Es lebten einmal ein König und eine Königin, aber sie hatten keine Kinder. Darum baten sie jeden Tag Gott, er möge ihnen einen Sohn als Nachfolger auf ihrem Thron senden. Nach langer Zeit hatte Gott Mitleid mit ihnen, und sie bekamen einen schönen Sohn. Wegen ihrer großen Liebe aber und aus Furcht, der junge könnte, sobald er herangewachsen war, sie verlassen und fortziehen, ließen der König und die Königin einen großen gläsernen Turm bauen und schlossen ihn darin ein. Diesen Turm durften nur sie selbst, die Lehrer und die Diener des Königssohnes betreten, und allen war es verboten, über die Welt draußen zu sprechen.

So wuchs Ferendinos, ihr Sohn, heran und wurde ein starker und schöner junger Mann, ohne zu wissen, dass es noch eine andere Welt und andere Menschen außer ihm und den Seinen gab. Eines Tages vergaß ein Lehrer seine Zeitung im Turm. Ferendinos fand sie, nahm sie und las von einem großen Fest, das der Sultan in Konstantinopel gab. Wer ist wohl dieser Sultan, dachte er, und was ist Konstantinopel? Den ganzen Morgen war er nachdenklich und unruhig. Beim Mittagessen geriet er in Zorn über einen Diener, ergriff einen Knochen und schleuderte ihn voll Kraft an die Wand. Die gläserne Mauer zerbrach, und durch das Loch sah Ferendinos den Himmel und das Meer, er sah auch eine Frau, die mit zwei Kannen auf den Schultern vom Brunnen zurückkehrte.

Als am Abend seine Eltern kamen, sagte der Königssohn: »Ich werde nach Konstantinopel gehen!« Der König weinte, die Königin schluchzte: »Wohin willst du gehen, lieber Sohn?« Aber Ferendinos blieb bei seinem Plan: »Ich will nach Konstantinopel gehen, und nach vierzig Tagen werde ich zurückkehren.« Der König willigte schließlich ein und ließ ein Schiff bauen, wie es noch nie eins auf dem Meere gegeben hatte. Sein Rumpf war aus reinem Gold, seine Segel aus Seide, und seine Ladung waren Diamanten und andere kostbare Steine, und zu Schiffsleuten nahmen sie die kräftigsten jungen Männer der Insel.

Als das Schiff fertig war, nahm Ferendinos Abschied von den Seinen und fuhr nach Konstantinopel. Tag und Nacht segelten sie, bis sie eines Morgens vor der Stadt ankamen. Ein paar Fischer, die in der Frühe fischten, sahen weit draußen im Meer ein Ding, das funkelte, als ob die Sonne ihm ihr Licht geliehen hätte. Sofort laufen sie zum Sultan und erzählen es ihm: »Sultan, lang mögest du leben, draußen auf dem Meer ist ein Ding, das glitzert. « Der Sultan tritt auf den Balkon. Was sieht er da? Vor dem Hafen von Konstantinopel ein ganz goldenes Schiff, das unter den Strahlen der Sonne glänzt. »Schnell«, ruft er, »macht alles bereit. Gewiss kommt da ein großmächtiger Herr. Ich will mit meinem Zwölferrat hinuntergehen und ihn empfangen.« So geschah es.

Als Ferendinos‘ Schiff Anker geworfen hatte, kamen der Sultan und sein Zwölferrat an Bord. Ferendinos nahm sie auf, bot ihnen Konfekt an, und als sie fortgingen, gab er einem jeden ein Päckchen mit kostbaren Steinen. Der Sultan lud Ferendinos am nächsten Tag in den Palast ein, um seine Dankbarkeit zu zeigen, aber im Grunde hatte er etwas ganz anderes im Sinn. Er hatte nämlich eine Krankheit, die sie Grind nannten, und die Ärzte hatten ihm gesagt, dass es nur ein Mittel für seine Genesung gäbe: er müsse einen Königssohn von zwanzig Jahren, der einziges Kind seiner Eltern wäre, vierzig Tage lang mit Pinienkernen und Essig ernähren, ihn dann schlachten und sein Blut trinken. Er glaubte nun, dass Ferendinos der Richtige sei, rief seine wunderschöne Tochter und sagte zu ihr: »Sieh, morgen früh wird Ferendinos kommen. Wenn er sich zum Mittagsschlaf hinlegt, sollst du seine Zimmertür verschließen.« So geschah es auch.

Am nächsten Tag brachte die Sultanstochter Ferendinos in sein 7immer, und sobald er eingetreten war, verschloss sie die Tür. Der junge Mann legte sich schlafen. Als er aufgewacht war, wollte er die Tür öffnen und fand sie verschlossen. Sonderbar, dachte er, warum verschließen sie die Tür? Am Abend kam die Sultanstochter und brachte ihm Pinienkerne zum Essen und dazu einen Krug Essig. »Warum habe Ihr mich eingeschlossen?« fragte der Königssohn. Die Sultanstochter hatte sich auf den ersten Blick in den hübschen jungen Mann verliebt. Darum sagte sie zu ihm: »So und so ist es. Mein Vater will dich schlachten, aber ich werde dich retten. Die Pinienkerne, die ich dir bringe, sollst du essen, aber den Essig schütte in die Zimmerecke, damit die Mauer aufweicht, dass du sie niederreißen und fliehen kannst.« So sagte sie, und so taten sie.

Vierzig Tage lang goss der Königssohn den Essig an die Mauer, die schon ziemlich aufgeweicht war. Am letzten Tag brachte ihm die Sultanstochter eine Strickleiter. Er gab der Wand einen Fußtritt, und sie gab nach. »Lauf rasch davon«, sagte die Sultanstochter, »bevor mein Vater etwas erfährt. Und viel Glück!« – »Ich gehe nicht fort«, sagte Ferendinos, »wie kann ich dich zurücklassen? Du musst mit mir kommen. « Also steigen Ferendinos und das Mädchen die Leiter hinab, laufen zum Hafen und besteigen das Schiff. Die Segel werden gesetzt und fort geht’s. Inzwischen will der Sultan den Königssohn holen, um ihn zu töten. Aber was muss er sehen? Das Zimmer ist leer, die Wand niedergebrochen und Ferendinos fort. Er sucht seine Tochter. Nirgends findet er sie. Er geht hinaus auf den Balkon und erblickt das Schiff, das sich schnell entfernt. Da merkt er, dass sie geflohen sind. In seinem großen Zorn verflucht er seine Tochter und sagt: »Geh, meine Tochter, wenn ihr ankommt und seine Mutter ihn küsst, dann soll er dich vergessen!« Neben dem Sultan steht seine Frau. Wie sie die Verwünschung hört, sagt sie zu ihm: »Hast du denn kein Mitleid mit unserer Tochter, die in ein fremdes Land zieht? Komm, sei vernünftig und mildere den Fluch!« Da änderte er den Fluch und sagte: »Geh, meine Tochter, wenn ihr ankommt und seine Mutter ihn küsst, soll er dich vergessen. Aber wenn sie ihn wiederum küsst, soll er sich wieder deiner erinnern!«

Die Sultanstochter, die eine Zauberin war, hatte den Fluch verstanden, aber sie sagte nichts, und das Schiff fuhr immer weiter.

Lassen wir jetzt Ferendinos und sehen wir, was aus dem König und der Königin, seinen Eltern, geworden ist. Als die vierzig Tage um waren und der Königssohn nicht wiederkam, meinten sie, er wäre gestorben. Der König kleidete sich schwarz, schwarz die Königin, Schwarz trug der ganze Palast. Klagen und Weinen war auf der ganzen Insel. Eines Tages sahen sie plötzlich von weitem das goldene Schiff kommen. Freude und Lachen überall! Die Glocken läuteten. Das Schiff warf Anker. Alle stiegen aus. Da sagte Ferendinos zur Sultanstochter: »Ich will dich mit Ehren und Glanz in den Palast bringen. Deshalb bleibe hier im Gasthof, bis ich hinaufgehe, um dich mit meinem ganzen Gefolge abzuholen.« – »Gut«, sagte das Mädchen, »nur achte darauf, dass deine Mutter dich nicht küsst. Denn wenn sie dich küsst, wirst du mich sofort vergessen.«

»Hab keine Sorge«, erwiderte Ferendinos.

Er stieg hinauf in die Stadt, wo ihn die Seinen mit Sehnsucht erwarteten. Die Königin wollte ihn küssen, aber ihr Sohn ließ es nicht zu. Mittags bei Tisch erzählte er seine Geschichte und auch von dem schönen Mädchen, das ihn gerettet hatte. Er legte sich zum Mittagsschlaf und sagte ihnen, wenn er wieder aufstehen würde, wolle er das Mädchen vom Hafen her holen. Bevor er einschlief, rief er Stephanus, seinen treuen Diener, und sagte zu ihm: »Stephanus, geh zum Hafen und hole frische Fische!« Stephanus entfernte sich, der Königssohn legte sich nieder und ließ die Tür offen, denn es war sehr heiß. Aber als er da lag und schlief, kam die Mutter herein und küsste ihn. Nachmittags, als er aufwachte, erinnerte er sich an keine Sultanstochter, an gar nichts, er fragte nur seine Mutter: »Mutter, kam Stephanus zurück?« – »Nein, mein Sohn«, erwiderte die Königin.

Also brach Ferendinos auf, um Stephanus zu suchen. Am Hafen unten findet er den Diener, wie er vor dem Gasthof steht und zu einen, Fenster hinauf schaut. Er fragt ihn also:

»Was treibst du, lieber Stephanus, dass du da stehst und starrest? Verlorst du wohl das bare Geld und musst nun mühsam rechnen?«

Ihm antwortete Stephanus:

»Das bare Geld verlor ich hier im Anblick dieser Edlen. Ich weiß ja nicht, ob Ihr erfuhrt, dass man hierher sie brachte.«

Die Sultanstochter, denn das war die Edle, beugte sich über den Balkon und sagte:

»Wer ist denn das, der draußen spricht, der junge Mann dort unten? Die Zunge sollte man ihm wohl zur Lehre etwas kürzen.«

Zornig fuhr Ferendinos auf und antwortete:

»Acht du auf deine Worte, Frau, und mäßige deine Rede. Der junge Mann, der mit dir spricht, ist ja der Sohn des Königs.«

Lächelnd antwortet das Mädchen:

»Ich fürcht‘ den König wahrlich nicht und nicht die ganze Staatsmacht. Mein Urteil sprecht mir offen aus vorm Antlitz seiner Hoheit.«

Da geriet der Königssohn erst recht in Zorn und befahl, sie vor Gericht zu bringen, weil sie den Sohn des Königs beschimpft habe. Es kam der Tag des Gerichts und die Stunde, da die Königstochter sich verteidigen sollte. Wie sie sich erhob und sich grad aufrichtete, erglänzte der ganze Saal von ihrer Schönheit. Zuerst wandte sie sich an Ferendinos:

»Erinnerst du dich, Ferendin, erinnerst du dich nicht mehr? Mit Zuckerwerk und süßer Nuss hab ich dich lang gesättigt. Erinnerst du dich an die Wand, die wir mit Essig netzten? Erinnerst du dich an die Fahrt, die wir zusammen machten?«

Dann wandte sie sich an die Königin:

»Oh, mach dich auf, Frau Königin und Herrscherin, du große, gib ihm noch einmal deinen Kuss, dass ihm Erinnerung komme!«

Da stand die Königin auf, gab ihrem Sohn noch einmal einen Kuss, und die Erinnerung kam ihm wieder. Nach wenigen Tagen wurde mit großen Freuden und Festen die Hochzeit des Ferendinos mit der Sultanstochter gefeiert. Und sie lebten gut und wir noch besser.

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