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Das versunkene Schloss

Heinrich Seidel


Im Norden von Deutschland gibt es zwar keine eigentlichen Gebirge, wohl aber stattliche Hügelzüge, die im Verein mit großen blauen Seenflächen, weiten Wiesentälern und alten mächtigen Waldungen diesen Gegenden ihre eigentümliche Schönheit verleihen. Inmitten eines solchen Landstriches, am Fuße einer dieser Hügelreihen, war eine kleine Stadt gelegen, deren Bewohner zum größeren Teil aus friedlichen Ackerbürgern, zum kleineren aus Handwerkern bestanden. In den stillen Straßen wuchs das Gras, und über die alte, bröcklige Stadtmauer spann der Efeu seine Ranken. In der Mittagszeit, wenn alle Leute in ihren Häusern bei Tisch saßen, konnte man denken, die Stadt sei ausgestorben oder in Zauberschlaf versunken, so still und einsam war es dann. Am meisten Leben zeigte sich noch des Abends, wenn die Jugend auf den freien Plätzen lärmend ihre Spiele trieb, die Leute auf den Bänken vor ihren Türen saßen und die von der Weide heimkehrenden Kühe brüllend durch die Straßen wandelten, um ihre Ställe aufzusuchen. Nur der Jahrmarkt und das Schützenfest brachten etwas mehr Bewegung in diesen stillen Erdenwinkel. Das letztere ward in dem Wald gefeiert, der den benachbarten Höhenzug bedeckte. In der Senkung zwischen zwei Hügeln befand sich die Schießbahn, und auf einem freien Platze im Walde waren die Buden aufgebaut, die sowohl den Bedürfnissen des Leibes als auch der Schaulust reichliche Nahrung boten. Da war der fremde Kuchenmann, der mit heiserer, aber unendlich verlockender Stimme seine schön verzierten Honigkuchen und Herzen ausbot und zahllose Schätze von Bonbons in allen Farben des Regenbogens entfaltete; da war die dickste und schönste Dame der Welt, achtzehn Jahre alt und dreihundertsieben Pfund schwer; dann die Seejungfrau, das größte Meerwunder aller Zeiten, leider nur ausgestopft, aber darum nicht minder seltsam; da war der prophetisch begabte Mann, der gegen geringes Entgelt jeglichen einen Blick in die Geheimnisse der Zukunft tun ließ; da war die mit reichen Schätzen ausgestattete Bude, wo man gegen den Einsatz von nur einem Groschen die seltsamsten und teuersten Dinge gewinnen konnte, sogar als Höchstes eine altehrwürdige Taschenuhr, zur Klasse der »Butterbüchsen« gehörig, die wirklich ging, wie jeder sich durch Augenschein überzeugen konnte. Da nun in der Stadt ein würdiger Greis lebte, der vor vielen Jahren bei solcher Gelegenheit wirklich eine Uhr gewonnen hatte, welches Ereignis einen Höhepunkt in seinem Leben bildete, so war natürlich die Verlockung, in gleicher Weise das Glück zu versuchen, für jung und alt beträchtlich. Zu weit würde es führen, wollte ich alle Herrlichkeiten ausführlich aufzählen, die bei dieser Gelegenheit zu freudigem Genüsse einluden. Ich will nur kurz das Karussell, das Puppentheater und den Tanzplatz erwähnen, allwo sich beiden Weisen von vier Stadtmusikanten die Jugend unablässig im Kreise drehte; ich will nur vorübergehend erinnern an die Gastzelte, wo das edle Bier in Strömen verschenkt wurde, also daß sich selbst die solidesten und ehrsamsten Schützenbrüder am Abend etwas unsicher auf den Beinen fühlten und beim Einmarsch in die Stadt kein besonderes Schauspiel darboten.

Diese Zeit, wo sich das Leben der kleinen Stadt zu seiner Taumelhöhe entfaltete, war die einzige, in der die meisten der erwachsenen Einwohner den Hügelwald besuchten, außer es handelte sich um eine Holzauktion oder dergleichen, denn die guten Ackerbürger und ehrsamen Handwerker zogen es vor, wenn sie sich zu einem Sonntagsspaziergange aufschwangen, in ihren Feldern das Wachstum zu betrachten und sich freundlichen Spekulationen über den Ernteertrag, die Kornpreise und den Stand der Kartoffeln hinzugeben. Zu allen Zeiten aber ward der Wald besucht von der Jugend und von den Armen, von Kindern, die Blumen suchten oder Vogelnester oder Beeren, je nach der Jahreszeit, von unternehmenden Knaben, die sich in den buschigen und verwachsenen Abhängen Räuberhöhlen anlegten, von armen holzlesenden Weiblein und dergleichen. Nur einen Ort gab es in diesem Walde, der von den meisten gemieden ward, das war der von Bäumen entblößte und nur mit niederem Buschwerk bestandene Gipfel des großen Hügels. Dort fanden sich, ganz überwuchert von wilden Rosen, Weißdorn, Jelängerjelieber und ähnlichen Sträuchern, einige Überreste von uraltem Mauerwerk, und es ging die Sage, dort habe in grauen Zeiten ein großes Schloß gestanden, das aber in einer stürmischen Gewitternacht zur Strafe für den Frevel und die Bosheit seiner gottlosen Bewohner mit Mann und Maus in die Tiefe gesunken sei. An diesem Ort sollte es nicht geheuer sein. Manche wollten den alten Schloßvogt, ein kleines graues Männchen, das die Schätze in dem versunkenen Gemäuer zu bewachen hatte, am hellen Tage mit kläglichem Seufzer dort haben umherwandern sehen, nächtlich hatten andere dort Feuer und blaue Flammen erblickt, wie sie die Anwesenheit verborgener Schätze andeuten, und schneidende Klagelaute, deren Ursprung unerklärlich war, hatte man dort in stiller Mittagsstunde vernommen. Das Merkwürdigste war aber, daß sich dort, verborgen zwischen dem Gestrüpp, eine Öffnung befinden sollte, die über kirchturmtief in den Berg hinabreichte. Manche behaupteten, sie gesehen zu haben. Sie hatten Steine hinabgeworfen und gehorcht, aber niemals vernommen, daß diese unten aufschlugen. Andere mutige und neugierige Leute hatten wieder nach dieser Öffnung lange gesucht, aber nichts gefunden. Es sollte dies die Ausmündung des Hauptschornsteins der versunkenen Burg sein und zuweilen sogar Rauch daraus hervorkommen. Alle diese Dinge waren den meisten so unheimlich, daß der Gipfel dieses Hügels gemieden ward, obwohl man dort eine herrliche Aussicht hatte auf die alte Stadt, auf das weite Wiesental mit dem gewundenen Fluß und die dämmernden Wälder in der Ferne. In der Stadt lebte eine Anzahl von unternehmenden Knaben, die unter der Anführerschaft eines braunhaarigen Jungen namens Bertram standen. Dieser war gewissermaßen ihr Räuberhauptmann, denn es muß gesagt werden, daß sich diese sechs Verbündeten weniger durch ihre Leistungen in der Schule, als durch zahlreiche Streiche auszeichneten, die sie gemeinschaftlich ausführten. In der Dunkelheit Bindfaden über die Straße zu spannen, die den ehrsamen Bürgern die Hüte von den Köpfen rissen, räuberische Ausflüge in fremde Obstgärten, Fischfang und Vogelstellen, nächtliches Abfeuern von Kanonenschlägen, verbotene Schießübungen und dergleichen Unfug waren ihre Lieblingsbeschäftigungen. In dem Abhang des Hügelwaldes hatten sie wohlverborgen im Gestrüpp eine Räuberhöhle angelegt, wo sie ihre geraubten Obstschätze aufbewahrten, verbotene Pfeifen rauchten und sonst allerlei unerlaubte Dinge trieben. Bertram hatte sich durch seinen gewalttätigen Charakter, seine Körperstärke und Entschlossenheit zum Anführer dieser kleinen Bande aufgeschwungen, und ihm wurde unweigerlicher Gehorsam gezollt. Eines Tages streifte diese Gesellschaft dort am Abhang umher, als sie eines Knaben namens Roland ansichtig wurde, der in den entfernteren Teilen des Waldes ein stattliches Körbchen mit Himbeeren zum Verkauf gesammelt hatte und damit nach Hause gehen wollte. Er war der Sohn einer armen Witwe, die sich kümmerlich von ihrer Hände Arbeit ernährte und darin von ihrem Sohne, soweit es in seinen Kräften stand, unterstützt wurde. Die Knaben hatten ihn kaum bemerkt, als sie ihn auch schon umringten und die gesammelten Früchte für gute Beute erklärten.

»Wie gut, daß du die Himbeeren für uns gesucht hast!« sagte Bertram und streckte die Hand nach dem Korbe aus. Allein Roland umklammerte diesen, hielt seine Hand schützend darüber und rief: »Ihr dürft sie nicht nehmen, ich habe den ganzen Tag daran gesammelt, und meine arme Mutter braucht das Geld!«

»Oh, sie werden uns ebenso gut schmecken wie dem Advokaten oder dem Kaufmann am Markt, wo du sie verkaufst!« sagte Bertram; »her damit!«

Roland sah nun wohl ein, daß er gegen die Übermacht nichts ausrichten würde, allein es kam ihm ein anderer Gedanke.

»Wenn ihr versprechen wollt, mir die Himbeeren zu lassen«, sagte er rasch, »so zeige ich euch etwas, das ihr lange gesucht habt. Ich habe das Loch auf dem Burgberge gefunden, wo es in das versunkene Schloß hinabgeht.«

»Ach, was wirst du da gefunden haben«, sagte Bertram, »wo wir schon so lange gesucht haben, das sind Ausflüchte.«

»So hört doch nur!« rief Roland eifrig. »Ich weiß dort, wo die alten Steine liegen und so viele dichte Dornen stehen, einen Ort, auf dem die allerschönsten Himbeeren wachsen. Nur an einer Stelle kann man zwischen dem Gemäuer und den großen Dornbüschen durchkriechen, da kommt man an einen Fleck, der rings von dem dichtesten Gestrüpp eingeschlossen ist. Heute habe ich dort wohl den halben Korb voll Himbeeren gesammelt. Während ich pflückte, kam mir schon immer ein sonderlicher Geruch in die Nase, es war gerade, als wenn meine Mutter Eierkuchen backt, und zuletzt sah ich in der Mitte des Platzes, wo der Boden etwas erhöht war, einen leichten Dampf aufsteigen. Ich dachte, was kann denn dort brennen, und es ward mir ganz unheimlich zumute, denn mir fiel ein, was man alles von dem Ort erzählt, und daß es dort nicht geheuer sein soll. Allein ich faßte Mut, schlich mich näher und bemerkte nun, daß dieser Rauch zwischen Gras und dichtem Rankenwerk hervorkam. Mit einem Stock schob ich dies beiseite, und ein schwarzes Loch wie von einem großen Schornstein ward frei. Vorsichtig kroch ich heran und horchte, allein ich konnte nichts wahrnehmen als ein leises Zischen und Schmoren in der Tiefe! Da überfiel mich die Angst, und ich machte, daß ich fortkam. Wenn ihr mir nun die Hand darauf gebt, mir meine Himbeeren zu lassen, so zeige ich euch das Loch.«

Die Knaben hatten mit der größten Aufmerksamkeit und Spannung zugehört. Bertram streckte seine Hand aus und rief: »Dort müssen wir hin, schlag ein, Roland.«

Dieser tat es, und alle stiegen nun den Hügel hinauf und krochen unter den Dornen hindurch, um diese wunderliche Entdeckung in Augenschein zu nehmen.

In dem eingeschlossenen Raume war es schwül, denn die Sonne brannte hinein, und die dichten Dornbüsche ringsum hielten jeden Luftzug ab. Ein schwerer Duft, wie ihn die Sommerhitze erzeugt, wenn sie auf gewürzigen Kräutern brütet, war rings verbreitet. Die Knaben waren still geworden und starrten ein wenig bänglich auf die finstere Öffnung im Boden hin. Es stieg kein Rauch mehr daraus hervor. Allmählich wurden sie dreister, schlichen herzu und blickten, rings auf den Knien liegend, in die dunkle Tiefe hinab. Dabei löste sich ein Steinchen und stürzte in den Abgrund, allein so angestrengt sie auch lauschten, sie vernahmen nicht, daß es unten aufschlug. »Große Schätze sollen dort liegen«, sagte Bertram, »wer dort hinunter könnte!«

Ein Gedanke schien ihm zu kommen; er flüsterte einem seiner Genossen, dem Sohne eines Seilers, etwas ins Ohr, dieser kroch hinaus und sprang in der Richtung auf die Stadt eilig den Abhang hinab. Die Knaben erzählten nun, was der eine oder der andere über das versunkene Schloß gehört hatte. Zwischendurch starrten sie wieder in die Tiefe und horchten, allein nicht das geringste war vernehmlich. Nach einer Weile kehrte der Abgesandte zurück und brachte eine sehr lange Wäscheleine mit sich, und Bertram sprach: »Einer von uns muß dort hinabsteigen, wir binden ihm das Seil um den Leib und lassen ihn vorsichtig hinab. Wer von euch hat Lust dazu?«

Allein keiner meldete sich zu diesem Unternehmen. Bertrams Augen fielen auf Roland. »Dieser«, sagte er, »hat das Geheimnis aufgefunden, außerdem ist er der leichteste und behendeste, wir wollen ihn hinunterlassen, daß wir erfahren, was auf dem Grunde verborgen liegt.« Da auf diese Weise die anderen frei ausgingen, fanden sie sämtlich den Vorschlag sehr gut und angemessen, jedoch Roland bekam einen tödlichen Schreck und wünschte, er hätte seine Himbeeren geopfert und das Geheimnis für sich behalten. Jedoch, ob er sich auch sträubte und wehrte, es half ihm nichts, das Tau ward um seinen Leib geschlungen, und trotz seiner flehentlichen Bitten ward er mitsamt seinem Korbe, den er krampfhaft festhielt, langsam in das Loch hinabgelassen.

Das Seil war fast zu Ende, als es sich krümmte und seine Spannung nachließ. Die Knaben zogen an, allein es war ganz leicht und schien offenbar leer zu sein. Sie ließen es wieder hinab und riefen in die Öffnung hinein, allein es kam keine Antwort. Dann zogen sie wieder an, und nun schien ihnen das Seil wieder beschwert zu sein. Allmählich wanden sie es empor, und als das Ende kam, sahen sie, daß auch wirklich etwas daran hing. »Na, Roland, wie war’s?« riefen sie schon, allein wie entsetzten sie sich, als sie bemerkten, daß es nicht der Knabe war, der an dem Tau hing, sondern eine tote Katze. Alle schrien laut auf und liefen davon. Da nun jeder so schnell wie möglich aus dem engen Eingang hinauswollte, so waren sie einander hinderlich, drängten sich und stießen sich in die Dornen und schrien, denn alle hatten die unbestimmte Angst, es möchte noch etwas viel Gräulicheres und Entsetzlicheres hinterherkommen. Als sie sich endlich blaß und zitternd draußen wieder gesammelt hatten, gaben sie sich gegenseitig das Versprechen, fürs erste von diesem Vorfall zu schweigen, und begaben sich sehr niedergeschlagen in die Stadt zurück.

*

Nachdem Roland unter Furcht und Zittern eine lange Weile, wie ihm dünkte, in dem engen Raum hinabgeglitten war, merkte er, daß es heller um ihn wurde. Er erkannte die Wände, die ihn umgaben, und das Gefüge der Steine. Dann wurde der Raum noch weiter und heller, und plötzlich fühlte er Boden unter seinen Füßen. Unwillkürlich streifte er das Seil ab, da es ihn gedrückt hatte, und sah sich um. Er stand auf dem Herde einer großen Küche, die mit glänzendem Kupfer- und Zinngeschirr reichlich versehen war. An einem Küchentisch saß ein kleiner, alter, grau gekleideter Mann mit einem Schlüsselbund an der Seite und aß Eierkuchen. Dieser kam auf ihn zu, blickte ihn finster aus kleinen schwarzen Augen an und sprach: »Unglücklicher, kommst du freiwillig an diesen Ort?« Roland erzählte zitternd, wie es ihm ergangen war. Der Alte lächelte. »Das ist gut«, sagte er, »kämst du aus freiem Antrieb, so würdest du die Welt nie wiedersehen.« Dann nahm er etwas hinter dem Herde hervor, das Roland nicht erkennen konnte, und machte sich mit dem Seile zu tun, das eben wieder herabgelassen wurde. Es war Roland, als höre er aus weiter Ferne seinen Namen rufen. Dann führte der Alte den Knaben an den Tisch und hieß ihn von dem Eierkuchen essen. Dabei bemerkte er den Korb mit Himbeeren und spitzte schmunzelnd die Lippen. »Ei, mein Junge«, sagte er, »was hast du da mitgebracht? Willst du mir die Früchte verkaufen?«

Roland dachte, es würde gut sein, sich diesen Mann zum Freunde zu halten, und sagte: »Ich schenke sie Euch!«

»Ei, du freundlicher Knabe«, sagte der Alte, »das will ich dir danken, das will ich dir danken.«

Damit langte er mit spitzen Fingern in den Korb und verzehrte einige der Himbeeren unter sichtlichem Behagen. Die übrigen schüttete er in eine Schüssel und stellte sie sorgfältig in einen Schrank. Dann gab er Roland den Korb zurück und sprach: »Folge mir!«

Er führte ihn nun durch die prächtigen Hallen und Räume des versunkenen Schlosses, bis sie an eine mächtige eiserne Tür gelangten. Diese öffnete der Alte, und die Schatzkammer tat sich vor Rolands erstaunten Blicken auf. Dort lagen wie auf einem Kornboden in mächtigen Haufen Perlen, Edelsteine und Goldstücke aufgespeichert. Von der Decke hing eine strahlende Lampe hernieder, und es funkelte, blitzte und glänzte in diesem Raum, daß es fast die Augen blendete. Der Alte nahm den Korb und füllte ihn mit diesen kostbaren Dingen an. Er ward dadurch so schwer, daß der Knabe ihn kaum zu tragen vermochte. Dann führte ihn der Alte durch einen langen, schmalen und dunklen Gang, schloß eine kleine Tür auf, und plötzlich strahlte ihnen das helle Tageslicht entgegen. Er streichelte dem kleinen Roland die Wangen und sprach: »Hab Dank für die schönen Früchte; seit hundert Jahren habe ich dergleichen nicht mehr gesehen und geschmeckt.« Damit schob er ihn hinaus, und die Tür fiel krachend ins Schloß. Als sich Roland umsah, war keine Spur von einem Eingang zu bemerken, nur grüner Rasen bedeckte gleichmäßig den Abhang des Hügels, an dessen Fuß er stand. Aber wie sonderbar, eine kühle Morgenluft wehte ihm entgegen, und es war doch so schwül gewesen, als er seine unfreiwillige Fahrt angetreten hatte. Nach seiner Ansicht mußte es jetzt Abend sein, aber dort, wo die Sonne über den Dächern der alten Stadt tief am Himmel stand, war ja Osten. Fürwahr, der Tag und die ganze Nacht waren vergangen, während er in dem versunkenen Schlosse gewesen war. Roland dachte an seine gute Mutter und an die Angst, die sie um seinetwegen gewiß empfand, und eilte, soviel es die schwere Last in seinem Korbe zuließ, der Stadt zu. Hei, wie aber sein Schatz von Gold und Edelgestein in der Sonne blitzte und funkelte und Strahlen von sich warf! Er raufte schnell ein wenig Gras und Moos aus und deckte ihn damit zu. Dicht vor dem Tore begegnete ihm Bertram mit seinen Genossen. Die Knaben waren noch ganz verstört und wollten wieder auf den Burgberg und noch einen Versuch mit dem Seile anstellen. Ihr freudiges Erstaunen, als sie Roland munter und wohlbehalten vor sich sahen, und ihre Verwunderung, als er sie einen Blick auf seine kostbaren Schätze tun ließ, war groß. Sie eilten, so schnell sie konnten, auf den Hügel und stritten sich unterwegs darum, wer zuerst in das Loch hinabgelassen werden sollte. Als sie aber oben anlangten, war, soviel sie auch suchten, keine Spur der geheimnisvollen Öffnung mehr zu finden. Sie durchkrochen auf den Knien sämtliche Dorngebüsche und stöberten im Schweiße ihres Angesichts den ganzen Tag dort umher, allein alles war und blieb vergeblich.

Der kleine Roland und seine Mutter aber waren durch den Schatz des alten Schloßhüters reiche Leute geworden und hatten genug an Geld und Gut für ihr ganzes Leben.

Die drei Sprachen

Gebr. Grimm

In der Schweiz lebte einmal ein alter Graf, und hatte nur einen einzigen Sohn, aber der war dumm und konnte nichts lernen. Da sprach der Vater: „hör mein Sohn, ich bringe nichts in deinen Kopf, ich mag es anfangen, wie ich will, du sollst mir fort, damit berühmte Meister es mit dir versuchen.“ Nun ward der Junge in eine fremde Stadt geschickt, und blieb bei den Meistern ein ganzes Jahr. Nach Verlauf desselben kam er wieder heim, da fragte ihn der Vater: „nun, was hast du gelernt?“ Der Sohn antwortete: „Vater, ich habe gelernt, was die Hunde bellen.“ „Das Gott erbarm! sprach der Vater, das ist alles, was du gelernt hast! nun sollst du in eine andere Stadt, zu andern Meistern.“ Der Junge ward hingebracht und blieb wieder ein ganzes Jahr; als er darnach zurück kam, sprach der Vater: „nun, was hast du gelernt?“ Der Sohn antwortete: „Vater, ich habe gelernt, was die Vögli sprechen.“ Da ward der Vater zornig und rief: „o du verlorener Mensch! hast die kostbare Zeit wieder zugebracht und nichts gelernt, und schämst dich nicht mir vor die Augen zu kommen? nun schick ich dich zum drittenmal zu andern Meistern, aber lernst du diesmal nichts, so will ich dein Vater nicht mehr seyn.“ Da ward der Sohn wieder in eine andere Stadt zu den Meistern gebracht und blieb das ganze Jahr da; als er nach Haus kam, fragte der Vater: „nun, was hast du gelernt?“ „Lieber Vater, antwortete er, ich habe dieses Jahr gelernt, was die Frösche quacken.“ Da ward der Vater ganz zornig, sprang auf, rief seine Leute und sagte: „dieser Mensch ist mein Sohn nicht mehr, ich stoße ihn von mir und gebiet euch, ihn hinaus in den Wald zu führen und zu töten.“ Sie nahmen ihn und führten ihn hinaus, aber als sie ihn töten sollten, konnten sie nicht vor Mitleiden und ließen ihn gehen, und schnitten einem Reh Augen und Zunge aus, damit sie dem Alten die Wahrzeichen bringen konnten.
Der Jüngling wanderte fort und kam nach einiger Zeit zu einer Burg, da bat er um Nachtherberge. „Ja, sagte der Burgherr, wenn du da unten in dem alten Turm übernachten willst, so geh hin, aber er ist lebensgefährlich, denn er ist voll wilder Hunde, die bellen und heulen in einem fort und müssen zu gewissen Stunden einen Menschen ausgeliefert haben, den sie gleich verzehren.“ Darüber war aber die ganze Gegend umher in Trauer und Leid, und konnte doch niemand helfen. Der Jüngling sprach: „lasst mich nur hinab zu den bellenden Hunden, und gebt mir etwas, das ich ihnen vorwerfen kann, mir sollen sie nichts tun.“ Weil er es nun selber nicht anders wollte, so gaben sie ihm etwas Essen für die wilden Tiere und führten ihn hinab zu dem Turm. Und als er hineintrat, wedelten die Hunde freundlich um ihn herum und krümmten ihm kein Härchen, sondern aßen, was er ihnen hinsetzte. Am andern Morgen kam er zu jedermanns Erstaunen gesund und unversehrt wieder heraus, und sagte zum Burgherrn. „Die Hunde haben mir in ihrer Sprache offenbart, warum sie da hausen und dem Lande schaden: sie sind verwünscht, so lang einen großen Schatz im Turme zu hüten, bis dieser gehoben ist, dann kommen sie zur Ruhe. Ich habe auch aus ihren Reden vernommen, auf was Art und Weise dies geschehen muss.“ Bei diesen Worten war allgemeine Freude und der Burgherr sprach: „wenn du mir den Schatz glücklich hebst, so soll meine Tochter deine Braut seyn.“ Da unternahm es der Jüngling und hob den großen Schatz, worauf die wilden Hunde verschwanden. Nun ward ihm die schöne Jungfrau angetraut und sie lebten vergnügt zusammen.
Über eine Zeit setzte er sich mit ihr in einen Wagen und wollte nach Rom fahren; auf dem Weg kamen sie an einem Sumpf vorbei, in welchem Frösche saßen und quackten. Der junge Graf verstand was sie sprachen und war ganz nachdenklich und traurig, sagte aber die Ursache seiner Frau nicht. Endlich gelangten sie in Rom an, da war gerade der Pabst gestorben und unter den Kardinälen großer Zweifel, wen sie zum Nachfolger bestimmen sollten. Sie wurden zuletzt einig, derjenige, an dem sich ein göttliches Wunderzeichen offenbaren würde, sollte zum Pabst erwählt werden. Und als sie das eben beschlossen, in demselben Augenblick trat der junge Graf in die Kirche und plötzlich flogen zwei schneeweiße Tauben auf jede seiner Schultern und blieben da sitzen. Wie das die Geistlichkeit sah, erkannte sie das Zeichen Gottes und frug ihn auf der Stelle, ob er ihr Pabst werden wolle? er war unschlüssig und wusste nicht, ob er dessen würdig sey, aber die Tauben redeten ihm zu, dass er es tun mögte und er antwortete: ja! Da wurde er gesalbt und geweiht und so war eingetroffen, was ihm die Frösche unterwegs gesagt hatten, und worüber er so bestürzt geworden, dass er der heilige Pabst werden sollte. Darauf musste er eine Messe singen und wusste kein Wort davon, aber die zwei Tauben saßen ihm stets auf den Schultern und redeten ihm jedes Wort in das Ohr, das er zu sagen hatte.

Das Lumpengesindel

Geb. Grimm


Hähnchen sprach zum Hühnchen: „Jetzt ist die Zeit, wo die Nüsse reif werden, da wollen wir zusammen auf den Berg gehen und uns einmal recht satt essen, ehe sie das Eichhorn alle wegholt.“ „Ja“, antwortete das Hühnchen, „komm, wir wollen uns eine Lust miteinander machen.“ Da gingen sie zusammen fort auf den Berg, und weil es ein heller Tag war, blieben sie bis zum Abend. Nun weiß ich nicht, ob sie sich so dick gegessen hatten, oder ob sie übermütig geworden waren,kurz, sie wollten nicht zu Fuß nach Hause gehen, und das Hähnchen musste einen kleinen Wagen von Nussschalen bauen. Als er fertig war, setzte sich das Hühnchen hinein und sagte zum Hähnchen: „Du kannst dich nur immer vorspannen.“ – „Oh, du kommst mir recht“, sagte das Hähnchen, „lieber geh‘ ich zu Fuß nach Hause, als dass ich mich vorspannen lasse; nein, so haben wir nicht gewettet. Kutscher will ich wohl sein und auf dem Bock sitzen, aber selbst ziehen, das tu, ich nicht.“

Wie sie so stritten, schnatterte eine Ente daher: „Ihr Diebsvolk, wer hat euch geheißen in meinen Nussberg gehen? Wartet, das soll euch schlecht bekommen!“ Ging also mit aufgesperrtem Schnabel auf das Hähnchen los. Aber Hähnchen war auch nicht faul und stieg der Ente tüchtig zu Leib; endlich hackte es mit seinen Sporen so gewaltig auf sie los, dass sie um Gnade bat und sich gern zur Strafe vor den Wagen spannen ließ. Hähnchen setzte sich nun auf den Bock und war Kutscher, und darauf ging es fort in einem Jagen: „Ente, lauf zu, was du kannst!“

Als sie ein Stück Weges gefahren waren, begegneten sie zwei Fußgängern, einer Stecknadel und einer Nähnadel. Die riefen: „Halt! Halt!“ und sagten, es würde gleich stichdunkel werden, da könnten sie keinen Schritt weiter, auch wäre es so schmutzig auf der Straße, ob sie nicht ein wenig einsitzen könnten: sie wären auf der Schneiderherberge vor dem Tor gewesen und hätten sich beim Bier verspätet. Da es magere Leute waren, die nicht viel Platz einnahmen, ließ Hähnchen beide einsteigen, doch mussten sie versprechen, ihm und seinem Hühnchen nicht auf die Füße zu treten. Spätabends kamen sie zu einem Wirtshaus, und weil sie die Nacht nicht weiterfahren wollten, die Ente auch nicht gut zu Fuß war und von einer Seite auf die andere fiel, so kehrten sie ein. Der Wirt machte anfangs viel Einwendungen, sein Haus wäre schon voll, gedachte auch wohl, es möchte keine vornehrne Herrschaft sein; endlich aber, da sie süße Reden führten, er sollte das Ei haben, das das Hühnchen unterwegs gelegt hatte, auch die Ente behalten, die alle Tage eins legte, so sagte er endlich, sie möchten die Nacht über bleiben. Nun ließen sie wieder frisch auftragen und lebten in Saus und Braus.

Frühmorgens, als es dämmerte und noch alles schlief, weckte Hähnchen das Hühnchen, holte das Ei, pickte es auf, und sie verzehrten es zusammen; die Schalen aber warfen sie auf den Feuerherd. Dann gingen sie zu der Nähnadel, die noch schlief, packten sie beim Kopfe und steckten sie in das Sesselkissen des Wirts, die Stecknadel aber in sein Handtuch; endlich flogen sie, mir nichts dir nichts, über die Heide davon. Die Ente, die gern unter freiem Himmel schlief und im Hof geblieben war, hörte sie fortschnurren, machte sich munter und fand einen Bach, auf dem sie hinabschwamm; und das ging geschwinder als vor dem Wagen. Ein paar Stunden später machte sich erst der Wirt aus den Federn, wusch sich und wollte sich am Handtuch abtrocknen, da fuhr ihm die Stecknadel über das Gesicht und machte ihm einen roten Strich von einem Ohr zum andern; dann ging er in die Küche und wollte sich eine Pfeife anstecken, wie er aber an den Herd kam, sprangen ihm die Eierschalen in die Augen. „Heute morgen will mir alles an meinen Kopf“, sagte er und ließ sich verdrießlich auf seinen Großvaterstuhl nieder; aber geschwind fuhr er wieder in die Höhe und schrie: „Auweh!“, denn die Nähnadel hatte ihn noch schlimmer und nicht in den Kopf gestochen Nun war er vollends böse und hatte Verdacht auf die Gäste, die so spät gestern abend gekommen waren; und wie er ging und sich nach ihnen umsah, waren sie fort. Da tat er einen Schwur, kein Lumpengesindel mehr in sein Haus zu nehmen, das viel verzehrt, nichts bezahlt und zum Dank noch obendrein Schabernack treibt.

Die zwei Brüder


Gebr. Grimm


Es waren einmal zwei Brüder, ein reicher und ein armer. Der reiche war ein Goldschmied und bös von Herzen; der arme nährte sich davon, dass er Besen band, und war gut und redlich. Der arme hatte zwei Kinder, das waren Zwillingsbrüder und sich so ähnlich wie ein Tropfen Wasser dem andern. Die zwei Knaben gingen in des reichen Haus ab und zu und erhielten von dem Abfall manchmal etwas zu essen. Es trug sich zu, dass der arme Mann. als er in den Wald ging, Reisig zu holen, einen Vogel sah, der ganz golden war und so schön, wie ihm noch niemals einer vor Augen gekommen war. Da hob er ein Steinchen auf, warf nach ihm und traf ihn auch glücklich; es fiel aber nur eine goldene Feder herab, und der Vogel flog fort. Der Mann nahm die Feder und brachte sie seinem Bruder, der sah sie an und sprach: „Es ist eitel Gold!“ und gab ihm viel Geld dafür. Am andern Tag stieg der Mann auf einen Birkenbaum und wollte ein paar Äste abhauen; da flog derselbe Vogel heraus, und als der Mann nachsuchte, fand er ein Nest, und ein Ei lag darin, das war von Gold. Er nahm das Ei mit heim und brachte es seinem Bruder, der sprach wiederum: „Es ist eitel Gold!“ und gab ihm, was es wert war. Zuletzt sagte der Goldschmied: „Den Vogel selber möcht‘ ich wohl haben.“ Der Arme ging zum drittenmal in den Wald und sah den Goldvogel wieder auf dem Baume sitzen; da nahm er einen Stein, warf ihn herunter und brachte ihn seinem Bruder, der gab ihm einen großen Haufen Gold dafür. „Nun kann ich mir forthelfen“, dachte er und ging zufrieden nach Hause.

Der Goldschmied war klug und listig und wusste wohl, was das für ein Vogel war. Er rief seine Frau und sprach: „Brat‘ mir den Goldvogel und sorge, dass nichts davon wegkommt; ich habe Lust, ihn ganz allein zu essen.“ Der Vogel war aber kein gewöhnlicher sondern so wunderbarer Art, dass wer Herz und Leber von ihm aß, jeden Morgen ein Goldstück unter seinem Kopfkissen fand. Die Frau machte den Vogel zurecht, steckte ihn an einen Spieß und ließ ihn braten. Nun geschah es, dass, während er am Feuer stand und die Frau anderer Arbeiten wegen notwendig aus der Küche gehen musste, die zwei Kinder des armen Besenbinders hereinliefen, sich vor den Spieß stellten und ihn ein paar Mal herumdrehten. Und als da gerade zwei Stücklein aus dem Vogel in die Pfanne herabfielen, sprach der eine: „Die paar Bisslein wollen wir essen, ich bin so hungrig; es wird’s ja niemand daran merken.“ Da aßen sie beide die Stückchen auf; die Frau kam aber dazu, sah, dass sie etwas aßen, und sprach:“ Was habt ihr gegessen?“ – „Ein paar Stückchen, die aus dem Vogel herausgefallen sind“, antworteten sie. „Das ist Herz und Leber gewesen“ sprach die Frau ganz erschrocken, und damit ihr Mann nichts vermisste und nicht böse ward, schlachtete sie geschwind ein Hähnchen, nahm Herz und Leber heraus und legte es zu dem Goldvogel. Als er gar war, trug sie ihn dem Goldschmied auf, der ihn ganz allein verzehrte und nichts übrig ließ. Am andern Morgen aber, als er unter sein Kopfkissen griff und das Goldstück hervorzuholen dachte, war so wenig wie sonst eins zu finden.


Die beiden Kinder aber wussten nicht, was ihnen für ein Glück zuteil geworden war. Am andern Morgen, wie sie aufstanden, fiel etwas auf die Erde und klingelte, und als sie es aufhoben, da waren’s zwei Goldstücke. Sie brachten sie ihrem Vater, der wunderte sich und sprach: „Wie sollte das zugegangen sein?“ Als sie aber am andern Morgen wieder zwei fanden und so jeden Tag, da ging er zu seinem Bruder und erzählte ihm die seltsame Geschichte. Der Goldschmied merkte gleich, wie es gekommen war und dass die Kinder Herz und Leber von dem Goldvogel gegessen hatten, und um sich zu rächen und weil er neidisch und hartherzig war, sprach er zu dem Vater: „Deine Kinder sind mit dem Bösen im Spiel, nimm das Gold nicht, und dulde sie nicht länger in deinem Hause, denn er hat Macht über sie und kann dich selbst noch ins Verderben bringen.“ Der Vater fürchtete den Bösen, und so schwer es ihn ankam, führte er doch die Zwillinge hinaus in den Wald und verließ sie da mit traurigem Herzen.

Nun liefen die zwei Kinder im Wald umher und suchten den Weg nach Hause, konnten ihn aber nicht finden, sondern verirrten sich immer weiter. Endlich begegneten sie einem Jäger, der fragte: „Wem gehört ihr, Kinder?“ – „Wir sind des armen Besenbinders Jungen“, antworteten sie und erzählten ihm, dass ihr Vater sie nicht länger im Hause hätte behalten wollen, weil alle Morgen ein Goldstück unter ihrem Kopfkissen läge. „Nun“, sagte der Jäger, „das ist gerade nichts Schlimmes, wenn ihr nur rechtschaffen dabei bleibt und euch nicht auf die faule Haut legt.“ Der gute Mann nahm die Kinder, weil sie ihm gefielen und er selbst keine hatte, mit nach Hause und sprach: „Ich will euer Vater sein und euch großziehen.“ Sie lernten da bei ihm die Jägerei, und das Goldstück, das ein jeder beim Aufstehen fand, das hob er ihnen auf, wenn sie’s in Zukunft nötig hätten.

Als sie herangewachsen waren, nahm sie ihr Pflegevater eines Tages mit in den Wald und sprach: „Heute sollt ihr euern Probeschuss tun, damit ich euch freisprechen und zu Jägern machen kann.“ Sie gingen mit ihm auf den Anstand und warteten lange, aber es kam kein Wild. Der Jäger sah über sich und erblickte eine Kette von Schneegänsen in der Gestalt eines Dreiecks fliegen, da sagte er zu dem einen: „Nun schieß‘ von jeder Ecke eine herab.“ Der tat’s und vollbrachte damit seinen Probeschuss. Bald darauf kam noch eine Kette angeflogen und hatte die Gestalt der Ziffer zwei; da hieß der Jäger den andern gleichfalls von jeder Ecke eine herunterholen, und dem gelang sein Probeschuss auch. Nun sagte der Pflegevater: „Ich spreche euch frei, ihr seid ausgelernte Jäger. “ Darauf gingen die zwei Brüder zusammen in den Wald, ratschlagten miteinander und verabredeten etwas. Und als sie sich abends zum Essen niedergesetzt hatten, sagten sie zu ihrem Pflegevater: „Wir rühren die Speise nicht an und nehmen keinen Bissen, bevor Ihr uns eine Bitte gewährt habt.“ Sprach er: „Was ist denn eure Bitte?“ Sie antworteten: „Wie haben nun ausgelernt, wir müssen uns auch in der Welt versuchen, so erlaubt, dass wir fortziehen und wandern.“ Da sprach der Alte mit Freuden: „Ihr redet wie brave Jäger. Was ihr begehrt, ist mein Wunsch gewesen; zieht aus, es wird euch wohl ergehen.“ Darauf aßen und tranken sie fröhlich zusammen.

Als der bestimmte Tag kam, schenkte der Pflegevater jedem eine gute Büchse und einen Hund und ließ jeden von seinen gesparten Goldstücken mitnehmen, soviel er wollte. Darauf begleitete er sie ein Stück Wegs, und beim Abschied gab er ihnen noch ein blankes Messer und sprach: „Wenn ihr euch einmal trennt, so stoßt dieses Messer am Scheideweg in einen Baum. Daran kann einer, wenn er zurückkommt, sehen, wie es seinem abwesenden Bruder ergangen ist, denn die Seite, nach der dieser ausgezogen ist, rostet, wenn er stirbt; solang er aber lebt, bleibt sie blank.“ Die zwei Brüder gingen immer weiter fort und kamen in einen Wald, so groß, dass sie unmöglich in einem Tag hinauskommen konnten. Also blieben sie die Nacht darin und aßen, was sie in die Jägertasche gesteckt hatten; sie gingen aber auch noch den zweiten Tag und kamen nicht hinaus. Da sie nichts zu essen hatten, sprach der eine: „Wir müssen uns etwas schießen, sonst leiden wir Hunger“, lud seine Büchse und sah sich um. Und als ein alter Hase dahergelaufen kam, legte er an, aber der Hase rief:

„Lieber Jäger, lass mich leben,

Ich will dir auch zwei Junge geben.“

Sprang auch gleich ins Gebüsch und brachte zwei Junge; die Tierlein spielten aber so munter und waren so artig, dass die Jäger es nicht übers Herz bringen konnten, sie zu töten. Sie behielten sie also bei sich, und die kleinen Hasen folgten ihnen auf dem Fuße nach. Bald darauf schlich ein Fuchs vorbei, den wollten sie niederschießen, aber der Fuchs rief:

„Lieber Jäger, lass mich leben,

Ich will dir auch zwei Junge geben.“

Er brachte auch zwei Füchslein, und die Jäger mochten sie auch nicht töten, gaben sie den Hasen zur Gesellschaft, und sie folgten ihnen nach. Nicht lange, so schritt ein Wolf aus dem Dickicht, die Jäger legten auf ihn an, aber der Wolf rief:

„Lieber Jäger, lass mich leben,

Ich will dir auch zwei Junge geben.“

Die zwei jungen Wölfe taten die Jäger zu den andern Tieren, und sie folgten ihnen nach. Darauf kam ein Bär, der wollte gern noch länger herumtraben und rief:

„Lieber Jäger, lass mich leben,

Ich will dir auch zwei Junge geben.“

Die zwei jungen Bären wurden zu den andern gesellt, und nun waren es ihrer schon acht. Endlich, wer kam? Ein Löwe kam und schüttelte seine Mähne. Doch die Jäger ließen sich nicht schrecken und zielten auf ihn; aber der Löwe sprach gleichfalls:

„Lieber Jäger, lass mich leben,

Ich will dir auch zwei Junge geben.“

Er holte auch seine Jungen herbei, und nun hatten die Jäger zwei Löwen, zwei Bären, zwei Wölfe, zwei Füchse und zwei Hasen, die ihnen nachzogen und dienten. Indessen war ihr Hunger damit nicht gestillt worden, da sprachen sie zu den Füchsen: ..Hört‘ ihr Schleicher, schafft uns etwas zu essen! Ihr seid ja listig und verschlagen.“ Sie antworteten: „Nicht weit von hier liegt ein Dorf, wo wir schon manches Huhn geholt haben; den Weg dahin wollen wir euch zeigen.“ Da gingen sie ins Dorf, kauften sich etwas zu essen, ließen auch ihren Tieren Futter geben und zogen dann weiter. Die Füchse aber wussten guten Bescheid in der Gegend, wo die Hühnerhöfe waren, und konnten die Jäger überall zurechtweisen.

Nun zogen sie eine Weile herum, konnten aber keinen Dienst finden, wo sie zusammengeblieben wären; da sprachen sie: „Es geht nicht anders, wir müssen uns trennen.“ Sie teilten die Tiere, so dass jeder einen Löwen, einen Bären, einen Wolf, einen Fuchs und einen Hasen bekam; dann nahmen sie Abschied, versprachen sich brüderliche Treue bis in den Tod und stießen das Messer, das ihnen ihr Pflegevater mitgegeben hatte, in einen Baum; worauf der eine nach Osten, der andere nach Westen zog.

Der jüngere aber kam mit seinen Tieren in eine Stadt, die war ganz mit schwarzem Flor überzogen. Er ging in ein Wirtshaus und fragte den Wirt, ob er nicht seine Tiere beherbergen könnte. Der Wirt gab ihnen einen Stall, wo in der Wand ein Loch war: da kroch der Hase hinaus und holte sich ein Kohlhaupt, und der Fuchs holte sich ein Huhn, und als er das gefressen hatte, auch den Hahn dazu; der Wolf aber, der Bär und der Löwe, weil sie zu groß waren, konnten nicht hinaus. Da ließ sie der Wirt hinbringen, wo eben eine Kuh auf dem Rasen lag, dass sie sich satt fraßen. Und als der Jäger für seine Tiere gesorgt hatte, fragte er erst den Wirt, warum die Stadt so mit Trauerflor ausgehängt wäre. Sprach der Wirt: „Weil morgen unseres Königs einzige Tochter sterben wird.“ Fragte der Jäger: „Ist sie sterbenskrank?“ – „Nein“‚ antwortete der Wirt, „sie ist frisch und gesund, aber sie muss doch sterben.“ – „Wie geht das zu?“ fragte der Jäger. – „Draußen vor der Stadt ist ein hoher Berg, darauf wohnt ein Drache, der muss jedes Jahr eine Jungfrau zum Opfer haben, sonst verwüstet er das ganze Land. Nun sind schon alle Jungfrauen hingegeben, und es ist keine mehr übrig als die Königstochter, dennoch ist keine Gnade, sie muss ihm überliefert werden, und das soll morgen geschehen.“ Sprach der Jäger: „Warum wird der Drache nicht getötet?“ – „Ach“, antwortete der Wirt, „so viele Ritter haben’s versucht, aber allesamt ihr Leben eingebüßt; der König hat dem, der den Drachen besiegt, seine Tochter zur Frau versprochen, und er soll auch nach seinem Tode das Reich erben.“

Der Jäger sagte dazu weiter nichts, aber am andern Morgen nahm er seine Tiere und stieg mit ihnen auf den Drachenberg. Da stand oben eine kleine Kirche, und auf dem Altar standen drei gefüllte Becher, und dabei war die Schrift: „Wer die Becher austrinkt, wird der stärkste Mann auf Erden und wird das Schwert führen, das vor der Türschwelle vergraben liegt.“ Der Jäger trank da nicht, ging hinaus und suchte das Schwert in der Erde, vermochte es aber nicht von der Stelle zu bewegen. Da ging er hin und trank die Becher aus und war nun stark genug, das Schwert aufzunehmen, und seine Hand konnte es ganz leicht führen. Als die Stunde kam, wo die Jungfrau dem Drachen ausgeliefert werden sollte, begleiteten sie der König, der Marschall und die Hofleute hinaus. Sie sah von weitem den Jäger oben auf dem Drachenberg und meinte, der Drache stände da und erwarte sie, und da wollte sie nicht hinaufgehen; endlich aber, weil die ganze Stadt sonst verloren gewesen wäre, musste sie den schweren Gang tun. Der König und die Hofleute kehrten voll großer Trauer heim, des Königs Marschall aber sollte stehen bleiben und aus der Ferne alles mit ansehen.

Als die Königstochter oben auf den Berg kam, stand da nicht der Drache, sondern der junge Jäger, der sprach ihr Trost ein und sagte, er wollte sie retten, führte sie in die Kirche und verschloss sie darin. Gar nicht lange, so kam mit großem Gebraus der siebenköpfige Drache dahergefahren. Als er den Jäger erblickte, verwunderte er sich und sprach: „Was hast du hier auf dem Berge zu schaffen?“ Der Jäger antwortete: „Ich will mit dir kämpfen.“ Sprach der Drache: „So mancher Rittersmann hat hier sein Leben gelassen, mit dir will ich auch fertig werden“, und atmete Feuer aus sieben Rachen. Das Feuer sollte das trockene Gras anzünden, und der Jäger sollte in der Glut und dem Dampf ersticken; aber die Tiere kamen herbeigelaufen und traten das Feuer aus. Da fuhr der Drache gegen den Jäger der aber schwang sein Schwert, dass es in der Luft sang. und schlug ihm drei Köpfe ab. Da wurde der Drache erst recht wütend, erhob sich in die Luft, spie die Feuerflammen über den Jäger aus und wollte sich auf ihn stürzen, aber der Jäger zückte nochmals sein Schwert und hieb ihm wieder drei Köpfe ab. Das Untier ward matt und sank nieder und wollte doch wieder auf den Jäger los, aber er schlug ihm mit der letzten Kraft den Schweif ab, und weil er nicht mehr kämpfen konnte, rief er seine Tiere herbei, die zerrissen es in Stücke. Als der Kampf zu Ende war, schloss der Jäger die Kirche auf und fand die Königstochter auf der Erde liegen, weil ihr die Sinne vor Angst und Schreck während des Streites vergangen waren. Er trug sie hinaus, und als sie wieder zu sich kam und die Augen aufschlug, zeigte er ihr den zerrissenen Drachen und sagte ihr, dass sie nun erlöst wäre. Sie freute sich und sprach: „Nun wirst du mein liebster Gemahl werden, denn mein Vater hat mich dem versprochen, der den Drachen tötet.“ Darauf nahm sie ihr Halsband von Korallen ab und verteilte es unter die Tiere, um sie zu belohnen, und der Löwe erhielt das goldene Schlösschen davon. Ihr Taschentuch aber, worin ihr Name stand, schenkte sie dem Jäger, der ging hin und schnitt aus den sieben Drachenköpfen die Zungen aus, wickelte sie in das Tuch und verwahrte sie wohl.

Als das geschehen und der Jäger von dem Feuer und dem Kampfe so matt und müde war, sprach er zur Jungfrau: „Wir sind beide so matt und müde, wir wollen ein wenig schlafen.“ Da sagte sie ja, und sie ließen sich auf die Erde nieder, und der Jäger sprach zu dem Löwen: „Du sollst wachen, damit uns niemand im Schlaf überfällt“, und beide schliefen ein. Der Löwe legte sich neben sie, um zu wachen, aber er war vom Kampf auch müde, dass er den Bären rief und sprach: „Lege dich neben mich, ich muss ein wenig schlafen, und wenn was kommt, so wecke mich auf.“ Da legte sich der Bär neben ihn, aber er war auch müde und rief den Wolf und sprach: „Lege dich neben mich, ich muss ein wenig schlafen, und wenn was kommt, so wecke mich auf.“ Da legte sich der Wolf neben ihn, aber er war auch müde und rief den Fuchs und sprach: „Lege dich neben mich, ich muss ein wenig schlafen, und wenn was kommt, so wecke mich auf.“ Da legte sich der Fuchs neben ihn, aber er war auch müde, rief den Hasen und sprach: „Lege dich neben mich, ich muss ein wenig schlafen, und wenn was kommt, so wecke mich auf.“ Da setzte sich der Hase neben ihn, aber der arme Hase war auch müde und hatte niemand, den er zur Wache herbeirufen konnte, und schlief ein. Da schlief nun die Königstochter, der Jäger, der Löwe, der Bär, der Wolf, der Fuchs und der Hase, und schliefen alle einen festen Schlaf.

Der Marschall aber, der von weitem hatte zuschauen sollen, als er den Drachen nicht mit der Jungfrau fortfliegen sah und alles auf dem Berge ruhig war, nahm sich ein Herz und stieg hinauf. Da lag der Drache zerstückt und zerrissen auf der Erde und nicht weit davon die Königstochter und ein Jäger mit seinen Tieren, die waren alle in tiefem Schlaf versunken. Und weil er bös und gottlos war, so nahm er sein Schwert und hieb dem Jäger das Haupt ab; dann fasste er die Jungfrau auf den Arm und trug sie den Berg hinab. Da erwachte sie und erschrak, aber der Marschall sprach; „Du bist in meinen Händen, du sollst sagen, dass ich es gewesen bin, der den Drachen getötet hat.“ – „Das kann ich nicht“; antwortete sie, „denn ein Jäger mit seinen Tieren hat’s getan.“ Da zog er sein Schwert, drohte sie zu töten, wenn sie ihm nicht gehorchte, und zwang sie damit, dass sie es versprach. Darauf brachte er sie vor den König, der sich vor Freude nicht zu lassen wusste, als er sein liebes Kind wieder lebend erblickte, das er von dem Untier zerrissen glaubte. Der Marschall sprach zu ihm; „Ich habe den Drachen getötet und die Jungfrau und das ganze Reich befreit, darum fordere ich sie zur Gemahlin, so wie es zugesagt ist.“ Der König fragte die Jungfrau; „Ist das wahr, was er spricht?“ – „Ach ja“, antwortete sie, „es muss wohl wahr sein; aber ich halte mir aus, dass erst über Jahr und Tag die Hochzeit gefeiert wird“, denn sie dachte, in der Zeit etwas von ihrem lieben Jäger zu hören.

Auf dem Drachenberg aber lagen noch die Tiere neben dem toten Herrn und schliefen; da kam eine große Hummel und setzte sich dem Hasen auf die Nase, aber der Hase wischte sie mit der Pfote ab und schlief weiter. Die Hummel kam zum zweitenmal, aber der Hase wischte sie wieder ab und schlief fort. Da kam sie zum drittenmal und stach ihn in die Nase, dass er aufwachte. Sobald der Hase wach war, weckte er den Fuchs, und der Fuchs den Wolf, und der Wolf den Bären, und der Bär den Löwen. Und als der Löwe aufwachte und sah, dass die Jungfrau fort war und sein Herr tot, fing er an, fürchterlich zu brüllen und rief; „Wer hat das vollbracht? Bär, warum hast du mich nicht geweckt?“ Der Bär fragte den Wolf: warum hast du mich nicht geweckt?“ und der Wolf den Fuchs: „Warum hast du mich nicht geweckt?“ und der Fuchs den Hasen „Warum hast du mich nicht geweckt?“ Der arme Hase wusste allein nichts zu antworten, und die Schuld blieb auf ihm hängen. Da wollten sie über ihn herfallen, aber er bat und sprach; „Bringt mich nicht um, ich will unseren Herrn wieder lebendig machen. Ich weiß einen Berg, da wächst eine Wurzel, wer die im Mund hat, der wird von aller Krankheit und allen Wunden geheilt. Aber der Berg liegt zweihundert Stunden von hier.“ Sprach der Löwe; „In vierundzwanzig Stunden musst du hin und her gelaufen sein und die Wurzel mitbringen.“ Da sprang der Hase fort, und in vierundzwanzig Stunden war er wieder zurück und brachte die Wurzel mit. Der Löwe setzte dem Jäger den Kopf wieder an, und der Hase steckte ihm die Wurzel in den Mund; alsbald fügte sich alles wieder zusammen, und das Herz schlug, und das Leben kehrte zurück. Da erwachte der Jäger und erschrak, als er die Jungfrau nicht mehr sah, und dachte: „Sie ist wohl fortgegangen, während ich schlief, um mich loszuwerden.“ Der Löwe hatte in der großen Eile seinem Herrn den Kopf verkehrt aufgesetzt, der aber merkte es nicht bei seinen traurigen Gedanken an die Königstochter; erst zu Mittag, als er etwas essen wollte, sah er, dass ihm der Kopf nach dem Rücken zu stand‘ konnte es nicht begreifen und fragte die Tiere, was ihm im Schlaf widerfahren wäre. Da erzählte ihm der Löwe, dass sie auch alle aus Müdigkeit eingeschlafen wären, und beim Erwachen hätten sie ihn tot gefunden mit abgeschlagenem Haupte, der Hase hätte die Lebenswurzel geholt, er aber habe in der Eile den Kopf verkehrt gehalten; doch wollte er seinen Fehler wieder gutmachen. Dann riss er dem Jäger den Kopf wieder ab, drehte ihn herum, und der Hase heilte ihn mit der Wurzel fest.

Der Jäger aber war traurig, zog in der Welt umher und ließ seine Tiere vor den Leuten tanzen. Es trug sich zu, dass er gerade nach Verlauf eines Jahres wieder in dieselbe Stadt kam, wo er die Königstochter vom Drachen erlöst hatte, und die Stadt war diesmal ganz mit rotem Scharlach ausgehängt. Da sprach er zum Wirt:

„Was will das sagen? Vorm Jahr war die Stadt mit schwarzem Flor überzogen, was soll heute der rote Scharlach?“ Der Wirt antwortete: „Vorm Jahr sollte unseres Königs Tochter dem Drachen ausgeliefert werden, aber der Marschall hat mit ihm gekämpft und ihn getötet, und da soll morgen ihre Vermählung gefeiert werden; darum war die Stadt damals mit schwarzem Flor zur Trauer und ist heute mit rotem Scharlach zur Freude ausgehängt.“

Am andern Tag, da die Hochzeit sein sollte, sprach der Jäger um die Mittagszeit zum Wirt: „Glaubt Er wohl, Herr Wirt, dass ich heute Brot von des Königs Tisch bei Ihm essen will?“ – „Ja“, sprach der Wirt, „da wollt‘ ich doch noch hundert Goldstücke dransetzen, dass das nicht wahr ist.“ Der Jäger nahm die Wette an und setzte einen Beutel mit ebensoviel Goldstücken dagegen. Dann rief er den Hasen und sprach: „Geh‘ hin, lieber Springer, und hoI‘ mir von dem Brote, das der König isst.“ Nun war das Häslein das Geringste und konnte es keinem andern wieder auftragen, sondern musste sich selbst auf die Beine machen. „Ei“, dachte es, „wenn ich so allein durch die Straßen springe, werden die Metzgerhunde hinter mir drein sein.“ Wie es dachte, so geschah es auch, und die Hunde kamen hinter ihm drein und wollten ihm sein gutes Fellchen flicken. Es sprang aber, hast du nicht gesehen! und flüchtete sich in ein Schilderhaus, ohne dass es der Soldat gewahr wurde. Da kamen die Hunde und wollten es heraushaben, aber der Soldat verstand keinen Spaß und schlug mit dem Kolben drein, dass sie schreiend und heulend fortliefen. Als der Hase merkte, dass die Luft rein war, sprang er zum Schloss hinein und gerade zur Königstochter, setzte sich unter ihren Stuhl und kratzte sie am Fuß. Da sagte sie: „Willst du fort!“ und meinte, es wäre ihr Hund. Der Hase kratzte zum zweitenmal am Fuß, da sagte sie wieder: „Willst du fort!“ und meinte, es wäre ihr Hund. Aber der Hase ließ sich nicht irremachen und kratzte zum drittenmal; da guckte sie hinab und erkannte den Hasen an seinem Halsband. Nun nahm sie ihn auf ihren Schoß, trug ihn in ihre Kammer und sprach: „Lieber Hase, was willst du?“ Antwortete er: „Mein Herr, der den Drachen getötet hat, ist hier und schickt mich, ich soll um ein Brot bitten, wie es der König isst.“ Da war sie voll Freude und ließ den Bäcker kommen und befahl ihm, ein Brot zu bringen, wie es der König aß. Sprach das Häslein: „Aber der Bäcker muss mir’s auch hintragen, damit mir die Metzgerhunde nichts tun.“ Der Bäcker trug es ihm bis an die Tür der Wirtsstube, da stellte sich der Hase auf die Hinterbeine, nahm alsbald das Brot in die Vorderpfoten und brachte es seinem Herrn. Da sprach der Jäger: „Sieht Er, Herr Wirt, die hundert Goldstücke sind mein.“ Der Wirt wunderte sich, aber der Jäger sagte weiter: „Ja, Herr Wirt, das Brot hätt‘ ich, nun will ich aber auch von des Königs Braten essen. Der Wirt sagte: „Das möcht‘ ich sehen“, aber wetten wollte er nicht mehr. Rief der Jäger den Fuchs und sprach: „Mein Füchslein, geh‘ hin und hoI‘ mir Braten, wie ihn der König isst.“ Der Rotfuchs wusste die Schliche besser, ging an den Ecken und durch die Winkel, ohne dass ihn ein Hund sah, setzte sich unter der Königstochter Stuhl und kratzte an ihrem Fuß. Da sah sie hinab und erkannte den Fuchs am Halsband, nahm ihn mit in ihre Kammer und sprach: „Lieber Fuchs, was willst du?“ Antwortete er: „Mein Herr, der den Drachen getötet hat, ist hier und schickt mich, ich soll bitten um einen Braten, wie ihn der König isst.“ Da ließ sie den Koch kommen, der musste einen Braten, wie ihn der König aß, anrichten, und dem Fuchs bis an die Tür tragen; da nahm ihm der Fuchs die Schüssel ab, wedelte mit seinem Schwanz erst die Fliegen weg, die sich auf den Braten gesetzt hatten, und brachte ihn dann seinem Herrn. „Sieht Er, Herr Wirt“, sprach der Jäger, „Brot und Fleisch ist da, nun will ich auch Zugemüs essen, wie es der König isst.“ Da rief er den Wolf und sprach: „Lieber Wolf, geh‘ hin und hol‘ mir Zugemüs, wie es der König isst.“ Da ging der Wolf geradezu ins Schloss, weil er sich vor niemand fürchtete, und als er in der Königstochter Zimmer kam, zupfte er sie hinten am Kleide, dass sie sich umschauen musste. Sie erkannte ihn am Halsband, nahm ihn mit in ihre Kammer und sprach:“ Lieber Wolf, was willst du?“ Antwortete er:“ Mein Herr, der den Drachen getötet hat, ist hier, ich soll bitten um ein Zugemüs, wie es der König isst.“ Da ließ sie den Koch kommen, der musste ein Zugemüs bereiten. wie es der König aß, und musste es dem Wolfe bis vor die Tür tragen; da nahm ihm der Wolf die Schüssel ab und brachte sie seinem Herrn. „Sieht Er, Herr Wirt“, sprach der Jäger, „nun hab‘ ich Brot, Fleisch und Zugemüs, aber ich will auch Zuckerwerk essen, wie es der König isst.“ Rief er den Bären und sprach: „Lieber Bär, du leckst doch gern etwas Süßes, geh‘ hin und hol‘ mir Zuckerwerk, wie es der König isst.“ Da trabte der Bär nach dem Schlosse, und jedermann ging ihm aus dem Wege; als er aber zu der Wache kam, hielt sie die Flinten vor und wollte ihn nicht ins königliche Schloss lassen. Aber er hob sich in die Höhe und gab mit seinen Tatzen links und rechts ein paar Ohrfeigen, dass die ganze Wache zusammenfiel; darauf ging er geradewegs zu der Königstochter, stellte sich hinter sie und brummte ein wenig. Da schaute sie rückwärts und erkannte den Bären. Sie hieß ihn mitgehen in ihre Kammer und sprach: „Lieber Bär, was willst du?“ Antwortete er: „Mein Herr, der den Drachen getötet hat, ist hier, ich soll bitten um Zuckerwerk, wie es der König isst.“ Da ließ sie den Zuckerbäcker kommen, der musste Zuckerwerk backen, wie es der König aß, und dem Bären vor die Tür tragen. Da leckte der Bär erst die Zuckererbsen auf, die heruntergerollt waren, dann stellte er sich aufrecht, nahm die Schüssel und brachte sie seinem Herrn. „Sieht Er, Herr Wirt“, sprach der Jäger, „nun habe ich Brot, Fleisch, Zugemüs und Zuckerwerk‘ aber ich will auch Wein trinken, wie ihn der König trinkt.“ Er rief seinen Löwen herbei und sprach: „Lieber Löwe, du trinkst dir doch gern einen Rausch, geh‘ und hol‘ mir Wein, wie ihn der König trinkt.“ Da schritt der Löwe über die Straße, und die Leute liefen vor ihm, und als er an die Wache kam, wollte sie den Weg sperren, aber er brüllte nur einmal, so sprang alles fort. Nun ging der Löwe vor das königliche Zimmer und klopfte mit seinem Schweif an die Tür. Da kam die Königstochter heraus und wäre fast über den Löwen erschrocken; aber sie erkannte ihn an dem goldenen Schloss von ihrem Halsbande, hieß ihn mit in ihre Kammer gehen und sprach: „Lieber Löwe, was willst du?“ Antwortete er: „Mein Herr, der den Drachen getötet hat, ist hier, ich soll bitten um Wein, wie ihn der König trinkt.“ Da ließ sie den Mundschenk kommen, der sollte dem Löwen Wein geben, wie ihn der König trank. Sprach der Löwe: „Ich will mitgehen und sehen, dass ich den rechten kriege.“ Da ging er mit dem Mundschenk hinab, und als sie unten an die Fässer kamen, wollte ihm dieser von dem gewöhnlichen Wein zapfen, wie ihn des Königs Diener tranken; aber der Löwe sprach: „Halt, ich will den Wein erst versuchen“, zapfte sich eine halbe Maß und schluckte sie auf einmal hinab. „Nein“, sagte er, „das ist nicht der rechte.“ Der Mundschenk sah ihn schief an, ging aber und wollte ihm aus einem andern Fasse geben, das für des Königs Marschall war. Sprach der Löwe:

„Halt, erst will ich den Wein versuchen“, zapfte sich eine halbe Maß und trank sie. „Der ist besser“, sagte er, „aber noch nicht der rechte.“ Da wurde der Mundschenck bös und sprach: „Was so ein dummes Vieh vom Wein verstehen will!“ Aber der Löwe gab ihm einen Schlag hinter die Ohren, dass er unsanft zur Erde fiel, und als er sich wieder aufgemacht hatte, führte er den Löwen ganz stillschweigend in einen besonderen Keller, wo des Königs Wein lag, von dem sonst kein Mensch zu trinken bekam. Der Löwe zapfte sich erst eine halbe Maß und versuchte den Wein, dann sprach er: „Das kann vom rechten sein“, und hieß den Mundschenk sechs Flaschen füllen. Nun stiegen sie hinauf; wie der Löwe aber aus dem Keller ins Freie kam, schwankte er hin und her und war ein wenig trunken, und der Mundschenk musste ihm den Wein bis vor die Tür tragen. Da nahm der Löwe den Henkelkorb ins Maul und brachte ihn seinem Herrn. Sprach der Jäger: „Sieht Er, Herr Wirt, da hab‘ ich Brot, Fleisch, Zugemüs, Zuckerwerk und Wein, wie es der König hat, nun will ich mit meinen Tieren Mahlzeit halten“, und setzte sich hin, aß und trank und gab dem Hasen, dem Fuchs, dem Wolf, dem Bären und dem Löwen auch davon zu essen und zu trinken und war guter Dinge, denn er sah, dass ihn die Königstochter noch lieb hatte. Und, als er Mahlzeit gehalten hatte, sprach er: „Herr Wirt, nun habe ich gegessen und getrunken, wie der König isst und trinkt, jetzt will ich an des Königs Hof gehen und die Königstochter heiraten.“ Fragte der Wirt: „Wie soll das zugehen, da sie schon einen Bräutigam hat und heute Vermählung gefeiert wird?“ Da zog der Jäger das Taschentuch heraus, das ihm die Königstochter auf dem Drachenberg gegeben hatte und worin die sieben Zungen des Untiers eingewickelt waren, und sprach: „Dazu soll mir helfen, was ich da in der Hand halte.“ Da sah der Wirt das Tuch an und sprach: „Wenn ich alles glaube, so glaube ich das nicht und will wohl Haus und Hof dransetzen.“ Der Jäger aber nahm einen Beutel mit tausend Goldstücken‘ stellt ihn auf den Tisch und sagte: „Das setze ich dagegen.“

Nun sprach der König an der königlichen Tafel zu seiner Tochter:“ Was haben die wilden Tiere alle gewollt, die zu dir gekommen und in meinem Schlosse ein- und ausgegangen sind?“ Da antwortete sie: „Ich darf’s nicht sagen, aber schickt hin und lasst den Herrn dieser Tiere holen, so werdet Ihr wohl tun.“ Der König schickte einen Diener ins Wirtshaus und ließ den fremden Mann einladen, und der Diener kam gerade, wie der Jäger mit dem Wirt gewettet hatte. Da sprach der Jäger: „Sieht Er, Herr Wirt, da schickt der König einen Diener und lässt mich einladen, aber ich gehe so noch nicht:“ Und zu dem Diener sagte er: „Ich lasse den Herrn König bitten, dass er mir königliche Kleider schickt, einen Wagen mit sechs Pferden und Diener, die mir aufwarten.“ Als der König die Antwort hörte, sprach er zu seiner Tochter: „Was soll ich tun?“ Sagte sie: „Lass ihn holen, wie er’s verlangt, so werdet Ihr wohl tun.“ Da schickte der König königliche Kleider, einen Wagen mit sechs Pferden und Diener, die ihm aufwarten sollten. Als der Jäger sie kommen sah, sprach er: „Sieht er, Herr Wirt, nun werde ich abgeholt, wie ich es verlangt habe“, und zog die königlichen Kleider an, nahm das Tuch mit den Drachenzungen und fuhr zum König. Als ihn der König kommen sah, sprach er zu seiner Tochter: „Wie soll ich ihn empfangen?“ Antwortete sie: „Geht ihm entgegen, so werdet Ihr wohl tun.“ Da ging ihm der König entgegen und führte ihn hinauf, und seine Tiere folgten ihm nach. Der König wies ihm einen Platz an neben sich und seiner Tochter, der Marschall saß auf der andern Seite, als Bräutigam, aber der kannte ihn nicht mehr. Nun wurden gerade die sieben Häupter des Drachen zur Schau aufgetragen, und der König sprach: „Die sieben Häupter hat der Marschall dem Drachen abgeschlagen, darum geb‘ ich ihm heute meine Tochter zur Gemahlin.“ Da stand der Jäger auf, öffnete die sieben Rachen und sprach: „Wo sind die sieben Zungen des Drachen?“ Da erschrak der Marschall, ward bleich und wusste nicht was er antworten sollte; endlich sagte er in der Angst: „Drachen haben keine Zungen.“ Sprach der Jäger: „Die Lügner sollten keine haben, aber die Drachenzungen sind das Wahrzeichen des Siegers.“ Und nun wickelte er das Tuch auf, da lagen sie alle sieben darin, und dann steckte er jede Zunge in den Rachen, in den sie gehörte, und sie passten genau. Darauf nahm er das Tuch, in das der Name der Königstochter gestickt war, zeigte es der Jungfrau und fragte sie, wem sie es gegeben hätte. Da antwortete sie: „Dem, der den Drachen getötet hat.“ Und dann rief er sein Getier, nahm jedem das Halsband und dem Löwen das goldene Schloss ab, zeigte es der Jungfrau und fragte, wem es gehörte. Antwortete sie: „Das Halsband und das goldene Schloss waren mein, ich habe es unter die Tiere verteilt, die den Drachen besiegen halfen.“ Da sprach der Jäger: „Als ich müde von dem Kampfe geruht und geschlafen habe, da ist der Marschall gekommen und hat mir den Kopf abgehauen. Dann hat er die Königstochter fortgetragen und vorgegeben, er sei es gewesen, der den Drachen getötet habe; und dass er gelogen hat, beweise ich mit den Zungen, dem Tuch und dem Halsband.“ Und dann erzählte er, wie ihn seine Tiere durch eine wunderbare Wurzel geheilt hätten und dass er ein Jahr lang mit ihnen herumgezogen und endlich wieder hier hergekommen wäre, wo er den Betrug des Marschalls durch die Erzählung des Wirtes erfahren hätte. Da fragte der König seine Tochter: „Ist es wahr, dass dieser den Drachen getötet hat?“ Darauf antwortete sie: „Ja, es ist wahr; jetzt darf ich die Schandtat des Marschalls offenbaren, weil sie ohne mein Zutun an den Tag gekommen ist, denn er hat mir das Versprechen zu schweigen abgezwungen. Darum aber habe ich mir ausgehalten, dass erst in Jahr und Tag die Hochzeit gefeiert werden sollte.“ Da ließ der König zwölf Ratsherren rufen, die über den Marschall Urteil sprechen sollten, und die urteilten, dass er von vier Ochsen zerrissen werden müsste. Also wurde der Marschall gerichtet, der König aber übergab seine Tochter dem Jäger und ernannte ihn zu seinem Statthalter im ganzen Reich. Die Hochzeit wurde mit großen Freuden gefeiert, und der junge König ließ seinen Vater und Pflegevater holen und überhäufte sie mit Schätzen. Den Wirt vergaß er auch nicht. Er ließ ihn kommen und sprach zu ihm: „Sieht Er, Herr Wirt, die Königstochter habe ich geheiratet, und Sein Haus und Hof sind mein.“ Sprach der Wirt: „Ja, das wäre nach dem Rechten.“ Der junge König aber sagte: „Es soll nach Gnaden gehen: Haus und Hof soll Er behalten, und die tausend Goldstücke schenke ich Ihm noch dazu.“

Nun waren der junge König und die junge Königin guter Dinge und lebten vergnügt zusammen. Er zog oft hinaus auf die Jagd, weil das seine Freude war, und die treuen Tiere mussten ihn begleiten. Es lag aber in der Nahe ein Wald, von dem hieß es, er wäre nicht geheuer, und wäre einer erst darin, so käme er nicht leicht wieder heraus. Der junge König hatte aber große Lust, darin zu jagen, und ließ dem alten König keine Ruhe, bis er es ihm erlaubte. Nun ritt er mit großer Begleitung aus, und als er zu dem Walde kam, sah er eine schneeweiße Hirschkuh darin und sprach zu seinen Leuten: „Haltet hier, bis ich zurückkomme, ich will das schöne Wild jagen“, und ritt ihm nach in den Wald hinein, und nur seine Tiere folgten ihm. Die Leute hielten und warteten bis zum Abend, aber er kam nicht wieder. Da ritten sie heim und erzählten der jungen Königin: „Der junge König hat im Zauberwald einer weißen Hirschkuh nachgejagt und ist nicht wiedergekommen.“ Da war sie in großer Besorgnis um ihn. Er war aber dem schönen Wild immer nachgeritten und konnte es niemals einholen; wenn er meinte, es wäre schussrecht, so sah er es gleich wieder in weiter Ferne dahinspringen, und endlich verschwand es ganz. Nun merkte er, dass er tief in den Wald hineingeraten war nahm sein Horn und blies, aber er bekam keine Antwort. denn seine Leute konnten’s nicht hören. Und da auch die Nacht einbrach, sah er, dass er diesen Tag nicht heimkommen könnte, stieg ab, machte sich bei einem Baum ein Feuer und wollte dabei übernachten. Als er bei dem Feuer saß, und, seine Tiere sich auch neben ihn gelegt hatten, deuchte ihn, als hörte er eine menschliche Stimme; er schaute umher, konnte aber nichts bemerken. Bald darauf hörte er wieder ein Ächzen wie von oben her, da blickte er in die Höhe und sah ein altes Weib auf dem Baume sitzen, das jammerte in einem fort: „Hu hu hu, was mich friert!“ Sprach er: „Steig‘ herab und wärme dich. wenn dich friert.“ Sie aber sagte: „Nein, deine Tiere beißen mich.“ Antwortete er: „Sie tun dir nichts, altes Mütterlein, komm‘ nur herunter.“ Sie war aber eine Hexe und sprach: „Ich will dir eine Rute von dem Baume herabwerfen, wenn du sie damit auf den Rücken schlägst, tun sie mir nichts.“ Da warf sie ihm ein Rütlein hinab, und er schlug sie damit, alsbald lagen sie still und waren in Stein verwandelt. Und als die Hexe vor den Tieren sicher war, sprang sie hinunter, rührte auch ihn mit einer Rute an und verwandelte ihn in Stein. Darauf lachte sie und schleppte ihn und die Tiere in einen Graben, wo schon mehr solcher Steine lagen.

Als aber der junge König gar nicht wiederkam, wurde die Angst und Sorge der Königin immer größer. Nun trug sich zu, dass gerade in dieser Zeit der andere Bruder, der bei der Trennung gen Osten gewandert war, in das Königreich kam. Er hatte einen Dienst gesucht und keinen gefunden, war dann herumgezogen hin und her und hatte seine Tiere tanzen lassen. Da fiel ihm ein, er wollte einmal nach dem Messer sehen, das sie bei ihrer Trennung in einen Baumstamm gestoßen hatten, um zu erfahren, wie es seinem Bruder ginge. Wie er dahin kam, war seines Bruders Seite halb verrostet und halb war sie noch blank. Da erschrak er und dachte: „Meinem Bruder muss ein großes Unglück zugestoßen sein, doch kann ich ihn vielleicht noch retten, denn die Hälfte des Messers ist noch blank.“ Er zog mit seinen Tieren gen Westen, und als er in das Stadttor kam, trat ihm die Wache entgegen und fragte, ob sie ihn bei seiner Gemahlin melden sollte; die junge Königin wäre schon seit ein paar Tagen in großer Angst über sein Ausbleiben und fürchtete, er wäre im Zauberwald umgekommen. Die Wache nämlich glaubte nicht anders, als er wäre der junge König selbst, so ähnlich sah er ihm, und hatte auch die wilden Tiere hinter sich laufen. Da merkte er, dass von seinem Bruder die Rede war, und dachte: „Es ist das beste, ich gebe mich für ihn aus, so kann ich ihn wohl leichter erretten.“ Also ließ er sich von der Wache ins Schloss begleiten und wurde mit großen Freuden empfangen. Die junge Königin meinte nicht anders, als es wäre ihr Gemahl, und fragte ihn, warum er so lange ausgeblieben wäre. Er antwortete: „Ich hatte mich in einem Walde verirrt und konnte mich nicht eher wieder herausfinden.,‘ Abends ward er in das königliche Bett gebracht, aber er legte ein zweischneidiges Schwert zwischen sich und die junge Königin. Sie wusste nicht, was das heißen sollte, getraute aber nicht, zu fragen.

Da blieb er nun ein paar Tage und erforschte derweil alles, wie es mit dem Zauberwald beschaffen war; endlich sprach er: „Ich muss noch einmal dort jagen.“ Der König und die junge Königin wollten es ihm ausreden, aber er bestand darauf und zog mit großer Begleitung hinaus. Als er in den Wald gekommen war, erging es ihm wie seinem Bruder. Er sah eine weiße Hirschkuh und sprach zu seinen Leuten: „Bleibt hier und wartet, bis ich wiederkomme, ich will das schöne Wild jagen“, ritt in den Wald hinein, und seine Tiere liefen ihm nach. Aber er konnte die Hirschkuh nicht einholen und geriet so tief in den Wald, dass er darin übernachten musste. Und als er ein Feuer gemacht hatte, hörte er über sich ächzen: „Hu hu hu, wie mich friert!“ Da schaute er hinauf, und es saß dieselbe Hexe oben im Baum. Sprach er: „Wenn dich friert, so komm‘ herab, altes Mütterchen, und wärme dich.“ Antwortete sie: „Nein, deine Tiere beißen mich.“ Er aber sprach: „Sie tun dir nichts.“ Da rief sie: „Ich will dir eine Rute hinabwerfen, wenn du sie damit schlägst, so tun sie mir nichts.“ Wie der Jäger das hörte, traute er der Alten nicht und sprach: „Meine Tiere schlag‘ ich nicht, komm‘ du herunter, oder ich hoI‘ dich.“ Da rief sie: „Was willst du wohl? Du tust mir doch nichts!“ Er aber antwortete: „Kommst du nicht, so schieße ich dich herunter.“ Sprach sie: „Schieß nur zu, vor deinen Kugeln fürchte ich mich nicht.“ Da legte er an und schoss nach ihr, aber die Hexe war fest gegen alle Bleikugeln, lachte, dass es gellte, und rief: „Du sollst mich doch nicht treffen.“ Der Jäger wusste Bescheid, riss sich drei silberne Knöpfe vom Rock und lud sie in die Büchse, denn dagegen war ihre Kunst umsonst, und als er losdrückte, stürzte sie gleich mit Geschrei herab. Da stellte er den Fuß auf sie und sprach: „Alte Hexe, wenn du nicht gleich gestehst, wo mein Bruder ist, so pack‘ ich dich auf mit beiden Händen und werfe dich ins Feuer!“ Sie war in großer Angst, bat um Gnade und sagte: „Er liegt mit seinen Tieren versteinert in einem Graben.“ Da zwang er sie, mit hinzugehen, drohte ihr und sprach: „Alte Meerkatze, jetzt machst du meinen Bruder und alle Geschöpfe, die hier liegen, lebendig, oder du kommst ins Feuer!“ Sie nahm eine Rute und rührte die Steine an, da wurde sein Bruder mit den Tieren wieder lebendig, und viele andere, Kaufleute, Handwerker, Hirten, standen auf, dankten für ihre Befreiung und zogen heim. Die Zwillingsbrüder aber, als sie sich wiedersahen, küssten sich und freuten sich von Herzen Dann ergriffen sie die Hexe, banden sie und legten sie ins Feuer, und als sie verbrannt war, tat sich der Wald von selbst auf und war licht und hell, und man konnte das königliche Schloss auf drei Stunden Wegs sehen.

Nun gingen die zwei Brüder zusammen nach Hause und erzählten einander unterwegs ihre Schicksale. Und als der jüngere sagte, er wäre an des Königs Statt Herr im ganzen Lande, sprach der andere: „Das hab‘ ich wohl gemerkt, denn als ich in die Stadt kam und für dich angesehen wurde, geschah mir alle königliche Ehre: die junge Königin hielt mich für ihren Gemahl, ich musste an ihrer Seite sitzen und in deinem Bett schlafen.“ Wie das der andere hörte, ward er so eifersüchtig und zornig, dass er sein Schwert zog und seinem Bruder den Kopf abschlug. Als dieser aber tot dalag und er sein rotes Blut fließen sah, reute es ihn gewaltig: „Mein Bruder hat mich erlöst“, rief er aus, „und ich habe ihn dafür getötet!“ und jammerte laut. Da kam sein Hase und erbot sich, von der Lebenswurzel zu holen, sprang fort und brachte sie noch zu rechter Zeit. Und der Tote ward wieder ins Leben gebracht und merkte gar nichts von der Wunde.

Darauf zogen sie weiter, und der jüngere sprach: „Du siehst aus wie ich, hast königliche Kleider an wie ich, und die Tiere folgen dir nach wie mir, da wollen wir zu den entgegengesetzten Toren eingehen und von zwei Seiten zugleich beim alten König anlangen.“ Also trennten sie sich, und bei dem alten König kam zu gleicher Zeit die Wache von dem einen und dem andern Tore und meldete, der junge König mit den Tieren wäre von der Jagd angelangt. Sprach der König: „Es ist nicht möglich, die Tore liegen eine Stunde weit auseinander.“ Indem aber kamen von zwei Seiten die beiden Brüder in den Schlosshof herein

und stiegen beide herauf. Da sprach der König zu seiner Tochter: „Sag‘ an, welcher ist dein Gemahl? Es sieht einer aus wie der andere, ich kann’s nicht wissen.“ Sie war da in großer Angst und konnte es nicht sagen, endlich fiel ihr das Halsband ein, das sie den Tieren gegeben hatte, suchte und fand an dem einen Löwen ihr goldenes Schlösschen. Da rief sie vergnügt:“ Der, dem dieser Löwe nachfolgt, der ist mein rechter Gemahl!“ Da lachte der junge König und sagte: „Ja, das ist der rechte“, und sie setzten sich zusammen zu Tisch, aßen und tranken und waren fröhlich. Abends, als der junge König zu Bett ging, sprach seine Frau: „Warum hast du die vorigen Nächte immer ein zweischneidiges Schwert in unser Bett gelegt, ich habe geglaubt, du wolltest mich totschlagen.“ Da erkannte er, wie treu sein Bruder gewesen war.

Der Räuberbräutigam

Gebr. Grimm


Es war einmal ein Müller, der hatte eine schöne Tochter, und als sie herangewachsen war, so wünschte er sie wäre versorgt und gut verheiratet: er dachte „kommt ein ordentlicher Freier und hält um sie an, so will ich sie ihm geben.“ Nicht lange so kam ein Freier, der schien sehr reich zu sein, und da der Müller nichts an ihm auszusetzen wusste, so versprach er ihm seine Tochter. Das Mädchen aber hatte ihn nicht so recht lieb, wie eine Braut ihren Bräutigam lieb haben soll, und hatte kein Vertrauen zu ihm: so oft sie ihn ansah oder an ihn dachte, fühlte sie ein Grauen in ihrem Herzen. Einmal sprach er zu ihr „du bist meine Braut und besuchst mich nicht einmal.“ Das Mädchen antwortete „ich weiß nicht wo euer Haus ist.“ Da sprach der Bräutigam „mein Haus ist draußen im dunkeln Wald.“ Es suchte Ausreden und meinte es könnte den Weg dahin nicht finden. Der Bräutigam sagte „künftigen Sonntag muss du hinaus zu mir kommen, ich habe die Gäste schon eingeladen, und damit du den Weg durch den Wald findest, so will ich dir Asche streuen.“ Als der Sonntag kam und das Mädchen sich auf den Weg machen sollte, ward ihm so Angst, es wusste selbst nicht recht warum, und damit es den Weg bezeichnen könnte, steckte es sich beide Taschen voll Erbsen und Linsen. An dem Eingang des Waldes war Asche gestreut, der ging es nach, warf aber bei jedem Schritt rechts und links ein paar Erbsen auf die Erde. Es ging fast den ganzen Tag bis es mitten in den Wald kam, wo er am dunkelsten war, da stand ein einsames Haus, das gefiel ihm nicht, denn es sah so finster und unheimlich aus. Es trat hinein, aber es war niemand darin und herrschte die größte Stille. Plötzlich rief eine Stimme

„kehr um, kehr um, du junge Braut,
 du bist in einem Mörderhaus.“

Das Mädchen blickte auf und sah dass die Stimme von einem Vogel kam, der da in einem Bauer an der Wand hing. Nochmals rief er

„kehr um, kehr um, du junge Braut,
 du bist in einem Mörderhaus.“

Da ging die schöne Braut weiter aus einer Stube in die andere und ging durch das ganze Haus, aber es war alles leer und keine Menschenseele zu finden. Endlich kam sie auch in den Keller, da saß eine steinalte Frau, die wackelte mit dem Kopfe. „Könnt ihr mir nicht sagen, „ sprach das Mädchen, „ob mein Bräutigam hier wohnt?“ „Ach, du armes Kind,“ antwortete die Alte, „wo bist du hingeraten! du bist in einer Mördergrube. Du meinst du wärst eine Braut, die bald Hochzeit macht, aber du wirst die Hochzeit mit dem Tode halten. Siehst du, da hab ich einen großen Kessel mit Wasser aufsetzen müssen, wenn sie dich in ihrer Gewalt haben, so zerhacken sie dich ohne Barmherzigkeit, kochen dich und essen dich, denn es sind Menschenfresser. Wenn ich nicht Mitleiden mit dir habe und dich rette, so bist du verloren.“

Darauf führte es die Alte hinter ein großes Fass, wo man es nicht sehen konnte. „Sei wie ein Mäuschen still“, sagte sie, „rege dich nicht und bewege dich nicht, sonst ist‘s um dich geschehen. Nachts wenn die Räuber schlafen, wollen wir entfliehen, ich habe schon lange auf eine Gelegenheit gewartet.“ Kaum war das geschehen, so kam die gottlose Rotte nach Haus. Sie brachten eine andere Jungfrau mitgeschleppt, waren trunken und hörten nicht auf ihr Schreien und Jammern. Sie gaben ihr Wein zu trinken, drei Gläser voll, ein Glas weißen, ein Glas roten, und ein Glas gelben, davon zersprang ihr das Herz. Darauf rissen sie ihr die feinen Kleider ab, legten sie auf einen Tisch, zerhackten ihren schönen Leib in Stücke und streuten Salz darüber. Die arme Braut hinter dem Fass zitterte und bebte, denn sie sah wohl was für ein Schicksal ihr die Räuber zugedacht hatten. Einer von ihnen bemerkte an dem kleinen Finger der Gemordeten einen goldenen Ring, und als er sich nicht gleich abziehen ließ, so nahm er ein Beil und hackte den Finger ab: aber der Finger sprang in die Höhe über das Fass hinweg und fiel der Braut gerade in den Schoß. Der Räuber nahm ein Licht und wollte ihn suchen, konnte ihn aber nicht finden. Da sprach ein anderer „hast du auch schon hinter dem großen Fasse gesucht?“ Aber die Alte rief, „kommt und esst, und lässt das Suchen bis Morgen: der Finger läuft euch nicht fort.“

Da sprachen die Räuber „die Alte hat Recht,“ ließen vom Suchen ab, setzten sich zum Essen, und die Alte tröpfelte ihnen einen Schlaftrunk in den Wein, dass sie sich bald in den Keller hinlegten, schliefen und schnarchten. Als die Braut das hörte, kam sie hinter dem Fass hervor, und musste über die Schlafenden wegschreiten, die da reihenweise auf der Erde lagen, und hatte große Angst sie möchte einen aufwecken. Aber Gott half ihr dass sie glücklich durchkam, die Alte stieg mit ihr hinauf, öffnete die Türe, und sie eilten so schnell sie konnten aus der Mördergrube fort. Die gestreute Asche hatte der Wind weggeweht, aber die Erbsen und Linsen hatten gekeimt und waren aufgegangen, und zeigten im Mondschein den Weg. Sie gingen die ganze Nacht bis sie morgens in der Mühle ankamen. Da erzählte das Mädchen seinem Vater alles wie es sich zugetragen hatte. Als der Tag kam wo die Hochzeit sollte gehalten werden, erschien der Bräutigam, der Müller aber hatte alle seine Verwandte und Bekannte einladen lassen. Wie sie bei Tische saßen, ward einem jeden aufgegeben etwas zu erzählen. Die Braut saß still und redete nichts. Da sprach der Bräutigam zur Braut „nun, mein Herz, weißt du nichts? erzähl uns auch etwas.“ Sie antwortete „so will ich einen Traum erzählen. Ich ging allein durch einen Wald und kam endlich zu einem Haus, da war keine Menschenseele darin, aber an der Wand war ein Vogel in einem Bauer, der rief

„kehr um, kehr um, du junge Braut,
 du bist in einem Mörderhaus.“

Und rief es noch einmal. Mein Schatz, das träumte mir nur. Da ging ich durch alle Stuben, und alle waren leer, und es war so unheimlich darin; ich stieg endlich hinab in den Keller, da saß eine steinalte Frau darin, die wackelte mit dem Kopfe. Ich fragte sie „wohnt mein Bräutigam in diesem Haus?“ Sie antwortete „ach, du armes Kind, du bist in eine Mördergrube geraten, dein Bräutigam wohnt hier, aber er will dich zerhacken und töten, und will dich dann kochen und essen.“ Mein Schatz, das träumte mir nur. Aber die alte Frau versteckte mich hinter ein großes Fass, und kaum war ich da verborgen, so kamen die Räuber heim und schleppten eine Jungfrau mit sich, der gaben sie dreierlei Wein zu trinken, weißen, roten und gelben, davon zersprang ihr das Herz. Mein Schatz, das träumte mir nur. Darauf zogen sie ihr die feinen Kleider ab, zerhackten ihren schönen Leib auf einem Tisch in Stücke und bestreuten ihn mit Salz. Mein Schatz, das träumte mir nur. Und einer von den Räubern sah dass an dem Goldfinger noch ein Ring steckte, und weil er schwer abzuziehen war, so nahm er ein Beil und hieb ihn ab, aber der Finger sprang in die Höhe und sprang hinter das große Fass und fiel mir in den Schoß. Und da ist der Finger mit dem Ring.“ Bei diesen Worten zog sie ihn hervor und zeigte ihn den Anwesenden. Der Räuber, der bei der Erzählung ganz kreideweiß geworden war, sprang auf und wollte entfliehen, aber die Gäste hielten ihn fest und überlieferten ihn den Gerichten. Da ward‘ er und seine ganze Bande für ihre Schandtaten gerichtet.

Das tapfere Schneiderlein

Gebr. Grimm

An einem Sommermorgen saß ein Schneiderlein auf seinem Tische am Fenster, war guter Dinge und nähte aus Leibeskräften. Da kam eine Bauersfrau die Straße herab und rief: „Gut Mus feil! Gut Mus feil!“ Das klang dem Schneiderlein lieblich in die Ohren; er steckte sein zartes Haupt zum Fenster hinaus und rief: „Hier herauf, liebe Frau, hier wird sie ihre Ware los!“ Die Frau stieg die drei Treppen mit ihrem schweren Korbe zu dem Schneider herauf und musste die Töpfe sämtlich vor ihm auspacken. Er besah sie alle, hob sie in die Höhe, hielt die Nase daran und sagte endlich: „Das Mus scheint mir gut, wieg‘ sie mir doch vier Lot ab, liebe Frau, wenn’s auch ein Viertelpfund ist, kommt es mir nicht darauf an.“ Die Frau, die gehofft hatte, einen guten Absatz zu finden, gab ihm, was er verlangte. ging aber ganz ärgerlich und brummig fort. „Nun, das Mus soll mir Gott gesegnen“, rief das Schneiderlein, „und soll mir Kraft und Stärke geben!“ holte das Brot aus dem Schrank, schnitt sich ein Stück über den, ganzen Laib und strich das Mus darüber. „Das wird nicht bitter schmecken“, sprach er, „aber erst will ich das Wams fertig machen, eh‘ ich anbeiße.“ Er legte das Brot neben sich, nähte weiter und machte vor Freude immer größere Stiche. Indes stieg der Geruch von dem süßen Mus hinauf an die Wand, wo die Fliegen in großer Menge saßen, so dass sie herangelockt wurden und sich scharenweise darauf niederließen. „Ei, wer hat euch eingeladen?“ sprach das Schneiderlein und jagte die ungebetenen Gäste fort. Die Fliegen aber, die kein Deutsch verstanden, ließen sich nicht abweisen, sondern kamen in immer größerer Gesellschaft wieder. Da lief dem Schneiderlein endlich, wie man sagt, die Laus über die Leber, es langte nach einem Tuchlappen, und – „Wart‘, ich will es euch geben!“ – schlug es unbarmherzig drauf. Als es den Lappen abzog und zählte, so lagen nicht weniger als sieben vor ihm tot und streckten die Beine. „Bist du so ein Kerl?“ sprach er und musste selbst seine Tapferkeit bewundern; „das soll die ganze Stadt erfahren!“ Und in der Hast schnitt sich das Schneiderlein einen Gürtel, nähte ihn und stickte mit großen Buchstaben darauf: Siebene auf einen Streich! „Ei was Stadt!“ sprach er weiter, „die ganze Welt soll’s erfahren!“ und sein Herz wackelte ihm vor Freude wie ein Lämmerschwänzchen.

Der Schneider band sich den Gürtel um den Leib und wollte in die Welt hinaus, weil er meinte, die Werkstätte sei zu klein für seine Tapferkeit. Eh‘ er abzog, suchte er im Haus herum, ob nichts da wäre, was er mitnehmen könnte; er fand aber nichts als einen alten Käse, den steckte er ein. Vor dem Tore bemerkte er einen Vogel, der sich im Gesträuch gefangen hatte, der musste zu dem Käse in die Tasche. Nun nahm er den Weg tapfer zwischen die Beine, und weil er leicht und behend war, fühlte er keine Müdigkeit. Der Weg führte ihn auf einen Berg, und als er den höchsten Gipfel erreicht hatte, so saß da ein gewaltiger Riese und schaute sich ganz gemütlich um. Das Schneiderlein ging beherzt auf ihn zu, redete ihn an und sprach: „Guten Tag, Kamerad! Gelt, du sitzest da und besiehst dir die weitläufige Welt? Ich bin eben auf dem Wege dahin und will mich versuchen. Hast du Lust mitzugehen?“ Der Riese sah den Schneider verächtlich an und sprach: „Du Lump! Du miserabler Kerl!“ – „Das wäre!“ antwortete das Schneiderlein, knöpfte den Rock auf und zeigte dem Riesen den Gürtel; „da kannst du lesen, was ich für ein Mann bin.“ Der Riese las: „Siebene auf einen Streich!“ meinte, das wären Menschen gewesen, die der Schneider erschlagen hätte, und kriegte ein wenig Respekt vor dem kleinen Kerl. Doch wollte er ihn erst prüfen, nahm einen Stein in die Hand und drückte ihn zusammen, dass das Wasser heraustropfte. „Das mach‘ mir nach“, sprach der Riese, „wenn du Stärke hast.“ -„Ist’s weiter nichts?“ sagte das Schneiderlein, „das ist bei unsereinem Spielwerk“, griff in die Tasche, holte den weichen Käse und drückte ihn, dass der Saft herauslief. „Gelt“, sprach er, „das war ein wenig besser?“ Der Riese wusste nicht, was er sagen sollte, und konnte es von dem Männlein nicht glauben. Da hob der Riese einen Stein auf und warf ihn so hoch, dass man ihn mit den Augen kaum noch sehen konnte: „Nun, du Erpelmännchen, das tu mir nach!“ -„Gut geworfen“, sagte der Schneider, „aber der Stein hat doch wieder zur Erde herabfallen müssen, ich will dir einen werfen, der soll gar nicht wiederkommen“, griff in die Tasche, nahm den Vogel und warf ihn in die Luft. Der Vogel, froh über seine Freiheit, stieg auf, flog fort und kam nicht wieder. -„Werfen kannst du wohl“, sagte der Riese, „aber nun wollen wir sehen, ob du imstande bist, etwas Ordentliches zu tragen.‘ Er führte das Schneiderlein zu einem mächtigen Eichbaum, der da gefällt auf dem Boden lag, und sagte: „Wenn du stark genug bist, so hilf mir den Baum aus dem Walde hinaustragen.“ – ,Gern“, antwortete der kleine N4ann; „nimm du nur den Stamm auf deine Schulter, ich will die Äste mit dem Gezweig aufheben und tragen, das ist doch das schwerste.“ Der Riese nahm den Stamm auf die Schulter, der Schneider aber setzte sich auf einen Ast, und der Riese, der sich nicht umsehen konnte, musste den ganzen Baum und das Schneiderlein noch obendrein forttragen. Es war dahinten ganz lustig und guter Dinge, pfiff das Liedchen: „Es ritten drei Schneider zum Tore hinaus“, als wäre das Baumtragen ein Kinderspiel. Der Riese, nachdem er ein Stück Wegs die schwere Last fortgeschleppt hatte, konnte nicht weiter und rief: „Hör‘, ich muss den Baum fallen lassen!“ Der Schneider sprang behendiglich herab, fasste den Baum mit beiden Armen, als wenn er ihn getragen hätte, und sprach zum Riesen: „Du bist ein so großer Kerl und kannst den Baum nicht einmal tragen.“

Sie gingen zusammen weiter, und als sie an einem Kirschbaum vorbeikamen, fasste der Riese die Krone des Baumes, wo die zeitigsten Früchte hingen. bog se herab, gab sie dem Schneider in die Hand und hieß ihn essen. Das Schneiderlein aber war viel zu schwach, um den Baum zu halten, und als der Riese losließ, fuhr der Baum in die Höhe, und der Schneider ward mit in die Luft geschnellt. Als er wieder ohne Schaden herabgefallen war, sprach der Riese: „Was ist das, hast du nicht Kraft, die schwache Gerte zu halten?“ – „An Kraft fehlt es nicht“, antwortete das Schneiderlein; „meinst du, das wäre etwas für einen, der siebene mit einem Streich getroffen hat? Ich bin über den Baum gesprungen, weil die Jäger da unten in das Gebüsch schießen. Spring‘ nach, wenn du’s vermagst!“ Der Riese machte den Versuch, konnte aber nicht über den Baum kommen, sondern blieb in den Ästen hängen, also dass das Schneiderlein auch hier die Oberhand behielt. Der Riese sprach: „Wenn du ein tapferer Kerl bist, so komm‘ mit in unsere Höhle und übernachte bei uns.“ Das Schneiderlein war bereit und folgte ihm. Als sie in der Höhle anlangten, saßen da noch andere Riesen beim Feuer, und jeder hatte ein gebratenes Schaf in der Hand und aß davon. Das Schneiderlein sah sich um und dachte: „Es ist doch hier viel weitläufiger als in meiner Werkstatt.“ Der Riese wies ihm ein Bett an und sagte, er solle sich hineinlegen und ausschlafen. Dem Schneiderlein war aber das Bett zu groß, es legte sich nicht hinein, sondern kroch in eine Ecke. Als es Mitternacht war und der Riese meinte, das Schneiderlein läge in tiefem Schlafe, stand er auf, nahm eine große Eisenstange und schlug das Bett mit einem Schlag durch und meinte, er hätte dem Grashüpfer den Garaus gemacht. Mit dem frühesten Morgen gingen die Riesen in den Wald und hatten das Schneiderlein ganz vergessen, da kam es auf einmal ganz lustig und verwegen dahergeschritten. Die Riesen erschraken, fürchteten, es schlüge sie alle tot, und liefen fort.

Das Schneiderlein zog weiter, immer seiner spitzen Nase nach. Nachdem es lange gewandert war, kam es in den Hof eines königlichen Palastes, und da es Müdigkeit empfand, legte es sich ins Gras und schlief ein. Während es so dalag, kamen die Leute, betrachteten es von allen Seiten und lasen auf dem Gürtel: „Siebene auf einen Streich!“ – „Ach“, sprachen sie, „was will der große Kriegsheld hier mitten im Frieden? Das muss ein mächtiger Herr sein.“ Sie gingen und meldeten es dem König und meinten, wenn Krieg ausbrechen sollte, wäre das ein wichtiger und nützlicher Mann, den man um keinen Preis fortlassen dürfte. Dem König gefiel der Rat, und er schickte einen von seinen Hofleuten an das Schneiderlein ab, der sollte ihm, wenn es aufgewacht wäre, Kriegsdienste anbieten. Der Abgesandte blieb bei dem Schläfer stehen, wartete, bis er seine Glieder streckte und die Augen aufschlug, und brachte dann seinen Antrag vor. „Eben deshalb bin ich hierher gekommen“, antwortete er; „ich bin bereit, in des Königs Dienste zu treten.“ Also ward er ehrenvoll empfangen und ihm eine besondere Wohnung angewiesen.

Die Kriegsleute aber waren dem Schneiderlein aufgesessen und wünschten, es wäre tausend Meilen weit weg.“ Was soll daraus werden?“ sprachen sie untereinander; „wenn wir Zank mit ihm kriegen und er haut zu, so fallen auf jeden Streich siebene. Da kann unsereiner nicht bestehen.“ Also fassten sie einen Entschluss, begaben sich allesamt zum König und baten um ihren Abschied. „Wir sind nicht gemacht“, sprachen sie, „neben einem Manne auszuhalten, der siebene auf einen Streich schlägt.“ Der König war traurig, dass er um des einen willen alle seine treuen Diener verlieren sollte, wünschte, dass seine Augen ihn nie gesehen hätten, und wäre ihn gern wieder los gewesen. Aber er getraute sich nicht, ihm den Abschied zu geben, weil er fürchtete, er möchte ihn samt seinem Volke totschlagen und sich auf den königlichen Thron setzen. Er sann lange hin und her, endlich fand er einen Rat. Er schickte zu dem Schneiderlein und ließ ihm sagen, weil er ein so großer Kriegsheld wäre, so wollte er ihm ein Anerbieten machen. In einem Walde seines Landes hausten zwei Riesen, die mit Rauben, Morden, Sengen und Brennen großen Schaden stifteten; niemand dürfte sich ihnen nahen, ohne sich in Lebensgefahr zu setzen. Wenn er diese beiden Riesen überwände und tötete, so wollte er ihm seine einzige Tochter zur Gemahlin geben und das halbe Königreich zur Ehesteuer; auch sollten hundert Reiter mitziehen und ihm Beistand leisten. „Das wäre so etwas für einen Mann, wie du bist“, dachte das Schneiderlein; „eine schöne Königstochter und ein halbes Königreich werden einem nicht alle Tage angeboten.“ – „0 ja“, gab er zur Antwort, „die Riesen will ich schon bändigen und habe die hundert Reiter dabei nicht nötig: wer siebene auf einen Streich trifft, braucht sich vor zweien nicht zu fürchten.“

Das Schneiderlein zog aus, und die hundert Reiter folgten ihm. Als er zu dem Rande des Waldes kam, sprach er zu seinen Begleitern…, Bleibt hier nur halten, ich will schon allein mit den Riesen fertig werden.“ Dann sprang er in den Wald hinein und schaute sich rechts und links um. Über ein Weilchen erblickte er beide Riesen; sie lagen unter einem Baume und schliefen und schnarchten dabei, dass sich die Äste auf und nieder bogen. Das Schneiderlein, nicht faul, las beide Taschen voll Steine und stieg damit auf den Baum. Als es in der Mitte war, rutschte es auf einen Ast, bis es gerade über die Schläfer zu sitzen kam, und ließ dem einen Riesen einen Stein nach dem andern auf die Brust fallen. Der Riese spürte lange nichts, doch endlich wachte er auf, stieß seinen Gesellen an und sprach: „Was schlägst du mich?“ – „Du träumst“, sagte der andere, „ich schlage dich nicht.“ Sie legten sich wieder zum Schlaf; da warf der Schneider auf den zweiten einen Stein herab. „Was soll das?“ rief der andere, „warum wirfst du mich?“ – „Ich werfe dich nicht“, antwortete der erste und brummte. Sie zankten sich eine Weile herum, doch weil sie müde waren, ließen sie’s gut sein, und die Augen fielen ihnen wieder zu. Das Schneiderlein fing sein Spiel von neuem an, suchte den dicksten Stein aus und warf ihn dem ersten Riesen mit aller Kraft auf die Brust. „Das ist zu arg!“ schrie er, sprang wie ein Unsinniger auf und stieß seinen Gesellen gegen den Baum, dass dieser zitterte. Der andere zahlte mit gleicher Münze, und sie gerieten in solche Wut, dass sie Bäume ausrissen und so lange aufeinander losschlugen, bis sie endlich beide zugleich tot auf die Erde fielen. Nun sprang das Schneiderlein herab. „Ein Glück nur“, sprach es, „dass sie den Baum, auf dem ich saß, nicht ausgerissen haben, sonst hätte ich wie ein Eichhörnchen auf einen andern springen müssen; doch unsereiner ist behende!“ Es zog sein Schwert und versetzte jedem ein paar tüchtige Hiebe in die Brust, dann ging es hinaus zu den Reitern und sprach: „Die Arbeit ist getan, ich habe beiden den Garaus gemacht; aber hart ist es hergegangen, sie haben in der Not Bäume ausgerissen und sich gewehrt, doch das hilft alles nichts, wenn einer kommt wie ich, der siebene auf einen Streich schlägt.“ – „Seid Ihr denn nicht verwundet?“ fragten die Reiter. – „Das hat gute Wege“, antwortete der Schneider; „kein Haar haben sie mir gekrümmt.“ Die Reiter wollten ihm keinen Glauben beimessen und ritten in den Wald hinein; da fanden sie die Riesen in ihrem Blute schwimmend, und ringsherum lagen die ausgerissenen Bäume.

Das Schneiderlein verlangte von dem König die versprochene Belohnung; den aber reute sein Versprechen, und er sann aufs Neue, wie er sich den Helden vom Halse schaffen könnte. „Ehe du meine Tochter und das halbe Reich erhältst“, sprach er zu ihm, „musst du noch eine Heldentat vollbringen. In dem Walde läuft ein Einhorn, das großen Schaden anrichtet, das musst du erst einfangen.“ Das Schneiderlein antwortete: „Vor einem Einhome fürchte ich mich noch weniger als vor zwei Riesen; siebene auf einen Streich, das ist meine Sache!“ Er nahm sich einen Strick und eine Axt mit, ging hinaus in den Wald und hieß abermals die, die ihm zugeordnet waren, außen warten. Er brauchte nicht lange zu suchen, das Einhorn kam bald daher und sprang geradezu auf den Schneider los, als wollte es ihn ohne Umstände aufspießen. „Sachte, sachte“, sprach er, „so geschwind geht das nicht!“ blieb stehen und wartete, bis das Tier ganz nahe war, dann sprang er behendiglich hinter den Baum. Das Einhorn rannte mit aller Kraft gegen den Baum und spießte sein Horn so fest in den Stamm, dass es nicht Kraft genug hatte, es wieder herauszuziehen, und so war es gefangen. „Jetzt hab‘ ich das Vöglein“ sagte der Schneider, kam hinter dem Baume hervor, legte erst dem Einhorn den Strick um den Hals, dann hieb er mit der Axt das Horn aus dem Baume, und als alles in Ordnung war, führte er das Tier ab und brachte es dem König.

Der König wollte ihm den verheißenen Lohn noch nicht gewähren und machte eine dritte Forderung. Der Schneider sollte ihm vor der Hochzeit erst ein Wildschwein fangen, das in dem Walde großen Schaden tat; die Jäger sollten ihm Beistand leisten. „Gern“, sprach der Schneider, „das ist ein Kinderspiel!“ Die Jäger nahm er nicht mit in den Wald, und sie waren’s wohl zufrieden, denn das Wildschwein hatte sie schon mehrmals so empfangen, dass sie keine Lust hatten, ihm nachzustellen. Als das Schwein den Schneider erblickte, lief es mit schäumendem Munde und wetzenden Zähnen auf ihn zu und wollte ihn zur Erde werfen; der flüchtige Held aber sprang in eine Kapelle, die in der Nähe war, und gleich oben zum Fenster in einem Satze wieder hinaus. Das Schwein war hinter ihm hergelaufen, er aber hüpfte außen herum und schlug die Tür hinter ihm zu; da war das wütende Tier gefangen, das viel zu schwer und unbeholfen war, um zu dem Fenster hinauszuspringen. Das Schneiderlein rief die Jäger herbei, die mussten den Gefangenen mit eigenen Augen sehen; Der Held aber begab sich zum Könige, der nun, er mochte wollen oder nicht, sein Versprechen halten musste und ihm seine Tochter und das halbe Königreich übergab. Hätte er gewusst, dass kein Kriegsheld, sondern ein Schneiderlein vor ihm stand, es wäre ihm noch mehr zu Herzen gegangen. Die Hochzeit ward also mit großer Pracht und kleiner Freude gehalten und aus einem Schneider ein König gemacht.

Nach einiger Zeit hörte die junge Königin in der Nacht, wie ihr Gemahl im Traume sprach: „Junge, mach‘ mir das Wams und flick‘ mir die Hosen, oder ich will dir die Eile über die Ohren schlagen!“ Da merkte sie, in welcher Gasse der junge Herr geboren war, klagte am andern Morgen ihrem Vater ihr Leid und bat, er möchte ihr von dem Manne helfen, der nichts anderes als ein Schneider wäre. Der König sprach ihr Trost zu und sagte: „Lass‘ in der nächsten Nacht deine Schlafkammer offen, meine Diener sollen außen stehen und, wenn er eingeschlafen ist, hineingehen, ihn binden und auf ein Schiff tragen, das ihn in die weite Welt führt.“ Die Frau war damit zufrieden, des Königs Waffenträger aber, der alles mitangehört hatte, war dem jungen Herrn gewogen und hinterbrachte ihm den ganzen Anschlag. „Dem Ding will ich einen Riegel vorschieben“, sagte das Schneiderlein. Abends legte es sich zu gewöhnlicher Zeit zu Bett; als seine Frau glaubte, er sei eingeschlafen, stand sie auf, öffnete die Tür und legte sich wieder. Das Schneiderlein, das sich nur stellte, als wenn es schliefe, fing an mit heller Stimme zu rufen: „Junge, mach‘ das Wams und flick‘ mir die Hosen, oder ich will dir die Elle über die Ohren schlagen! Ich habe siebene mit einem Streich getroffen, zwei Riesen getötet, ein Einhorn fortgeführt und ein Wildschwein gefangen und sollte mich vor denen fürchten, die draußen vor der Kammer stehen?“ Als diese den Schneider also sprechen hörten, überkam sie eine große Furcht, sie liefen, als wenn das wilde Heer hinter ihnen wäre, und keiner wollte sich mehr an ihn wagen. Also war und blieb das Schneiderlein sein Lebtag ein König.

König Drosselbart

Gebr. Grimm

Ein König hatte eine Tochter, die war über alle Maßen schön, aber dabei so stolz und übermütig, dass ihr kein Freier gut genug war. Sie wies einen nach dem andern ab und trieb noch dazu Spott mit ihnen. Einmal ließ der König ein großes Fest anstellen und lud dazu aus der Nähe und Ferne die heiranlustigen Männer ein. Sie wurden alle in eine Reihe nach Rang und Stand geordnet: erst kamen die Könige, dann die Herzöge, die Fürsten, Grafen und Freiherren, zuletzt die Edelleute. Nun wurde die Königstochter durch die Reihen geführt, aber an jedem hatte sie etwas auszusetzen. Der eine war ihr zu dick: „Das Weinfass!“ sprach sie. Der andere zu lang: „Lang und schwank hat keinen Gang!“ Der dritte zu kurz: „Kurz und dick hat kein Geschick!“ Der vierte zu blass: „Der bleiche Tod!“ Der fünfte zu rot: „Der Zinshahn!“ Der sechste war nicht gerade genug: „Grünes Holz, hinterm Ofen getrocknet!“ Und so hatte sie an einem jeden etwas auszusetzen, besonders aber machte sie sich über einen guten König lustig, der ganz oben stand und dem das Kinn ein wenig krumm gewachsen war. „Ei“, rief sie und lachte, „der hat ein Kinn wie die Drossel einen Schnabel!“ und seit der Zeit bekam er den Namen D r o s s e l b a r t – Der alte König aber, als er sah, dass seine Tochter nichts tat als über die Leute spotten, und alle Freier, die da versammelt waren, verschmähte, ward er zornig und schwur, sie sollte den ersten besten Bettler zum Manne nehmen, der vor seine Türe käme.

Ein paar Tage darauf hob ein Spielmann an, unter dem Fenster zu singen, um damit ein geringes Almosen zu verdienen. Als es der König hörte, sprach er: „Lasst ihn heraufkommen!“ Da trat der Spielmann in seinen schmutzigen, zerlumpten Kleidern herein, sang vor dem König und seiner Tochter und bat, als er fertig war, um eine milde Gabe. Der König sprach: „Dein Gesang hat mir so wohl gefallen, dass ich dir meine Tochter da zur Frau geben will.“ Die Königstochter erschrak, aber der König sagte: „Ich habe den Eid getan, dich dem ersten besten Bettelmann zu geben; den will ich auch halten.“ Es half keine Einrede, der Pfarrer wurde geholt, und sie musste sich gleich mit dem Spielmann trauen lassen. Als das geschehen war, sprach der König: „Nun schickt sich’s nicht, dass du als ein Bettelweib noch länger in meinem Schlosse bleibst, du kannst nun mit deinem Manne fortziehen.“ Der Bettelmann führte sie an der Hand hinaus, und sie musste mit ihm zu Fuß fortgehen. Als sie in einen großen Wald kamen, da fragte sie:

„Ach, wem gehört der schöne Wald?“ –

„Der gehört dem König Drosselbart;

Hätt’st du’n genommen, so wär‘ er dein.“ –

„Ich arme Jungfer zart,

Ach, hätt‘ ich genommen den König Drosselbart!“

Darauf kamen sie über eine Wiese, da fragte sie wieder:

„Wem gehört die schöne, grüne Wiese?“ –

„Sie gehört dem König Drosselbart;

Hätt’st du’n genommen, so wär‘ sie dein.“ –

„Ich arme Jungfer zart,

Ach, hätt‘ ich genommen den König Drosselbart!“

Dann kamen sie durch eine große Stadt, da fragte sie wieder:

„Wem gehört diese schöne, große Stadt?“ –

„Sie gehört dem König Drosselbart;

Hätt’st du’n genommen, so wär‘ sie dein.“ –

„Ich arme Jungfer zart,

Ach, hätt‘ ich genommen den König Drosselbart!“

„Es gefällt mir gar nicht“, sprach der Spielmann, „dass du dir immer einen andern zum Mann wünschest; bin ich dir nicht gut genug?“ Endlich kamen sie an ein kleines Häuschen, da sprach sie:

„Ach Gott, was ist das Haus so klein!

Wem mag das elende, winzige Häuschen sein?“

Der Spielmann antwortete: „Das ist mein und dein Haus, wo wir zusammen wohnen.“ Sie musste sich bücken, damit sie zu der niedrigen Tür hineinkam. „Wo sind die Diener?“ sprach die Königstochter. “ Was Diener!“ antwortete der Bettelmann, „du musst selber tun, was du getan haben willst. Mach‘ nur gleich Feuer an und stell‘ Wasser auf, dass du mir mein Essen kochst; ich bin ganz müde.“ Die Königstochter verstand aber nichts vom Feuermachen und Kochen, und der Bettelmann musste selber mit Hand anlegen, dass es noch so leidlich ging. Als sie die schmale Kost verzehrt hatten, legten sie sich zu Bett; aber am Morgen trieb er sie schon ganz früh heraus, weil sie das Haus besorgen sollte. Ein paar Tage lebten sie auf diese Art schlecht und recht und zehrten ihren Vorrat auf. Da sprach der Mann: „Frau, so geht’s nicht länger, dass wir hier zehren und nichts verdienen. Du sollst Körbe flechten.“ Er ging aus, schnitt Weiden und brachte sie heim. Da fing sie an zu flechten, aber die harten Weiden stachen ihr die zarten Hände wund. „Ich sehe, das geht nicht“, sprach der Mann, „spinn‘ lieber, vielleicht kannst du das besser.“ Sie setzte sich hin und versuchte zu spinnen, aber der harte Faden schnitt ihr bald in die weichen Finger, dass das Blut daran herunterlief. „Siehst du“, sprach der Mann, „du taugst zu keiner Arbeit, mit dir bin ich schlimm angekommen. Nun will ich’s versuchen und einen Handel mit Töpfen und irdenem Geschirr anfangen; du sollst dich auf den Markt setzen und die Ware feilhalten.“ – „Ach“, dachte sie, „wenn auf den Markt Leute aus meines Vaters Reich kommen und sehen mich da sitzen, wie werden sie mich verspotten!“ Aber es half nichts, sie musste sich fügen, wenn sie nicht Hungers sterben wollten. Das erste Mal ging’s gut; denn die Leute kauften der Frau, weil sie schön war, gern ihre Ware ab und bezahlten, was sie forderte; ja, viele gaben ihr das Geld und ließen ihr die Töpfe noch dazu. Nun lebten sie von dem Erworbenen, solang es dauerte, da handelte der Mann wieder eine Menge neues Geschirr ein. Sie setzte sich damit an eine Ecke des Marktes, stellte es um sich her und hielt feil. Da kam plötzlich ein trunkener Husar dahergejagt und ritt geradezu in die Töpfe hinein, dass alles in tausend Scherben zersprang. Sie fing an zu weinen und wusste vor Angst nicht, was sie anfangen sollte. „Ach, wie wird mir’s ergehen!“ rief sie, „was wird mein Mann dazu sagen!“ Sie lief heim und erzählte ihm das Unglück.“ Wer setzt sich auch an die Ecke des Marktes mit irdenem Geschirr!“ sprach der Mann; „lass‘ nur das Weinen, ich sehe wohl, du bist zu keiner ordentlichen Arbeit zu gebrauchen. Da bin ich in unseres Königs Schloss gewesen und habe gefragt, ob sie nicht eine Küchenmagd brauchen könnten, und sie haben mir versprochen, sie wollten dich dazu nehmen; dafür bekommst du freies Essen.“

Nun wurde die Königstochter eine Küchenmagd, musste dem Koch zur Hand gehen und die sauerste Arbeit tun. Sie machte sich in beiden Taschen ein Töpfchen fest, darin brachte sie nach Hause, was ihr von dem Übriggebliebenen zuteil ward, und davon nährten sie sich. Es trug sich zu, dass die Hochzeit des ältesten Königssohnes gefeiert werden sollte, da ging die arme Frau hinauf, stellte sich vor die Saaltür und wollte zusehen. Als nun die Lichter angezündet waren, und immer einer schöner als der andere hereintrat und alles voll Pracht und Herrlichkeit war, da dachte sie mit betrübtem Herzen an ihr Schicksal und verwünschte ihren Stolz und Übermut, der sie erniedrigt und in so große Armut gestürzt hatte. Von den köstlichen Speisen, die ein und aus getragen wurden, und von denen der Geruch zu ihr aufstieg, warfen ihr Diener manchmal ein paar Brocken zu, die tat sie in ihr Töpfchen und wollte es heimtragen. Auf einmal trat der Königssohn herein, war in Samt und Seide gekleidet und hatte goldene Ketten um den Hals. Und als er die schöne Frau in der Tür stehen sah, ergriff er sie bei der Hand und wollte mit ihr tanzen, aber sie weigerte sich und erschrak, denn sie sah, dass es der König Drosselbart war, der um sie gefreit und den sie mit Spott abgewiesen hatte. Ihr Sträuben half nichts, er zog sie in den Saal; da zerriss das Band, an dem die Taschen hingen, und die Töpfe fielen heraus, dass die Suppe floss und die Brocken umhersprangen. Und wie das die Leute sahen, entstand ein allgemeines Gelächter und Spotten, und sie war so beschämt, dass sie sich lieber tausend Klafter unter die Erde gewünscht hätte. Sie sprang zur Tür hinaus und wollte entfliehen, aber auf der Treppe holte sie ein Mann ein und brachte sie zurück; und wie sie ihn ansah, war es wieder der König Drosselbart. Er sprach ihr freundlich zu: „Fürchte dich nicht, ich und der Spielmann, der mit dir in dem elenden Häuschen gewohnt hat, sind eins. Dir zuliebe habe ich mich verstellt, und der Husar, der dir die Töpfe entzweigeritten hat, bin ich auch gewesen. Das alles ist geschehen, um deinen stolzen Sinn zu beugen und dich für deinen Hochmut zu strafen, womit du mich verspottet hast.“ Da weinte sie bitterlich und sagte: „Ich habe großes Unrecht getan und bin nicht wert, deine Frau zu sein.“ Er aber sprach: „Tröste dich, die bösen Tage sind vorüber, jetzt wollen wir unsere Hochzeit feiern.“ Da kamen die Kammerfrauen und taten ihr die prächtigsten Kleider an, und ihr Vater kam und der ganze Hof und wünschten ihr Glück zu ihrer Vermählung mit dem König Drosselbart, und die rechte Freude fing jetzt erst an. Ich wollte, du und ich, wir wären auch dabei gewesen.

Der Teufel mit den drei goldenen Haaren

Gebr. Grimm

Es war einmal eine arme Frau, die bekam ein Söhnlein, und weil es eine Glückshaut umhatte, als es zur Welt kam, so ward ihm geweissagt, es werde im vierzehnten Jahr die Tochter des Königs zur Frau haben. Es trug sich zu, dass der König bald darauf ins Dorf kam, und niemand wusste, dass es der König war, und als er die Leute fragte, was es Neues gäbe, so antworteten sie: „Es ist in diesen Tagen ein Kind mit einer Glückshaut geboren. Was so einer unternimmt, das schlägt ihm zum Glück aus. Es ist ihm auch vorausgesagt, in seinem vierzehnten Jahre solle er die Tochter des Königs zur Frau haben.“ Der König, der ein böses Herz hatte und über die Weissagung sich ärgerte, ging zu den Eltern, tat ganz freundlich und sagte. „Ihr armen Leute, überlasst mir euer Kind, ich will es versorgen.“ Anfangs weigerten sie sich, da aber der fremde Mann schweres Gold dafür bot, und sie dachten: „Es ist ein Glückskind, es muss doch zu seinem Besten ausschlagen“, so willigten sie endlich ein und gaben ihm das Kind.

Der König legte es in eine Schachtel und ritt damit weiter, bis er zu einem tiefen Wasser kam; da warf er die Schachtel hinein und dachte: „Von dem unerwarteten Freier habe ich meiner Tochter geholfen.“ Die Schachtel aber ging nicht unter, sondern schwamm wie ein Schiffchen, und es drang auch kein Tröpfchen Wasser hinein. So schwamm sie bis zwei Meilen von des Königs Hauptstadt, wo eine Mühle war, an dessen Wehr sie hingen blieb. Ein Mahlbursche, der glücklicherweise da stand und sie bemerkte, zog sie mit einem Haken heran und meinte, große Schätze zu finden; als er sie aber aufmachte, lag ein schöner Knabe darin, der ganz frisch und munter war. Er brachte ihn zu den Müllersleuten, und weil diese keine Kinder hatten, freuten sie sich und sprachen:
„Gott hat es uns beschert.“ Sie pflegten den Findling wohl, und er wuchs in allen Tugenden heran.
Es trug sich zu, dass der König einmal bei einem Gewitter in die Mühle trat und die Müllersleute fragte, ob der große Junge ihr Sohn wäre. „Nein“, antworteten sie, „es ist ein Findling, er ist vor vierzehn Jahren in einer Schachtel ans Wehr geschwommen, und der Mahlbursche hat ihn aus dem Wasser gezogen. Da merkte der König, dass es niemand anders als das Glückskind war, das er ins Wasser geworfen hatte, und sprach: „Ihr guten Leute, könnte der Junge nicht einen Brief an die Frau Königin bringen, ich will ihm zwei Goldstücke zum Lohn geben?“ „Wie der Herr König gebietet“, antworteten die Leute und hießen den Jungen, sich bereit halten. Da schrieb der König einen Brief an die Königin, worin stand: „Sobald der Knabe mit diesem Schreiben angelangt ist, soll er getötet und begraben werden, und alles soll geschehen sein, ehe ich zurückkomme.“
Der Knabe machte sich mit diesem Brief auf den Weg, verirrte sich aber und kam abends in einen großen Wald. In der Dunkelheit sah er ein kleines Licht, ging darauf zu und gelangte zu einem Häuschen. Als er hineintrat, saß eine alte Frau beim Feuer ganz allein. Sie erschrak, als sie den Knaben erblickte und sprach:
„Wo kommst du her, und wo willst du hin?“ – „Ich komme von der Mühle‘, antwortete er, „und will zur Frau Königin, der ich einen Brief bringen soll, weil ich mich aber in dem Walde verirrt habe, so wollte ich hier gerne übernachten.“

  • „Du armer Junge“, sprach die Frau, „du bist in ein Räuberhaus geraten, und wenn sie heimkommen, so bringen sie dich um.“ – „Mag kommen, wer will“, sagte der Junge, „ich fürchte mich nicht: ich bin aber so müde, dass ich nicht weiter kann“, streckte sich auf eine Bank und schlief ein. Bald hernach kamen die Räuber und fragten zornig, was da für ein fremder Knabe läge. „Ach“, sagte die Alte, „es ist ein unschuldiges Kind, es hat sich im Walde verirrt, und ich habe ihn aus Barmherzigkeit aufgenommen. Er soll einen Brief an die Frau Königin bringen.“ Die Räuber erbrachen den Brief und lasen ihn, und es stand darin, dass der Knabe sogleich, wie er ankäme, sollte ums Leben gebracht werden. Da empfanden die hartherzigen Räuber Mitleid, und der Anführer zerriss den Brief und schrieb einen andern, und es stand darin, sowie der Knabe ankäme, sollte er sogleich mit der Königstochter vermählt werden. Sie ließen ihn dann ruhig bis zum andern Morgen auf der Bank liegen, und als er aufgewacht war, gaben sie ihm den Brief und zeigten ihm den rechten Weg. Die Königin aber, als sie den Brief empfangen und gelesen hatte, tat, wie darin stand, hieß ein prächtiges Hochzeitsfest anstellen, und die Königstochter ward mit dem Glückskind vermählt; und da der Jüngling schön und freundlich war, so lebte sie vergnügt und zufrieden mit ihm.
    Nach einiger Zeit kam der König wieder in sein Schloss und sah, dass die Weissagung erfüllt und das Glückskind mit seiner Tochter vermählt war. „Wie ist das zugegangen?“ sprach er, „ich habe in meinem Brief einen ganz andern Befehl erteilt.“ Da reichte ihm die Königin den Brief und sagte, er möchte selbst sehen, was darin stände. Der König las den Brief und merkte wohl, dass er mit einem andern war vertauscht worden. Er fragte den Jüngling, wie es mit dem anvertrauten Briefe zugegangen wäre, warum er einen andern dafür gebracht hätte. „Ich weiß von nichts“, antwortete er, „er muss mir in der Nacht vertauscht worden sein, als ich im Walde geschlafen habe.“ Voll Zorn sprach der König: „So leicht soll es dir nicht werden! Wer meine Tochter haben will, der muss mir aus der Hölle drei goldene Haare von dem Haupte des Teufels holen; bringst du mir, was ich verlange, so sollst du meine Tochter behalten.“ Damit hoffte der König, ihn auf immer los zu werden. Das Glückskind aber antwortete:
    „Die goldenen Haare will ich wohl holen, ich fürchte mich vor dem Teufel nicht.“ Darauf nahm er Abschied und begann seine Wanderschaft.
    Der Weg führte ihn zu einer großen Stadt, wo ihn der Wächter an dem Tore ausfragte, was für ein Gewerbe er verstünde, und was er wüsste. „Ich weiß alles“, antwortete das Glückskind. „So kannst du uns einen Gefallen tun“, sagte der Wächter, „wenn du uns sagst, warum unser Marktbrunnen, aus dem sonst Wein quoll‘ trocken geworden ist und nicht einmal mehr Wasser gibt.“ – „Das sollt ihr erfahren“, antwortete er, „wartet nur, bis ich wiederkomme.“ Da ging er weiter und kam vor eine andere Stadt; da fragte der Torwächter wiederum, was für ein Gewerb‘ er verstünde, und was er wüsste. „Ich weiß alles“, antwortete er. „So kannst du uns einen Gefallen tun und uns sagen, warum ein Baum in unserer Stadt, der sonst Äpfel trug, jetzt nicht einmal Blätter hervortreibt.“ – „Das sollt ihr erfahren“, antwortete er, „wartet nur, bis ich wiederkomme.“ Da ging er weiter und kam an ein großes Wasser, über das er hinüber musste. Der Fährmann fragte ihn, was er für ein Gewerbe verstünde, und was er wüsste. „Ich weiß alles“, antwortete er. „So kannst du mir einen Gefallen tun“, sprach der Föhrmann, „und mir sagen, warum ich immer hin und her fahren muss und niemals abgelöst werde“. – „Das sollst du erfahren“, antwortete er, „warte nur, bis ich wiederkomme.“
    Als er über das Wasser hinüber war, so fand er den Eingang zur Hölle. Es war schwarz und rußig darin, und der Teufel war nicht zu Haus, aber seine Ellermutter saß da in einem breiten Sorgenstuhl. „Was willst du?“ sprach sie zu ihm, sah aber gar nicht so böse aus. „Ich wollte gerne drei goldene Haare von des Teufels Kopf“, antwortete er, „sonst kann ich meine Frau nicht behalten.“
  • „Das ist viel verlangt“, sagte sie, „wenn der Teufel heimkommt und findet dich, so geht dir’s an den Kragen; aber du dauerst mich, ich will sehen, ob ich dir helfen kann.“ Sie verwandelte ihn in eine Ameise und sprach: „Kriech in meine Rockfalten‘ da bist du sicher.“ – „Ja“, antwortete er, „das ist schon gut, aber drei Dinge möcht ich gerne noch wissen: warum ein Brunnen, aus dem sonst Wein quoll‘ trocken geworden ist, jetzt nicht einmal mehr Wasser gibt. Warum ein Baum, der Sonst goldene Äpfel trug, nicht einmal mehr Laub treibt, und warum ein Fährmann immer herüber und hinüber fahren muss und nicht abgelöst wird.“
  • „Das sind schwere Fragen“, antwortete sie, „aber halte dich nur still und ruhig und hab acht, was der Teufel spricht, wenn ich ihm die drei goldenen Haare ausziehe.“
    Als der Abend einbrach, kam der Teufel nach Haus. Kaum war er eingetreten, so merkte er, dass die Luft nicht rein war. „Ich rieche, rieche Menschenfleisch“ sagte er, „es ist hier nicht richtig.“ Dann guckte er in allen Ecken und suchte, konnte aber nichts finden. Die Ellermutter schalt ihn aus: „Eben ist erst gekehrt“, sprach sie, „und alles in Ordnung gebracht, nun wirfst du mir’s wieder untereinander; immer hast du Menschenfleisch in der Nase! Setze dich nieder und iss dein Abendbrot.“ Als er gegessen und getrunken hatte, war er müde, legte der Ellermutter seinen Kopf in den Schoß und sagte, sie sollte ihn ein wenig lausen. Es dauerte nicht lange, so schlummerte er ein, blies und schnarchte, da fasste die Alte ein goldenes Haar, riss es aus und legte es neben sich. „Autsch!“ schrie der Teufel, „was hast du vor?“ – „Ich habe einen schweren Traum gehabt“, antwortete die Ellermutter, „da hab‘ ich dir in die Haare gefasst.“ – „Was hat dir denn geträumt?“ fragte der Teufel. „Mir hat geträumt, ein Marktbrunncn‘ aus dem sonst Wein quoll, sei versiegt, und es habe nicht einmal Wasser daraus quellen wollen, was ist wohl schuld daran?“ – „He, wenn sie’s wüssten!“ antwortete der Teufel, „es sitzt eine Kröte unter einem Stein im Brunnen, wenn sie die töten, so wird der Wein schon wieder fließen.“ Die Ellermutter lauste ihn wieder, bis er einschlief und schnarchte, dass die Fenster zitterten. Da riss sie ihm das zweite Maar aus. „Hu! was machst du?“ schrie der Teufel zornig. „Nimm’s nicht übel“, antwortete sie, „ich habe es im Traum getan.“ – „Was hat dir wieder geträumt?“ fragte er. „Mir hat geträumt, in einem Königreiche stand‘ ein Obstbaum, der hatte sonst goldene Äpfel getragen und wollte jetzt nicht einmal Laub treiben. Was war wohl die Ursache davon?“ – „He, wenn sie’s wüssten!“ antwortete der Teufel, „an der Wurzel nagt eine Maus, wenn sie die töten, so wird er schon wieder goldene Äpfel tragen, nagt sie aber noch länger, so verdorrt der Baum gänzlich. Aber lass mich mit deinen Träumen in Ruhe, wenn du mich noch einmal im Schlafe störst, so kriegst du eine Ohrfeige.“ Die Ellermutter sprach ihm gut zu und lauste ihn wieder, bis er eingeschlafen war und schnarchte. Da fasste sie das dritte goldene Haar und riss es ihm aus. Der Teufel fuhr in die Höhe, schrie und wollte übel mit ihr wirtschaften, aber sie besänftigte ihn nochmals und sprach: „Wer kann für böse Träume!“ – „Was hat dir denn geträumt?“ fragte er und war doch neugierig. „Mir hat von einem Fährmann geträumt, der sich beklagte, dass er immer hin und her fahren müsste und nicht abgelöst würde. Was ist wohl schuld?“ – „He‘ der Dummbart!“ antwortete der Teufel, „wenn einer kommt und will überfahren, so muss er ihm die Stange in die Hand geben; dann muss der andere überfahren und er ist frei.“ Da die Ellermutter ihm die drei goldenen Haare ausgerissen hatte, und die drei Fragen beantwortet waren, so ließ sie den alten Drachen in Ruhe, und er schlief, bis der Tag anbrach.
    Als der Teufel wieder fortgezogen war, holte die Alte die Ameise aus der Rockfalte und gab dem Glückskind die menschliche Gestalt zurück. „Da hast du die drei goldenen Haare“, sprach sie, „was der Teufel zu deinen drei Fragen gesagt hat, wirst du wohl gehört haben.“ – „Ja“, antwortete er, „ich habe es gehört und will’s wohl behalten.“ – „So ist dir geholfen“, sagte sie, „und nun kannst du deiner Wege ziehen.“ Er bedankte sich bei der Alten für die Hilfe in der Not, verließ die Hölle und war vergnügt, dass ihm alles so wohl geglückt war. Als er zu dem Fährmann kam, sollte er ihm die versprochene Antwort geben. „Fahr mich erst hinüber“, sprach das Glückskind, „so will ich dir sagen, wie du erlöst wirst“, und als er auf dem jenseitigen Ufer angelangt war, gab er ihm des Teufels Rat: „Wenn wieder einer kommt und will übergefahren sein, so gib ihm nur die Stange in die Hand.“ Er ging weiter und kam zu der Stadt, worin der unfruchtbare Baum stand, und wo der Wächter auch Antwort haben wollte. Da sagte er ihm, wie er vom Teufel gehört hatte: „Tötet die Maus, die an seiner Wurzel nagt, so wird er wieder goldene Äpfel tragen.“ Da dankte ihm der Wächter und gab ihm zur Belohnung zwei mit Gold beladene Esel, die mussten ihm nachfolgen. Zuletzt kam er zu der Stadt, deren Brunnen versiegt war. Da sprach er zu dem Wächter, wie der Teufel gesprochen hatte:“ Es sitzt eine Kröte im Brunnen unter einem Stein, die müsst ihr aufsuchen und töten, so wird er wieder reichlich Wein geben.“ Der Wächter dankte und gab ihm ebenfalls zwei mit Gold beladene Esel.
    Endlich langte das Glückskind daheim bei seiner Frau an, die sich herzlich freute, als sie ihn wiedersah und hörte, wie wohl ihm alles gelungen war. Dem König brachte er, was er verlangt hatte, die drei goldenen Haare des Teufels, und als dieser die vier Esel mit dem Golde sah, ward er ganz vergnügt und sprach:
    „Nun sind alle Bedingungen erfüllt, und du kannst meine Tochter behalten. Aber, lieber Schwiegersohn, sage mir doch: woher ist das viele Gold? Das sind ja gewaltige Schätze!“ – „Ich bin über einen Fluss gefahren“, antwortete er, „und da habe ich es mitgenommen; es liegt dort statt des Sandes am Ufer.“ – „Kann ich mir auch davon holen?“ sprach der König und war ganz begierig. „So viel Ihr nur wollt“, antwortete er, „es ist ein Fährmann auf dem Fluss, von dem lasst Euch überfahren, so könnt Ihr drüben Eure Säcke füllen.“ Der habsüchtige König machte sich in aller Eile auf den Weg, und als er zu dem Fluss kam, so winkte er dem Fährmann, der sollte ihn übersetzen. Der Fährmann kam und hieß ihn einsteigen, und als sie an das jenseitige Ufer kamen, gab er ihm die Ruderstange in die Hand und sprang davon. Der König aber musste von nun an fahren zur Strafe für seine Sünden.
    „Fährt er wohl noch?“ – „Was denn? Es wird ihm niemand die Stange abgenommen haben.“

Die Schildbürger


Waren die Schildbürger wirklich so dumm, wie sie taten ?
Im Mittelalter, damals, als man das Schießpulver noch nicht erfunden hatte, lag mitten in Deutschland eine Stadt, die Schilda hieß, und ihre Einwohner nannte man deshalb die Schildbürger. Das waren merkwürdige Leute. Alles, was sie anpackten, machten sie verkehrt. Und alles, was man ihnen sagte, nahmen sie wörtlich. Wenn zum Beispiel ein Fremder ärgerlich ausrief: »Ihr habt ja ein Brett vorm Kopf! «, griffen sie sich auch schon an die Stirn und wollten das Brett wegnehmen. Und meinte ein anderer ungeduldig: »Bei euch piept es ja!«, so sperrten sie neugierig die Ohren auf, lauschten drei Minuten und antworteten dann gutmütig: »Das muss ein Irrtum sein, lieber Mann. Wir hören nichts piepen.«

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