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Strohhalm, Kohle und Bohne

Gebr. Grimm

In einem Dorfe wohnte eine arme alte Frau, die hatte ein Gericht Bohnen zusammen gebracht und wollte sie kochen. Sie machte also auf ihrem Herd ein Feuer zurecht, und damit es desto schneller brennen sollte, zündete sie es mit einer Hand voll Stroh an. Als sie die Bohnen in den Topf schüttete, entfiel ihr unbemerkt eine, die auf dem Boden neben einen Strohhalm zu liegen kam; bald danach sprang auch eine glühende Kohle vom Herd zu den beiden herab. Da fing der Strohhalm an und sprach „liebe Freunde, von wannen kommt ihr her?“ Die Kohle antwortete „ich bin zu gutem Glück dem Feuer entsprungen, und hätte ich das nicht mit Gewalt durchgesetzt, so war mir der Tod gewiss: ich wäre zu Asche verbrannt.“ Die Bohne sagte „ich bin auch noch mit heiler Haut davon gekommen, aber hätte mich die Alte in den Topf gebracht, ich wäre ohne Barmherzigkeit zu Brei gekocht worden, wie meine Kameraden.“ „Wäre mir denn ein besser Schicksal zu Teil geworden?“ sprach das Stroh, „alle meine Brüder hat die Alte in Feuer und Rauch aufgehen lassen, sechszig hat sie auf einmal gepackt und ums Leben gebracht. Glücklicherweise bin ich ihr zwischen den Fingern durchgeschlüpft.“ „Was sollen wir aber nun anfangen?“ sprach die Kohle. „Ich meine,“ antwortete die Bohne, „weil wir so glücklich dem Tode entronnen sind, so wollen wir uns als gute Gesellen zusammen halten und, damit uns hier nicht wieder ein neues Unglück ereilt, gemeinschaftlich auswandern und in ein fremdes Land ziehen.“

Der Vorschlag gefiel den beiden andern, und sie machten sich miteinander auf den Weg. Bald aber kamen sie an einen kleinen Bach, und da keine Brücke oder Steg da war, so wussten sie nicht wie sie hinüber kommen sollten. Der Strohhalm fand guten Rath und sprach „ich will mich quer über legen, so könnt ihr auf mir wie auf einer Brücke hinüber gehen.“ Der Strohhalm streckte sich also von einem Ufer zum andern, und die Kohle, die von hitziger Natur war, trippelte auch ganz keck auf die neugebaute Brücke. Als sie aber in die Mitte gekommen war und unter ihr das Wasser rauschen hörte, ward ihr doch angst: sie blieb stehen und getraute sich nicht weiter. Der Strohhalm aber fing an zu brennen, zerbrach in zwei Stücke und fiel in den Bach: die Kohle rutschte nach, zischte wie sie ins Wasser kam und gab den Geist auf. Die Bohne, die vorsichtigerweise noch auf dem Ufer zurückgeblieben war, musste über die Geschichte lachen, konnte nicht aufhören und lachte so gewaltig dass sie zerplatzte. Nun war es ebenfalls um sie geschehen, wenn nicht zu gutem Glück ein Schneider, der auf der Wanderschaft war, sich an dem Bach ausgeruht hätte. Weil er ein mitleidiges Herz hatte, so holte er Nadel und Zwirn heraus und nähte sie zusammen. Die Bohne bedankte sich bei ihm aufs schönste, aber da er schwarzen Zwirn gebraucht hatte, so haben seit der Zeit alle Bohnen eine schwarze Naht.

Vom unsichtbaren Königreich

In einem kleinen Haus, das wohl eine Viertelstunde abseits von dem übrigen Dorf auf der halben Berghöhe lag, wohnte mit seinem alten Vater ein junger Bauer namens Jörg. Es gehörten zu dem Haus soviel Acker und Feld, dass beide keine Sorgen hatten. Gleich hinter dem Haus fing der Wald an, mit Eichen und Buchen und so alt, dass die Enkelkinder von denen. die sie gepflanzt hatten, schon seit mehr als hundert Jahren tot waren. Vor dem Haus lag ein alter, zerbrochener Mühlstein – wer weiß, wie er dahin gekommen war. Wer sich auf ihn setzte, der hatte eine wunderschöne Aussicht hinab ins Tal, auf den Fluss, der das Tal durchströmte, und die Berge, die jenseits des Flusses aufstiegen. Hier saß der Jörg am Abend, wenn er seine Arbeit auf dem Feld getan hatte, den Kopf auf die Hände und die Ellbogen auf die Knie gestützt, oft stundenlang und träumte Und weil er sich wenig um die Leute im Dorf kümmerte und meist still und in sich gekehrt einherging wie einer, der an allerhand denkt, nannten ihn die Leute spöttisch den Traumjörg.

Je älter er wurde, desto stiller wurde er noch. Als sein alter Vater starb und er ihn unter einer großen, alten Eiche begraben hatte, wurde er ganz still. Wenn er dann auf dem alten, zerbrochenen Mühlstein saß, was er jetzt noch viel häufiger tat als zuvor, und hinab in das herrliche Tal sah, wie die Abendnebel an dem einen Ende hereintraten und langsam an den Bergen hinwandelten, wie es dann dunkler wurde und dunkler, bis zuletzt der Mond und die Sterne in ihrer ganzen Herrlichkeit am Himmel heraufzogen, wurde ihm recht wunderbar ums Herz. Denn dann fingen die Wellen im Fluss zu singen an, zuerst ganz leise, bald aber deutlich vernehmbar, und sie sangen von den Bergen, von denen sie kamen, vom Meer, wohin sie wollten, und von den Nixen, die tief auf dem Grunde des Flusses wohnen. Dann begann auch der Wald zu rauschen, ganz anders wie ein gewöhnlicher Wald, und erzählte die wunderbarsten Dinge. Besonders der alte Eichbaum, der an seines Vaters Grab stand, der wusste noch viel mehr als die anderen Bäume. Die Sterne aber, die hoch am Himmel standen, flimmerten und zitterten, als ob sie es gar nicht mehr aushalten könnten, in den grünen Wald und in den blauen Fluss herabzufallen. Doch die Engel, von denen hinter jedem Stern einer steht, hielten sie fest und sagten: „Sterne, Sterne, macht keine Torheiten! Ihr seid ja viel zu alt dazu, viel tausend Jahre und noch mehr! Bleibt im Lande und seid zu frieden!“

Es war ein wunderbares Tal! Aber alles das sah und hörte nur der Traumjörg. Die Leute, die im Dorf wohnten, ahnten nichts davon, denn es waren ganz gewöhnliche Leute. Dann und wann schlugen sie einen von den alten Baumriesen um, zersägten und zerspellten ihn, und wenn sie eine hübsche Klafter aufgerichtet hatten, sprachen sie: „Nun können wir uns wieder eine Weile Kaffee kochen.“ Und im Fluss waschen sie ihre Wäsche. Das war ihnen sehr bequem. Von den Sternen aber, wenn sie so recht funkelten, sagten sie weiter nichts als: „Es wird heute Nacht recht kalt werden, wenn nur unsere Kartoffeln nicht einfrieren.“ Versuchte es einmal der Traumjörg, ihnen eine andere Meinung beizubringen, so lachten sie ihn aus. Es waren eben ganz gewöhnliche Menschen.

Als Jörg eines Tages wieder auf dem alten Mühlstein saß und bei sich bedachte, dass er doch auf der ganzen Welt mutterseelenallein sei, schlief er ein. Da träumte ihm, es hinge vom Himmel eine goldene Schaukel an zwei silbernen Seilen herab. Jedes Seil war an einem Stern befestigt. Auf der Schaukel aber saß eine reizende Prinzessin, die schaukelte sich so hoch, dass sie vom Himmel zur Erde herab- und von der Erde wieder zum Himmel hinaufflog. Jedes Mal, wenn die Schaukel bis an die Erde kam, klatschte die Prinzessin vor Freude in ihre Hände und warf ihm eine Rose zu. Aber plötzlich rissen die Seile, und die Schaukel mit der Prinzessin flog weit in den Himmel hinein, immer weiter, immer weiter, bis er sie zu letzt nicht mehr sehen konnte. Da wachte er auf, und als er sich umsah, lag neben ihm auf dem Mühlstein ein großer Strauß Rosen.

Am nächsten Tag schlief er wieder ein und träumte das gleiche, und beim Erwachen lagen wieder die Rosen da.

So ging es die ganze Woche hindurch. Da sagte sich Traumjörg, es müsse doch irgend etwas Wahres an dem Traum sein, weil er ihn immer wieder träumte. Er schloss sein Haus zu und machte sich auf, die Prinzessin zu suchen.

Nachdem er viele Tage gegangen war, erblickte er von weitem ein Land, wo die Wolken bis auf die Erde hingen. Er wanderte rüstig darauf zu, kam aber in einen großen Wald. Plötzlich hörte er hier ein ängstliches Stöhnen und Wimmern, und als er auf die Stelle zugegangen war, sah er einen ehrwürdigen Greis mit silbergrauem Bart auf der Erde liegen. Zwei hässliche, splitternackte Kerle knieten auf ihm und versuchten, ihn zu erwürgen. Da blickte er um sich, ob er nicht irgendeine Waffe fände, mit der er den Kerlen zu Leibe gehen könnte, und da er nichts fand, riss er in seiner Todesangst einen großen Baumast ab. Kaum jedoch hatte er diesen erfasst, da verwandelte er sich in seinen Händen in eine mächtige Hellebarde. Damit stürmte er auf die beiden Ungeheuer los und rannte sie ihnen durch den Leib, so dass sie mit Geheul den Alten losließen und fortsprangen.

Darauf hob er den ehrwürdigen Greis auf, tröstete ihn und fragte, war um ihn die beiden nackten Kerle hatten erwürgen wollen.

Da erzählte der Alte, er sei der König der Träume und aus Versehen etwas vom Wege ab in das Reich seines größten Feindes, des Königs der Wirklichkeit, gekommen. Sobald dies der König der Wirklichkeit bemerkt hatte, habe er ihm durch zwei Diener auflauern lassen, damit sie ihm den Garaus machten.

„Hast du denn dem König der Wirklichkeit etwas zuleide getan?“ fragte Traumjörg.

„Behüte Gott!“ versicherte der Alte. „Er wird überhaupt sehr leicht gegen andere ausfällig. Das liegt in seinem Charakter – und mich hasst er besonders.“ „Aber die Kerle, die dich erwürgen sollten, waren ja ganz nackt!“ warf Traumjörg ein.

„Jawohl“, sagte der König, „splitterfasernackt. Das ist so Mode im Lande der Wirklichkeit. Alle Leute gehen dort nackt, selbst der König, und schämen sich nicht. Es ist ein abscheuliches Volk! – Weil du mir nun aber das Leben gerettet hast, will ich mich dankbar gegen dich erweisen und dir mein Land zeigen. Es ist wohl das herrlichste der Welt, und die Träume sind meine Untertanen!“

Darauf ging der König der Träume voran, und Jörg folgte ihm. Als sie an die Stelle kamen, wo die Wolken auf die Erde hingen, wies der König auf eine Falltür, die so versteckt im Busch lag, dass sie gar nicht zu finden war, wenn man es nicht wusste. Er hob sie auf und führte seinen Begleiter fünfhundert Stufen hinab in eine hellerleuchtete Grotte, welche sich meilenweit in wunderbarer Pracht dahinzog. Es war unsagbar schön! Da waren Schlösser auf Inseln mitten in großen Seen, und die Inseln schwammen umher wie Schiffe. Wenn man in ein solches Schloss hineingehen wollte, brauchte man sich nur ans Ufer zu stellen und zu rufen:

„Schlösslein, Schlösslein, schwinun heran,

dass ich in dich ‚reingehn kann!“

Dann kam es von selbst an das Ufer. Aber es waren noch andere Schlösser da auf Wolken, die flogen langsam durch die Luft. Sprach man:

„Steig herab, mein Luftschlösslein,

dass ich kann in dich hinein!“,

so senkten sie sich langsam nieder. Außerdem waren noch Gärten da mit Blumen, die am Tag dufteten und in der Nacht leuchteten, schillernde Vögel, die Märchen erzählten,und eine Menge anderer, wunderbarer Dinge. Traumjörg konnte mit dem Staunen und Wundern gar nicht fertig werden.

„Nun will ich dir noch meine Untertanen, die Träume, zeigen“, sagte der König. „Ich habe deren drei Arten: gute Träume für die guten Menschen, böse Träume für die bösen und Traumkobolde, mit denen ich zu weilen Spaß treibe, denn ein König muss doch auch seinen Spaß haben.“

Zuerst führte er ihn also in eins der Schlösser, das eine so verzwickte Bauart hatte, dass es förmlich komisch aussah. „Hier wohnen die Traumkobolde“, sprach er, „kleines, übermütiges, schabernackiges Volk. Tut niemandem etwas zuleide, aber neckt gern.“

„Komm einmal her, Kleiner“, rief er darauf einem der Kobolde zu, „und sei einmal einen einzigen Augenblick ernsthaft.“ Dann fuhr er fort, zu Traumjörg gewandt: „Weißt du, was der Schelm tut, wenn ich ihm ein mal ausnahmsweise erlaube, auf die Erde hinaufzusteigen? Er läuft in das nächste Haus, holt den erstbesten Menschen, der gerade wunderschön schläft, aus den Federn, trägt ihn auf den Kirchturm und wirft ihn kopf über hinunter. Dann springt er eiligst die Turmtreppe hinab, so dass er unten eher ankommt, fängt ihn auf, trägt ihn wieder nach Haus und schmeißt ihn so ins Bett, dass es kracht und er davon aufwacht. Dann reibt sich der den Schlaf aus den Augen, sieht sich ganz verwundert um und spricht: ,Ei du lieber Gott, war’s mir doch gerade, als ob ich vom Kirchturm herabfiele. Es ist nur gut, dass ich nur geträumt habe.'“

„Das ist er?“ rief Traumjörg. „Siehst du, der ist auch schon einmal bei mir gewesen! Wenn er aber wieder kommt und ich erwische ihn, soll’s ihm schlecht gehen.“ Kaum hatte er dies gesagt, so sprang ein anderer Traumkobold unter dem Tisch hervor. Der sah fast aus wie ein kleiner Hund, denn er hatte ein ganz zottiges Wämslein an, und die Zunge streckte er auch heraus.

„Der ist auch nicht viel besser“, meinte der Traumkönig, „er bellt wie ein Hund, und dabei hat er Kräfte wie ein Riese. Wenn dann die Leute im Traum Angst bekommen, hält er sie an Händen und Füßen fest, damit sie nicht fort können.“

„Den kenne ich auch“, fiel Traumjörg ein. „Wenn man fort will, ist es einem, als ob man starr und steif wie ein Stück Holz wäre. Will man den Arm aufheben, geht es nicht, und will man die Beine rühren, geht es auch nicht. Manchmal aber ist’s kein Hund, sondern ein Bär oder ein Räuber oder sonst etwas Schlinunes.“ –

„Ich werde ihnen nie wieder erlauben, dich zu besuchen, Traumjörg“, beruhigte ihn der König. „Nun komm einmal zu den bösen Träumen, aber fürchte dich nicht, sie werden dir keinen Schaden zufügen. Sie sind nur für die bösen Menschen.“ Damit traten sie in einen ungeheuren Raum, der von einer hohen Mauer umgeben und mit einer gewaltigen Tür verschlossen war. Hier wimmelte es von gräulichen Gestalten und entsetzlichen Ungeheuern. Manche sahen halb wie Menschen, halb wie Tiere, manche ganz wie Tiere aus. Erschrocken wich Traumjörg bis an die eiserne Tür zurück Doch der König redete ihm freundlich zu und sprach: „Willst du dir nicht genauer besehen, was böse Menschen träumen?“ Und er winkte einem Traum, der zunächst stand, das war ein scheußlicher Riese, der hatte unter jedem Arm ein Mühlrad.

„Erzähle, was du heute nacht tun wirst!“ herrschte ihn der König an. Da zog das Ungeheuer den Kopf zwischen die Schultern und den Mund bis zu den Ohren, wackelte mit dem Rücken wie einer, der sich so recht freut, und sagte grinsend: „Ich gehe zum reichen Mann, der seinen Vater hungern ließ. Als der alte Mann sich eines Tages auf die steinerne Treppe vor dem Haus seines Sohnes gesetzt hatte und um Brot bat, kam der Sohn und sagte zum Gesinde: ,Jagt mir einmal den Hampelmann fort!‘ Da gehe ich nun nachts zu ihm und ziehe ihn zwischen den beiden Mühlrädern durch, bis alle seine Knochen hübsch kurz und klein gebrochen sind. Ist er dann so recht geschmeidig und zappelig geworden, so nehme ich ihn am Kragen, schüttle ihn und sage: ,Siehst du, wie hübsch du nun zappelst, du Hampelmann!‘ Dann wacht er auf, klappert mit den Zähnen und ruft: ,Frau, bring mir noch ein Deckbett, mich friert.‘ Und wenn er wieder ein geschlafen ist, mache ich’s noch einmal!“ Als Traumjürg das hörte, drängte er mit Gewalt zur Tür hinaus, den König nach sich ziehend, und rief: „Nicht einen Augenblick länger bleibe ich hier bei den bösen Träumen. Das ist ja entsetzlich.“ Und der König führte ihn nun in einen prächtigen Garten, in dem die Wege von Silber, die Beete von Gold und die Blumen von geschliffenen Edelsteinen waren. Hier gingen die guten Träume spazieren. Das erste, was er sah, war eine blasse, junge Frau, die hatte unter dem Arm eine Arche Noah und unter dem andern einen Baukasten.

„Wer ist denn das?“ fragte Traumjörg. „Die geht abends immer zu einem kleinen kranken Jungen, dem die Mutter gestorben ist. Am Tage ist er ganz allein, und niemand kümmert sich um ihn. Aber gegen Abend geht sie zu ihm, spielt mit ihm und bleibt die ganze Nacht. Er schläft immer schon sehr früh ein, darum geht sie auch so zeitig. Die anderen Träume gehen viel später. – Komm nur weiter, wenn du alles sehen willst, dann müssen wir uns sputen!“

Sie gingen nun tiefer in den Garten hinein, mitten unter die guten Träume. Es waren Männer, Frauen, Greise und Kinder, alle mit lieben und guten Gesichtern und in den schönsten Kleidern. In den Händen trugen viele von ihnen alle möglichen Dinge, die sich das Herz nur wünschen kann. – Auf einmal blieb Traumjörg stehen und schrie so laut auf, dass alle Träume sich umsahen.

„Was hast du denn?“ fragte der König.

„Da ist ja meine Prinzessin, die mir so oft erschienen ist und mir die Rosen geschenkt hat!“ rief Traumjörg voll Freude. „Freilich, freilich!“ erwiderte der König, „das ist sie. Nicht wahr, ich habe dir immer einen sehr hübschen Traum geschickt? Es ist beinahe der hübscheste, den ich habe.“

Da lief Traumjörg auf die Prinzessin zu, die gerade wieder auf ihrer kleinen goldenen Schaukel saß und sich schaukelte. Sobald sie ihn kommen sah, sprang sie herab und ihm gerade in die Arme. Er aber nahm sie an der Hand und führte sie zu einer goldenen Bank. Da setzten sich beide hin und erzählten einander, wie hübsch es sei, sich wieder zu sehen. Als sie damit fertig waren, fingen sie wieder von vorne an. Der König der Träume ging mittlerweile auf dem großen Weg. der schnurgerade durch den Garten führte, auf und ab, die Hände auf dem Rücken, und sah zuweilen nach der Uhr, weil Traumjörg und die Prinzessin immer noch nicht mit dem fertig waren, was sie sich zu erzählen hatten. Zuletzt ging er doch zu ihnen und sagte: „Kinder, nun ist es genug! Du, Traumjörg, hast noch weit nach Hause, und über Nacht kann ich dich nicht hier behalten, denn ich habe keine Betten, weil die Träume nicht schlafen, sondern nachts immer zu den Menschen auf die Erde gehen müssen. Du, Prinzesschen, du musst dich Fertigmachen. Zieh dich heute einmal ganz rosa an, und nachher komm zu mir, damit ich dir sage, wem du heute erscheinen und was du ihm sagen sollst.“

Als Traumjörg das hörte, wurde er auf einmal so mutig wie noch nie in seinem Leben. Er stand auf und sagte mit fester Stimme: ,.Herr König, von meiner Prinzessin lass‘ ich nie und nimmermehr Entweder Ihr müsst mich hier unten behalten oder Ihr müsst sie mir mit auf die Erde geben. Ich kann ohne sie nicht leben, dazu habe ich sie viel zu lieb.“ Dabei trat ihm in jedes Auge eine Träne, so groß wie eine Haselnuss.

„Aber Jörg, Jörg“, erwiderte der König, „es ist ja der allerhübscheste Traum, den ich habe! Doch du hast mir das Leben gerettet, so sei es denn. Nimm deine Prinzessin und steige mit ihr hinauf auf die Erde. Sobald du oben angelangt bist, nimm ihr den silbernen Schleier vom Kopf und wirf ihn mir durch die Falltür wieder herab. Dann wird deine Prinzessin von Fleisch und Blut wie ein anderes Menschenkind sein. Jetzt ist sie ja nur ein Traum!“

Da bedankte sich Traumjörg auf das herzlichste und sagte: „Lieber König, weil du nun einmal so überaus gut bist, so möchte ich wohl noch eine Bitte wagen. Sieh, eine Prinzessin habe ich nun, doch es fehlt mir das Königreich. Und eine Prinzessin ohne Königreich ist ganz unmöglich Kannst du mir nicht eins verschaffen, wenn es auch nur ein ganz kleines ist?“

Darauf antwortete der König: „Sichtbare Königreiche, Traumjörg, habe ich zwar nicht zu vergeben, aber unsichtbare. Davon sollst du eins haben, und zwar eins der größten und herrlichsten, die ich besitze.“

Da fragte Traumjörg, wie es mit den unsichtbaren Königreichen beschaffen wäre, doch der König bedeutete ihm, er würde das schon alles erfahren und sein blaues Wunder erleben, so schön und herrlich sei es mit den unsichtbaren Königreichen.

„Mit den gewöhnlichen, sichtbaren“, sagte er, „ist es doch zuweilen eine sehr unangenehme Sache. Zurn Beispiel: Du bist König in einem gewöhnlichen Königreich, und frühmorgens tritt der Minister an dein Bett und sagt: ,Majestät, ich brauche tausend Taler fürs Reich.‘ Darauf öffnest du die Staatskasse und findest nicht einen Heller darin! Was willst du dann anfangen? Oder ein anderes: Du bekommst Krieg und verlierst, und der andere König, der dich besiegt hat, heiratet deine Prinzessin, dich aber sperrt er in einen Turm. So etwas kann in einem unsichtbaren Reich nicht vorfallen!“

„Wenn wir es aber nicht sehen“, fragte Traumjörg, noch immer etwas betreten, „was kann uns dann unser Königreich nützen?“

„Du sonderbarer Mensch“, sagte der König darauf und hielt den Zeigefinger an die Stirn, „du und deine Prinzessin, ihr seht es schon. Ihr seht die Schlösser und Gärten, die Wiesen und Wälder, die zu dem Königreich gehören, wohl! Ihr wohnt darin, geht spazieren und könnt alles damit machen, was euch gefällt. Nur die anderen Leute sehen es nicht.“

Da war Traumjörg hoch erfreut, denn es war ihm schon etwas ängstlich geworden, ob die Leute im Dorf ihn nicht scheel ansehen würden, wenn er mit seiner Prinzessin nach Haus käme und König wäre. Er nahm sehr gerührt Abschied vom König der Träume, stieg mit der Prinzessin die fünfhundert Stufen hinauf, nahm ihr den silbernen Schleier vom Kopf und warf ihn hinunter. Darauf wollte er die Falltür zumachen, aber sie war sehr schwer. Er konnte sie nicht halten und ließ sie zufallen. Da gab es einen großen Krach, und es vergingen ihm auf einen Augenblick die Sinne. Als er wieder zu sich kam, saß er vor seinem Häuschen auf dem alten Mühlstein und neben ihm die Prinzessin. Sie war von Fleisch und Blut wie ein gewöhnliches Menschenkind. Sie hielt seine Hand, streichelte sie und sagte: „Du lieber, guter Mensch, du hast dich so lange nicht getraut, mir zu sagen, wie lieb du mich hast! Hast du dich denn vor mir gefürchtet?“

Und der Mond ging auf und beleuchtete den Fluss, die Wellen schlugen klingend ans Ufer, und der Wald rauschte. Doch sie saßen noch immer und schwatzten. Da war es plötzlich, als wenn eine kleine ganz schwarze Wolke vor den Mond träte, und auf einmal fiel etwas vor ihre Füße nieder wie ein großes zusammengelegtes Tuch. Dann leuchtete der Mond wieder in vollem Glanze. Sie hoben das Tuch auf und breiteten es auseinander Es war aber sehr fein und viele hundert Male zusammengelegt, so dass sie viel Zeit brauchten. Als sie es vollständig auseinandergefaltet hatten, sah es aus wie eine große Landkarte. In der Mitte zog sich ein Fluss hin, und zu beiden Seiten waren Städte, Wälder und Seen. Da merkten sie, dass es ein Königreich war, das ihnen der gute Traumkönig vom Himmel hatte herunterfallen lassen. Und als sie nun ihr kleines Häuschen besahen, war es zu einem wundervollen Schloss geworden, mit gläsernen Treppen, Wänden von Marmor, Tapeten aus Samt und spitzen Türmen mit blauen Schieferdächern. Da fassten sie sich an und gingen in das Schloss hinein, und als sie eintraten, waren schon die Untertanen versammelt und verneigten sich tief. Pauken und Trompeten erschollen, und Edelknaben gingen vor ihnen her und streuten Blumen. Da waren sie König und Königin.

Am anderen Morgen aber lief es wie ein Feuer durch das Dorf, dass der Traumjörg wiedergekommen sei und sich ein Frau mitgebracht habe. „Das wird auch was recht Gescheites sein“, sagten die Leute. „Ich habe sie heute früh gesehen“, fiel einer von den Bauern ins Wort, ,als ich in den Wald ging. Sie stand mit ihm vor der Tür. Es ist nichts Besonderes, eine ganz gewöhnliche Person, klein und schmächtig. Ziemlich ärmlich war sie angezogen. Wo soll’s denn am Ende auch herkommen! Er hat nichts, da wird sie wohl auch nichts haben!“

So schwatzten sie, die dummen Leute, denn sie konnten nicht sehen, dass es eine Prinzessin war. Und dass sich das Häuschen in ein großes, wundervolles Schloss verwandelt hatte, bemerkten sie in ihrer Einfalt auch nicht, denn es war eben ein unsichtbares Königreich, was dem Traumjörg vom Himmel herabgefallen war. Aus diesem Grunde kümmerte er sich auch nicht um die dummen Leute, sondern lebte in seinem Königreich mit seiner lieben Prinzessin herrlich und vergnügt. Und sie bekamen sechs Kinder, eins schöner als das andere. Das waren lauter Prinzen und Prinzessinnen. Niemand aber wusste es im Dorf, denn dort waren die Leute viel zu einfältig, um es zu sehen.

Katz und Maus in Gesellschaft

Gebr. Grimm


Eine Katze und eine Maus wollten zusammen leben und Wirtschaft zusammen haben; sie sorgten auch für den Winter und kauften ein Töpfchen mit Fett, und weil sie keinen bessern und sicheren Ort wussten, stellten sie es unter den Altar in der Kirche, da sollt’ es stehen, bis sie sein bedürftig wären. Einstmals aber trug die Katze Gelüsten darnach, und ging zur Maus: „hör’ Mäuschen, ich bin von meiner Base zu Gevatter gebeten, sie hat ein Söhnchen geboren, weiß und braun gefleckt, das soll ich über die Taufe halten, lasse mich ausgehen und halt heut allein Haus.“ – „Ja, ja, sagte die Maus, geh hin, und wenn du was Gutes aßest, denk an mich, von dem süßen roten Wein tränke ich auch gern ein Tröpfchen.“ Die Katze aber ging geradeswegs in die Kirche und leckte die fette Haut ab, spazierte darnach um die Stadt herum und kam erst am Abend nach Haus. „Du wirst dich recht erlustigt haben, sagte die Maus, wie hat denn das Kind geheißen?“ – „Hautab, antwortete die Katze.“ – „Hautab? das ist ein seltsamer Name, den hab’ ich noch nicht gehört.“

Bald darnach hatte die Katze wieder ein Gelüsten, ging zur Maus und sprach: „ich bin aufs neue zu Gevatter gebeten, das Kind hat einen weißen Ring um den Leib, da kann ich’s nicht abschlagen, du musst mir den Gefallen tun und allein die Wirtschaft treiben.“ Die Maus sagte ja, die Katze aber ging hin und fraß den Fett Topf bis zur Hälfte leer. Als sie heim kam, fragte die Maus: „wie ist denn dieser Pate getauft worden?“ – „Halbaus“ – „Halbaus? was du sagst! den Namen hab’ ich gar noch nicht gehört, der steht gewiss nicht im Kalender.“

Die Katze aber konnte den Fett Topf nicht vergessen: „ich bin zum dritten Mal zu Gevatter gebeten, das Kind ist schwarz und hat bloß weiße Pfoten, sonst kein weißes Haar am ganzen Leib, das trifft sich alle paar Jahr nur einmal, du lässt mich doch ausgehen?“ – „Hautab, Halbaus, sagte die Maus, es sind so kuriose Namen, die machen mich so nachdenksam, doch geh nur hin.“ Die Maus hielt alles in Ordnung und räumte auf, dieweil fraß die Katze den Fett Topf rein aus und kam satt und dick erst in der Nacht wieder. „Wie heißt denn das dritte Kind?“ – „Ganzaus“ – „Ganzaus! ei! ei! Das ist der allerbedenklichste Namen, sagte die Maus; Ganzaus? was soll der bedeuten? gedruckt ist er mir noch nicht vorgekommen!“ damit schüttelte sie den Kopf und legte sich schlafen.

Zum vierten Mal wollte niemand die Katze zu Gevatter bitten; der Winter aber kam bald herbei. Wie nun draußen nichts mehr zu finden war, sagte die Maus zur Katze: „komm wir wollen zum Vorrat gehen, den wir in der Kirche unter dem Altar versteckt haben.“ Wie sie aber hinkamen, war alles leer – „Ach! sagte die Maus, nun kommt’s an den Tag, du hast Alles gefressen, wie du zu Gevatter ausgegangen bist, erst Haut ab, dann Halb aus, dann“ – „Schweig still, sagte die Katze, oder ich fresse dich, wenn du noch ein Wort sprichst“ – „Ganz aus“ hatte die arme Maus im Mund, und hatte’ es kaum gesprochen, so sprang die Katz’ auf sie zu und schluckte sie hinunter.

Der unartige Knabe

Hans-Christian Andersen


Es war einmal ein alter Dichter, so ein richtig guter alter Dichter. Eines Abends, als er zu Hause saß, gab es draußen ein schrecklich böses Wetter; der Regen strömte hernieder, aber der alte Dichter saß gemütlich an seinem Kachelofen, wo das Feuer brannte und die Äpfel brutzelten.

»Da bleibt kein trockener Faden an den Armen, die bei diesem Wetter draußen sind! « sagte er, denn er war so ein guter Dichter.

»Oh, öffne mir! Mich friert und ich bin so nass! « rief draußen ein kleines Kind. Es weinte und klopfte an die Tür, während der Regen herabströmte und der Wind an allen Fenstern rüttelte.

»Armer Kleiner! « sagte der alte Dichter und ging zur Tür und öffnete. Da stand ein kleiner Knabe; er war ganz nackt, und das Wasser floss aus seinen langen, blonden Locken. Er zitterte vor Kälte. Wäre er nicht hereingekommen, hätte er gewiss in dem bösen Wetter sterben müssen.

»Armer Kleiner! « sagte der alte Dichter und nahm ihn bei der Hand. »Komm zu mir, ich werde dich schon erwärmen! Wein und einen Apfel sollst du haben, denn du bist ein prächtiger Knabe! «

Das war er auch. Seine Augen leuchteten wie zwei helle Sterne, und obwohl das Wasser aus seinen blonden Locken herabfloss, ringelten sie sich doch so schön. Er sah aus wie ein kleines Engelskind, war aber blass vor Kälte und zitterte am ganzen Körper. In der Hand trug er einen herrlichen Flitzbogen, aber der war vom Regen völlig verdorben. Alle Farben auf den hübschen Pfeilen liefen vor Nässe ineinander.

Der alte Dichter setzte sich an den Kachelofen, nahm den kleinen Knaben auf seinen Schoß, drückte das Wasser aus seinen Locken, wärmte seine Hände in seinen eigenen und kochte ihm süßen Wein. Da erholte er sich, bekam rote Wangen, sprang auf den Fußboden und tanzte um den alten Dichter herum.

»Du bist ein lustiger Knabe! « sagte der Alte. »Wie heißt du?«

»Ich heiße Amor! « antwortete er. »Kennst du mich nicht? Dort liegt mein Bogen! Damit schieße ich, das kannst du mir glauben! Sieh, nun wird das Wetter draußen wieder gut; der Mond scheint. «

»Aber dein Bogen ist verdorben! « sagte der alte Dichter.

»Das wäre schlimm! « sagte der kleine Knabe, hob ihn auf und sah ihn an. »Oh, der ist ganz trocken und hat gar keinen Schaden erlitten; die Sehne sitzt ganz straff. Nun, ich werde ihn probieren! « Dann spannte er ihn, legte einen Pfeil darauf, zielte und schoss den guten alten Dichter gerade ins Herz. »Siehst du nun, dass mein Bogen nichtverdorben war? « sagte er, lachte ganz laut und lief davon. Der unartige Knabe, so auf den alten Dichter zu schießen, der ihn in die warme Stube hereingenommen hatte, so gut gegen ihn gewesen war und ihm den schönen Wein und den besten Apfel gegeben hatte!

Der gute Dichter lag auf dem Fußboden und weinte. Er war wirklich gerade ins Herz getroffen, und dann sagte er: »Pfui, was ist dieser Amor für ein unartiger Knabe! Das werde ich allen guten Kindern erzählen, damit sie sich in acht nehmen können und niemals mit ihm spielen, denn er tut ihnen etwas zuleide! «

Alle guten Kinder, Mädchen und Knaben, denen er dieses erzählte, nahmen sich vor dem bösen Amor in acht; aber der führte sie doch an, denn er ist so durchtrieben! Wenn die Studenten aus den Vorlesungen kommen, dann läuft er an ihrer Seite mit einem Buch unter dem Arm und hat einen schwarzen Rock an. Sie können ihn gar nicht erkennen. Und dann fassen sie ihn unter den Arm und glauben, er sei auch ein Student; aber da sticht er ihnen den Pfeil in die Brust. Wenn die Mädchen vom Pfarrer kommen und wenn sie eingesegnet werden, so ist er auch hinter ihnen her. Ja, er ist immer hinter den Leuten her! Er sitzt im großen Kronleuchter im Theater und brennt lichterloh, so dass die Leute glauben, es sei eine Lampe; aber später merken sie etwas anderes. Er läuft im Schlosspark und auf den Wällen umher! Ja, er hat auch einmal deinem Vater und deiner Mutter gerade ins Herz geschlossen! Frage sie nur danach, so wirst du hören, was sie sagen. Ach, es ist ein böser Knabe, dieser Amor; mit ihm darfst du nie etwas zu tun haben! Hinter allen Leuten ist er her. Denk einmal, er Schoss sogar einen Pfeil auf die alte Großmutter ab; aber das ist lange her. Es ist vorübergegangen, aber so etwas vergisst sie nie. Pfui, der böse Amor! Aber nun kennst du ihn und weißt, was für ein unartiger Knabe er ist.

Der arme Müllerbursch und das Kätzchen

Gebr. Grimm


In einer Mühle lebte ein alter Müller, der hatte weder Frau noch Kinder, und drei Müllerburschen dienten bei ihm. Wie sie nun etliche Jahre bei ihm gewesen waren, sagte er eines Tages zu ihnen: „Ich bin alt und will mich hinter den Ofen setzen; zieht aus, und wer mir das beste Pferd nach Hause bringt, dem will ich die Mühle geben, und er soll mich dafür bis an meinen Tod verpflegen.“ Der dritte von den Burschen war aber der Kleinknecht, der ward von den andern für albern gehalten, dem gönnten sie die Mühle nicht; und er wollte sie hernach nicht einmal. Da zogen sie alle drei miteinander aus, und wie sie vor das Dorf kamen, sagten die zwei zu dem albernen Hans: „Du kannst nur hier bleiben, du kriegst dein Lebtag keinen Gaul.“ Hans aber ging doch mit, und als es Nacht war, kamen sie an eine Höhle, da hinein legten sie sich schlafen. Die zwei Klugen warteten, bis Hans eingeschlafen war, dann standen sie auf, machten sich fort und ließen Hänschen liegen, und meinten’s recht fein gemacht zu haben; ja, es wird euch doch nicht gut gehen! Wie nun die Sonne kam, und Hans aufwachte, lag er in einer tiefen Höhle; er guckte sich überall um und rief: „Ach Gott, wo bin ich?“ Da erhob er sich und krabbelte die Höhle hinauf, ging in den Wald und dachte.. „Ich bin hier ganz allein und verlassen, wie soll ich nun zu einem Pferde kommen?“ Indem er so in Gedanken dahinging, begegnete ihm ein kleines, buntes Kätzchen, das sprach ganz freundlich: „Hans, wo willst du hin?“ – „Ach, du kannst mir doch nicht helfen“, antwortete Hans. – „Was dein Begehren ist, weiß ich wohl“, sprach das Kätzchen‘ „du willst einen hübschen Gaul haben. Komm mit mir und sei sieben Jahre lang mein treuer Knecht, so will ich dir einen geben, schöner als du dein Lebtag einen gesehen hast.“ – „Nun, das ist eine wunderliche Katze“, dachte Hans, „aber sehen will ich doch, ob das wahr ist, was sie sagt.“ Da nahm sie ihn mit in ihr verwünschtes Schlösschen und hatte da lauter Kätzchen, die ihr dienten; die sprangen flink die Treppe auf und ab, waren lustig und guter Dinge. Abends, als sie sich zu Tisch setzten, mussten drei Musik machen; eins strich den Bass, das andere die Geige, das dritte setzte die Trompete an und blies die Backen auf, so sehr es nur konnte. Als sie gegessen hatten, wurde der Tisch weggetragen, und die Katze sagte: „Nun komm, Hans, und tanze mit mir.“

– „Nein“, antwortete er, „mit einer Miesekatze tanze ich nicht, das habe ich noch niemals getan.“ – „So bringt ihn ins Bett“, sagte sie zu den Kätzchen. Da leuchtete ihm eins in seine Schlafkammer, eins zog ihm die Schuhe aus, eins die Strümpfe, und zuletzt blies eins das Licht aus. Am andern Morgen kamen sie wieder und halfen ihm aus dem Bett; eins zog ihm die Strümpfe an, eins band ihm die Strumpfbänder, eins holte die Schuhe, eins wusch ihn, und eins trocknete ihm mit dein Schwanz das Gesicht ab. „Das tut recht sanft“, sagte der Hans. Er musste aber auch der Katze dienen und alle Tage Holz klein machen; dazu kriegte er eine Axt von Silber, und die Keile und Säge von Silber, und der Schläger war von Kupfer. Nun, da machte er’s klein, blieb da im Haus, hatte sein gutes Essen und Trinken, sah aber niemand als die bunte Katze und ihr Gesinde. Einmal sagte sie zu ihm: „Geh‘ hin und mähe meine Wiese und mache das Gras trocken“, und gab ihm von Silber eine Sense und von Gold einen Wetzstein, hieß ihn aber auch alles wieder richtig abliefern. Da ging Hans hin und tat, was ihm geheißen war; nach vollbrachter Arbeit trug er Sense, Wetzstein und Heu nach Haus und fragte, ob sie ihm noch nicht seinen Lohn geben wollte. „Nein“, sagte die Katze, „du sollst mir erst noch einerlei tun; da ist Bauholz von Silber, Zimmeraxt, Winkeleisen und was nötig ist, alles von Silber, daraus baue mir erst ein kleines Häuschen.“ Da baute Hans das Häuschen fertig und sagte, er hätte nun alles getan und hätte noch kein Pferd. Doch waren ihm die sieben Jahre herumgegangen wie ein halbes. Fragte die Katze, ob er ihre Pferde sehen wollte. „Ja“, sagte Hans. Da machte sie ihm das Häuschen auf, und wie sie die Tür so aufmacht, da stehen zwölf Pferde, ach, die waren ganz stolz gewesen, die hatten geblänkt und gespiegelt, dass sich sein Herz im Leibe darüber freute. Nun gab sie ihm zu essen und zu trinken und sprach: „Geh‘ heim, dein Pferd geb‘ ich dir nicht mit, in drei Tagen aber komm‘ ich und bringe dir’s nach.“ Also machte sich Hans auf, und sie zeigte ihm den Weg zur Mühle. Sie hatte ihm aber nicht einmal ein neues Kleid gegeben, sondern er musste sein altes, lumpiges Kittelchen behalten, das er mit gebracht hatte, und das ihm in den sieben Jahren überall zu kurz geworden war. Wie er nun heimkam, waren die beiden andern Müllerburschen auch wieder da; jeder hatte zwar sein Pferd mitgebracht, aber des einen seins war blind, des an dern seins lahm. Sie fragten: „Hans, wo hast du dein Pferd?“ – „In drei Tagen wird’s nachkommen“, antwortete er. Da lachten sie und sagten: „Ja, du Hans, wo willst du dein Pferd herkriegen, das wird was Rechtes sein!“ Hans ging in die Stube, der Müller sagte aber, er sollte nicht an den Tisch kommen, er wäre so zerrissen und zerlumpt; man müsste sich schämen, wenn jemand hereinkäme. Da gaben sie ihm ein bisschen Essen hinaus, und wie sie abends schlafen gingen, wollten ihm die zwei andern kein Bett geben, und er musste endlich ins Gänseställchen kriechen und sich auf ein wenig hartes Stroh legen. Am Morgen, wie er aufwacht, sind schon die drei Tage herum, und es kommt eine Kutsche mit sechs Pferden, ei, die glänzten, dass es schön war, und ein Bedienter, der brachte noch ein siebentes, das war für den armen Müllerbursch. Aus der Kutsche aber stieg eine prächtige Königstochter und ging in die Mühle hinein, und die Königstochter war das kleine, bunte Kätzchen, dem der arme Hans sieben Jahre gedient hatte. Sie fragte den Müller, wo der Mahlbursch, der Kleinknecht wäre. Da sagte der Müller: „Den können wir nicht in die Mühle nehmen, der ist so abgerissen und liegt im Gänsestall“ Da sagte die Königstochter, sie sollten ihn gleich holen. Also holten sie ihn heraus, und er musste sein Kittelchen zusammenpacken, um sich zu bedecken. Da schnallte der Bediente prächtige Kleider aus und musste ihn waschen und anziehen, und wie er fertig war, konnte kein König schöner aussehen. Danach verlangte die Jungfrau die Pferde zu sehen, die die andern Mahlburschen mitgebracht hatten, eins war blind, das andere lahm. Da ließ sie den Bedienten das siebente Pferd bringen. Wie der Müller das sah, sprach er, so eins wär‘ ihm noch nicht auf den Hof gekommen; „und das ist für den dritten Mahlbursch“, sagte sie. „Da muss er die Mühle haben“, sagte der Müller; die Königstochter aber sprach, da wäre das Pferd, er sollte seine Mühle auch behalten. Und sie nimmt ihren treuen Hans, setzt ihn in die Kutsche und fährt mit ihm fort. Sie fahren zuerst nach dem kleinen Häuschen, das er mit dem silbernen Werkzeug gebaut hat, da ist es ein großes Schloss, und alles darin ist von Silber und Gold; und da hat sie ihn geheiratet, und nun war er reich, so reich, dass er für sein Lebtag genug hatte. Darum soll keiner sagen, dass wer albern ist, deshalb nichts rechtes werden könne.

Die Geschichte von dem kleinen Muck

Wilhelm Hauff


In Nicea, meiner lieben Vaterstadt, wohnte ein Mann, den man den kleinen Muck hieß. Ich kann mir ihn, ob ich gleich damals noch sehr jung war, noch recht wohl denken, besonders weil ich einmal von meinem Vater wegen seiner halbtot geprügelt wurde. Der kleine Muck nämlich war schon ein alter Geselle, als ich ihn kannte; doch war er nur drei bis vier Schuh hoch, dabei hatte er eine sonderbare Gestalt, denn sein Leib, so klein und zierlich er war, musste einen Kopf tragen, viel größer und dicker als der Kopf anderer Leute; er wohnte ganz allein in einem großen Haus und kochte sich sogar selbst, auch hätte man in der Stadt nicht gewusst, ob er lebe oder gestorben sei, denn er ging nur alle vier Wochen einmal aus, wenn nicht um die Mittagsstunde ein mächtiger Dampf aus dem Hause aufgestiegen wäre, doch sah man ihn oft abends auf seinem Dache auf und ab gehen, von der Straße aus glaubte man aber, nur sein großer Kopf allein laufe auf dem Dache umher. Ich und meine Kameraden waren böse Buben, die jedermann gerne neckten und belachten, daher war es uns allemal ein Festtag, wenn der kleine Muck ausging; wir versammelten uns an dem bestimmten Tage vor seinem Haus und warteten, bis er herauskam; wenn dann die Türe aufging und zuerst der große Kopf mit dem noch größeren Turban herausguckte, wenn das übrige Körperlein nachfolgte, angetan mit einem abgeschabten Mäntelein, weiten Beinkleidern und einem breiten Gürtel, an welchem ein langer Dolch hing, so lang, dass man nicht wusste, ob Muck an dem Dolch, oder der Dolch an Muck stak, wenn er so heraustrat, da ertönte die Luft von unserem Freudengeschrei, wir warfen unsere Mützen in die Höhe und tanzten wie toll um ihn her. Der kleine Muck aber grüßte uns mit ernsthaftem Kopfnicken und ging mit langsamen Schritten die Straße hinab. Wir Knaben liefen hinter ihm her und schrien immer: »Kleiner Muck, kleiner Muck! « Auch hatten wir ein lustiges Verslein, das wir ihm zu Ehren hier und da sangen; es hieß:

»Kleiner Muck, kleiner Muck,
Wohnst in einem großen Haus,
Gehst nur all vier Wochen aus,
Bist ein braver, kleiner Zwerg,

Hast ein Köpflein wie ein Berg,
Schau dich einmal um und guck,
Lauf und fang uns, kleiner Muck!«

So hatten wir schon oft unsere Kurzweil getrieben, und zu meiner Schande muss ich es gestehen, ich trieb’s am ärgsten; denn ich zupfte ihn oft am Mäntelein, und einmal trat ich ihm auch von hinten auf die großen Pantoffeln, dass er hinfiel. Dies kam mir nun höchst lächerlich vor, aber das Lachen verging mir, als ich den kleinen Muck auf meines Vaters Haus zugehen sah. Er ging richtig hinein und blieb einige Zeit dort. Ich versteckte mich an der Haustüre und sah den Muck wieder herauskommen, von meinem Vater begleitet, der ihn ehrerbietig an der Hand hielt und an der Türe unter vielen Bücklingen sich von ihm verabschiedete. Mir war gar nicht wohl zumute; ich blieb daher lange in meinem Versteck; endlich aber trieb mich der Hunger, den ich ärger fürchtete als Schläge, heraus, und demütig und mit gesenktem Kopf trat ich vor meinen Vater. »Du hast, wie ich höre, den guten Muck beschimpft?« sprach er in sehr ernstem Tone. »Ich will dir die Geschichte dieses Muck erzählen, und du wirst ihn gewiss nicht mehr auslachen; vor- und nachher aber bekommst du das Gewöhnliche.« Das Gewöhnliche aber waren fünfundzwanzig Hiebe, die er nur allzu richtig aufzuzählen pflegte. Er nahm daher sein langes Pfeifenrohr, schraubte die Bernsteinmundspitze ab und bearbeitete mich ärger als je zuvor.

Als die Fünfundzwanzig voll waren, befahl er mir, aufzumerken, und erzählte mir von dem kleinen Muck:

Der Vater des kleinen Muck, der eigentlich Muckrah heißt, war ein angesehener, aber armer Mann hier in Nicea. Er lebte beinahe so einsiedlerisch wie jetzt sein Sohn. Diesen konnte er nicht wohl leiden, weil er sich seiner Zwerggestalt schämte, und ließ ihn daher auch in Unwissenheit aufwachsen. Der kleine Muck war noch in seinem sechzehnten Jahr ein lustiges Kind, und der Vater, ein ernster Mann, tadelte ihn immer, dass er, der schon längst die Kinderschuhe zertreten haben sollte, noch so dumm und läppisch sei.

Der Alte tat aber einmal einen bösen Fall, an welchem er auch starb und den kleinen Muck arm und unwissend zurückließ. Die harten Verwandten, denen der Verstorbene mehr schuldig war, als er bezahlen konnte, jagten den armen Kleinen aus dem Hause und rieten ihm, in die Welt hinauszugehen und sein Glück zu suchen. Der kleine Muck antwortete, er sei schon reisefertig, bat sich aber nur noch den Anzug seines Vaters aus, und dieser wurde ihm auch bewilligt. Sein Vater war ein großer, starker Mann gewesen, daher passten die Kleider nicht. Muck aber wusste bald Rat; er schnitt ab, was zu lang war, und zog dann die Kleider an. Er schien aber vergessen zu haben, dass er auch in der Weite davon schneiden müsse, daher sein sonderbarer Aufzug, wie er noch heute zu sehen ist; der große Turban, der breite Gürtel, die weiten Hosen, das blaue Mäntelein, alles dies sind Erbstücke seines Vaters, die er seitdem getragen; den langen Damaszenerdolch seines Vaters aber steckte er in den Gürtel, ergriff ein Stöcklein und wanderte zum Tor hinaus.

Fröhlich wanderte er den ganzen Tag; denn er war ja ausgezogen, um sein Glück zu suchen; wenn er eine Scherbe auf der Erde im Sonnenschein glänzen sah, so steckte er sie gewiss zu sich, im Glauben, dass sie sich in den schönsten Diamanten verwandeln werde; sah er in der Ferne die Kuppel einer Moschee wie Feuer strahlen, sah er einen See wie einen Spiegel blinken, so eilte er voll Freude darauf zu; denn er dachte, in einem Zauberland angekommen zu sein. Aber ach! Jene Trugbilder verschwanden in der Nähe, und nur allzu bald erinnerten ihn seine Müdigkeit und sein vor Hunger knurrender Magen, dass er noch im Lande der Sterblichen sich befinde. So war er zwei Tage gereist unter Hunger und Kummer und verzweifelte, sein Glück zu finden; die Früchte des Feldes waren seine einzige Nahrung, die harte Erde sein Nachtlager. Am Morgen des dritten Tages erblickte er von einer Anhöhe eine große Stadt.

Hell leuchtete der Halbmond auf ihren Zinnen, bunte Fahnen schimmerten auf den Dächern und schienen den kleinen Muck zu sich herzuwinken. Überrascht stand er stille und betrachtete Stadt und Gegend. »Ja, dort wird Klein-Muck sein Glück finden«, sprach er zu sich und machte trotz seiner Müdigkeit einen Luftsprung, »dort oder nirgends.« Er raffte alle seine Kräfte zusammen und schritt auf die Stadt zu. Aber obgleich sie ganz nahe schien, konnte er sie doch erst gegen Mittag erreichen; denn seine kleinen Glieder versagten ihm beinahe gänzlich ihren Dienst, und er musste sich oft in den Schatten einer Palme setzen, um auszuruhen. Endlich war er an dem Tor der Stadt angelangt. Er legte sein Mäntelein zurecht, band den Turban schöner um, zog den Gürtel noch breiter an und steckte den langen Dolch schiefer; dann wischte er den Staub von den Schuhen, ergriff sein Stöcklein und ging mutig zum Tor hinein.

Er hatte schon einige Straßen durchwandert; aber nirgends öffnete sich ihm die Türe, nirgends rief man, wie er sich vorgestellt hatte: »Kleiner Muck, komm herein und iss und trink und lass deine Füßlein ausruhen!«

Er schaute gerade auch wieder recht sehnsüchtig an einem großen, schönen Haus hinauf; da öffnete sich ein Fenster, eine alte Frau schaute heraus und rief mit singender Stimme:

»Herbei, herbei!
Gekocht ist der Brei,
Den Tisch ließ ich decken,
Drum lasst es euch schmecken;
Ihr Nachbarn herbei,
Gekocht ist der Brei.«

Die Türe des Hauses öffnete sich, und Muck sah viele Hunde und Katzen hineingehen. Er stand einige Augenblicke in Zweifel, ob er der Einladung folgen sollte; endlich aber fasste er sich ein Herz und ging in das Haus. Vor ihm her gingen ein paar junge Kätzlein, und er beschloss, ihnen zu folgen, weil sie vielleicht die Küche besser wüssten als er.

Als Muck die Treppe hinaufgestiegen war, begegnete er jener alten Frau, die zum Fenster herausgeschaut hatte. Sie sah ihn mürrisch an und fragte nach seinem Begehr. »Du hast ja jedermann zu deinem Brei eingeladen«, antwortete der kleine Muck, »und weil ich so gar hungrig bin, bin ich auch gekommen.«

Die Alte lachte und sprach: »Woher kommst du denn, wunderlicher Gesell? Die ganze Stadt weiß, dass ich für niemand koche als für meine lieben Katzen, und hier und da lade ich ihnen Gesellschaft aus der Nachbarschaft ein, wie du siehst.«

Der kleine Muck erzählte der alten Frau, wie es ihm nach seines Vaters Tod so hart ergangen sei, und bat sie, ihn heute mit ihren Katzen speisen zu lassen. Die Frau, welcher die treuherzige Erzählung des Kleinen wohl gefiel, erlaubte ihm, ihr Gast zu sein, und gab ihm reichlich zu essen und zu trinken. Als er gesättigt und gestärkt war, betrachtete ihn die Frau lange und sagte dann: »Kleiner Muck, bleibe bei mir in meinem Dienste! Du hast geringe Mühe und sollst gut gehalten sein.«

Der kleine Muck, dem der Katzenbrei geschmeckt hatte, willigte ein und wurde also der Bedienstete der Frau Ahavzi. Er hatte einen leichten, aber sonderbaren Dienst. Frau Ahavzi hatte nämlich zwei Kater und vier Katzen, diesen musste der kleine Muck alle Morgen den Pelz kämmen und mit köstlichen Salben einreiben; wenn die Frau ausging, musste er auf die Katzen Achtung geben, wenn sie aßen, musste er ihnen die Schüsseln vorlegen, und nachts musste er sie auf seidene Polster legen und sie mit samtenen Decken einhüllen. Auch waren noch einige kleine Hunde im Haus, die er bedienen musste, doch wurden mit diesen nicht so viele Umstände gemacht wie mit den Katzen, welche Frau Ahavzi wie ihre eigenen Kinder hielt. Übrigens führte Muck ein so einsames Leben wie in seines Vaters Haus, denn außer der Frau sah er den ganzen Tag nur Hunde und Katzen. Eine Zeitlang ging es dem kleinen Muck ganz gut; er hatte immer zu essen und wenig zu arbeiten, und die alte Frau schien recht zufrieden mit ihm zu sein, aber nach und nach wurden die Katzen unartig, wenn die Alte ausgegangen war, sprangen sie wie besessen in den Zimmern umher, warfen alles durcheinander und zerbrachen manches schöne Geschirr, das ihnen im Weg stand. Wenn sie aber die Frau die Treppe heraufkommen hörten, verkrochen sie sich auf ihre Polster und wedelten ihr mit den Schwänzen entgegen, wie wenn nichts geschehen wäre. Die Frau Ahavzi geriet dann in Zorn, wenn sie ihre Zimmer so verwüstet sah, und schob alles auf Muck, er mochte seine Unschuld beteuern, wie er wollte, sie glaubte ihren Katzen, die so unschuldig aussahen, mehr als ihrem Diener.

Der kleine Muck war sehr traurig, dass er also auch hier sein Glück nicht gefunden hatte, und beschloss bei sich, den Dienst der Frau Ahavzi zu verlassen. Da er aber auf seiner ersten Reise erfahren hatte, wie schlecht man ohne Geld lebt, so beschloss er, den Lohn, den ihm seine Gebieterin immer versprochen, aber nie gegeben hatte, sich auf irgendeine Art zu verschaffen. Es befand sich in dem Hause der Frau Ahavzi ein Zimmer, das immer verschlossen war und dessen Inneres er nie gesehen hatte. Doch hatte er die Frau oft darin rumoren gehört, und er hätte oft für sein Leben gern gewusst, was sie dort versteckt habe. Als er nun an sein Reisegeld dachte, fiel ihm ein, dass dort die Schätze der Frau versteckt sein könnten. Aber immer war die Tür fest verschlossen, und er konnte daher den Schätzen nie beikommen.

Eines Morgens, als die Frau Ahavzi ausgegangen war, zupfte ihn eines der Hundlein, welches von der Frau immer sehr stiefmütterlich behandelt wurde, dessen Gunst er sich aber durch allerlei Liebesdienste in hohem Grade erworben hatte, an seinen weiten Beinkleidern und gebärdete sich dabei, wie wenn Muck ihm folgen sollte. Muck, welcher gerne mit den Hunden spielte, folgte ihm, und siehe da, das Hundlein führte ihn in die Schlafkammer der Frau Ahavzi vor eine kleine Türe, die er nie zuvor dort bemerkt hatte. Die Türe war halb offen. Das Hundlein ging hinein, und Muck folgte ihm, und wie freudig war er überrascht, als er sah, dass er sich in dem Gemach befand, das schon lange das Ziel seiner Wünsche war. Er spähte überall umher, ob er kein Geld finden könne, fand aber nichts. Nur alte Kleider und wunderlich geformte Geschirre standen umher. Eines dieser Geschirre zog seine besondere Aufmerksamkeit auf sich. Es war von Kristall, und schöne Figuren waren darauf ausgeschnitten. Er hob es auf und drehte es nach allen Seiten. Aber, o Schrecken! Er hatte nicht bemerkt, dass es einen Deckel hatte, der nur leicht darauf hingesetzt war. Der Deckel fiel herab und zerbrach in tausend Stücke.

Lange stand der kleine Muck vor Schrecken leblos. Jetzt war sein Schicksal entschieden, jetzt musste er entfliehen, sonst schlug ihn die Alte tot. Sogleich war auch seine Reise beschlossen, und nur noch einmal wollte er sich umschauen, ob er nichts von den Habseligkeiten der Frau Ahavzi zu seinem Marsch brauchen könnte. Da fielen ihm ein Paar mächtig große Pantoffeln ins Auge; sie waren zwar nicht schön; aber seine eigenen konnten keine Reise mehr mitmachen; auch zogen ihn jene wegen ihrer Größe an; denn hatte er diese am Fuß, so mussten ihm hoffentlich alle Leute ansehen, dass er die Kinderschuhe vertreten habe. Er zog also schnell seine Töffelein aus und fuhr in die großen hinein. Ein Spazierstöcklein mit einem schön geschnittenen Löwenkopf schien ihm auch hier allzu müßig in der Ecke zu stehen; er nahm es also mit und eilte zum Zimmer hinaus. Schnell ging er jetzt auf seine Kammer, zog sein Mäntelein an, setzte den väterlichen Turban auf, steckte den Dolch in den Gürtel und lief, so schnell ihn seine Füße trugen, zum Haus und zur Stadt hinaus. Vor der Stadt lief er, aus Angst vor der Alten, immer weiter fort, bis er vor Müdigkeit beinahe nicht mehr konnte. So schnell war er in seinem Leben nicht gegangen; ja, es schien ihm, als könne er gar nicht aufhören zu rennen; denn eine unsichtbare Gewalt schien ihn fortzureißen. Endlich bemerkte er, dass es mit den Pantoffeln eine eigene Bewandtnis haben müsse; denn diese schossen immer fort und führten ihn mit sich. Er versuchte auf allerlei Weise stillzustehen; aber es wollte nicht gelingen; da rief er in der höchsten Not, wie man den Pferden zuruft, sich selbst zu: »Oh – oh, halt, oh!« Da hielten die Pantoffeln, und Muck warf sich erschöpft auf die Erde nieder.

Die Pantoffeln freuten ihn ungemein. So hatte er sich denn doch durch seine Verdienste etwas erworben, das ihm in der Welt auf seinem Weg das Glück zu suchen, forthelfen konnte. Er schlief trotz seiner Freude vor Erschöpfung ein; denn das Körperlein des kleinen Muck, das einen so schweren Kopf zu tragen hatte, konnte nicht viel aushalten. Im Traum erschien ihm das Hundlein, welches ihm im Hause der Frau Ahavzi zu den Pantoffeln verholfen hatte, und sprach zu ihm: »Lieber Muck, du verstehst den Gebrauch der Pantoffeln noch nicht recht; wisse, wenn du dich in ihnen dreimal auf dem Absatz herumdrehst, so kannst du hinfliegen, wohin du nur willst, und mit dem Stöcklein kannst du Schätze finden, denn wo Gold vergraben ist, da wird es dreimal auf die Erde schlagen, bei Silber zweimal.« So träumte der kleine Muck. Als er aber aufwachte, dachte er über den wunderbaren Traum nach und beschloss, alsbald einen Versuch zu machen. Er zog die Pantoffeln an, lupfte einen Fuß und begann sich auf dem Absatz umzudrehen. Wer es aber jemals versucht hat, in einem ungeheuer weiten Pantoffel dieses Kunststück dreimal hintereinander zu machen, der wird sich nicht wundern, wenn es dem kleinen Muck nicht gleich glückte, besonders wenn man bedenkt, dass ihn sein schwerer Kopf bald auf diese, bald auf jene Seite hinüberzog.

Der arme Kleine fiel einige Mal tüchtig auf die Nase; doch ließ er sich nicht abschrecken, den Versuch zu wiederholen, und endlich glückte es. Wie ein Rad fuhr er auf seinem Absatz herum, wünschte sich in die nächste große Stadt, und – die Pantoffeln ruderten hinauf in die Lüfte, liefen mit Windeseile durch die Wolken, und ehe sich der kleine Muck noch besinnen konnte, wie ihm geschah, befand er sich schon auf einem großen Marktplatz, wo viele Buden aufgeschlagen waren und unzählige Menschen geschäftig hin und her liefen. Er ging unter den Leuten hin und her, hielt es aber für ratsamer, sich in eine einsamere Straße zu begeben; denn auf dem Markt trat ihm bald da einer auf die Pantoffeln, dass er beinahe umfiel, bald stieß er mit seinem weit hinausstehenden Dolch einen oder den anderen an, dass er mit Mühe den Schlägen entging.

Der kleine Muck bedachte nun ernstlich, was er wohl anfangen könnte, um sich ein Stück Geld zu verdienen; er hatte zwar ein Stäblein, das ihm verborgene Schätze anzeigte, aber wo sollte er gleich einen Platz finden, wo Gold oder Silber vergraben wäre? Auch hätte er sich zur Not für Geld sehen lassen können; aber dazu war er doch zu stolz. Endlich fiel ihm die Schnelligkeit seiner Füße ein, »vielleicht«, dachte er, »können mir meine Pantoffeln Unterhalt gewähren«, und er beschloss, sich als Schnelläufer zu verdingen. Da er aber hoffen durfte, dass der König dieser Stadt solche Dienste am besten bezahle, so erfragte er den Palast. Unter dem Tor des Palastes stand eine Wache, die ihn fragte, was er hier zu suchen habe. Auf seine Antwort, dass er einen Dienst suche, wies man ihn zum Aufseher der Sklaven. Diesem trug er sein Anliegen vor und bat ihn, ihm einen Dienst unter den königlichen Boten zu besorgen. Der Aufseher maß ihn mit seinen Augen von Kopf bis zu den Füßen und sprach: »Wie, mit deinen Füßlein, die kaum so lang als eine Spanne sind, willst du königlicher Schnelläufer werden? Hebe dich weg, ich bin nicht dazu da, mit jedem Narren Kurzweil zu machen.« Der kleine Muck versicherte ihm aber, dass es ihm vollkommen ernst sei mit seinem Antrag und dass er es mit dem Schnellsten auf eine Wette ankommen lassen wollte. Dem Aufseher kam die Sache gar lächerlich vor; er befahl ihm, sich bis auf den Abend zu einem Wettlauf bereitzuhalten, führte ihn in die Küche und sorgte dafür, dass ihm gehörig Speis‘ und Trank gereicht wurde; er selbst aber begab sich zum König und erzählte ihm vom kleinen Muck und seinem Anerbieten. Der König war ein lustiger Herr, daher gefiel es ihm wohl, dass der Aufseher der Sklaven den kleinen Menschen zu einem Spaß behalten habe, er befahl ihm, auf einer großen Wiese hinter dem Schloss Anstalten zu treffen, dass das Wettlaufen mit Bequemlichkeit von seinem ganzen Hofstaat könnte gesehen werden, und empfahl ihm nochmals, große Sorgfalt für den Zwerg zu haben. Der König erzählte seinen Prinzen und Prinzessinnen, was sie diesen Abend für ein Schauspiel haben würden, diese erzählten es wieder ihren Dienern, und als der Abend herankam, war man in gespannter Erwartung, und alles, was Füße hatte, strömte hinaus auf die Wiese, wo Gerüste aufgeschlagen waren, um den großsprecherischen Zwerg laufen zu sehen.

Als der König und seine Söhne und Töchter auf dem Gerüst Platz genommen hatten, trat der kleine Muck heraus auf die Wiese und machte vor den hohen Herrschaften eine überaus zierliche Verbeugung. Ein allgemeines Freudengeschrei ertönte, als man des Kleinen ansichtig wurde; eine solche Figur hatte man dort noch nie gesehen. Das Körperlein mit dem mächtigen Kopf, das Mäntelein und die weiten Beinkleider, der lange Dolch in dem breiten Gürtel, die kleinen Füßlein in den weiten Pantoffeln – nein! es war zu drollig anzusehen, als dass man nicht hätte laut lachen sollen. Der kleine Muck ließ sich aber durch das Gelächter nicht irremachen. Er stellte sich stolz, auf sein Stöcklein gestützt, hin und erwartete seinen Gegner. Der Aufseher der Sklaven hatte nach Mucks eigenem Wunsche den besten Läufer ausgesucht. Dieser trat nun heraus, stellte sich neben den Kleinen, und beide harrten auf das Zeichen. Da winkte Prinzessin Amarza, wie es ausgemacht war, mit ihrem Schleier, und wie zwei Pfeile, auf dasselbe Ziel abgeschossen, flogen die beiden Wettläufer über die Wiese hin.

Von Anfang hatte Mucks Gegner einen bedeutenden Vorsprung, aber dieser jagte ihm auf seinem Pantoffelfuhrwerk nach, holte ihn ein, überfing ihn und stand längst am Ziele, als jener noch, nach Luft schnappend, daherlief. Verwunderung und Staunen fesselten einige Augenblicke die Zuschauer, als aber der König zuerst in die Hände klatschte, da jauchzte die Menge, und alle riefen: »Hoch lebe der kleine Muck, der Sieger im Wettlauf!«

Man hatte indes den kleinen Muck herbeigebracht; er warf sich vor dem König nieder und sprach: »Großmächtigster König, ich habe dir hier nur eine kleine Probe meiner Kunst gegeben; wolle nur gestatten, dass man mir eine Stelle unter deinen Läufern gebe!«

Der König aber antwortete ihm: »Nein, du sollst mein Leibläufer und immer um meine Person sein, lieber Muck, jährlich sollst du hundert Goldstücke erhalten als Lohn, und an der Tafel meiner ersten Diener sollst du speisen.«

So glaubte denn Muck, endlich das Glück gefunden zu haben, das er so lange suchte, und war fröhlich und wohlgemut in seinem Herzen. Auch erfreute er sich der besonderen Gnade des Königs, denn dieser gebrauchte ihn zu seinen schnellsten und geheimsten Sendungen, die er dann mit der größten Genauigkeit und mit unbegreiflicher Schnelle besorgte.

Aber die übrigen Diener des Königs waren ihm gar nicht zugetan, weil sie sich ungern durch einen Zwerg, der nichts verstand, als schnell zu laufen, in der Gunst ihres Herrn zurückgesetzt sahen. Sie veranstalteten daher manche Verschwörung gegen ihn, um ihn zu stürzen; aber alle schlugen fehl an dem großen Zutrauen, das der König in seinen geheimen Oberleibläufer (denn zu dieser Würde hatte er es in so kurzer Zeit gebracht) setzte.

Muck, dem diese Bewegungen gegen ihn nicht entgingen, sann nicht auf Rache, dazu hatte er ein zu gutes Herz, nein, auf Mittel dachte er, sich bei seinen Feinden notwendig und beliebt zu machen. Da fiel ihm sein Stäblein, das er in seinem Glück außer acht gelassen hatte, ein; wenn er Schätze finde, dachte er, würden ihm die Herren schon geneigter werden. Er hatte schon oft gehört, dass der Vater des jetzigen Königs viele seiner Schätze vergraben habe, als der Feind sein Land überfallen; man sagte auch, er sei darüber gestorben, ohne dass er sein Geheimnis habe seinem Sohn mitteilen können. Von nun an nahm Muck immer sein Stöcklein mit, in der Hoffnung, einmal an einem Ort vorüberzugehen, wo das Geld des alten Königs vergraben sei. Eines Abends führte ihn der Zufall in einen entlegenen Teil des Schlossgartens, den er wenig besuchte, und plötzlich fühlte er das Stöcklein in seiner Hand zucken, und dreimal schlug es gegen den Boden. Nun wusste er schon, was dies zu bedeuten hatte. Er zog daher seinen Dolch heraus, machte Zeichen in die umstellenden Bäume und schlich sich wieder in das Schloss; dort verschaffte er sich einen Spaten und wartete die Nacht zu seinem Unternehmen ab.

Das Schatzgraben selbst machte übrigens dem kleinen Muck mehr zu schaffen, als er geglaubt hatte.

Seine Arme waren gar zu schwach, sein Spaten aber groß und schwer; und er mochte wohl schon zwei Stunden gearbeitet haben, ehe er ein paar Fuß tief gegraben hatte. Endlich stieß er auf etwas Hartes, das wie Eisen klang. Er grub jetzt emsiger, und bald hatte er einen großen eisernen Deckel zutage gefördert; er stieg selbst in die Grube hinab, um nachzuspähen, was wohl der Deckel könnte bedeckt haben, und fand richtig einen großen Topf, mit Goldstücken angefüllt. Aber seine schwachen Kräfte reichten nicht hin, den Topf zu heben, daher steckte er in seine Beinkleider und seinen Gürtel, so viel er zu tragen vermochte, und auch sein Mäntelein füllte er damit, bedeckte das übrige wieder sorgfältig und lud es auf den Rücken. Aber wahrlich, wenn er die Pantoffeln nicht an den Füßen gehabt hätte, er wäre nicht vom Fleck gekommen, so zog ihn die Last des Goldes nieder. Doch unbemerkt kam er auf sein Zimmer und verwahrte dort sein Gold unter den Polstern seines Sofas.

Als der kleine Muck sich im Besitz so vielen Goldes sah, glaubte er, das Blatt werde sich jetzt wenden und er werde sich unter seinen Feinden am Hofe viele Gönner und warme Anhänger erwerben. Aber schon daran konnte man erkennen, dass der gute Muck keine gar sorgfältige Erziehung genossen haben musste, sonst hätte er sich wohl nicht einbilden können, durch Gold wahre Freunde zu gewinnen. Ach, dass er damals seine Pantoffeln geschmiert und sich mit seinem Mäntelein voll Gold aus dem Staub gemacht hätte!

Das Gold, das der kleine Muck von jetzt an mit vollen Händen austeilte, erweckte den Neid der übrigen Hofbediensteten. Der Küchenmeister Ahuli sagte: »Er ist ein Falschmünzer.«

Der Sklavenaufseher Achmet sagte: »Er hat’s dem König abgeschwatzt.«

Archaz, der Schatzmeister, aber, sein ärgster Feind, der selbst hier und da einen Griff in des Königs Kasse tun mochte, sagte geradezu: »Er hat’s gestohlen.«

Um nun ihrer Sache gewiss zu sein, verabredeten sie sich, und der Obermundschenk Korchuz stellte sich eines Tages recht traurig und niedergeschlagen vor die Augen des Königs. Er machte seine traurigen Gebärden so auffallend, dass ihn der König fragte, was ihm fehle .

»Ah«, antwortete er, »ich bin traurig, dass ich die Gnade meines Herrn verloren habe.«

»Was fabelst du, Freund Korchuz?« entgegnete ihm der König. »Seit wann hätte ich die Sonne meiner Gnade nicht über dich leuchten lassen?« Der Obermundschenk antwortete ihm, dass er ja den geheimen Oberleibläufer mit Gold belade, seinen armen, treuen Dienern aber nichts gebe.

Der König war sehr erstaunt über diese Nachricht, ließ sich die Goldausteilungen des kleinen Muck erzählen, und die Verschworenen brachten ihm leicht den Verdacht bei, dass Muck auf irgendeine Art das Geld aus der Schatzkammer gestohlen habe. Sehr lieb war diese Wendung der Sache dem Schatzmeister, der ohnehin nicht gerne Rechnung ablegte. Der König gab daher den Befehl, heimlich auf alle Schritte des kleinen Muck achtzugeben, um ihn womöglich auf der Tat zu ertappen. Als nun in der Nacht, die auf diesen Unglückstag folgte, der kleine Muck, da er durch seine Freigebigkeit seine Kasse sehr erschöpft sah, den Spaten nahm und in den Schlossgarten schlich, um dort von seinem geheimen Schatze neuen Vorrat zu holen, folgten ihm von weitem die Wachen, von dem Küchenmeister Ahuli und Archaz, dem Schatzmeister, angeführt, und in dem Augenblick, da er das Gold aus dem Topf in sein Mäntelein legen wollte, fielen sie über ihn her, banden ihn und führten ihn sogleich vor den König. Dieser, den ohnehin die Unterbrechung seines Schlafes mürrisch gemacht hatte, empfing seinen armen Oberleibläufer sehr ungnädig und stellte sogleich das Verhör über ihn an. Man hatte den Topf vollends aus der Erde gegraben und mit dem Spaten und mit dem Mäntelein voll Gold vor die Füße des Königs gesetzt. Der Schatzmeister sagte aus, dass er mit seinen Wachen den Muck überrascht habe, wie er diesen Topf mit Gold gerade in die Erde gegraben habe.

Der König befragte hierauf den Angeklagten, ob es wahr sei und woher er das Gold, das er vergraben, bekommen habe.

Der kleine Muck, im Gefühl seiner Unschuld, sagte aus, dass er diesen Topf im Garten entdeckt habe, dass er ihn habe nicht ein-, sondern ausgraben wollen.

Alle Anwesenden lachten laut über diese Entschuldigung, der König aber, aufs höchste erzürnt über die vermeintliche Frechheit des Kleinen, rief aus: »Wie, Elender! Du willst deinen König so dumm und schändlich belügen, nachdem du ihn bestohlen hast? Schatzmeister Archaz! Ich fordere dich auf, zu sagen, ob du diese Summe Goldes für die nämliche erkennst, die in meinem Schatze fehlt.«

Der Schatzmeister aber antwortete, er sei seiner Sache ganz gewiss, so viel und noch mehr fehle seit einiger Zeit von dem königlichen Schatz, und er könne einen Eid darauf ablegen, dass dies das Gestohlene sei.

Da befahl der König, den kleinen Muck in enge Ketten zu legen und in den Turm zu führen; dem Schatzmeister aber übergab er das Gold, um es wieder in den Schatz zu tragen. Vergnügt über den glücklichen Ausgang der Sache, zog dieser ab und zählte zu Haus die blinkenden Goldstücke; aber das hat dieser schlechte Mann niemals angezeigt, dass unten in dem Topf ein Zettel lag, der sagte: »Der Feind hat mein Land überschwemmt, daher verberge ich hier einen Teil meiner Schätze; wer es auch finden mag, den treffe der Fluch seines Königs, wenn er es nicht sogleich meinem Sohne ausliefert! König Sadi.«

Der kleine Muck stellte in seinem Kerker traurige Betrachtungen an; er wusste, dass auf Diebstahl an königlichen Sachen der Tod gesetzt war, und doch mochte er das Geheimnis mit dem Stäbchen dem König nicht verraten, weil er mit Recht fürchtete, dieses und seiner Pantoffeln beraubt zu werden. Seine Pantoffeln konnten ihm leider auch keine Hilfe bringen; denn da er in engen Ketten an die Mauer geschlossen war, konnte er, so sehr er sich quälte, sich nicht auf dem Absatz umdrehen. Als ihm aber am anderen Tage sein Tod angekündigt wurde, da gedachte er doch, es sei besser, ohne das Zauberstäbchen zu leben als mit ihm zu sterben, ließ den König um geheimes Gehör bitten und entdeckte ihm das Geheimnis. Der König maß von Anfang an seinem Geständnis keinen Glauben bei; aber der kleine Muck versprach eine Probe, wenn ihm der König zugestünde, dass er nicht getötet werden solle.

Der König gab ihm sein Wort darauf und ließ, von Muck ungesehen, einiges Gold in die Erde graben und befahl diesem, mit seinem Stäbchen zu suchen. In wenigen Augenblicken hatte er es gefunden; denn das Stäbchen schlug deutlich dreimal auf die Erde. Da merkte der König, dass ihn sein Schatzmeister betrogen hatte, und sandte ihm, wie es im Morgenland gebräuchlich ist, eine seidene Schnur, damit er sich selbst erdrossle. Zum kleinen Muck aber sprach er: »Ich habe dir zwar dein Leben versprochen; aber es scheint mir, als ob du nicht allein dieses Geheimnis mit dem Stäbchen besitzest; darum bleibst du in ewiger Gefangenschaft, wenn du nicht gestehst, was für eine Bewandtnis es mit deinem Schnellaufen hat.« Der kleine Muck, den die einzige Nacht im Turm alle Lust zu längerer Gefangenschaft benommen hatte, bekannte, dass seine ganze Kunst in den Pantoffeln liege, doch lehrte er den König nicht das Geheimnis von dem dreimaligen Umdrehen auf dem Absatz. Der König schlüpfte selbst in die Pantoffeln, um die Probe zu machen, und jagte wie unsinnig im Garten umher; oft wollte er anhalten; aber er wusste nicht, wie man die Pantoffeln zum Stehen brachte, und der kleine Muck, der diese kleine Rache sich nicht versagen konnte, ließ ihn laufen, bis er ohnmächtig niederfiel.

Als der König wieder zur Besinnung zurückgekehrt war, war er schrecklich aufgebracht über den kleinen Muck, der ihn so ganz außer Atem hatte laufen lassen. »Ich habe dir mein Wort gegeben, dir Freiheit und Leben zu schenken; aber innerhalb zwölf Stunden musst du mein Land verlassen, sonst lasse ich dich aufknöpfen!« Die Pantoffeln und das Stäbchen aber ließ er in seine Schatzkammer legen.

So arm als je wanderte der kleine Muck zum Land hinaus, seine Torheit verwünschend, die ihm vorgespiegelt hatte, er könne eine bedeutende Rolle am Hofe spielen. Das Land, aus dem er gejagt wurde, war zum Glück nicht groß, daher war er schon nach acht Stunden auf der Grenze, obgleich ihn das Gehen, da er an seine lieben Pantoffeln gewöhnt war, sehr sauer ankam.

Als er über der Grenze war, verließ er die gewöhnliche Straße, um die dichteste Einöde der Wälder aufzusuchen und dort nur sich zu leben; denn er war allen Menschen gram. In einem dichten Walde traf er auf einen Platz, der ihm zu dem Entschluss, den er gefasst hatte, ganz tauglich schien. Ein klarer Bach, von großen, schattigen Feigenbäumen umgeben, ein weicher Rasen luden ihn ein; hier warf er sich nieder mit dem Entschluss, keine Speise mehr zu sich zu nehmen, sondern hier den Tod zu erwarten. Über traurigen Todesbetrachtungen schlief er ein; als er aber wieder aufwachte und der Hunger ihn zu quälen anfing, bedachte er doch, dass der Hungertod eine gefährliche Sache sei, und sah sich um, ob er nirgends etwas zu essen bekommen könnte.

Köstliche reife Feigen hingen an dem Baume, unter welchem er geschlafen hatte; er stieg hinauf, um sich einige zu pflücken, ließ es sich trefflich schmecken und ging dann hinunter an den Bach, um seinen Durst zu löschen. Aber wie groß war sein Schrecken, als ihm das Wasser seinen Kopf mit zwei gewaltigen Ohren und einer dicken, langen Nase geschmückt zeigte! Bestürzt griff er mit den Händen nach den Ohren, und wirklich, sie waren über eine halbe Elle lang.

»Ich verdiene Eselsohren!« rief er aus; »denn ich habe mein Glück wie ein Esel mit Füßen getreten.« Er wanderte unter den Bäumen umher, und als er wieder Hunger fühlte, musste er noch einmal zu den Feigen seine Zuflucht nehmen; denn sonst fand er nichts Essbares an den Bäumen. Als ihm über der zweiten Portion Feigen einfiel, ob wohl seine Ohren nicht unter seinem großen Turban Platz hätten, damit er doch nicht gar zu lächerlich aussehe, fühlte er, dass seine Ohren verschwunden waren. Er lief gleich an den Bach zurück, um sich davon zu überzeugen, und wirklich, es war so, seine Ohren hatten ihre vorige Gestalt, seine lange, unförmliche Nase war nicht mehr. Jetzt merkte er aber, wie dies gekommen war; von dem ersten Feigenbaum hatte er die lange Nase und Ohren bekommen, der zweite hatte ihn geheilt; freudig erkannte er, dass sein gütiges Geschick ihm noch einmal die Mittel in die Hand gebe, glücklich zu sein. Er pflückte daher von jedem Baum so viel, wie er tragen konnte, und ging in das Land zurück, das er vor kurzem verlassen hatte. Dort machte er sich in dem ersten Städtchen durch andere Kleider ganz unkenntlich und ging dann weiter auf die Stadt zu, die jener König bewohnte, und kam auch bald dort an.

Es war gerade zu einer Jahreszeit, wo reife Früchte noch ziemlich selten waren; der kleine Muck setzte sich daher unter das Tor des Palastes; denn ihm war von früherer Zeit her wohl bekannt, dass hier solche Seltenheiten von dem Küchenmeister für die königliche Tafel eingekauft wurden. Muck hatte noch nicht lange gesessen, als er den Küchenmeister über den Hof herüberschreiten sah. Er musterte die Waren der Verkäufer, die sich am Tor des Palastes eingefunden hatten; endlich fiel sein Blick auch auf Mucks Körbchen. »Ah, ein seltener Bissen«, sagte er, »der Ihro Majestät gewiss behagen wird. Was willst du für den ganzen Korb?« Der kleine Muck bestimmte einen mäßigen Preis, und sie waren bald des Handels einig. Der Küchenmeister übergab den Korb einem Sklaven und ging weiter; der kleine Muck aber macht sich einstweilen aus dem Staub, weil er befürchtete, wenn sich das Unglück an den Köpfen des Hofes zeigte, möchte man ihn als Verkäufer aufsuchen und bestrafen.

Der König war über Tisch sehr heiter gestimmt und sagte seinem Küchenmeister einmal über das andere Lobsprüche wegen seiner guten Küche und der Sorgfalt, mit der er immer das Seltenste für ihn aussuche; der Küchenmeister aber, welcher wohl wusste, welchen Leckerbissen er noch im Hintergrund habe, schmunzelte gar freundlich und ließ nur einzelne Worte fallen, als: »Es ist noch nicht aller Tage Abend«, oder »Ende gut, alles gut«, so dass die Prinzessinnen sehr neugierig wurden, was er wohl noch bringen werde. Als er aber die schönen, einladenden Feigen aufsetzen ließ, da entfloh ein allgemeines Ah! dem Munde der Anwesenden.

»Wie reif, wie appetitlich!« rief der König. »Küchenmeister, du bist ein ganzer Kerl und verdienst unsere ganz besondere Gnade!« Also sprechend, teilte der König, der mit solchen Leckerbissen sehr sparsam zu sein pflegte, mit eigener Hand die Feigen an seiner Tafel aus. Jeder Prinz und jede Prinzessin bekam zwei, die Hofdamen und die Wesire und Agas eine, die übrigen stellte er vor sich hin und begann mit großem Behagen sie zu verschlingen.

»Aber, lieber Gott, wie siehst du so wunderlich aus, Vater?« rief auf einmal die Prinzessin Amarza. Alle sahen den König erstaunt an; ungeheure Ohren hingen ihm am Kopf, eine lange Nase zog sich über sein Kinn herunter; auch sich selbst betrachteten sie untereinander mit Staunen und Schrecken; alle waren mehr oder minder mit dem sonderbaren Kopfputz geschmeckt.

Man denke sich den Schrecken des Hofes! Man schickte sogleich nach allen Ärzten der Stadt; sie kamen haufenweise, verordneten Pillen und Mixturen; aber die Ohren und die Nasen blieben. Man operierte einen der Prinzen; aber die Ohren wuchsen nach.

Muck hatte die ganze Geschichte in seinem Versteck, wohin er sich zurückgezogen hatte, gehört und erkannte, dass es jetzt Zeit sei zu handeln. Er hatte sich schon vorher von dem aus den Feigen gelösten Geld einen Anzug verschafft, der ihn als Gelehrten darstellen konnte; ein langer Bart aus Ziegenhaaren vollendete die Täuschung. Mit einem Säckchen voll Feigen wanderte er in den Palast des Königs und bot als fremder Arzt seine Hilfe an. Man war von Anfang sehr ungläubig; als aber der kleine Muck eine Feige einem der Prinzen zu essen gab und Ohren und Nase dadurch in den alten Zustand zurückbrachte, da wollte alles von dem fremden Arzte geheilt sein. Aber der König nahm ihn schweigend bei der Hand und führte ihn in sein Gemach; dort schloss er eine Türe auf, die in die Schatzkammer führte, und winkte Muck, ihm zu folgen. »Hier sind meine Schätze«, sprach der König, »wähle dir, was es auch sei, es soll dir gewährt werden, wenn du mich von diesem schmachvollen Übel befreist.«

Das war süße Musik in des kleinen Muck Ohren; er hatte gleich beim Eintritt seine Pantoffeln auf dem Boden stehen sehen, gleich daneben lag auch sein Stäbchen. Er ging nun umher in dem Saal, wie wenn er die Schätze des Königs bewundern wollte; kaum aber war er an seine Pantoffeln gekommen, so schlüpfte er eilends hinein, ergriff sein Stäbchen, riss seinen falschen Bart herab und zeigte dem erstaunten König das wohlbekannte Gesicht seines verstoßenen Muck. »Treuloser König«, sprach er, »der du treue Dienste mit Undank lohnst, nimm als wohlverdiente Strafe die Missgestalt, die du trägst. Die Ohren lass ich dir zurück, damit sie dich täglich erinnern an den kleinen Muck.« Als er so gesprochen hatte, drehte er sich schnell auf dem Absatz herum, wünschte sich weit hinweg, und ehe noch der König um Hilfe rufen konnte, war der kleine Muck entflohen. Seitdem lebt der kleine Muck hier in großem Wohlstand, aber einsam; denn er verachtet die Menschen. Er ist durch Erfahrung ein weiser Mann geworden, welcher, wenn auch sein Äußeres etwas Auffallendes haben mag, deine Bewunderung mehr als deinen Spott verdient.

»So erzählte mir mein Vater; ich bezeugte ihm meine Reue über mein rohes Betragen gegen den guten kleinen Mann, und mein Vater schenkte mir die andere Hälfte der Strafe, die er mir zugedacht hatte. Ich erzählte meinen Kameraden die wunderbaren Schicksale des Kleinen, und wir gewannen ihn so lieb, dass ihn keiner mehr schimpfte. Im Gegenteil, wir ehrten ihn, solange er lebte, und haben uns vor ihm immer so tief wie vor Kadi und Mufti gebückt.«

Die Reisenden beschlossen, einen Rasttag in dieser Karawanserei zu machen, um sich und die Tiere zur weiteren Reise zu stärken . Die gestrige Fröhlichkeit ging auch auf diesen Tag über, und sie ergötzten sich in allerlei Spielen. Nach dem Essen aber riefen sie dem fünften Kaufmann, Ali Sizah, zu, auch seine Schuldigkeit gleich den übrigen zu tun und eine Geschichte zu erzählen. Er antwortete, sein Leben sei zu arm an auffallenden Begebenheiten, als dass er ihnen etwas davon mitteilen möchte, daher wolle er ihnen etwas anderes erzählen, nämlich: ……

König Drosselbart

Gebr. Grimm

Ein König hatte eine Tochter, die war über alle Maßen schön, aber dabei so stolz und übermütig, dass ihr kein Freier gut genug war. Sie wies einen nach dem andern ab und trieb noch dazu Spott mit ihnen. Einmal ließ der König ein großes Fest anstellen und lud dazu aus der Nähe und Ferne die heiranlustigen Männer ein. Sie wurden alle in eine Reihe nach Rang und Stand geordnet: erst kamen die Könige, dann die Herzöge, die Fürsten, Grafen und Freiherren, zuletzt die Edelleute. Nun wurde die Königstochter durch die Reihen geführt, aber an jedem hatte sie etwas auszusetzen. Der eine war ihr zu dick: „Das Weinfass!“ sprach sie. Der andere zu lang: „Lang und schwank hat keinen Gang!“ Der dritte zu kurz: „Kurz und dick hat kein Geschick!“ Der vierte zu blass: „Der bleiche Tod!“ Der fünfte zu rot: „Der Zinshahn!“ Der sechste war nicht gerade genug: „Grünes Holz, hinterm Ofen getrocknet!“ Und so hatte sie an einem jeden etwas auszusetzen, besonders aber machte sie sich über einen guten König lustig, der ganz oben stand und dem das Kinn ein wenig krumm gewachsen war. „Ei“, rief sie und lachte, „der hat ein Kinn wie die Drossel einen Schnabel!“ und seit der Zeit bekam er den Namen D r o s s e l b a r t – Der alte König aber, als er sah, dass seine Tochter nichts tat als über die Leute spotten, und alle Freier, die da versammelt waren, verschmähte, ward er zornig und schwur, sie sollte den ersten besten Bettler zum Manne nehmen, der vor seine Türe käme.

Ein paar Tage darauf hob ein Spielmann an, unter dem Fenster zu singen, um damit ein geringes Almosen zu verdienen. Als es der König hörte, sprach er: „Lasst ihn heraufkommen!“ Da trat der Spielmann in seinen schmutzigen, zerlumpten Kleidern herein, sang vor dem König und seiner Tochter und bat, als er fertig war, um eine milde Gabe. Der König sprach: „Dein Gesang hat mir so wohl gefallen, dass ich dir meine Tochter da zur Frau geben will.“ Die Königstochter erschrak, aber der König sagte: „Ich habe den Eid getan, dich dem ersten besten Bettelmann zu geben; den will ich auch halten.“ Es half keine Einrede, der Pfarrer wurde geholt, und sie musste sich gleich mit dem Spielmann trauen lassen. Als das geschehen war, sprach der König: „Nun schickt sich’s nicht, dass du als ein Bettelweib noch länger in meinem Schlosse bleibst, du kannst nun mit deinem Manne fortziehen.“ Der Bettelmann führte sie an der Hand hinaus, und sie musste mit ihm zu Fuß fortgehen. Als sie in einen großen Wald kamen, da fragte sie:

„Ach, wem gehört der schöne Wald?“ –

„Der gehört dem König Drosselbart;

Hätt’st du’n genommen, so wär‘ er dein.“ –

„Ich arme Jungfer zart,

Ach, hätt‘ ich genommen den König Drosselbart!“

Darauf kamen sie über eine Wiese, da fragte sie wieder:

„Wem gehört die schöne, grüne Wiese?“ –

„Sie gehört dem König Drosselbart;

Hätt’st du’n genommen, so wär‘ sie dein.“ –

„Ich arme Jungfer zart,

Ach, hätt‘ ich genommen den König Drosselbart!“

Dann kamen sie durch eine große Stadt, da fragte sie wieder:

„Wem gehört diese schöne, große Stadt?“ –

„Sie gehört dem König Drosselbart;

Hätt’st du’n genommen, so wär‘ sie dein.“ –

„Ich arme Jungfer zart,

Ach, hätt‘ ich genommen den König Drosselbart!“

„Es gefällt mir gar nicht“, sprach der Spielmann, „dass du dir immer einen andern zum Mann wünschest; bin ich dir nicht gut genug?“ Endlich kamen sie an ein kleines Häuschen, da sprach sie:

„Ach Gott, was ist das Haus so klein!

Wem mag das elende, winzige Häuschen sein?“

Der Spielmann antwortete: „Das ist mein und dein Haus, wo wir zusammen wohnen.“ Sie musste sich bücken, damit sie zu der niedrigen Tür hineinkam. „Wo sind die Diener?“ sprach die Königstochter. “ Was Diener!“ antwortete der Bettelmann, „du musst selber tun, was du getan haben willst. Mach‘ nur gleich Feuer an und stell‘ Wasser auf, dass du mir mein Essen kochst; ich bin ganz müde.“ Die Königstochter verstand aber nichts vom Feuermachen und Kochen, und der Bettelmann musste selber mit Hand anlegen, dass es noch so leidlich ging. Als sie die schmale Kost verzehrt hatten, legten sie sich zu Bett; aber am Morgen trieb er sie schon ganz früh heraus, weil sie das Haus besorgen sollte. Ein paar Tage lebten sie auf diese Art schlecht und recht und zehrten ihren Vorrat auf. Da sprach der Mann: „Frau, so geht’s nicht länger, dass wir hier zehren und nichts verdienen. Du sollst Körbe flechten.“ Er ging aus, schnitt Weiden und brachte sie heim. Da fing sie an zu flechten, aber die harten Weiden stachen ihr die zarten Hände wund. „Ich sehe, das geht nicht“, sprach der Mann, „spinn‘ lieber, vielleicht kannst du das besser.“ Sie setzte sich hin und versuchte zu spinnen, aber der harte Faden schnitt ihr bald in die weichen Finger, dass das Blut daran herunterlief. „Siehst du“, sprach der Mann, „du taugst zu keiner Arbeit, mit dir bin ich schlimm angekommen. Nun will ich’s versuchen und einen Handel mit Töpfen und irdenem Geschirr anfangen; du sollst dich auf den Markt setzen und die Ware feilhalten.“ – „Ach“, dachte sie, „wenn auf den Markt Leute aus meines Vaters Reich kommen und sehen mich da sitzen, wie werden sie mich verspotten!“ Aber es half nichts, sie musste sich fügen, wenn sie nicht Hungers sterben wollten. Das erste Mal ging’s gut; denn die Leute kauften der Frau, weil sie schön war, gern ihre Ware ab und bezahlten, was sie forderte; ja, viele gaben ihr das Geld und ließen ihr die Töpfe noch dazu. Nun lebten sie von dem Erworbenen, solang es dauerte, da handelte der Mann wieder eine Menge neues Geschirr ein. Sie setzte sich damit an eine Ecke des Marktes, stellte es um sich her und hielt feil. Da kam plötzlich ein trunkener Husar dahergejagt und ritt geradezu in die Töpfe hinein, dass alles in tausend Scherben zersprang. Sie fing an zu weinen und wusste vor Angst nicht, was sie anfangen sollte. „Ach, wie wird mir’s ergehen!“ rief sie, „was wird mein Mann dazu sagen!“ Sie lief heim und erzählte ihm das Unglück.“ Wer setzt sich auch an die Ecke des Marktes mit irdenem Geschirr!“ sprach der Mann; „lass‘ nur das Weinen, ich sehe wohl, du bist zu keiner ordentlichen Arbeit zu gebrauchen. Da bin ich in unseres Königs Schloss gewesen und habe gefragt, ob sie nicht eine Küchenmagd brauchen könnten, und sie haben mir versprochen, sie wollten dich dazu nehmen; dafür bekommst du freies Essen.“

Nun wurde die Königstochter eine Küchenmagd, musste dem Koch zur Hand gehen und die sauerste Arbeit tun. Sie machte sich in beiden Taschen ein Töpfchen fest, darin brachte sie nach Hause, was ihr von dem Übriggebliebenen zuteil ward, und davon nährten sie sich. Es trug sich zu, dass die Hochzeit des ältesten Königssohnes gefeiert werden sollte, da ging die arme Frau hinauf, stellte sich vor die Saaltür und wollte zusehen. Als nun die Lichter angezündet waren, und immer einer schöner als der andere hereintrat und alles voll Pracht und Herrlichkeit war, da dachte sie mit betrübtem Herzen an ihr Schicksal und verwünschte ihren Stolz und Übermut, der sie erniedrigt und in so große Armut gestürzt hatte. Von den köstlichen Speisen, die ein und aus getragen wurden, und von denen der Geruch zu ihr aufstieg, warfen ihr Diener manchmal ein paar Brocken zu, die tat sie in ihr Töpfchen und wollte es heimtragen. Auf einmal trat der Königssohn herein, war in Samt und Seide gekleidet und hatte goldene Ketten um den Hals. Und als er die schöne Frau in der Tür stehen sah, ergriff er sie bei der Hand und wollte mit ihr tanzen, aber sie weigerte sich und erschrak, denn sie sah, dass es der König Drosselbart war, der um sie gefreit und den sie mit Spott abgewiesen hatte. Ihr Sträuben half nichts, er zog sie in den Saal; da zerriss das Band, an dem die Taschen hingen, und die Töpfe fielen heraus, dass die Suppe floss und die Brocken umhersprangen. Und wie das die Leute sahen, entstand ein allgemeines Gelächter und Spotten, und sie war so beschämt, dass sie sich lieber tausend Klafter unter die Erde gewünscht hätte. Sie sprang zur Tür hinaus und wollte entfliehen, aber auf der Treppe holte sie ein Mann ein und brachte sie zurück; und wie sie ihn ansah, war es wieder der König Drosselbart. Er sprach ihr freundlich zu: „Fürchte dich nicht, ich und der Spielmann, der mit dir in dem elenden Häuschen gewohnt hat, sind eins. Dir zuliebe habe ich mich verstellt, und der Husar, der dir die Töpfe entzweigeritten hat, bin ich auch gewesen. Das alles ist geschehen, um deinen stolzen Sinn zu beugen und dich für deinen Hochmut zu strafen, womit du mich verspottet hast.“ Da weinte sie bitterlich und sagte: „Ich habe großes Unrecht getan und bin nicht wert, deine Frau zu sein.“ Er aber sprach: „Tröste dich, die bösen Tage sind vorüber, jetzt wollen wir unsere Hochzeit feiern.“ Da kamen die Kammerfrauen und taten ihr die prächtigsten Kleider an, und ihr Vater kam und der ganze Hof und wünschten ihr Glück zu ihrer Vermählung mit dem König Drosselbart, und die rechte Freude fing jetzt erst an. Ich wollte, du und ich, wir wären auch dabei gewesen.

Der große Klaus und der kleine Klaus

Hans-Christian Andersen

In einem Dorfe wohnten zwei Leute, die beide denselben Namen hatten. Beide hießen Klaus, aber der eine besaß vier Pferde und der andere nur ein einziges. Um sie nun voneinander unterscheiden zu können, nannte man den, der vier Pferde besaß, den großen Klaus, und den, der nur ein einziges hatte, den kleinen Klaus. Nun wollen wir hören, wie es den beiden erging, denn es ist eine wahre Geschichte.
Die ganze Woche hindurch musste der kleine Klaus für den großen Klaus pflügen und ihm sein einziges Pferd leihen, dann half der große Klaus ihm wieder mit allen seinen vieren, aber nur einmal wöchentlich, und das war des Sonntags. Hussa, wie klatschte der kleine Klaus mit seiner Peitsche über alle fünf Pferde! Sie waren ja nun so gut wie sein an dem einen Tage. Die Sonne schien herrlich, und alle Glocken im Kirchturm läuteten zur Kirche, die Leute waren alle geputzt und gingen mit dem Gesangbuch unter dem Arme, den Prediger zu hören, und sie sahen den kleinen Klaus, der mit fünf Pferden pflügte, und er war so vergnügt, dass er wieder mit der Peitsche klatschte und rief: „Hü, alle meine Pferde!“

„So musst du nicht sprechen“, sagte der große Klaus, „das eine Pferd ist ja nur dein!“ Aber als wieder jemand vorbeiging, vergaß der kleine Klaus, dass er es nicht sagen sollte, und da rief er: „Hü, alle meine Pferde!“
„Nun ersuche ich dich amtlich, dies zu unterlassen“, sagte der große Klaus; „denn sagst du es noch einmal, so schlage ich dein Pferd vor den Kopf, dass es auf der Stelle tot ist.“ „Ich will es wahrlich nicht mehr sagen!“ sagte der kleine Klaus. Aber als da Leute vorbeikamen und ihm guten Tag zunickten, wurde er sehr erfreut und dachte, es sehe doch recht gut aus, dass er fünf Pferde habe, sein Feld zu pflügen, und da klatschte er mit der Peitsche und rief: „Hü, alle meine Pferde!“ „Ich werde deine Pferde hüten!“ sagte der große Klaus, nahm einen Hammer und schlug des kleinen Klaus einziges Pferd vor den Kopf, dass es umfiel und tot war.
„Ach nun habe ich gar kein Pferd mehr!“ sagte der kleine Klaus und fing an zu weinen. Später zog er dem Pferde die Haut ab und ließ sie gut im Winde trocknen, steckte sie dann in einen Sack, den er auf die Schulter warf, und machte sich nach der Stadt auf den Weg, um seine Pferdehaut zu verkaufen.
Er hatte einen sehr weiten Weg zu gehen, musste durch einen großen, dunklen Wald, und nun wurde es gewaltig schlechtes Wetter. Er verirrte sich gänzlich, und ehe er wieder auf den rechten Weg kam, war es Abend und allzu weit, um zur Stadt oder wieder nach Hause zu gelangen, bevor es Nacht wurde.
Dicht am Wege lag ein großer Bauernhof; die Fensterladen waren draußen vor den Fenstern geschlossen, aber das Licht konnte doch darüber hinausscheinen. „Da werde ich wohl Erlaubnis erhalten können, die Nacht über zu bleiben“, dachte der kleine Klaus und klopfte an.
Die Bauersfrau machte auf; als sie aber hörte, was er wollte, sagte sie, er solle weitergehen, ihr Mann sei nicht zu Hause, und sie nehme keine Fremden herein. „Nun, so muss ich draußen liegenbleiben“, sagte der kleine Klaus, und die Bauersfrau schlug ihm die Tür vor der Nase zu.
Dicht daneben stand ein großer Heuschober, und zwischen diesem und dem Wohnhaus war ein kleiner Geräteschuppen mit einem flachen Strohdache gebaut. „Da oben kann ich liegen“, sagte der kleine Klaus, als er das Dach erblickte; „das ist ja ein herrliches Bett. Der Storch fliegt wohl nicht herunter und beißt mich in die Beine.“ Denn ein Storch hatte sein Nest auf dem Dache.
Nun kroch der kleine Klaus auf den Schuppen hinauf, streckte sich hin und drehte sich, um recht gut zu liegen. Die hölzernen Laden vor den Fenstern schlossen oben nicht zu, und so konnte er gerade in die Stube hineinblicken.
Da war ein großer Tisch gedeckt, mit Wein und Braten und einem herrlichen Fisch darauf; die Bauersfrau und der Küster saßen bei Tische und sonst niemand anders, sie schenkte ihm ein, und er gabelte in den Fisch, denn das war sein Leibgericht.
„Wer doch etwas davon abbekommen könnte!“ dachte der kleine Klaus und streckte den Kopf gerade gegen das Fenster. Einen herrlichen Kuchen sah er auch im Zimmer stehen! Ja, das war ein Fest!
Nun hörte er jemand von der Landstraße her gegen das Haus reiten; das war der Mann der Bauersfrau, der nach Hause kam. Das war ein ganz guter Mann, aber er hatte die wunderliche Eigenheit, dass er es nie ertragen konnte, einen Küster zu sehen; kam ihm ein Küster vor die Augen, so wurde er ganz rasend. Deshalb war es auch, dass der Küster zu seiner Frau hineingegangen war, um ihr guten Tag zu sagen, weil er wusste, dass der Mann nicht zu Hause sei, und die gute Frau setzte ihm dafür das herrlichste Essen vor. Als sie nun den Mann kommen hörten, erschraken sie sehr, und die Frau bat den Küster, in eine große, leere Kiste hineinzukriechen, denn er wusste ja, dass der arme Mann es nicht ertragen konnte, einen Küster zu sehen.
Die Frau versteckte geschwind all das herrliche Essen und den Wein in ihrem Backofen, denn hätte der Mann das zu sehen bekommen, so hätte er sicher gefragt, was es zu bedeuten habe.
„Ach ja!“ seufzte der kleine Klaus oben auf seinem Schuppen, als er all das Essen verschwinden sah. „Ist jemand dort oben?“ fragte der Bauer und sah nach dem kleinen Klaus hinauf. „Warum liegst du dort? Komm lieber mit in die Stube.“ Nun erzählte der kleine Klaus, wie er sich verirrt habe, und bat, dass er die Nacht über bleiben dürfe. „Ja freilich“, sagte der Bauer, „aber wir müssen zuerst etwas zu leben haben!“
Die Frau empfing beide sehr freundlich, deckte einen langen Tisch und gab ihnen eine große Schüssel voll Grütze. Der Bauer war hungrig und aß mit rechtem Appetit, aber der kleine Klaus konnte nicht unterlassen, an den herrlichen Braten, Fisch und Kuchen, die er im Ofen wusste, zu denken.
Unter den Tisch zu seinen Füßen hatte er den Sack mit der Pferdehaut gelegt, die er in der Stadt hatte verkaufen wollen. Die Grütze wollte ihm nicht schmecken, da trat er auf seinen Sack, und die trockene Haut im Sacke knarrte laut.
„St!“ sagte der kleine Klaus zu seinem Sacke, trat aber zu gleicher Zeit wieder darauf; da knarrte es weit lauter als zuvor.
„Ei, was hast du in deinem Sacke?“ fragte der Bauer darauf. „Oh, es ist ein Zauberer“, sagte der kleine Klaus; „er sagt, wir sollen doch keine Grütze essen, er habe den ganzen Ofen voll Braten, Fische und Kuchen gehext.“
„Ei der tausend!“ sagte der Bauer und machte schnell den Ofen auf, wo er all die prächtigen, leckeren Speisen erblickte, die nach seiner Meinung der Zauberer im Sack für sie gehext hatte. Die Frau durfte nichts sagen, sondern setzte sogleich die Speisen auf den Tisch, und so aßen beide vom Fische, vom Braten und von dem Kuchen. Nun trat der kleine Klaus wieder auf seinen Sack, dass die Haut knarrte.
„Was sagt er jetzt?“ fragte der Bauer. „Er sagt“, erwiderte der kleine Klaus, „dass er auch drei Flaschen Wein für uns gehext hat; sie stehen dort in der Ecke beim Ofen!“
Nun musste die Frau den Wein hervorholen, den sie verborgen hatte, und der Bauer trank und wurde lustig. Einen solchen Zauberer, wie der kleine Klaus im Sacke hatte, hätte er gar zu gern gehabt.
„Kann er auch den Teufel hervorhexen?“ fragte der Bauer. „Ich möchte ihn wohl sehen, denn nun bin ich lustig!“
„Ja“, sagte der kleine Klaus, „mein Zauberer kann alles, was ich verlange. Nicht wahr, du?“
fragte er und trat auf den Sack, dass es knarrte.
„Hörst du? Er sagt ja! Aber der Teufel sieht hässlich aus, wir wollen ihn lieber nicht sehen!“
„Oh, mir ist gar nicht bange; wie mag er wohl aussehen?“
„Ja, er wird sich ganz leibhaftig als ein Küster zeigen!“
„Hu!“ sagte der Bauer, „das ist hässlich! Ihr müsst wissen, ich kann nicht ertragen, einen Küster zu sehen! Aber es macht nichts, ich weiß ja, dass es der Teufel ist, so werde ich mich wohl leichter darein finden! Nun habe ich Mut, aber er darf mir nicht zu nahe kommen.“
„Ich werde meinen Zauberer fragen“, sagte der kleine Klaus, trat auf den Sack und hielt sein Ohr hin.
„Was sagt er?“ >BR> „Er sagt, Ihr könnt hingehen und die Kiste aufmachen, die dort in der Ecke steht, so werdet Ihr den Teufel sehen, wie er darin kauert; aber Ihr müsst den Deckel halten, dass er nicht entwischt.“
„Wollt Ihr mir helfen, ihn zu halten?
bat der Bauer und ging zu der Kiste hin, wo die Frau den Küster verborgen hatte, der darin saß und sich sehr fürchtete. Der Bauer öffnete den Deckel ein wenig und sah unter ihn hinein. „Hu!“ schrie er und sprang zurück. „Ja, nun habe ich ihn gesehen, er sah ganz aus wie unser Küster! Das war schrecklich!“
Darauf musste getrunken werden, und so tranken sie denn noch lange in die Nacht hinein.
„Den Zauberer musst du mir verkaufen“, sagte der Bauer; „verlange dafür, was du willst! Ja, ich gebe dir gleich einen ganzen Scheffel Geld!“
„Nein, das kann ich nicht!“ sagte der kleine Klaus. „Bedenke doch, wie viel Nutzen ich von diesem Zauberer haben kann.“
„Ach, ich möchte ihn sehr gern haben“, sagte der Bauer und fuhr fort zu bitten.
„Ja“, sagte der kleine Klaus zuletzt, „da du so gut gewesen bist, mir diese Nacht Obdach zu gewähren, so mag es sein. Du sollst den Zauberer für einen Scheffel Geld haben, aber ich will den Scheffel gehäuft voll haben.“
„Das sollst du bekommen“, sagte der Bauer, „aber die Kiste dort musst du mit dir nehmen; ich will sie nicht eine Stunde länger im Hause behalten; man kann nicht wissen, vielleicht sitzt er noch darin.“
Der kleine Klaus gab dem Bauer seinen Sack mit der trocknen Haut darin und bekam einen ganzen Scheffel Geld, gehäuft gemessen, dafür. Der Bauer schenkte ihm sogar noch einen großen Karren, um das Geld und die Kiste darauf fortzufahren.
„Lebe wohl!“ sagte der kleine Klaus.
Dann fuhr er mit seinem Gelde und der großen Kiste, worin noch der Küster saß, davon.
Auf der andrem Seite des Waldes war ein großer, tiefer Fluss; das Wasser floss so reißend darin, dass man kaum gegen den Strom anschwimmen konnte; man hatte eine große, neue Brücke darüber geschlagen; der kleine Klaus hielt mitten auf ihr an und sagte ganz laut, damit der Küster in der Kiste es hören könne:
„Was soll ich doch mit der dummen Kiste machen? Sie ist so schwer, als ob Steine drin wären! Ich werde nur müde davon, sie weiterzufahren; ich will sie in den Fluss werfen; schwimmt sie zu mir nach Hause, so ist es gut, wo nicht, so hat es auch nichts zu sagen.“
Darauf fasste er die Kiste mit der einen Hand an und hob sie ein wenig auf, gerade als ob er sie in das Wasser werfen wollte.
„Nein, lass das sein!“ rief der Küster innerhalb der Kiste. „Lass mich erst heraus!“
„Hu!“ sagte der kleine Klaus und tat, als fürchte er sich. „Er sitzt noch darin! Da muss ich ihn geschwind in den Fluss werfen, damit er ertrinkt!“
„O nein, o nein!“ sagte der Küster; „ich will dir einen ganzen Scheffel Geld geben, wenn du mich gehen lässt!“
„Ja, das ist etwas anderes!“ sagte der kleine Klaus und machte die Kiste auf.
Der Küster kroch schnell heraus, stieß die leere Kiste in das Wasser hinaus und ging nach seinem Hause, wo der kleine Klaus einen ganzen Scheffel Geld bekam; einen hatte er von dem Bauer erhalten, nun hatte er also seinen ganzen Karren voll Geld.
„Sieh, das Pferd erhielt ich ganz gut bezahlt!“ sagte er zu sich selbst, als er zu Hause in seiner eigenen Stube war und alles Geld auf einen Berg mitten in der Stube ausschüttete. Das wird den großen Klaus ärgern, wenn er erfährt, wie reich ich durch ein einziges Pferd geworden bin; aber ich will es ihm doch licht geradeheraus sagen!“
Nun sandte er einen Knaben zum großen Klaus hin, um sich ein Scheffelmaß zu leihen.
„Was mag er wohl damit machen wollen?“ dachte der große Klaus und schmierte Teer auf den Boden, damit von dem, was gemessen wurde, etwas daran hängen bleiben könnte. Und so kam es auch; denn als er das Scheffelmaß zurückerhielt, hingen drei Taler daran.
„Was ist das?“ sagte der große Klaus und lief sogleich zu dem kleinen. „Wo hast du all das Geld bekommen?“
„Oh, das ist für meine Pferdehaut! Ich verkaufte sie gestern Abend.“
„Das war wahrlich gut bezahlt!“ sagte der große Klaus, lief geschwind nach Hause, nahm eine Axt und schlug alle seine vier Pferde vor den Kopf, zog ihnen die Haut ab und fuhr mit diesen Häuten zur Stadt.
„Häute! Häute! Wer will Häute kaufen?“ rief er durch die Straßen.
Alle Schuhmacher und Gerber kamen gelaufen und fragten, was er dafür haben wolle.
„Einen Scheffel Geld für jede“, sagte der große Klaus.
„Bist du toll?“ riefen alle. „Glaubst du, wir haben das Geld scheffelweise?“
„Häute! Häute! Wer will Häute kaufen?“ rief er wieder, aber allen denen, die ihn fragten, was die Häute kosten sollten erwiderte er: „Einen Scheffel Geld.“
„Er will uns foppen“, sagten alle, und da nahmen die Schuhmacher ihre Spannriemen und die Gerber ihre Schurzfelle und fingen an, auf den großen Klaus loszuprügeln.
„Häute! Häute!“ riefen sie ihm nach; „ja, wir wollen dir die Haut gerben!
Hinaus aus der Stadt mit ihm!“ riefen sie, und der große Klaus musste laufen, was er nur konnte. So war er noch nie durchgeprügelt worden.
„Na“, sagte er, als er nach Hause kam, „dafür soll der kleine Klaus bestraft werden! Ich will ihn totschlagen!“
Zu Hause beim kleinen Klaus war die alte Großmutter gestorben; sie war freilich recht böse und schlimm gegen ihn gewesen, aber er war doch betrübt, nahm die tote Frau und legte sie in sein warmes Bett, um zu sehen, ob sie nicht zum Leben zurückkehren werde. Da sollte sie die ganze Nacht liegen, er selbst wollte im Winkel sitzen und auf einem Stuhle schlafen; das hatte er schon früher getan. Als er in da in der Nacht saß, ging die Tür auf, und der große Klaus kam mit einer Axt herein; er wusste wohl, wo des kleinen Klaus Bett stand, ging gerade darauf los und schlug nun die alte Großmutter vor den Kopf, denn er glaubte, dass der kleine Klaus dort in seinem Bett liege.
„Sieh“, sagte er, „nun sollst du mich nicht mehr zum besten haben!“ Und dann ging er wieder nach Hause.
„Das ist doch ein recht böser Mann!“ sagte der kleine Klaus; „da wollte er mich totschlagen! Es war doch gut für die alte Mutter, dass sie schon tot war, sonst hätte er ihr das Leben genommen!“
Nun legte er der alten Großmutter Sonntagskleider an, lieh sich von dem Nachbar ein Pferd, spannte es vor den Wagen und setzte die alte Großmutter auf den hintersten Sitz, so dass sie nicht hinausfallen konnte, wenn er fuhr, und so rollten sie von dannen durch den Wald. Als die Sonne aufging, waren sie vor einem großen Wirtshause, da hielt der kleine Klaus an und ging hinein, um etwas zu genießen.
Der Wirt hatte sehr viel Geld, er war auch ein recht guter, aber hitziger Mann, als wären Pfeffer und Tabak in ihm.
„Guten Morgen!“ sagte er zum kleinen Klaus. „Du bist heute früh ins Zeug gekommen!“
„Ja“, sagte der kleine Klaus, „ich will mit meiner Großmutter zur Stadt; sie sitzt draußen auf dem Wagen, ich kann sie nicht in die Stube hereinbringen. Wollt Ihr der Alten nicht ein Glas Kümmel geben? Aber Ihr müsst recht laut sprechen, denn sie hört nicht gut.“
„Ja, das will ich tun!“ sagte der Wirt und schenkte ein großes Glas Kümmel ein, mit dem er zur toten Großmutter hinausging, die in dem Wagen aufrecht gesetzt war.
„Hier ist ein Glas Kümmel von Ihrem Sohne!“ sagte der Wirt, aber die tote Frau erwiderte kein Wort, sondern saß ganz still und teilnahmslos, als ob sie alles nichts anginge.
„Hört Ihr nicht?“ rief der Wirt, so laut er konnte. „Hier ist ein Glas Kümmel von Ihrem Sohne!“
Noch einmal rief er und dann noch einmal, aber da sie sich durchaus nicht rührte, wurde er ärgerlich und warf ihr das Glas in das Gesicht, so dass ihr der Kümmel gerade über die Nase lief und sie hintenüber fiel, denn sie war nur aufgesetzt und nicht festgebunden.
„Heda!“ rief der kleine Klaus, sprang zur Tür heraus und packte den Wirt an der Brust, „da hast du meine Großmutter erschlagen! Siehst du, da ist ein großes Loch in ihrer Stirn!“
„Oh, das ist ein Unglück!“ rief der Wirt und schlug die Hände über dem Kopfe zusammen; „das kommt alles von meiner Heftigkeit! Lieber, kleiner Klaus, ich will dir einen Scheffel Geld geben und deine Großmutter begraben lassen, als wäre es meine eigene, aber schweige nur still, sonst wird mir der Kopf abgeschlagen, und das wäre mir unangenehm.“
So bekam der kleine Klaus einen ganzen Scheffel Geld, und der Wirt begrub die alte Großmutter so, als ob es seine eigene gewesen wäre.
Als nun der kleine Klaus wieder mit dem vielen Gelde nach Hause kam, schickte er gleich seinen Knaben hinüber zum großen Klaus, um ihn bitten zu lassen, ihm ein Scheffelmaß zu leihen.
„Was ist das?“ sagte der große Klaus. „Habe ich ihn nicht totgeschlagen? Da muss ich selbst nachsehen!“ Und so ging er selbst mit dem Scheffelmaß zum kleinen Klaus.
„Wo hast du doch all das Geld bekommen?“ fragte er und riss die Augen auf, als er alles das erblickte, was noch hinzugekommen war.
„Du hast meine Großmutter, aber nicht mich erschlagen!“ sagte der kleine Klaus. „Die habe ich nun verkauft und einen Scheffel Geld dafür bekommen!“
„Das ist wahrlich gut bezahlt!“ sagte der große Klaus, eilte nach Hause, nahm eine Axt und schlug seine alte Großmutter tot, legte sie auf den Wagen, fuhr mit ihr zur Stadt, wo der Apotheker wohnte, und fragte, ob er einen toten Menschen kaufen wollte.
„Wer ist es, und woher habt Ihr ihn?“ fragte der Apotheker.
„Es ist meine Großmutter!“ sagte der große Klaus. „Ich habe sie totgeschlagen, um einen Scheffel Geld dafür zu bekommen!“
„Gott bewahre uns!“ sagte der Apotheker. „Ihr redet irre! Sagt doch nicht dergleichen, sonst könnt Ihr den Kopf verlieren!“ Und nun sagte er ihm gehörig, was das für eine böse Tat sei, die er begangen habe und was für ein schlechter Mensch er sei und dass er bestraft werden müsse. Da erschrak der große Klaus so sehr, dass er von der Apotheke gerade in den Wagen sprang und auf die Pferde schlug und nach Hause fuhr; aber der Apotheker und alle Leute glaubten, er sei verrückt, und deshalb ließen sie ihn fahren, wohin er wollte.
„Das sollst du mir bezahlen!“ sagte der große Klaus, als er draußen auf der Landstraße war, ja, ich will dich bestrafen, kleiner Klaus!“ Sobald er nach Hause kam, nahm er den größten Sack, den er finden konnte, ging hinüber zum kleinen Klaus und sagte: „Nun hast du mich wieder gefoppt; erst schlug ich meine Pferde tot, dann meine alte Großmutter; das ist alles deine Schuld; aber du sollst mich nie mehr foppen!“ Da packte er den kleinen Klaus um den Leib und steckte ihn in seinen Sack, nahm ihn so auf seinen Rücken und rief ihm zu: „Nun gehe ich und ertränke dich!“
Es war ein weiter Weg, den er zu gehen hatte, bevor er zu dem Flusse kam, und der kleine Klaus war nicht leicht zu tragen. Der Weg ging dicht bei der Kirche vorbei; die Orgel ertönte, und die Leute sangen schön darinnen. Da setzte der große Klaus seinen Sack mit dem kleinen Klaus darin dicht bei der Kirchtür nieder und dachte, es könne wohl ganz gut sein, hineinzugehen und einen Psalm zu hören, ehe er weitergehe; der kleine Klaus konnte ja nicht herauskommen, und alle Leute waren in der Kirche. So ging er denn hinein.
„Ach Gott, ach Gott!“ seufzte der kleine Klaus im Sack und drehte und wandte sich, aber es war ihm nicht möglich, das Band aufzulösen. Da kam ein alter, alter Viehtreiber daher, mit schneeweißem Haar und einem großen Stab in der Hand; er trieb eine ganze Herde Kühe und Stiere vor sich her, die liefen an den Sack, in dem der kleine Klaus saß, so dass er umgeworfen wurde.
„Ach Gott!“ seufzte der kleine Klaus, „ich bin noch so jung und soll schon ins Himmelreich!“
„Und ich Armer“, sagte der Viehtreiber, „ich bin schon so alt und kann noch immer nicht dahin kommen!“
„Mache den Sack auf!“ rief der kleine Klaus. „Krieche statt meiner hinein, so kommst du sogleich ins Himmelreich!“
„Ja, das will ich herzlich gern“, sagte der Viehtreiber und band den Sack auf, aus dem der kleine Klaus sogleich heraussprang.
„Willst du nun auf das Vieh achtgeben?“ fragte der alte Mann. Dann kroch er in den Sack hinein, der kleine Klaus band den Sack wieder zu und zog dann mit allen Kühen und Stieren seines Weges.
Bald darauf kam der große Klaus aus der Kirche. Er nahm seinen Sack wieder auf den Rücken, obgleich es ihm schien, als sei der leichter geworden, denn der alte Viehtreiber war nur halb so schwer wie der kleine Klaus. Wie leicht ist er doch zu tragen geworden! Ja, das kommt daher, dass ich einen Psalm gehört habe!“ So ging er nach dem Flusse, der tief und groß war, warf den Sack mit dem alten Viehtreiber ins Wasser und rief hintendrein, denn er glaubte ja, dass es der kleine Klaus sei: „Sieh, nun sollst du mich nicht mehr foppen!“
Darauf ging er nach Hause; aber als er an die Stelle kam, wo die Wege sich kreuzten, begegnete er ganz unerwartet dem kleinen Klaus, der all sein Vieh dahertrieb.
„Was ist das?“ fragte der große Klaus. „Habe ich dich nicht vor kurzer Zeit ertränkt?“
„Ja“, sagte der kleine Klaus, „du warfst mich ja vor einer halben Stunde in den Fluss hinunter!“
„Aber wo hast du all das herrliche Vieh bekommen?“ fragte der große Klaus.
„Das ist Seevieh!“ sagte der kleine Klaus. „Ich will dir die Geschichte erzählen und dir Dank sagen, dass du mich ertränktest, denn nun bin ich reich! Mir war bange, als ich im Sacke steckte, und der Wind pfiff mir um die Ohren, als du mich von der Brücke hinunter in das kalte Wasser warfst. Ich sank sogleich zu Boden, aber ich stieß mich nicht, denn da unten wächst das schönste, weiche Gras. Darauf fiel ich, und sogleich wurde der Sack geöffnet, und das lieblichste Mädchen, in schneeweißen Kleidern und mit einem grünen Kranz um das Haar, nahm mich bei der Hand und sagte: „Bist du da, kleiner Klaus? Da hast du zuerst einiges Vieh; eine Meile weiter auf dem Wege steht noch eine ganze Herde, die ich dir schenken will!“ Nun sah ich, dass der Fluss eine große Landstraße für das Meervolk bildete. Unten auf dem Grunde gingen und fuhren sie gerade von der See her und ganz hinein in das Land, bis wo der Fluss endet. Da waren die schönsten Blumen und das frischeste Gras; die Fische schossen mir an den Ohren vorüber, geradeso wie hier die Vögel in der Luft. Was gab es da für hübsche Leute, und was war da für Vieh, das an den Gräben und Wällen weidete!“
„Aber warum bist du gleich wieder zu uns heraufgekommen?“ fragte der große Klaus. „Das hätte ich bestimmt nicht getan, wenn es so schön dort unten ist.“
„Ja“, sagte der kleine Klaus, „das ist gerade klug von mir gehandelt. Du hörst ja wohl, dass ich dir erzähle: Die Seejungfrau sagte mir, eine Meile weiter auf dem Wege – und mit dem Wege meinte sie ja den Fluss, denn sie kann nirgends Anders hinkommen – stehe noch eine ganze Herde Vieh für mich. Aber ich weiß, was der Fluss für Krümmungen macht, bald hier, bald dort, das ist ein weiter Umweg. Nein, so macht man es kürzer ab, wenn man hier auf das Land kommt und treibt querüber wieder zum Flusse; dabei spare ich eine halbe Meile und komme schneller zu meinem Vieh!“
„Oh, du bist ein glücklicher Mann!“ sagte der große Klaus. „Glaubst du, dass ich auch Seevieh erhielte, wenn ich einmal tief bis auf den Grund des Flusses käme?“
„Ja, das denke ich wohl“, sagte der kleine Klaus, „aber ich kann dich nicht im Sacke zum Flusse tragen, du bist mir zu schwer! Willst du selbst dahingehen und dann in den Sack kriechen, so werde ich dich mit dem größten Vergnügen hineinwerfen.“
„Ich danke dir“, sagte der große Klaus. „Aber erhalte ich kein Seevieh, wenn ich hinunterkomme, so glaube mir, werde ich dich so prügeln, wie du noch nie geprügelt worden bist.“
„Oh nein, mache es nicht so schlimm!“ Und da gingen sie zum Flusse hin. Als das Vieh Wasser erblickte, lief es, so schnell es nur konnte, durstig hinunter zum Trinken.
„Sieh, wie es sich sputet!“ sagte der kleine Klaus. „Es verlangt danach, wieder auf den Grund zu kommen!“
„Ja, hilf mir nur erst“, sagte der große Klaus, „sonst bekommst du Prügel!“ Und so kroch er in den großen Sack, der quer über dem Rücken eines der Stiere gelegen hatte. „Lege einen Stein hinein, ich fürchte, dass ich sonst nicht untersinke“, sagte der große Klaus.
„Es geht schon!“ sagte der kleine Klaus, legte aber doch einen großen Stein in den Sack, knüpfte das Band fest zu, und dann stieß er daran. Plumps! Da lag der große Klaus in dem Flusse und sank sogleich hinunter auf den Grund.
„Ich fürchte, er wird das Vieh nicht finden! Aber er zwang mich ja dazu!“ sagte der kleine Klaus und trieb dann heim mit dem, was er hatte.

Krauskopf und Blondhärchen

Therese Rösing


Wo der Wald licht wird und im Frühling die wilden Rosen blühen, steht ein kleines Haus. Auf dem Dache wächst Moos, durch die Fenster scheint die Sonne hinein, und drinnen wohnte Großmütterchen mit Blondhärchen. Den ganzen Tag lief tripp trapp die Kleine singend umher, bis in dem Häuschen alles so blitzblank war, wie Großmütterchen es gern hatte, und abends trug sie ihr Spinnrad herbei und spann den langen blonden Faden, der fast so blond war wie ihr eigenes Haar. Und wenn sie fleißig das Rädchen drehte und das Fädchen netzte, dann erzählte ihr Großmütterchen, die eine kluge Frau war und viel erlebt hatte, von der weiten Welt da draußen, die so groß und so schlimm sei. Aber der Pate, der ganz allein mitten im dunklen Wald wohnte, der sei gut, und wenn sie sich einmal keines Rates mehr wüsste, solle sie zu dem gehen, der würde ihr schon beistehen.
Blondhärchen blickte mit ihren großen, blauen Augen von der Schwelle ihres Häuschens in die Welt hinaus und fand sie sehr schön soweit sie nur sehen konnte, wunderte sich über Großmütterchens Worte und sang mit ihrer süßen Stimme ein Lied, das hatte sie von der Nachtigall gelernt. Und freute sich schon darauf, wenn sie wieder ein Körbchen mit blondem Flachsgarn ins Dorf bringen könne, zum Weber. Der behielt einen Teil für sich und von dem anderen Teil webte er Linnen und Gewand für sie und Großmütterchen. Dann lief Blondhärchen mit eiligen Schritten tripp trapp singend den Hügel hinab, und der Bach sprang als munterer Weggeselle nebenher, und den Hügel drüben herunter pflügte wohl gerade Krauskopf, des Nachbars Sohn, mit seinem Gespann Ochsen. Und wenn sich die beiden Kinder unten trafen, rief er seinen Ochsen »Hü!« zu. Dann wussten sie, so dumm sie auch aussahen, dass sie nun gute Weile hätten und fingen an, das saftige Gras am Wegrain abzuzupfen.
Krauskopf aber gab Blondhärchen die Hand und schaute ihr in die Augen. Und sie lächelte ihm zu, das hatte sie von der lieben Sonne gelernt, und wusste ihm viel zu erzählen. Sagte sie endlich: »Ich muss eilends ins Dorf, damit Großmütterchen nicht so lange allein ist«, so wussten die Ochsen, dass es mit der angenehmen Rast ein Ende habe, schüttelten die dicken Köpfe und brummten »Muh!« und Krauskopf rief: »Hott!« und pflügte mit ihnen wieder hügelan.
So verging die Zeit. Die beiden Kinder wurden immer größer und stärker, Großmütterchen wurde immer kleiner und schwächer, und zuletzt kam sie zu sterben.

Als das arme Blondhärchen da gar so herzbrechend schluchzte, schlug Großmütterchen noch einmal die Augen auf, tröstete es mit schwacher Stimme und sprach: »Du bist immer ein gutes Kind gewesen, liebes Blondhärchen, und darum wird es dir auch im Leben gut gehen. Ich habe mir gedacht, du solltest des Nachbarn Sohn Krauskopf heiraten, und wenn du einmal nicht aus noch ein weißt, dann gehe zu deinem Paten im dunklen Walde, der wird dir beistehen.« Dann schloss sie die Augen, tat noch einen Seufzer und war tot.

Das arme Blondhärchen weinte bitterlich, grub mit Krauskopf ein Grab unter dem Rosenbusch, wo im Frühling die Nachtigall sang, legte Großmütterchen hinein und begoss es mit ihren Tränen. Krauskopf aber sagte:

»Sei getrost, Blondhärchen, ich bin ja bei dir. Großmütterchen hat dich lieb gehabt, aber ich habe dich noch tausendmal lieber.«

Blondhärchen nickte und sprach wohlgemut: »Großmütterchen hat noch im Sterben gesagt, wir beide sollten uns heiraten.«

Da zog Krauskopf ein langes Gesicht und meinte: »Mit der Zeit pflückt man Rosen. Wir sind beide noch so jung und ganz arm. Wir müssen warten und Geld verdienen. Es gibt so viel Gold in der Welt, ein wenig davon könnte uns glücklich machen.«

Da wollten Blondhärchen vor Schreck schon wieder die Tränen in die Augen steigen, aber sie schluckte sie hinunter, blickte auf das Ährenfeld, das in der Sonne wie eitel Gold glänzte, und sagte: »Sieh doch nur hin, Krauskopf! Gold, soweit du sehen kannst. Und mein Flachsfaden glänzt auch fast wie Gold.«

Er lachte und schüttelte den Kopf: »Solches Gold meine ich nicht. Aber schon recht. Spinne du nur fleißig weiter an deinem Rädchen, und wenn du dein ganzes Häuschen mit Goldgespinst angefüllt hast, dann komme ich wieder, alle Taschen voll Gold.« –

»Laß mich mit dir gehen«, bat Blondhärchen. »Ich will auch ebenso große Schritte machen wie du.«

Er aber sprang davon, schnitt sich unten am Bach noch einen derben Stecken ab und lief in die weite Welt hinaus.

Blondhärchen schaute ihm trübselig nach, aber sie war ein tapferes Mädchen und dachte, sie wollte nur gleich mit dem Spinnen anfangen, dann wäre die Wartezeit am ehesten zu Ende, trug ihr Rädchen unter den Rosenbusch an Großmütterchens Grab und drehte es fleißig. Und als es Winter wurde, trug sie es in ihr Stübchen, kaufte sich ein Lämpchen und spann bei dessen Schein die halben Nächte hindurch.

Als der Frühling wieder kam und die Rosen blühten, sang sie mit der Nachtigall um die Wette und lächelte vor sich hin; denn ihr Herz war leicht geworden bei der Arbeit, und in ihrem Kämmerchen lag das Goldgespinst bis unter die Decke. Rüstig spann sie weiter, jeden Tag und allezeit, Sommer und Winter, und als der Frühling abermals ins Land kam mit Nachtigall und Rosen, lag auch in der Küche das Goldgespinst bis unter die Decke. Nur der Herd war frei, wo Blondhärchen ihr Mittagessen kochte, und ihr Bettchen am Herde, wo sie schlief.

Da setzte sie sich auf Großmütterchens Grab, faltete die Hände im Schoß und wartete auf Krauskopf, denn sie dachte, jetzt müsse er heimkommen. Ihr ganzes Häuschen war ja mit Goldgespinst angefüllt, wie er ihr geheißen hatte.

Die Nachtigall sang, baute sich ihr Nest und hörte dann auf zu singen, alldieweil sie ihre Jungen füttern musste, die furchtbar hungrig waren, immer die Schnäbel aufsperrten und nach mehr schrien. Die Rosen dufteten Tag und Nacht, Blondhärchen saß auf Großmütterchens Grab und wartete.

Die Tage wurden länger und heißer, den jungen Nachtigallen wuchsen die Federn, das Nest wurde ihnen zu eng und sie flogen davon in die weite Welt. Blondhärchen schaute ihnen nach, saß auf Großmütterchens Grab und wartete …

Die Blätter an den Bäumen färbten sich gelb und rot, der Herbstwind riss sie herab und trieb sein Spiel mit ihnen, die letzten Rosen verblühten und Blondhärchen saß auf Großmütterchens Grab und wartete …

Aber als der Winter mit klirrendem Schritt und grimmigem Frost im Eispanzer daherkam, dachte Blondhärchen: Jetzt dauert mir die Geschichte zu lange. Ewig kann ich doch nicht hier sitzen und auf Krauskopf warten! Ich würde ein Eiszapfen werden und das hätte keinen Zweck. Es ist besser, ich gehe zum Paten im dunklen Wald. Der wird mir beistehen, wie Großmütterchen verhieß.

Sie nahm ihr Lämpchen in die Hand, um sich im dunklen Wald zu leuchten, wenn es Abend würde, und schürzte ihr Kleid. Da murmelte der Bach, der in der Winterkälte faul und schläfrig geworden war: »Mitten im Wald, mitten im Wald, wo meine Wiege steht, da wohnt der Pate.

Sie nickte ihm zu: »Schönen Dank liebes Bächlein«, und sprang davon, immer unter den Erlen und Weiden an seinem Ufer entlang.

Häschen, das sie springen sah, wunderte sich, machte ein Männchen und spitzte die Ohren, da war sie aber schon weit weg. Als sie durch die Schlehdornbüsche des Waldes schlüpfen wollte, hielten sie sie mit dornigen Fingern fest und knarrten:

»Wohin so geschwind
Du eiliges Kind?«

Sie bog ihnen vorsichtig die Zweige bei Seite und antwortete:

»Ich hab‘ keine Zeit,
Mein Weg ist noch weit!«

Der Rabe oben auf dem höchsten Baume war vor Alter schon ganz heiser geworden, drehte den Kopf, blinzelte mit einem Auge zu ihr hinüber und krächzte:

»Krah, Krah!
Wer rennt denn da?« –

Sie hielt sich nicht auf, nickte dem Alten im Weiterlaufen nur einen Gruß zu und rief ihm hinauf:

»Immer schnelle,
Du schwarzer Geselle!«

Wo der Wald dunkel wird, steht ein alter Turm. Darin wohnte zu jener Zeit ein Uhu. Er hockte vor seiner Haustür, sträubte die Federn, rollte die gelben Augen und fauchte:

»Uhu, Uhu,
Was willst du?«

Sie blieb einen Augenblick bei ihm stehen, schöpfte nach dem schnellen Lauf Atem und antwortete:

»Zum Paten, zum Paten,
Der wird mir raten.«

Da ärgerte sich der Uhu, weil er bei Nacht sehen konnte, glaubte er, dass er allein klug sei, fauchte noch einmal, ging in sein Haus und schlug die Haustür hinter sich zu. Blondhärchen lief eilends weiter, immer am Bach entlang, und auf einmal sah sie einen hellen Schein. Der kam aus der Studierstube des Paten. Und dicht dabei stand die Wiege des Baches.

Der Pate war ein alter Mann mit einem langen, weißen Bart, einer großen, krummen Nase und einer Brille darauf. Aber durch die Gläser schaute er Blondhärchen freundlich an.

Sie gab ihm die Hand, machte einen Knicks und lächelte ihm freundlich zu. Da schlug er das große Buch zu, darin er gerade gelesen hatte und fragte: »Wen haben wir denn hier?«

Antwortete sie: »Ich bin Euer Patenkind Blondhärchen. Großmütterchen hat gesagt, Ihr würdet mir beistehen. Sie ließe schön grüßen und wäre bereits tot.«

Da nickte er mit dem Kopfe, brummte allerlei in den Bart, was sie nicht verstand und fragte sie, warum sie zu ihm in den dunklen Wald gekommen wäre, und worin er ihr beistehen könne.

»Ich habe sehr lange auf Krauskopf gewartet«, antwortete sie. »Wir wollen uns heiraten.«

Fragte der Pate: »Wo ist den Krauskopf?« Antwortete sie behende: »Ei, wenn ich das wüsste, dann wäre ich nicht den weiten Weg zu Euch in den dunklen Wald gelaufen, sondern lieber zu ihm hin.«

»So müssen wir einmal Umschau halten, ob wir ihn finden«, meinte der Pate, nahm sie bei der Hand und stieg mit ihr den Turm hinauf, wo der Uhu wohnte. Der tat, als ob er schliefe, weil er sich über den Besuch ärgerte und keine Aufregung liebte.

Oben hielt der Pate Umschau: er schaute nach rechts und schüttelte den Kopf, er schaute nach links und schüttelte den Kopf, er schaute geradeaus und schüttelte den Kopf, drehte sich nach der vierten Seite, schaute auch dorthin und schüttelte abermals den Kopf, denn von Krauskopf war keine Spur zu entdecken. Und Blondhärchen machte es wie er, schaute nach allen vier Seiten aus und schüttelte viermal den Kopf, denn auch sie konnte keine Spur von Krauskopf entdecken.

Sprach da der Pate: »Liebes Kind, soweit die Sonne scheint, ist keine Spur von Krauskopf zu entdecken. Aber vielleicht ist er drüben auf der anderen Seite, wo es jetzt dunkel ist. Da scheinen sie die Straßenlaternen noch nicht angezündet zu haben. Reiche mir dein Lämpchen her, damit ich einmal hinüberleuchte.«

Das tat Blondhärchen. Der Pate befestigte das Lämpchen an einen langen Stab und siehe: es warf einen hellen Schein in die weite Welt hinaus, über drei Berge und über drei Meere, gerade in ein Zimmer auf der anderen Seite der Erde hinein.

»Schau einmal hin, Blondhärchen«, sagte der Pate. »Über drei Berge und über drei Meere. Meine Augen sind alt und trübe, deine sind jung und hell. Ist das Krauskopf, der dort sitzt, Schreibfeder in Händen?«

Blondhärchen schaute hin über drei Berge und über drei Meere und antwortete: »Ich weiß es nicht ganz gewiss. Der da sitzt, Schreibfeder in Händen, sieht aus wie Krauskopf und doch auch wieder nicht. Wenn ich nur seine Stimme hören könnte!«

»Wir wollen ihm Botschaft senden, damit er uns antworte«, sagte der Pate. »Aber dazu brauche ich einen langen, langen Faden. Eile nach deinem Häuschen, liebes Blondhärchen, wickle dein Goldgespinst zu einem großen Knäuel zusammen, packe das auf einen Schlitten und bringe es her.«

Blondhärchen ließ sich das nicht zweimal sagen, lief eilends davon, vorbei an dem Uhu hinter seiner Haustür und vorbei an dem Raben, der ein Auge zugemacht hatte, schlüpfte durch die Schlehdornbüsche, die sie diesmal gern durchließen, erschreckte durch ihren schnellen Lauf Häschen beim Kohl im Bauerngarten und holte einen Schlitten herbei. Dahinauf packte sie ein großes Knäuel von ihrem Goldgespinst, band es fest, damit es bei der eiligen Fahrt nicht herunterfalle, und machte sich wieder auf den Weg zum Paten im dunklen Wald, immer am Bächlein entlang.

Häschen war auf und davon, die Schlehdornbüsche knarrten verdrießlich, als sie mit ihrer Last vorbeikam, der Rabe hatte auch sein zweites Auge zugemacht, schlief aber nicht, sondern dachte nach, und der Uhu war aus dem alten Turm ausgezogen. Es war ihm dort zu unruhig geworden, und das konnten seine Nerven nicht vertragen.

Der Pate stand noch auf dem Turm und wartete auf sie, nahm das große Knäuel in die Hand und warf es in die weite Welt hinaus. Es flog über drei Berge und über drei Meere gerade in das Zimmer, dahinein auch das Lämpchen leuchtete.

»Nun sprich zu dem Manne«, gebot der Pate, und Blondhärchen rief: »Bist du es Krauskopf, der dort sitzt, Schreibfeder in Händen, dann antworte mir, ich bin Blondhärchen.«

Ihre Worte liefen an dem langen, langen Faden entlang, dessen eines Ende der Pate noch in der Hand hielt, über drei Berge und über drei Meere bis hin zu dem Manne, Schreibfeder in Händen. Er blickte auf und murmelte: »Zweieinhalb und dreieinhalb sind« … »Es ist Krauskopf!« rief Blondhärchen. »Aber ich verstehe nicht, was er sagt. So sprach er früher niemals.«

Der Pate schüttelte den Kopf und sagte traurig. »Ich verstehe seine Worte, denn ich kenne die Welt. Er liegt in einem bösen Zauber, und nur du allein kannst ihn retten.«

Dazu war Blondhärchen gleich bereit und wollte alsbald die Reise antreten, aber der gute Pate hielt sie zurück: »Warte, dass ich dir ein Wägelchen baue, sonst kommst du nimmer an das Ende der Welt. In meinem großen Buche steht ein Rezept dazu.«

Er suchte lange in dem großen Buche, schlug immer eine Seite nach der anderen um, und endlich fand er das Rezept. Las es einmal und zweimal, denn es war sehr schwer zu verstehen und baute danach für Blondhärchen ein Wägelchen. Dieses lief wie der Wind, sagte »Töff Töff« und stank fürchterlich, das konnte der gute Pate nicht heilen und Blondhärchen machte sich nichts daraus. »Nun fahre wohl, liebes Kind«, sagte der Pate. Über die drei Berge wird dich das Wägelchen wohl bringen, dann musst du sehen, wie du über die drei Meere kommst und halte dich recht fest und laß dein Lämpchen einen hellen Schein vor dir her werfen.«

Die letzten Worte hörte Blondhärchen schon nicht mehr, denn das Wägelchen fing an zu rennen, den Faden entlang, über Stock und Stein, so schnell wie der Wind und noch schneller. Hopp! über den ersten Berg, – hast du nicht gesehen! über den zweiten Berg – dass die Funken stoben! über den dritten Berg, und da stand es am Meere.

Alle Leute, die es rennen sahen, schrien laut auf vor Schreck und schlugen die Hände über dem Kopf zusammen und wunderten sich über Blondhärchens Locken, die wie eine Fahne hinter ihr herwehten. Als sie dann bat: »Ihr lieben Leute helft mir doch über das Meer. Ich suche ja Krauskopf. Und bewahrt mir dieweil mein Wägelchen auf, bis ich des Weges wieder zurückkomme.« Da riefen sie: »Wir wollen mit dem Untier nichts zu schaffen haben, das bringt uns alle zu Tode.«

Als sie aber so inständig weiter bat, sagten die Leute endlich: »Wohlan, wenn du das Untier selbst in einen Stall sperren willst, so mag es sein. Aber was gibst du uns, dass wir dich auch noch über das Meer fahren? Wir sind arm, und umsonst ist der Tod.«

»Ach, wie schlimm ist doch die Welt und wie sehr hat Großmütterchen recht gehabt«, dachte da Blondhärchen, und laut sagte sie: »Liebe Leute, ich bin ein armes Kind und habe nichts, womit ich euch bezahlen könnte.«

»Gib uns deine blonden Locken!« riefen sie da. »Es sah gar lustig aus, als sie im Winde so hinter dir herflogen.«

»Nehmt sie hin«, sagte Blondhärchen, schnitt sich, eins, zwei, drei, mit einer Schere die schönen blonden Locken ab, band sich ihr Halstüchelchen um den kahlen Kopf, und die Leute führten sie in einem Schifflein über das erste Meer.

Drüben wanderte sie wohlgemut weiter, immer an dem Faden entlang, und ehe sie sich’s versah, stand sie am zweiten Meere. Mit freundlichem Wort und Lächeln bat sie die Schiffer, die dort wohnten, sie an das andere Ufer zu fahren, sintemal sie Krauskopf suche. »Es ist unser Handwerk, die Leute hinüber zu fahren«, antworteten die Schiffer. »Aber was gibst du uns dafür?«

Da starb ihr das Lächeln auf den Lippen, und sie sagte ängstlich: »Ich armes Kind habe ja nichts euch zu geben.«

»Gib uns dein sonniges Lächeln!« riefen die Schiffer. »Hier bei uns ist es rauh und nebelig, und die liebe Sonne scheint nicht oft, da soll uns dein Lächeln die Welt hell und sonnig machen.«

»Ich werde es doch nie wieder brauchen«, seufzte Blondhärchen. »Worüber soll ich denn lächeln? Die Welt ist ja so schlimm. Aber dafür müsst ihr drüben auf mich warten, bis ich wieder zurückkomme.« Und sie ließ ihnen ihr sonniges Lächeln, und die Schiffer brachten sie hinüber. Und weil ihr anfing bange zu werden und sie sich gar so einsam fühlte, begann sie leise vor sich hin zu singen. Das machte ihr Mut, und sie sang lauter und lauter: Und es war das Lied, das sie von der Nachtigall im Rosenbusch gelernt hatte.

Auf einmal stand sie am dritten Meere, und als die Frauen, die dort ihre Wäsche wuschen, hörten, warum sie in die weite Welt zöge, weinten sie und waren gleich bereit, ihr zu helfen. »Bezahlung wollen wir dafür nicht,« sagten sie, »denn wir tun es gern. Aber du könntest uns wohl etwas schenken. Unsere Männer müssen weit über Land ziehen, um Arbeit zu finden, da würde es ihnen solch ein Trost sein, zuweilen von uns und den Kindern zu hören. Unsere Stimmen reichen nicht bis zu ihnen, doch deine ist stark und jung, die werden sie vernehmen. Schenke uns deine Stimme.«

Das arme Blondhärchen wurde sehr betrübt, denn Krauskopf liebte ihre Stimme, und sie hatte sich gedacht, ihm den Heimweg durch ihre Lieder zu verkürzen. Aber es half nichts, über das Wasser musste sie hinüber. So ließ sie ihre Stimme den Frauen. Die brachten sie an das andere Ufer und versprachen, dort auf sie zu warten.

Drüben geriet sie bald in eine große Stadt mit vielen hohen Häusern, Türmen und Schornsteinen, und viele, viele Menschen liefen, so schnell sie konnten an ihr vorüber, und kein einziger hatte Zeit, sie auch nur anzugucken oder gar ihr Guten Tag zu sagen

und sie zu fragen was sie wolle. Da fühlte sie sich verlassener als im dunklen Wald bei dem Raben und dem Uhu, und wenn nicht der Faden gewesen wäre, hätte sie nicht gewusst, wo aus und ein. Aber der führte sie vorbei an des Königs Schloss und durch breite Straßen und zuletzt durch enge Gassen, wo die Häuser hoch und dunkel sind. Und in das allerdunkelste Haus hinein leitete er sie, und wo er durch ein Schlüsselloch in das Zimmer schlüpfte, pochte sie an die Tür. Niemand rief herein, da wartete sie noch eine Weile und dann ging sie in das Zimmer hinein. Dort saß ein Mann am Tische, Schreibfeder in Händen, und murmelte: »Siebeneinhalb mal fünfunddreißig sind« …

Da erkannte sie Krauskopf, lief zu ihm hin, schlang die Arme um seinen Hals und sagte leise, denn laut konnte sie nicht sprechen, weil sie doch ihre Stimme verschenkt hatte:

»Endlich habe ich dich gefunden! Und nun wollen wir uns zusammen auf den Heimweg machen.«

Aber er sah sie an und kannte sie nicht.

Vor Schreck schlug Blondhärchen die Hände über dem Kopf zusammen und flüsterte: »Bin ich denn nicht Blondhärchen? Und hast du denn das Häuschen mit dem Rosenbusch und der Nachtigall, Großmütterchens Grab und deine Ochsen ganz vergessen?«

Da wunderte sich Krauskopf, dass er an das alles nie wieder gedacht hatte, und fragte: »Wenn du Blondhärchen bist, wo hast du denn deine schönen blonden Locken?«

»Ach du liebe Zeit,« seufzte sie da, »die Leute am ersten Meere waren so habgierig. Ich musste ihnen meine blonden Locken geben, damit sie mir das Wägelchen aufbewahren, das so schnell fährt wie der Wind.«

»Aber du siehst so traurig aus! Blondhärchen hatte solch ein sonniges Lächeln«, sagte er.

»Muss ich denn nicht traurig aussehen, wenn du mich nicht einmal kennst! Da brauche ich mein Lächeln überhaupt nicht«, antwortete sie. »Und da haben es die Schiffer vom zweiten Meere behalten, damit es ihnen Nacht und Nebel freundlich mache.«

Sagte Krauskopf: »So singe mir mit deiner klaren Stimme das Lied von der Nachtigall im Rosenbusch, dann will ich dir glauben.«

Antwortete Blondhärchen: »Meine klare Stimme gehört jetzt den Frauen vom dritten Meere, um ihren Männern Trost zu bringen.« Da tauchte Krauskopf seine Schreibfeder in das allmächtige Tintenfass, das vor ihm stand, und murmelte: »Zweiundachtzig von hundertunddrei sind …«

Und Blondhärchen merkte, dass sein Herz zu hartem Golde geworden war und für nichts anderes Platz darin als für Zahlen, und begann zu weinen. Und die großen, heißen Tropfen fielen auf das goldene Herz und machten es ein ganz klein wenig weich. Und das war ein Glück, denn morgen würde es hart wie Stein geworden sein und durch nichts mehr zu erweichen gewesen.

Und auf einmal seufzte Krauskopf tief, ließ die Feder fallen, schaute Blondhärchen verwundert an und fragte: »Bist du es, Blondhärchen? Woher kommst du denn, und was willst du hier?«

Vor Freuden weinte Blondhärchen noch heißere Tränen, und die machten sein goldenes Herz wieder ein klein wenig weicher, und er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, seufzte abermals und sagte: »Ich habe so lange nicht an dich gedacht. Wie ist es nur möglich, wir hatten uns doch in unserer Jugendzeit so lieb.«

»Komm«, sagte sie da. »Wir wollen nach Hause gehen, jetzt wird es erst gar über die Maßen schön werden.«

Er aber schüttelte den Kopf: »Später, liebes Blondhärchen. Erst muss ich noch ein wenig rechnen. Das ist eine schwierige und wichtige Arbeit. Siebenundzwanzigmal fünfunddreißig sind« …

Da machte Blondhärchen aber ein so betrübtes Gesicht und sah Krauskopf so flehend an, dass sich sein Herz umgedreht haben würde, wenn es nicht noch etwas golden gewesen wäre. Goldene Herzen können das nämlich nicht. Und er stand auf und sagte: »Gräme dich nicht so sehr, liebes Blondhärchen. Ich will mit dir zu Großmütterchens Grab unter dem Rosenbusch gehen und den ganzen Sommer bei dir bleiben. Wie sollen wir aber heimfinden?«

Antwortete Blondhärchen: »Der Faden wird uns heimleiten.«

Da nahm Krauskopf aus der großen Truhe an der Wand viel gelbes Gold und steckte sich die Taschen voll. Das sah Blondhärchen nicht gern, denn sie fürchtete sich vor dem gelben Golde, und dann begann er, den Faden zu einem großen Knäuel aufzuwickeln, denn man soll nichts herum liegen lassen, weiß auch nie, wozu es noch nützlich sein kann.

Sie gingen die Treppe hinunter, durch die schmalen Gässchen mit den hohen, dunklen Häusern und durch die breiten Straßen und vorbei an des Königs Schloss bis zum Meere. Dort warteten die Frauen auf sie und freuten sich, dass Blondhärchen Krauskopf gefunden hatte und mit sich heimführte, brachten sie über das Wasser und erzählten, dass ihre Männer bei der Arbeit so großen Trost durch Blondhärchens klare Stimme hätten.

Da kam Krauskopf ein guter Gedanke, denn er war sehr klug und sagte: »Seht, ihr Frauen, welch einen wunderbaren Faden wir hier haben. Daran ist Blondhärchens Stimme von dem Ende der Welt bis zu mir gelaufen. Nehmen eure Männer das eine Ende davon mit, so werden auch eure Stimmen sie überall erreichen und das würde sehr tröstlich für sie sein. Darum nehmt ihr den Faden und gebt uns dafür Blondhärchens Stimme zurück.«

Das sahen die Frauen ein, nahmen den Faden, gaben Blondhärchens Stimme zurück und freuten sich über den Tausch. Blondhärchen aber rief: »O, du kluger Krauskopf!« und würde ihn dankbar angelächelt haben, wenn sie ihr Lächeln noch gehabt hätte. Dafür sang sie ihm das Lied, das sie von der Nachtigall im Rosenbusch gelernt hatte, und ihm wurde dabei sehnsüchtig und doch wohl zumute.

Am zweiten Meere standen die Schiffer noch bereit und sagten zu Blondhärchen: »Gut, dass du endlich kommst. Für dein bisschen Lächeln hätten wir wirklich nicht noch länger auf dich warten können.«

Sprach Krauskopf, dem der Tausch soeben wohl behagt hatte, zu ihnen: »Liebe Schiffer, was wollt ihr überhaupt mit Blondhärchens Lächeln? Wie kann euch das wohl Nacht und Nebel erhellen? Seht dagegen, was wir hier mit uns führen. Es ist ein Lämpchen mit herrlichen Eigenschaften. Steckt ihr es auf einen hohen Stab, so wirft es seinen Schein weit hinaus und zeigt euch in Nacht und Nebel sicher den Weg durch die wilden Wasser nach Hause. Nehmt ihr das Lämpchen und gebt uns dafür Blondhärchens Lächeln. Mir däucht, ich schlage euch da einen Tausch vor, mit dem ihr wohl zufrieden sein könnt.«

Das däuchte den Schiffern auch. Blondhärchen erhielt ihr Lächeln zurück und rief: »Nun bin ich wieder wie früher, nur mein Haar fehlt mir noch.«

»Das werden wir auch noch kriegen!« sagte Krauskopf und war sehr stolz auf seine Klugheit.

Drüben am dritten Meer fuhren die Männer sie rauh an: »Kommt ihr endlich! Meint ihr etwa, wir hätten nichts Besseres zu tun, als Maulaffen feil zu halten und auf euch Landstreicher zu warten?«

Ängstlich sagte Blondhärchen: »Gab ich euch doch all meine Locken, auf dass ihr wartet.«

»Ha!« riefen sie. »Armselige gelbe Locken! Es ist ein schlechter Lohn, den wir uns da ausbedungen haben.«

Krauskopf spitzte die Ohren. »So gebt uns die gelben Locken zurück, und wir wollen euch mit etwas anderem bezahlen.«

»Ihr seid Lumpengesindel und Spitzbubenvolk!« schrien die Männer erbost. »Und geht darauf aus, arme, ehrliche Menschen, die sich ihr täglich Brot kümmerlich verdienen müssen, ins Unglück zu stürzen. Schreckliches haben wir erlebt! Das Untier, das die Dirne uns hiergelassen hat, ist toll geworden und aus dem Stalle ausgebrochen. Wie rasend fuhr es umher, richtete großen Schaden an, rannte ehrbare Leute über den Haufen und füllte die Luft mit so höllischem Gestank, dass die Vögel betäubt zur Erde fielen. Mit Mühe und Not haben endlich die Mutigsten von uns das Untier totgeschlagen.«

Da rang Blondhärchen vor großem Schrecken die Hände, und Krauskopf bedachte, was sie alles um seinetwillen ausgestanden hatte, ließ das Gold in seiner Tasche klingen und sagte: »Führt uns über das Wasser, ihr Männer! Und gebt uns Blondhärchens gelbe Locken heraus, die ihr doch nicht brauchen könnt, ich will euch gelbes Gold dafür bezahlen.«

Die Männer stießen sich untereinander an und blinzelten sich zu, denn der Tausch schien ihnen sehr vorteilhaft. Als sie am anderen Ufer angelangt waren, griff Krauskopf in die Tasche und gab ihnen für die gelben Locken etliche gelbe Goldstücke, und sagte: »Das ist nun einmal so. Jetzt heißt es, die Füße in die Hand nehmen und tapfer darauf losmarschieren. Gar soweit kann es ja bis Großmütterchens Grab unter dem Rosenbusch nicht mehr sein«, nahm Blondhärchen bei der Hand und marschierte mit ihr darauf los.

Den ersten Berg hinauf waren sie fröhlich und guter Dinge, und die andere Seite hinunter war es eine Lust, so rasch sprangen sie über Stock und Stein. Aber der zweite Berg war steil, und die Sonne brannte heiß hernieder, und Blondhärchen wurde müde und bat: »Geh du voran, Krauskopf. Ich will mich indessen auf diesen Stein setzen und ein wenig ausruhen, dann komme ich dir schon wieder nach.«

»Das wäre mir eine schöne Geschichte!« antwortete er. »Du bist so klein und könntest mir in der großen Welt verloren gehen. Da will ich dich doch lieber den Berg hinauf tragen. Nachher geht’s dann wieder ganz von selbst lustig bergunter.«

Nahm Blondhärchen auf seine starken Arme und trug sie den Berg hinauf. Die andere Seite hinunter ging’s dann wieder Hand in Hand, aber fein bedächtig, denn auch er war müde geworden. Nun stand der dritte Berg vor ihnen, hoch und sehr steil. Da klagte Blondhärchen: »Nimmer kommen wir da hinauf. Ach! Wie fuhr es sich doch so bequem in dem Wägelchen!«

Er aber sprach ihr Mut zu und nahm sie wieder auf seine starken Arme. Die Sonne brannte immer heißer, der Berg wuchs immer höher, helle Schweißtropfen rannen Krauskopf von der Stirn, und seine Knie begannen zu zittern. Er biß die Zähne zusammen und keuchte mit Blondhärchen noch etwas höher, dann ging’s aber nimmer.

Da sagte er: »Ich glaube, es ist das Gold in meinen Taschen, das so schwer auf mir lastet und mir den Weg so sauer macht. Sitz ein wenig ab, Blondhärchen, indes ich meine Taschen umkehre. Später hole ich mir das Gold dann wieder.«

Und er tat es, und das gelbe Gold gleißte höhnisch in der Sonne und lief den Berg hinunter, den Krauskopf es eben heraufgetragen hatte und sprang unten in einen tiefen Abgrund, also dass es verschwunden war, und man niemals wieder etwas davon gesehen hat.

Als Krauskopf das wahrnahm, seufzte er tief, denn er hatte das gelbe Gold sehr lieb gehabt. Aber das Seufzen half nichts. Dann nahm er denn Blondhärchen abermals in seine Arme, und siehe, ihm war so leicht zu Sinne ohne das Gold in seinen Taschen, dass er sie mühelos bis zur Spitze des Berges hinauftrug. Und von oben schauten sie gerade in das heimatliche Tal hinab und jauchzten laut und sprangen eilends den Berg hinunter.

Und unten im Tal sprang ihnen das Bächlein entgegen, hatte sich einen Kranz von Vergißmeinnicht aufgesetzt und hieß sie willkommen. Und über die Hügel wogte das gelbe Korn wie ein goldenes Meer, und die Rosen auf Großmütterchens Grab dufteten, und die Nachtigall sang, und die Ochsen sagten: »Muh!« Und auf der Schwelle des Häuschens stand der Pate, lächelte freundlich und sprach:

»Seid mir gegrüßt in der Heimat, liebe Kinder. Aus dem dunklen Wald bin ich hierher gekommen, um euch das Häuschen instand zu setzen, wo ihr künftig miteinander wohnen werdet. Seht selbst, wie gut mir das gelungen ist.«

Und sie sahen mit Freuden, wie gut und reichlich der Pate alles instand gesetzt hatte. Es fehlte nichts, vom Schinken unter dem Dachbalken bis zum weißen Sand auf dem Fußboden. Und Blondhärchen küsste dem Paten die Hand für alles Gute, das er an ihnen getan hatte.

Und er deutete auf das Ährenfeld: »Seht wieviel Gold für euch gewachsen ist, indes ihr fort waret. Und den Flachs im Dachkämmerchen soll Goldhärchen auf ihrem Rädchen zu Goldgespinst spinnen, damit der Weber euch Linnen und Gewand davon webe.«

Da fischte Krauskopf in seinen Taschen umher, fand zuallerunterst in einer Ecke noch ein Goldstück, das zog er hervor und zeigte es dem Paten.

»Dieses Goldstück ist alles, was ich mir aus der weiten Welt mitgebracht habe. Aber es ist genug, um Blondhärchen ein goldenes Ringlein zu machen, zum Zeichen, dass ich ihr immer Treue halten und sie nimmer verlassen will.«

So geschah es, und alle waren wohl zufrieden damit, Blondhärchen, der Pate und Krauskopf auch.