse Deinen schönsten Traum in Erfüllung gehen!“

Der kleine Tuk wusste gar nicht mehr, was er geträumt hatte, aber sieh, der liebe Gott wusste es.

König Drosselbart

Gebr. Grimm

Ein König hatte eine Tochter, die war über alle Maßen schön, aber dabei so stolz und übermütig, dass ihr kein Freier gut genug war. Sie wies einen nach dem andern ab und trieb noch dazu Spott mit ihnen. Einmal ließ der König ein großes Fest anstellen und lud dazu aus der Nähe und Ferne die heiranlustigen Männer ein. Sie wurden alle in eine Reihe nach Rang und Stand geordnet: erst kamen die Könige, dann die Herzöge, die Fürsten, Grafen und Freiherren, zuletzt die Edelleute. Nun wurde die Königstochter durch die Reihen geführt, aber an jedem hatte sie etwas auszusetzen. Der eine war ihr zu dick: „Das Weinfass!“ sprach sie. Der andere zu lang: „Lang und schwank hat keinen Gang!“ Der dritte zu kurz: „Kurz und dick hat kein Geschick!“ Der vierte zu blass: „Der bleiche Tod!“ Der fünfte zu rot: „Der Zinshahn!“ Der sechste war nicht gerade genug: „Grünes Holz, hinterm Ofen getrocknet!“ Und so hatte sie an einem jeden etwas auszusetzen, besonders aber machte sie sich über einen guten König lustig, der ganz oben stand und dem das Kinn ein wenig krumm gewachsen war. „Ei“, rief sie und lachte, „der hat ein Kinn wie die Drossel einen Schnabel!“ und seit der Zeit bekam er den Namen D r o s s e l b a r t – Der alte König aber, als er sah, dass seine Tochter nichts tat als über die Leute spotten, und alle Freier, die da versammelt waren, verschmähte, ward er zornig und schwur, sie sollte den ersten besten Bettler zum Manne nehmen, der vor seine Türe käme.

Ein paar Tage darauf hob ein Spielmann an, unter dem Fenster zu singen, um damit ein geringes Almosen zu verdienen. Als es der König hörte, sprach er: „Lasst ihn heraufkommen!“ Da trat der Spielmann in seinen schmutzigen, zerlumpten Kleidern herein, sang vor dem König und seiner Tochter und bat, als er fertig war, um eine milde Gabe. Der König sprach: „Dein Gesang hat mir so wohl gefallen, dass ich dir meine Tochter da zur Frau geben will.“ Die Königstochter erschrak, aber der König sagte: „Ich habe den Eid getan, dich dem ersten besten Bettelmann zu geben; den will ich auch halten.“ Es half keine Einrede, der Pfarrer wurde geholt, und sie musste sich gleich mit dem Spielmann trauen lassen. Als das geschehen war, sprach der König: „Nun schickt sich’s nicht, dass du als ein Bettelweib noch länger in meinem Schlosse bleibst, du kannst nun mit deinem Manne fortziehen.“ Der Bettelmann führte sie an der Hand hinaus, und sie musste mit ihm zu Fuß fortgehen. Als sie in einen großen Wald kamen, da fragte sie:

„Ach, wem gehört der schöne Wald?“ –

„Der gehört dem König Drosselbart;

Hätt’st du’n genommen, so wär‘ er dein.“ –

„Ich arme Jungfer zart,

Ach, hätt‘ ich genommen den König Drosselbart!“

Darauf kamen sie über eine Wiese, da fragte sie wieder:

„Wem gehört die schöne, grüne Wiese?“ –

„Sie gehört dem König Drosselbart;

Hätt’st du’n genommen, so wär‘ sie dein.“ –

„Ich arme Jungfer zart,

Ach, hätt‘ ich genommen den König Drosselbart!“

Dann kamen sie durch eine große Stadt, da fragte sie wieder:

„Wem gehört diese schöne, große Stadt?“ –

„Sie gehört dem König Drosselbart;

Hätt’st du’n genommen, so wär‘ sie dein.“ –

„Ich arme Jungfer zart,

Ach, hätt‘ ich genommen den König Drosselbart!“

„Es gefällt mir gar nicht“, sprach der Spielmann, „dass du dir immer einen andern zum Mann wünschest; bin ich dir nicht gut genug?“ Endlich kamen sie an ein kleines Häuschen, da sprach sie:

„Ach Gott, was ist das Haus so klein!

Wem mag das elende, winzige Häuschen sein?“

Der Spielmann antwortete: „Das ist mein und dein Haus, wo wir zusammen wohnen.“ Sie musste sich bücken, damit sie zu der niedrigen Tür hineinkam. „Wo sind die Diener?“ sprach die Königstochter. “ Was Diener!“ antwortete der Bettelmann, „du musst selber tun, was du getan haben willst. Mach‘ nur gleich Feuer an und stell‘ Wasser auf, dass du mir mein Essen kochst; ich bin ganz müde.“ Die Königstochter verstand aber nichts vom Feuermachen und Kochen, und der Bettelmann musste selber mit Hand anlegen, dass es noch so leidlich ging. Als sie die schmale Kost verzehrt hatten, legten sie sich zu Bett; aber am Morgen trieb er sie schon ganz früh heraus, weil sie das Haus besorgen sollte. Ein paar Tage lebten sie auf diese Art schlecht und recht und zehrten ihren Vorrat auf. Da sprach der Mann: „Frau, so geht’s nicht länger, dass wir hier zehren und nichts verdienen. Du sollst Körbe flechten.“ Er ging aus, schnitt Weiden und brachte sie heim. Da fing sie an zu flechten, aber die harten Weiden stachen ihr die zarten Hände wund. „Ich sehe, das geht nicht“, sprach der Mann, „spinn‘ lieber, vielleicht kannst du das besser.“ Sie setzte sich hin und versuchte zu spinnen, aber der harte Faden schnitt ihr bald in die weichen Finger, dass das Blut daran herunterlief. „Siehst du“, sprach der Mann, „du taugst zu keiner Arbeit, mit dir bin ich schlimm angekommen. Nun will ich’s versuchen und einen Handel mit Töpfen und irdenem Geschirr anfangen; du sollst dich auf den Markt setzen und die Ware feilhalten.“ – „Ach“, dachte sie, „wenn auf den Markt Leute aus meines Vaters Reich kommen und sehen mich da sitzen, wie werden sie mich verspotten!“ Aber es half nichts, sie musste sich fügen, wenn sie nicht Hungers sterben wollten. Das erste Mal ging’s gut; denn die Leute kauften der Frau, weil sie schön war, gern ihre Ware ab und bezahlten, was sie forderte; ja, viele gaben ihr das Geld und ließen ihr die Töpfe noch dazu. Nun lebten sie von dem Erworbenen, solang es dauerte, da handelte der Mann wieder eine Menge neues Geschirr ein. Sie setzte sich damit an eine Ecke des Marktes, stellte es um sich her und hielt feil. Da kam plötzlich ein trunkener Husar dahergejagt und ritt geradezu in die Töpfe hinein, dass alles in tausend Scherben zersprang. Sie fing an zu weinen und wusste vor Angst nicht, was sie anfangen sollte. „Ach, wie wird mir’s ergehen!“ rief sie, „was wird mein Mann dazu sagen!“ Sie lief heim und erzählte ihm das Unglück.“ Wer setzt sich auch an die Ecke des Marktes mit irdenem Geschirr!“ sprach der Mann; „lass‘ nur das Weinen, ich sehe wohl, du bist zu keiner ordentlichen Arbeit zu gebrauchen. Da bin ich in unseres Königs Schloss gewesen und habe gefragt, ob sie nicht eine Küchenmagd brauchen könnten, und sie haben mir versprochen, sie wollten dich dazu nehmen; dafür bekommst du freies Essen.“

Nun wurde die Königstochter eine Küchenmagd, musste dem Koch zur Hand gehen und die sauerste Arbeit tun. Sie machte sich in beiden Taschen ein Töpfchen fest, darin brachte sie nach Hause, was ihr von dem Übriggebliebenen zuteil ward, und davon nährten sie sich. Es trug sich zu, dass die Hochzeit des ältesten Königssohnes gefeiert werden sollte, da ging die arme Frau hinauf, stellte sich vor die Saaltür und wollte zusehen. Als nun die Lichter angezündet waren, und immer einer schöner als der andere hereintrat und alles voll Pracht und Herrlichkeit war, da dachte sie mit betrübtem Herzen an ihr Schicksal und verwünschte ihren Stolz und Übermut, der sie erniedrigt und in so große Armut gestürzt hatte. Von den köstlichen Speisen, die ein und aus getragen wurden, und von denen der Geruch zu ihr aufstieg, warfen ihr Diener manchmal ein paar Brocken zu, die tat sie in ihr Töpfchen und wollte es heimtragen. Auf einmal trat der Königssohn herein, war in Samt und Seide gekleidet und hatte goldene Ketten um den Hals. Und als er die schöne Frau in der Tür stehen sah, ergriff er sie bei der Hand und wollte mit ihr tanzen, aber sie weigerte sich und erschrak, denn sie sah, dass es der König Drosselbart war, der um sie gefreit und den sie mit Spott abgewiesen hatte. Ihr Sträuben half nichts, er zog sie in den Saal; da zerriss das Band, an dem die Taschen hingen, und die Töpfe fielen heraus, dass die Suppe floss und die Brocken umhersprangen. Und wie das die Leute sahen, entstand ein allgemeines Gelächter und Spotten, und sie war so beschämt, dass sie sich lieber tausend Klafter unter die Erde gewünscht hätte. Sie sprang zur Tür hinaus und wollte entfliehen, aber auf der Treppe holte sie ein Mann ein und brachte sie zurück; und wie sie ihn ansah, war es wieder der König Drosselbart. Er sprach ihr freundlich zu: „Fürchte dich nicht, ich und der Spielmann, der mit dir in dem elenden Häuschen gewohnt hat, sind eins. Dir zuliebe habe ich mich verstellt, und der Husar, der dir die Töpfe entzweigeritten hat, bin ich auch gewesen. Das alles ist geschehen, um deinen stolzen Sinn zu beugen und dich für deinen Hochmut zu strafen, womit du mich verspottet hast.“ Da weinte sie bitterlich und sagte: „Ich habe großes Unrecht getan und bin nicht wert, deine Frau zu sein.“ Er aber sprach: „Tröste dich, die bösen Tage sind vorüber, jetzt wollen wir unsere Hochzeit feiern.“ Da kamen die Kammerfrauen und taten ihr die prächtigsten Kleider an, und ihr Vater kam und der ganze Hof und wünschten ihr Glück zu ihrer Vermählung mit dem König Drosselbart, und die rechte Freude fing jetzt erst an. Ich wollte, du und ich, wir wären auch dabei gewesen.

Der große Klaus und der kleine Klaus

Hans-Christian Andersen

In einem Dorfe wohnten zwei Leute, die beide denselben Namen hatten. Beide hießen Klaus, aber der eine besaß vier Pferde und der andere nur ein einziges. Um sie nun voneinander unterscheiden zu können, nannte man den, der vier Pferde besaß, den großen Klaus, und den, der nur ein einziges hatte, den kleinen Klaus. Nun wollen wir hören, wie es den beiden erging, denn es ist eine wahre Geschichte.
Die ganze Woche hindurch musste der kleine Klaus für den großen Klaus pflügen und ihm sein einziges Pferd leihen, dann half der große Klaus ihm wieder mit allen seinen vieren, aber nur einmal wöchentlich, und das war des Sonntags. Hussa, wie klatschte der kleine Klaus mit seiner Peitsche über alle fünf Pferde! Sie waren ja nun so gut wie sein an dem einen Tage. Die Sonne schien herrlich, und alle Glocken im Kirchturm läuteten zur Kirche, die Leute waren alle geputzt und gingen mit dem Gesangbuch unter dem Arme, den Prediger zu hören, und sie sahen den kleinen Klaus, der mit fünf Pferden pflügte, und er war so vergnügt, dass er wieder mit der Peitsche klatschte und rief: „Hü, alle meine Pferde!“

„So musst du nicht sprechen“, sagte der große Klaus, „das eine Pferd ist ja nur dein!“ Aber als wieder jemand vorbeiging, vergaß der kleine Klaus, dass er es nicht sagen sollte, und da rief er: „Hü, alle meine Pferde!“
„Nun ersuche ich dich amtlich, dies zu unterlassen“, sagte der große Klaus; „denn sagst du es noch einmal, so schlage ich dein Pferd vor den Kopf, dass es auf der Stelle tot ist.“ „Ich will es wahrlich nicht mehr sagen!“ sagte der kleine Klaus. Aber als da Leute vorbeikamen und ihm guten Tag zunickten, wurde er sehr erfreut und dachte, es sehe doch recht gut aus, dass er fünf Pferde habe, sein Feld zu pflügen, und da klatschte er mit der Peitsche und rief: „Hü, alle meine Pferde!“ „Ich werde deine Pferde hüten!“ sagte der große Klaus, nahm einen Hammer und schlug des kleinen Klaus einziges Pferd vor den Kopf, dass es umfiel und tot war.
„Ach nun habe ich gar kein Pferd mehr!“ sagte der kleine Klaus und fing an zu weinen. Später zog er dem Pferde die Haut ab und ließ sie gut im Winde trocknen, steckte sie dann in einen Sack, den er auf die Schulter warf, und machte sich nach der Stadt auf den Weg, um seine Pferdehaut zu verkaufen.
Er hatte einen sehr weiten Weg zu gehen, musste durch einen großen, dunklen Wald, und nun wurde es gewaltig schlechtes Wetter. Er verirrte sich gänzlich, und ehe er wieder auf den rechten Weg kam, war es Abend und allzu weit, um zur Stadt oder wieder nach Hause zu gelangen, bevor es Nacht wurde.
Dicht am Wege lag ein großer Bauernhof; die Fensterladen waren draußen vor den Fenstern geschlossen, aber das Licht konnte doch darüber hinausscheinen. „Da werde ich wohl Erlaubnis erhalten können, die Nacht über zu bleiben“, dachte der kleine Klaus und klopfte an.
Die Bauersfrau machte auf; als sie aber hörte, was er wollte, sagte sie, er solle weitergehen, ihr Mann sei nicht zu Hause, und sie nehme keine Fremden herein. „Nun, so muss ich draußen liegenbleiben“, sagte der kleine Klaus, und die Bauersfrau schlug ihm die Tür vor der Nase zu.
Dicht daneben stand ein großer Heuschober, und zwischen diesem und dem Wohnhaus war ein kleiner Geräteschuppen mit einem flachen Strohdache gebaut. „Da oben kann ich liegen“, sagte der kleine Klaus, als er das Dach erblickte; „das ist ja ein herrliches Bett. Der Storch fliegt wohl nicht herunter und beißt mich in die Beine.“ Denn ein Storch hatte sein Nest auf dem Dache.
Nun kroch der kleine Klaus auf den Schuppen hinauf, streckte sich hin und drehte sich, um recht gut zu liegen. Die hölzernen Laden vor den Fenstern schlossen oben nicht zu, und so konnte er gerade in die Stube hineinblicken.
Da war ein großer Tisch gedeckt, mit Wein und Braten und einem herrlichen Fisch darauf; die Bauersfrau und der Küster saßen bei Tische und sonst niemand anders, sie schenkte ihm ein, und er gabelte in den Fisch, denn das war sein Leibgericht.
„Wer doch etwas davon abbekommen könnte!“ dachte der kleine Klaus und streckte den Kopf gerade gegen das Fenster. Einen herrlichen Kuchen sah er auch im Zimmer stehen! Ja, das war ein Fest!
Nun hörte er jemand von der Landstraße her gegen das Haus reiten; das war der Mann der Bauersfrau, der nach Hause kam. Das war ein ganz guter Mann, aber er hatte die wunderliche Eigenheit, dass er es nie ertragen konnte, einen Küster zu sehen; kam ihm ein Küster vor die Augen, so wurde er ganz rasend. Deshalb war es auch, dass der Küster zu seiner Frau hineingegangen war, um ihr guten Tag zu sagen, weil er wusste, dass der Mann nicht zu Hause sei, und die gute Frau setzte ihm dafür das herrlichste Essen vor. Als sie nun den Mann kommen hörten, erschraken sie sehr, und die Frau bat den Küster, in eine große, leere Kiste hineinzukriechen, denn er wusste ja, dass der arme Mann es nicht ertragen konnte, einen Küster zu sehen.
Die Frau versteckte geschwind all das herrliche Essen und den Wein in ihrem Backofen, denn hätte der Mann das zu sehen bekommen, so hätte er sicher gefragt, was es zu bedeuten habe.
„Ach ja!“ seufzte der kleine Klaus oben auf seinem Schuppen, als er all das Essen verschwinden sah. „Ist jemand dort oben?“ fragte der Bauer und sah nach dem kleinen Klaus hinauf. „Warum liegst du dort? Komm lieber mit in die Stube.“ Nun erzählte der kleine Klaus, wie er sich verirrt habe, und bat, dass er die Nacht über bleiben dürfe. „Ja freilich“, sagte der Bauer, „aber wir müssen zuerst etwas zu leben haben!“
Die Frau empfing beide sehr freundlich, deckte einen langen Tisch und gab ihnen eine große Schüssel voll Grütze. Der Bauer war hungrig und aß mit rechtem Appetit, aber der kleine Klaus konnte nicht unterlassen, an den herrlichen Braten, Fisch und Kuchen, die er im Ofen wusste, zu denken.
Unter den Tisch zu seinen Füßen hatte er den Sack mit der Pferdehaut gelegt, die er in der Stadt hatte verkaufen wollen. Die Grütze wollte ihm nicht schmecken, da trat er auf seinen Sack, und die trockene Haut im Sacke knarrte laut.
„St!“ sagte der kleine Klaus zu seinem Sacke, trat aber zu gleicher Zeit wieder darauf; da knarrte es weit lauter als zuvor.
„Ei, was hast du in deinem Sacke?“ fragte der Bauer darauf. „Oh, es ist ein Zauberer“, sagte der kleine Klaus; „er sagt, wir sollen doch keine Grütze essen, er habe den ganzen Ofen voll Braten, Fische und Kuchen gehext.“
„Ei der tausend!“ sagte der Bauer und machte schnell den Ofen auf, wo er all die prächtigen, leckeren Speisen erblickte, die nach seiner Meinung der Zauberer im Sack für sie gehext hatte. Die Frau durfte nichts sagen, sondern setzte sogleich die Speisen auf den Tisch, und so aßen beide vom Fische, vom Braten und von dem Kuchen. Nun trat der kleine Klaus wieder auf seinen Sack, dass die Haut knarrte.
„Was sagt er jetzt?“ fragte der Bauer. „Er sagt“, erwiderte der kleine Klaus, „dass er auch drei Flaschen Wein für uns gehext hat; sie stehen dort in der Ecke beim Ofen!“
Nun musste die Frau den Wein hervorholen, den sie verborgen hatte, und der Bauer trank und wurde lustig. Einen solchen Zauberer, wie der kleine Klaus im Sacke hatte, hätte er gar zu gern gehabt.
„Kann er auch den Teufel hervorhexen?“ fragte der Bauer. „Ich möchte ihn wohl sehen, denn nun bin ich lustig!“
„Ja“, sagte der kleine Klaus, „mein Zauberer kann alles, was ich verlange. Nicht wahr, du?“
fragte er und trat auf den Sack, dass es knarrte.
„Hörst du? Er sagt ja! Aber der Teufel sieht hässlich aus, wir wollen ihn lieber nicht sehen!“
„Oh, mir ist gar nicht bange; wie mag er wohl aussehen?“
„Ja, er wird sich ganz leibhaftig als ein Küster zeigen!“
„Hu!“ sagte der Bauer, „das ist hässlich! Ihr müsst wissen, ich kann nicht ertragen, einen Küster zu sehen! Aber es macht nichts, ich weiß ja, dass es der Teufel ist, so werde ich mich wohl leichter darein finden! Nun habe ich Mut, aber er darf mir nicht zu nahe kommen.“
„Ich werde meinen Zauberer fragen“, sagte der kleine Klaus, trat auf den Sack und hielt sein Ohr hin.
„Was sagt er?“ >BR> „Er sagt, Ihr könnt hingehen und die Kiste aufmachen, die dort in der Ecke steht, so werdet Ihr den Teufel sehen, wie er darin kauert; aber Ihr müsst den Deckel halten, dass er nicht entwischt.“
„Wollt Ihr mir helfen, ihn zu halten?
bat der Bauer und ging zu der Kiste hin, wo die Frau den Küster verborgen hatte, der darin saß und sich sehr fürchtete. Der Bauer öffnete den Deckel ein wenig und sah unter ihn hinein. „Hu!“ schrie er und sprang zurück. „Ja, nun habe ich ihn gesehen, er sah ganz aus wie unser Küster! Das war schrecklich!“
Darauf musste getrunken werden, und so tranken sie denn noch lange in die Nacht hinein.
„Den Zauberer musst du mir verkaufen“, sagte der Bauer; „verlange dafür, was du willst! Ja, ich gebe dir gleich einen ganzen Scheffel Geld!“
„Nein, das kann ich nicht!“ sagte der kleine Klaus. „Bedenke doch, wie viel Nutzen ich von diesem Zauberer haben kann.“
„Ach, ich möchte ihn sehr gern haben“, sagte der Bauer und fuhr fort zu bitten.
„Ja“, sagte der kleine Klaus zuletzt, „da du so gut gewesen bist, mir diese Nacht Obdach zu gewähren, so mag es sein. Du sollst den Zauberer für einen Scheffel Geld haben, aber ich will den Scheffel gehäuft voll haben.“
„Das sollst du bekommen“, sagte der Bauer, „aber die Kiste dort musst du mit dir nehmen; ich will sie nicht eine Stunde länger im Hause behalten; man kann nicht wissen, vielleicht sitzt er noch darin.“
Der kleine Klaus gab dem Bauer seinen Sack mit der trocknen Haut darin und bekam einen ganzen Scheffel Geld, gehäuft gemessen, dafür. Der Bauer schenkte ihm sogar noch einen großen Karren, um das Geld und die Kiste darauf fortzufahren.
„Lebe wohl!“ sagte der kleine Klaus.
Dann fuhr er mit seinem Gelde und der großen Kiste, worin noch der Küster saß, davon.
Auf der andrem Seite des Waldes war ein großer, tiefer Fluss; das Wasser floss so reißend darin, dass man kaum gegen den Strom anschwimmen konnte; man hatte eine große, neue Brücke darüber geschlagen; der kleine Klaus hielt mitten auf ihr an und sagte ganz laut, damit der Küster in der Kiste es hören könne:
„Was soll ich doch mit der dummen Kiste machen? Sie ist so schwer, als ob Steine drin wären! Ich werde nur müde davon, sie weiterzufahren; ich will sie in den Fluss werfen; schwimmt sie zu mir nach Hause, so ist es gut, wo nicht, so hat es auch nichts zu sagen.“
Darauf fasste er die Kiste mit der einen Hand an und hob sie ein wenig auf, gerade als ob er sie in das Wasser werfen wollte.
„Nein, lass das sein!“ rief der Küster innerhalb der Kiste. „Lass mich erst heraus!“
„Hu!“ sagte der kleine Klaus und tat, als fürchte er sich. „Er sitzt noch darin! Da muss ich ihn geschwind in den Fluss werfen, damit er ertrinkt!“
„O nein, o nein!“ sagte der Küster; „ich will dir einen ganzen Scheffel Geld geben, wenn du mich gehen lässt!“
„Ja, das ist etwas anderes!“ sagte der kleine Klaus und machte die Kiste auf.
Der Küster kroch schnell heraus, stieß die leere Kiste in das Wasser hinaus und ging nach seinem Hause, wo der kleine Klaus einen ganzen Scheffel Geld bekam; einen hatte er von dem Bauer erhalten, nun hatte er also seinen ganzen Karren voll Geld.
„Sieh, das Pferd erhielt ich ganz gut bezahlt!“ sagte er zu sich selbst, als er zu Hause in seiner eigenen Stube war und alles Geld auf einen Berg mitten in der Stube ausschüttete. Das wird den großen Klaus ärgern, wenn er erfährt, wie reich ich durch ein einziges Pferd geworden bin; aber ich will es ihm doch licht geradeheraus sagen!“
Nun sandte er einen Knaben zum großen Klaus hin, um sich ein Scheffelmaß zu leihen.
„Was mag er wohl damit machen wollen?“ dachte der große Klaus und schmierte Teer auf den Boden, damit von dem, was gemessen wurde, etwas daran hängen bleiben könnte. Und so kam es auch; denn als er das Scheffelmaß zurückerhielt, hingen drei Taler daran.
„Was ist das?“ sagte der große Klaus und lief sogleich zu dem kleinen. „Wo hast du all das Geld bekommen?“
„Oh, das ist für meine Pferdehaut! Ich verkaufte sie gestern Abend.“
„Das war wahrlich gut bezahlt!“ sagte der große Klaus, lief geschwind nach Hause, nahm eine Axt und schlug alle seine vier Pferde vor den Kopf, zog ihnen die Haut ab und fuhr mit diesen Häuten zur Stadt.
„Häute! Häute! Wer will Häute kaufen?“ rief er durch die Straßen.
Alle Schuhmacher und Gerber kamen gelaufen und fragten, was er dafür haben wolle.
„Einen Scheffel Geld für jede“, sagte der große Klaus.
„Bist du toll?“ riefen alle. „Glaubst du, wir haben das Geld scheffelweise?“
„Häute! Häute! Wer will Häute kaufen?“ rief er wieder, aber allen denen, die ihn fragten, was die Häute kosten sollten erwiderte er: „Einen Scheffel Geld.“
„Er will uns foppen“, sagten alle, und da nahmen die Schuhmacher ihre Spannriemen und die Gerber ihre Schurzfelle und fingen an, auf den großen Klaus loszuprügeln.
„Häute! Häute!“ riefen sie ihm nach; „ja, wir wollen dir die Haut gerben!
Hinaus aus der Stadt mit ihm!“ riefen sie, und der große Klaus musste laufen, was er nur konnte. So war er noch nie durchgeprügelt worden.
„Na“, sagte er, als er nach Hause kam, „dafür soll der kleine Klaus bestraft werden! Ich will ihn totschlagen!“
Zu Hause beim kleinen Klaus war die alte Großmutter gestorben; sie war freilich recht böse und schlimm gegen ihn gewesen, aber er war doch betrübt, nahm die tote Frau und legte sie in sein warmes Bett, um zu sehen, ob sie nicht zum Leben zurückkehren werde. Da sollte sie die ganze Nacht liegen, er selbst wollte im Winkel sitzen und auf einem Stuhle schlafen; das hatte er schon früher getan. Als er in da in der Nacht saß, ging die Tür auf, und der große Klaus kam mit einer Axt herein; er wusste wohl, wo des kleinen Klaus Bett stand, ging gerade darauf los und schlug nun die alte Großmutter vor den Kopf, denn er glaubte, dass der kleine Klaus dort in seinem Bett liege.
„Sieh“, sagte er, „nun sollst du mich nicht mehr zum besten haben!“ Und dann ging er wieder nach Hause.
„Das ist doch ein recht böser Mann!“ sagte der kleine Klaus; „da wollte er mich totschlagen! Es war doch gut für die alte Mutter, dass sie schon tot war, sonst hätte er ihr das Leben genommen!“
Nun legte er der alten Großmutter Sonntagskleider an, lieh sich von dem Nachbar ein Pferd, spannte es vor den Wagen und setzte die alte Großmutter auf den hintersten Sitz, so dass sie nicht hinausfallen konnte, wenn er fuhr, und so rollten sie von dannen durch den Wald. Als die Sonne aufging, waren sie vor einem großen Wirtshause, da hielt der kleine Klaus an und ging hinein, um etwas zu genießen.
Der Wirt hatte sehr viel Geld, er war auch ein recht guter, aber hitziger Mann, als wären Pfeffer und Tabak in ihm.
„Guten Morgen!“ sagte er zum kleinen Klaus. „Du bist heute früh ins Zeug gekommen!“
„Ja“, sagte der kleine Klaus, „ich will mit meiner Großmutter zur Stadt; sie sitzt draußen auf dem Wagen, ich kann sie nicht in die Stube hereinbringen. Wollt Ihr der Alten nicht ein Glas Kümmel geben? Aber Ihr müsst recht laut sprechen, denn sie hört nicht gut.“
„Ja, das will ich tun!“ sagte der Wirt und schenkte ein großes Glas Kümmel ein, mit dem er zur toten Großmutter hinausging, die in dem Wagen aufrecht gesetzt war.
„Hier ist ein Glas Kümmel von Ihrem Sohne!“ sagte der Wirt, aber die tote Frau erwiderte kein Wort, sondern saß ganz still und teilnahmslos, als ob sie alles nichts anginge.
„Hört Ihr nicht?“ rief der Wirt, so laut er konnte. „Hier ist ein Glas Kümmel von Ihrem Sohne!“
Noch einmal rief er und dann noch einmal, aber da sie sich durchaus nicht rührte, wurde er ärgerlich und warf ihr das Glas in das Gesicht, so dass ihr der Kümmel gerade über die Nase lief und sie hintenüber fiel, denn sie war nur aufgesetzt und nicht festgebunden.
„Heda!“ rief der kleine Klaus, sprang zur Tür heraus und packte den Wirt an der Brust, „da hast du meine Großmutter erschlagen! Siehst du, da ist ein großes Loch in ihrer Stirn!“
„Oh, das ist ein Unglück!“ rief der Wirt und schlug die Hände über dem Kopfe zusammen; „das kommt alles von meiner Heftigkeit! Lieber, kleiner Klaus, ich will dir einen Scheffel Geld geben und deine Großmutter begraben lassen, als wäre es meine eigene, aber schweige nur still, sonst wird mir der Kopf abgeschlagen, und das wäre mir unangenehm.“
So bekam der kleine Klaus einen ganzen Scheffel Geld, und der Wirt begrub die alte Großmutter so, als ob es seine eigene gewesen wäre.
Als nun der kleine Klaus wieder mit dem vielen Gelde nach Hause kam, schickte er gleich seinen Knaben hinüber zum großen Klaus, um ihn bitten zu lassen, ihm ein Scheffelmaß zu leihen.
„Was ist das?“ sagte der große Klaus. „Habe ich ihn nicht totgeschlagen? Da muss ich selbst nachsehen!“ Und so ging er selbst mit dem Scheffelmaß zum kleinen Klaus.
„Wo hast du doch all das Geld bekommen?“ fragte er und riss die Augen auf, als er alles das erblickte, was noch hinzugekommen war.
„Du hast meine Großmutter, aber nicht mich erschlagen!“ sagte der kleine Klaus. „Die habe ich nun verkauft und einen Scheffel Geld dafür bekommen!“
„Das ist wahrlich gut bezahlt!“ sagte der große Klaus, eilte nach Hause, nahm eine Axt und schlug seine alte Großmutter tot, legte sie auf den Wagen, fuhr mit ihr zur Stadt, wo der Apotheker wohnte, und fragte, ob er einen toten Menschen kaufen wollte.
„Wer ist es, und woher habt Ihr ihn?“ fragte der Apotheker.
„Es ist meine Großmutter!“ sagte der große Klaus. „Ich habe sie totgeschlagen, um einen Scheffel Geld dafür zu bekommen!“
„Gott bewahre uns!“ sagte der Apotheker. „Ihr redet irre! Sagt doch nicht dergleichen, sonst könnt Ihr den Kopf verlieren!“ Und nun sagte er ihm gehörig, was das für eine böse Tat sei, die er begangen habe und was für ein schlechter Mensch er sei und dass er bestraft werden müsse. Da erschrak der große Klaus so sehr, dass er von der Apotheke gerade in den Wagen sprang und auf die Pferde schlug und nach Hause fuhr; aber der Apotheker und alle Leute glaubten, er sei verrückt, und deshalb ließen sie ihn fahren, wohin er wollte.
„Das sollst du mir bezahlen!“ sagte der große Klaus, als er draußen auf der Landstraße war, ja, ich will dich bestrafen, kleiner Klaus!“ Sobald er nach Hause kam, nahm er den größten Sack, den er finden konnte, ging hinüber zum kleinen Klaus und sagte: „Nun hast du mich wieder gefoppt; erst schlug ich meine Pferde tot, dann meine alte Großmutter; das ist alles deine Schuld; aber du sollst mich nie mehr foppen!“ Da packte er den kleinen Klaus um den Leib und steckte ihn in seinen Sack, nahm ihn so auf seinen Rücken und rief ihm zu: „Nun gehe ich und ertränke dich!“
Es war ein weiter Weg, den er zu gehen hatte, bevor er zu dem Flusse kam, und der kleine Klaus war nicht leicht zu tragen. Der Weg ging dicht bei der Kirche vorbei; die Orgel ertönte, und die Leute sangen schön darinnen. Da setzte der große Klaus seinen Sack mit dem kleinen Klaus darin dicht bei der Kirchtür nieder und dachte, es könne wohl ganz gut sein, hineinzugehen und einen Psalm zu hören, ehe er weitergehe; der kleine Klaus konnte ja nicht herauskommen, und alle Leute waren in der Kirche. So ging er denn hinein.
„Ach Gott, ach Gott!“ seufzte der kleine Klaus im Sack und drehte und wandte sich, aber es war ihm nicht möglich, das Band aufzulösen. Da kam ein alter, alter Viehtreiber daher, mit schneeweißem Haar und einem großen Stab in der Hand; er trieb eine ganze Herde Kühe und Stiere vor sich her, die liefen an den Sack, in dem der kleine Klaus saß, so dass er umgeworfen wurde.
„Ach Gott!“ seufzte der kleine Klaus, „ich bin noch so jung und soll schon ins Himmelreich!“
„Und ich Armer“, sagte der Viehtreiber, „ich bin schon so alt und kann noch immer nicht dahin kommen!“
„Mache den Sack auf!“ rief der kleine Klaus. „Krieche statt meiner hinein, so kommst du sogleich ins Himmelreich!“
„Ja, das will ich herzlich gern“, sagte der Viehtreiber und band den Sack auf, aus dem der kleine Klaus sogleich heraussprang.
„Willst du nun auf das Vieh achtgeben?“ fragte der alte Mann. Dann kroch er in den Sack hinein, der kleine Klaus band den Sack wieder zu und zog dann mit allen Kühen und Stieren seines Weges.
Bald darauf kam der große Klaus aus der Kirche. Er nahm seinen Sack wieder auf den Rücken, obgleich es ihm schien, als sei der leichter geworden, denn der alte Viehtreiber war nur halb so schwer wie der kleine Klaus. Wie leicht ist er doch zu tragen geworden! Ja, das kommt daher, dass ich einen Psalm gehört habe!“ So ging er nach dem Flusse, der tief und groß war, warf den Sack mit dem alten Viehtreiber ins Wasser und rief hintendrein, denn er glaubte ja, dass es der kleine Klaus sei: „Sieh, nun sollst du mich nicht mehr foppen!“
Darauf ging er nach Hause; aber als er an die Stelle kam, wo die Wege sich kreuzten, begegnete er ganz unerwartet dem kleinen Klaus, der all sein Vieh dahertrieb.
„Was ist das?“ fragte der große Klaus. „Habe ich dich nicht vor kurzer Zeit ertränkt?“
„Ja“, sagte der kleine Klaus, „du warfst mich ja vor einer halben Stunde in den Fluss hinunter!“
„Aber wo hast du all das herrliche Vieh bekommen?“ fragte der große Klaus.
„Das ist Seevieh!“ sagte der kleine Klaus. „Ich will dir die Geschichte erzählen und dir Dank sagen, dass du mich ertränktest, denn nun bin ich reich! Mir war bange, als ich im Sacke steckte, und der Wind pfiff mir um die Ohren, als du mich von der Brücke hinunter in das kalte Wasser warfst. Ich sank sogleich zu Boden, aber ich stieß mich nicht, denn da unten wächst das schönste, weiche Gras. Darauf fiel ich, und sogleich wurde der Sack geöffnet, und das lieblichste Mädchen, in schneeweißen Kleidern und mit einem grünen Kranz um das Haar, nahm mich bei der Hand und sagte: „Bist du da, kleiner Klaus? Da hast du zuerst einiges Vieh; eine Meile weiter auf dem Wege steht noch eine ganze Herde, die ich dir schenken will!“ Nun sah ich, dass der Fluss eine große Landstraße für das Meervolk bildete. Unten auf dem Grunde gingen und fuhren sie gerade von der See her und ganz hinein in das Land, bis wo der Fluss endet. Da waren die schönsten Blumen und das frischeste Gras; die Fische schossen mir an den Ohren vorüber, geradeso wie hier die Vögel in der Luft. Was gab es da für hübsche Leute, und was war da für Vieh, das an den Gräben und Wällen weidete!“
„Aber warum bist du gleich wieder zu uns heraufgekommen?“ fragte der große Klaus. „Das hätte ich bestimmt nicht getan, wenn es so schön dort unten ist.“
„Ja“, sagte der kleine Klaus, „das ist gerade klug von mir gehandelt. Du hörst ja wohl, dass ich dir erzähle: Die Seejungfrau sagte mir, eine Meile weiter auf dem Wege – und mit dem Wege meinte sie ja den Fluss, denn sie kann nirgends Anders hinkommen – stehe noch eine ganze Herde Vieh für mich. Aber ich weiß, was der Fluss für Krümmungen macht, bald hier, bald dort, das ist ein weiter Umweg. Nein, so macht man es kürzer ab, wenn man hier auf das Land kommt und treibt querüber wieder zum Flusse; dabei spare ich eine halbe Meile und komme schneller zu meinem Vieh!“
„Oh, du bist ein glücklicher Mann!“ sagte der große Klaus. „Glaubst du, dass ich auch Seevieh erhielte, wenn ich einmal tief bis auf den Grund des Flusses käme?“
„Ja, das denke ich wohl“, sagte der kleine Klaus, „aber ich kann dich nicht im Sacke zum Flusse tragen, du bist mir zu schwer! Willst du selbst dahingehen und dann in den Sack kriechen, so werde ich dich mit dem größten Vergnügen hineinwerfen.“
„Ich danke dir“, sagte der große Klaus. „Aber erhalte ich kein Seevieh, wenn ich hinunterkomme, so glaube mir, werde ich dich so prügeln, wie du noch nie geprügelt worden bist.“
„Oh nein, mache es nicht so schlimm!“ Und da gingen sie zum Flusse hin. Als das Vieh Wasser erblickte, lief es, so schnell es nur konnte, durstig hinunter zum Trinken.
„Sieh, wie es sich sputet!“ sagte der kleine Klaus. „Es verlangt danach, wieder auf den Grund zu kommen!“
„Ja, hilf mir nur erst“, sagte der große Klaus, „sonst bekommst du Prügel!“ Und so kroch er in den großen Sack, der quer über dem Rücken eines der Stiere gelegen hatte. „Lege einen Stein hinein, ich fürchte, dass ich sonst nicht untersinke“, sagte der große Klaus.
„Es geht schon!“ sagte der kleine Klaus, legte aber doch einen großen Stein in den Sack, knüpfte das Band fest zu, und dann stieß er daran. Plumps! Da lag der große Klaus in dem Flusse und sank sogleich hinunter auf den Grund.
„Ich fürchte, er wird das Vieh nicht finden! Aber er zwang mich ja dazu!“ sagte der kleine Klaus und trieb dann heim mit dem, was er hatte.

Der Teufel mit den drei goldenen Haaren

Gebr. Grimm

Es war einmal eine arme Frau, die bekam ein Söhnlein, und weil es eine Glückshaut umhatte, als es zur Welt kam, so ward ihm geweissagt, es werde im vierzehnten Jahr die Tochter des Königs zur Frau haben. Es trug sich zu, dass der König bald darauf ins Dorf kam, und niemand wusste, dass es der König war, und als er die Leute fragte, was es Neues gäbe, so antworteten sie: „Es ist in diesen Tagen ein Kind mit einer Glückshaut geboren. Was so einer unternimmt, das schlägt ihm zum Glück aus. Es ist ihm auch vorausgesagt, in seinem vierzehnten Jahre solle er die Tochter des Königs zur Frau haben.“ Der König, der ein böses Herz hatte und über die Weissagung sich ärgerte, ging zu den Eltern, tat ganz freundlich und sagte. „Ihr armen Leute, überlasst mir euer Kind, ich will es versorgen.“ Anfangs weigerten sie sich, da aber der fremde Mann schweres Gold dafür bot, und sie dachten: „Es ist ein Glückskind, es muss doch zu seinem Besten ausschlagen“, so willigten sie endlich ein und gaben ihm das Kind.

Der König legte es in eine Schachtel und ritt damit weiter, bis er zu einem tiefen Wasser kam; da warf er die Schachtel hinein und dachte: „Von dem unerwarteten Freier habe ich meiner Tochter geholfen.“ Die Schachtel aber ging nicht unter, sondern schwamm wie ein Schiffchen, und es drang auch kein Tröpfchen Wasser hinein. So schwamm sie bis zwei Meilen von des Königs Hauptstadt, wo eine Mühle war, an dessen Wehr sie hingen blieb. Ein Mahlbursche, der glücklicherweise da stand und sie bemerkte, zog sie mit einem Haken heran und meinte, große Schätze zu finden; als er sie aber aufmachte, lag ein schöner Knabe darin, der ganz frisch und munter war. Er brachte ihn zu den Müllersleuten, und weil diese keine Kinder hatten, freuten sie sich und sprachen:
„Gott hat es uns beschert.“ Sie pflegten den Findling wohl, und er wuchs in allen Tugenden heran.
Es trug sich zu, dass der König einmal bei einem Gewitter in die Mühle trat und die Müllersleute fragte, ob der große Junge ihr Sohn wäre. „Nein“, antworteten sie, „es ist ein Findling, er ist vor vierzehn Jahren in einer Schachtel ans Wehr geschwommen, und der Mahlbursche hat ihn aus dem Wasser gezogen. Da merkte der König, dass es niemand anders als das Glückskind war, das er ins Wasser geworfen hatte, und sprach: „Ihr guten Leute, könnte der Junge nicht einen Brief an die Frau Königin bringen, ich will ihm zwei Goldstücke zum Lohn geben?“ „Wie der Herr König gebietet“, antworteten die Leute und hießen den Jungen, sich bereit halten. Da schrieb der König einen Brief an die Königin, worin stand: „Sobald der Knabe mit diesem Schreiben angelangt ist, soll er getötet und begraben werden, und alles soll geschehen sein, ehe ich zurückkomme.“
Der Knabe machte sich mit diesem Brief auf den Weg, verirrte sich aber und kam abends in einen großen Wald. In der Dunkelheit sah er ein kleines Licht, ging darauf zu und gelangte zu einem Häuschen. Als er hineintrat, saß eine alte Frau beim Feuer ganz allein. Sie erschrak, als sie den Knaben erblickte und sprach:
„Wo kommst du her, und wo willst du hin?“ – „Ich komme von der Mühle‘, antwortete er, „und will zur Frau Königin, der ich einen Brief bringen soll, weil ich mich aber in dem Walde verirrt habe, so wollte ich hier gerne übernachten.“

  • „Du armer Junge“, sprach die Frau, „du bist in ein Räuberhaus geraten, und wenn sie heimkommen, so bringen sie dich um.“ – „Mag kommen, wer will“, sagte der Junge, „ich fürchte mich nicht: ich bin aber so müde, dass ich nicht weiter kann“, streckte sich auf eine Bank und schlief ein. Bald hernach kamen die Räuber und fragten zornig, was da für ein fremder Knabe läge. „Ach“, sagte die Alte, „es ist ein unschuldiges Kind, es hat sich im Walde verirrt, und ich habe ihn aus Barmherzigkeit aufgenommen. Er soll einen Brief an die Frau Königin bringen.“ Die Räuber erbrachen den Brief und lasen ihn, und es stand darin, dass der Knabe sogleich, wie er ankäme, sollte ums Leben gebracht werden. Da empfanden die hartherzigen Räuber Mitleid, und der Anführer zerriss den Brief und schrieb einen andern, und es stand darin, sowie der Knabe ankäme, sollte er sogleich mit der Königstochter vermählt werden. Sie ließen ihn dann ruhig bis zum andern Morgen auf der Bank liegen, und als er aufgewacht war, gaben sie ihm den Brief und zeigten ihm den rechten Weg. Die Königin aber, als sie den Brief empfangen und gelesen hatte, tat, wie darin stand, hieß ein prächtiges Hochzeitsfest anstellen, und die Königstochter ward mit dem Glückskind vermählt; und da der Jüngling schön und freundlich war, so lebte sie vergnügt und zufrieden mit ihm.
    Nach einiger Zeit kam der König wieder in sein Schloss und sah, dass die Weissagung erfüllt und das Glückskind mit seiner Tochter vermählt war. „Wie ist das zugegangen?“ sprach er, „ich habe in meinem Brief einen ganz andern Befehl erteilt.“ Da reichte ihm die Königin den Brief und sagte, er möchte selbst sehen, was darin stände. Der König las den Brief und merkte wohl, dass er mit einem andern war vertauscht worden. Er fragte den Jüngling, wie es mit dem anvertrauten Briefe zugegangen wäre, warum er einen andern dafür gebracht hätte. „Ich weiß von nichts“, antwortete er, „er muss mir in der Nacht vertauscht worden sein, als ich im Walde geschlafen habe.“ Voll Zorn sprach der König: „So leicht soll es dir nicht werden! Wer meine Tochter haben will, der muss mir aus der Hölle drei goldene Haare von dem Haupte des Teufels holen; bringst du mir, was ich verlange, so sollst du meine Tochter behalten.“ Damit hoffte der König, ihn auf immer los zu werden. Das Glückskind aber antwortete:
    „Die goldenen Haare will ich wohl holen, ich fürchte mich vor dem Teufel nicht.“ Darauf nahm er Abschied und begann seine Wanderschaft.
    Der Weg führte ihn zu einer großen Stadt, wo ihn der Wächter an dem Tore ausfragte, was für ein Gewerbe er verstünde, und was er wüsste. „Ich weiß alles“, antwortete das Glückskind. „So kannst du uns einen Gefallen tun“, sagte der Wächter, „wenn du uns sagst, warum unser Marktbrunnen, aus dem sonst Wein quoll‘ trocken geworden ist und nicht einmal mehr Wasser gibt.“ – „Das sollt ihr erfahren“, antwortete er, „wartet nur, bis ich wiederkomme.“ Da ging er weiter und kam vor eine andere Stadt; da fragte der Torwächter wiederum, was für ein Gewerb‘ er verstünde, und was er wüsste. „Ich weiß alles“, antwortete er. „So kannst du uns einen Gefallen tun und uns sagen, warum ein Baum in unserer Stadt, der sonst Äpfel trug, jetzt nicht einmal Blätter hervortreibt.“ – „Das sollt ihr erfahren“, antwortete er, „wartet nur, bis ich wiederkomme.“ Da ging er weiter und kam an ein großes Wasser, über das er hinüber musste. Der Fährmann fragte ihn, was er für ein Gewerbe verstünde, und was er wüsste. „Ich weiß alles“, antwortete er. „So kannst du mir einen Gefallen tun“, sprach der Föhrmann, „und mir sagen, warum ich immer hin und her fahren muss und niemals abgelöst werde“. – „Das sollst du erfahren“, antwortete er, „warte nur, bis ich wiederkomme.“
    Als er über das Wasser hinüber war, so fand er den Eingang zur Hölle. Es war schwarz und rußig darin, und der Teufel war nicht zu Haus, aber seine Ellermutter saß da in einem breiten Sorgenstuhl. „Was willst du?“ sprach sie zu ihm, sah aber gar nicht so böse aus. „Ich wollte gerne drei goldene Haare von des Teufels Kopf“, antwortete er, „sonst kann ich meine Frau nicht behalten.“
  • „Das ist viel verlangt“, sagte sie, „wenn der Teufel heimkommt und findet dich, so geht dir’s an den Kragen; aber du dauerst mich, ich will sehen, ob ich dir helfen kann.“ Sie verwandelte ihn in eine Ameise und sprach: „Kriech in meine Rockfalten‘ da bist du sicher.“ – „Ja“, antwortete er, „das ist schon gut, aber drei Dinge möcht ich gerne noch wissen: warum ein Brunnen, aus dem sonst Wein quoll‘ trocken geworden ist, jetzt nicht einmal mehr Wasser gibt. Warum ein Baum, der Sonst goldene Äpfel trug, nicht einmal mehr Laub treibt, und warum ein Fährmann immer herüber und hinüber fahren muss und nicht abgelöst wird.“
  • „Das sind schwere Fragen“, antwortete sie, „aber halte dich nur still und ruhig und hab acht, was der Teufel spricht, wenn ich ihm die drei goldenen Haare ausziehe.“
    Als der Abend einbrach, kam der Teufel nach Haus. Kaum war er eingetreten, so merkte er, dass die Luft nicht rein war. „Ich rieche, rieche Menschenfleisch“ sagte er, „es ist hier nicht richtig.“ Dann guckte er in allen Ecken und suchte, konnte aber nichts finden. Die Ellermutter schalt ihn aus: „Eben ist erst gekehrt“, sprach sie, „und alles in Ordnung gebracht, nun wirfst du mir’s wieder untereinander; immer hast du Menschenfleisch in der Nase! Setze dich nieder und iss dein Abendbrot.“ Als er gegessen und getrunken hatte, war er müde, legte der Ellermutter seinen Kopf in den Schoß und sagte, sie sollte ihn ein wenig lausen. Es dauerte nicht lange, so schlummerte er ein, blies und schnarchte, da fasste die Alte ein goldenes Haar, riss es aus und legte es neben sich. „Autsch!“ schrie der Teufel, „was hast du vor?“ – „Ich habe einen schweren Traum gehabt“, antwortete die Ellermutter, „da hab‘ ich dir in die Haare gefasst.“ – „Was hat dir denn geträumt?“ fragte der Teufel. „Mir hat geträumt, ein Marktbrunncn‘ aus dem sonst Wein quoll, sei versiegt, und es habe nicht einmal Wasser daraus quellen wollen, was ist wohl schuld daran?“ – „He, wenn sie’s wüssten!“ antwortete der Teufel, „es sitzt eine Kröte unter einem Stein im Brunnen, wenn sie die töten, so wird der Wein schon wieder fließen.“ Die Ellermutter lauste ihn wieder, bis er einschlief und schnarchte, dass die Fenster zitterten. Da riss sie ihm das zweite Maar aus. „Hu! was machst du?“ schrie der Teufel zornig. „Nimm’s nicht übel“, antwortete sie, „ich habe es im Traum getan.“ – „Was hat dir wieder geträumt?“ fragte er. „Mir hat geträumt, in einem Königreiche stand‘ ein Obstbaum, der hatte sonst goldene Äpfel getragen und wollte jetzt nicht einmal Laub treiben. Was war wohl die Ursache davon?“ – „He, wenn sie’s wüssten!“ antwortete der Teufel, „an der Wurzel nagt eine Maus, wenn sie die töten, so wird er schon wieder goldene Äpfel tragen, nagt sie aber noch länger, so verdorrt der Baum gänzlich. Aber lass mich mit deinen Träumen in Ruhe, wenn du mich noch einmal im Schlafe störst, so kriegst du eine Ohrfeige.“ Die Ellermutter sprach ihm gut zu und lauste ihn wieder, bis er eingeschlafen war und schnarchte. Da fasste sie das dritte goldene Haar und riss es ihm aus. Der Teufel fuhr in die Höhe, schrie und wollte übel mit ihr wirtschaften, aber sie besänftigte ihn nochmals und sprach: „Wer kann für böse Träume!“ – „Was hat dir denn geträumt?“ fragte er und war doch neugierig. „Mir hat von einem Fährmann geträumt, der sich beklagte, dass er immer hin und her fahren müsste und nicht abgelöst würde. Was ist wohl schuld?“ – „He‘ der Dummbart!“ antwortete der Teufel, „wenn einer kommt und will überfahren, so muss er ihm die Stange in die Hand geben; dann muss der andere überfahren und er ist frei.“ Da die Ellermutter ihm die drei goldenen Haare ausgerissen hatte, und die drei Fragen beantwortet waren, so ließ sie den alten Drachen in Ruhe, und er schlief, bis der Tag anbrach.
    Als der Teufel wieder fortgezogen war, holte die Alte die Ameise aus der Rockfalte und gab dem Glückskind die menschliche Gestalt zurück. „Da hast du die drei goldenen Haare“, sprach sie, „was der Teufel zu deinen drei Fragen gesagt hat, wirst du wohl gehört haben.“ – „Ja“, antwortete er, „ich habe es gehört und will’s wohl behalten.“ – „So ist dir geholfen“, sagte sie, „und nun kannst du deiner Wege ziehen.“ Er bedankte sich bei der Alten für die Hilfe in der Not, verließ die Hölle und war vergnügt, dass ihm alles so wohl geglückt war. Als er zu dem Fährmann kam, sollte er ihm die versprochene Antwort geben. „Fahr mich erst hinüber“, sprach das Glückskind, „so will ich dir sagen, wie du erlöst wirst“, und als er auf dem jenseitigen Ufer angelangt war, gab er ihm des Teufels Rat: „Wenn wieder einer kommt und will übergefahren sein, so gib ihm nur die Stange in die Hand.“ Er ging weiter und kam zu der Stadt, worin der unfruchtbare Baum stand, und wo der Wächter auch Antwort haben wollte. Da sagte er ihm, wie er vom Teufel gehört hatte: „Tötet die Maus, die an seiner Wurzel nagt, so wird er wieder goldene Äpfel tragen.“ Da dankte ihm der Wächter und gab ihm zur Belohnung zwei mit Gold beladene Esel, die mussten ihm nachfolgen. Zuletzt kam er zu der Stadt, deren Brunnen versiegt war. Da sprach er zu dem Wächter, wie der Teufel gesprochen hatte:“ Es sitzt eine Kröte im Brunnen unter einem Stein, die müsst ihr aufsuchen und töten, so wird er wieder reichlich Wein geben.“ Der Wächter dankte und gab ihm ebenfalls zwei mit Gold beladene Esel.
    Endlich langte das Glückskind daheim bei seiner Frau an, die sich herzlich freute, als sie ihn wiedersah und hörte, wie wohl ihm alles gelungen war. Dem König brachte er, was er verlangt hatte, die drei goldenen Haare des Teufels, und als dieser die vier Esel mit dem Golde sah, ward er ganz vergnügt und sprach:
    „Nun sind alle Bedingungen erfüllt, und du kannst meine Tochter behalten. Aber, lieber Schwiegersohn, sage mir doch: woher ist das viele Gold? Das sind ja gewaltige Schätze!“ – „Ich bin über einen Fluss gefahren“, antwortete er, „und da habe ich es mitgenommen; es liegt dort statt des Sandes am Ufer.“ – „Kann ich mir auch davon holen?“ sprach der König und war ganz begierig. „So viel Ihr nur wollt“, antwortete er, „es ist ein Fährmann auf dem Fluss, von dem lasst Euch überfahren, so könnt Ihr drüben Eure Säcke füllen.“ Der habsüchtige König machte sich in aller Eile auf den Weg, und als er zu dem Fluss kam, so winkte er dem Fährmann, der sollte ihn übersetzen. Der Fährmann kam und hieß ihn einsteigen, und als sie an das jenseitige Ufer kamen, gab er ihm die Ruderstange in die Hand und sprang davon. Der König aber musste von nun an fahren zur Strafe für seine Sünden.
    „Fährt er wohl noch?“ – „Was denn? Es wird ihm niemand die Stange abgenommen haben.“

Der Rosenelf

Hans-Christian Andersen

Mitten in einem Garten wuchs ein Rosenstock, der war ganz voller Rosen, und in einer derselben, der schönsten von allen, wohnte ein Elf; er war so winzig klein, dass kein menschliches Auge ihn erblicken konnte; hinter jedem Blatte in der Rose hatte er eine Schlafkammer; er war so wohlgebildet und schön, wie nur ein Kind sein konnte und hatte Flügel von den Schultern bis gerade hinunter zu den Füßen. O, welcher Duft war in seinen Zimmern, und wie klar und schön waren die Wände! Es waren ja die blassroten Rosenblätter.

Den ganzen Tag erfreute er sich im warmen Sonnenschein, flog von Blume zu Blume, tanzte auf den Flügeln des fliegenden Schmetterlings und maß, wie viele Schritte er zu gehen hatte, um über alle Landstraßen und Steige zu gelangen, welche auf einem einzigen Lindenblatte sind. Das war, was wir die Adern im Blatte nennen, die er für Landstraßen und Steige nahm, ja das waren große Wege für ihn! Ehe er damit fertig wurde, ging die Sonne unter, er hatte auch spät damit angefangen.
Es wurde kalt, der Tau fiel und der Wind wehte; nun war es das Beste, nach Hause zu kommen, er tummelte sich, so sehr er konnte, aber die Rose hatte sich geschlossen, er konnte nicht hineingelangen – keine einzige Rose stand geöffnet. Der arme kleine Elf erschrak sehr. Er war früher nie nachts weggewesen, hatte immer süß hinter den warmen Rosenblättern geschlummert. O, das wird sicher sein Tod werden!
Am andern Ende des Gartens, wusste er, befand sich eine Laube mit schönem Jelängerjelieber, die Blumen sahen wie große, bemalte Hörner aus; in eine derselben wollte er hinabsteigen und bis morgen schlafen.
Er flog dahin. Was sah er da! Es waren zwei Menschen darin, ein junger, hübscher Mann und ein schönes Mädchen; sie saßen neben einander und wünschten, dass sie sich nicht zu trennen brauchten; sie waren einander so gut, weit mehr noch, als das beste Kind seiner Mutter und seinem Vater sein kann.
»Doch müssen wir uns trennen! « sagte der junge Mann. »Dein Bruder mag uns nicht leiden, deshalb sendet er mich mit einem Auftrage so weit über Berge und Seen fort! Lebe wohl, meine süße Braut, denn das bist Du mir doch! «
Dann küssten sie sich, und das junge Mädchen weinte und gab ihm eine Rose. Aber bevor sie ihm dieselbe reichte, drückte sie einen Kuss darauf, so fest und so innig, dass die Blume sich öffnete. Da flog der kleine Elf in diese hinein und lehnte sein Haupt gegen die feinen, duftenden Wände; hier konnte er gut hören, dass Lebewohl gesagt wurde. Und er fühlte, dass die Rose ihren Platz an des jungen Mannes Brust erhielt. O, wie schlug doch das Herz darinnen! Der kleine Elf konnte gar nicht einschlafen, so pochte es.
Doch nicht lange lag die Rose auf der Brust. Der Mann nahm sie hervor, und während er einsam in dem dunkeln Walde ging, küsste er die Blume, so oft und stark, dass der kleine Elf fast erdrückt wurde; er konnte durch das Blatt fühlen, wie die Lippen des Mannes brannten, und die Rose selbst hatte sich, wie bei der stärksten Mittagssonne, geöffnet.
Da kam ein anderer Mann, finster und böse; es war des hübschen Mädchens schlechter Bruder. Ein scharfes und großes Messer zog er hervor, und während jener die Rose küsste, stach der schlechte Mann ihn tot, schnitt seinen Kopf ab und begrub ihn mit dem Körper in der weichen Erde unter dem Lindenbaume.
»Nun ist er vergessen und fort«, dachte der schlechte Bruder; »er kommt nie mehr zurück. Eine lange Reise sollte er machen, über Berge und Seen, da kann man leicht das Leben verlieren, und das hat er verloren. Er kommt nicht mehr zurück, und mich darf meine Schwester nicht nach ihm fragen. «
Dann scharrte er mit dem Fuße verdorrte Blätter über die lockere Erde und ging wieder in der dunkeln Nacht nach Hause. Aber er ging nicht allein, wie er glaubte; der kleine Elf begleitete ihn, er saß in einem vertrockneten, aufgerollten Lindenblatte, welches dem bösen Manne, als er grub, in die Haare gefallen war. Der Hut war nun darauf gesetzt, es war dunkel darin, und der Elf zitterte vor Schreck und Zorn über die schlechte Tat.
In der Morgenstunde kam der böse Mann nach Hause; er nahm seinen Hut ab und ging in der Schwester Schlafstube hinein. Da lag das schöne, blühende Mädchen und träumte von ihm, dem sie so gut war und von dem sie nun glaubte, dass er über Berge und durch Wälder gehe; der böse Bruder neigte sich über sie und lachte hässlich, wie nur ein Teufel lachen kann, da fiel das trockene Blatt aus seinem Haare auf die Bettdecke nieder, aber er bemerkte es nicht und ging hinaus, um in der Morgenstunde selbst ein wenig zu schlafen. Aber der Elf schlüpfte aus dem verdorrten Blatte, setzte sich in das Ohr des schlafenden Mädchens und erzählte ihr, wie in einem Traum, den schrecklichen Mord, beschrieb ihr den Ort, wo der Bruder ihn erschlagen und seine Leiche verscharrt hatte, erzählte von dem blühenden Lindenbaume dicht dabei und sagte: »Damit Du nicht glaubst, dass es nur ein Traum sei, was ich Dir erzählt habe, so wirst Du auf Deinem Bette ein verdorrtes Blatt finden!« Und das fand sie, als sie erwachte.
O, welche bittere Tränen weinte sie und durfte doch Niemand ihren Schmerz anvertrauen! Das Fenster stand den ganzen Tag offen, der kleine Elf konnte leicht zu den Rosen und all‘ den übrigen Blumen nach dem Garten hinaus gelangen, aber er wagte es nicht, die Betrübte zu verlassen. Im Fenster stand ein Strauch mit Monatsrosen, in eine der Blumen setzte er sich und betrachtete das arme Mädchen. Ihr Bruder kam oft in die Kammer hinein, und war heiter trotz seiner Schlechtigkeit, aber sie durfte kein Wort über ihren Herzenskummer sagen.
Sobald es dunkel wurde, schlich sie sich aus dem Hause, ging im Walde nach der Stelle, wo der Lindenbaum stand, nahm die Blätter von der Erde, grub in dieselbe hinein und fand ihn sogleich, der erschlagen worden war. O, wie weinte sie, und bat den lieben Gott, dass er sie auch bald sterben lasse! –
Gern hätte sie die Leiche mit sich nach Hause genommen, aber das konnte sie nicht, da nahm sie das bleiche Haupt mit den geschlossenen Augen, küsste den kalten Mund und schüttelte die Erde aus seinem schönen Haar. »Das will ich behalten! « sagte sie und als sie Erde und Blätter auf den toten Körper gelegt hatte, nahm sie den Kopf und einen kleinen Zweig von dem Jasminstrauch, der im Wald blühte, wo er begraben war, mit sich nach Hause.
Sobald sie in ihrer Stube war, holte sie sich den größten Blumentopf, der zu finden war, in diesen legte sie des Toten Kopf, schüttete Erde darauf und pflanzte dann den Jasminzweig in den Topf.
»Lebewohl! Lebewohl! « flüsterte der kleine Elf, er konnte es nicht länger ertragen, all‘ diesen Schmerz zu sehen, und flog deshalb hinaus zu seiner Rose im Garten; aber die war abgeblüht, da hingen nur einige welke Blätter an der grünen Hagebutte.
»Ach, wie bald ist es doch mit all‘ dem Schönen und Guten vorbei! « seufzte der Elf. Zuletzt fand er eine Rose wieder, die wurde sein Haus, hinter ihren feinen und duftenden Blättern konnte er wohnen.
Jeden Morgen flog er nach dem Fenster des armen Mädchens, und da stand sie immer bei dem Blumentopf und weinte. Die bitteren Tränen fielen auf den Jasminzweig, und mit jedem Tage, wie sie bleicher und bleicher und bleicher wurde, stand der Zweig frischer und grüner da, ein Schössling trieb nach dem andern hervor, kleine, weiße Knospen blühten auf, und sie küsste sie, aber der böse Bruder schalt und fragte, ob sie närrisch geworden sei? Er konnte es nicht begreifen, weshalb sie immer über den Blumentopf weine. Er wusste ja nicht, welche Augen da geschlossen und welche roten Lippen da zu Erde geworden waren; sie neigte ihr Haupt gegen den Blumentopf, und der kleine Elf von der Rose fand sie so schlummern; da setzte er sich in ihr Ohr, erzählte von dem Abend in der Laube, vom Duft der Rose, und der Elfen Liebe; sie träumte süß, und während sie träumte, entschwand das Leben, sie war eines stillen Todes verblichen, sie war bei ihm, den sie liebte, im Himmel. Und die Jasminblumen öffneten ihre großen, weißen Glocken, sie dufteten eigentümlich süß, anders konnten sie nicht über die Tote weinen.
Aber der böse Bruder betrachtete den schön blühenden Strauch, nahm ihn als ein Erbgut zu sich, und setzte ihn in seine Schlafstube, dicht beim Bette, denn er war herrlich anzuschauen und der Duft war süß und lieblich. Der kleine Rosenelf folgte mit, flog von Blume zu Blume, in jeder wohnte ja eine kleine Seele, und der erzählte er von dem ermordeten jungen Mann, dessen Haupt nun Erde unter der Erde war, erzählte von dem bösen Bruder und der armen Schwester.
»Wir wissen es«, sagte eine jede Seele in den Blumen, »wir wissen es! Sind wir nicht aus des Erschlagenen Augen und Lippen entsprossen? Wir wissen es; wir wissen es! « Und dann nickten sie sonderbar mit dem Kopfe.
Der Rosenelf konnte es gar nicht begreifen, wie sie so ruhig sein konnten, und flog hinaus zu den Bienen, die Honig sammelten, erzählte ihnen die Geschichte von dem bösen Bruder, und die Bienen sagten es ihrer Königin, welche befahl, dass sie alle am nächsten Morgen den Mörder umbringen sollten.
Aber in der Nacht vorher, es war die erste Nacht, welche auf den Tod der Schwester folgte, als der Bruder in seinem Bette dicht neben dem duftenden Jasminstrauch schlief, öffnete sich ein jeder Blumenkelch, unsichtbar, aber mit giftigen Spießen, stiegen die Blumenseelen hervor und setzten sich zuerst in seine Ohren und erzählten ihm böse Träume, flogen darauf über seine Lippen und stachen seine Zunge mit den giftigen Spießen. »Nun haben wir den Toten gerächt! « sagten sie und flogen zurück in des Jasmins weiße Glocken.
Als es Morgen wurde, und das Fenster der Schlafstube geöffnet wurde, fuhr der Rosenelf mit der Bienenkönigin und dem ganzen Bienenschwarm herein, um ihn zu töten.
Aber er war schon tot; es standen Leute rings um das Bett, die sagten: »Der Jasminduft hat ihn getötet! «
Da verstand der Rosenelf der Blumen Rache, und er erzählte es der Königin der Bienen, und sie summte mit ihrem ganzen Schwarm um den Blumentopf; die Bienen waren nicht zu verjagen; da nahm ein Mann den Blumentopf fort und eine der Bienen stach seine Hand, so dass er den Topf fallen ließ und er zerbrach.
Da sahen sie den bleichen Totenschädel, und sie wussten, dass der Tote im Bette ein Mörder war.
Die Bienenkönigin summte in der Luft und sang von der Rache der Blumen und von dem Rosenelf, und dass hinter dem geringsten Blatte Einer wohnt, der das Böse erzählen und rächen kann!

Die roten Schuhe

Hans Christian Andersen

Es war einmal ein kleines Mädchen, gar fein und hübsch; aber es war arm und musste im Sommer immer barfuss gehen, und im Winter mit großen Holzschuhen, so dass der kleine Spann ganz rot wurde; es war zum Erbarmen.

Mitten im Dorfe wohnte die alte Schuhmacherin; sie setzte sich hin und nähte, so gut sie es konnte, von alten roten Tuchlappen ein paar kleine Schuhe. Recht plump wurden sie ja, aber es war doch gut gemeint, denn das kleine Mädchen sollte sie haben. Das kleine Mädchen hieß Karen.

Just an dem Tage, als ihre Mutter begraben wurde, bekam sie die roten Schuhe und zog sie zum ersten Male an; sie waren ja freilich zum Trauern nicht recht geeignet, aber sie hatte keine anderen, und so ging sie mit nackten Beinchen darin hinter dem ärmlichen Sarge her.

Da kam gerade ein großer, altmodischer Wagen dahergefahren; darin saß eine stattliche alte Dame. Sie sah das kleine Mädchen an und hatte Mitleid mit ihm, und deshalb sagte sie zu dem Pfarrer: „Hört, gebt mir das kleine Mädchen, ich werde für sie sorgen und gut zu ihr sein!“

Karen glaubte, dass sie alles dies den roten Schuhen zu danken habe. Aber die alte Frau sagte, dass sie schauderhaft seien, und dann wurden sie verbrannt. Karen selbst wurde reinlich und nett gekleidet; sie musste Lesen und Nähen lernen, und die Leute sagten, sie sei niedlich; aber der Spiegel sagte: „Du bist weit mehr als niedlich, Du bist schön.“

Da reiste einmal die Königin durch das Land, und sie hatte ihre kleine Tochter bei sich, die eine Prinzessin war. Das Volk strömte zum Schlosse und Karen war auch dabei. Die kleine Prinzessin stand in feinen weißen Kleidern in einem Fenster und ließ sich bewundern. Sie hatte weder Schleppe noch Goldkrone, aber prächtige rote Saffianschuhe. Die waren freilich weit hübscher als die, welche die alte Schuhmacherin für die kleine Karen genäht hatte. Nichts in der Welt war doch solchen roten Schuhen vergleichbar!

Nun war Karen so alt, dass sie eingesegnet werden sollte. Sie bekam neue Kleider und sollte auch neue Schuhe haben. Der reiche Schuhmacher in der Stadt nahm Maß an ihrem kleinen Fuß. Das geschah in seinem Laden, wo große Glasschränke mit niedlichen Schuhen und blanken Stiefeln standen. Das sah gar hübsch aus, aber die alte Dame konnte nicht gut sehen und hatte daher auch keine Freude daran. Mitten zwischen den Schuhen standen ein paar rote, ganz wie die,

welche die Prinzessin getragen hatte. Wie schön sie waren! Der Schuhmacher sagte auch, dass sie für ein Grafenkind genäht worden seien, aber sie hätten nicht gepasst.

„Das ist wohl Glanzleder“ sagte die alte Dame, „sie glänzen so.“

„Ja, sie glänzen!“ sagte Karen, und sie passten gerade und wurden gekauft. Aber die alte Dame wusste nichts davon, dass sie rot waren, denn sie hätte Karen niemals erlaubt, in roten Schuhen zur Einsegnung zu gehen, aber das geschah nun also.

Alle Menschen sahen auf ihre Füße, und als sie durch die Kirche und zur Chortür hinein schritt, kam es ihr vor, als ob selbst die alten Bilder auf den Grabsteinen, die Steinbilder der Pfarrer und Pfarreresfrauen mit steifen Kragen und langen schwarzen Kleidern, die Augen auf ihre roten Schuhe hefteten, und nur an diese dachte sie, als der Pfarrer seine Hand auf ihr Haupt legte und von der heiligen Taufe sprach und von dem Bunde mit Gott, und dass sie nun eine erwachsene Christin sein sollte. Und die Orgel spielte so feierlich, die hellen Kinderstimmen sangen und der alte Kantor sang, aber Karen dachte nur an die roten Schuhe.

Am Nachmittag hörte die alte Dame von allen Leuten, dass die Schuhe rot gewesen wären, und sie sagte das wäre recht hässlich und unschicklich, und Karen müsse von jetzt ab stets mit schwarzen Schuhen zur Kirche gehen, selbst wenn sie alt wären.

Am nächsten Sonntag war Abendmahl, und Karen sah die schwarzen Schuhe an, dann die roten, – und dann sah sie die roten wieder an und zog sie an.

Es war herrlicher Sonnenschein; Karen und die alte Dame gingen einen Weg durch das Kornfeld; da stäubte es ein wenig.

An der Kirchentür stand ein alter Soldat mit einem Krückstock und einem gewaltig langen Barte, der war mehr rot als weiß, er war sogar fuchsrot. Er verbeugte sich tief bis zur Erde und fragte die alte Dame, ob er ihre Schuhe abstäuben dürfe. Und Karen streckte ihren kleinen Fuß auch aus. „Sieh, was für hübsche Tanzschuhe“ sagte der Soldat, „sitzt fest, wenn Ihr tanzt.“ Und dann schlug er mit der Hand auf die Sohlen.

Die alte Dame gab dem Soldaten einen Schilling, und dann ging sie mit Karen in die Kirche.

Alle Menschen drinnen blickten auf Karens rote Schuhe, und alle Bilder blickten darauf, und als Karen vor dem Altar kniete und den goldenen Kelch an ihre Lippen setzte, dachte sie nur an die roten Schuhe. Es war ihr, als ob sie selbst in dem Kelche vor ihr schwämmen; und sie vergaß, den Choral mitzusingen und vergaß, ihr Vaterunser zu beten.

Nun gingen alle Leute aus der Kirche, und die alte Dame stieg in ihren Wagen. Karen hob den Fuß, um hinterher zu steigen; da sagte der alte Soldat, der dicht dabei stand: „Sieh, was für schöne Tanzschuhe.“ Und Karen konnte es nicht lassen, sie musste ein paar Tanzschritte machen!“ Und als sie angefangen hatte, tanzten die Beine weiter; es war gerade, als hätten die Schuhe Macht über sie bekommen; sie tanzte um die Kirchenecke herum und konnte nicht wieder aufhören damit; der Kutscher musste hinterher laufen und sie festhalten. Er hob sie in den Wagen; aber die Füße tanzten weiter, so dass sie die gute alte Dame heftig trat.

Endlich zogen sie ihr die Schuhe ab, und die Beine kamen zur Ruhe.

Daheim wurden die Schuhe in den Schrank gesetzt, aber Karen konnte sich nicht enthalten, sie immer von neuem anzusehen.

Nun wurde die alte Frau krank, und es hieß, dass sie nicht mehr lange zu leben hätte. Sie sollte sorgsam gepflegt und gewartet werden, und niemand stand ihr ja näher als Karen. Aber in der Stadt war ein großer Ball und Karen war auch dazu eingeladen. Sie schaute die alte Frau an, die ja doch nicht wieder gesund wurde, sie schaute auf die roten Schuhe, und das schien ihr keine Sünde zu sein. – Da zog sie die roten Schuhe an – das konnte sie wohl auch ruhig tun! – aber dann ging sie auf den Ball und fing an zu tanzen.

Doch als sie nach rechts wollte, tanzten die Schuhe nach links, und als sie den Saal hinauf tanzen wollte, tanzten die Schuhe hinunter, die Treppe hinab, über den Hof durch das Tor aus der Stadt hinaus. Tanzen tat sie, und tanzen musste sie, mitten in den finsteren Wald hinein.

Da leuchtete es zwischen den Bäumen oben, und sie glaubte, dass es der Mond wäre; denn es sah aus wie ein Gesicht. Es war jedoch der alte Soldat mit dem roten Barte. Er saß und nickte und sprach: „Sieh, was für hübsche Tanzschuhe.“

Da erschrak sie und wollte die roten Schuhe fortwerfen; aber sie hingen fest. Sie riss ihre Strümpfe ab; aber die Schuhe waren an ihren Füßen festgewachsen. Und tanzen tat sie und tanzen musste sie über Feld und Wiesen, in Regen und Sonnenschein, bei Tage und bei Nacht; aber in der Nacht war es zum Entsetzen.

Sie tanzte zum offenen Kirchhofe hinein, aber die Toten dort tanzten nicht; sie hatten weit Besseres zu tun als zu tanzen. Sie wollte auf dem Grabe eines Armen niedersitzen, wo bitteres Farnkraut grünte, aber für sie gab es weder Rast noch Ruhe. Und als sie auf die offene Kirchentür zutanzte, sah sie dort einen Engel in langen weißen Kleidern; seine Schwingen reichten von seinen Schultern bis zur Erde nieder. Sein Gesicht war strenge und ernst, und in der Hand hielt er ein Schwert, breit und leuchtend:

„Tanzen sollst Du“ sagte er, „tanzen auf Deinen roten Schuhen, bist Du bleich und kalt bist, bis Deine Haut über dem Gerippe zusammengeschrumpft ist. Tanzen sollst Du von Tür zu Tür, und wo stolze, eitle Kinder wohnen, sollst Du anpochen, dass sie Dich hören und fürchten! Tanzen sollst Du, tanzen“ „Gnade“ rief Karen. Aber sie hörte nicht mehr, was der Engel antwortete, denn die Schuhe trugen sie durch die Pforte auf das Feld hinaus, über Weg und über Steg, und immer musste sie tanzen.

Eines Morgens tanzte sie an einer Tür vorbei, die ihr wohlbekannt war. Drinnen ertönten Totenpsalmen; ein Sarg wurde herausgetragen, der mit Blumen geschmückt war. Da wusste sie, dass die alte Frau tot war, und es kam ihr zum Bewusstsein, dass sie nun von allen verlassen war, und Gottes Engel hatte sie verflucht.

Tanzen tat sie und tanzen musste sie, tanzen in der dunkeln Nacht. Die Schuhe trugen sie dahin über Dorn und Steine, und sie riss sich blutig. Sie tanzte über die Heide hin bis zu einem kleinen, einsamen Hause. Hier, wusste sie, wohnte der Scharfrichter, und sie pochte mit dem Finger an die die Scheibe und sagte:

„Komm heraus – Komm heraus – Ich kann nicht hineinkommen, denn ich tanze.“

Und der Scharfrichter sagte: „Du weißt wohl nicht, wer ich bin? Ich schlage bösen Menschen das Haupt ab, und ich fühle, dass mein Beil klirrt!“

„Schlag mir nicht das Haupt ab“ sagte Karen, denn dann kann ich nicht meine Sünde bereuen! Aber haue meine Füße mit den roten Schuhen ab.“

Nun bekannte sie ihre ganze Sünde, und der Scharfrichter hieb ihr die Füße mit den roten Schuhen ab: aber die Schuhe tanzten mit den kleinen Füßchen über das Feld in den tiefen Wald hinein.

Und er schnitzte ihr Holzbeine und Krücken, lehrte sie die Psalmen, die die armen Sünder singen, und sie küsste die Hand, die die Axt geführt hatte, und ging von dannen über die Heide.

„Nun habe ich genug um die roten Schuhe gelitten“ sagte sie, „nun will ich in die Kirche gehen, damit es auch gesehen wird.“ Und sie ging, so schnell sie es mit den Holzfüßen konnte, auf die Kirchentür zu. Als sie aber dorthin kam, tanzten die roten Schuhe vor ihr her, und sie entsetzte sich und kehrte um.

Die ganze Woche hindurch war sie betrübt und weinte viele bittere Tränen. Als es aber Sonntag wurde, sagte sie: „So, nun habe ich genug gelitten und gestritten. Ich glaube wohl, dass ich ebenso gut bin wie viele von denen, die in der Kirche sitzen und prahlen!“ Und dann machte sie sich mutig auf. Doch kam sie nicht weiter als bis zur Pforte; da sah sie die roten Schuhe vor sich hertanzen, und sie entsetzte sich sehr, kehrte wieder um und bereute ihre Sünde von ganzem Herzen.

Dann ging sie zum Pfarrhause und bat, ob sie dort Dienst nehmen dürfe; sie wolle fleißig sein und alles tun, was sie könne; auf Lohn sehe sie nicht, wenn sie nur ein Dach übers Haupt bekäme und bei guten Menschen wäre. Und die Pfarrersfrau hatte Mitleid mit ihr und nahm sie in Dienst. Und sie war fleißig und nachdenklich. Stille saß sie und hörte zu, wenn am Abend der Pfarrer laut aus der Bibel vorlas. All die Kleinen liebten sie sehr; aber wenn sie von Putz und Staat sprachen und dass es herrlich sein müsse, eine Königin zu sein, schüttelte sie mit dem Kopfe.

Am nächsten Sonntag gingen alle zur Kirche, und sie fragten sie, ob sie mitwolle, aber sie sah betrübt mit Tränen in den Augen auf ihre Krücken herab, und so gingen die anderen ohne sie fort, um Gottes Wort zu hören; sie aber ging allein in ihre kleine Kammer. Die war nicht größer, als dass ein Bett und ein Stuhl darin stehen konnte, und hier setzte sie sich mit ihrem Gesangbuche hin. Und als sie mit frommem Sinn darin las, trug der Wind die Orgeltöne aus der Kirche zu ihr herüber, und sie erhob unter Tränen ihr Antlitz und sagte: „O Gott, hilf mir.“

Da schien die Sonne so hell, und gerade vor ihr stand Gottes Engel in den weißen Kleidern, er, den sie in der Nacht in der Kirchentür gesehen hatte. Aber er hielt nicht mehr das scharfe Schwert, sondern einen herrlichen grünen Zweig, der voller Rosen war. Mit diesem berührte er die Decke, und sie hob sich empor, und wo er sie berührt hatte, leuchtete ein goldener Stern. Und er berührte die Wände, und sie weiteten sich. Nun sah sie die Orgel und hörte ihren Klang, und sie sah die alten Steinbilder von den Pfarrern und Pfarrersfrauen.

Die Gemeinde saß in den geschmückten Stühlen und sang aus dem Gesangbuch. – Die Kirche war selbst zu dem armen Mädchen in die kleine, enge Kammer gekommen, oder war sie etwa in die Kirche gekommen? Sie saß im Stuhl bei den anderen aus dem Pfarrhause, und als der Psalm zu Ende gesungen war, blickten sie auf und nickten ihr zu und sagten: „Das war recht, dass Du kamst, Karen.“

„Es war Gnade“ sagte sie.

Und die Orgel klang, und die Kinderstimmen im Chor ertönten sanft und lieblich! Der klare Sonnenschein strömte warm durch die Fenster in den Kirchenstuhl, wo Karen saß; ihr Herz war so voll Sonnenschein, Frieden und Freude, dass es brach. Ihre Seele flog mit dem Sonnenschein auf zu Gott, und dort war niemand, der nach den roten Schuhen fragte.

Die Werwölfin

Märchen aus Kroatien


Es ist schon lange her, als die Menschen
noch an Werwölfe glaubten,
aber es soll sie einstmals gegeben haben,
und deshalb möchte ich euch
diese wahre Geschichte
von einer Werwölfin erzählen.

Es lebte in dieser Gegend
ein Graf mit seiner hübschen Tochter.
Diese verliebte sich in einen gemeinen Soldaten
und sagte ihrem Vater,
dass sie nur diesen und keinen anderen zum Manne nehmen wolle.

Natürlich gefiel dies dem Grafen gar nicht,
denn das wäre für ihn eine große
Schande gewesen, wenn sein Töchterchen
einen einfachen Soldaten geheiratet hätte,
und so wollte er dies auf keinen Fall zulassen.

Deshalb ließ er, nachdem er davon erfahren hatte,
seine Tochter zu sich kommen, und sprach:

„Liebes Töchterchen, ich habe erfahren,
dass du einen gemeinen Soldaten liebst
und nur diesen zum Manne nehmen möchtest.
Das wäre für mich eine Schande,
und deshalb schlage ich dir den jungen Baron vor,
der bereits einmal um deine Hand angehalten hat.“
„Den stolzen Baron nehme ich nicht!“,
bekam er zur Antwort.

„Ich will meinen Soldaten oder keinen!“
„Dann schlage ich dir den jungen Grafen vor,
der auch schon einmal um deine Hand angehalten hat“,
sprach ihr Vater.

„Den eingebildeten Grafen nehme ich nicht!“,
rief sein Töchterchen.
„Ich will meinen Soldaten und sonst keinen!
Eher würde ich mich zu Tode kränken
und mich darnach in eine Werwölfin verwandeln,
als den Stolzling oder den Einbildling
zu heiraten!“

Dies verdross ihren Vater derart,
dass er befahl, seine Tochter
so lange in ihre Kammer einzuschließen,
bis sie sich eines Besseren besonnen hätte.

Jedoch diese besann sich nicht eines Besseren,
sondern starb vor Kummer.

Ihr Geliebter verließ die Stadt,
um sich bei einem anderen Regimente anwerben zu lassen.

Nachdem des Grafen Töchterlein gestorben war,
wurde ihr Leichnam in der Dorfkirche aufgebahrt.

In der ersten Nacht hielt der verschmähte Baron
an der Schwelle der Kirchentüre Wache.
Nachdem die Kirchturmuhr
eine Stunde vor Mitternacht geschlagen hatte,
erhob sich die verstorbene Jungfrau
aus ihrem Sarge.

„Wie hungrig ich bin“,
schluchzte sie und suchte die ganze Kirche
nach etwas Essbarem ab.

Nachdem sie nichts gefunden hatte,
ging sie hinaus und sah den Baron auf Totenwache.

Sie stürzte sich von hinten auf ihn
und fraß ihn mit Haut und Haar.
Nur die Knochen blieben von ihm übrig.

Als die Kirchturmuhr Mitternacht schlug,
legte sie sich in den Sarg und war wieder tot.

Am nächsten Morgen ging der Graf zur Kirche,
um nach dem Adeligen zu sehen,
aber er fand nur dessen Knochen.

„Mein Gott!“,
rief er aus.
„So ist meine Tochter wirklich eine Werwölfin geworden
und hat den Baron gefressen!“

In der zweiten Nacht
hielt der verschmähte Grafensohn
an der Schwelle der Kirchentüre Wache.
Nachdem die Kirchturmuhr
eine Stunde vor Mitternacht geschlagen hatte,
erhob sich die verstorbene Jungfrau
aus ihrem Sarge.

„Wie hungrig ich bin“,
schluchzte sie und suchte die ganze Kirche
nach etwas Essbarem ab.

Nachdem sie nichts gefunden hatte,
ging sie hinaus und sah den Grafen auf Totenwache.

Sie stürzte sich von hinten auf ihn
und fraß ihn mit Haut und Haar.
Nur die Knochen blieben noch von ihm übrig.

Als die Kirchturmuhr Mitternacht schlug,
legte sich Werwölfin wieder in den Sarg
und war wie tot.

Am nächsten Morgen ging der Graf zur Kirche,
um nach dem Adeligen zu sehen,
aber er fand nur dessen Knochen.

„Mein Gott!“,
rief er aus.
„So hat meine Tochter auch noch den Grafensohn gefressen!

So kann das nicht weitergehen!“
Er ließ aus der Nachbarstadt
den Soldaten holen,
den seine Tochter so gerne geheiratet hätte,
denn er dachte sich:
„Wenn sie überhaupt jemanden verschont,
dann ihn.“

Der Soldat kam auch,
um in der dritten Nacht vor der Kirche
Totenwache zu halten.
Auf dem Wege dorthin saß am Wegesrande
ein alter Bettler,
der ihn um eine kleine Gabe bat.

Alles, was er hatte,
schenkte der Soldat dem Alten,
denn wozu auch hätte er all den Tand
am nächsten Morgen noch gebrauchen können?

Jedoch dieser Greis war Gott selbst.
Dank sei ihm und Ehr!

„Ich weiß, dass du dich fürchtest,
als Dritter gefressen zu werden
und deshalb will ich dir helfen“,
sprach der Alte zum Soldaten.
„Zähle deine Schritte vom Glockenturme
bis zur Kirchenschwelle ab.

Wenn die Turmuhr
eine Stunde vor Mitternacht geschlagen hat,
so entferne dich ebenso viele Schritte
von der Schwelle, aber blicke dich ja nicht um.“

Der Jüngling bedankte sich bei dem Bettler,
wie er meinte, und zählte seine Schritte vom Glockenturme
bis zur Kirchenschwelle ab.

Nachdem die Turmuhr
eine Stunde vor Mitternacht geschlagen hatte,
entfernte er sich so viele Schritte von der Schwelle,
wie er zuvor gezählt hatte.

Die verstorbene Jungfrau
hatte sich wiederum aus ihrem Sarge erhoben und weinte:
„Wie hungrig ich bin.“
Darnach suchte sie die ganze Kirche
nach etwas Essbarem ab.

Nachdem sie nichts gefunden hatte,
ging sie hinaus und sah den Soldaten in der Ferne.
Sie eilte ihm nach,
jedoch da schlug die Turmuhr gerade Mitternacht.
Damit war der Spuk vorbei und die Jungfrau erlöst.
„Bist du zu mir gekommen, Liebster?“,
frug sie und umarmte und küsste ihn.

„Hat denn mein Vater gedacht,
dass ich dich auch auffressen würde?“

Die erlöste Werwölfin
nahm ihren Herzallerliebsten bei der Hand,
und beide gingen in die Kirche.

Am nächsten Morgen begab sich der Graf
sofort nach Sonnenaufgang zur Kirche,
um nachzusehen, wo der Soldat sei.
Nachdem er keine Knochen vorfand,
schaute er durch ein kleines Fenster
in die Kirche hinein, und was erblickte er?
Er sah sein Töchterchen und den Soldaten,
Hand in Hand, sich herzlich unterhaltend.
Da ging er sofort in die Kirche hinein
und gab den beiden seinen väterlichen Segen,
denn er war froh und zufrieden,
dass seine Tochter nun keine Werwölfin mehr war,
sondern wieder am Leben.

Hätte er schon zuvor so gedacht, dann wäre all das
nicht passiert, aber ich hätte euch auch nicht
die Geschichte von der Werwölfin erzählen können,
die sich angeblich wirklich so zugetragen hat.
Dank sei Gott, dem Herrn!


Dieses Märchen wurde mir von Klaus Streichert zur Verfügung gestellt.
Das Copyright dieses Märchens liegt beim Autor: maerchenklaus11@gmx.at
Das Kopieren in andere Webseiten oder Foren ist nur mit schriftlicher Erlaubnis von Klaus Streichert gestattet.

Meister Besenbinder

von Märchenklaus

Es lebte einmal ein Besenbinder,
der so arm war, dass er nicht einmal sein eigenes Hüttchen
mit Stroh oder Schilf ausbessern konnte,
sodass ihm die übermütigen kalten Winterwinde
keineswegs willkommen waren.

Es kamen daher auch,
ohne dass er hätte dagegen etwas unternehmen können,
viel Spuk und Gesindel zu ihm
und versteckten sich unter seinem Gerümpel,

wenn, in den zwölf Raunächten,
der wilde Jägersmann
mit seiner verwunschenen Schar
durch die Lüfte toste.

Auf einem dreibeinigen Pferd
reitet dieser dann durch die Nächte,
begleitet von dreibeinigen Hunden, Füchsen und Dachsen.

Ein einäugiger Eber gehört auch zu seinem Gefolge,
und die ungebärdigen Rösser
sind allesamt tote Pfaffenköchinnen.

Diese haben zu Lebzeiten
Menschen oder Tiere misshandelt
und müssen nun lange Zeit,
in rastloser, stürmischer Unruhe,
zwischen Himmel und Erde dahin jagen.

Zum wilden Jäger
wurde der Gefährte Nimrods weil er es wagte,
auf die Sonne zu schießen und diese verletzte.

Zur Strafe dafür muss er nun ewig umherjagen
und zieht mit seiner Meute
in den Zwölfernächten in der Welt umher.

Eines Abends,
es war die erste Julnacht,
hatte sich der Besenbinder gerade auf sein Bett aus Lumpen gelegt,
um zu schlafen, als die wilde Jagd
durch die Lüfte heranbrauste.

Plötzlich
riss der Sturmwind die schwache Türe auf,
und herein flüchtete ein Waldweibchen,
das sich eilends in dem leeren Kessel versteckte,
der über dem kalten Herde hing.

Kurz danach sprang ein dreibeiniger Hund
in die Stube und frug:

„Meister Besenbinder!
Hast du ein altes Weib gesehen?“

„Nein“,
antwortete überrascht der Gefragte.
„Ich habe keine alte Frau gesehen
und nun entferne dich und lass mich schlafen.“

„Hallo, holla!
Wol, wol!“,

erklang es aus den Lüften,
und weg war der dreibeinige Köter.

Kurz darnach,
sprang ein dreibeiniger Fuchs in die Stube und bellte:

„Meister Besenbinder!
Hast du ein altes Weib gesehen?“

„Nein“,
antwortete zitternd der Gefragte.
„Ich habe keine alte Frau gesehen
und nun entferne dich und lass mich schlafen.“

„Hallo, holla!
Wol, wol!“,

erklang es aus den Lüften,
und weg war der dreibeinige Reineke.

Noch ein drittes Mal
wurde der Besenbinder in seiner Ruhe gestört.

Ein dreibeiniges Ross,
wohl eine verfluchte Pfaffenköchin,
sprang in die Stube
und wieherte:

„Meister Besenbinder!
Hast du ein altes Weib gesehen?“

„Nein“,
antwortete nun schlotternd der Gefragte.
„Ich habe keine alte Frau gesehen
und nun entferne dich und lass mich schlafen.“

„Hallo, holla!
Wol, wol!“,

erklang es aus den Lüften,
und weg war sie, die wilde Jagd.

Da kroch das Waldweibchen aus dem Kessel,
bedankte sich und frug ihren Retter,
was er als Dank für das Versteck verlange.

„Nun“,
sagte der Besenbinder,
dem im Augenblicke gerade nichts Rechtes einfiel,
„ich möchte mir einmal den Mittwinterumzug
ansehen.“

Das ist in der Julzeit die Stunde,
wo alle Tiere und Lichtwesen
von Baum zu Baum ziehen,
um anzusagen,
dass die Sonne wieder höher steigen wird.

„Gerne nehme ich dich mit“,
antwortete das Waldweiblein,
„doch zuvor werde ich an dir
wohl etwas verändern müssen,
damit dich die Tiere und Lichtwesen auch annehmen.“

Sie öffnete und schloss dreimal ihre zwei Hände,
zeigte dabei mit ihren zehn Fingern
auf den Besenbinder,
murmelte dazu unverständliche Worte,
und plötzlich tanzten zehn kleine Flammen
auf den Fingern des Mannes, jedoch,
ohne diese zu verbrennen.

„So, jetzt komm mit“,
sagte das Weiblein noch,
und beide wanderten miteinander in den Wald.

Mit den Flammen auf seinen zehn Fingern
ließ man den Fremden
überall mitlaufen.
Weder Tiere, noch Lichtwesen
hatten Scheu vor dem Besenbinder,
und er sah Rehe, Hirsche und Ottern,
gefolgt von den kleinen Baumweibchen
Hollerfrauen und Erlköniginnen,
den dicken Stubenkerlen und Moorknirpsen
und noch allerlei anderen wunderlichen Gestalten.

Die Nacht war wunderschön hell und klar.
Die Tiere und Lichtgestalten
zogen von Baum zu Baum,
berührten diese und sangen,
dass die Sonne wieder höher steigen werde.

Auf einmal,
als sie gerade so mitten drin im tiefen Walde waren,
sauste ein Feuerwisch vorbei.

Dies,
so flüsterte das Waldweiblein dem Besenbinder
ins Ohr, sei ein geiziger Bauer,
der zu seinem vergrabenen Schatz wolle.
Schnell fuhr er, da er ja nicht wusste,
dass ein Mensch unter dem Lichtervolke war,
in ein Blitzloch zwischen drei Buchen.

Dort nämlich
hatte er zu seinen Lebzeiten das Geld vergraben.
Die Tiere und Lichtwesen murrten,
denn sie mochten es nicht,
dass die Verwunschenen
an solch feierlichen Tagen ihr Geld zählten,
und auch der Besenbinder fand dies arg.
Er konnte indes, ebenso wenig wie alle anderen,
dagegen etwas unternehmen.

Nachdem nun
das Lichtervölkchen und die Tiere
den Wald mit ihren Liedern und Lichtern
durchwandert hatten, kehrten sie alle wieder
glücklich und zufrieden dorthin zurück,
von woher sie zuvor gekommen waren.

Nur der Besenbinder
konnte nicht mehr so richtig einschlafen.

Er dachte,
dass er ein wenig von dem vergrabenen Schatz
ganz gut gebrauchen könnte.
Er sprang daher wieder aus dem Bette,
holte sich einen Spaten,
lief zu den drei Buchen und begann zu graben,
dass sein Schweiß in Strömen floss.
Er grub und grub, bis es hell wurde,
aber nichts hatte er entdeckt.

Nach Sonnenaufgang,
so hatte er gehört, stößt niemand mehr
auf einen verwunschenen Schatz,
und so ließ er vorderhand das Graben sein.

Als jedoch die zweite Julnacht anbrach,
machte er sich sofort wieder auf den Weg
zu den drei Buchen.

Jedoch
er hätte etwas vorsichtiger sein sollen,
denn weder Tiere noch Lichtwesen mögen es,
wenn Habgier ihre Andacht stört.

Der Besenbinder grub und grub
und da geschah etwas,
was nur in den heiligen Nächten passiert.
Unter dem Grabenden
schüttelte sich auf einmal der Boden,
die Erde sprang auf, und plötzlich hob sich aus der Tiefe
eine riesige Truhe.

Der Mann öffnete sie rasch und sah,
dass sie, bis zum Rande,
mit Geld und alten Goldstücken angefüllt war.

Schnell
stopfte er sich seine Taschen voll,da er in der Ferne
Lieder des Mittwinterzuges vernahm und durch die Bäume
bereits einige Lichtlein schimmern sah.

Deshalb war es für ihn höchste Zeit, heimzukehren,
denn der Umzug der Tiere und des Lichtvölkchens
kam langsam näher und näher.

Da er in dieser Nacht
keine Flammen auf den Fingern hatte,
würden sie ihn sicherlich
sogleich als Fremden erkennen
und ihn dementsprechend bestrafen.

Eiliger, als er gekommen war,
machte sich der Besenbinder auf den Heimweg
und erreichte gerade noch rechtzeitig
seine armselige Behausung.
Als er seine Taschen ausleerte
und seinen Schatz zählte,
da wusste er, dass er sich davon
eine neue Hütte würde bauen können
und außerdem würde ihm auch noch einiges
für seine alten Tage übrig bleiben.

Am Mittwinterumzug
der Tiere und Lichtwesen teilzunehmen,
traute sich Meister Besenbinder nicht mehr,
und wenn die Zwölf nahten,
die Raunächte zwischen dem
25. Dezember und 6. Januar,
verschloss er sämtliche Fenster und Türen seiner Hütte
und wagte sich, nach Einbruch der Dunkelheit,
nicht mehr ins Freie,
weil er zu Recht befürchtete,
der Feuerwisch des geizigen Bauern
könnte in die Stube fahren
und sich an ihm rächen, oder aber
die Tiere oder Lichtwesen
könnten ihn fragen, warum er ihre feierliche Stunde
durch den vergrabenen Schatz entweiht habe.

Denn diese Wesen wissen ja nicht,
dass viele Menschen neben einer guten Seele,
auch noch
Gier nach Gold in ihrem Herzen haben.

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Dieses Märchen wurde mir von Klaus Streichert zur Verfügung gestellt.
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Die falschen Weihnachtsbäume

Charlotte Niese


Auf unsrer Insel gab es wenig Bäume. So wenig, dass das Brennholz weither über das Wasser geholt werden musste, und dass viele der Inselbewohner niemals einen Wald gesehen hatten. Auch die Tannenbäume waren ein seltner Artikel, was uns als Kinder immer sehr aufregte. Denn wenn es gegen die Weihnachtszeit ging, tauchten immer wieder die Zweifel auf, ob wir wohl einen wirklichen oder einen falschen Tannenbaum am heiligen Abend bekämen. Einen wirklichen Tannenbaum, der im Walde gewachsen war, und in dessen Zweigen die Vögel gesungen hatten, oder einen falschen, der in der Werkstatt des Meister Ahrens das Licht der Welt erblickt hatte.

Meister Ahrens war unser Tischler. Er sah alt aus und hatte einen sehr kahlen Kopf, aber wir hatten ihn gern, besonders wenn er nicht immer von seinem guten Herzen sprach. Das langweilte uns, weil wir es eigentlich für selbstverständlich hielten, dass man ein gutes Herz haben müsse.
Ahrens kam oft zu uns. In unsrer Kinderstube ging aller Augenblicke etwas auseinander, was eigentlich zusammengehörte, und Meister Ahrens erschien dann mit seinem Leimtopf, sagte, er hätte ein gutes Herz, und klebte alles wieder zusammen. Wir halfen ihm natürlich und drängten uns um die Ehre, in seinem klebrigen Topf dreimal herumrühren zu dürfen; aber seine Tannenbäume konnten wir nicht leiden. Das kam wahrscheinlich daher, weil wir sie schon so lange vorher sahen. Schon im Frühjahr arbeitete Ahrens an langen Weißen Stöcken, in die er Löcher bohrte; im August und September malte er diese Stöcke mit grasgrüner Ölfarbe an und trocknete sie vor seiner Haustür. Später sahen wir sie zusammengebunden in seiner Werkstatt liegen, bis der Dezember ins Land zog. Dann verschaffte er sich Tannenzweige, steckte diese in die Löcher der grünen Stöcke und betrieb einen schwunghaften Handel mit Tannenbäumen. Auch uns bot er immer von seinem Fabrikat an, aber obgleich wir nicht leugnen konnten, dass seine Bäume schließlich sehr nett aussahen, so verhielten wir uns meist ablehnend. »Sie sind so billig,« sagte Ahrens eines Tages zu uns, als wir ihn einer Bestellung wegen in seiner Werkstatt besuchten, und er gerade einen grünen Stock etwas nachmalte.

»Wir wollen sie doch nicht!« erwiderte mein Bruder Jürgen, der in seinen Aussprüchen oft sehr bestimmt war. »Ich mag keinen falschen Tannenbaum!«
»Falsch! Du lieber Gott, wasn Wort!« Ahrens sah beleidigt aus. »Da is nich die geringste Falschheit bei! Meine Tannenbäumens sind feiner als die natürlichen, kann ich dich sagen, mein Junge! An die natürlichen is oft Smutz und Erde, und bei mich is bloß die reine Ölfarbe!«

»Wo bekommst du eigentlich die Tannenzweige her?« fragten wir.

Der alte Tischler machte ein wichtiges Gesicht. »Aus ’n Wald, aus ’n richtigen Tannwald, wo die Vögelns singen, und wo soviel Bäumens stehn, dass man mannichmal keine Luft kriegen kann!«

»Wo liegt der Wald, und wer holt dir die Tannenzweige?«
Wir waren dem Tischler doch näher gerückt und sahen ihn gespannt an. Aber er zuckte die Achseln. »Ja, das möcht ihr wohl wissen! Das sag ich abersten nich – nee, das sag ich nich!«

Auf diese Art umgab Meister Ahrens seine Bäume mit dem Nimbus des Geheimnisvollen, und dadurch gewannen sie natürlich in unsern Augen.
Es war schon ziemlich nahe vor Weihnachten, und wir sprachen eigentlich von nichts anderm als von dem bevorstehenden Feste. Endlos lange Wunschzettel waren geschrieben: hin und wieder wurde eine Träne über eine völlig missglückte Weihnachtsarbeit vergossen, oder wir schmiedeten Pläne, was wir noch verschenken wollten. Manchmal ging die Zeit entsetzlich langsam und manchmal unheimlich schnell dahin, und unsre Lehrer beklagten sich über unsre Zerstreutheit.

Es war an einem Morgen im Dezember, dass ich zu Meister Ahrens geschickt wurde, um ihn samt seinem Leimtopfe zu uns einzuladen. Unsre Kinderstubeneinrichtung hatte durch eine längere lebhafte Unterhaltung der ältern Brüder stark gelitten, und Ahrens sollte gleich kommen. Vergnügt polterte ich die enge Treppe zu seiner Werkstatt hinauf, konnte aber nicht bis auf die letzte Stufe kommen, weil dort ein Kind stand, auf das der alte Tischler eifrig einsprach.

»Ich muss die Zweigens haben, und Vater muss herüber und sie holen!«
»Vater is bang!« lautete die schüchterne Erwiderung.
»I, was sollt Vater woll bang sein; er muss los – sonsten klag ich ihm ein, wo er mich doch Geld schuldig is! Ohne die Zweigens kann ich ja nix machen, und das Geschäft mit die Bäumens muss anfangen! Nu geh du man, und lass Vater man auch gehn!«

Das Kind, es war ein ziemlich großes Mädchen, glitt an mir vorüber, und ich konnte jetzt in die Werkstatt treten und meine Bestellung ausrichten. Aber Meister Ahrens hörte kaum auf mich. Er war sehr schlechter Laune und betrachtete seufzend seinen Haufen grüner Stöcke, der friedlich in einer Ecke lag.
»Kannst du keine Zweige aus dem großen Walde kriegen?« fragte ich neugierig. Er aber sah mich streng an.
»Frag nich so dumm! Ich kann allens, was ich will, und meine Tannenbäumens sind besser als die natürlichen!«

Als ich wieder hinauskam, da saß dasselbe Mädchen, das vorhin mit Ahrens gesprochen hatte, auf der Türschwelle. Sie weinte nicht, aber sie sah aus, als ob sie wohl Lust dazu hätte, und ich setzte mich neben sie und betrachtete sie schweigend. Sie war sehr ärmlich, aber ziemlich sauber gekleidet, nur ihr dickes, blondes Haar hing unordentlich um ihren Kopf. An diesem Haar erkannte ich sie, und ich nickte ihr freundlich zu.
»Du hast mir neulich mein Lesebuch nachgebracht, als ich aus der Stunde kam, weißt du noch? Ich hatte es auf dem Wege verloren!«
Sie sah jetzt auf, und ihre Augen blickten weniger trübe.

»Das war so’n feines Buch,« sagte sie, »mit Bildern ein – so’n feines Buch!«
»Hast du kein Lesebuch?« erkundigte ich mich, während ich mit einiger Beschämung daran dachte, dass ich dieses Buch schon zweimal hinter den Schrank geworfen hatte, nur um es nie wieder zu sehen. Leider war es immer wieder gefunden worden.
Sie schüttelte den Kopf. »Nee – ich hab nix, gar nix!«

»Was wünschst du dir denn zu Weihnachten?«
»Ich?« Das Mädchen sah überrascht aus. Dann lachte sie. »Was sollt ich mich woll wünschen; ich krieg doch nix!«
»Du bekommst gar nichts?«

Unwillkürlich rückte ich der Sprecherin näher. »Bist du dann zu Weihnachten nicht furchtbar traurig?«
»Nee« – sie lachte wieder. »Was sollt ich woll traurig sein, wo ich den ganzen Abend rumlauf und in all die Fensters guck und all die Weihnachtsbäumens zu sehen krieg! Mannichmal krieg ich auch noch ein Stück Brot mit Rosinens geschenkt!«
»Weihnachtsabend darf man eigentlich nicht ausgehn!« sagte ich. »Da muss man zu Hause bei seinen Eltern bleiben!«
»Ja, wenn Vater man nich sitzt, denn bleib ich auch bei ihm; abers er is nu ja ümmerlos im Loch – da sitz ich ja ganz allein, wo Mutter doch tot is –«
»Er sitzt im Gefängnis?«

Wenn es angegangen wäre, hätte ich mich noch näher an meine neue Bekanntschaft gedrückt. Wir saßen aber schon ganz nahe aneinander geschmiegt. Aber um ihr doch zu zeigen, wie interessant sie mir sei, griff ich in die Tasche, in der ich einige getrocknete Pflaumen hatte, und bot sie ihr an. Dörthe Krieger, so hieß das Mädchen, nahm sie auch und verzehrte sie mit einiger Gier, während ich ihr zusah. Ich hatte mir nämlich gerade aus dem vorhin erwähnten Lesebuch eine wunderhübsche Geschichte von einem unschuldig Gefangnen vorlesen lassen und nahm jetzt an, dass die Gefängnisse nur dazu da wären, Unschuldige zu quälen.
»Dein Vater hat doch natürlich nichts Böses getan?« fragte ich.

Dörthe schüttelte den Kopf. »Nee – natürlich nich! Bloß ein büschen Stehlen. Weiter gar nix. Der Bürmeister is auch zu eigen. Abers nach die Tannenzweigen in Holstein will er doch nich hin!«
»Stiehlt er die auch?«

»Ja, wo sollt er sonstens zu sie kommen? Sie sitzen an ein Baum, und der Baum gehört ein Grafen zu, der furchtbar slecht is und nich leiden kann, wenn man in sein Wald spazieren geht. Vater sagt, der Wald is so groß, und da laufen Rehe und Hasen herum – da merkt kein ein, wenn ein Baum fehlt und wenn da ein Reh weniger is. Hast mal Rehbraten gegessen? Der smeckt abers fein! Vater soll dich ein Stück abgeben, wenn er wieder mal was mitbringt! Na, abers er will diesmal nich gern hin. Die Försters haben ihn so grässlich aufn Strich, und wenn sie ihn kriegen, denn sperren sie ihn gleich ein, und – denk dich mal! – er muss jedes Mal länger sitzen!«

»Dann darf er doch nicht in den großen Wald gehn!« rief ich aufstehend. Mir war, ich weiß nicht weshalb, doch etwas unheimlich zumute geworden.
»Meister Ahrens will es aber, und wir wohnen in seinem Haus!« Dörthe war ebenfalls aufgestanden und wischte sich an den Augen herum. »Er sagt, Vater muss allens ein büschen vorsichtig machen, und er braucht nicht gleich ein Reh zu nehmen. Abers wenn es nu da herumläuft?«
Auf diese Frage wusste ich auch keine Antwort; aber ich konnte es Dörthe nachfühlen, dass sie ihren Vater nicht gerade zu Weihnachten im Gefängnis haben wollte. Ich musste ihr plötzlich noch versprechen, keinem etwas von unsrer Unterhaltung zu erzählen, und dann trennten wir uns.
Jürgen wusste schon nach einer Viertelstunde die ganze Geschichte, und es war nur gut, dass ich sie ihm erzählte. Denn ich hatte etwas sehr Tadelnswertes begangen, was ich keinem erwachsnen Menschen mitteilen durfte. Von niemand würde ich etwas zu Weihnachten bekommen, wenn man erführe, dass ich mit Dörthe Krieger gesprochen hatte.

»Ihr Vater ist ein Dieb, und zwar ein ganz gemeiner!« berichtete Jürgen. »Rasmussen (unsers Großvaters Schreiber) hat mir gerade neulich davon erzählt! Denke dir, er stiehlt nicht einmal Geld, was doch das feinste beim Stehlen ist – er nimmt meist nur Würste und Schinken. Und er sitzt eigentlich immer im Gefängnis!«
Dörthe hatte mir diese betrübende Eigenschaft ihres Vaters ja auch berichtet.
»Sie will nur so ungern, dass er Weihnachten sitzt,« meinte ich; »sie ist dann ganz allein und hat niemand, dem sie ihren Weihnachtsvers aufsagen kann! Sie bekommt überhaupt gar nichts zu Weihnachten.«

»Gar nichts?« Jürgens tugendstrenges Gesicht wurde etwas milder. Aber er wusste doch keinen bessern Rat, als dass ich nicht mehr an Dörthe Krieger denken und noch weniger mit ihr sprechen sollte. Besonders nicht vor Weihnachten. Denn wenn die erwachsnen Familienglieder merkten, welchen schlechten Umgang ich hätte, dann würde es schlimm um meine Geschenkaussichten aussehen.
Jürgen konnte manchmal sehr eindringlich sprechen, und da ihm wirklich in der letzten Zeit verschiedentlich Standreden darüber gehalten worden waren, dass er in seinem Verkehr wählerischer sein sollte, so wusste er genau, was er sagen sollte, und ich hörte ihm andächtig zu. Dörthe Krieger war mir selbst doch auch etwas bedenklich vorgekommen; sie hatte meine Pflaumen wohl aufgegessen, sich aber nicht dafür bedankt. Das zeugte von einem schlechten Herzen. Als ich ihr nach etlichen Tagen wieder begegnete,, und sie mir mit einer gewissen Vertraulichkeit zunickte, sah ich sie deshalb gar nicht an. Als sie aber vorüber war, musste ich doch stehn bleiben und mich umsehen, und da sie dasselbe tat, sahen wir uns gerade in die Augen.
Sie lachte; ich aber wurde sehr entlüftet.

»Du darfst dich nicht nach mir umsehen – dein Vater ist ein ganz gemeiner Dieb, und ich will nicht mit dir sprechen.«
Dörthe schüttelte ihren struppigen Kopf und lachte wieder.

»Nee, sprechen musst du auch nich mit mich! Die Kinder in die Schule wollen auch nich bei mich sitzen. Ehegestern hab ich den ganzen Tag allein aufn Bank gesessen – das war fein!«
»Magst du gern allein sitzen?«
Ich war dem Kinde des Diebes nun doch näher getreten und sah neugierig in ihr unbekümmertes Gesicht.
»Nu natürlich mag ich es! Da sitzt kein ein bei mich und kneift mir oder schubbst mir – das is fein?«
»Ist dein Vater schon im Walde gewesen?« fragte ich.
Sie schüttelte den Kopf. »Nee – er hat ein slimmes Knie gehabt und konnt nich fort. Ahrens war doll, kann ich dich sagen, und er will uns aus ’n Haus smeißen, wenn Vater nich bald Ernst macht. For meinswegen kann Vater auch hingehn; wenn er man bloß nich wieder Weihnachten sitzen muss!«
Sie seufzte ein wenig und schob die Arme unter ihr dünnes Schultertuch.
»Ich weiß, wie allens kommt!« fuhr sie dann fort. »Vater geht in den Wald und will bloß die Zweigens abslagen, und denn sieht er ein Reh und denn slachtet er das. Und denn kommt die Pollerzei und all die slechten Menschens, und denn sitzt er Weihnachten ins Loch!«
»Hast du einen Weihnachtsvers für ihn gelernt?« fragte ich: sie beachtete aber meine Worte nicht.
»Wenn es Ostern wär oder Pfingsten, denn wär‘ es mich einerlei; da is es nich mehr so dunkel, und die andern Kinners snacken nich mehr soviel von Weihnachtsbäumens und von Aufsagen, abers nu –«
Dörthe wischte sich die Augen, und ich sah sie ratlos an.
»Hast du deinem Vater nicht gesagt, er solle bei dir bleiben?«
»Nu, ganz gewiss! Abers Ahrens wird bös, wenn er die Zweigens nicht kriegt. Zwei Jahr haben wir die Miete nich bezahlt, weil dass Vater immer so in Rückstand war!«
»Dann musst du den lieben Gott bitten, dass dein Vater kein Reh totmacht, wenn er in den Wald geht!« riet ich, und Dörthe sah mich nachdenklich an.
»Das kann angehn! Ich will ihm bitten, dass die Rehens vordem alle tot bleiben oder von den Grafen geslachtet werden. – For die Zweigens kriegt er ja bloß wenig Gefängnis!«

Sie lief weiter, und mir fiel ein, dass ich nicht mit ihr hatte sprechen wollen. Aber es hatte mich, gottlob! niemand gesehen, und da außerdem andere Gedanken mein Herz erfüllten, so vergaß ich diese Unterredung so bald, dass ich sie nicht einmal Jürgen mitteilte. Es waren nämlich nur noch acht Tage bis Weihnachten, und die prickelnde, sonderbare Unruhe kam über uns, die jedes Kind kennt. Wir mochten nicht mehr sehr lange auf einem Stuhle sitzen, und am liebsten liefen wir auf der Straße umher und besahen die bescheidnen Weihnachtsausstellungen unsers Städtchens.
Außerdem hatten wir noch Sorge wegen des Ausbleibens unsers Tannenbaumes. Der sollte mit dem Schiffer kommen, der um die Weihnachtszeit mit seiner Jacht nach Lübeck fuhr und die herrlichsten Sachen mitbrachte. Aber Schiffer Lafrenz war noch nicht in unsern Hafen eingelaufen. Das kam daher, dass der Wind die ganze Zeit »konträr« gewesen war, wie uns die Sachverständigen sagten, aber diese Erklärung beunruhigte uns nur, statt uns zu beruhigen. Wir kannten Geschichten von Leuten, die drei Wochen auf der Ostsee bei »konträrem« Winde gekreuzt hatten, ohne ihr Reiseziel zu erreichen, und die dann schließlich wieder unverrichteter Sache nach Hause gefahren waren. Erlebt hatten wir solche Sachen nicht, aber man hatte uns so oft die Abenteuer einer Seereise in alten Zeiten berichtet, dass wir das Schiff mit unserm Tannenbaum im Geiste schon bei Finnland im Eise eingefroren sahen. Die großen Leute suchten uns die Befürchtungen auszureden; wir aber fühlten uns doch verpflichtet, jeden Tag an unsern kleinen Hafen zu laufen und dort Erkundigungen nach »Anna Kathrin« einzuziehn. So hieß die Jacht vom Schiffer Lafrenz, und es war ein schönes Schiff, nur dass sie sehr schaukelte, auch wenn es gar nicht nötig schien.
Am Sonntag vor Weihnachtsabend war köstliches Wetter. Gerade so, als bildete sich die Sonne ein, Weihnachten überschlagen zu können. Sie schien so hell wie im Frühjahr, und als wir am Vormittag aus der Kirche kamen, beschlossen wir, sofort wieder nach dem Hafen zu gehn und uns nach der »Anna Kathrin« zu erkundigen.

Als wir am Hause von Meister Ahrens vorübergingen, stand dieser vor der Tür und hielt einen Tannenbaum in der Hand. Es war natürlich ein falscher, und seine Zweige waren nicht mehr frisch.

»Wo hast du die Zweige her, Meister Ahrens?« fragten wir. »Das ist kein schöner Tannenbaum geworden!«
Der Tischler antwortete nicht viel, sondern murmelte nur einige verdrießliche Worte, worauf einer der ältern Brüder berichtete, dass das Geschäft mit den Tannenzweigen dieses Jahr flau sein sollte. Da wäre niemand mit guten Tannenzweigen an die Insel gekommen, und auch die falschen Tannen sollten teuer sein. Wir andern seufzten ein wenig bei dieser Erzählung, und dann strebten wir eilig dem Hafen zu, um uns nach der »Anna Kathrin« die Augen auszuschauen. Aber alles Lugen half nichts – die dickbäuchige Jacht schaukelte weder am Bollwerk, noch war ihr geflicktes Segel irgendwo am Horizont zu erblicken.
Nachdem diese Tatsache festgestellt war, verließen die ältern Brüder uns, um einen Freund zu besuchen, dessen Onkel im Besitz eines Fernrohrs war, das dazu dienen sollte, die »Anna Kathrin« etwas schneller herbeizusehen. Wir Kleinern gingen schwermütig an den Strand und suchten uns dadurch aufzuheitern, dass wir flache Steine ins Wasser warfen. Bei dieser Gelegenheit entdeckten wir ein Boot, das an einen etwas abseitsstehenden Pfahl angekettet war. Beide Ruderpatten lagen darin, und dieser Umstand schien uns so verlockend, dass wir sofort hineinkletterten und zu rudern begannen.
Das Boot war außerordentlich schlecht; die Sitze morsch, und die Bretter des Fahrzeuges schienen kaum noch zusammenzuhalten. Wir schaukelten aber sehr vergnügt darin, und Jürgen sagte, er könne rudern und nach Holstein fahren, dessen Küste dunkel am Horizont auftauchte. Er konnte es natürlich nicht, und während wir uns um die Ruder zankten, glitt ihm das eine aus der Hand und fiel ins Wasser.
Vergnügt schwamm es davon, während wir ihm ziemlich dumm nachblickten, und als Jürgen mit dem andern Ruder den Flüchtling zu erwischen gedachte, ging diese Stange ihm auch aus der Hand.

Ein kräftiger Fluch ertönte vom Lande her, und ein Mann in großen Wasserstiefeln trat mitten ins Wasser und zog nicht allein unser Boot ans Land, sondern erfaßte auch noch die eine Stange. Die andre war aber schon zu weit fortgeschwommen, und er sah uns drohend an.
»Ihr dummes Volk! Was habt ihr in meinem Boot zu tun! Heraus mit euch, sonst werfe ich euch alle ins Wasser! Und wo ist meine Ruderstange?«
Er sprach fremder und ganz anders als die meisten Insulaner, so dass wir schon deswegen einen großen Schreck vor ihm bekamen. Aber als Jürgen mir zuflüsterte, dieser Mann wäre Jobst Krieger, der Dieb, der so oft im Gefängnis gesessen hatte, da erwachte in mir der Trotz der Selbstgerechtigkeit.
»Zu sagen hast du uns nämlich gar nichts!« bemerkte ich, aber ich sprang doch ziemlich schnell aus dem Boot.
»Weshalb nicht?« Der Mann, dessen Gesicht uns übrigens keinen abschreckenden Eindruck machte, sah mich fragend an.
»Du bist ja ein Dieb, ein ganz schlechter Mensch!« sagte ich, und Jürgen, der ebenfalls wieder auf festem Boden stand, nickte zu jedem meiner Worte.
»Du darfst gar nicht mit uns sprechen,« warf er nun ein. »Du sitzt ja immerlos im Loch!«
Auf Jobst Kriegers Gesicht lag der Ausdruck ungläubigen Staunens, dann aber wurde er plötzlich sehr rot.
»Was geht’s euch an, wenn ich im Gefängnis war? Darin haben schon fixe Kerle gesessen, kann ich euch sagen! Und überhaupt« – er sah uns langsam nach der Reihe an – »ich kenn euch gut! Wie oft lauft ihr zu dem alten Mahlmann, der sein Leben lang im Zuchthaus war!«
»Zuchthaus ist feiner als Gefängnis,« erklärte Jürgen; »viel feiner! Ich habe mal mit Mahlmann darüber gesprochen, und der hat es mir auch gesagt. So oft wie du im Gefängnis, ist Mahlmann auch nicht im Zuchthaus gewesen!«
»Nein, er nahm gleich ein gutes Ende auf einmal!« sagte Jobst Krieger, und dabei lachte er.
Er hatte wirklich kein übles Gesicht, und sein Zorn über das verlorne Ruder schien auch verraucht zu sein.
Mit schwerem Schritt stieg er nun ins Boot und begann die Kette zu lösen.
»Wohin fährst du?« fragte Bruder Milo, der sich bis jetzt nicht an der Unterhaltung beteiligt und den Dieb nur unverwandt angesehen hatte.
Jobst gab keine Antwort; mir aber fiel Dörthe wieder ein, während mir natürlich nicht in den Sinn kam, dass ich ihr Schweigen gelobt hatte.
»Er fährt in den großen Wald,« rief ich laut, »wo die Rehe und die Hasen frei herumlaufen. Da schlägt er die Tannenbäume entzwei und fängt die Rehe, und dann kommt der böse Graf und nimmt ihn gefangen! Und Dörthe muss wieder Weihnachtsabend auf der Straße herumlaufen, weil ihr Vater im Gefängnis sitzt!«
»Dummes Zeug!« sagte Jobst. Er hatte mit einer Kelle Wasser aus dem Boot geschöpft, nun hielt er inne mit seiner Arbeit.
»Dummes Zeug ist es gar nicht!« rief ich empört. »Dörthe sagt, wenn du nur Ostern oder Pfingsten stehlen wolltest, dann wäre es ihr einerlei; aber gerade Weihnachten! Da darf man doch eigentlich nicht stehlen!«
»Nein, eigentlich nicht!« meinte Jürgen, und Milo stimmte zu.

»Da kommt ja das Christkind auf die Erde, und wenn es dich nun im Gefängnis findet, dann bekommst du nichts geschenkt. Nur artige Menschen bekommen etwas!«

»Ich kriege doch nichts geschenkt!« murmelte Jobst. Er hatte uns bis dahin zugehört, nun griff er wieder zu seiner Schöpfkelle.
»Doch!« sagte Jürgen. »Wenn du Weihnachten nicht im Gefängnis sitzt, dann schenke ich dir etwas. Ich habe einen Kasten geklebt; er ist sehr hübsch, und ich wollte ihn eigentlich selbst behalten. Wenn du aber gut sein willst, dann bekommst du ihn!«
»Und ich mache dir einen Fingerring aus schwarzen Glasperlen!« rief Milo, der in Perlenvergeudung unglaubliches leistete. »Oder willst du lieber einen blauen Ring mit einer Goldperle in der Mitte? Goldperlen sind furchtbar teuer, aber ich will es doch tun!«
»Dann gebe ich Dörthe auch mein altes Lesebuch!« setzte ich hinzu und trat dabei Jobst Krieger etwas näher. Er hatte sich nämlich ins Boot gesetzt und sah uns ganz sonderbar an. Wahrscheinlich fand er die ihm gemachten Anerbietungen zu überwältigend, als dass er gleich darauf hätte eingehn können.
»Sieh mal,« setzte ich vertraulich hinzu. »lass Dörthe doch das Lesebuch bekommen! Da sind hübsche Bilder drin, und wenn die andern Kinder die sehen, dann wollen sie auch wieder bei Dörthe sitzen. Nun wollen sie es nicht, weil du soviel im Gefängnis sitzen musst! – Sie sitzt immer ganz allein, und Weihnachten ist sie auch allein. Ich sagte ihr, sie sollte den lieben Gott bitten, dass du Weihnachten bei ihr wärst; aber sie hat es wohl vergessen. Der liebe Gott tut sonst alles, um was man ihn ordentlich bittet!«

Jobst Krieger legte die Bootkette wieder um den Pfahl und trat ans Land. Er sah beunruhigt und etwas mürrisch aus, und als Jürgen ihm noch einmal seinen schönen Kasten pries, antwortete er nur durch ein unverständliches Knurren.
Auch trat jetzt ein andrer Mann auf ihn zu, der eben erst aus der Stadt gekommen war. Der sah nicht so gut aus wie Jobst, und seine Augen fuhren scheu über uns hin, während er leise mit Jobst sprach. Wir gingen jetzt, Jürgen und ich voran, während Milo noch eine Weile in der Nähe der Männer blieb und uns erst später nachgelaufen kam.

»Ich habe gehört, was sie sprachen,« erzählte er. »Ich sammelte Steine und war ganz nahe bei ihnen. Der andre Mann heißt Lorenz und wollte mit Jobst Krieger und dem Boot nach dem großen Walde fahren. Aber Jobst sagte, er hätte keine Lust, sie wollten bis morgen warten. Er müsste sich noch besinnen; Da wurde der andre Mann böse und sagte, er führe nicht am Montag, das sei ein Unglückstag; er führe am Sonntag und wollte nicht auf Jobst warten; Da haben sie sich gescholten, und nun ist Jobst Krieger zurückgegangen, und der andre ist im Boote!«
Jetzt kamen die andern Brüder. Aber sie waren, weil sie selbst durch das Fernglas nichts von der »Anna Kathrin« gesehen hatten, so niedergeschlagen, dass wir ganz vergaßen, ihnen unsre Unterhaltung zu berichten.
Aber am Abend sprachen wir doch noch von Jobst Krieger und meinten, es sei ganz überflüssig, uns auf Geschenke für ihn einzurichten. Milo begann dennoch einen Ring aus blauen Glasperlen zu arbeiten, der wirklich sehr schön wurde.
In der Nacht kam plötzlich ein furchtbares Wetter. Die Dezembersonne war trügerisch gewesen. Der Wind sprang um, Regen schlug an die Scheiben, und die Dachpfannen prasselten auf die Straße. Am andern Morgen wurde es wieder ziemlich still, und die Brüder liefen gleich an den Hafen, um nach der »Anna Kathrin« zu sehen, die denn auch wirklich einlief. Etwas beschädigt zwar, denn es war auf See ein Heidenwetter gewesen; aber die »Anna Kathrin« konnte schon einen Puff vertragen.

Obgleich der Tannenbaum nun wirklich in Sicht war, so konnten wir uns doch nicht so recht freuen. Denn Schiffer Lafrenz von der »Anna Kathrin« war nicht weit vom Hafen einem umgeschlagnen Boote begegnet, das er mit seinen scharfen Schifferaugen sofort erkannt hatte. Es gehörte einem Manne, der Lorenz hieß, und der gerade so übel berüchtigt war wie Jobst Krieger.

Am Hafen hatten die Leute gewusst, dass Jobst und Lorenz in diesem Boote am Sonntag eine Fahrt hatten machen wollen – einige Leute wollten sie auch zusammen gesehen haben. Nun hatte sie das Wetter auf offner See überrascht, und sie waren ertrunken.
Es war eine traurige Geschichte, die gar nicht für die Weihnachtszeit passte; wir mussten lange darüber sprechen. Es tat uns so sehr leid, dass Jobst doch gefahren war, und besonders Milo konnte es gar nicht begreifen. Lorenz musste ihn doch schließlich überredet haben.
Großvaters Schreiber, Rasmus Rasmussen, war nicht so traurig wie wir. Er sagte, Jobst würde doch im Zuchthause geendet haben, weil er das Stehlen nicht hätte lassen können. Tannenzweige aus dem Walde zu holen sei ja schließlich kein Verbrechen, aber Jobst hätte die schönsten Tannen auseinander geschlagen, ohne auch nur einen Menschen zu fragen. Meister Ahrens habe einen guten Lieferanten an ihm gehabt, und deshalb seien seine Tannenbäume immer so schön gewesen. Dann hätte Jobst auch noch Hasen und Rehe in Schlingen gefangen, und wenn er bei einer fremden, wohlgefüllten Speisekammer vorübergekommen wäre, dann hätte er tief hineingelangt.

Es war gewiss ein Glück, dass Jobst tot war, wie Rasmus meinte, aber wir waren doch so betrübt, dass wir eine Weile unser Weihnachtsfest ganz vergaßen. Dann schämten wir uns auch noch, dass wir um einen ganz gewöhnlichen Dieb weinten.
Das taten wir nämlich. Trotz seiner entsetzlichen Schlechtigkeit hatten wir Jobst sehr gern gehabt, wenn wir das auch keinem Menschen verraten und ihn ja auch nur wenig gekannt hatten.

Plötzlich fiel mir Dörthe ein. Was würde sie wohl dazu sagen, dass ihr Vater ertrunken war? Den ganzen Tag musste ich an sie denken, und Jürgen und Milo sprachen auch von ihr. Nun war sie immer allein; nicht nur Weihnachten, nein auch Ostern und Pfingsten, das ganze Leben hindurch.
In unserm Hause wurde gerade Kuchen gebacken; das war eine angenehme Zerstreuung; aber als es dämmrig wurde, lief ich doch zu Dörthe Krieger, deren Wohnung ich jetzt ganz gut kannte, obgleich ich sie nie betreten hatte. Jürgen lief mit, und wir hatten Mama ein Paket Kuchen für die arme Dörthe abgebettelt.
In dem kleinen, sehr verfallnen Hause am äußersten Ende der Stadt brannte schon Licht, und als wir ohne weiteres in die Haustür und dann in die kleine, ärmlich eingerichtete Stube stürzten, prallten wir erschrocken zurück. Denn auf einem Holzschemel, von einem Talglicht beleuchtet, saß Jobst Krieger. Er hatte Besuch. Vor ihm stand Meister Ahrens, der heftig auf ihn einsprach. Wir beachteten aber den alten Tischler nicht. Wir liefen auf Jobst zu und betrachteten ihn aufgeregt.
»Wie?« rief Jürgen; »du bist nicht tot?«

Seine Stimme klang vorwurfsvoll, und auch ich konnte mich einer leichten Verstimmung nicht erwehren. Wenn man jemand einmal als tot beweint hat, dann darf er auch nicht gleich wieder auferstehn! Jobst Krieger sah uns verlegen an.
»Lorenz ist allein gefahren,« sagte er nun. »Ich wollte ja nicht, ich –« er stockte und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht.
»Du hast Glück gehabt, Jobst Krieger,« ließ sich jetzt Meister Ahrens vernehmen. »Wenn du mit Lorenz gefahren wärst, dann lägst du nu tot in die See! Er war auch ein slechten Kerl, der dir zu allens verführt hat! Morgen fährst nu for mich nachn Festland und holst mich die Zweigens, sonsten sollst mich kennen lernen!«
Aber Jobst schüttelte den Kopf.

»Nein, Meister Ahrens – ich fahr nicht mehr nach den Tannenzweigen. Wenn ich in den Wald komme –« er atmete kurz auf – »dann lass ich’s doch nicht – dann greif ich nach andern Dingen, die mir nicht gehören, und dann sitzt die Dörthe Weihnachten allein! Und jetzt, wo Gott mich vorm Tode bewahrt hat –« er stockte und sah uns an. Wir nickten ihm zu. Allmählich hatten wir die Enttäuschung, dass er noch lebte, überwunden. Meister Ahrens aber rang die Hände.
»Du liebe Zeit! Nu krieg ich kein ordentlichen Tannenbäumens, wo das Geschäft gerade flott gehn soll. Und du wohnst in meinem Haus und tust nich, was ich will? Du musst zu Neujahr ausziehn!«
Wir hatten Meister Ahrens niemals so böse gesehen, und unser Interesse wandte sich ihm ungeteilt zu. »Fahre doch selbst in den Wald und hole die Zweige!« rief Jürgen.

Der Alte sah ihn böse an. »Da könnt ich doch bei zu Schaden kommen!« murrte er, und mein Bruder trat ganz nahe auf ihn zu.
»Meister Ahrens, du hast mir neulich noch gesagt, die Hauptsache im Leben wäre ein gutes Herz. Du hast doch auch ein gutes Herz?«
»Ganzen gewißlich!« versicherte der Alte mit etwas unsichrer Stimme. »Abers die Tannenbäumens müssen doch Zweigens haben, sonsten sind es keine Tannenbäumens, und wenn Jobst Krieger mich nich Zweigens holen will –«
»Er will doch kein Dieb mehr sein!« rief Jürgen. »lass ihn in Ruhe und gehe zu Schiffer Lafrenz auf der Anna Kathrinrlsaquo;. Der hat auch eine ganze Menge von Tannenzweigen mitgebracht, die Brüder haben’s gesehen!«
»Is wahr?« Ahrens ärgerliches Gesicht wurde etwas milder, dann lief er plötzlich davon, ohne Lebewohl zu sagen. Wir entbehrten ihn auch nicht. Wir hatten unsre Kuchen ausgepackt, und da wir Jobst Krieger verziehn hatten, so durfte er sie probieren. Jürgen und ich sagten ihm auch unsre Weihnachtslieder auf. Der Übung halber und auch deswegen, weil sie uns immer im Kopf herumspukten, und wir waren eigentlich etwas beleidigt, dass Jobst uns gar nicht lobte. Er saß ganz still und hatte beide Hände vor sein Gesicht gelegt. So still war er, dass es uns, als wir nacheinander das »Amen« von unsern Verslein gesprochen hatten, doch etwas unheimlich zu werden anfing. Aber da kam Dörthe ins Stübchen gestürzt, und ihre Überraschung, uns zu sehen, war so groß, und das Vergnügen über die Kuchen noch so viel größer, dass wir ungemein heiter wurden.
Jobst Krieger stand jetzt auf und sagte, dass er uns nach Hause bringen wolle; unsre Eltern würden gewiss nicht wollen, dass wir so lange bei ihm blieben. Wir sahen die Richtigkeit dieser Worte ein, und als wir neben ihm auf der dunkeln Straße gingen, stieß Jürgen plötzlich einen schweren Seufzer aus.
»Jobst, wie furchtbar schade ist es doch, dass du ein so schlechter Mensch bist! Ich mag dich gern leiden – viel lieber als einige Leute, die niemals im Gefängnis waren!«

»Ich auch!« versicherte ich, und Jobst stand still und legte ganz leise seine Hände auf unsre Haare.
»Mir ist’s auch leid genug,« murmelte er; aber was er noch hinzusetzte, konnten wir nicht verstehn; seine Stimme war ganz heiser geworden. Dann war er in der Dunkelheit verschwunden, und wir mussten den Rest des Heimwegs allein zurücklegen.
Das war nun nicht so schlimm; wir waren nicht ängstlich und hatten außerdem eine Fülle von Unterhaltungsstoff, der auch nicht ausging, als wir den andern von Jobst Krieger und von dem Umstande, dass er noch lebe, berichteten. Wir wollten ihm alles mögliche zu Weihnachten schenken, alte Anzüge von Papa, die uns nicht gehörten, Esswaren, über die wir keine Verfügung hatten, und vor allem einen Katechismus, damit er die zehn Gebote noch einmal durchlerne.
Aber es kam anders. Als wir am Tage vor Weihnachten Jobst Krieger und seine Tochter feierlich zu uns einladen wollten, erfuhren wir, dass beide in der Nacht vorher verschwunden waren. Sie hatten ihre armselige Habe zurückgelassen und die Insel verlassen. Sie kamen auch nicht wieder, obgleich wir das ganze Weihnachtsfest auf sie warteten, und niemand konnte uns sagen, wohin sie gegangen seien.
Dieses plötzliche Verschwinden betrübte uns außerordentlich, und wir trösteten uns nur allmählich mit dem Gedanken, dass uns jetzt kein Mensch verbieten konnte, an Jobst und Dörthe zu denken und von ihnen zu sprechen. Unser Weihnachtsabend war trotz alledem sehr schön, und wir schenkten die für Jobst bestimmten Sachen andern Leuten, die es auch nötig hatten.
Nur Meister Ahrens feierte kein fröhliches Weihnachtsfest. Erstens waren seine falschen Tannenbäume lange nicht so hübsch wie sonst, obgleich er Zweige bekommen hatte, und dann fiel es den Leuten ein, dass er doch vielleicht den Jobst oft zu hart bedrängt und ihn schon mehrere Jahre hindurch veranlasst hätte, in den Wald zu gehn und zu stehlen. Ob er nun wirklich schuld daran hatte, war schwer zu sagen; jedenfalls ging er kümmerlich gebeugt einher und klagte über die schlechten Zeiten und die schlechten Menschen.

Mehrere Weihnachtsfeste waren vergangen. Meister Ahrens machte immer noch falsche, hässliche Tannenbäume, und wir selbst sprachen nur manchmal noch von Jobst. Zuerst hatten wir uns ausgedacht, dass er wahrscheinlich nach Amerika gegangen sei und als reicher Mann zurückkehren würde. Dann trug Dörthe seidne Kleider, und er würde uns allen etwas Wundervolles zu Weihnachten schenken. Wir stritten uns darüber, ob wir lieber eine goldne Mundtasse oder einen goldnen Teller haben wollten; allmählich aber vergaßen wir ihn fast, bis wir an einem Weihnachtsabend ein sonderbares Paket mit der Post bekamen.
Es trug Jürgens, Milos und meinen Namen und kam aus einem Orte, von dem die großen Leute sagten, dass er in Ost- oder Westpreußen läge. Dieses Paket enthielt ein sauber geschnitztes kleines Boot, das mit frischen Christrosen angefüllt und in köstliche Tannenzweige verpackt war. Dabei lag ein Zettel, auf dem mit ungeübter Hand die Worte geschrieben waren: Und hat ein Blümlein bracht mitten im kalten Winter. Da wussten wir, dass diese Sendung von Jobst Krieger kam, und freuten uns außerordentlich über sie. Besonders darüber, dass er von den Weihnachtsliedern, die wir ihm aufgesagt hatten, etwas behalten hatte. Denn wer auch nur ein wenig von seinen Weihnachtsliedern im Gedächtnis behält, der kann doch ganz gewiss kein schlechter Mensch sein.
Meister Ahrens sagte dasselbe. Er hatte mit derselben Post eine Geldsumme bekommen, die, wie er fest glaubte, von Jobst Krieger kam, weil er ihm gerade soviel Geld schuldig gewesen war.

Eigentlich hast du das Geld nicht verdient! sagte Jürgen, der dem alten Tischler die Behandlung von Jobst nicht vergessen konnte.
Ahrens fuhr sich über den kahlen Kopf und seufzte.
»Nee, eigentlich nich! Abersten wenn ich nu die Hälfte an die Armens gebe, und wenn es mich sowieso all die Jahrens leid getan hat, dass ich nich nett gegen den Jobst war? Ich habe sonsten warhaftigen Gott ein furchtbar gutes Herz – bloß bei die Tannenbäumens, da bin ich eigen mit gewesen, weil es so’n gutes Geschäft war.«

Ahrens richtete wirklich eine Weihnachtsbescherung für eine arme Familie aus, und seit der Zeit sprach er noch mehr als sonst von seinem guten Herzen. Sonderbarerweise waren es die Kinder dieser Familie, die nicht bei Dörthe Krieger in der Schule hatten sitzen wollen. Das war aber lange vergessen, und der von Ahrens verfertigte falsche Tannenbaum warf auch über sie seinen weihnachtlichen Schein, und ihre Freude war echt.
Denn das Christkind in seiner Milde fragt nicht nach den Verdiensten und Schwachheiten der armen Erdenkinder. Sonst müsste es aufhören, alle Jahre wiederzukommen.

Der wunderliche Spielmann

Gebr. Grimm

Es war einmal ein wunderlicher Spielmann, der ging durch einen Wald mutterselig allein und dachte hin und her, und als für seine Gedanken nichts mehr übrig war, sprach er zu sich selbst: „Mir wird hier im Walde Zeit und Weile lang, ich will einen guten Gesellen herbeiholen“ Da nahm er die Geige vom Rücken und fidelte eins, dass es durch die Bäume schallte. Nicht lange, so kam ein Wolf durch das Dickicht dahergetrabt. „Ach, ein Wolf kommt! Nach dem trage ich kein Verlangen“, sagte der Spielmann; aber der Wolf schritt näher und sprach zu Ihm: „Ei, du lieber Spielmann, was fidelst du so schön! Das möcht ich auch lernen“

„Das ist bald gelernt“, antwortete ihm der Spielmann, „du musst nur alles tun, was ich dich heiße“
„O Spielmann“, sprach der Wolf, „ich will dir gehor­chen wie ein Schüler seinem Meister“ Der Spielmann hieß ihn mitgehen, und als sie ein Stück Wegs zusammen gegangen waren, kamen sie an einen alten Eichbaum, der innen hohl und in der Mitte aufgerissen war.
„Sieh her“, sprach der Spielmann, „willst du fiedeln lernen, so lege die Vorderpfoten in diesen Spalt“ Der Wolf gehorchte, aber der Spielmann hob schnell einen Stein auf und keilte ihm die beiden Pfoten mit einem Schlag so fest, dass er wie ein Gefangener da liegen bleiben musste. „Warte da so lange, bis ich wiederkomme“, sagte der Spielmann und ging seines Weges.
Über eine Weile sprach er abermals zu sich selber: „Mir wird hier im Walde Zeit und Weile lang, ich will einen än­dern Gesellen herbeiholen“, nahm seine Geige und fidelte wieder in den Wald hinein.
Nicht lange, so kam ein Fuchs durch die Bäume daher geschlichen. „Ach, ein Fuchs kommt!“ sagte der Spielmann. „Nach dem trage ich kein Verlangen“ Der Fuchs kam zu ihm heran und sprach: „Ei, du lieber Spielmann, was fidelst du so schön! Das möcht ich auch lernen“
„Das ist bald gelernt“, sprach der Spielmann, „du musst nur alles tun, was ich dich heiße“
„O Spielmann“, antwortete der Fuchs, „ich will dir ge­horchen wie ein Schüler seinem Meister“
„Folge mir“, sagte der Spielmann, und als sie ein Stück Wegs gegangen waren, kamen sie auf einen Fußweg, zu dessen beiden Seiten hohe Sträucher standen. Da hielt der Spielmann still, bog von der einen Seite ein Haselnußbäumchen zur Erde herab und trat mit dem Fuß auf die Spitze, dann bog er von der ändern Seite noch ein Bäumchen herab und sprach: „Wohlan, Füchslein, wenn du et­was lernen willst, so reich mir deine linke Vorderpfote

Der Fuchs gehorchte, und der Spielmann band ihm die Pfote an den linken Stamm. „Füchslein“, sprach er, „nun reich mir die rechte“ Die band er ihm an den rechten Stamm. Und als er nachgesehen hatte, ob die Knoten der Stricke auch fest genug waren, ließ er los, und die Bäum­chen fuhren in die Höhe und schnellten das Füchslein hinauf, dass es in der Luft schwebte und zappelte.
„Warte da so lange, bis ich wiederkomme“, sagte der Spielmann und ging seines Weges. Wiederum sprach er zu sich: „Zeit und Weile wird mir hier im Walde lang; ich will einen ändern Gesellen herbeiholen“, nahm seine Geige, und der Klang erschallte durch den Wald.
Da kam ein Häschen dahergesprungen. „Ach, ein Hase kommt!“ sagte der Spielmann. „Den wollte ich nicht haben“
„Ei, du lieber Spielmann“, sagte das Häschen, „was fidelst du so schön, das möchte ich auch lernen“
„Das ist bald gelernt“, sprach der Spielmann, „du musst nur alles tun, was ich dich heiße“
„O Spielmann“, antwortete das Häslein, „ich will dir gehorchen wie ein Schüler seinem Meister“
Sie gingen ein Stück Wegs zusammen, bis sie zu einer lichten Stelle im Wald kamen, wo ein Espenbaum stand. Der Spielmann band dem Häschen einen langen Bind­faden um den Hals, wovon er das andere Ende an den Baum knüpfte. „Munter, Häschen, jetzt spring mir zwan­zigmal um den Baum herum“, rief der Spielmann, und das Häschen gehorchte, und wie es zwanzigmal herumgelau­fen war, so hatte sich der Bindfaden zwanzigmal um den Stamm gewickelt, und das Häschen war gefangen, und es mochte ziehen und zerren, wie es wollte, es schnitt sich nur den Faden in den weichen Hals. „Warte da so lange, bis ich wiederkomme“, sprach der Spielmann und ging weiter.
Der Wolf indessen hatte gerückt, gezogen, an dem Stein gebissen und so lange gearbeitet, bis er die Pfoten frei gemacht und wieder aus der Spalte gezogen hatte. Voll Zorn und Wut eilte er hinter dem Spielmann her und wollte ihn zerreißen.
Als ihn der Fuchs laufen sah, fing er an zu jammern und schrie aus Leibeskräften: „Bruder Wolf, komm mir zur Hilfe, der Spielmann hat mich betrogen“ Der Wolf zog die Bäumchen herab, biss die Schnüre entzwei und machte den Fuchs frei, der mit ihm ging und an dem Spielmann Rache nehmen wollte.
Sie fanden das gebundene Häschen, das sie ebenfalls er­lösten, und dann suchten alle zusammen ihren Feind auf. Der Spielmann hatte auf seinem Weg abermals seine Fidel erklingen lassen, und diesmal war er glücklicher gewesen. Die Töne drangen zu den Ohren eines armen Holzhau­ers, der alsbald, er mochte wollen oder nicht, von der Ar­beit abließ und mit dem Beil unter dem Arme herankam, die Musik zu hören. „Endlich kommt doch der rechte Geselle“, sagte der Spielmann, „denn einen Menschen suchte ich und keine wilden Tiere“ Und fing an und spielte so schön und lieblich, dass der arme Mann wie be­zaubert dastand und ihm das Herz vor Freude aufging. Und wie er so stand, kamen der Wolf, der Fuchs und das Häslein heran, und er merkte wohl, dass sie etwas Böses im Schilde führten. Da erhob er seine blinkende Axt und stellte sich vor den Spielmann, als wollte er sagen: Wer an ihn will, der hüte sich, der hat es mit mir zu tun. Da ward den Tieren angst und liefen in den Wald zurück, der Spielmann aber spielte dem Manne noch eins zum Dank und zog dann weiter.

Das Mordschloss

Gebr. Grimm


Es war einmal ein Schuhmacher, welcher drei Töchter hatte; auf eine Zeit als der Schuhmacher aus war, kam da ein Herr, welcher sehr gut gekleidet war, und welcher eine prächtige Equipage hatte, so dass man ihn für sehr reich hielt, und verliebte sich in eine der schönen Töchter, welche dachte, ihr Glück gemacht zu haben mit so einem reichen Herrn, und machte also keine Schwierigkeit mit ihm zu reiten. Da es Abend ward, als sie unterwegs waren fragte er sie:

„Der Mond scheint so hell
meine Pferdchen laufen so schnell
süß Lieb, reut dich’s auch nicht?“

„Nein, warum sollt mich’s reuen? ich bin immer bei Euch wohl bewahrt,“ da sie doch innerlich eine Angst hatte. Als sie in einem grossen Wald waren, fragte sie, ob sie bald da wären? – „Ja, sagte er, siehst du das Licht da in der Ferne, da ist mein Schloss;“ endlich kamen sie da an, und alles war gar schön.

Am andern Tage sagte er zu ihr, er müsst auf einige Tage sie verlassen, weil er wichtige Affairen hätte, die notwendig wären, aber er wolle ihr alle Schlüssel lassen, damit sie das ganze Castell sehen könnte, von was für Reichtum sie all Meister wär. Als er fort war, ging sie durch das ganze Haus, und fand alles so schön, dass sie völlig damit zufrieden war, bis sie endlich an einen Keller kam, wo eine alte Frau saß und Därme schrappte. „Ei Mütterchen, was macht sie da?“ – „Ich schrapp Därme, mein Kind, morgen schrapp ich eure auch!“ Wovon sie so erschrak, dass sie den Schlüssel, welcher in ihrer Hand war, in ein Becken mit Blut fallen ließ, welches nicht gut wieder abzuwaschen war: „Nun ist euer Tod sicher, sagte das alte Weib, weil mein Herr sehen kann, dass ihr in der Kammer gewesen seid, wohin ausser ihm und mir kein Mensch kommen darf.“

(Man muß aber wissen, daß die zwei vorigen Schwestern auf dieselbe Weise waren umgekommen.)

Da in dem Augenblick ein Wagen mit Heu von dem Schloss weg fuhr, so sagte die alte Frau, es wäre das einzige Mittel, um das Leben zu behalten, sich unter das Heu zu verstecken, und dann da mit weg zu fahren; welches sie auch tät. Da inzwischen der Herr nach Haus kam, fragte er, wo die Mamsell wäre! „O, sagte die alte Frau, da ich keine Arbeit mehr hatte, und sie morgen doch dran musste, hab ich sie schon geschlachtet, und hier ist eine Locke von ihrem Haar, und das Herz, wie auch was warm Blut, das übrige haben die Hunde alle gefressen, und ich schrapp die Därme.“ Der Herr war also ruhig, dass sie tot war.

Sie kommt inzwischen mit dem Heuwagen zu einem nah bei gelegenen Schloss, wo das Heu hin verkauft war, und sie kommt mit aus dem Heu und erzählt die ganze Sache, und wird ersucht, da einige Zeit zu bleiben. Nach Verlauf von einiger Zeit nötigt der Herr von diesem Schloss alle in der Nähe wohnenden Edelleute zu einem großen Fest, und das Gesicht und Kleidung von der fremden Mamsell wird so verändert, dass sie nicht erkannt werden konnte, weil auch der Herr von dem Mord-Castell dazu eingeladen war.

Da sie alle da waren, musste ein jeder etwas erzählen, da die Reihe an die Mamsell kam, erzählte sie die bewusste Historie, wobei dem sogenannten Herrn Graf so ängstlich ums Herz ward, dass er mit Gewalt weg wollte, aber der gute Herr von dem adelichen Haus hatte inzwischen gesorgt, dass das Gericht unsern schönen Herrn Grafen in Gefängnis nahm, sein Castell ausrottete, und seine Güter alle der Mamsell zu eigen gab, die nach der Hand mit dem Sohn des Hauses, wo sie so gut empfangen war, sich verheiratete und lange Jahre lebte.

Die sieben Schwaben

Gebr. Grimm


Einmal waren sieben Schwaben beisammen, der erste war der Herr Schulz, der zweite der Jackli, der dritte der Marli, der vierte der Jergli, der fünfte der Michel, der sechste der Hans, der siebente der Veitli; die hatten sich alle siebene vorgenommen, die Welt zu durchziehen, Abenteuer zu suchen und große Taten zu vollbringen. Damit sie aber auch mit bewaffneter Hand und sicher gingen, sahen sie’s für gut an, dass sie sich zwar nur einen einzigen, aber recht starken und langen Spieß machen ließen. Diesen Spieß fassten sie alle siebene zusammen an: vorn ging der kühnste und männlichste, das musste der Herr Schulz sein, und dann folgten die andern nach der Reihe, und der Veitli war der letzte.

Nun geschah es, als sie im Heumonat eines Tages einen weiten Weg gegangen waren, auch noch ein gut Stück bis in das Dorf hatten, wo sie über Nacht bleiben mussten, dass in der Dämmerung auf einer Wiese ein großer Rosskäfer oder eine Hornisse nicht weit von ihnen hinter einer Staude vorbeiflog und feindlich brummelte. Der Herr Schulz erschrak, dass er fast den Spieß hätte fallen lassen, und ihm der Angstschweiß am ganzen Leibe ausbrach.“ Horcht, horcht“, rief er seinen Gesellen, „Gott, ich höre eine Trommel!“ Der Jackli, der hinter ihm den Spieß hielt und dem, ich weiß nicht was für ein Geruch in die Nase kam, sprach: „Etwas ist ohne Zweifel vorhanden, denn ich schmeck‘ das Pulver und den Zündstrick.“ Bei diesen Worten hub der Herr Schulz an, die Flucht zu ergreifen und sprang im Hui über einen Zaun; weil er aber gerade auf die Zinken eines Rechens sprang, der vom Heumachen da liegen geblieben war, so fuhr ihm der Stiel ins Gesicht und gab ihm einen ungewaschenen Schlag.“ 0 wei, 0 wei“, schrie der Herr Schulz, .nimm mich gefangen, ich ergeb‘ mich!“ Die andern sechs hüpften auch alle einer über den andern herzu und schrieen: „Gibst du dich, so geb‘ ich mich auch, gibst du dich, so geb‘ ich mich auch!“ Endlich, wie kein Feind da war, der sie binden und wegführen wollte,‘ merkten sie, dass sie betrogen waren, und damit die Geschichte nicht unter die Leute käme und sie nicht genarrt und verspottet würden. verschwuren sie sich untereinander, so lange davon stillzuschweigen, bis einer unverhofft das Maul auftäte.

Hierauf zogen sie weiter. Die zweite Gefährlichkeit, die sie erlebten, kann aber mit der ersten nicht verglichen werden. Nach etlichen Tagen trug sie ihr Weg durch ein Brachfeld, da saß ein Hase in der Sonne und schlief, streckte die Ohren in die Höhe und hatte die großen, gläsernen Augen starr aufstehen. Da erschraken sie bei dem Anblick des grausamen und wilden Tieres insgesamt und hielten Rat, was zu tun das wenigst Gefährliche wäre. Denn so sie fliehen wollten, war zu befürchten, das Ungeheuer setzte ihnen nach und verschlänge sie alle mit Haut und Haar. Also sprachen sie: „Wir müssen einen großen und gefährlichen Kampf bestehen; frisch gewagt ist halb gewonnen!“ fassten alle siebene den Spieß an, der Herr Schulz voran und der Veitli hinten. Der Herr Schulz wollte den Spieß noch immer anhalten, der Veitli aber war hinten ganz mutig geworden, wollte losbrechen und rief:

„Stoß‘ zu in aller Schwabe Name,

Sonst ,wünsch‘ i, dass ihr möcht erlahme.“

Aber der Hans wußt‘ ihn zu treffen und sprach:

„Beim Element, du hascht gut schwätze,

Bischt stets der Letscht beim Drachehetze.“

Der Michel rief:

„Es wird nit fehle um ei Haar,

So ischt es wohl der Teufel gar.“

Drauf kam an den Jergli die Reihe, der sprach:

„Ischt er es nit, so ischt’s sei Mutter

Oder des Teufels Stiefbruder.“

Der Marli hatte da einen guten Gedanken und sagte zu Veitli:

„Gang, Veitli, gang, gang du voran,

I will dahinte vor di stahn.“

Der Veitli hörte aber nicht drauf, und der Jackli sagte:

„Der Schulz, der muss der erschte sei,

Denn ihm gebührt die Ehr allei.“

Da nahm sich der Herr Schulz ein Herz und sprach gravitätisch:

„So zieht denn herzhaft in den Steit,

Hieran erkennt man tapfre Leut‘.“

Da gingen sie insgesamt auf den Drachen los. Der Herr Schulz segnete sich und rief Gott um Beistand an; wie aber das alles nicht. helfen wollte und er dem Feind immer näher kam, schrie er in großer Angst: „Hau! Hurlehau! hau! Hauhau!“ Davon erwachte der Hase, erschrak und sprang eilig davon. Als ihn der Herr Schulz so feldflüchtig sah, da rief er voll Freude:

„Potz, Veitli, lueg, lueg, was ischt das?

Das Ungehüer ischt a Has‘!“

Der Schwabenbund suchte aber weiter Abenteuer und karn an die Mosel, ein moosiges, stilles und tiefes Wasser, darüber nicht viel Brücken sind, sondern wo man sich an mehreren Orten muss in Schiffen überfahren lassen. Weil die Schwaben dessen unberichtet waren, riefen sie einem Manne, der jenseits des Wassers seine Arbeit vollbrachte, zu, wie man doch hinüberkommen könnte. Der Mann verstand wegen der Weite und wegen ihrer Sprache nicht, was sie wollten, und fragte auf sein Trierisch:

„Wat? Wat?“ Da meinte der Herr Schulz, er spräche nicht anders als „Wate, wate durchs Wasser“, und hob an, weil er der vorderste war, sich auf den Weg zu machen und in die Mosel hineinzugehen. Nicht lange, so versank er in den Schlamm und in die antreibenden tiefen Wellen; seinen Hut aber jagte der Wind hinüber an das jenseitige Ufer, und ein Frosch quakte: „Wat, wat, wat!“ Die sechs andern hörten das drüben und sprachen: „Unser Gesell, der Herr Schulz, ruft uns, kann er hinüberwaten, warum wir nicht auch?“ Sprangen darum eilig alle zusammen in das Wasser und ertranken, also dass ein Frosch ihrer sechse ums Leben brachte und niemand von dem Schwabenbund wieder nach Hause kam.

Die verwandelte Maus

Ludwig Bechstein

»Es war einmal ein frommer Mann, der diente der Gottheit betend und büßend in einer Wildnis, und Gott war ihm ob seiner Frömmigkeit und fleckenlosen Tugend also gnädig, dass er jeden Wunsch des Büßers erhörte und erfüllte. Einst saß der Fromme am Strande eines Baches, versunken in andächtige Gedanken, da flog ein Sperber über ihn hin, der hatte ein Mäuslein gefangen, das er noch in den Krallen trug, das Mäuslein aber zappelte und entfiel dem Sperber und fiel herab in des frommen Mannes Schoß. Da erbarmte sich der Fromme des Mäusleins, band es lind in ein Tüchlein und trug es nach seinem Hause, um es allda zu pflegen und aufzuziehen. Da gedachte er aber, dass seine Diener daran einen Anstoß nehmen würden, dass er, der reine Mann, mit einem unreinen Tiere sich abgebe, und würden sich scheuen, und da bat er Gott, das Mäuslein doch lieber in ein Maidlein zu verwandeln. Und siehe, Gott erhörte die Bitte, und verwandelte alsbald das Mäuslein in ein schönes Maidlein. Das führte nun der Fromme fröhlich in sein Haus, erzog es und hatte an ihm sein väterliches Wohlgefallen, und seine Diener glaubten, ihr Gebieter habe es in der Wildnis gefunden oder es sei ihm von Anverwandten übergeben worden. Da nun das Maidlein, das als des Frommen Tochter galt, herangewachsen war, so gedachte er daran, es an einen guten Mann zu verheiraten, und fragte die Maid, ob sie Neigung habe zu heiraten, und was für einen Mann sie sich wünsche. Die Maid aber trug hohen und herrischen Sinn und antwortete: ›Ja – aber nur den höchsten Herrscher! ‹

Der Pflegevater erwiderte darauf: ›Der höchste Herrscher, mein Kind, das ist der mächtige Sol; er beherrscht die ganze Welt, erleuchtet und durchwärmt sie mit seinen Strahlen, ich will ihn bitten, sich mit dir zu verbinden; dann wird man dich Frau Sonne nennen.‹ Der Fromme läuterte sich durch Gebet und Abwaschung und trug dem Sol sein Anliegen vor; dieser aber sprach: ›Gern gehorchte ich dir, dem die Gottheit jeden Wunsch erfüllt, o frommer Büßer! Aber der Mächtigste bin ich nicht. Siehe, der Lenker der Wolken ist mächtiger denn ich; ein Hauch von ihm wird zur Wolke, die meinen Schein mir nimmt, dass es finster wird auf der Erde.‹ Da ging der Büßer bis an des Meeres Ufer, aus dem die Wolken sich emporheben, und bat deren mächtigen Lenker, wie er den Sol gebeten hatte. Da hob sich auf seinem Wolkenthrone der Wolkenlenker aus des Meeres Schoße, aufsteigend wie ein großer Rauch, empor und sprach: ›O du Frommer und Gottseliger! Wohl hat mir die Gottheit mehr Gewalt gegeben als selbst den Engeln in seinem Himmel, aber einer ist doch, der mächtiger ist, als ich bin. Das ist der Vater der Winde. Wenn er sich erhebt und stark haucht, so fahren meine Gewölke auseinander und verschwimmen in ein wesenloses Nichts oder fliegen und fliehen vor ihm und seinem Grimme von einem Ende der Welt zum andern, und ich bin nichts gegen ihn und vermag ihm nicht zu widerstehen.‹

Da machte sich der Büßer auf zum Vater der Winde, der in einer großen und weiten Berghöhle wohnte, in der er die Winde verschlossen hielt, und nur zu Zeiten einem oder dem andern zu wehen gestattete – und trug nun diesem seine Bitte vor. Aber auch der Vater der Winde erklärte, dass er sich nicht für den mächtigsten Herrscher erachten könne. ›Siehe, du Frommer, Reiner, Makelloser‹, sprach er, ›diesen mächtigen Berg, wie er da steht in stolzer Ruhe! Mag ich mit allen den meinen sausen und brausen, so stark wir immer können und wollen, er bleibt unerschüttert, weicht und wankt nicht vor meinem Grimm, darum ist er mächtiger als ich, und darum wende dich an ihn.‹

Darauf wandte sich der gläubige Büßer an den Berg und trug diesem seinen Wunsch vor, und der Berg sprach: ›Du nennst mich den Mächtigsten, und es ist wohl wahr, ich bin groß und mächtig, die Sonne dient mir und lässt meinen Scheitel grünen, die Wolken müssen meine Wiesen und Wälder mit Tau und Regen tränken, der Wind fächelt mich, wie ein Sklave seinen Gebieter, aber der Mächtigste ist doch nur der, der nichts erdulden muss. Ich will dir jemand zeigen, der mächtiger ist als ich, denn ich muss ihn dulden, ich mag nun wollen oder nicht wollen.‹

›Wer wäre das? ‹ fragte ganz verwundert der Büßer. ›Es ist‹, sprach der Berg, ›ein winzig kleines, graues Männchen, das wühlt in mir und gräbt, baut sich Wohnung und Gemächer und fragt mich nicht, ob ich’s ihm gestatte.‹

›Was wäre das für ein winzig kleines, graues Männchen? ‹ fragte der Fromme. – ›Es ist die Maus! ‹ antwortete der Berg. Hierauf wendete sich jener mit seinem Wunsch und Antrag an den Mausmann, und dieser antwortete: ›Ich bin der, von dem der Berg gezeuget hat. Kann ich aber, auch wenn ich wollte, ein Menschenmaidlein freien und in meine niedere Wohnung führen? Darüber ersinne du selbst dir weisen Rat, Gottseliger!‹ Nun ging der Einsiedel wiederum zu seiner Tochter und sprach zu ihr: ›Ich habe dir lange den Mächtigsten zum Manne gesucht, willst du diesen, so muss ich von der Gottheit erflehen, dass sie dich wieder zu einer Maus werden lasset, welche du vordem schon einmal gewesen bist, dann kann dein Wille in Erfüllung gehen.‹ Und da die Tochter auf ihrem Sinne beharrte, weil ihr Pfleger darlegte, wie immer ein Mächtiger ihn an einen noch Mächtigeren gewiesen, so wurde sie auf sein Flehen wieder in eine Maus verwandelt und dem Mausmännlein zur Gemahlin gegeben, denn gleich und gleich gesellt sich gern, was zum Heller geschlagen ist, wird kein Taler, und aus einem verräterischen Raben wird nimmermehr ein Phönix, wenn er sich auch, gleich diesem Wundervogel, verbrennte. Aber wohlan, lasse dich verbrennen, Verräter, und lass uns schauen, was aus deiner Asche emporsteigt. «

Der Adlerkönig und seine Umgebung hörten diese Rede nicht ohne ernste Erwägung an, und mehrere teilten die Meinung des treuen Ratgebers, der Rabe aber spottete.

»Trage doch Holz, du Edler, zu meinem Scheiterhaufen! Schichte ihn empor aus Adlerfarn und fache die Funken mit deinen eigenen Fittigen zu heller Flamme an. Du trägst dann unsterblichen Ruhm davon, und man wird dich als Rabentöter noch lang in Heldenliedern verherrlichen. «

»Du sollst nicht brennen! « sprach der Adlerkönig, »weder dass du unser einer werdest, denn wir haben allein Macht genug, dich an deinen und unsern Feinden zu rächen, noch dass wir uns an dir rächen wollen. Haltet Friede! «