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Das versunkene Schloss

Heinrich Seidel


Im Norden von Deutschland gibt es zwar keine eigentlichen Gebirge, wohl aber stattliche Hügelzüge, die im Verein mit großen blauen Seenflächen, weiten Wiesentälern und alten mächtigen Waldungen diesen Gegenden ihre eigentümliche Schönheit verleihen. Inmitten eines solchen Landstriches, am Fuße einer dieser Hügelreihen, war eine kleine Stadt gelegen, deren Bewohner zum größeren Teil aus friedlichen Ackerbürgern, zum kleineren aus Handwerkern bestanden. In den stillen Straßen wuchs das Gras, und über die alte, bröcklige Stadtmauer spann der Efeu seine Ranken. In der Mittagszeit, wenn alle Leute in ihren Häusern bei Tisch saßen, konnte man denken, die Stadt sei ausgestorben oder in Zauberschlaf versunken, so still und einsam war es dann. Am meisten Leben zeigte sich noch des Abends, wenn die Jugend auf den freien Plätzen lärmend ihre Spiele trieb, die Leute auf den Bänken vor ihren Türen saßen und die von der Weide heimkehrenden Kühe brüllend durch die Straßen wandelten, um ihre Ställe aufzusuchen. Nur der Jahrmarkt und das Schützenfest brachten etwas mehr Bewegung in diesen stillen Erdenwinkel. Das letztere ward in dem Wald gefeiert, der den benachbarten Höhenzug bedeckte. In der Senkung zwischen zwei Hügeln befand sich die Schießbahn, und auf einem freien Platze im Walde waren die Buden aufgebaut, die sowohl den Bedürfnissen des Leibes als auch der Schaulust reichliche Nahrung boten. Da war der fremde Kuchenmann, der mit heiserer, aber unendlich verlockender Stimme seine schön verzierten Honigkuchen und Herzen ausbot und zahllose Schätze von Bonbons in allen Farben des Regenbogens entfaltete; da war die dickste und schönste Dame der Welt, achtzehn Jahre alt und dreihundertsieben Pfund schwer; dann die Seejungfrau, das größte Meerwunder aller Zeiten, leider nur ausgestopft, aber darum nicht minder seltsam; da war der prophetisch begabte Mann, der gegen geringes Entgelt jeglichen einen Blick in die Geheimnisse der Zukunft tun ließ; da war die mit reichen Schätzen ausgestattete Bude, wo man gegen den Einsatz von nur einem Groschen die seltsamsten und teuersten Dinge gewinnen konnte, sogar als Höchstes eine altehrwürdige Taschenuhr, zur Klasse der »Butterbüchsen« gehörig, die wirklich ging, wie jeder sich durch Augenschein überzeugen konnte. Da nun in der Stadt ein würdiger Greis lebte, der vor vielen Jahren bei solcher Gelegenheit wirklich eine Uhr gewonnen hatte, welches Ereignis einen Höhepunkt in seinem Leben bildete, so war natürlich die Verlockung, in gleicher Weise das Glück zu versuchen, für jung und alt beträchtlich. Zu weit würde es führen, wollte ich alle Herrlichkeiten ausführlich aufzählen, die bei dieser Gelegenheit zu freudigem Genüsse einluden. Ich will nur kurz das Karussell, das Puppentheater und den Tanzplatz erwähnen, allwo sich beiden Weisen von vier Stadtmusikanten die Jugend unablässig im Kreise drehte; ich will nur vorübergehend erinnern an die Gastzelte, wo das edle Bier in Strömen verschenkt wurde, also daß sich selbst die solidesten und ehrsamsten Schützenbrüder am Abend etwas unsicher auf den Beinen fühlten und beim Einmarsch in die Stadt kein besonderes Schauspiel darboten.

Diese Zeit, wo sich das Leben der kleinen Stadt zu seiner Taumelhöhe entfaltete, war die einzige, in der die meisten der erwachsenen Einwohner den Hügelwald besuchten, außer es handelte sich um eine Holzauktion oder dergleichen, denn die guten Ackerbürger und ehrsamen Handwerker zogen es vor, wenn sie sich zu einem Sonntagsspaziergange aufschwangen, in ihren Feldern das Wachstum zu betrachten und sich freundlichen Spekulationen über den Ernteertrag, die Kornpreise und den Stand der Kartoffeln hinzugeben. Zu allen Zeiten aber ward der Wald besucht von der Jugend und von den Armen, von Kindern, die Blumen suchten oder Vogelnester oder Beeren, je nach der Jahreszeit, von unternehmenden Knaben, die sich in den buschigen und verwachsenen Abhängen Räuberhöhlen anlegten, von armen holzlesenden Weiblein und dergleichen. Nur einen Ort gab es in diesem Walde, der von den meisten gemieden ward, das war der von Bäumen entblößte und nur mit niederem Buschwerk bestandene Gipfel des großen Hügels. Dort fanden sich, ganz überwuchert von wilden Rosen, Weißdorn, Jelängerjelieber und ähnlichen Sträuchern, einige Überreste von uraltem Mauerwerk, und es ging die Sage, dort habe in grauen Zeiten ein großes Schloß gestanden, das aber in einer stürmischen Gewitternacht zur Strafe für den Frevel und die Bosheit seiner gottlosen Bewohner mit Mann und Maus in die Tiefe gesunken sei. An diesem Ort sollte es nicht geheuer sein. Manche wollten den alten Schloßvogt, ein kleines graues Männchen, das die Schätze in dem versunkenen Gemäuer zu bewachen hatte, am hellen Tage mit kläglichem Seufzer dort haben umherwandern sehen, nächtlich hatten andere dort Feuer und blaue Flammen erblickt, wie sie die Anwesenheit verborgener Schätze andeuten, und schneidende Klagelaute, deren Ursprung unerklärlich war, hatte man dort in stiller Mittagsstunde vernommen. Das Merkwürdigste war aber, daß sich dort, verborgen zwischen dem Gestrüpp, eine Öffnung befinden sollte, die über kirchturmtief in den Berg hinabreichte. Manche behaupteten, sie gesehen zu haben. Sie hatten Steine hinabgeworfen und gehorcht, aber niemals vernommen, daß diese unten aufschlugen. Andere mutige und neugierige Leute hatten wieder nach dieser Öffnung lange gesucht, aber nichts gefunden. Es sollte dies die Ausmündung des Hauptschornsteins der versunkenen Burg sein und zuweilen sogar Rauch daraus hervorkommen. Alle diese Dinge waren den meisten so unheimlich, daß der Gipfel dieses Hügels gemieden ward, obwohl man dort eine herrliche Aussicht hatte auf die alte Stadt, auf das weite Wiesental mit dem gewundenen Fluß und die dämmernden Wälder in der Ferne. In der Stadt lebte eine Anzahl von unternehmenden Knaben, die unter der Anführerschaft eines braunhaarigen Jungen namens Bertram standen. Dieser war gewissermaßen ihr Räuberhauptmann, denn es muß gesagt werden, daß sich diese sechs Verbündeten weniger durch ihre Leistungen in der Schule, als durch zahlreiche Streiche auszeichneten, die sie gemeinschaftlich ausführten. In der Dunkelheit Bindfaden über die Straße zu spannen, die den ehrsamen Bürgern die Hüte von den Köpfen rissen, räuberische Ausflüge in fremde Obstgärten, Fischfang und Vogelstellen, nächtliches Abfeuern von Kanonenschlägen, verbotene Schießübungen und dergleichen Unfug waren ihre Lieblingsbeschäftigungen. In dem Abhang des Hügelwaldes hatten sie wohlverborgen im Gestrüpp eine Räuberhöhle angelegt, wo sie ihre geraubten Obstschätze aufbewahrten, verbotene Pfeifen rauchten und sonst allerlei unerlaubte Dinge trieben. Bertram hatte sich durch seinen gewalttätigen Charakter, seine Körperstärke und Entschlossenheit zum Anführer dieser kleinen Bande aufgeschwungen, und ihm wurde unweigerlicher Gehorsam gezollt. Eines Tages streifte diese Gesellschaft dort am Abhang umher, als sie eines Knaben namens Roland ansichtig wurde, der in den entfernteren Teilen des Waldes ein stattliches Körbchen mit Himbeeren zum Verkauf gesammelt hatte und damit nach Hause gehen wollte. Er war der Sohn einer armen Witwe, die sich kümmerlich von ihrer Hände Arbeit ernährte und darin von ihrem Sohne, soweit es in seinen Kräften stand, unterstützt wurde. Die Knaben hatten ihn kaum bemerkt, als sie ihn auch schon umringten und die gesammelten Früchte für gute Beute erklärten.

»Wie gut, daß du die Himbeeren für uns gesucht hast!« sagte Bertram und streckte die Hand nach dem Korbe aus. Allein Roland umklammerte diesen, hielt seine Hand schützend darüber und rief: »Ihr dürft sie nicht nehmen, ich habe den ganzen Tag daran gesammelt, und meine arme Mutter braucht das Geld!«

»Oh, sie werden uns ebenso gut schmecken wie dem Advokaten oder dem Kaufmann am Markt, wo du sie verkaufst!« sagte Bertram; »her damit!«

Roland sah nun wohl ein, daß er gegen die Übermacht nichts ausrichten würde, allein es kam ihm ein anderer Gedanke.

»Wenn ihr versprechen wollt, mir die Himbeeren zu lassen«, sagte er rasch, »so zeige ich euch etwas, das ihr lange gesucht habt. Ich habe das Loch auf dem Burgberge gefunden, wo es in das versunkene Schloß hinabgeht.«

»Ach, was wirst du da gefunden haben«, sagte Bertram, »wo wir schon so lange gesucht haben, das sind Ausflüchte.«

»So hört doch nur!« rief Roland eifrig. »Ich weiß dort, wo die alten Steine liegen und so viele dichte Dornen stehen, einen Ort, auf dem die allerschönsten Himbeeren wachsen. Nur an einer Stelle kann man zwischen dem Gemäuer und den großen Dornbüschen durchkriechen, da kommt man an einen Fleck, der rings von dem dichtesten Gestrüpp eingeschlossen ist. Heute habe ich dort wohl den halben Korb voll Himbeeren gesammelt. Während ich pflückte, kam mir schon immer ein sonderlicher Geruch in die Nase, es war gerade, als wenn meine Mutter Eierkuchen backt, und zuletzt sah ich in der Mitte des Platzes, wo der Boden etwas erhöht war, einen leichten Dampf aufsteigen. Ich dachte, was kann denn dort brennen, und es ward mir ganz unheimlich zumute, denn mir fiel ein, was man alles von dem Ort erzählt, und daß es dort nicht geheuer sein soll. Allein ich faßte Mut, schlich mich näher und bemerkte nun, daß dieser Rauch zwischen Gras und dichtem Rankenwerk hervorkam. Mit einem Stock schob ich dies beiseite, und ein schwarzes Loch wie von einem großen Schornstein ward frei. Vorsichtig kroch ich heran und horchte, allein ich konnte nichts wahrnehmen als ein leises Zischen und Schmoren in der Tiefe! Da überfiel mich die Angst, und ich machte, daß ich fortkam. Wenn ihr mir nun die Hand darauf gebt, mir meine Himbeeren zu lassen, so zeige ich euch das Loch.«

Die Knaben hatten mit der größten Aufmerksamkeit und Spannung zugehört. Bertram streckte seine Hand aus und rief: »Dort müssen wir hin, schlag ein, Roland.«

Dieser tat es, und alle stiegen nun den Hügel hinauf und krochen unter den Dornen hindurch, um diese wunderliche Entdeckung in Augenschein zu nehmen.

In dem eingeschlossenen Raume war es schwül, denn die Sonne brannte hinein, und die dichten Dornbüsche ringsum hielten jeden Luftzug ab. Ein schwerer Duft, wie ihn die Sommerhitze erzeugt, wenn sie auf gewürzigen Kräutern brütet, war rings verbreitet. Die Knaben waren still geworden und starrten ein wenig bänglich auf die finstere Öffnung im Boden hin. Es stieg kein Rauch mehr daraus hervor. Allmählich wurden sie dreister, schlichen herzu und blickten, rings auf den Knien liegend, in die dunkle Tiefe hinab. Dabei löste sich ein Steinchen und stürzte in den Abgrund, allein so angestrengt sie auch lauschten, sie vernahmen nicht, daß es unten aufschlug. »Große Schätze sollen dort liegen«, sagte Bertram, »wer dort hinunter könnte!«

Ein Gedanke schien ihm zu kommen; er flüsterte einem seiner Genossen, dem Sohne eines Seilers, etwas ins Ohr, dieser kroch hinaus und sprang in der Richtung auf die Stadt eilig den Abhang hinab. Die Knaben erzählten nun, was der eine oder der andere über das versunkene Schloß gehört hatte. Zwischendurch starrten sie wieder in die Tiefe und horchten, allein nicht das geringste war vernehmlich. Nach einer Weile kehrte der Abgesandte zurück und brachte eine sehr lange Wäscheleine mit sich, und Bertram sprach: »Einer von uns muß dort hinabsteigen, wir binden ihm das Seil um den Leib und lassen ihn vorsichtig hinab. Wer von euch hat Lust dazu?«

Allein keiner meldete sich zu diesem Unternehmen. Bertrams Augen fielen auf Roland. »Dieser«, sagte er, »hat das Geheimnis aufgefunden, außerdem ist er der leichteste und behendeste, wir wollen ihn hinunterlassen, daß wir erfahren, was auf dem Grunde verborgen liegt.« Da auf diese Weise die anderen frei ausgingen, fanden sie sämtlich den Vorschlag sehr gut und angemessen, jedoch Roland bekam einen tödlichen Schreck und wünschte, er hätte seine Himbeeren geopfert und das Geheimnis für sich behalten. Jedoch, ob er sich auch sträubte und wehrte, es half ihm nichts, das Tau ward um seinen Leib geschlungen, und trotz seiner flehentlichen Bitten ward er mitsamt seinem Korbe, den er krampfhaft festhielt, langsam in das Loch hinabgelassen.

Das Seil war fast zu Ende, als es sich krümmte und seine Spannung nachließ. Die Knaben zogen an, allein es war ganz leicht und schien offenbar leer zu sein. Sie ließen es wieder hinab und riefen in die Öffnung hinein, allein es kam keine Antwort. Dann zogen sie wieder an, und nun schien ihnen das Seil wieder beschwert zu sein. Allmählich wanden sie es empor, und als das Ende kam, sahen sie, daß auch wirklich etwas daran hing. »Na, Roland, wie war’s?« riefen sie schon, allein wie entsetzten sie sich, als sie bemerkten, daß es nicht der Knabe war, der an dem Tau hing, sondern eine tote Katze. Alle schrien laut auf und liefen davon. Da nun jeder so schnell wie möglich aus dem engen Eingang hinauswollte, so waren sie einander hinderlich, drängten sich und stießen sich in die Dornen und schrien, denn alle hatten die unbestimmte Angst, es möchte noch etwas viel Gräulicheres und Entsetzlicheres hinterherkommen. Als sie sich endlich blaß und zitternd draußen wieder gesammelt hatten, gaben sie sich gegenseitig das Versprechen, fürs erste von diesem Vorfall zu schweigen, und begaben sich sehr niedergeschlagen in die Stadt zurück.

*

Nachdem Roland unter Furcht und Zittern eine lange Weile, wie ihm dünkte, in dem engen Raum hinabgeglitten war, merkte er, daß es heller um ihn wurde. Er erkannte die Wände, die ihn umgaben, und das Gefüge der Steine. Dann wurde der Raum noch weiter und heller, und plötzlich fühlte er Boden unter seinen Füßen. Unwillkürlich streifte er das Seil ab, da es ihn gedrückt hatte, und sah sich um. Er stand auf dem Herde einer großen Küche, die mit glänzendem Kupfer- und Zinngeschirr reichlich versehen war. An einem Küchentisch saß ein kleiner, alter, grau gekleideter Mann mit einem Schlüsselbund an der Seite und aß Eierkuchen. Dieser kam auf ihn zu, blickte ihn finster aus kleinen schwarzen Augen an und sprach: »Unglücklicher, kommst du freiwillig an diesen Ort?« Roland erzählte zitternd, wie es ihm ergangen war. Der Alte lächelte. »Das ist gut«, sagte er, »kämst du aus freiem Antrieb, so würdest du die Welt nie wiedersehen.« Dann nahm er etwas hinter dem Herde hervor, das Roland nicht erkennen konnte, und machte sich mit dem Seile zu tun, das eben wieder herabgelassen wurde. Es war Roland, als höre er aus weiter Ferne seinen Namen rufen. Dann führte der Alte den Knaben an den Tisch und hieß ihn von dem Eierkuchen essen. Dabei bemerkte er den Korb mit Himbeeren und spitzte schmunzelnd die Lippen. »Ei, mein Junge«, sagte er, »was hast du da mitgebracht? Willst du mir die Früchte verkaufen?«

Roland dachte, es würde gut sein, sich diesen Mann zum Freunde zu halten, und sagte: »Ich schenke sie Euch!«

»Ei, du freundlicher Knabe«, sagte der Alte, »das will ich dir danken, das will ich dir danken.«

Damit langte er mit spitzen Fingern in den Korb und verzehrte einige der Himbeeren unter sichtlichem Behagen. Die übrigen schüttete er in eine Schüssel und stellte sie sorgfältig in einen Schrank. Dann gab er Roland den Korb zurück und sprach: »Folge mir!«

Er führte ihn nun durch die prächtigen Hallen und Räume des versunkenen Schlosses, bis sie an eine mächtige eiserne Tür gelangten. Diese öffnete der Alte, und die Schatzkammer tat sich vor Rolands erstaunten Blicken auf. Dort lagen wie auf einem Kornboden in mächtigen Haufen Perlen, Edelsteine und Goldstücke aufgespeichert. Von der Decke hing eine strahlende Lampe hernieder, und es funkelte, blitzte und glänzte in diesem Raum, daß es fast die Augen blendete. Der Alte nahm den Korb und füllte ihn mit diesen kostbaren Dingen an. Er ward dadurch so schwer, daß der Knabe ihn kaum zu tragen vermochte. Dann führte ihn der Alte durch einen langen, schmalen und dunklen Gang, schloß eine kleine Tür auf, und plötzlich strahlte ihnen das helle Tageslicht entgegen. Er streichelte dem kleinen Roland die Wangen und sprach: »Hab Dank für die schönen Früchte; seit hundert Jahren habe ich dergleichen nicht mehr gesehen und geschmeckt.« Damit schob er ihn hinaus, und die Tür fiel krachend ins Schloß. Als sich Roland umsah, war keine Spur von einem Eingang zu bemerken, nur grüner Rasen bedeckte gleichmäßig den Abhang des Hügels, an dessen Fuß er stand. Aber wie sonderbar, eine kühle Morgenluft wehte ihm entgegen, und es war doch so schwül gewesen, als er seine unfreiwillige Fahrt angetreten hatte. Nach seiner Ansicht mußte es jetzt Abend sein, aber dort, wo die Sonne über den Dächern der alten Stadt tief am Himmel stand, war ja Osten. Fürwahr, der Tag und die ganze Nacht waren vergangen, während er in dem versunkenen Schlosse gewesen war. Roland dachte an seine gute Mutter und an die Angst, die sie um seinetwegen gewiß empfand, und eilte, soviel es die schwere Last in seinem Korbe zuließ, der Stadt zu. Hei, wie aber sein Schatz von Gold und Edelgestein in der Sonne blitzte und funkelte und Strahlen von sich warf! Er raufte schnell ein wenig Gras und Moos aus und deckte ihn damit zu. Dicht vor dem Tore begegnete ihm Bertram mit seinen Genossen. Die Knaben waren noch ganz verstört und wollten wieder auf den Burgberg und noch einen Versuch mit dem Seile anstellen. Ihr freudiges Erstaunen, als sie Roland munter und wohlbehalten vor sich sahen, und ihre Verwunderung, als er sie einen Blick auf seine kostbaren Schätze tun ließ, war groß. Sie eilten, so schnell sie konnten, auf den Hügel und stritten sich unterwegs darum, wer zuerst in das Loch hinabgelassen werden sollte. Als sie aber oben anlangten, war, soviel sie auch suchten, keine Spur der geheimnisvollen Öffnung mehr zu finden. Sie durchkrochen auf den Knien sämtliche Dorngebüsche und stöberten im Schweiße ihres Angesichts den ganzen Tag dort umher, allein alles war und blieb vergeblich.

Der kleine Roland und seine Mutter aber waren durch den Schatz des alten Schloßhüters reiche Leute geworden und hatten genug an Geld und Gut für ihr ganzes Leben.

Die drei Sprachen

Gebr. Grimm

In der Schweiz lebte einmal ein alter Graf, und hatte nur einen einzigen Sohn, aber der war dumm und konnte nichts lernen. Da sprach der Vater: „hör mein Sohn, ich bringe nichts in deinen Kopf, ich mag es anfangen, wie ich will, du sollst mir fort, damit berühmte Meister es mit dir versuchen.“ Nun ward der Junge in eine fremde Stadt geschickt, und blieb bei den Meistern ein ganzes Jahr. Nach Verlauf desselben kam er wieder heim, da fragte ihn der Vater: „nun, was hast du gelernt?“ Der Sohn antwortete: „Vater, ich habe gelernt, was die Hunde bellen.“ „Das Gott erbarm! sprach der Vater, das ist alles, was du gelernt hast! nun sollst du in eine andere Stadt, zu andern Meistern.“ Der Junge ward hingebracht und blieb wieder ein ganzes Jahr; als er darnach zurück kam, sprach der Vater: „nun, was hast du gelernt?“ Der Sohn antwortete: „Vater, ich habe gelernt, was die Vögli sprechen.“ Da ward der Vater zornig und rief: „o du verlorener Mensch! hast die kostbare Zeit wieder zugebracht und nichts gelernt, und schämst dich nicht mir vor die Augen zu kommen? nun schick ich dich zum drittenmal zu andern Meistern, aber lernst du diesmal nichts, so will ich dein Vater nicht mehr seyn.“ Da ward der Sohn wieder in eine andere Stadt zu den Meistern gebracht und blieb das ganze Jahr da; als er nach Haus kam, fragte der Vater: „nun, was hast du gelernt?“ „Lieber Vater, antwortete er, ich habe dieses Jahr gelernt, was die Frösche quacken.“ Da ward der Vater ganz zornig, sprang auf, rief seine Leute und sagte: „dieser Mensch ist mein Sohn nicht mehr, ich stoße ihn von mir und gebiet euch, ihn hinaus in den Wald zu führen und zu töten.“ Sie nahmen ihn und führten ihn hinaus, aber als sie ihn töten sollten, konnten sie nicht vor Mitleiden und ließen ihn gehen, und schnitten einem Reh Augen und Zunge aus, damit sie dem Alten die Wahrzeichen bringen konnten.
Der Jüngling wanderte fort und kam nach einiger Zeit zu einer Burg, da bat er um Nachtherberge. „Ja, sagte der Burgherr, wenn du da unten in dem alten Turm übernachten willst, so geh hin, aber er ist lebensgefährlich, denn er ist voll wilder Hunde, die bellen und heulen in einem fort und müssen zu gewissen Stunden einen Menschen ausgeliefert haben, den sie gleich verzehren.“ Darüber war aber die ganze Gegend umher in Trauer und Leid, und konnte doch niemand helfen. Der Jüngling sprach: „lasst mich nur hinab zu den bellenden Hunden, und gebt mir etwas, das ich ihnen vorwerfen kann, mir sollen sie nichts tun.“ Weil er es nun selber nicht anders wollte, so gaben sie ihm etwas Essen für die wilden Tiere und führten ihn hinab zu dem Turm. Und als er hineintrat, wedelten die Hunde freundlich um ihn herum und krümmten ihm kein Härchen, sondern aßen, was er ihnen hinsetzte. Am andern Morgen kam er zu jedermanns Erstaunen gesund und unversehrt wieder heraus, und sagte zum Burgherrn. „Die Hunde haben mir in ihrer Sprache offenbart, warum sie da hausen und dem Lande schaden: sie sind verwünscht, so lang einen großen Schatz im Turme zu hüten, bis dieser gehoben ist, dann kommen sie zur Ruhe. Ich habe auch aus ihren Reden vernommen, auf was Art und Weise dies geschehen muss.“ Bei diesen Worten war allgemeine Freude und der Burgherr sprach: „wenn du mir den Schatz glücklich hebst, so soll meine Tochter deine Braut seyn.“ Da unternahm es der Jüngling und hob den großen Schatz, worauf die wilden Hunde verschwanden. Nun ward ihm die schöne Jungfrau angetraut und sie lebten vergnügt zusammen.
Über eine Zeit setzte er sich mit ihr in einen Wagen und wollte nach Rom fahren; auf dem Weg kamen sie an einem Sumpf vorbei, in welchem Frösche saßen und quackten. Der junge Graf verstand was sie sprachen und war ganz nachdenklich und traurig, sagte aber die Ursache seiner Frau nicht. Endlich gelangten sie in Rom an, da war gerade der Pabst gestorben und unter den Kardinälen großer Zweifel, wen sie zum Nachfolger bestimmen sollten. Sie wurden zuletzt einig, derjenige, an dem sich ein göttliches Wunderzeichen offenbaren würde, sollte zum Pabst erwählt werden. Und als sie das eben beschlossen, in demselben Augenblick trat der junge Graf in die Kirche und plötzlich flogen zwei schneeweiße Tauben auf jede seiner Schultern und blieben da sitzen. Wie das die Geistlichkeit sah, erkannte sie das Zeichen Gottes und frug ihn auf der Stelle, ob er ihr Pabst werden wolle? er war unschlüssig und wusste nicht, ob er dessen würdig sey, aber die Tauben redeten ihm zu, dass er es tun mögte und er antwortete: ja! Da wurde er gesalbt und geweiht und so war eingetroffen, was ihm die Frösche unterwegs gesagt hatten, und worüber er so bestürzt geworden, dass er der heilige Pabst werden sollte. Darauf musste er eine Messe singen und wusste kein Wort davon, aber die zwei Tauben saßen ihm stets auf den Schultern und redeten ihm jedes Wort in das Ohr, das er zu sagen hatte.

Strohhalm, Kohle und Bohne

Gebr. Grimm

In einem Dorfe wohnte eine arme alte Frau, die hatte ein Gericht Bohnen zusammen gebracht und wollte sie kochen. Sie machte also auf ihrem Herd ein Feuer zurecht, und damit es desto schneller brennen sollte, zündete sie es mit einer Hand voll Stroh an. Als sie die Bohnen in den Topf schüttete, entfiel ihr unbemerkt eine, die auf dem Boden neben einen Strohhalm zu liegen kam; bald danach sprang auch eine glühende Kohle vom Herd zu den beiden herab. Da fing der Strohhalm an und sprach „liebe Freunde, von wannen kommt ihr her?“ Die Kohle antwortete „ich bin zu gutem Glück dem Feuer entsprungen, und hätte ich das nicht mit Gewalt durchgesetzt, so war mir der Tod gewiss: ich wäre zu Asche verbrannt.“ Die Bohne sagte „ich bin auch noch mit heiler Haut davon gekommen, aber hätte mich die Alte in den Topf gebracht, ich wäre ohne Barmherzigkeit zu Brei gekocht worden, wie meine Kameraden.“ „Wäre mir denn ein besser Schicksal zu Teil geworden?“ sprach das Stroh, „alle meine Brüder hat die Alte in Feuer und Rauch aufgehen lassen, sechszig hat sie auf einmal gepackt und ums Leben gebracht. Glücklicherweise bin ich ihr zwischen den Fingern durchgeschlüpft.“ „Was sollen wir aber nun anfangen?“ sprach die Kohle. „Ich meine,“ antwortete die Bohne, „weil wir so glücklich dem Tode entronnen sind, so wollen wir uns als gute Gesellen zusammen halten und, damit uns hier nicht wieder ein neues Unglück ereilt, gemeinschaftlich auswandern und in ein fremdes Land ziehen.“

Der Vorschlag gefiel den beiden andern, und sie machten sich miteinander auf den Weg. Bald aber kamen sie an einen kleinen Bach, und da keine Brücke oder Steg da war, so wussten sie nicht wie sie hinüber kommen sollten. Der Strohhalm fand guten Rath und sprach „ich will mich quer über legen, so könnt ihr auf mir wie auf einer Brücke hinüber gehen.“ Der Strohhalm streckte sich also von einem Ufer zum andern, und die Kohle, die von hitziger Natur war, trippelte auch ganz keck auf die neugebaute Brücke. Als sie aber in die Mitte gekommen war und unter ihr das Wasser rauschen hörte, ward ihr doch angst: sie blieb stehen und getraute sich nicht weiter. Der Strohhalm aber fing an zu brennen, zerbrach in zwei Stücke und fiel in den Bach: die Kohle rutschte nach, zischte wie sie ins Wasser kam und gab den Geist auf. Die Bohne, die vorsichtigerweise noch auf dem Ufer zurückgeblieben war, musste über die Geschichte lachen, konnte nicht aufhören und lachte so gewaltig dass sie zerplatzte. Nun war es ebenfalls um sie geschehen, wenn nicht zu gutem Glück ein Schneider, der auf der Wanderschaft war, sich an dem Bach ausgeruht hätte. Weil er ein mitleidiges Herz hatte, so holte er Nadel und Zwirn heraus und nähte sie zusammen. Die Bohne bedankte sich bei ihm aufs schönste, aber da er schwarzen Zwirn gebraucht hatte, so haben seit der Zeit alle Bohnen eine schwarze Naht.

Die weiße und die schwarze Braut

Eine Frau ging mit ihrer Tochter und Stieftochter über Feld, Futter zu schneiden. Da kam der liebe Gott als ein armer Mann zu ihnen gegangen und fragte ‚wo führt der Weg ins Dorf?‘ ‚Wenn Ihr ihn wissen wollt,‘ sprach die Mutter, ’so sucht ihn selber,‘ und die Tochter setzte hinzu ‚habt Ihr Sorge, dass Ihr ihn nicht findet, so nehmt Euch einen Wegweiser mit.‘ Die Stieftochter aber sprach ‚armer Mann, ich will dich führen, komm mit mir.‘ Da zürnte der liebe Gott über die Mutter und Tochter, wendete ihnen den Rücken zu und verwünschte sie, dass sie sollten schwarz werden wie die Nacht und hässlich wie die Sünde. Der armen Stieftochter aber war Gott gnädig und ging mit ihr, und als sie nahe am Dorf waren, sprach er einen Segen über sie und sagte ‚wähle dir drei Sachen aus, die will ich dir gewähren.‘ Da sprach das Mädchen ‚ich möchte gern so schön und rein werden wie die Sonne;‘ alsbald war sie weiß und schön wie der Tag. ‚Dann möchte ich einen Geldbeutel haben, der nie leer würde;‘ den gab ihr der liebe Gott auch, sprach aber ‚vergiss das Beste nicht.‘ Sagte sie ‚ich wünsche mir zum dritten das ewige Himmelreich nach meinem Tode.‘ Das ward ihr auch gewährt, und also schied der liebe Gott von ihr.

Als die Stiefmutter mit ihrer Tochter nach Hause kam und sah, dass sie beide kohlschwarz und hässlich waren, die Stieftochter aber weiß und schön, so stieg die Bosheit in ihrem Herzen noch höher, und sie hatte nichts anders im Sinn, als wie sie ihr ein Leid antun könnte. Die Stieftochter aber hatte einen Bruder namens Reginer, den liebte sie sehr und erzählte ihm alles, was geschehen war. Nun sprach Reginer einmal zu ihr ‚liebe Schwester, ich will dich abmalen, damit ich dich beständig vor Augen sehe, denn meine Liebe zu dir ist so groß, dass ich dich immer anblicken möchte.‘ Da antwortete sie ‚aber ich bitte dich, lass niemand das Bild sehen.‘ Er malte nun seine Schwester ab und hing das Bild in seiner Stube auf; er wohnte aber in des Königs Schloss, weil er bei ihm Kutscher war. Alle Tage ging er davor stehen und dankte Gott für das Glück seiner lieben Schwester. Nun war aber gerade dem König, bei dem er diente, seine Gemahlin verstorben, die so schön gewesen war, dass man keine finden konnte, die ihr gliche, und der König war darüber in tiefer Trauer. Die Hofdiener bemerkten aber, dass der Kutscher täglich vor dem schönen Bilde stand, missgönntens ihm und meldeten es dem König. Da ließ dieser das Bild vor sich bringen, und als er sah, dass es in allem seiner verstorbenen Frau glich, nur noch schöner war, so verliebte er sich sterblich hinein. Er ließ den Kutscher vor sich kommen und fragte, wen das Bild vorstellte. Der Kutscher sagte, es wäre seine Schwester, so entschloss sich der König, keine andere als diese zur Gemahlin zu nehmen, gab ihm Wagen und Pferde und prächtige Goldkleider und schickte ihn fort, seine erwählte Braut abzuholen. Wie Reginer mit der Botschaft ankam, freute sich seine Schwester, allein die Schwarze war eifersüchtig über das Glück, ärgerte sich über alle Maßen und sprach h zu ihrer Mutter ‚was helfen nun all Eure Künste, da Ihr mir ein solches Glück doch nicht verschaffen könnt.‘ ‚Sei still,‘ sagte die Alte, ‚ich will dirs schon zuwenden.‘ Und durch ihre Hexenkünste trübte sie dem Kutscher die Augen, dass er halb blind war, und der Weißen verstopfte sie die Ohren, dass sie halb taub war. Darauf stiegen sie in den Wagen, erst die Braut in den herrlichen königlichen Kleidern, dann die Stiefmutter mit ihrer Tochter, und Reginer saß auf dem Bock, um zu fahren. Wie sie eine Weile unterwegs waren, rief der Kutscher

‚deck dich zu, mein Schwesterlein,
dass Regen dich nicht nässt,
dass Wind dich nicht bestäubt,
dass du fein schön zum König kommst.‘

Die Braut fragte ‚was sagt mein lieber Bruder?‘ ‚Ach,‘ sprach die Alte, ‚er hat gesagt, du solltest dein gülden Kleid ausziehen und es deiner Schwester geben.‘ Da zog sie’s aus und tat’s der Schwarzen an, die gab ihr dafür einen schlechten grauen Kittel. So fuhren sie weiter: über ein Weilchen rief der Bruder abermals

‚deck dich zu, mein Schwesterlein‘
dass Regen dich nicht nässt,
dass Wind dich nicht bestäubt,
und du fein schön zum König kommst.‘

Die Braut fragte ‚was sagt mein lieber Bruder?‘ ‚Ach,‘ sprach die Alte, ‚er hat gesagt, du solltest deine güldene Haube abtun und deiner Schwester geben.‘ Da tat sie die Haube ab und tat sie der Schwarzen auf und saß im bloßen Haar. So fuhren sie weiter: wiederum über eine Weile rief der Bruder

‚deck dich zu, mein Schwesterlein,
dass Regen dich nicht nässt
dass Wind dich nicht bestäubt,
und du fein schön zum König kommst.‘

Die Braut fragte ‚was sagt mein lieber Bruder?‘ ‚Ach,‘ sprach die Alte, ‚er hat gesagt, du möchtest einmal aus dem Wagen sehen.‘ Sie fuhren aber gerade auf einer Brücke über ein tiefes Wasser. Wie nun die Braut aufstand und aus dem Wagen sich herausbückte, da stießen sie die beiden hinaus, dass sie mitten ins Wasser stürzte. Als sie versunken war, in demselben Augenblick stieg eine schneeweiße Ente aus dem Wasserspiegel hervor und schwamm den Fluss hinab. Der Bruder hatte gar nichts davon gemerkt und fuhr den Wagen weiter, bis sie an den Hof kamen. Da brachte er dem König die Schwarze als seine Schwester und meinte, sie wär’s wirklich, weil es ihm trübe vor den Augen war und doch die Goldkleider schimmern sah. Der König, wie er die grundlose Hässlichkeit an seiner vermeinten Braut erblickte, ward sehr bös und befahl, den Kutscher in eine Grube zu werfen, die voll Ottern und Schlangengezücht war. Die alte Hexe aber wusste den König doch so zu bestricken und durch ihre Künste ihm die Augen zu verblenden, dass er sie und ihre Tochter behielt, ja dass sie ihm ganz leidlich vorkam und er sich wirklich mit ihr verheiratete.

Einmal abends, während die schwarze Braut dem König auf dem Schoße saß, kam eine weiße Ente zum Gossenstein in die Küche geschwommen und sagte zum Küchenjungen

‚Jüngelchen, mach Feuer an‘
dass ich meine Federn wärmen kann.‘

Das tat der Küchenjunge und machte ihr ein Feuer auf dem Herd: da kam die Ente und setzte sich daneben, schüttelte sich und strich sich die Federn mit dem Schnabel zurecht. Während sie so saß und sich wohltat, fragte sie

‚was macht mein Bruder Reginer?‘
Der Küchenjunge antwortete

‚liegt in der Grube gefangen
bei Ottern und bei Schlangen.‘

Fragte sie weiter

‚was macht die schwarze Hexe im Haus?‘
Der Küchenjunge antwortete

‚die sitzt warm
ins Königs Arm.‘

Sagte die Ente
‚dass Gott erbarm!‘

und schwamm den Gossenstein hinaus.

Den folgenden Abend kam sie wieder und tat dieselben Fragen und den dritten Abend noch einmal. Da konnte es der Küchenjunge nicht länger übers Herz bringen, ging zu dem König und entdeckte ihm alles. Der König aber wollte es salbst sehen, ging den andern Abend hin, und wie die Ente den Kopf durch den Gossenstein hereinstreckte, nahm er sein Schwert und hieb ihr den Hals durch, da ward sie auf einmal zum schönsten Mädchen, und glich genau dem Bild, das der Bruder von ihr gemacht hatte. Der König war voll Freuden; und weil sie ganz nass dastand, ließ er köstliche Kleider bringen und ließ sie damit bekleiden. Dann erzählte sie ihm, wie sie durch List und Falschheit wäre betrogen und zuletzt in den Fluss hinabgeworfen worden; und ihre erste Bitte war, dass ihr Bruder aus der Schlangenhöhle herausgeholt würde. Und als der König diese Bitte erfüllt hatte, ging er in die Kammer, wo die alte Hexe saß, und fragte ‚was verdient die, welche das und das tut?‘ und erzählte, was geschehen war. Da war sie so verblendet, dass sie nichts merkte und sprach ‚die verdient, dass man sie nackt auszieht und in ein Faß mit Nägeln legt, und dass man vor das Faß ein Pferd spannt und das Pferd in alle Welt schickt.‘ Das geschah alles an ihr und ihrer schwarzen Tochter. Der König aber heiratete die weiße und schöne Braut und belohnte den treuen Bruder, indem er ihn zu einem reichen und angesehenen Mann machte.

Die sieben Raben


Ein Mann hatte sieben Söhne und immer noch kein Töchterchen, so sehr er sich’s auch wünschte; endlich gab ihm seine Frau wieder Hoffnung zu einem Kinde, und wie es zur Welt kam, war’s auch ein Mädchen. Die Freude war groß, aber das Kind war schmächtig und klein und sollte wegen seiner Schwachheit die Nottaufe haben. Der Vater schickte einen der Knaben eilends zur Quelle, Taufwasser zu holen, die anderen sechs liefen mit, und weil jeder der erste beim Schöpfen sein wollte, so fiel ihnen der Krug in den Brunnen. Da standen sie, und wussten nicht, was Sie tun sollten, und keiner getraute sich heim. Als sie immer nicht zurückkamen, ward der Vater ungeduldig und sprach: „Gewiss haben sie’s wieder über ein Spiel vergessen, die gottlosen Jungen.“ Es ward ihm angst, das Mädchen müsste ungetauft verscheiden, und im Ärger rief er: „Ich wollte, dass die Jungen alle zu Raben würden.“ Kaum war das Wort ausgeredet, so hörte er ein Geschwirr über seinem Haupte in der Luft, blickte in die Höhe und sah sieben kohlschwarze Raben auf und davon fliegen.

Die Eltern konnten die Verwünschung nicht mehr zurücknehmen, und so traurig sie über den Verlust ihrer sieben Söhne waren, trösteten sie sich doch einigermaßen durch ihr liebes Töchterchen, das bald zu Kräften kam und mit jedem Tage schöner ward. Es wusste lange Zeit nicht einmal, dass es Geschwister gehabt hatte, denn die Eltern hüteten sich, ihrer zu erwähnen, bis es eines Tages die Leute von sich von ungefähr sprechen hörte, das Mädchen wäre wohl schön, aber doch eigentlich schuld an dem Unglück seiner sieben Brüder. Da ward es ganz betrübt, ging zu Vater und Mutter und fragte, ob es denn Brüder gehabt hätte und wo sie hingeraten wären? Nun durften die Eltern das Geheimnis nicht länger verschweigen, sagten jedoch, es sei so des Himmels Verhängnis und seine Geburt nur der unschuldige Anlass gewesen. Allein das Mädchen machte sich täglich ein Gewissen daraus und glaubte, es müsste seine Geschwister wieder erlösen. Es hatte nicht Ruhe und Rast, bis es sich heimlich aufmachte und in die weite Welt ging, seine Brüder irgendwo aufzuspüren und zu befreien, es möchte kosten, was es wolle. Es nahm nichts mit als ein Ringlein von seinen Eltern zum Andenken, einen Laib Brot für den Hunger, ein Krüglein Wasser für den Durst und ein Stühlchen für die Müdigkeit.

Nun ging es immer zu, weit, weit, bis an der Welt Ende. Da kam es zur Sonne, aber die war zu heiß und fürchterlich und fraß die kleinen Kinder. Eilig lief es weg und lief hin zu dem Mond, aber der war zu kalt und auch grausig und bös, und als er das Kind merkte, sprach er: „Ich rieche Menschenfleisch.“ Da machte es sich geschwind fort und kam zu den Sternen, die waren ihm freundlich und gut, und jeder saß auf seinem besonderen Stühlchen. Der Morgenstern aber stand auf, gab ihm ein Hinkelbeinchen und sprach: „Wenn du das Beinchen nicht hast, kannst du den Glasberg nicht aufschließen, und in dem Glasberg, da sind deine Brüder.“

Das Mädchen nahm das Beinchen, wickelte es wohl in ein Tüchlein und ging wieder fort, so lange bis es an den Glasberg kam. Das Tor war verschlossen, und es wollte das Beinchen hervorholen; aber wie es das Tüchlein aufmachte, so war es leer, und es hatte das Geschenk der guten Sterne verloren. Was sollte es nun anfangen? Seine Brüder wollte es erretten und hatte keinen Schlüssel zum Glasberg. Das gute Schwesterchen nahm ein Messer, schnitt sich ein kleines Fingerchen ab, steckte es in das Tor und schloss glücklich auf. Als es eingegangen war, kam ihm ein Zwerglein entgegen, das sprach: „Mein Kind, was suchst du?“ -„Ich suche meine Brüder, die sieben Raben“, antwortete es. Der Zwerg sprach: „Die Herren Raben sind nicht zu Haus, aber willst du hier so lang warten, bis sie kommen, so tritt ein.“ Darauf trug das Zwerglein die Speise der Raben herein auf sieben Tellerchen und in sieben Becherchen, und von jedem Tellerchen aß das Schwesterchen ein Bröckchen und aus jedem Becherchen trank es ein Schlückchen; in das letzte Becherchen aber ließ es das Ringlein fallen, das es mitgenommen hatte.

Auf einmal hörte es in der Luft ein Geschwirr und ein Geweh, da sprach das Zwerglein: „Jetzt kommen die Herren Raben heimgeflogen.“ Da kamen sie, wollten essen und trinken und suchten ihre Tellerchen und Becherchen. Da sprach einer nach dem anderen: „Wer hat von meinem Tellerchen gegessen? Wer hat aus meinem Becherchen getrunken? Das ist eines Menschen Mund gewesen.“ Und wie der siebente auf den Grund des Bechers kam, rollte ihm das Ringlein entgegen. Da sah er es an und erkannte, dass es ein Ring von Vater und Mutter war und sprach: „Gott gebe, unser Schwesterlein wäre da, so wären wir erlöst.“ Wie das Mädchen, das hinter der Türe stand und lauschte, den Wunsch hörte, so trat es hervor, und da bekamen alle die Raben ihre menschliche Gestalt wieder. Und sie herzten und küssten einander und zogen fröhlich heim.

Die weiße Schlange

Gebr. Grimm


Es ist schon lange her, da lebte ein König, dessen Weisheit im ganzen Lande berühmt war. Nichts blieb ihm unbekannt, und es war, als ob ihm Nachricht von den verborgensten Dingen durch die Luft zugetragen würde. Er hatte aber eine seltsame Sitte. Jeden Mittag, wenn von der Tafel alles abgetragen und niemand mehr zugegen war, musste ein vertrauter Diener noch eine Schüssel bringen. Sie war aber zugedeckt, und der Diener wusste selbst nicht, was darin lag, und kein Mensch wusste es, denn der König deckte sie nicht eher auf und aß nicht davon, bis er ganz allein war. Das hatte schon lange gedauert, da überkam eines Tages den Diener, der die Schüssel wieder wegtrug, die Neugierde, dass er nicht widerstehen konnte, sondern die Schüssel in seine Kammer brachte. Als er die Tür sorgfältig verschlossen hatte, hob er den Deckel auf, und da sah er, dass eine weiße Schlange darin lag. Bei ihrem Anblick konnte er die Lust nicht zurückhalten, sie zu kosten, er schnitt ein Stückchen davon ab und steckte es in den Mund. Kaum aber hatte es seine Zunge berührt, so hörte er vor seinem Fenster ein seltsames Gewisper von feinen Stimmen. Er ging und horchte; da merkte er, dass es die Sperlinge waren, die miteinander sprachen und sich allerlei erzählten, was sie im Felde und Walde gesehen hatten; denn kaum hatte seine Zunge das Schlangenfleisch berührt, da verstand er die Sprache der Tiere.

Nun trug es sich zu, dass gerade an diesem Tage der Königin ihr schönster Ring wegkam und auf den vertrauten Diener, der überall Zugang hatte, der Verdacht fiel, er habe ihn gestohlen. Der König ließ ihn vor sich kommen und drohte ihm unter heftigen Scheltworten, wenn er bis morgen den Täter nicht zu nennen wüsste, so sollte er dafür angesehen und gerichtet werden. Es half nichts, dass er seine Unschuld beteuerte, er ward mit keinem besseren Bescheid entlassen. In seiner Unruhe und Angst ging er hinab auf den Hof und bedachte, wie er sich aus seiner Not behelfen könne. Da saßen die Enten an einem fließenden Wasser friedlich nebeneinander und ruhten; sie putzten sich mit ihren Schnäbeln glatt und hielten ein vertrauliches Gespräch. Der Diener blieb stehen und hörte ihnen zu. Sie erzählten sich, wo sie heute morgen überall herumgewackelt wären, und was für gutes Futter sie gefunden hätten; da sagte eine verdrießlich: „Mir liegt etwas schwer im Magen, ich habe einen Ring, der unter der Königin Fenster lag, in der Hast mit hinuntergeschluckt.“ Gleich packte sie der Diener beim Kragen, trug sie in die Küche und sprach zum Koch: „Schlachte doch diese ab, sie ist wohlgenährt.“ – „Ja“, sagte der Koch und wog sie in der Hand, „die hat keine Mühe gescheut, sich zu mästen, und schon lange darauf gewartet, gebraten zu werden.“ Er schnitt ihr den Hals ab, und als sie ausgenommen ward, fand sich der Ring der Königin in ihrem Magen. Der Diener konnte nun leicht vor dem Könige seine Unschuld beweisen, und da dieser sein Unrecht wieder gutmachen wollte, erlaubte er ihm, sich eine Gnade auszubitten, und versprach ihm die größte Ehrenstelle, die er sich an seinem Hofe wünschte.

Der Diener schlug alles aus und bat nur um ein Pferd und Reisegeld‘ denn er hatte Lust, die Welt zu sehen und eine Weile darin herumzuziehen. Als seine Bitte erfüllt war, machte er sich auf den Weg und kam eines Tages an einem Teiche vorbei, wo er drei Fische bemerkte, die sich im Rohr gefangen hatten und nach Wasser schnappten. Obgleich man sagt, die Fische wären stumm, vernahm er doch ihre Klage, dass sie so elend umkommen müssten. Weil er ein mitleidiges Herz hatte, stieg er vom Pferde und setzte die drei Gefangenen wieder ins Wasser. Sie zappelten vor Freude, streckten die Köpfe heraus und riefen ihm zu: „Wir wollen dir’s gedenken und dir’s vergelten, dass du uns errettet hast.“ Er ritt weiter, und nach einem Weilchen kam es ihm vor, als hörte er zu seinen Füßen im Sand ein Stimme. Er horchte und vernahm, wie ein Ameisenkönig klagte: „Wenn uns nur die Menschen mit den ungeschickten Tieren vom Leib blieben! Da tritt mir das dumme Pferd mit seinen schweren Hufen meine Leute ohne Barmherzigkeit nieder!“ Er lenkte auf einen Seitenweg ein, und der Ameisenkönig rief ihm zu: „Wir wollen dir’s gedenken und dir’s vergelten.“ Der Weg führte ihn in einen Wald, und da sah er einen Rabenvater und eine Rabenmutter, die standen bei ihrem Neste und warfen ihre Jungen hinaus. „Fort mit euch, ihr Galgenschwengel!“ riefen sie. „Wir können euch nicht mehr satt machen, ihr seid groß genug und könnt euch selbst ernähren.“ Die armen Jungen lagen auf der Erde, flatterten und schlugen mit ihren Fittichen und schrien: „Wir hilflosen Kinder, wir sollen uns selbst ernähren und können noch nicht fliegen! Was bleibt uns übrig, als hier Hungers zu sterben!“ Da stieg der gute Jüngling ab, tötete das Pferd mit seinem Degen und überließ es den jungen Raben zum Futter. Die kamen herbeigehüpft, sättigten sich und riefen: „Wir wollen dir’s gedenken und dir’s vergelten.“

Er musste jetzt seine eigenen Beine gebrauchen, und als er lange Wege gegangen war, kam er in eine große Stadt. Da war großer Lärm und Gedränge in den Straßen, und kam einer zu Pferde und machte bekannt, die Königstochter suche einen Gemahl; wer sich aber um sie bewerben wolle, der müsse eine schwere Aufgabe vollbringen, und könne er’s nicht glücklich ausführen, so habe er sein Leben verwirkt. Viele hatten es schon versucht, aber vergeblich ihr Leben darangesetzt. Als der Jüngling die Königstochter sah, ward er von ihrer großen Schönheit so verblendet, dass er alle Gefahr vergaß, vor den König trat und sich als Freier meldete.

Alsbald ward er hinaus ans Meer geführt und vor seinen Augen ein goldener Ring hineingeworfen. Dann hieß ihn der König diesen Ring aus dem Meeresgrund wieder hervorholen und fügte hinzu: „Wenn du ohne ihn wieder in die Höhe kommst, so wirst du immer aufs neue hinabgestürzt‘ bis du in den Wellen umkommst.“ Alle bedauerten den schönen Jüngling und ließen ihn dann einsam am Meere zurück. Er stand am Ufer und überlegte, was er wohl tun sollte; da sah er auf einmal drei Fische daherschwimmen, und es waren keine andern als die, denen er das Leben gerettet hatte. Der mittelste hielt eine Muschel im Munde, die er an den Strand zu den Füßen des Jünglings hinlegte, und als dieser sie aufhob und öffnete, so lag der Goldring darin.

Voll Freude brachte er ihn dem Könige und erwartete, dass er ihm den verheißenen Lohn gewähren würde. Die stolze Königstochter aber, als sie vernahm, dass er ihr nicht ebenbürtig war, verschmähte ihn und verlangte, er sollte zuvor eine zweite Aufgabe lösen. Sie ging hinab in den Garten und streute selbst zehn Säcke voll Hirse ins Gras. „Die muss er morgen, eh‘ die Sonne hervorkommt, aufgelesen haben“, sprach sie, „und darf kein Körnchen fehlen.“ Der Jüngling setzte sich in den Garten und dachte nach, wie es möglich wäre, die Aufgabe zu lösen; aber er konnte nichts ersinnen, saß ganz traurig da und erwartete, bei Anbruch des Morgens zum Tode geführt zu werden. Als aber die ersten Sonnenstrahlen in den Garten fielen, sah er die zehn Säcke alle wohlgefüllt nebeneinander stehen, und kein Körnehen fehlte darin. Der Ameisenkönig war mit seinen tausend und tausend Ameisen in der Nacht angekommen, und die dankbaren Tiere hatten die Hirse mit großer Emsigkeit gelesen und in die Säcke gesammelt. Die Königstochter kam selbst in den Garten herab und sah mit Verwunderung, dass der Jüngling vollbracht hatte, was ihm aufgegeben war. Aber sie konnte ihr stolzes Herz noch nicht bezwingen und sprach: „Hat er auch die beiden Aufgaben gelöst, so soll er doch nicht eher mein Gemahl werden, als bis er mir einen Apfel vom Baume des Lebens gebracht hat.“ Der Jüngling wusste nicht, wo der Baum des Lebens stand; er machte sich auf und wollte immerzu gehen, solange ihn seine Beine trügen, aber er hatte keine Hoffnung, ihn zu finden. Als er schon durch drei Königreiche gewandert war und abends in einen Wald kam, setzte er sich unter einen Baum und wollte schlafen: da hörte er in den Ästen ein Geräusch, und ein goldener Apfel fiel in seine Hand. Zugleich flogen drei Raben zu ihm herab, setzten sich auf seine Knie und sagten: „Wir sind die drei jungen Raben, die du vom Hungertod errettet hast; als wir groß geworden waren und hörten, dass du den goldenen Apfel suchtest, sind wir über das Meer geflogen bis ans Ende der Welt, wo der Baum des Lebens steht, und haben dir den Apfel geholt.“ Voll Freude machte sich der Jüngling auf den Heimweg und brachte den goldenen Apfel der schönen Königstochter, der nun keine Ausrede mehr übrigblieb. Sie teilten den Apfel des Lebens und aßen ihn zusammen: da ward ihr Herz mit Liebe zu ihm erfüllt, und sie erreichten in ungestörtem Glück ein hohes Alter.

Das tapfere Schneiderlein

Gebr. Grimm

An einem Sommermorgen saß ein Schneiderlein auf seinem Tische am Fenster, war guter Dinge und nähte aus Leibeskräften. Da kam eine Bauersfrau die Straße herab und rief: „Gut Mus feil! Gut Mus feil!“ Das klang dem Schneiderlein lieblich in die Ohren; er steckte sein zartes Haupt zum Fenster hinaus und rief: „Hier herauf, liebe Frau, hier wird sie ihre Ware los!“ Die Frau stieg die drei Treppen mit ihrem schweren Korbe zu dem Schneider herauf und musste die Töpfe sämtlich vor ihm auspacken. Er besah sie alle, hob sie in die Höhe, hielt die Nase daran und sagte endlich: „Das Mus scheint mir gut, wieg‘ sie mir doch vier Lot ab, liebe Frau, wenn’s auch ein Viertelpfund ist, kommt es mir nicht darauf an.“ Die Frau, die gehofft hatte, einen guten Absatz zu finden, gab ihm, was er verlangte. ging aber ganz ärgerlich und brummig fort. „Nun, das Mus soll mir Gott gesegnen“, rief das Schneiderlein, „und soll mir Kraft und Stärke geben!“ holte das Brot aus dem Schrank, schnitt sich ein Stück über den, ganzen Laib und strich das Mus darüber. „Das wird nicht bitter schmecken“, sprach er, „aber erst will ich das Wams fertig machen, eh‘ ich anbeiße.“ Er legte das Brot neben sich, nähte weiter und machte vor Freude immer größere Stiche. Indes stieg der Geruch von dem süßen Mus hinauf an die Wand, wo die Fliegen in großer Menge saßen, so dass sie herangelockt wurden und sich scharenweise darauf niederließen. „Ei, wer hat euch eingeladen?“ sprach das Schneiderlein und jagte die ungebetenen Gäste fort. Die Fliegen aber, die kein Deutsch verstanden, ließen sich nicht abweisen, sondern kamen in immer größerer Gesellschaft wieder. Da lief dem Schneiderlein endlich, wie man sagt, die Laus über die Leber, es langte nach einem Tuchlappen, und – „Wart‘, ich will es euch geben!“ – schlug es unbarmherzig drauf. Als es den Lappen abzog und zählte, so lagen nicht weniger als sieben vor ihm tot und streckten die Beine. „Bist du so ein Kerl?“ sprach er und musste selbst seine Tapferkeit bewundern; „das soll die ganze Stadt erfahren!“ Und in der Hast schnitt sich das Schneiderlein einen Gürtel, nähte ihn und stickte mit großen Buchstaben darauf: Siebene auf einen Streich! „Ei was Stadt!“ sprach er weiter, „die ganze Welt soll’s erfahren!“ und sein Herz wackelte ihm vor Freude wie ein Lämmerschwänzchen.

Der Schneider band sich den Gürtel um den Leib und wollte in die Welt hinaus, weil er meinte, die Werkstätte sei zu klein für seine Tapferkeit. Eh‘ er abzog, suchte er im Haus herum, ob nichts da wäre, was er mitnehmen könnte; er fand aber nichts als einen alten Käse, den steckte er ein. Vor dem Tore bemerkte er einen Vogel, der sich im Gesträuch gefangen hatte, der musste zu dem Käse in die Tasche. Nun nahm er den Weg tapfer zwischen die Beine, und weil er leicht und behend war, fühlte er keine Müdigkeit. Der Weg führte ihn auf einen Berg, und als er den höchsten Gipfel erreicht hatte, so saß da ein gewaltiger Riese und schaute sich ganz gemütlich um. Das Schneiderlein ging beherzt auf ihn zu, redete ihn an und sprach: „Guten Tag, Kamerad! Gelt, du sitzest da und besiehst dir die weitläufige Welt? Ich bin eben auf dem Wege dahin und will mich versuchen. Hast du Lust mitzugehen?“ Der Riese sah den Schneider verächtlich an und sprach: „Du Lump! Du miserabler Kerl!“ – „Das wäre!“ antwortete das Schneiderlein, knöpfte den Rock auf und zeigte dem Riesen den Gürtel; „da kannst du lesen, was ich für ein Mann bin.“ Der Riese las: „Siebene auf einen Streich!“ meinte, das wären Menschen gewesen, die der Schneider erschlagen hätte, und kriegte ein wenig Respekt vor dem kleinen Kerl. Doch wollte er ihn erst prüfen, nahm einen Stein in die Hand und drückte ihn zusammen, dass das Wasser heraustropfte. „Das mach‘ mir nach“, sprach der Riese, „wenn du Stärke hast.“ -„Ist’s weiter nichts?“ sagte das Schneiderlein, „das ist bei unsereinem Spielwerk“, griff in die Tasche, holte den weichen Käse und drückte ihn, dass der Saft herauslief. „Gelt“, sprach er, „das war ein wenig besser?“ Der Riese wusste nicht, was er sagen sollte, und konnte es von dem Männlein nicht glauben. Da hob der Riese einen Stein auf und warf ihn so hoch, dass man ihn mit den Augen kaum noch sehen konnte: „Nun, du Erpelmännchen, das tu mir nach!“ -„Gut geworfen“, sagte der Schneider, „aber der Stein hat doch wieder zur Erde herabfallen müssen, ich will dir einen werfen, der soll gar nicht wiederkommen“, griff in die Tasche, nahm den Vogel und warf ihn in die Luft. Der Vogel, froh über seine Freiheit, stieg auf, flog fort und kam nicht wieder. -„Werfen kannst du wohl“, sagte der Riese, „aber nun wollen wir sehen, ob du imstande bist, etwas Ordentliches zu tragen.‘ Er führte das Schneiderlein zu einem mächtigen Eichbaum, der da gefällt auf dem Boden lag, und sagte: „Wenn du stark genug bist, so hilf mir den Baum aus dem Walde hinaustragen.“ – ,Gern“, antwortete der kleine N4ann; „nimm du nur den Stamm auf deine Schulter, ich will die Äste mit dem Gezweig aufheben und tragen, das ist doch das schwerste.“ Der Riese nahm den Stamm auf die Schulter, der Schneider aber setzte sich auf einen Ast, und der Riese, der sich nicht umsehen konnte, musste den ganzen Baum und das Schneiderlein noch obendrein forttragen. Es war dahinten ganz lustig und guter Dinge, pfiff das Liedchen: „Es ritten drei Schneider zum Tore hinaus“, als wäre das Baumtragen ein Kinderspiel. Der Riese, nachdem er ein Stück Wegs die schwere Last fortgeschleppt hatte, konnte nicht weiter und rief: „Hör‘, ich muss den Baum fallen lassen!“ Der Schneider sprang behendiglich herab, fasste den Baum mit beiden Armen, als wenn er ihn getragen hätte, und sprach zum Riesen: „Du bist ein so großer Kerl und kannst den Baum nicht einmal tragen.“

Sie gingen zusammen weiter, und als sie an einem Kirschbaum vorbeikamen, fasste der Riese die Krone des Baumes, wo die zeitigsten Früchte hingen. bog se herab, gab sie dem Schneider in die Hand und hieß ihn essen. Das Schneiderlein aber war viel zu schwach, um den Baum zu halten, und als der Riese losließ, fuhr der Baum in die Höhe, und der Schneider ward mit in die Luft geschnellt. Als er wieder ohne Schaden herabgefallen war, sprach der Riese: „Was ist das, hast du nicht Kraft, die schwache Gerte zu halten?“ – „An Kraft fehlt es nicht“, antwortete das Schneiderlein; „meinst du, das wäre etwas für einen, der siebene mit einem Streich getroffen hat? Ich bin über den Baum gesprungen, weil die Jäger da unten in das Gebüsch schießen. Spring‘ nach, wenn du’s vermagst!“ Der Riese machte den Versuch, konnte aber nicht über den Baum kommen, sondern blieb in den Ästen hängen, also dass das Schneiderlein auch hier die Oberhand behielt. Der Riese sprach: „Wenn du ein tapferer Kerl bist, so komm‘ mit in unsere Höhle und übernachte bei uns.“ Das Schneiderlein war bereit und folgte ihm. Als sie in der Höhle anlangten, saßen da noch andere Riesen beim Feuer, und jeder hatte ein gebratenes Schaf in der Hand und aß davon. Das Schneiderlein sah sich um und dachte: „Es ist doch hier viel weitläufiger als in meiner Werkstatt.“ Der Riese wies ihm ein Bett an und sagte, er solle sich hineinlegen und ausschlafen. Dem Schneiderlein war aber das Bett zu groß, es legte sich nicht hinein, sondern kroch in eine Ecke. Als es Mitternacht war und der Riese meinte, das Schneiderlein läge in tiefem Schlafe, stand er auf, nahm eine große Eisenstange und schlug das Bett mit einem Schlag durch und meinte, er hätte dem Grashüpfer den Garaus gemacht. Mit dem frühesten Morgen gingen die Riesen in den Wald und hatten das Schneiderlein ganz vergessen, da kam es auf einmal ganz lustig und verwegen dahergeschritten. Die Riesen erschraken, fürchteten, es schlüge sie alle tot, und liefen fort.

Das Schneiderlein zog weiter, immer seiner spitzen Nase nach. Nachdem es lange gewandert war, kam es in den Hof eines königlichen Palastes, und da es Müdigkeit empfand, legte es sich ins Gras und schlief ein. Während es so dalag, kamen die Leute, betrachteten es von allen Seiten und lasen auf dem Gürtel: „Siebene auf einen Streich!“ – „Ach“, sprachen sie, „was will der große Kriegsheld hier mitten im Frieden? Das muss ein mächtiger Herr sein.“ Sie gingen und meldeten es dem König und meinten, wenn Krieg ausbrechen sollte, wäre das ein wichtiger und nützlicher Mann, den man um keinen Preis fortlassen dürfte. Dem König gefiel der Rat, und er schickte einen von seinen Hofleuten an das Schneiderlein ab, der sollte ihm, wenn es aufgewacht wäre, Kriegsdienste anbieten. Der Abgesandte blieb bei dem Schläfer stehen, wartete, bis er seine Glieder streckte und die Augen aufschlug, und brachte dann seinen Antrag vor. „Eben deshalb bin ich hierher gekommen“, antwortete er; „ich bin bereit, in des Königs Dienste zu treten.“ Also ward er ehrenvoll empfangen und ihm eine besondere Wohnung angewiesen.

Die Kriegsleute aber waren dem Schneiderlein aufgesessen und wünschten, es wäre tausend Meilen weit weg.“ Was soll daraus werden?“ sprachen sie untereinander; „wenn wir Zank mit ihm kriegen und er haut zu, so fallen auf jeden Streich siebene. Da kann unsereiner nicht bestehen.“ Also fassten sie einen Entschluss, begaben sich allesamt zum König und baten um ihren Abschied. „Wir sind nicht gemacht“, sprachen sie, „neben einem Manne auszuhalten, der siebene auf einen Streich schlägt.“ Der König war traurig, dass er um des einen willen alle seine treuen Diener verlieren sollte, wünschte, dass seine Augen ihn nie gesehen hätten, und wäre ihn gern wieder los gewesen. Aber er getraute sich nicht, ihm den Abschied zu geben, weil er fürchtete, er möchte ihn samt seinem Volke totschlagen und sich auf den königlichen Thron setzen. Er sann lange hin und her, endlich fand er einen Rat. Er schickte zu dem Schneiderlein und ließ ihm sagen, weil er ein so großer Kriegsheld wäre, so wollte er ihm ein Anerbieten machen. In einem Walde seines Landes hausten zwei Riesen, die mit Rauben, Morden, Sengen und Brennen großen Schaden stifteten; niemand dürfte sich ihnen nahen, ohne sich in Lebensgefahr zu setzen. Wenn er diese beiden Riesen überwände und tötete, so wollte er ihm seine einzige Tochter zur Gemahlin geben und das halbe Königreich zur Ehesteuer; auch sollten hundert Reiter mitziehen und ihm Beistand leisten. „Das wäre so etwas für einen Mann, wie du bist“, dachte das Schneiderlein; „eine schöne Königstochter und ein halbes Königreich werden einem nicht alle Tage angeboten.“ – „0 ja“, gab er zur Antwort, „die Riesen will ich schon bändigen und habe die hundert Reiter dabei nicht nötig: wer siebene auf einen Streich trifft, braucht sich vor zweien nicht zu fürchten.“

Das Schneiderlein zog aus, und die hundert Reiter folgten ihm. Als er zu dem Rande des Waldes kam, sprach er zu seinen Begleitern…, Bleibt hier nur halten, ich will schon allein mit den Riesen fertig werden.“ Dann sprang er in den Wald hinein und schaute sich rechts und links um. Über ein Weilchen erblickte er beide Riesen; sie lagen unter einem Baume und schliefen und schnarchten dabei, dass sich die Äste auf und nieder bogen. Das Schneiderlein, nicht faul, las beide Taschen voll Steine und stieg damit auf den Baum. Als es in der Mitte war, rutschte es auf einen Ast, bis es gerade über die Schläfer zu sitzen kam, und ließ dem einen Riesen einen Stein nach dem andern auf die Brust fallen. Der Riese spürte lange nichts, doch endlich wachte er auf, stieß seinen Gesellen an und sprach: „Was schlägst du mich?“ – „Du träumst“, sagte der andere, „ich schlage dich nicht.“ Sie legten sich wieder zum Schlaf; da warf der Schneider auf den zweiten einen Stein herab. „Was soll das?“ rief der andere, „warum wirfst du mich?“ – „Ich werfe dich nicht“, antwortete der erste und brummte. Sie zankten sich eine Weile herum, doch weil sie müde waren, ließen sie’s gut sein, und die Augen fielen ihnen wieder zu. Das Schneiderlein fing sein Spiel von neuem an, suchte den dicksten Stein aus und warf ihn dem ersten Riesen mit aller Kraft auf die Brust. „Das ist zu arg!“ schrie er, sprang wie ein Unsinniger auf und stieß seinen Gesellen gegen den Baum, dass dieser zitterte. Der andere zahlte mit gleicher Münze, und sie gerieten in solche Wut, dass sie Bäume ausrissen und so lange aufeinander losschlugen, bis sie endlich beide zugleich tot auf die Erde fielen. Nun sprang das Schneiderlein herab. „Ein Glück nur“, sprach es, „dass sie den Baum, auf dem ich saß, nicht ausgerissen haben, sonst hätte ich wie ein Eichhörnchen auf einen andern springen müssen; doch unsereiner ist behende!“ Es zog sein Schwert und versetzte jedem ein paar tüchtige Hiebe in die Brust, dann ging es hinaus zu den Reitern und sprach: „Die Arbeit ist getan, ich habe beiden den Garaus gemacht; aber hart ist es hergegangen, sie haben in der Not Bäume ausgerissen und sich gewehrt, doch das hilft alles nichts, wenn einer kommt wie ich, der siebene auf einen Streich schlägt.“ – „Seid Ihr denn nicht verwundet?“ fragten die Reiter. – „Das hat gute Wege“, antwortete der Schneider; „kein Haar haben sie mir gekrümmt.“ Die Reiter wollten ihm keinen Glauben beimessen und ritten in den Wald hinein; da fanden sie die Riesen in ihrem Blute schwimmend, und ringsherum lagen die ausgerissenen Bäume.

Das Schneiderlein verlangte von dem König die versprochene Belohnung; den aber reute sein Versprechen, und er sann aufs Neue, wie er sich den Helden vom Halse schaffen könnte. „Ehe du meine Tochter und das halbe Reich erhältst“, sprach er zu ihm, „musst du noch eine Heldentat vollbringen. In dem Walde läuft ein Einhorn, das großen Schaden anrichtet, das musst du erst einfangen.“ Das Schneiderlein antwortete: „Vor einem Einhome fürchte ich mich noch weniger als vor zwei Riesen; siebene auf einen Streich, das ist meine Sache!“ Er nahm sich einen Strick und eine Axt mit, ging hinaus in den Wald und hieß abermals die, die ihm zugeordnet waren, außen warten. Er brauchte nicht lange zu suchen, das Einhorn kam bald daher und sprang geradezu auf den Schneider los, als wollte es ihn ohne Umstände aufspießen. „Sachte, sachte“, sprach er, „so geschwind geht das nicht!“ blieb stehen und wartete, bis das Tier ganz nahe war, dann sprang er behendiglich hinter den Baum. Das Einhorn rannte mit aller Kraft gegen den Baum und spießte sein Horn so fest in den Stamm, dass es nicht Kraft genug hatte, es wieder herauszuziehen, und so war es gefangen. „Jetzt hab‘ ich das Vöglein“ sagte der Schneider, kam hinter dem Baume hervor, legte erst dem Einhorn den Strick um den Hals, dann hieb er mit der Axt das Horn aus dem Baume, und als alles in Ordnung war, führte er das Tier ab und brachte es dem König.

Der König wollte ihm den verheißenen Lohn noch nicht gewähren und machte eine dritte Forderung. Der Schneider sollte ihm vor der Hochzeit erst ein Wildschwein fangen, das in dem Walde großen Schaden tat; die Jäger sollten ihm Beistand leisten. „Gern“, sprach der Schneider, „das ist ein Kinderspiel!“ Die Jäger nahm er nicht mit in den Wald, und sie waren’s wohl zufrieden, denn das Wildschwein hatte sie schon mehrmals so empfangen, dass sie keine Lust hatten, ihm nachzustellen. Als das Schwein den Schneider erblickte, lief es mit schäumendem Munde und wetzenden Zähnen auf ihn zu und wollte ihn zur Erde werfen; der flüchtige Held aber sprang in eine Kapelle, die in der Nähe war, und gleich oben zum Fenster in einem Satze wieder hinaus. Das Schwein war hinter ihm hergelaufen, er aber hüpfte außen herum und schlug die Tür hinter ihm zu; da war das wütende Tier gefangen, das viel zu schwer und unbeholfen war, um zu dem Fenster hinauszuspringen. Das Schneiderlein rief die Jäger herbei, die mussten den Gefangenen mit eigenen Augen sehen; Der Held aber begab sich zum Könige, der nun, er mochte wollen oder nicht, sein Versprechen halten musste und ihm seine Tochter und das halbe Königreich übergab. Hätte er gewusst, dass kein Kriegsheld, sondern ein Schneiderlein vor ihm stand, es wäre ihm noch mehr zu Herzen gegangen. Die Hochzeit ward also mit großer Pracht und kleiner Freude gehalten und aus einem Schneider ein König gemacht.

Nach einiger Zeit hörte die junge Königin in der Nacht, wie ihr Gemahl im Traume sprach: „Junge, mach‘ mir das Wams und flick‘ mir die Hosen, oder ich will dir die Eile über die Ohren schlagen!“ Da merkte sie, in welcher Gasse der junge Herr geboren war, klagte am andern Morgen ihrem Vater ihr Leid und bat, er möchte ihr von dem Manne helfen, der nichts anderes als ein Schneider wäre. Der König sprach ihr Trost zu und sagte: „Lass‘ in der nächsten Nacht deine Schlafkammer offen, meine Diener sollen außen stehen und, wenn er eingeschlafen ist, hineingehen, ihn binden und auf ein Schiff tragen, das ihn in die weite Welt führt.“ Die Frau war damit zufrieden, des Königs Waffenträger aber, der alles mitangehört hatte, war dem jungen Herrn gewogen und hinterbrachte ihm den ganzen Anschlag. „Dem Ding will ich einen Riegel vorschieben“, sagte das Schneiderlein. Abends legte es sich zu gewöhnlicher Zeit zu Bett; als seine Frau glaubte, er sei eingeschlafen, stand sie auf, öffnete die Tür und legte sich wieder. Das Schneiderlein, das sich nur stellte, als wenn es schliefe, fing an mit heller Stimme zu rufen: „Junge, mach‘ das Wams und flick‘ mir die Hosen, oder ich will dir die Elle über die Ohren schlagen! Ich habe siebene mit einem Streich getroffen, zwei Riesen getötet, ein Einhorn fortgeführt und ein Wildschwein gefangen und sollte mich vor denen fürchten, die draußen vor der Kammer stehen?“ Als diese den Schneider also sprechen hörten, überkam sie eine große Furcht, sie liefen, als wenn das wilde Heer hinter ihnen wäre, und keiner wollte sich mehr an ihn wagen. Also war und blieb das Schneiderlein sein Lebtag ein König.

Der alte Sultan

Gebr. Grimm
Es hatte ein Bauer einen treuen Hund, der Sultan hieß, der war alt geworden, so dass er nichts mehr fest packen konnte. Da stand der Bauer einmal mit seiner Frau im Hofe und sprach: „den alten Sultan schieß ich morgen tot, der ist zu nichts mehr nutz.“ Der Frau tat der Hund leid und sie antwortete: „er hat uns so lange Jahre gedient, dass wir ihm wohl könnten das Gnadenbrot geben.“ „Ei was, sprach der Mann, du bist nicht recht gescheit, er hat keinen Zahn mehr im Maul und kein Dieb fürchtet sich vor ihm; hat er uns gedient, so hat er sein gutes Fressen dafür gekriegt, jetzt taugt er nichts mehr und da kann er abgehn.“

Der Hund, der nicht weit davon lag, hatte alles mit angehört, erschrak und war traurig, dass morgen sein letzter Tag seyn sollte. Nun hatte er einen guten Freund, das war der Wolf, zu dem ging er Abends hinaus in den Wald und erzählte, was ihm für ein Schicksal bevorstehe. „Mach dir keine Sorgen, sprach der Wolf, ich weiß einen guten Rath. Morgen in aller früh geht dein Herr mit seiner Frau ins Heu und sie nehmen ihr kleines Kind mit. Das legen sie bei der Arbeit hinter die Hecke in den Schatten, da leg dich daneben, gleich als wolltest du es bewachen. Dann will ich aus dem Wald kommen und das Kind rauben, du musst mir nachspringen mit allen Kräften, als wolltest du mirs wieder abjagen. Ich lass es fallen und du bringst es wieder, dann glauben sie, du hättest es gerettet und sind viel zu dankbar, dir etwas zu tun; im Gegenteil, du kommst in völlige Gnade und es wird dir an nichts fehlen.“
Der Anschlag gefiel dem Hund und wie er ausgedacht war, so wurde er auch ausgeführt. Der Bauer schrie, wie er den Wolf mit seinem Kind durchs Feld laufen sah, als es aber der alte Sultan wieder zurückbrachte, da war er froh, streichelte ihn und sprach: „dir soll nichts Böses widerfahren, du sollst das Gnadenbrot haben, so lang du lebst.“ Dann sagte er zu seiner Frau: „geh gleich heim und koch dem alten Sultan einen Weckbrei, den braucht er nicht zu beißen und mein Kopfkissen schenk ich ihm auch zu seinem Lager.“ Von nun an hatte es der Sultan so gut, als er sichs nur wünschen konnte. Der Wolf besuchte ihn und freute sich, dass es so wohl gelungen war. „Hör Landsmann, sprach er, du wirst doch ein Aug zudrücken, wenn ich deinem Herrn ein fettes Schaf wegholen kann. Es wird einem heutzutage schwer, sich durchzuschlagen.“ „Nein, antwortete der Hund, meinem Herrn bin ich treu, das kann ich nicht zugeben.“ Der Wolf indessen meinte, das wär kein Ernst und kam in der Nacht, den guten Bissen abzuholen; aber der treue Sultan hatte dem Herrn alles angezeigt, so dass dieser in der Scheuer aufpasste und dem Wolf garstig die Haare kämmte. Der Wolf musste zwar ausreißen, rief aber dem Hund noch zu: „du schlechter Kerl, das soll dir nicht hingehen!“
Am andern Morgen schickte der Wolf das Schwein und ließ den Hund hinaus in den Wald fordern, da wollten sie ihre Sache ausmachen. Der Hund konnte niemand als eine dreibeinige Katze zu seinem Beistand bekommen; als sie nun zusammen hinaus gingen, humpelte die arme Katze daher und streckte dabei den Schwanz vor Schmerzen in die Höhe. Der Wolf und sein Beistand waren schon an Ort und Stelle; aber als sie die Gegenpart daher kommen sahen, meinten sie, er führe einen Säbel mit sich, weil sie den aufgerichteten Schwanz der Katze dafür ansahen, und wenn diese so auf drei Beinen hüpfte, dachten sie nicht anders, als sie höbe jedes Mal einen Stein auf und wollte damit auf sie werfen. Da ward ihnen beiden angst und das wilde Schwein verkroch sich ins Laub und der Wolf sprang auf einen Baum. Der Hund und die Katze, als sie herangekommen waren, wunderten sich, dass niemand sich sehen ließ. Das wilde Schwein aber hatte sich im Laub nicht ganz verstecken können, sondern die Ohren standen noch hervor. Als die Katze nun umher schaute und das Schwein mit den Ohren zwinste, meinte sie, es regte sich da eine Maus, sprang drauf los und biß herzhaft hinein. Da erhob sich das Schwein mit großem Geschrei, sprang fort und rief noch zurück: „dort auf dem Baum, da sitzt der Schuldner.“ Der Hund und die Katze sahen hinauf und erblickten den Wolf, der musste sich schämen, dass er sich so gefürchtet hatte und von dem Hund den Frieden annehmen.

Der Sandmann

Hans-Christian Andersen

In der ganzen Welt gibt es niemand, der so viele Geschichten weiß, wie der Sandmann. Er versteht das Erzählen!

Gegen Abend, wenn die Kinder noch hübsch artig am Tisch oder auf ihrer Hutsche sitzen, kommt der Sandmann. Er kommt leise die Treppe herauf, denn er geht auf Socken; ganz leise öffnet er die Türe und husch! wirft er den Kindern feinen Sand in die Augen, so fein, so fein, aber doch immer genug, dass sie nicht länger die Augen aufzuhalten vermögen. Deshalb sind sie auch nicht im Stande, ihn zu sehen. Er schlüpft gerade hinter sie, bläst ihnen sanft in den Nacken und dann wird ihnen das Köpfchen schwer. O ja, aber es tut ihnen nicht weh, denn der Sandmann meint es mit den Kindern gut. Er verlangt nur, dass sie ruhig sein sollen, und das sind sie am besten, wenn man sie zu Bett bringt. Sie sollen still sein, damit er ihnen Geschichten erzählen kann.
Sobald die Kinder nun schlafen, setzt sich der Sandmann zu ihnen auf das Bett. Er geht stattlich einher, sein Frack ist von Seidenzeug, aber es ist unmöglich, dessen Farben zu bestimmen, denn er schillert grün, rot und blau, je nach welcher Richtung er sich dreht. Unter jedem Arm hält er einen Regenschirm, einen mit Bildern darauf, den er über die Kinder aufspannt, und dann träumen sie die ganze Nacht die herrlichsten Geschichten, und einen ohne irgendeine Zeichnung. Diesen stellt er über die unartigen Kinder, damit sie ganz bewusstlos schlafen. Wenn sie am Morgen aufwachen, haben sie dann nicht das Allermindeste geträumt.
Nun wollen wir hören, wie der Sandmann eine ganze Woche lang je den Abend zu einem kleinen Knaben, der Hjalmar hieß, kam und was er ihm erzählte! Es sind im ganzen sieben Geschichten, weil es sieben Wochentage gibt.

Montag

„Hör einmal!“ sagte der Sandmann am Abend, als er Hjalmar zu Bett gebracht hatte, „nun will ich dir meinen ganzen Staat zeigen!“ Da verwandelten sich alle Blumen in den Blumentöpfen zu großen Bäumen, die ihre langen Zweige unter der Decke hin und die Wände entlang streckten, so dass die ganze Stube wie das herrlichste Lusthaus aussah. Alle Zweige waren voll Blumen und jede Blume war schöner als eine Rose, duftete balsamisch und wollte man sie essen, war sie süßer als Eingemachtes. Die Früchte glänzten gerade wie Gold, und Wecken waren da, die vor lauter Rosinen platzten – es war unvergleichlich schön. Plötzlich aber ließ sich in dem Tischkasten, wo Hjalmars Schulbücher lagen, ein entsetzliches Jammern vernehmen.
„Was ist das nur?“ fragte der Sandmann und ging nach dem Tisch und zog den Kasten aus. Es war die Tafel, in der es zerrte und zupfte, denn es hatte sich eine falsche Zahl in das Rechenexempel eingeschlichen, so dass die Zahlen auseinander laufen wollten. Der Griffel hüpfte und sprang an seiner Schnur, als stellte er einen kleinen Hund vor, der dem Rechenexempel helfen möchte, aber er war es nicht im Stande. Und dann jammerte es auch in Hjalmars Schreibebuch, dass es ordentlich hässlich mit anzuhören war. Auf jeder Seite standen der Länge nach von oben nach unten sämtliche große Buchstaben, ein jeder mit einem kleinen zur Seite einer hinter dem andern. Das bildete die Vorschrift, und neben dieser standen wieder einige Buchstaben, die sich einbildeten ebenso auszusehen, weil sie aus Hjalmars eigener Feder herrührten. Aber 0 weh! sie sahen fast aus, als ob sie über die Linien, auf denen sie doch stehen sollten, gestolpert wären.
„Seht, so solltet ihr euch halten!“ sagte die Vorschrift. „Seht, etwas schräg, aber mit kräftigem Schwung!“
„Oh, wir wollen gern“, sagten Hjalmars Buchstaben, „aber wir können nicht, wir sind so klein und unwissend!“
„Dann sollt ihr Kinderpulver bekommen!“ sagte der Sandmann.
„O nein!“ riefen sie, und dann standen sie mit einem Mal kerzengerade, dass es eine Lust war.
„Heute werden keine Geschichten erzählt!“ sagte der Sandmann. „Jetzt müssen sie üben! Eins, zwei! Eins, zwei!“ Nun übte er mit den Buchstaben, und sie standen so gerade und gesund da, wie nur eine Vorschrift immer stehen kann. Als aber der Sandmann ging, und Hjalmar am Morgen nachlas, da waren sie ebenso jämmerlich wie zuvor.

Dienstag

Sobald Hjalmar im Bett war, benetzte der Sandmann mit seiner kleinen Zauberspritze alle Möbel in der Stube, und sofort begannen sie zu plaudern und plauderten sämtlich von sich selbst, mit Ausnahme des Spucknapfes, der schweigend dastand und sich darüber ärgerte, dass sie so eitel sein konnten, nur von sich zu reden, nur an sich zu denken und sich auch nicht mit einem einzigen Gedanken an den zu erinnern, der doch so bescheiden in der Ecke stand und sich bespeien ließ.
Über der Kommode hing ein großes Gemälde in einem reich vergoldeten Rahmen, das eine Landschaft darstellte. Man sah hohe alte Bäume, Blumen im Gras und ein großes Wasser, durch das ein Fluss hin durchströmte, der sich um den Wald an vielen Schlössern vorüberschlängelte und sich fernab in das wilde Meer ergoss.
Der Sandmann benetzte mit seiner Zauberspritze das Gemälde, und dann begannen die Vögel darauf zu singen, die Baumzweige bewegten sich, und die Wolken flogen so natürlich, dass man ihren Schatten über die Landschaft konnte dahinschweben sehen.
Nun hob der Sandmann den kleinen Hjalmar so hoch, dass er seine Füße in den Rahmen hineinstellen konnte und zwar gerade in das hohe Gras. Da stand er nun. Die Sonne schien durch die Zweige auf ihn hernieder. Er lief hin an das Wasser und setzte sich in ein kleines Boot, das da lag. Es war rot und weiß angestrichen, die Segel leuchteten wie Silber und sechs Schwäne, alle mit goldenen Kronen, die vom Halse herniederhingen, und einem strahlenden blauen Sterne auf dem Kopfe, zogen das Boot an dem grünen Walde vorüber, wo die Bäume von Räubern und Hexen und die Blumen von den niedlichen kleinen Elfen und von dem erzählten, was ihnen die Schmetterlinge zugeflüstert hatten.
Die prächtigsten Fische mit silbernen und goldenen Schuppen schwammen hinter dem Boot her; bisweilen schnellten sie sich über das Wasser empor, dass es plätscherte, und Vögel, rote und blaue, kleine und große, flogen in zwei langen Reihen hinten nach, die Mücken tanzten und die Maikäfer brummten. Alle wollten Hjalmar folgen und jeder hatte eine Geschichte zu erzählen.
Das war allerdings eine Segelfahrt, wie sie sein musste! Bald waren die Wälder dicht und dunkel, bald waren sie wie der herrlichste Park mit Sonnenschein und Blumen, und große Schlösser aus Gras und Marmor lagen darin. Auf den Altanen standen Prinzessinnen, und alle waren kleine Mädchen, die Hjalmar recht wohl kannte, denn er hatte schon früher mit ihnen gespielt. Sie streckten die Hand aus und jede hielt ihm das reizendste Zuckerwerk hin, das nur je eine Kuchenfrau verkaufen konnte, und Hjalmar ergriff beim Vorübersegeln das eine Ende des Stücks Zuckerwerk und die Prinzessin hielt recht fest, so dass jedes seinen Teil erhielt, sie den kleinsten, Hjalmar den allergrößten. Bei jedem Schloss standen kleine Prinzen Schildwache. Sie schulterten goldene Säbel und ließen Rosinen und Zinnsoldaten regnen. Das waren wirkliche Prinzen!
Bald segelte Hjalmar durch Wälder, bald gerade durch große Säle oder mitten durch eine Stadt. Er kam auch durch diejenige, in der sein Kindermädchen wohnte, das gute Mädchen, das ihn getragen hatte, als er ein ganz kleiner Knabe war, und das ihn so lieb gehabt. Es nickte und winkte und sang den niedlichen Vers, den es selbst gedichtet und Hjal mar gesandt hatte:

Ich denke dein in mancher Stund‘,
Du süßes Kind, du Liebling mein!
Ich hab‘ geküsst dir deinen Mund,
Die Stirne, Wangen, rot und fein!
Dein erstes Wort vernahm mein Ohr!
Doch musst‘ ich fort, vergiß mein nicht!
Gott segne dich, den ich verlor,
Du Engel aus des Herren Licht!

Und alle Vögel sangen mit, die Blumen tanzten auf ihren Stengeln und die alten Bäume nickten, als ob der Sandmann auch ihnen Geschichten erzählte.

Mittwoch

Nein, wie der Regen herniederströmte! Hjalmar konnte es im Schlaf hören, und als der Sandmann ein Fenster öffnete, stand das Wasser gerade bis an das Fenster hinauf. Ein ganzer See wälzte sich schon da draußen, und das prächtigste Schiff lag hart vor dem Haus.
„Willst du mitsegeln, kleiner Hjalmar?“ fragte der Sandmann, „dann kannst du heute Nacht nach fremden Ländern reisen und morgen doch wieder hier sein!“
Im Nu stand da Hjalmar in seinen Sonntagskleidern mitten auf dem prächtigsten Schiff, und sofort heiterte sich das Wetter auf, und sie segelten durch die Straßen, kreuzten um die Kirche, und nun war alles eine große, wilde See. Sie segelten so lange, bis kein Land mehr zu er blicken war. Sie bemerkten auch eine Schar Störche, die gleichfalls die Heimat verlassen hatten und nach den warmen Ländern wollten. Ein Storch flog dicht hinter dem anderen und sie waren schon weit, weit geflogen. Einer war so müde, dass ihn seine Flügel kaum noch länger zu tragen vermochten. Er war der allerletzte in der Reihe und bald blieb er eine große Strecke zurück, endlich sank er mit ausgebreiteten Schwingen niedriger und niedriger, machte noch ein paar Flügelschläge, aber es half nichts. Jetzt berührte er mit seinen Füßen das Tauwerk des Schiffes, glitt das Segel hinunter und bums! da stand er auf dem Verdekke.
Da nahm ihn der Schiffsjunge und sperrte ihn in das Hühnerhaus zu den Hühnern, Enten und Truthähnen. Der arme Storch stand ganz ein geschüchtert mitten unter ihnen.
„Seht ihr den nicht?“ gackerten alle Hühner.
Der kalekutische Hahn blies sich aus Leibeskräften auf und fragte ihn, wer er wäre? Die Enten gingen rückwärts und stießen einander an:
„Spute dich, spute dich!“
Der Storch erzählte von dem warmen Afrika, von den Pyramiden und dem Strauß, der wie ein wildes Pferd durch die Wüste dahinstürmte, aber die Enten verstanden nicht, was er sagte, und darum stießen sie einander an: „Wir sind wohl einig darüber, dass er dumm ist?“
„Ja, er ist sicherlich dumm!“ sagte der kalekutische Hahn und kollerte dann. Da schwieg der Storch ganz still und dachte an sein Afrika.
„Für dünne Beine sind die Eurigen ganz hübsch!“ spottete der kalekutische Hahn. „Was kostet die Elle von ihnen?“
„Ha, ha, ha, ha!“ grinsten alle Enten, aber der Storch tat, als ob er es gar nicht hörte.
„Ihr dürft dreist mitlachen!“ sagte der kalekutische Hahn, „denn es steckt in Wahrheit viel Witz in meinen Worten; oder kamen sie Euch vielleicht zu seicht vor? Ja, ja, er ist nicht vielseitig. Wir wollen unsere Scherze für uns allein behalten!“ Und dann gluckten die Hühner, und die Enten schnatterten: „Gikgak! Gikgak!“ Es war schrecklich, wie lustig sie ihre eigenen Späße fanden.
Aber Hjalmar ging hin zum Hühnerhaus, öffnete die Tür, rief den Storch und dieser hüpfte auf das Verdeck zu ihm hinaus. Nun hatte er sich ausgeruht, und es war gerade, als ob er Hjalmar zunickte, um sich bei ihm zu bedanken. Darauf breitete er seine Schwingen aus und flog nach den warmen Ländern, aber die Hühner gluckten, die Enten schnatterten und der kalekutische Hahn wurde ganz rot am Kopf.
,,Morgen wollen wir Suppe von euch kochen!“ sagte Hjalmar‘ und da erwachte er und lag in seinem Bettchen. Es war doch eine merkwürdige Reise, die der Sandmann ihn diese Nacht hatte machen lassen.

Donnerstag

„Weißt du was?“ sagte der Sandmann‘ „fürchte dich nur nicht; hier wirst du eine kleine Maus gewahren!“ und dabei hielt er ihm seine Hand mit dem leichten, niedlichen Tierchen hin. „Sie ist gekommen, dich zur Hochzeit einzuladen. Hier sind zwei Mäuschen, die heute Nacht in den Ehestand treten wollen. Sie wohnen unter dem Fußboden in deiner Mutter Speisekammer.“
„Aber wie kann ich mich durch das kleine Mäuseloch im Fußboden hindurchdrängen?“ fragte Hjalmar.
„Lass mich nur machen!“ versetzte der Sandmann. „Ich will dich schon klein genug bekommen!“ Darauf benetzte er Hjalmar mit seitier Zauberspritze, der nun sofort kleiner und kleiner wurde, bis er zuletzt nur fingergroß war. „Nun kannst du dir vom Zinnsoldaten die Kleider borgen, ich denke, sie werden dir jetzt schon passen, und es nimmt sich gut aus, sich in Gesellschaft in Uniform zu zeigen.“
„Jawohl!“ sagte Hjalmar‘ und dann war er im Augenblick wie der niedlichste Zinnsoldat angekleidet.
„Wollen Sie nicht so freundlich sein, sich in Ihrer Frau Mutter Fingerhut zu setzen?“ sagte die kleine Maus, „dann werde ich die Ehre haben, Sie zu ziehen!“
„0 Himmel! Will sich das Fräulein vielleicht selbst bemühen!“ sagte Hjalmar, und so fuhren sie zur Mäusehochzeit.
Zuerst gelangten sie in einen weitläufigen Gang unter dem Fußboden, der nicht höher war, als dass sie ohne anzustoßen mit dem Fingerhut darin fahren konnten, und der ganze Gang war mit faulem Holz er leuchtet.
„Riecht es hier nicht prächtig?“ sagte die Maus, die ihn zog, „der ganze Gang ist mit Speckschwarten eingerieben! Es kann nichts Vortrefflicheres geben!“
Nun kamen sie in den Brautsaal hinein; hier standen zur Rechten alle die kleinen Mäusefräulein, und die zischelten und tuschelten, als ob sie sich über einander lustig machten. Zur Linken standen alle jungen Mäuseherren und strichen sich mit der Pfote den Schnauzbart; aber mitten im Kreis erblickte man das Brautpaar. Sie standen in einer aus gehöhlten Käserinde und küssten sich vor aller Augen ganz erschrecklich viel, denn sie waren ja nun Verlobte und sollten gleich Hochzeit halten.
Immer mehr und mehr Fremde erschienen; es fehlte nicht viel, so hätten die Mäuse einander totgetreten; dazu hatte sich das Brautpaar mitten in die Tür gestellt, so dass man weder hinein noch hinaus gelangen konnte. Wie der Gang, so war auch das ganze Zimmer mit Speck schwarten eingerieben; das war die ganze Bewirtung; indes wurde zum Nachtisch eine Erbse vorgewiesen, in die eine kleine Maus aus der Familie die Namen des Brautpaares hineingebissen, d.h. die ersten Buchstaben. Es war etwas ganz Außerordentliches.
Alle Mäuse versicherten, es wäre eine ausgezeichnete Hochzeit und die Unterhaltung wäre sehr angeregt gewesen.
Dann fuhr Hjalmar wieder nach Hause. Er war zwar in vornehmer Gesellschaft gewesen, hatte aber auch gehörig zusammenkriechen, sich klein machen und in Zinnsoldaten-Uniform erscheinen müssen.

Freitag

„Es ist unglaublich, wie viele ältere Leute es gibt, die mich gernhaben und festhalten möchten!“ sagte der Sandmann. „Es sind vorzüglich diejenigen, die etwas Böses getan haben. „Guter, lieber Schlaf!“‚ sagen sie zu mir, „kein Schlaf kommt in unsere Augen, und so liegen wir denn die ganze Nacht und sehen alle unsere schlechten Taten, die, wie kleine Kobolde, auf der Kante der Bettstelle sitzen und uns über und über mit heißem Wasser bespritzen. Komm doch und verjage sie, damit wir ein mal recht fest schlafen können.‘ Dann setzen sie tief aufseufzend hinzu:
Wir wollen es gewiss gern bezahlen. Gute Nacht! Das Geld für dich liegt im Fenster!‘ Aber für Geld tue ich es nicht!“ sagte der Sandmann.
„Was werden wir denn diese Nacht unternehmen?“ fragte Hjalmar.
„Ich weiß nicht, ob du heute Nacht wieder Lust hast eine Hochzeit mitzumachen. Sie ist freilich anderer Art als die gestrige. Deiner Schwester große Puppe, die, welche wie ein Mann aussieht und Hermann heißt, soll sich mit der Puppe Berta verheiraten, und da außerdem deren Geburtstag ist, wird es an Geschenken nicht fehlen.“
„Ja, das kenne ich schon!“ sagte Hjalmar, „sobald die Puppen neue Kleider gebrauchen, lässt sie meine Schwester ihren Geburtstag feiern oder Hochzeit halten. Das ist gewiss schon hundert Mal geschehen!“
„Ja, aber heute Nacht ist die hundert und erste Hochzeit, und wenn die hundert und erste aus ist, dann ist alles vorüber. Deshalb wird sie auch so unvergleichlich schön. Sieh einmal!“
Hjalmar sah nach dem Tische. Auf ihm stand das kleine Puppenhaus mit dem Licht in den Fenstern, und alle Zinnsoldaten präsentierten vor der Tür das Gewehr. Das Brautpaar saß, gegen einen Tischfuß gelehnt, ganz gedankenvoll da, und dazu hatte es auch Grund genug. Aber der Sandmann angetan mit der Großmutter schwarzem Rock, vollzog die Trauung. Nach deren Beendigung stimmten alle Möbel in der Stube folgendes Lied an, das der Bleistift gedichtet hatte. Es ging nach der Melodie des Zapfenstreichs:

Es brause unser Lied empor
Für’s teure Paar in hellem Chor.
Sie stehen beide wie ein Pflock‘
Denn Handschuhleder ist ihr Rock!
Hurrah! Hurrah! dem steifen Paar,
Das unsrer Stube Stolz stets war!:,:

Und nun überreichte man ihnen Geschenke, doch hatten sie sich alle Esswaren verbeten, denn sie hatten an ihrer Liebe genug.
„Wollen wir nun das Landleben genießen, oder eine Hochzeitsreise antreten?“ fragte der Bräutigam. Darauf wurde die Schwalbe, die sich in vielen Ländern umgesehen, und die alte Hofhenne, die fünfmal Küchlein ausgebrütet hatte, zu Rate gezogen. Die Schwalbe erzählte von den schönen, warmen Ländern, wo die Weintrauben groß und schwer an den Stöcken hängen, wo die Luft so mild wäre und die Berge Farben hätten, wie man sie hier zu Lande niemals sieht.
„Es fehlt ihnen aber doch unser Grünkohl!“ sagte die Henne. „Ich brachte einen Sommer mit allen meinen Küchlein auf dem Lande zu. Dort war eine Sandgrube, in der wir umhergehen und scharren konnten. Auch hatten wir Zutritt zu einem Garten mit Grünkohl! 0 wie grün der war! Ich kann mir nichts Schöneres denken!“
„Aber ein Kohlkopf sieht wie der andere aus“, sagte die Schwalbe, „und dann herrscht hier oft so unangenehme Witterung!“
„Oh, daran hat man sich schon gewöhnt!“ sagte die Henne.
„Aber hier ist es kalt, es friert!“
„Das ist für den Kohl gerade dienlich!“ sagte die Henne. „Übrigens kann es auch bei uns sehr warm sein. Hatten wir nicht vor vier Jahren einen Sommer, wo fünf Wochen lang eine solche Hitze war, dass man kaum atmen konnte? Dann leben aber bei uns auch keine giftigen Tiere, wie in jenen Ländern, und wir sind frei von Räubern! Ein Bösewicht muss der sein, der unser Land nicht für das schönste hält! Er verdiente wahrlich nicht, hier zu weilen!“ Weinend unterbrach sich die Henne und setzte dann schluchzend hinzu: „Auch ich bin gereist! Ich bin ein mal in einem Korbe über zwölf Meilen weit gefahren! Das Reisen gewährt schlechterdings kein Vergnügen!“
„Ja, die Henne ist eine vernünftige Frau!“ sagte die Puppe Berta. „Ich halte nichts davon, eine Gebirgsreise zu unternehmen, denn kaum ist man oben, so geht es gleich wieder hinunter! Nein, wir wollen hübsch nach der Sandgrube hinausziehen und uns im Kohlgarten ergehen!“
Und dabei blieb es!

Sonnabend

„Erzählst du mir nun Geschichten?“ fragte der kleine Hjalmar‘ sobald ihn der Sandmann zu Bett gebracht hatte.
„Heute Abend haben wir nicht Zeit dazu“, sagte der Sandmann und spannte seinen schönen Regenschirm über ihn auf. „Sieh nur diese Chinesen an!“ Der ganze Schirm glich einer großen chinesischen Schale mit blauen Bäumen und spitzen Brücken und kleinen Chinesen darauf, die dastanden und mit dem Kopfe nickten. „Wir müssen bis morgen die ganze Welt schön aufgeputzt haben“, sagte der Sandmann‘ „es ist dann ja ein heiliger Tag, es ist Sonntag. Ich will auf den Kirchturm steigen, um nachzusehen, ob die kleinen Kirchengeister die Glocken putzen, da mit ihr Geläute schön klingt. Auch will ich auf das Feld hinaus und untersuchen, ob die Winde den Staub von den Gräsern und Blättern blasen, und was die allerschwierigste Arbeit ist, ich will alle Sterne herunterholen, um sie aufzupolieren. Ich nehme sie in meine Schürze, aber erst müssen sie nummeriert werden und ebenso die Löcher, in denen sie da oben sitzen, damit sie ihren rechten Platz wieder erhalten können, sonst würden sie nicht festsitzen und wir bekämen zu viele Sternschnuppen, wenn einer nach dem andern herabpurzelte!“
„Hören Sie, wissen Sie was, Herr Sandmann!“ begann ein altes Porträt, das an der Wand hing, an der Hjalmar schlief, „ich bin Hjalmars Urgroßvater. Ich danke Ihnen zwar, dass Sie dem Knaben Geschichten erzählen, aber sie dürfen doch seine Begriffe nicht verwirren. Die Sterne können nicht heruntergeholt und geputzt werden! Die Sterne sind Weltkörper, gerade so wie unsere Erde, und das ist eben das Gute an ihnen.
„Besten Dank, du alter Urgroßvater!“ sagte der Sandmann, „besten Dank! Du bist ja das Haupt der Familie, du bist das Urhaupt! Aber ich bin älter als du. Ich bin ein alter Heide. Die Römer und Griechen nannten mich den Traumgott. Ich bin in die vornehmsten Häuser gekommen und komme noch hinein. Ich verstehe mit Niedrigen wie mit Großen umzugehen! Nun kannst du statt meiner erzählen!“ Nach diesen Worten verließ der Sandmann das Zimmer und nahm seinen Schirm mit.
„Nun darf man wohl seine Meinung nicht mehr sagen!“ sagte das alte Porträt.
Und da erwachte Hjalmar.

Sonntag

„Guten Abend!“ sagte der Sandmann, und Hjalmar nickte, sprang aber dann schnell hin und wandte des Urgroßvaters Porträt gegen die Wand um, damit er nicht wie gestern mitplaudern könnte.
„Nun musst du mir Geschichten erzählen: von den fünf grünen Erbsen, die in einer Schote wohnten, von Hahnenfuß, der Hennenfuß den Hof machte, und von der Stopfnadel, deren Spitze so fein war, dass sie sich einbildete, eine Nähnadel zu sein!“
„Man kann auch des Guten zu viel bekommen!“ sagte der Sandmann. „Ich zeige dir am liebsten etwas, wie du weißt! Ich will dir meinen Bruder zeigen, der auch Schlaf bringt, aber er kommt zu niemand öfter als ein Mal. Tritt er zu jemand heran, so nimmt er ihn mit auf sein Pferd und erzählt ihm Geschichten. Er weiß nur zwei, die eine ist so unvergleichlich schön, wie sich niemand in der Welt vorstellen kann; und die andere ist über alle Beschreibung hässlich und abscheulich!“ Darauf hob der Sandmann den kleinen Hjalmar zum Fenster empor und sagte:
„Dort wirst du meinen Bruder sehen, den sie auch den Tod nennen. Siehst du, er sieht gar nicht so schlimm wie in den Bilderbüchern aus, wo man ihn immer als Knochengerippe malt! Nein, sein Rock ist mit Silberstickerei verziert, er trägt eine stattliche Husarenuniform; ein Mantel von schwarzem Samt flattert bis über das Pferd hinaus! Sieh, wie er im Galopp dahinjagt!“
Und Hjalmar sah, wie der Tod vorwärtseilte und junge wie alte Leute auf sein Pferd nahm; einige setzte er vorn, andere hinten auf, aber immer fragte er erst: „Wie steht es mit dem Zensurbuch?“ – „Gut!“ sagten sie alle. „Ja, lass mich nur selbst sehen!“ erwiderte er, und dann mussten sie ihm das Buch zeigen. Alle nun, die „Sehr gut“ und „Ausgezeichnet“ hatten, kamen vorn auf das Pferd und ihnen erzählte er die herrliche Geschichte; doch diejenigen, die „Ziemlich gut“ und „Mittelmäßig“ hatten, mussten hinten auf und die hässliche Geschichte mit anhören. Sie schauderten und weinten, sie wollten vom Pferd springen, vermochten es aber nicht, denn sie waren sofort fest an demselben angewachsen.
„Aber der Tod ist ja der herrlichste Sandmann!“ sagte Hjalmar‘ „vor ihm fürchte ich mich gar nicht!“
„Das sollst du auch nicht!“ sagte der Sandmann, „siehe nur zu, dass du ein gutes Sittenzeugnis erhältst!“
„Ja, das ist lehrreich!“ murmelte des Urgroßvaters Porträt. „Es hilft doch, wenn man seine Meinung sagt!“ und dann freute er sich.
Sieh, das ist die Geschichte vom Sandmann! Nun mag er dir selbst heute Abend mehr erzählen.

Die roten Schuhe

Hans Christian Andersen

Es war einmal ein kleines Mädchen, gar fein und hübsch; aber es war arm und musste im Sommer immer barfuss gehen, und im Winter mit großen Holzschuhen, so dass der kleine Spann ganz rot wurde; es war zum Erbarmen.

Mitten im Dorfe wohnte die alte Schuhmacherin; sie setzte sich hin und nähte, so gut sie es konnte, von alten roten Tuchlappen ein paar kleine Schuhe. Recht plump wurden sie ja, aber es war doch gut gemeint, denn das kleine Mädchen sollte sie haben. Das kleine Mädchen hieß Karen.

Just an dem Tage, als ihre Mutter begraben wurde, bekam sie die roten Schuhe und zog sie zum ersten Male an; sie waren ja freilich zum Trauern nicht recht geeignet, aber sie hatte keine anderen, und so ging sie mit nackten Beinchen darin hinter dem ärmlichen Sarge her.

Da kam gerade ein großer, altmodischer Wagen dahergefahren; darin saß eine stattliche alte Dame. Sie sah das kleine Mädchen an und hatte Mitleid mit ihm, und deshalb sagte sie zu dem Pfarrer: „Hört, gebt mir das kleine Mädchen, ich werde für sie sorgen und gut zu ihr sein!“

Karen glaubte, dass sie alles dies den roten Schuhen zu danken habe. Aber die alte Frau sagte, dass sie schauderhaft seien, und dann wurden sie verbrannt. Karen selbst wurde reinlich und nett gekleidet; sie musste Lesen und Nähen lernen, und die Leute sagten, sie sei niedlich; aber der Spiegel sagte: „Du bist weit mehr als niedlich, Du bist schön.“

Da reiste einmal die Königin durch das Land, und sie hatte ihre kleine Tochter bei sich, die eine Prinzessin war. Das Volk strömte zum Schlosse und Karen war auch dabei. Die kleine Prinzessin stand in feinen weißen Kleidern in einem Fenster und ließ sich bewundern. Sie hatte weder Schleppe noch Goldkrone, aber prächtige rote Saffianschuhe. Die waren freilich weit hübscher als die, welche die alte Schuhmacherin für die kleine Karen genäht hatte. Nichts in der Welt war doch solchen roten Schuhen vergleichbar!

Nun war Karen so alt, dass sie eingesegnet werden sollte. Sie bekam neue Kleider und sollte auch neue Schuhe haben. Der reiche Schuhmacher in der Stadt nahm Maß an ihrem kleinen Fuß. Das geschah in seinem Laden, wo große Glasschränke mit niedlichen Schuhen und blanken Stiefeln standen. Das sah gar hübsch aus, aber die alte Dame konnte nicht gut sehen und hatte daher auch keine Freude daran. Mitten zwischen den Schuhen standen ein paar rote, ganz wie die,

welche die Prinzessin getragen hatte. Wie schön sie waren! Der Schuhmacher sagte auch, dass sie für ein Grafenkind genäht worden seien, aber sie hätten nicht gepasst.

„Das ist wohl Glanzleder“ sagte die alte Dame, „sie glänzen so.“

„Ja, sie glänzen!“ sagte Karen, und sie passten gerade und wurden gekauft. Aber die alte Dame wusste nichts davon, dass sie rot waren, denn sie hätte Karen niemals erlaubt, in roten Schuhen zur Einsegnung zu gehen, aber das geschah nun also.

Alle Menschen sahen auf ihre Füße, und als sie durch die Kirche und zur Chortür hinein schritt, kam es ihr vor, als ob selbst die alten Bilder auf den Grabsteinen, die Steinbilder der Pfarrer und Pfarreresfrauen mit steifen Kragen und langen schwarzen Kleidern, die Augen auf ihre roten Schuhe hefteten, und nur an diese dachte sie, als der Pfarrer seine Hand auf ihr Haupt legte und von der heiligen Taufe sprach und von dem Bunde mit Gott, und dass sie nun eine erwachsene Christin sein sollte. Und die Orgel spielte so feierlich, die hellen Kinderstimmen sangen und der alte Kantor sang, aber Karen dachte nur an die roten Schuhe.

Am Nachmittag hörte die alte Dame von allen Leuten, dass die Schuhe rot gewesen wären, und sie sagte das wäre recht hässlich und unschicklich, und Karen müsse von jetzt ab stets mit schwarzen Schuhen zur Kirche gehen, selbst wenn sie alt wären.

Am nächsten Sonntag war Abendmahl, und Karen sah die schwarzen Schuhe an, dann die roten, – und dann sah sie die roten wieder an und zog sie an.

Es war herrlicher Sonnenschein; Karen und die alte Dame gingen einen Weg durch das Kornfeld; da stäubte es ein wenig.

An der Kirchentür stand ein alter Soldat mit einem Krückstock und einem gewaltig langen Barte, der war mehr rot als weiß, er war sogar fuchsrot. Er verbeugte sich tief bis zur Erde und fragte die alte Dame, ob er ihre Schuhe abstäuben dürfe. Und Karen streckte ihren kleinen Fuß auch aus. „Sieh, was für hübsche Tanzschuhe“ sagte der Soldat, „sitzt fest, wenn Ihr tanzt.“ Und dann schlug er mit der Hand auf die Sohlen.

Die alte Dame gab dem Soldaten einen Schilling, und dann ging sie mit Karen in die Kirche.

Alle Menschen drinnen blickten auf Karens rote Schuhe, und alle Bilder blickten darauf, und als Karen vor dem Altar kniete und den goldenen Kelch an ihre Lippen setzte, dachte sie nur an die roten Schuhe. Es war ihr, als ob sie selbst in dem Kelche vor ihr schwämmen; und sie vergaß, den Choral mitzusingen und vergaß, ihr Vaterunser zu beten.

Nun gingen alle Leute aus der Kirche, und die alte Dame stieg in ihren Wagen. Karen hob den Fuß, um hinterher zu steigen; da sagte der alte Soldat, der dicht dabei stand: „Sieh, was für schöne Tanzschuhe.“ Und Karen konnte es nicht lassen, sie musste ein paar Tanzschritte machen!“ Und als sie angefangen hatte, tanzten die Beine weiter; es war gerade, als hätten die Schuhe Macht über sie bekommen; sie tanzte um die Kirchenecke herum und konnte nicht wieder aufhören damit; der Kutscher musste hinterher laufen und sie festhalten. Er hob sie in den Wagen; aber die Füße tanzten weiter, so dass sie die gute alte Dame heftig trat.

Endlich zogen sie ihr die Schuhe ab, und die Beine kamen zur Ruhe.

Daheim wurden die Schuhe in den Schrank gesetzt, aber Karen konnte sich nicht enthalten, sie immer von neuem anzusehen.

Nun wurde die alte Frau krank, und es hieß, dass sie nicht mehr lange zu leben hätte. Sie sollte sorgsam gepflegt und gewartet werden, und niemand stand ihr ja näher als Karen. Aber in der Stadt war ein großer Ball und Karen war auch dazu eingeladen. Sie schaute die alte Frau an, die ja doch nicht wieder gesund wurde, sie schaute auf die roten Schuhe, und das schien ihr keine Sünde zu sein. – Da zog sie die roten Schuhe an – das konnte sie wohl auch ruhig tun! – aber dann ging sie auf den Ball und fing an zu tanzen.

Doch als sie nach rechts wollte, tanzten die Schuhe nach links, und als sie den Saal hinauf tanzen wollte, tanzten die Schuhe hinunter, die Treppe hinab, über den Hof durch das Tor aus der Stadt hinaus. Tanzen tat sie, und tanzen musste sie, mitten in den finsteren Wald hinein.

Da leuchtete es zwischen den Bäumen oben, und sie glaubte, dass es der Mond wäre; denn es sah aus wie ein Gesicht. Es war jedoch der alte Soldat mit dem roten Barte. Er saß und nickte und sprach: „Sieh, was für hübsche Tanzschuhe.“

Da erschrak sie und wollte die roten Schuhe fortwerfen; aber sie hingen fest. Sie riss ihre Strümpfe ab; aber die Schuhe waren an ihren Füßen festgewachsen. Und tanzen tat sie und tanzen musste sie über Feld und Wiesen, in Regen und Sonnenschein, bei Tage und bei Nacht; aber in der Nacht war es zum Entsetzen.

Sie tanzte zum offenen Kirchhofe hinein, aber die Toten dort tanzten nicht; sie hatten weit Besseres zu tun als zu tanzen. Sie wollte auf dem Grabe eines Armen niedersitzen, wo bitteres Farnkraut grünte, aber für sie gab es weder Rast noch Ruhe. Und als sie auf die offene Kirchentür zutanzte, sah sie dort einen Engel in langen weißen Kleidern; seine Schwingen reichten von seinen Schultern bis zur Erde nieder. Sein Gesicht war strenge und ernst, und in der Hand hielt er ein Schwert, breit und leuchtend:

„Tanzen sollst Du“ sagte er, „tanzen auf Deinen roten Schuhen, bist Du bleich und kalt bist, bis Deine Haut über dem Gerippe zusammengeschrumpft ist. Tanzen sollst Du von Tür zu Tür, und wo stolze, eitle Kinder wohnen, sollst Du anpochen, dass sie Dich hören und fürchten! Tanzen sollst Du, tanzen“ „Gnade“ rief Karen. Aber sie hörte nicht mehr, was der Engel antwortete, denn die Schuhe trugen sie durch die Pforte auf das Feld hinaus, über Weg und über Steg, und immer musste sie tanzen.

Eines Morgens tanzte sie an einer Tür vorbei, die ihr wohlbekannt war. Drinnen ertönten Totenpsalmen; ein Sarg wurde herausgetragen, der mit Blumen geschmückt war. Da wusste sie, dass die alte Frau tot war, und es kam ihr zum Bewusstsein, dass sie nun von allen verlassen war, und Gottes Engel hatte sie verflucht.

Tanzen tat sie und tanzen musste sie, tanzen in der dunkeln Nacht. Die Schuhe trugen sie dahin über Dorn und Steine, und sie riss sich blutig. Sie tanzte über die Heide hin bis zu einem kleinen, einsamen Hause. Hier, wusste sie, wohnte der Scharfrichter, und sie pochte mit dem Finger an die die Scheibe und sagte:

„Komm heraus – Komm heraus – Ich kann nicht hineinkommen, denn ich tanze.“

Und der Scharfrichter sagte: „Du weißt wohl nicht, wer ich bin? Ich schlage bösen Menschen das Haupt ab, und ich fühle, dass mein Beil klirrt!“

„Schlag mir nicht das Haupt ab“ sagte Karen, denn dann kann ich nicht meine Sünde bereuen! Aber haue meine Füße mit den roten Schuhen ab.“

Nun bekannte sie ihre ganze Sünde, und der Scharfrichter hieb ihr die Füße mit den roten Schuhen ab: aber die Schuhe tanzten mit den kleinen Füßchen über das Feld in den tiefen Wald hinein.

Und er schnitzte ihr Holzbeine und Krücken, lehrte sie die Psalmen, die die armen Sünder singen, und sie küsste die Hand, die die Axt geführt hatte, und ging von dannen über die Heide.

„Nun habe ich genug um die roten Schuhe gelitten“ sagte sie, „nun will ich in die Kirche gehen, damit es auch gesehen wird.“ Und sie ging, so schnell sie es mit den Holzfüßen konnte, auf die Kirchentür zu. Als sie aber dorthin kam, tanzten die roten Schuhe vor ihr her, und sie entsetzte sich und kehrte um.

Die ganze Woche hindurch war sie betrübt und weinte viele bittere Tränen. Als es aber Sonntag wurde, sagte sie: „So, nun habe ich genug gelitten und gestritten. Ich glaube wohl, dass ich ebenso gut bin wie viele von denen, die in der Kirche sitzen und prahlen!“ Und dann machte sie sich mutig auf. Doch kam sie nicht weiter als bis zur Pforte; da sah sie die roten Schuhe vor sich hertanzen, und sie entsetzte sich sehr, kehrte wieder um und bereute ihre Sünde von ganzem Herzen.

Dann ging sie zum Pfarrhause und bat, ob sie dort Dienst nehmen dürfe; sie wolle fleißig sein und alles tun, was sie könne; auf Lohn sehe sie nicht, wenn sie nur ein Dach übers Haupt bekäme und bei guten Menschen wäre. Und die Pfarrersfrau hatte Mitleid mit ihr und nahm sie in Dienst. Und sie war fleißig und nachdenklich. Stille saß sie und hörte zu, wenn am Abend der Pfarrer laut aus der Bibel vorlas. All die Kleinen liebten sie sehr; aber wenn sie von Putz und Staat sprachen und dass es herrlich sein müsse, eine Königin zu sein, schüttelte sie mit dem Kopfe.

Am nächsten Sonntag gingen alle zur Kirche, und sie fragten sie, ob sie mitwolle, aber sie sah betrübt mit Tränen in den Augen auf ihre Krücken herab, und so gingen die anderen ohne sie fort, um Gottes Wort zu hören; sie aber ging allein in ihre kleine Kammer. Die war nicht größer, als dass ein Bett und ein Stuhl darin stehen konnte, und hier setzte sie sich mit ihrem Gesangbuche hin. Und als sie mit frommem Sinn darin las, trug der Wind die Orgeltöne aus der Kirche zu ihr herüber, und sie erhob unter Tränen ihr Antlitz und sagte: „O Gott, hilf mir.“

Da schien die Sonne so hell, und gerade vor ihr stand Gottes Engel in den weißen Kleidern, er, den sie in der Nacht in der Kirchentür gesehen hatte. Aber er hielt nicht mehr das scharfe Schwert, sondern einen herrlichen grünen Zweig, der voller Rosen war. Mit diesem berührte er die Decke, und sie hob sich empor, und wo er sie berührt hatte, leuchtete ein goldener Stern. Und er berührte die Wände, und sie weiteten sich. Nun sah sie die Orgel und hörte ihren Klang, und sie sah die alten Steinbilder von den Pfarrern und Pfarrersfrauen.

Die Gemeinde saß in den geschmückten Stühlen und sang aus dem Gesangbuch. – Die Kirche war selbst zu dem armen Mädchen in die kleine, enge Kammer gekommen, oder war sie etwa in die Kirche gekommen? Sie saß im Stuhl bei den anderen aus dem Pfarrhause, und als der Psalm zu Ende gesungen war, blickten sie auf und nickten ihr zu und sagten: „Das war recht, dass Du kamst, Karen.“

„Es war Gnade“ sagte sie.

Und die Orgel klang, und die Kinderstimmen im Chor ertönten sanft und lieblich! Der klare Sonnenschein strömte warm durch die Fenster in den Kirchenstuhl, wo Karen saß; ihr Herz war so voll Sonnenschein, Frieden und Freude, dass es brach. Ihre Seele flog mit dem Sonnenschein auf zu Gott, und dort war niemand, der nach den roten Schuhen fragte.

Der wunderliche Spielmann

Gebr. Grimm

Es war einmal ein wunderlicher Spielmann, der ging durch einen Wald mutterselig allein und dachte hin und her, und als für seine Gedanken nichts mehr übrig war, sprach er zu sich selbst: „Mir wird hier im Walde Zeit und Weile lang, ich will einen guten Gesellen herbeiholen“ Da nahm er die Geige vom Rücken und fidelte eins, dass es durch die Bäume schallte. Nicht lange, so kam ein Wolf durch das Dickicht dahergetrabt. „Ach, ein Wolf kommt! Nach dem trage ich kein Verlangen“, sagte der Spielmann; aber der Wolf schritt näher und sprach zu Ihm: „Ei, du lieber Spielmann, was fidelst du so schön! Das möcht ich auch lernen“

„Das ist bald gelernt“, antwortete ihm der Spielmann, „du musst nur alles tun, was ich dich heiße“
„O Spielmann“, sprach der Wolf, „ich will dir gehor­chen wie ein Schüler seinem Meister“ Der Spielmann hieß ihn mitgehen, und als sie ein Stück Wegs zusammen gegangen waren, kamen sie an einen alten Eichbaum, der innen hohl und in der Mitte aufgerissen war.
„Sieh her“, sprach der Spielmann, „willst du fiedeln lernen, so lege die Vorderpfoten in diesen Spalt“ Der Wolf gehorchte, aber der Spielmann hob schnell einen Stein auf und keilte ihm die beiden Pfoten mit einem Schlag so fest, dass er wie ein Gefangener da liegen bleiben musste. „Warte da so lange, bis ich wiederkomme“, sagte der Spielmann und ging seines Weges.
Über eine Weile sprach er abermals zu sich selber: „Mir wird hier im Walde Zeit und Weile lang, ich will einen än­dern Gesellen herbeiholen“, nahm seine Geige und fidelte wieder in den Wald hinein.
Nicht lange, so kam ein Fuchs durch die Bäume daher geschlichen. „Ach, ein Fuchs kommt!“ sagte der Spielmann. „Nach dem trage ich kein Verlangen“ Der Fuchs kam zu ihm heran und sprach: „Ei, du lieber Spielmann, was fidelst du so schön! Das möcht ich auch lernen“
„Das ist bald gelernt“, sprach der Spielmann, „du musst nur alles tun, was ich dich heiße“
„O Spielmann“, antwortete der Fuchs, „ich will dir ge­horchen wie ein Schüler seinem Meister“
„Folge mir“, sagte der Spielmann, und als sie ein Stück Wegs gegangen waren, kamen sie auf einen Fußweg, zu dessen beiden Seiten hohe Sträucher standen. Da hielt der Spielmann still, bog von der einen Seite ein Haselnußbäumchen zur Erde herab und trat mit dem Fuß auf die Spitze, dann bog er von der ändern Seite noch ein Bäumchen herab und sprach: „Wohlan, Füchslein, wenn du et­was lernen willst, so reich mir deine linke Vorderpfote

Der Fuchs gehorchte, und der Spielmann band ihm die Pfote an den linken Stamm. „Füchslein“, sprach er, „nun reich mir die rechte“ Die band er ihm an den rechten Stamm. Und als er nachgesehen hatte, ob die Knoten der Stricke auch fest genug waren, ließ er los, und die Bäum­chen fuhren in die Höhe und schnellten das Füchslein hinauf, dass es in der Luft schwebte und zappelte.
„Warte da so lange, bis ich wiederkomme“, sagte der Spielmann und ging seines Weges. Wiederum sprach er zu sich: „Zeit und Weile wird mir hier im Walde lang; ich will einen ändern Gesellen herbeiholen“, nahm seine Geige, und der Klang erschallte durch den Wald.
Da kam ein Häschen dahergesprungen. „Ach, ein Hase kommt!“ sagte der Spielmann. „Den wollte ich nicht haben“
„Ei, du lieber Spielmann“, sagte das Häschen, „was fidelst du so schön, das möchte ich auch lernen“
„Das ist bald gelernt“, sprach der Spielmann, „du musst nur alles tun, was ich dich heiße“
„O Spielmann“, antwortete das Häslein, „ich will dir gehorchen wie ein Schüler seinem Meister“
Sie gingen ein Stück Wegs zusammen, bis sie zu einer lichten Stelle im Wald kamen, wo ein Espenbaum stand. Der Spielmann band dem Häschen einen langen Bind­faden um den Hals, wovon er das andere Ende an den Baum knüpfte. „Munter, Häschen, jetzt spring mir zwan­zigmal um den Baum herum“, rief der Spielmann, und das Häschen gehorchte, und wie es zwanzigmal herumgelau­fen war, so hatte sich der Bindfaden zwanzigmal um den Stamm gewickelt, und das Häschen war gefangen, und es mochte ziehen und zerren, wie es wollte, es schnitt sich nur den Faden in den weichen Hals. „Warte da so lange, bis ich wiederkomme“, sprach der Spielmann und ging weiter.
Der Wolf indessen hatte gerückt, gezogen, an dem Stein gebissen und so lange gearbeitet, bis er die Pfoten frei gemacht und wieder aus der Spalte gezogen hatte. Voll Zorn und Wut eilte er hinter dem Spielmann her und wollte ihn zerreißen.
Als ihn der Fuchs laufen sah, fing er an zu jammern und schrie aus Leibeskräften: „Bruder Wolf, komm mir zur Hilfe, der Spielmann hat mich betrogen“ Der Wolf zog die Bäumchen herab, biss die Schnüre entzwei und machte den Fuchs frei, der mit ihm ging und an dem Spielmann Rache nehmen wollte.
Sie fanden das gebundene Häschen, das sie ebenfalls er­lösten, und dann suchten alle zusammen ihren Feind auf. Der Spielmann hatte auf seinem Weg abermals seine Fidel erklingen lassen, und diesmal war er glücklicher gewesen. Die Töne drangen zu den Ohren eines armen Holzhau­ers, der alsbald, er mochte wollen oder nicht, von der Ar­beit abließ und mit dem Beil unter dem Arme herankam, die Musik zu hören. „Endlich kommt doch der rechte Geselle“, sagte der Spielmann, „denn einen Menschen suchte ich und keine wilden Tiere“ Und fing an und spielte so schön und lieblich, dass der arme Mann wie be­zaubert dastand und ihm das Herz vor Freude aufging. Und wie er so stand, kamen der Wolf, der Fuchs und das Häslein heran, und er merkte wohl, dass sie etwas Böses im Schilde führten. Da erhob er seine blinkende Axt und stellte sich vor den Spielmann, als wollte er sagen: Wer an ihn will, der hüte sich, der hat es mit mir zu tun. Da ward den Tieren angst und liefen in den Wald zurück, der Spielmann aber spielte dem Manne noch eins zum Dank und zog dann weiter.

Die sieben Schwaben

Gebr. Grimm


Einmal waren sieben Schwaben beisammen, der erste war der Herr Schulz, der zweite der Jackli, der dritte der Marli, der vierte der Jergli, der fünfte der Michel, der sechste der Hans, der siebente der Veitli; die hatten sich alle siebene vorgenommen, die Welt zu durchziehen, Abenteuer zu suchen und große Taten zu vollbringen. Damit sie aber auch mit bewaffneter Hand und sicher gingen, sahen sie’s für gut an, dass sie sich zwar nur einen einzigen, aber recht starken und langen Spieß machen ließen. Diesen Spieß fassten sie alle siebene zusammen an: vorn ging der kühnste und männlichste, das musste der Herr Schulz sein, und dann folgten die andern nach der Reihe, und der Veitli war der letzte.

Nun geschah es, als sie im Heumonat eines Tages einen weiten Weg gegangen waren, auch noch ein gut Stück bis in das Dorf hatten, wo sie über Nacht bleiben mussten, dass in der Dämmerung auf einer Wiese ein großer Rosskäfer oder eine Hornisse nicht weit von ihnen hinter einer Staude vorbeiflog und feindlich brummelte. Der Herr Schulz erschrak, dass er fast den Spieß hätte fallen lassen, und ihm der Angstschweiß am ganzen Leibe ausbrach.“ Horcht, horcht“, rief er seinen Gesellen, „Gott, ich höre eine Trommel!“ Der Jackli, der hinter ihm den Spieß hielt und dem, ich weiß nicht was für ein Geruch in die Nase kam, sprach: „Etwas ist ohne Zweifel vorhanden, denn ich schmeck‘ das Pulver und den Zündstrick.“ Bei diesen Worten hub der Herr Schulz an, die Flucht zu ergreifen und sprang im Hui über einen Zaun; weil er aber gerade auf die Zinken eines Rechens sprang, der vom Heumachen da liegen geblieben war, so fuhr ihm der Stiel ins Gesicht und gab ihm einen ungewaschenen Schlag.“ 0 wei, 0 wei“, schrie der Herr Schulz, .nimm mich gefangen, ich ergeb‘ mich!“ Die andern sechs hüpften auch alle einer über den andern herzu und schrieen: „Gibst du dich, so geb‘ ich mich auch, gibst du dich, so geb‘ ich mich auch!“ Endlich, wie kein Feind da war, der sie binden und wegführen wollte,‘ merkten sie, dass sie betrogen waren, und damit die Geschichte nicht unter die Leute käme und sie nicht genarrt und verspottet würden. verschwuren sie sich untereinander, so lange davon stillzuschweigen, bis einer unverhofft das Maul auftäte.

Hierauf zogen sie weiter. Die zweite Gefährlichkeit, die sie erlebten, kann aber mit der ersten nicht verglichen werden. Nach etlichen Tagen trug sie ihr Weg durch ein Brachfeld, da saß ein Hase in der Sonne und schlief, streckte die Ohren in die Höhe und hatte die großen, gläsernen Augen starr aufstehen. Da erschraken sie bei dem Anblick des grausamen und wilden Tieres insgesamt und hielten Rat, was zu tun das wenigst Gefährliche wäre. Denn so sie fliehen wollten, war zu befürchten, das Ungeheuer setzte ihnen nach und verschlänge sie alle mit Haut und Haar. Also sprachen sie: „Wir müssen einen großen und gefährlichen Kampf bestehen; frisch gewagt ist halb gewonnen!“ fassten alle siebene den Spieß an, der Herr Schulz voran und der Veitli hinten. Der Herr Schulz wollte den Spieß noch immer anhalten, der Veitli aber war hinten ganz mutig geworden, wollte losbrechen und rief:

„Stoß‘ zu in aller Schwabe Name,

Sonst ,wünsch‘ i, dass ihr möcht erlahme.“

Aber der Hans wußt‘ ihn zu treffen und sprach:

„Beim Element, du hascht gut schwätze,

Bischt stets der Letscht beim Drachehetze.“

Der Michel rief:

„Es wird nit fehle um ei Haar,

So ischt es wohl der Teufel gar.“

Drauf kam an den Jergli die Reihe, der sprach:

„Ischt er es nit, so ischt’s sei Mutter

Oder des Teufels Stiefbruder.“

Der Marli hatte da einen guten Gedanken und sagte zu Veitli:

„Gang, Veitli, gang, gang du voran,

I will dahinte vor di stahn.“

Der Veitli hörte aber nicht drauf, und der Jackli sagte:

„Der Schulz, der muss der erschte sei,

Denn ihm gebührt die Ehr allei.“

Da nahm sich der Herr Schulz ein Herz und sprach gravitätisch:

„So zieht denn herzhaft in den Steit,

Hieran erkennt man tapfre Leut‘.“

Da gingen sie insgesamt auf den Drachen los. Der Herr Schulz segnete sich und rief Gott um Beistand an; wie aber das alles nicht. helfen wollte und er dem Feind immer näher kam, schrie er in großer Angst: „Hau! Hurlehau! hau! Hauhau!“ Davon erwachte der Hase, erschrak und sprang eilig davon. Als ihn der Herr Schulz so feldflüchtig sah, da rief er voll Freude:

„Potz, Veitli, lueg, lueg, was ischt das?

Das Ungehüer ischt a Has‘!“

Der Schwabenbund suchte aber weiter Abenteuer und karn an die Mosel, ein moosiges, stilles und tiefes Wasser, darüber nicht viel Brücken sind, sondern wo man sich an mehreren Orten muss in Schiffen überfahren lassen. Weil die Schwaben dessen unberichtet waren, riefen sie einem Manne, der jenseits des Wassers seine Arbeit vollbrachte, zu, wie man doch hinüberkommen könnte. Der Mann verstand wegen der Weite und wegen ihrer Sprache nicht, was sie wollten, und fragte auf sein Trierisch:

„Wat? Wat?“ Da meinte der Herr Schulz, er spräche nicht anders als „Wate, wate durchs Wasser“, und hob an, weil er der vorderste war, sich auf den Weg zu machen und in die Mosel hineinzugehen. Nicht lange, so versank er in den Schlamm und in die antreibenden tiefen Wellen; seinen Hut aber jagte der Wind hinüber an das jenseitige Ufer, und ein Frosch quakte: „Wat, wat, wat!“ Die sechs andern hörten das drüben und sprachen: „Unser Gesell, der Herr Schulz, ruft uns, kann er hinüberwaten, warum wir nicht auch?“ Sprangen darum eilig alle zusammen in das Wasser und ertranken, also dass ein Frosch ihrer sechse ums Leben brachte und niemand von dem Schwabenbund wieder nach Hause kam.

Die Sparbüchse

Hans Christian Andersen


Da gab es soviel Spielzeug in der Kinderstube; oben auf dem Schranke stand die Sparbüchse. Sie war aus Ton und hatte die Gestalt eines Schweins. Auf dem Rücken hatte sie natürlich einen Spalt und der Spalt war mit einem Messer noch größer gemacht worden, damit auch Silbertaler hineingehen könnten, und es waren wirklich zwei, neben vielen anderen Schillingen, durch den Spalt gewandert. Die Sparbüchse war vollgepfropft, dass sie gar nicht mehr klappern konnte, und das ist das Höchste, wozu eine Sparbüchse es bringen kann. Da stand sie nun ganz oben auf dem Schranke und sah auf alles in der Stube herab, sie wusste recht wohl, dass sie mit dem, was sie im Bauche hatte, das Ganze hätte kaufen können, und das ist ein angenehmes Bewusstsein.

Das dachten die anderen auch, obwohl sie es nicht sagten; es gab ja auch andere Dinge, um darüber zu sprechen. Die Kommodenschublade stand halb aufgezogen und darin erhob sich eine große Puppe; etwas alt war sie schon und am Halse gekittet. Sie guckte heraus und sagte: „Wollen wir nun Menschen spielen? Das ist doch immer etwas!“ Und dann rührte es sich überall emsig, sogar die Bilder drehten sich an den Wänden, sie zeigten, dass sie auch eine Kehrseite hatten, und dagegen war nichts zu sagen.

Es war mitten in der Nacht. Der Mond schien zum Fenster herein und gab seinerseits freie Beleuchtung dazu. Nun sollte das Spiel beginnen, alles war eingeladen, selbst der Kinderwagen, der doch zu dem gröberen Spielzeug gehörte. „Jedes Ding hat sein Gutes“ sagte er. „Es kann nicht jeder von Adel sein. Einer muss ja immer die Arbeit tun.“

Die Sparbüchse war die einzige, die eine schriftliche Einladung erhielt, sie war zu hochstehend, als dass man hätte annehmen können, sie würde auch einer mündlichen Gehör schenken. Sie gab auch keine Antwort, denn sie kam nicht. Sollte sie mithalten, so musste sie es von zuhause aus genießen können; danach konnten sich die anderen richten, und das taten sie.

Das kleine Puppentheater wurde sogleich aufgebaut, und zwar so, dass sie gerade hineinsehen konnte; sie wollten mit einer Komödie beginnen und dann sollte es Tee geben und Gedankenspiele gespielt werden. Damit fing man sogleich an. Das Schaukelpferd sprach von Training und Vollblut, der Kinderwagen von Eisenbahnen und Dampfkraft, immer war es etwas, was in ihr Fach gehörte und worüber sie zu sprechen verstanden. Die Stubenuhr sprach von Politik – tik-tik. Sie wusste, was die Glocke geschlagen hatte, aber man sagte von ihr, dass sie falsch ginge. Das spanische Rohr stand da und war stolz auf seine Spitze und seinen silbernen Knopf, er war oben und unten beschlagen; im Sofa lagen zwei gestickte Kissen, sie waren hübsch und dumm – nun konnte die Komödie beginnen.

Alle saßen und schauten zu, dann wurde höflich ersucht zu klatschen, zu knallen oder zu poltern, ganz wie man eben aufgelegt sei durch das Spiel. Aber die Reitpeitsche sagte, dass sie niemals für ältere Leute, sondern nur für die Unverlobten knalle. „Ich knalle für jeden“ sagte die Knallerbse. „Einen Standpunkt muss man ja haben“ sagte der Spucknapf. Das waren so die Gedanken, die ihnen bei dem Komödienspiel kamen. Das Stück taugte nichts, aber es wurde gut gegeben; alle Spielenden wandten die bemalte Seite nach außen. Sie waren nur dazu da, um von der einen Seite gesehen zu werden, aber nicht von der Rückseite. Alle spielten ausgezeichnet und ganz im Vordergrunde des Theaters, sie hingen zwar an zu langen Drähten, aber dadurch wurden sie nur umso bemerkbarer. Die gekittete Puppe war so hingerissen, dass der Kitt sich löste, und die Sparbüchse war auf ihre Art so gerührt, dass sie beschloss, für einen der Schauspieler etwas zu tun, und zwar wollte sie in ihrem Testament bestimmen, dass er mit ihr im offenen Grab liegen solle, wenn die Zeit einst da sei.

Das war wirklich ein solcher Genuss, dass man vom Tee trinken absah und bei den Gedankenspielen blieb, was man „Menschen spielen“ nannte. Darin war keine Bosheit, denn sie spielten nur – und jeder dachte an sich und an die merkwürdigen Gedanken, die die Sparbüchse zuweilen hatte. Die Sparbüchse besaß am meisten Weitblick, sie dachte ja schon an Testament und Begräbnis – und wann geschah das wohl? – Immer, bevor man es erwartet. – Knack, da fiel sie vom Schranke – lag auf dem Fußboden in tausend Scherben, während die Schillinge tanzten und sprangen; die kleinsten drehten sich um sich selbst, die großen rollten, besonders der eine Silbertaler wollte durchaus in die Welt hinaus. Und das kam er auch und alle die anderen mit; die Scherben der Sparbüchse wanderten in den Kehricht. Doch am nächsten Tage schon stand auf dem Schranke eine neue Sparbüchse aus Ton. Noch war kein Schilling darin, daher konnte sie auch nicht klappern. Hierin glich sie der anderen, das war immer ein Anfang – und damit sind wir auch am Ende.

Wie die schöne Scheherezade den wilden Sultan zähmte

(aus 1001 Nacht)

Wie kam es zu diesen vielen schönen und abenteuerlichen Geschichten? Das ist bereits eine Geschichte für sich. Wer sie aber nicht nur hören will, sondern auch richtig miterleben möchte, der muss nun dem Erzähler in höchst fremdartige Länder folgen. Er sollte alles vergessen, was heute umgibt. Denn er darf nicht erwarten, dass die Menschen von Tausendundeiner Nacht genauso leben und wohnen und sprechen oder dass sie etwa denken wie er.
Die Menschen im Morgenland, die sich vor Jahrhunderten diese Geschichten
immer wieder aufs neue erzählten, hatten ihre eigenen Gewohnheiten und Sitten. Ein reicher Mann lebte damals im Überfluss, durfte auch viele Frauen heiraten und nicht nur eine. Wer aber arm geboren war, mochte noch so fleißig sein, er blieb sein ganzes Leben hindurch ein Habenichts. Nur in seinen Träumen und in diesen Geschichten konnte jedermann in goldenen Bergen des Reichtums wühlen. Darum wimmelt es in Tausendundeiner Nacht von märchenhaften Schätzen und gewaltigen Geistern, die einen über Nacht zum König machen. Und immer wieder sind es schwache und wehrlose Menschen, die es fertig bringen, allein durch ihre Güte oder ihren Verstand einen übermächtigen Herrscher zu besiegen. Einer von diesen Menschen ist die schöne Scheherezade, der es ohne jeden Kampf gelang, den wilden Sultan Scheherban zu fesseln – nämlich mit ihren spannenden Geschichten von Tausendundeiner Nacht:

Einst, vor schier undenkbar langen Zeiten, herrschte über die Inseln Indiens und Chinas der ebenso mächtige wie reiche Sultan Scheherban. Er galt als ein rechter Mann, der aber sehr streng darauf achtete, dass seine Befehle eingehalten wurden. Seiner Frau hatte er die Todesstrafe angedroht für den Fall, dass sie während seiner Abwesenheit ihre Zimmer verließ und mit anderen Männern sprach oder gar lachte.
Scheherban liebte seine Frau, wollte aber auch wissen, ob sie es wert war und seine Anweisungen getreu befolgte. Darum stellte er sie eines Tages auf die Probe. Der Sultan tat so, als ob er auf die Jagd zöge. Auch sein jüngerer Bruder Schahseman, der König von Samarkand in Persien war und ihn in dieser Zeit besuchte, ritt mit zum Tor hinaus. Bald aber kehrten beide heimlich zurück in den Palast. Von einem versteckten Fenster aus musste Scheherban mit eigenen Augen sehen, was die Sultanin nun während seiner Abwesenheit tat: Achtlos hatte sie ihr Zimmer verlassen. Sie vergnügte sich mit ihren Dienerinnen und Gästen im Garten des Palastes und lachte dabei, dass es dem Sultan wie Messer ins Herz schnitt.
Noch am selben Tag machte er seine furchtbare Drohung wahr. Er ließ die ungehorsame Sultanin köpfen und schwor sich, er wolle künftig nie mehr an die Ehrlichkeit und Treue irgendeiner Frau glauben. Der Großwesir erhielt darauf den Auftrag, ihm täglich ein schönes Mädchen aus einer vornehmen Familie des Landes in den Palast zu bringen, damit es seine Frau werden solle. Doch schon am nächsten Morgen nach ihrer Hochzeit wurde dann die Unglückliche wie die erste Sultanin hingerichtet. Auf diese grausame Weise wollte Scheherban erreichen, dass ihn keine Frau jemals wieder hintergehen könnte.
Schon Monate währte dieses sinnlose Morden. Angst und Schrecken erfüllten das Land, denn Hunderte von schönen Mädchen hatten bereits ihr junges Leben verloren. Aber niemand traute sich zu, den wilden Sultan zur Mäßigung zu bringen oder ihn gar zu zähmen.
Nun hatte der Großwesir zwei Töchter, die Scheherezade und Dinarzade hießen. Besonders Scheherezade, die ältere, stand seinem Herzen nah, denn sie war nicht nur außerordentlich schön, sondern auch ungewöhnlich klug und redegewandt, weil sie viele Bücher las. Eines Tages sagte sie zu ihrem Vater:
»Würdest du deiner Tochter auch eine große Bitte erfüllen?«
»Was in meiner Macht liegt, tue ich gern für dich«, antwortete der Großwesir. »Ich erfülle dir jeden Wunsch, wenn er nicht unvernünftig ist.«
Da sagte Scheherezade: »Der Grausamkeit des Sultans muss endlich Einhalt geboten werden. Bitte sorge dafür, dass ich ihn heiraten darf.«
»Was fällt dir ein « rief der Großwesir entsetzt. »Du weißt doch, dass der Sultan jede Frau am Morgen nach der Hochzeit umbringen lässt.«
»Eben weil ich es weiß, darum trage ich dir meine große Bitte vor«, sagte Scheherezade. »Vielleicht gelingt es mir, Scheherban von seiner Unmenschlichkeit zu heilen. Doch wenn ich es nicht kann, möchte ich lieber sterben, als dieses grausame Spiel noch länger mit anzusehen.«
Mit allen Mitteln der Überredung versuchte der Großwesir seine Tochter von ihrem Vorhaben abzubringen, schließlich gab er nach und sagte: »So muss ich also dafür sorgen, dass du in dein Verderben ziehst. Ich werde unserem Herrn Deinen Wunsch melden, mach du dich inzwischen bereit.«
Sultan Scheherban seinen Großwesir angehört hatte, fragte er verwundert: „Ausgerechnet du willst mir die liebste deiner Töchter opfern? Erwartest du dass ich bei ihr eine Ausnahme mache? Großwesir, morgen früh werde dir den Befehl geben, Scheherezade töten zu lassen wie ihre Vorgängerinnen. Doch wenn du dann zögerst, geht es dir selbst an den Hals.«
„Herr“, antwortete der Wesir, »so schwer es mir fällt, ich bin bereit, dir wie zu gehorchen.« Dann ging er fort, um seine Tochter zu holen.
Ehe Scheherezade das Elternhaus verließ, zog sie aber noch die Schwester beiseite und flüsterte ihr zu: »Dinarzade, ich gehe jetzt zum Sultan, um seine Frau zu werden. Heute abend will ich ihn jedoch bitten, dass er dich kommen lässt, damit ich noch eine Nacht meines Lebens in deiner Gesellschaft verbringen kann. Wenn du dann bei mir bist, so schlage mir vor, ich solle dir zum Zeitvertreib eine von meinen Geschichten erzählen. Alles Weitere wirst du schon sehen. Ich hoffe nämlich, mit meiner List den wilden Sultan zu zähmen.«
Mit diesem Plan im Herzen erschien Scheherezade vor dem Sultan. Er freute sich über ihre Schönheit, empfing sie sehr freundlich, führte sie in den Prunksaal und gab das Zeichen für den Beginn ihres Festes. Nach einiger Zeit begann Scheherezade bitterlich zu weinen. Scheherban fragte sie nach dem Grund ihres Kummers und hörte: »Herr, ich denke an meine jüngere Schwester, die ich sehr habe. Leider konnte ich mich heute von ihr nicht verabschieden und möchte gern noch ein einziges Mal sehen.«
Sogleich ordnete der Sultan an, dass auch die zweite Tochter des Großwesirs in seinem Palast willkommen sei. Und kaum war Dinarzade dort eingetroffen, zeigte Scheherezade plötzlich ein heiteres Gesicht. Als dann die Nacht hereinbrach, saß die Schwester zu ihren Füßen und sagte: »Liebe Scheherezade, erzähle mir doch eine von deinen schönen Geschichten, damit uns die Zeit bis zum Morgen besser vergeht.«
Scheherezade fragte darauf den Sultan, ob er etwas dagegen hätte. Scheherban
war einverstanden und blieb bei den Schwestern, um zuzuhören. Nun begann Scheherezade mit einer sehr langen Geschichte, die aber auch sehr mitreißend und sehr spannend war. Der Sultan merkte nicht, wie die Stunden verstrichen. Als die Erzählerin erst etwa in der Mitte ihres abenteuerlichen Berichtes war, dämmerte schon der Morgen. Da unterbrach sich Scheherezade und sagte: „Jetzt folgt eigentlich der schönste und spannendste Teil. Wenn mein gnädiger Herr es also gestattet, will ich die Erzählung dann in der nächsten Nacht beenden.“ Scheherban war viel zu neugierig auf die Fortsetzung. Er beschloss, die Hinrichtung um einen Tag zu verschieben, und gab Scheherezade die Erlaubnis, am Abend fortzufahren.
Der Großwesir hatte diesen Morgen mit Schrecken erwartet, doch er bekam keine Anweisung, das Todesurteil an seiner Tochter vollstrecken zu lassen. Als er dann sah, wie der Sultan nur heiter seinen Regierungsgeschäften nachging, fasste der Wesir Mut. Scheherban aber konnte den Abend kaum erwarten. Als er sein Schlafzimmer betrat, saßen dort schon die beiden Schwestern, und Scheherezade begann sofort ihre unterbrochene Geschichte weiterzuerzählen.
Mitten in der Nacht war sie dann zum guten Ende ihrer Erzählung gekommen, doch Dinarzade sagte nun rasch: »Schwester, ich möchte noch eine Geschichte .hören ehe es Morgen wird.« Der Sultan hatte den gleichen Wunsch, den ihm Scheherezade nur zu gern erfüllte. Sie wusste es aber so einzurichten, dass genau im spannendsten Moment die Sonne des neuen Morgens aufging. Der Sultan wollte natürlich unbedingt erfahren, wie es weiterging, und musste sich nun von der klugen Scheherezade bis zum kommenden Abend vertrösten lassen. Durch diese List erreichte die Tochter des Großwesirs, dass Scheherban ihre Hinrichtung von Tag zu Tag und von Woche zu Woche verschob. Jeden Abend wusste sie etwas Schöneres zu erzählen, begann immer neue Geschichten, aber stets so geschickt, dass beim Morgengrauen das Ende der Handlung noch längst nicht zu erkennen war.
So vertrieb sie tausendundeine Nacht hindurch mit ihrer Schwester dem Sultan die Zeit. Als sie dann auch die letzte ihrer Geschichten erzählt hatte, warf sich Scheherezade dem Sultan zu Füßen und sagte: »Mein Herr und Gebieter, jetzt habe ich dir alle Geschichten erzählt, die ich kenne, und ich merke dir an, dass sie dir gefallen haben. Nun bitte ich dich, schenke mir zum Lohn für dieses Vergnügen mein Leben.«
Scheherban hatten die Erzählungen längst von seiner wilden Verbitterung geheilt. Er liebte dieses schöne Mädchen und glaubte wieder an das reine Herz einer Frau. Mit seinen Händen zog er Scheherezade zu sich empor und sagte:
»Dich hat Allah zu mir geschickt, um mich von meinem Wahn zu befreien. Du sollst meine Frau sein und noch lange mit mir in Glück und Freuden leben.«
Darauf beschenkte der Sultan den glücklichen Großwesir, der ihm seine Tochter fast geopfert hätte. Dann schickte er eine Nachricht zu seinem Bruder Schahseman und bot ihm darin Dinarzade als Frau an, die ebenso schön und fast so klug wie ihre Schwester war. Von seinem fernen Reich Samarkand in Persien kam Sultan Schahseman so schnell wie möglich herbei. Das prächtige Hochzeitsfest der beiden Brüder mit den schönen Töchtern des Großwesirs wurde noch lange Zeit von den Dichtern besungen. Viele Tage lang jubelte Scheherbans Volk, weil die Zeit des Schreckens endlich vorbei war. Die schönsten und abenteuerlichsten Geschichten, die Scheherezade dem Sultan erzählt hat, wurden für alle Zeiten und alle Menschen in den Märchen von Tausendundeiner Nacht festgehalten.