{"id":998,"date":"2018-05-15T00:58:02","date_gmt":"2018-05-14T22:58:02","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=998"},"modified":"2025-12-28T21:39:15","modified_gmt":"2025-12-28T20:39:15","slug":"der-vogel-des-volkslieds","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-vogel-des-volkslieds\/","title":{"rendered":"Der Vogel des Volkslieds"},"content":{"rendered":"<p>Hans Christian Andersen<br \/>\n<!--more--><br \/>\nEs ist Winterzeit; die Erde hat eine Schneedecke, als sei sie von Marmor aus dem Felsen gehauen; die Luft ist hell und klar, der Wind ist scharf wie ein hartgeschmiedetes Schwert, die B\u00e4ume stehen da wie wei\u00dfe Korallen, wie bl\u00fchende Mandelzweige, hier ist es frisch wie auf den hohen Alpen.<\/p>\n<p>Die Nacht ist pr\u00e4chtig im Nordlichtscheine, im Glanze unz\u00e4hliger funkelnder Sterne Es kommen die St\u00fcrme, die Wolken erheben sich und Sch\u00fctteln Schwanendaunen herab; die Schneeflocken jagen, decken Hohlweg und Haus, das offene Feld und die eingeschlossenen Stra\u00dfen.<\/p>\n<p>Aber wir sitzen in der warmen Stube, am gl\u00fchenden Ofen und erz\u00e4hlen uns von alten Zeiten, wir h\u00f6ren eine Sage:<\/p>\n<p>An dem offenen Meere lag ein Riesengrab, auf dem sa\u00df zur Mitternachtszeit der Geist des begrabenen Helden, der ein K\u00f6nig gewesen war; der Goldreif leuchtete von seiner Stirn, das Haar flatterte im Winde, er war in Stahl und Eisen gekleidet; er beugte sorgenvoll sein Haupt und seufzte in tiefem Schmerze wie ein unseliger Geist.<\/p>\n<p>Da segelte ein Schiff vorbei. Die Matrosen warfen den Anker aus und stiegen ans Land. Unter ihnen war ein S\u00e4nger; der trat zum K\u00f6nigs-Geiste und frage: &#8222;Warum trauerst und leidest du?&#8220;<\/p>\n<p>Da antwortete der Tote: &#8222;Niemand hat die Taten meines Lebens besungen, sie sind tot und vergessen; der Gesang tr\u00e4gt sie nicht \u00fcber die L\u00e4nder hinaus und in die Herzen der Menschen; darum habe ich keine Ruhe, keinen Frieden!&#8220;<\/p>\n<p>Und er sprach von seinen Werken und Gro\u00dftaten, die seine Zeitgenossen gekannt, aber nicht besungen, denn unter ihnen war kein S\u00e4nger.<\/p>\n<p>Da griff der Alte Barde in die Saiten der Harfe und sang von dem Jugendmut des Helden, von der Kraft des Mannes und der Gr\u00f6\u00dfe, der guten Taten. Dabei leuchtete des Toten Angesicht wie der Wolkensaum im Mondenschein, froh und hochselig erhob sich die Gestalt in Glanz und Strahlen, sie entschwand wie ein Nordlichtschein; man sah nur noch den gr\u00fcnen Rasenh\u00fcgel mit den runenlosen Steinen; aber dar\u00fcber hin schwang sich beim letzten Klang der Saiten, so recht, als wenn er aus der Harfe k\u00e4me, ein kleiner Vogel, der reizende Singvogel mit dem klangvollen Schlage der Drossel, mit dem seelenvollen Schlage des Menschenherzens, dem Klange des Heimatlandes, wie der Zugvogel ihn h\u00f6rt. Der Singvogel flog \u00fcber die Berge, \u00fcber Tal, \u00fcber Feld und Wald &#8211; das war der Vogel des Volkslieds, der niemals stirbt.<\/p>\n<p>Wir h\u00f6ren den Gesang; wir h\u00f6ren ihn jetzt hier in der Stube, w\u00e4hrend die wei\u00dfen Bienen drau\u00dfen schw\u00e4rmen und der Sturm starke Griffe tut. Der Vogel singt uns nicht blo\u00df die Treueklage der Helden, er singt auch s\u00fc\u00dfe, sanfte Liebesges\u00e4nge, so warme und so viele, von der Treue im Norden; er hat M\u00e4rchen in Worten und T\u00f6nen; er hat Sprichw\u00f6rter und Liederspr\u00fcche, die &#8211; gleich Runen unter des Toten Zunge legt &#8211; ihn zum Sprechen n\u00f6tigen, und so wei\u00df das Volkslied von seinem Heimatlande!<\/p>\n<p>In der alten Heidenzeit, in der Wikingerzeit, hing seine Rede in des Barden Harfe. In den Tagen der Ritterburgen, als die Faust die Waagschale der Gerechtigkeit hielt, nur die Macht das Recht war, ein Bauer und ein Hund von gleicher Bedeutung . wo fand da der Vogel de Gesanges Obdach und Schutz? Weder Rohheit noch Dummheit dachten an ihn.<\/p>\n<p>Aber in dem Erker der Ritterburg, wo die Burgfrau vor dem Pergament sa\u00df und die alten Erinnerungen in Ges\u00e4ngen und Sagen niederschrieb und das alte M\u00fctterchen aus dem Walde und der Tabulettkr\u00e4mer, der immer herumwandernde, bei ihr sa\u00dfen und erz\u00e4hlten, da folg er \u00fcber sie hin, da flatterte, zwitscherte und sang der Vogel, der niemals stirbt, solange die Erde einen H\u00fcgel f\u00fcr seinen Fu\u00df hat, f\u00fcr den Vogel des Volkslieds.<\/p>\n<p>Nun singt er zu uns herein. Drau\u00dfen ist der Schneesturm und die Nacht; er legt die Runen unter unsere Zunge, wir kennen unser Heimatland; Gott spricht zu uns in unserer Muttersprache, in den T\u00f6nen des Vogel vom Volkslied. Die alten Erinnerungen tauchen auf, die erblichenen Farben frischen sich auf, die Sage und der Gesang geben einen Segenstrunk, der Sinn und Gedanken erhebt, so dass der Abend ein Weihnachtsfest wird.<\/p>\n<p>Die Schneeflocken jagen, das Eis kracht, der Sturm herrscht, denn er hat die Macht, er ist der Herr &#8211; aber doch nicht unser Herrgott!<\/p>\n<p>Es ist Winterzeit, der Wind ist scharf wie ein hartgeschmiedetes Schwert; die Schneeflocken jagen &#8211; es schneite, so schien es uns, Tage und Wochen, und der Schnee liegt wie ein ungeheurer Schneeberg \u00fcber der gro\u00dfen Stadt: ein schwerer Traum in der Winternacht. Alles ist auf der Erde verborgen und fort, nur das goldene Kreuz der Kirche, das Symbol des Glaubens, erhebt sich \u00fcber dem Schneegrabe und leuchtet in der blauen Luft, in dem klaren Sonnenscheine.<\/p>\n<p>Und \u00fcber der begrabenen Stadt fliegen die Vogel des Himmels, die kleinen und die gro\u00dfen; sie zwitschern und singen, wie sie es gerade k\u00f6nnen, jeder Vogel mit seinem Schnabel.<\/p>\n<p>Zuerst kommt die Schar der Sperlinge; sie piepen bei allen Kleinigkeiten in der Stra\u00dfe und in der Gasse, Im Neste und im Hause; die wissen Geschichten vom Vorder- und Hinterhause. &#8222;Wir kennen die begrabene Stadt&#8220;, sagten sie. &#8222;Alles Lebendige darin hat den Piep! Piep! Piep!&#8220;<\/p>\n<p>Die schwarzen Raben und Kr\u00e4hen fliegen \u00fcber den wei\u00dfen Schnee. &#8222;Grab! Grab!&#8220; schreien sie. &#8222;Da unten ist noch etwas zu bekommen, etwas f\u00fcr den Schlund, das ist das wichtigste, das ist die Meinung der meisten da unten im Grunde, und die Meinung ist bra&#8216;, bra&#8216;, brav!&#8220;<\/p>\n<p>Die wilden Schw\u00e4ne kommen auf sausenden Fl\u00fcgeln und singen von dem Herrlichen und dem Gro\u00dfen, das noch aus den Gedanken und Herzen der Menschen hervorspie\u00dfen wird dort unten, in der unter der Schneedecke ruhenden Stadt.<\/p>\n<p>Da ist kein Tod, da waltet das Leben; wir vernehmen es in den T\u00f6nen, die gleich der Kirchenorgel brausen, die uns ergreifen wie der Klang von der Elfenh\u00f6he, wie die Ges\u00e4nge Ossians, wie der brausende Fl\u00fcgelschlag der Walk\u00fcren. Welcher Einklang! Der spricht in unserm Herzen, erhebt unsere Gedanken &#8211; das ist der Vogel des Volkslieds, den wir h\u00f6ren!<\/p>\n<p>Und in diesem Augenblick weht der warme Hauch Gottes vom Himmel herunter, die Schneeberge bersten in Spalten, die Sonne scheint hinein, der Fr\u00fchling naht, die Vogel kommen, neue Geschlechter mit den heimatlichen, denselben T\u00f6nen.<\/p>\n<p>H\u00f6re den Heldensang des Jahres: &#8222;Die Macht des Schneesturms, der schwere Traum der Winternacht &#8211; alles l\u00f6st sich, alles erhebt sich im herrlichen Gesange des Vogels des Volksliedes, der niemals stirbt!&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans Christian Andersen<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[88,85],"tags":[],"class_list":["post-998","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hans-chr-andersen","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/998","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=998"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/998\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":999,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/998\/revisions\/999"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=998"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=998"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=998"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}