Märchen aus dem Elsass

Es war einer schon weit und breit in der Welt herumgereist, und doch trieb es ihn immer wieder hinaus. Und wieder hatte er den Rucksack auf dem Rücken und den Stock in der Hand, zog wohlgemut die Straßen entlang, als plötzlich ein Totenkopf vor ihm her kollerte.

»Ei, was soll’s denn mit dir, Alter? « rief ihm der Wanderer zu. »komm doch und halte Mittagstisch mit mir! «

»Hab weder Hunger noch Durst«, war die Antwort, » morgen aber sei du mein Gast, und wenn du nicht kommst, so werde ich dich holen. «

»Kann sein, kann auch nicht sein«, sagte der Bursche vor sich hin, wobei er durchlange, dunkle Gewölbe schritt, die ihn endlich wieder auf eine schöne, breite Straße führten.

An der Straße, auf einem Baum, saßen zwei Krähen, die heftig miteinander zankten. Es kam ihm dies sonderbar vor, doch ließ er sich’s nicht anmerken und ging seines Weges.

Ein Stück weiter kam er an einen Bach; daran stand ein Pfarrer, der schöpfte Wasser in einen Zuber, das Wasser lief aber wieder in den Bach, denn der Zuber hatte keinen Boden.

»Ihr seid gut, Herr«, sagte er, »dass ihr Euch so bemüht; Euer Zuber hat ja keinen Boden. «

Der Pfarrer blieb ihm die Antwort schuldig. Er zog weiter und immer weiter und kam zuletzt an ein Haus. Er klopfte an die Tür, rief, aber niemand regte sich. Da riss er einen Fensterladen auf – da flatterte ein unzählbares Heer von Vögeln heraus, dass ihn ein Grauen befiel und er den Laden eiligst zuwarf.

Wieder zog er weiter, da erblickte er auf einmal an einem Wasser den Totenkopf. Wieder rief er ihm zu: » Nun, hast noch keinen Durst und noch keinen Hunger? «

»Ich hab‘ weder Hunger noch Durst«, entgegnete der Totenkopf, » du aber kommst mit mir in mein Schloss.«

Der Wanderer hatte nichts dagegen, denn er war recht müde. Er folgte dem Totenkopf, der grad aus vor ihm her kollerte.

Da sie am Schloss angelangt waren, stiegen sie die breiten Treppen hinauf, durch breite, lange Gänge, durch große Säle und Kammern; da war alles voller Lichter. Der Wanderbursehe war darüber erstaunt. Der Totenkopf sagte ihm aber: » Das sind die Lebenslichter. So lang ein Mensch lebt, hat er ein Licht, und wenn er stirbt, so lischt es aus.«

» Zeig mir auch meines«, bat der Wandersmann.

Der Totenkopf wies ihm in einiger Entfernung ein Licht, das bis zu einem kleinen Stümpchen herabgebrannt war. Darauf machte der Wanderer ein trauriges und düsteres Gesicht.

» Sag mir doch«, rief ihm der Totenkopf zu, um ihn aus der Schwermut zu reißen, »was hast du denn unterwegs gesehen?«

»Zuerst sah ich zwei Krähen auf einem Baum, die miteinander Händel hatten.«
»Das sind zwei Brüder, die einander auf der Welt gehasst und stets miteinander vor dem Richter waren. Die müssen auch nach ihrem Tode noch stets miteinander zanken.

Was hast du weitergesehen?«

»Ich habe einen geistlichen Herrn gesehen, der Wasser aus dem Bach in einen bodenlosen Zuber schöpfte. «

»Das war eben ein Pfarrer, der die weltlichen Güter liebte, deren nie genug bekam und nur immer mehr wollte. Nun muss er Wasser schöpfen und wieder schöpfen und bekommt doch nicht genug, um seinen Zuber zu füllen. Was hast du aber noch gesehen?«

» Ich habe auch ein Haus gesehen, an dessen Tür ich geklopft und gerufen, und da mir niemand geantwortet oder aufgemacht hat, so habe ich einen Laden aufgerissen; da sind plötzlich eine Menge Vögel herausgeflogen und in die weite Luft hinaus. «

»Wie viele waren’s wohl?«

» Ei, wohl ein paar tausend, denk ich. «

»So viel von ihnen herausgeflogen, soviel arme Seelen sind erlöst.«

Das alles ging dem Burschen seltsam im Kopf herum, und er starrte mit gläsernen Augen vor sich hin. » Sag mir einmal«, redete der Totenkopf ihn wieder an, »wie lange glaubst du wohl, auf der Reise zu sein? «

»Nun, schon den ganzen Tag.«

»Den ganzen Tag? Ei, ja, du wanderst seit dreihundert Jahren. Und jetzt geh wieder hin, wo du hergekommen bist. «

Und der Bursche ging zum Schloss hinaus. Er kam zuerst an das Haus mit den verschlossenen Läden, riss den untersten Laden auf, aber es flogen keine Vögel heraus. Am Bach stand kein geistlicher Herr mehr, der in den leeren Zuber Wasser schöpfte, und auf dem Baum an der Straße zankten sich auch keine Krähen mehr.

Da er nun fortwanderte, kam er endlich auch an sein Dorf und vor seines Vaters Haus. Er klingelte, und eine fremde Person zeigte sich am Fenster. »Zu wem wollt Ihr, guter Freund?“ rief sie hinab.

» Ei, ins Haus, in mein Haus! « antwortete er.

Als die Leute die Tür öffneten und den fremden Menschen in altmodischer, abgetragener und ganz verstaubter Tracht sahen, schüttelten sie die Köpfe, und noch mehr, als sie nach seinem Namen gefragt und er ihnen einen genannt hatte, der im ganzen Dorf unbekannt war. Die Leute hatten Mitleid mit dem sonderbaren Fremdling, führten ihn aufs Rathaus und, nachdem er auch da seinen Namen wieder angegeben, schlug man in alten Büchern nach und fand in der Tat, dass es vor etwa dreihundert Jahren ein Geschlecht seines Namens gegeben hatte, das aber seitdem gänzlich ausgestorben war.

Man ging nun mit dem Fremden in die Kirche und ließ eine Messe für ihn lesen. Während die Musik erklang, sah man eine weiße Taube um den Altar fliegen. Der Fremde kniete starr und regungslos an seinem Platz, und als man ihn rüttelte, zerfiel er zu Staub und Asche.

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