Es waren einmal zwei Brüder: der eine war reich und der andere arm. Der arme wollte bei seinem Bruder leben und sagte daher zu ihm: »Wo du fremde Menschen zu Knechten hast, nimm doch mich, dass ich bei dir lebe!« Der nahm ihn als Knecht und schickte ihn am Weihnachtstage aus zum Pflügen. Sein Bruder sagte: »Heute soll ich pflügen, wo Weihnachten ist?« – »Geh nur heute«, antwortete jener, »wo ein schöner Tag ist; morgen, wenn es regnet, brauchst du nicht zu gehen!« Da nahm der Mann die Ochsen und ging aufs Feld pflügen. Als er schon eine Furche gezogen hatte, krepierte der eine Ochse. Er wollte nun den andern antreiben, da fiel auch der um und krepierte. Da ging der Unglückliche mit tränenden Augen und bekümmertem Herzen und sagte es seinem Bruder, dass die Ochsen krepiert seien. »0 weh«, sagte der, »du hast sie getötet«, und er nahm ihn mit vor Gericht.

Auf dem Wege, den sie zogen, stießen sie auf ein Haus. Der Reiche ging hinauf, um diese Nacht als Gast da zu bleiben; auch der unglückliche Arme blieb da, unter der Treppe, um da schlecht und recht zu übernachten. Als nun die oben Wein tranken, ging die Frau vom Hause hinunter, um neuen Wein einzufüllen. Als sie unter der Treppe einen Menschen sah, erschrak sie, stieß einen Schrei aus und – sie war schwanger – tat eine Fehlgeburt. Ihr Mann wollte den Armen verklagen. »Komm mit mir«, sagte sein Bruder, »denn auch ich gehe seinetwegen vor Gericht. « Er nahm also auch diesen Mann mit, und sie zogen weiter, um jenen zu verklagen.

Der Arme fürchtete, dass er gehängt werden würde, und ging, sich von einem hohen Felsen herabzustürzen. Unter dem Felsen saßen vierzig Mönche. Als der vom Felsen herabstürzte, fiel er gerade auf ihren Abt und tötete ihn. Da packten ihn die Mönche, um ihn vor den Kadi zu führen und zu verklagen. Die beiden andern riefen: »Auch wir gehen seinetwegen. Mir hat er meine Ochsen getötet.« – »Meine Frau verdankt ihm eine Fehlgeburt.« Sie nahmen also auch die Mönche mit vor Gericht.

Auf dem Wege trafen sie einen Mann, der versuchte seinen Esel vom Boden aufzurichten. Sie kamen heran; der Mann wieder, den sie vor den Kadi führten, beeilte sich, den Esel am Schwanz aufzurichten; da blieb der Schwanz in seinen Händen. Nun nahmen sie auch den gewaltsam mit, damit er jenen verklage. Der war schon der Oberzeugung, dass er sich nicht mehr retten könne. Aber Gott verlässt den Braven nicht.

Der Kadi, vor dessen Gericht sie den Mann führten, war ein geraddenkender Mensch. Als sie vor ihn traten, um sich Recht sprechen zu lassen, fragte er zuerst den Reichen: »Was hast du mit diesem Manne gehabt?« – »Ich schickte ihn zum Pflügen aus, und er hat mir meine Ochsen getötet«, antwortete der. »An welchem Tage«, fragte der Kadi, »hast du ihn geschickt?« – »Zu Weihnachten.« – »Zu Weihnachten?« sagte der Kadi. »Was für Christen seid ihr? Pflügen die jemals an einem solchen Tage? Gleich zahlst du dem Manne dreitausend Piaster!« Was sollte der Reiche machen? Er nimmt sein Geld heraus und zählt dreitausend Piaster hin, türmt sie auf und geht hinaus. Es kam der andere an die Reihe, dessen Frau eine Fehlgeburt getan hatte. »Was hast du mit diesem Manne gehabt?« fragte der Kadi. »Er hat die Fehlgeburt meiner Frau verschuldet.« – »Aber habt ihr denn nicht gewusst«, sagte der Kadi, »dass ihr noch einen andern Gast hattet, den ihr auch nach oben nehmen musstet? Gleich gibst du ihm tausend Piaster!« Es kamen die neununddreißig Mönche; er fragte sie: »Was habt ihr wieder mit diesem Manne gehabt?« – »Er hat unsern Abt getötet«, sagten die Mönche. »Ihr habt recht«, sagte der Kadi, »und ihr müsst ihn töten. Geht an dieselbe Stelle, – wo sich der Abt befand, und bringt diesen Mann in dieselbe Stellung. Dann steigt auf den Felsen und stürzt einer nach dem andern auf ihn herab, bis ihr ihn tötet!« – »Wir gehen nicht, wir gehen nicht«, sagten die Mönche, »wir fürchten uns.« – »Dann«, sagte der Kadi, »wenn ihr

euch fürchtet, gebt diesem Manne zehntausend Piaster! « Sie führten noch den letzten hinein. Der sagte: »Mich haben sie gewaltsam mitgenommen.«

Der Mann nahm also alle diese Piaster und wurde reich, und sein Bruder wurde arm.

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