Märchen aus Frankreich

Einst lebte in den Avures-Bergen ein bitterarmer Häusler mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn. Der Knabe hieß Jean und war zwar klein und zart, doch klug wie ein Weiser und flink wie ein Eichhörnchen, und er war von Herzen gut. Oft nahm ihn der Vater mit zur Arbeit. Hatte er schwere Arbeit zu tun, so stärkte sich der Vater nicht mit einem kräftigen Schluck Wein, wie es die tun, die keinen Mangel leiden, sondern er riss ein Büschel Bitterkraut aus, aß es und sprach zu seinem Sohn: »Es ist bitter, dieses Pflänzchen, doch verleiht es dir gewaltige Kraft, so dass du dich stärker fühlst als eine Eisenkette und mächtiger als der Donner. «

Eines Tages ritt der Marquis jener Gegend zur Jagd aus. Als er einen großen Hirsch nicht zu fangen vermochte, geriet er darüber in großen Zorn, und er ritt mit seiner ganzen Jagdgesellschaft, Pferden, Hunden und Wagen über das einzige Feld des armen Häuslers hinweg, so dass die ganze Ernte vernichtet wurde. In seiner Not ging der Unglückliche zum Schloss seines Herrn. Der Marquis aber war böse von Herzen wie die Sünde, und er geriet in unbändigen Zorn darüber, dass ein Untertan es wagte, Recht zu verlangen. Und er ließ den armen Häusler auf der Stelle hinrichten.

In ihrem Kummer und allzu großem Schmerz starb bald darauf auch dessen Witwe, so dass Jean allein in der Welt zurückblieb.

Da packte dieser sein Bündel, nahm seine Pfeife, auf der er immer blies, aß ein kräftiges Büschel Bitterkraut und zog in die Welt hinaus.

Er war noch nicht weit gegangen, da sah er die Leute aus allen Ecken zusammenströmen, und sie hatten alle Pflüge bei sich. Dies verwunderte ihn sehr, denn es war nicht die Jahreszeit, da man zu pflügen pflegte. Er fragte einen alten Mann nach dem Grund ihres Tuns, und dieser sprach: »Hast du denn nicht vom Marquis von Avures gehört? Dieser Teufel in Menschengestalt vernichtete unsere Ernten auf seinen höllischen Jagden, und wer sich darüber beklagte, den ließ er umbringen. Da hat ihn unser König dafür bestraft und sein Schloss zerstören lassen, und nun pflügen wir über den Boden hin, auf dem dieses Schloss stand, auf dass keine Spur mehr von ihm übrigbleibt. «

»Sollte ich den Marquis von Avures nicht kennen, hat er doch auch meinen Vater getötet und meine arme Mutter ins Grab gebracht! Ich will Euch beim Pflügen helfen. «

Nach getaner Arbeit wanderte Jean immer geradeaus weiter. Als es dunkelte, gelangte er in einen großen finsteren Wald. In der Ferne aber sah er ein schwaches Licht, und er hielt darauf zu. Bald erreichte er eine einsame Hütte. Er pochte an die Türe, und ein Mann, schwarz wie ein Kamin, öffnete. Aus seinem verrußten Gesicht funkelten böse die Augen.

»Habt Ihr Arbeit und eine Bleibe für mich? « fragte Jean.

»Ich bin ein Köhler, und mein Tagwerk ist schwer. Wenn du aber fleißig und gehorsam sein willst, so kannst du bei mir bleiben. Du sollst Holz fällen und Meiler errichten, und wenn ich auf Reisen bin, so sollst du das Haus hüten und mein schwarzes Huhn gut pflegen. «

»Köhler, ich will Euch zu Diensten sein. «

Von nun an arbeitete Jean hart von früh bis spät und erhielt dafür nur geringen Lohn, hatte aber doch sein Auskommen.

Eines Abends hielt eine prächtige Karosse vor der Waldhütte. Da sprach der Köhler zu Jean: »Geh und sei höflich zu diesen Leuten. Sage ihnen, du seiest allein. «

Mit diesen Worten verschwand er im Hühnerstall. Jean verwunderte sich sehr darüber, und er schlich heimlich seinem Meister nach. Noch mehr verwunderte er sich aber, als er durchs Schlüsselloch spähte und sah, wie dieser sich das schwarze Huhn auf die Schulter setzte und dabei murmelte:

»Vor mir sei Nacht, hinter mir sei Tag, auf dass kein Aug‘ mich zu sehen vermag. «

Im selben Augenblick klopfte es an die Türe, und Jean öffnete. Ein vornehm gekleideter Herr stand draußen, bat um Wasser und fragte nach dem Weg zur nächsten Herberge. Jean gab ihm zu trinken und zeigte ihm den Weg. Dann fuhr die Karosse weiter in die Nacht hinein. Plötzlich hörte Jean Schritte im Hühnerstall. Er lauschte an der Türe und vernahm die Stimme des Köhlers, die murmelte:

»Hinter mir die Nacht, vor mir der Tag, auf dass mich ein jeder zu sehen vermag. «

Kaum hatte er die Worte gesprochen, so stand er in einer dunklen Ecke des Hühnerstalls, das schwarze Huhn auf der Schulter. Da erkannte Jean, dass sein Herr ein Zauberer war, und wollte ihm nicht länger dienen. Also nahm er am andern Morgen Abschied und zog weiter in die Welt hinaus.

Als er in die Königsstadt kam, vernahm er traurige Nachricht: Der böse Marquis, den der König hatte bestrafen lassen, hatte des Königs einzige Tochter geraubt und hielt sie gefangen. Er ließ verkünden, dass er sie freilassen wolle, wenn ihm der königliche Brautschatz gebracht würde, andernfalls aber müsse sie in drei Jahren sterben. Nun hatte der König eine Karosse mit zwölf Säcken voller Gold zu dem Marquis schicken lassen, den ganzen Brautschatz der Prinzessin. Unterwegs aber war das Gold gestohlen worden, und im ganzen Reich gab es nicht mehr dergleichen Schätze, so dass die Königstochter wohl werde sterben müssen. Da erinnerte sich Jean jener Karosse, die vor der Köhlerhütte gehalten hatte, und des Köhlers, der sich unsichtbar machen konnte, und er ahnte, wo das königliche Gold geblieben war.

Er trat vor den Thron des Königs und sprach: »Ich will das Gold beschaffen und Eure Tochter retten. «

Jean aß ein großes Büschel Bitterkraut, blies auf seiner Pfeife und machte sich geradewegs auf den Weg zur Hütte des Köhlers. Er pochte an die Tür. Der Köhler öffnete, und er war schwärzer als je zuvor.

»Köhler, ich weiß, dass du das königliche Gold gestohlen hast. Sagst du mir, wo du es versteckt hast, so will ich dich laufenlassen, sagst du es mir aber nicht, so will ich dich dem Henker übergeben. «

»Ach, ich bin ein Verdammter, ein Elender, denn wisse, meine Gier nach Gold war so groß, dass ich beschloss, mir noch welches bei der goldenen Ziege zu beschaffen. «

»Bei der goldenen Ziege, die in den Mauern von Montmajour wohnt? Das Tor zu ihren unterirdischen Schätzen im Innern des Mont de Cordes öffnet sie nur in der Johannisnacht und in der Weihnachtsnacht. Sie öffnet es für eine Stunde von dem Augenblick an, an dem der Priester das Evangelium spricht. «

„Du sagst es. Endlich kam er, der langersehnte Weihnachtstag, und endlich kam sie, die langersehnte Stunde. Ich befand mich schon Stunden zuvor auf jenem Hügel. Plötzlich öffnete sich der Erdboden vor mir, und ich stieg eilends hinab in die unterirdischen Kammern. Ich war geblendet von all dem Glanz dort unten, und ich merkte nicht, dass die Stunde vorüber war, und wurde eingeschlossen in der Höhle. Die goldene Ziege stand gleich einer Statue auf einem Sockel und leuchtete wie die Sonne, und sie sprach zu mir: >Köhler, dich verlangte nach meinen Schätzen. Alsdann, so lebe ein Jahr lang hier mitten unter ihnen. Sei ihr Gefangener dein Leben lang, es sei denn, du bringst mir in einem Jahr so viel Gold herbei, als ein Mann zu tragen vermag.“ Dann erlosch das Licht, und ich war lebendig begraben. Ein ganzes Jahr lang lebte ich inmitten all der Schätze, die in der Dunkelheit glänzten, und ich litt Hunger und Durst. Endlich öffnete sich das Tor, und ich war für einen Tag frei, und ich brachte die Schätze des Königs in die unterirdische Höhle. Aber ach, als ich all das Gold herbeigebracht hatte, da sprach die goldene Ziege zu mir: >Unglücklicher, ist all dieses Gold denn dein? <

Da musste ich die Wahrheit gestehen, und noch ein Jahr war ich gefangen in der Finsternis. Nun hat mir die goldene Ziege Gnade erwiesen und mich noch einmal für ein Jahr in Freiheit gesetzt, und sie will mir meine Freiheit ganz zurückgeben für den Fall, dass die königliche Familie mir verzeiht. Doch das wird nimmermehr geschehen, denn die Prinzessin ist ja verloren. Ach, ich Unglücklicher!«

Als der Köhler geendet hatte, rief Jean: »Oh, ich will und werde das Gold zurückholen, und ich werde die Prinzessin retten! «

Es war ein Tag vor Weihnachten. Am anderen Abend machte sich Jean auf den Weg zum Mont de Cordes. Unterwegs begegnete ihm eine alte Frau, die ächzte und stöhnte erbärmlich, denn der Weg war steil.

»Gott grüße Euch. «

»Gott grüße Euch, junger Mann, was wollt Ihr denn um diese Zeit, in dieser heiligen Nacht hier, in der Einöde? «

Da erzählte Jean ihr seine Geschichte, und als er geendet hatte, fragte er: »Und was treibt Euch auf diesen mühevollen Weg? «

»Ach, schöner Jüngling, ich bin alt und bedarf der Schätze der goldenen Ziege nicht mehr. Aber ich kann doch nur in Ruhe sterben, wenn ich noch einmal mein Kind wiedersehe. Wisset, mein Gatte starb kurz nach der Geburt meines Söhnlein. Ich musste mich und den Kleinen nähren, indem ich Holz, Kräuter und Beeren im Walde sammelte. Eines Tages, es war an Johann, verlief ich mich im Wald. Ich hatte ein großes Bündel Reisig bei mir und das Knäblein an meiner Brust. Es wurde dunkel, und ich bettete mich notdürftig im Moos zur Ruhe. Auf einmal schlug es Mitternacht, und der Hügel öffnete sich. Eine Stimme ertönte, die rief: „Tritt ein, junge Frau, und fülle deine Schürze mit Gold, Silber und Edelsteinen. Aber nur eine Stunde hast du Zeit, bedenke dies wohl. <

Da betrat ich die Höhle, und vor mir breiteten sich unermessliche Schätze aus. Da raffte ich zusammen, so viel ich zu tragen vermochte, und brachte das Gold ins Freie, und noch einmal lief ich hinein und holte mehr und noch einmal und noch einmal. Da schloss sich plötzlich das Tor mit lautem Krachen, gerade als ich draußen war. Ich hatte aber das Knäblein in der Höhle gelassen und konnte es nicht mehr holen. Oh, ich hatte das Wichtigste vergessen! Das Gold habe ich verschenkt, denn es freute mich nicht mehr. In der Weihnachtsnacht ging ich wiederum zu jenem Hügel, und ich bat und flehte um mein Kind. Da sprach die Stimme zu mir: >Wenn dir das Warten nicht zu lang wird, so sollst du dein Kind heil und gesund wiederhaben. Lege jeden Samstag um Mitternacht ein reines weißes Hemdchen deines Kindes hier vor das Tor meiner Schatzkammer. <

Und so komme ich nun schon seit siebenundsiebzig Jahren an diesen Ort, schöner Jüngling, und erfülle das, was die goldene Ziege mir aufgetragen. «

Tränen liefen der Alten über das Antlitz, und sie sprach weiter: »Mein Schicksal sei dir eine Lehre. Suche dein Glück woanders und kehre um, solange es noch Zeit ist. «

Unterdessen waren sie auf dem Gipfel des Hügels angelangt. Die Alte legte schweigend das Hemdchen vor das Tor.

Auf einmal öffnete sich der Hügel, und eine Stimme ertönte: »Jean, lange warte ich schon auf dich. Komm herein und hole dir die Schätze, die du begehrst. «

Da betrat Jean die Höhle, und all das Gold blinkte ihm entgegen, und die goldene Ziege stand auf einem Sockel und leuchtete wie die Sonne, und sie sprach: »Hole sie dir, die zwölf Säcke mit dem königlichen Brautschatz. Trage sie hinweg. Das Tor soll so lange geöffnet bleiben, bis du sie alle hinausgetragen hast. «

Da griff Jean einen Sack nach dem anderen und schleppte sie hinaus. Als er den letzten Sack hinausgetragen hatte, sprach die Ziege abermals: »Jean, noch einmal zwölf Säcke sollst du füllen, mit allem, was dir gefällt. «

Da sprach Jean: »Ach, all der Schätze begehr ich nicht. Nur um der Rettung der Prinzessin willen bin ich hier. Doch wenn es möglich ist, so lass eine der gefangenen Seelen frei. «

»Weil du reinen Herzens bist und ohne Gier nach Macht, Gut und Geld, will ich deine Bitte erfüllen, denn es ist die wahre Liebe, die dich zu mir trieb. Suche dir eine meiner Seelen aus und führe sie mit dir ans Licht! «

Im selben Augenblick hörte Jean vieltausend Stimmen rufen, schreien und betteln: »Ach, edler Jüngling, sei gepriesen, ach, erwähle doch mich, denn all mein Geld hatte ich beim Spiel verloren. Wie sollte ich da meine Schuldner bezahlen? So kam es, dass ich hierher geriet. «

»Ach, nimm mich! Ich hatte eine wunderschöne Geliebte und suchte ihr mit Perlen und Geschmeide Freude zu machen! «

»Ach, erwähle doch mich, die Armut trieb mich hierher! «

Alle, alle hatten sie ihre eigene Geschichte. Sie alle hatten die Höhle nicht rechtzeitig verlassen und mussten nun für immer in der Finsternis bleiben. Jean war von Mitleid erfüllt.

Dann aber sprach er. »Eine Seele hat die Stimme nicht erhoben. Es ist die Seele eines unschuldigen Wickelkindes, das vor siebenundsiebzig Jahren hier von seiner Mutter zurückgelassen wurde. «

Da antwortete eine Stimme: »Ach, niemanden habe ich mehr draußen in der Welt. Gewiss ist meine Mutter längst gestorben. «

»Oh, nein, sie lebt, und sie wartet auf dich. Komm mit mir! «

Da trat ein Greis von siebenundsiebzig Jahren vor Jean und sprach: »Ich bin jenes Wickelkind. «

Da sprach Jean: »Goldene Ziege, der ist’s und kein anderer, den ich mit mir in die Freiheit führen will. «

»Es sei, wie du es wünschst. Leb wohl. Gott segne dich, mein Sohn. «

Und Jean verließ mit dem Greis die Höhle. Als die Alte ihren Sohn sah, konnte sie sich vor Freude kaum fassen, und sie weinte, weil sie nicht die Freuden einer Mutter erlebt, ihn nicht hatte heranwachsen sehen. Dann aber zeigte sie ihm das reine weiße Hemdchen, das noch immer vor dem Tor lag. Wie zum Scherz stülpte sie es ihm über den Kopf. Kaum aber war dies geschehen, siehe, da waren auf einmal die beiden Alten verschwunden, als hätte es sie nie gegeben. Eine schöne, junge Frau aber beugte sich über ein winziges Wickelkind und lächelte es an. Da dankte Jean der goldenen Ziege und zog still mit seinen zwölf Säcken, die er auf Maultiere geladen hatte, von dannen. Er dachte an das schwarze Huhn des Köhlers, und er ging noch einmal zu der Köhlerhütte und ließ es sich geben. Eilends brachte er sodann die Schätze zum Schloss des Königs. Er bat den König und die Königin, dem Köhler zu verzeihen, was diese gerne taten, wenn sie nur ihre Tochter wiederhaben konnten. Jean aß sodann ein kräftiges Büschel Bitterkraut und ritt zu dem Turm, in dem die Prinzessin gefangen gehalten wurde. Er setzte sich das schwarze Huhn des Köhlers auf die Schulter und sprach:

»Vor mir sei Nacht, hinter mir sei Tag, auf dass kein Aug‘ mich zu sehen vermag. «

Da wurde Jean unsichtbar, und er konnte mit Leichtigkeit in den Turm gelangen. Unbemerkt trug er die Prinzessin hinaus, vorbei an den Wachen, die Karten spielten. In gestrecktem Galopp ritten sie zum Schloss des Königs, wo alles sich über das feurige Ross ohne Reiter verwunderte. Dann aber sprach Jean die Worte:

»Hinter mir die Nacht, vor mir der Tag, auf dass uns ein jeder zu sehen vermag. «

Im selben Augenblick waren Jean und die Prinzessin wieder sichtbar, und alle umarmten und küssten sich.

Der König aber sprach zu Jean: »Du sollst meine Tochter zur Frau bekommen und nach meinem Tode an ihrer Seite regieren. «

So geschah es auch. Noch am gleichen Tage wurde die Hochzeit von Jean und der Prinzessin gefeiert. Die Hochzeit dauerte sieben Wochen lang, und man hat seither kein solches Fest mehr erlebt.

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