{"id":992,"date":"2018-05-04T14:03:46","date_gmt":"2018-05-04T12:03:46","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=992"},"modified":"2026-01-13T21:25:37","modified_gmt":"2026-01-13T20:25:37","slug":"die-schildbuerger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-schildbuerger\/","title":{"rendered":"Die Schildb\u00fcrger"},"content":{"rendered":"\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Die Schildb\u00fcrger<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Waren die Schildb\u00fcrger wirklich so dumm, wie sie taten ?<\/strong><br>Im Mittelalter, damals, als man das Schie\u00dfpulver noch nicht erfunden hatte, lag mitten in Deutschland eine Stadt, die Schilda hie\u00df, und ihre Einwohner nannte man deshalb die Schildb\u00fcrger. Das waren merkw\u00fcrdige Leute. Alles, was sie anpackten, machten sie verkehrt. Und alles, was man ihnen sagte, nahmen sie w\u00f6rtlich. Wenn zum Beispiel ein Fremder \u00e4rgerlich ausrief: \u00bbIhr habt ja ein Brett vorm Kopf! \u00ab, griffen sie sich auch schon an die Stirn und wollten das Brett wegnehmen. Und meinte ein anderer ungeduldig: \u00bbBei euch piept es ja!\u00ab, so sperrten sie neugierig die Ohren auf, lauschten drei Minuten und antworteten dann gutm\u00fctig: \u00bbDas muss ein Irrtum sein, lieber Mann. Wir h\u00f6ren nichts piepen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Soviel Dummheit brachte manchen durchreisenden Kaufmann der Verzweiflung nahe. Andre wieder lachten sich dar\u00fcber halbtot. Und mit der Zeit lachte, zu guter Letzt, das ganze Land. Kam jemand von einer l\u00e4ngeren Reise zur\u00fcck, so fragte man ihn auch schon, kaum dass er sich die staubigen Stiefel ausgezogen hatte: \u00bbWas gibt&#8217;s Neues in Schilda? Erz\u00e4hle!\u00ab Und wenn er dann, beim Braunbier, den neuesten Schildb\u00fcrgerstreich auftischte, hielt sich die vergn\u00fcgte Runde die B\u00e4uche. \u00bbNein\u00ab, riefen sie, \u00bbwie kann man nur so dumm sein!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Die Schildb\u00fcrger: H\u00f6rbuch zum Einschlafen (lustig)\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/SSo--WiXrHk?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>An dieser Stelle muss ich euch ein Geheimnis anvertrauen. Es hei\u00dft: So dumm kann man nicht sein! Daraus folgt einwandfrei, dass auch die Schildb\u00fcrger nicht so dumm waren, sondern dass sie sich nur so dumm stellten! Das ist nat\u00fcrlich ein gro\u00dfer Unterschied! Wer nicht wei\u00df, dass zwei mal zwei vier ist, der ist dumm, und ihm ist schwer zu helfen. Wer es aber wei\u00df und trotzdem antwortet, zwei mal zwei sei f\u00fcnf, der verstellt sich. So \u00e4hnlich wie er machten es die Schildb\u00fcrger. Und wer unter euch scharf nachdenken kann, der wird mich etwas ganz Bestimmtes fragen wollen. Nun? Was wird er fragen wollen? \u00bbWarum stellten sich die Schildb\u00fcrger eigentlich so dumm? Warum und wozu? Was hatten sie davon?\u00ab Ganz recht. Was hatten sie davon? Wer l\u00e4sst sich schon gern vom ganzen Lande auslachen? Wer ist schon gerne, und noch dazu freiwillig, so dumm wie Bohnenstroh? Au\u00dfer den Schildb\u00fcrgern w\u00fcsste ich niemanden. Und damit ihr sie versteht, muss ich erst einmal erz\u00e4hlen, wie ihre Dummheit zustande kam. Die Geschichte ist ein bisschen verzwickt. Ich kann&#8217;s nicht \u00e4ndern. Passt also gut und genau auf!<\/p>\n\n\n\n<p>Lange, sehr lange bevor die Schildb\u00fcrger durch ihre sprichw\u00f6rtliche Dummheit ber\u00fchmt wurden, waren sie, im Gegenteil, flei\u00dfig, t\u00fcchtig, beherzt und aufgeweckt. Ja, sie waren sogar t\u00fcchtiger und gescheiter als die meisten anderen Leute. Das sprach sich bald herum. Und wenn man sich anderswo keinen Rat mehr wusste, schickte man einen berittenen Boten nach Schilda, dass er Ratschl\u00e4ge einhole. Am Ende kamen allw\u00f6chentlich mindestens zwei Gesandte aus fernen Reichen und L\u00e4ndern, brachten pr\u00e4chtige Geschenke von K\u00f6nigen, vom Kaiser und vom Sultan und baten, Schilda m\u00f6ge ihnen den einen oder anderen klugen Einwohner als Minister, B\u00fcrgermeister oder Oberlandesgerichtsdirektor ausleihen. So gingen immer mehr Schildb\u00fcrger ins Ausland, erwarben sich drau\u00dfen Rang, Ehren und Orden und sandten regelm\u00e4\u00dfig Geld nach Hause.<\/p>\n\n\n\n<p>Ruhm, Geld und Titel sind ganz gut und ganz sch\u00f6n. Aber in Schilda selber ging es mittlerweile drunter und dr\u00fcber. Da die M\u00e4nner nicht daheim waren, mussten, statt ihrer, die Frauen pfl\u00fcgen, s\u00e4en und ernten. Die Frauen mussten die Pferde beschlagen und das Vieh schlachten. Die Frauen mussten die Kinder unterrichten, die Steuern einkassieren, die Ernte verkaufen, den Marktplatz pflastern, die Z\u00e4hne ziehen, das Korn mahlen, die Schuhe besohlen, die Semmeln backen, die B\u00e4ume f\u00e4llen, die Predigten halten, die Scheunen ausbessern, die Diebe einsperren, die Glocken l\u00e4uten, die Bretter hobeln, den Wein keltern, die Brunnen graben, die Wiesen m\u00e4hen, die D\u00e4cher decken und abends im Wirtshaus \u00bbZum Roten Ochsen\u00ab sitzen. Das war zuviel! Das Vieh verkam. Die Ernte verfaulte. Es regnete durch die D\u00e4cher. Auf dem Marktplatz wuchsen Brennnesseln. Die Uhr am Kirchturm ging vier Stunden nach. Die Kinder wurden frech und blieben dumm. Und die armen Frauen wurden vor lauter Sorgen, M\u00fchen und Tr\u00e4nen h\u00e4sslich und vor der Zeit krumm und alt. Da schrieben sie ihren M\u00e4nnern einen w\u00fctenden Brief, worin zu lesen stand, warum und wieso sie nicht l\u00e4nger ein noch aus w\u00fcssten und die M\u00e4nner sollten sich schleunigst heimscheren!<\/p>\n\n\n\n<p>Da kriegten die M\u00e4nner einen Heidenschreck, verabschiedeten sich hastig von ihren tiefbetr\u00fcbten K\u00f6nigen und Kurf\u00fcrsten und vom Sultan und fuhren, aus allen Himmelsrichtungen, mit der Extrapost nach Hause zur\u00fcck. Hier schlugen sie erst einmal die H\u00e4nde \u00fcberm Kopf zusammen. Sie kannten ihr Schilda gar nicht wieder. Die Fensterscheiben waren zersprungen. Im Hausflur wuchs Moos. Die Wagenr\u00e4der quietschten. Die Kinder streckten die Zunge heraus. Und der Wind wehte die Ziegel vom Dach. \u00bbDas habt ihr von eurer Gescheitheit!\u00ab sagten die Frauen \u00e4rgerlich. Und die M\u00e4nner gingen, ohne ein Wort zu sagen, ins Bett.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein paar Tage sp\u00e4ter trafen sie sich im \u00bbRoten Ochsen\u00ab, tranken Bier, klagten einander ihr Leid und kratzten sich hinter den Ohren. Drau\u00dfen vorm Gasthof standen schon wieder f\u00fcnf Gesandte aus fremden L\u00e4ndern und baten um Geh\u00f6r. \u00bbSchickt sie weg!\u00ab sagte der Ochsenwirt. \u00bbDiesmal k\u00f6nnen wir unsern guten Rat selber brauchen. Das Hemd ist auch uns n\u00e4her als der Rock.\u00ab Dann steckte er den Kopf durchs Fenster und rief: \u00bbWir haben leider alle den Keuchhusten!\u00ab Da kletterten die f\u00fcnf Gesandten auf ihre f\u00fcnf Pferde und machten sich aus dem Staube. Denn Keuchhusten ist, wie jedes Kind wei\u00df, ansteckend. So hatten die Schildb\u00fcrger ihre Ruhe, bestellten die n\u00e4chste Runde Bier, bliesen den Schaum vom Glas und dachten angestrengt nach.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim sechsten Glase wischte sich der Schweinehirt den Schnurrbart und sagte: \u00bbIch hab&#8217;s!\u00ab Er war lange Zeit Stadtbaumeister in Pisa gewesen, hatte dort den bekannten Schiefen Turm erbaut und galt auch sonst f\u00fcr sehr t\u00fcchtig. \u00bblch hab&#8217;s!\u00ab sagte er noch einmal. \u00bbDie Klugheit war an allem schuld. Und nur die Dummheit kann uns retten.\u00ab Weil sie ihn zweifelnd anschauten, fuhr er fort: \u00bbUns bleibt kein andrer Ausweg. Wir m\u00fcssen uns dumm stellen. Sonst lassen uns die K\u00f6nige, der Kaiser und der Sultan nicht in Ruhe.\u00ab \u00bbAber wie stellt man sich dumm?\u00ab fragte der Grobschmied. \u00bbEs wird nicht ganz leicht sein\u00ab, antwortete der Schweinehirt. \u00bbDumm zu scheinen, ohne dumm zu sein, verlangt viel Scharfsinn. Nun, wir sind gescheite Leute, und so werden wir&#8217;s schon schaffen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbBravo!\u00ab rief der Schneidermeister. \u00bbDummsein ist mal was andres!\u00ab Und auch den \u00fcbrigen gefiel der Vorschlag des Schweinehirten ausgezeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Die n\u00e4chsten zwei Monate \u00fcbten sie das Sichdummstellen ganz im geheimen. Dann erst traten sie mit ihrem ersten Streich ans Licht der \u00d6ffentlichkeit: mit dem Bau ihres neuen dreieckigen Rathauses. Das machte ihnen einen diebischen Spa\u00df. Nur der Schulmeister hatte Bedenken. \u00bbDenn\u00ab, sagte er, \u00bbwer sich gescheit stellt, wird davon noch lange nicht richtig gescheit. Wer sich aber lange genug dumm stellt, der wird, f\u00fcrchte ich, eines Tages wirklich dumm.\u00ab Als ihn die anderen auslachten, rief er \u00e4rgerlich: \u00bbDa habt ihr&#8217;s! Es f\u00e4ngt schon an!\u00ab &#8211; \u00bbWas f\u00e4ngt schon an?\u00ab fragte der Hufschmied neugierig. &#8211; \u00bbEure Dummheit!\u00ab rief der Schulmeister. Da lachten sie ihn aus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Schildb\u00fcrger bauen ein Rathaus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Plan, das neue Rathaus nicht viereckig, sondern dreieckig zu bauen, stammte vom Schweinehirten. Er hatte, wie schon gesagt, den Schiefen Turm von Pisa erbaut, der mittlerweile eine Sehensw\u00fcrdigkeit geworden war, und erkl\u00e4rte stolz: &#8222;Ein dreieckiges Rathaus ist noch viel sehenswerter als ein schiefer Turm. Deshalb wird Schilda noch viel ber\u00fchmter werden als Pisa!&#8220; Die anderen h\u00f6rten das mit gro\u00dfem Behagen. Denn auch die Dummen werden gern ber\u00fchmt. Das war im Mittelalter nicht anders als heute.<\/p>\n\n\n\n<p>So gingen also die Schildb\u00fcrger schon am n\u00e4chsten Tag morgens um sieben an die Arbeit. Und sechs Wochen sp\u00e4ter hatten sie die drei Mauern aufgebaut. In der dem Marktplatz zugekehrten Breitseite war ein gro\u00dfes Tor ausgespart worden. Und es fehlte nur noch das Dach. Nun, auch das Dach kam bald zustande, und am Sonntag darauf fand die feierliche Einweihung des neuen Rathauses statt.<\/p>\n\n\n\n<p>S\u00e4mtliche Einwohner erschienen in ihren Sonntagskleidern und begaben sich mit dem Schweinehirten an der Spitze, in das wei\u00df gekalkte, dreieckige Geb\u00e4ude. Doch sie waren noch nicht an der Treppe, da purzelten sie auch schon durcheinander, stolperten \u00fcber fremde F\u00fc\u00dfe, taten irgendwem auf die Hand, stie\u00dfen mit den K\u00f6pfen zusammen und schimpften wie die Rohrspatzen. Die drin waren, wollten wieder heraus. Die drau\u00dfen standen, wollten unbedingt hinein. Es gab ein f\u00fcrchterliches Gedr\u00e4nge! Endlich landeten sie alle , wenn auch zerschunden und mit Beulen und blauen Flecken, wieder im Freien, blickten einander ratlos an und fragten aufgeregt: &#8222;Was war denn eigentlich los?&#8220; Da kratzte sich der Schuster hinter den Ohren und sagte: &#8222;In unserem Rathaus ist es finster !&#8220; &#8222;Stimmt!&#8220; riefen die anderen. Als aber der B\u00e4cker fragte: &#8222;Und woran liegt das?&#8220;, wussten sie lange keine Antwort. Bis der Schneider sch\u00fcchtern sagte: &#8222;Ich glaube, ich hab&#8217;s.&#8220; &#8222;Nun?&#8220; &#8222;In unserm neuen Rathaus&#8220;, fuhr der Schneider bed\u00e4chtig fort, &#8222;ist kein Licht!&#8220; Da sperrten sie Mund und Nase auf und nickten zwanzigmal. Der Schneider hatte Recht, Im Rathaus war es finster, weil kein Licht drin war!<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend trafen sie sich beim Ochsenwirt, tranken ein Bier und beratschlagten, wie man Licht ins Rathaus hineinschaffen k\u00f6nne. Es wurden eine ganze Reihe Vorschl\u00e4ge gemacht. Doch sie gefielen ihnen nicht besonders. Erst nach dem f\u00fcnften Glas Braunbier fiel dem Hufschmied das Richtige ein. &#8222;Das Licht ist ein Element wie Wasser&#8220;, sagte er nachdenklich. &#8222;Und da man Wasser in Eimern ins Haus tr\u00e4gt, sollten wir&#8217;s mit dem Licht genauso machen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Hurra!&#8220;, riefen sie alle. &#8222;Das ist die L\u00f6sung!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Tag h\u00e4ttet ihr auf dem Marktplatz sein m\u00fcssen! Das hei\u00dft, ihr h\u00e4ttet gar keinen Platz gefunden. \u00dcberall standen Schildb\u00fcrger mit Schaufeln, Spaten, Besen und Mistgabeln und schaufelten den Sonnenschein in Eimer und Kessel, Kannen, T\u00f6pfe, F\u00e4sser und Waschk\u00f6rbe. Andre hielten gro\u00dfe, leere Kartoffels\u00e4cke ins Sonnenlicht, banden dann die S\u00e4cke geschwind mit Stricken zu und schleppten sie ins Rathaus. Dort banden sie die S\u00e4cke auf, sch\u00fctteten das Licht ins Dunkel und rannten wieder auf den Markt hinaus, wo sie die leeren S\u00e4cke von neuem aufhielten und die Eimer und F\u00e4sser und K\u00f6rbe wieder vollschaufelten. Ein besonders Schlauer hatte eine Mausefalle aufgestellt und fing das Licht in der Falle. So trieben sie es bis zum Sonnenuntergang. Dann wischten sie sich den Schwei\u00df von der Stirn und traten gespannt durch das Rathaustor. Sie hielten den Atem an. Sie sperrten die Augen auf. Aber im Rathaus war es noch genauso dunkel wie am Tag zuvor. Da lie\u00dfen sie die K\u00f6pfe h\u00e4ngen und stolperten wieder ins Freie. Wie sie so auf dem Markt herumstanden, kam ein Landstreicher des Wegs und fragte, wo es denn fehle. Sie erz\u00e4hlten ihm ihr Missgeschick und dass sie nicht ein noch aus w\u00fcssten. Er merkte, dass es mit ihrer Gescheitheit nicht weit her sein konnte, sagte: &#8222;Kein Wunder, dass es in eurem Rathaus finster ist! Ihr m\u00fcsst das Dach abdecken!&#8220; Sie waren sehr verbl\u00fcfft, Und der Schweinehirt meinte: &#8222;Wenn dein Rat gut sein sollte, darfst du bei und in Schilda bleiben, solange Du willst.&#8220; &#8222;Jawohl&#8220;, f\u00fcgte der Ochsenwirt hinzu, &#8222;und essen und trinken darfst Du bei mir umsonst!&#8220; Da rieb sich der Landstreicher die H\u00e4nde, ging ins Wirtshaus und bestellte eine Kalbshaxe mit Kartoffelsalat und eine Kanne Bier. Tags darauf deckten die Schildb\u00fcrger das Rathausdach ab, und o Wunder!, mit einem Male war&#8217;s im Rathaus sonnenhell! Jetzt konnten sie endlich ihre Ratssitzungen abhalten, Schreibarbeiten erledigen, Gemeindewiesen verpachten, Steuern einkassieren und alles \u00dcbrige besorgen, was w\u00e4hrend der Finsternis im Rathaus liegen geblieben war. Da es damals Sommer war und ein trockner Sommer obendrein, st\u00f6rte es nicht weiter, dass sie kein Dach \u00fcberm Kopf hatten. Und der Landstreicher lebte auf ihre Kosten im Gasthaus tafelte mittags und abends, was das Zeug hielt, und kriegte einen Bauch.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ging lange Zeit gut: Bis im Herbst graue Wolken am Himmel heraufzogen und ein Platzregen einsetzte. Es hagelte sogar. Und die Schildb\u00fcrger, die gerade in ihrem Rathaus ohne Dach sa\u00dfen, wurden bis auf die Haut nass. Dem Hufschmied sauste ein Hagelkorn, so gro\u00df wie ein Taubenei, aufs Nasenbein. Der Sturm riss fast allen die H\u00fcte vom Kopf. Und sie rannten durchn\u00e4sst nach Hause, legten sich ins Bett, tranken hei\u00dfen Fliedertee und niesten wie die Sch\u00f6pse. Als sie am n\u00e4chsten Morgen mit warmen T\u00fcchern um den Hals und mit roten, geschwollenen Nasen zum Ochsenwirt kamen, um den Landstreicher zu fragen, was sie nun tun sollten, war er verschwunden. Da sie nun niemanden hatten, der ihnen h\u00e4tte helfen k\u00f6nnen, versuchten sie es noch ein paar Wochen mit dem Rathaus ohne Dach. Als es dann aber gar zu schneien begann und sie wie die Schneem\u00e4nner am Ratstisch hockten, meinte der Schweinehirt:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Liebe Mitschildb\u00fcrger, so geht es nicht weiter. Ich beantrage, dass wir, mindestens f\u00fcr die nasse Jahreszeit, das Dach wieder in Ordnung bringen.&#8220; Sein Antrag wurde von allen, die sich erk\u00e4ltet hatten, angenommen. Es waren die meisten. Und so deckten sie den Dachstuhl, wie vorher, mit Ziegeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun war&#8217;s im Rathaus freilich wieder stockfinster. Doch diesmal wussten sich die Schildb\u00fcrger zu helfen. Jeder steckte sich einen brennenden Holzspan auf den Hut. Und wenn es auch nicht sehr hell war, so konnten sie einander doch wenigstens ungef\u00e4hr erkennen. Leider begannen die Sp\u00e4ne nach einer Viertelstunde zu flackern. Nach einer halben Stunde roch es nach angebrannten H\u00fcten. Und schon sa\u00dfen die M\u00e4nner, wie vor Monaten, im Dunkeln. Es war ganz still geworden. Sie schwiegen vor lauter Erbitterung.<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich rief der Schuster aufgeregt: &#8222;Da! Ein Lichtstrahl!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich! Die Mauer hatte einen Riss bekommen, und durch ihn hindurch tanzte ein Streifen Sonnenlicht! Wie gebannt starrten sie auf den goldenen Gru\u00df von drau\u00dfen. &#8222;O wir Esel!&#8220;, br\u00fcllte da der Schweinehirt, &#8222;Wir haben ja die Fenster vergessen!&#8220; Dabei sprang er auf, fiel im Dunkeln \u00fcber die Beine des Schmieds und schlug sich an der Tischkante drei Z\u00e4hne aus.<\/p>\n\n\n\n<p>So war es. Sie hatten tats\u00e4chlich die Fenster vergessen! Sie st\u00fcrzten nach Hause, holten Spitzhacken, Winkelma\u00df und Wasserwaage, und noch am Abend waren die ersten Fenster fix und fertig. So wurden die Schildb\u00fcrger zwar nicht wegen ihres dreieckigen Rathauses, sondern vielmehr durch die vergessenen Fenster ber\u00fchmt. Es dauerte nicht lange, so kamen auch schon die ersten Reisenden nach Schilda, bestaunten die Einwohner, \u00fcbernachteten und lie\u00dfen \u00fcberhaupt ein gutes St\u00fcck Geld in der Stadt, &#8222;Seht ihr&#8220;, sagte der Ochsenwirt zu seinen Freunden, &#8222;als wir gescheit waren, mussten wir das Geld in der Fremde verdienen. Jetzt, da wir dumm geworden sind, bringt man&#8217;s uns ins Haus!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der versalzende Gemeindeacker<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eines sch\u00f6nen Tages wurde in Schilda das Salz knapp. Und die H\u00e4ndler, die durchs Land zogen, hatten keines zu verkaufen. In Salzburg sei Krieg, erz\u00e4hlten sie. Und in Salzbrunn und in Salzwedel auch. Und man m\u00fcsse warten, bis der Krieg vor\u00fcber sei. Das missfiel den Schildb\u00fcrgern. Denn Butterbrot ohne Salz, Kartoffeln ohne Salz und Suppen ohne Salz schmeckten ihnen und ihren Kindern ganz und gar nicht. Deshalb beratschlagten sie, was geschehen solle. Und weil ihr Rathaus nun helle Fenster hatte, fiel ihnen auch gleich etwas Pfiffiges ein. Da der Zucker auf Feldern wachse, meinte einer, sei es wohl mit dem Salz nicht anders. Man brauche deshalb auf dem Gemeindeacker, der noch brachliege, nur Salz auszus\u00e4en &#8211; alles andre werde sich dann schon finden.<\/p>\n\n\n\n<p>So geschah&#8217;s. Sie streuten die H\u00e4lfte ihres Salzvorrats auf den Acker, stellten Wachtposten mit langen Blasrohren an den R\u00e4ndern des Feldes auf, f\u00fcr den Fall, dass die V\u00f6gel das Salz w\u00fcrden stehlen wollen, und warteten ab. Schon nach ein paar Wochen gr\u00fcnte der Acker, dass es eine Lust war. Das Salzkraut scho\u00df nur so in die H\u00f6he. Die Feldh\u00fcter sa\u00dfen mit ihren Blasrohren auf der Lauer. Aber die V\u00f6gel blieben zum Gl\u00fcck aus. Und die Schildb\u00fcrger rechneten schon nach, wie viel Salz sie ernten w\u00fcrden. Hundert Zentner, meinten sie, k\u00f6nnten sie vermutlich sogar exportieren. Doch da kamen die K\u00fche und Ziegen aus dem Nachbardorf!<\/p>\n\n\n\n<p>Die K\u00fche und Ziegen kamen also und trampelten in dem herrlich wachsenden Salzkraut herum. Die Feldh\u00fcter schossen mit ihren Blasrohren, was das Zeug hielt. Doch das Vieh machte sich nichts draus. Die Schildb\u00fcrger wussten sich wieder einmal keinen Rat. Bis der Hufschmied eine Haselnu\u00dfgerte von einem Strauche losriss und aufs Feld st\u00fcrzen wollte, um die Tiere zu verjagen. \u00bbBist du toll?\u00ab schrie der B\u00e4cker. \u00bbWillst auch du noch unser Kraut niedertrampeln?\u00ab Und sie st\u00fcrzten sich auf den Schmied und hielten ihn fest. Da rief er: \u00bbWie sonst soll ich denn das Vieh vertreiben, wenn ich nicht ins Feld laufen darf ?\u00ab &#8211; Ach wei\u00df einen Ausweg\u00ab, sagte der Schulmeister. \u00bbDu setzt dich auf ein Brett. Vier von uns heben dich mit dem Brett hoch. Und dann tragen sie dich ins Feld. Auf diese Weise wirst du kein einziges H\u00e4lmchen zertreten.\u00ab Alle waren von dem Vorschlag begeistert. Man trug, zu viert, den Schmied mit seiner Gerte \u00fcber den Acker, und er verjagte das fremde Vieh, ohne dem Salzkraut auch nur ein Haar zu kr\u00fcmmen!<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Woche sp\u00e4ter gerieten ein paar Kinder, obwohl es ihnen streng verboten worden war, beim Spielen ins Salzkraut hinein. Sie waren barfuss und sprangen, kaum dass sie drin waren, schreiend wieder heraus und rannten wie der Wind nach Hause. \u00bbEs bei\u00dft schon! \u00ab riefen sie aufgeregt und zeigten den Eltern ihre F\u00fc\u00dfe und Waden. \u00dcberall hatten sie rote Flecken, und es brannte f\u00fcrchterlich. \u00bbDas Salz ist reif!\u00ab rief der Schweinehirt. \u00bbAuf zur Ernte!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schildb\u00fcrger lie\u00dfen ihre Arbeit stehen und liegen, spannten die Pferde und Ochsen vor die Erntewagen und fuhren, mit Sicheln, Sensen und Dreschflegeln, zum Gemeindeacker. Das Salzkraut biss ihnen in die Beine, dass sie wie die L\u00e4mmer herumh\u00fcpften. Es zerkratzte ihnen die blo\u00dfen Arme. Sie bekamen rotgeschwollene H\u00e4nde. Tr\u00e4nen traten ihnen in die Augen und rollten ihnen \u00fcber die Backen. Und es dauerte gar nicht lange, so warfen sie die Sensen und Sicheln weg, sprangen weinend aus dem Acker, fuchtelten mit den brennenden Armen, H\u00e4nden und Beinen im Wind und fuhren in die Stadt zur\u00fcck. \u00bbNun?\u00ab fragten ihre Frauen. \u00bbHabt ihr das Salz schon abgeerntet?\u00ab Die M\u00e4nner steckten die H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe ins kalte Wasser und sagten: \u00bbNein. Es hat keinen Zweck. Das Salz ist uns zu salzig! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr wisst nat\u00fcrlich l\u00e4ngst, was da auf dem Felde gewachsen war und was so bei\u00dfen konnte. Es waren Brennnesseln! Ihr wisst es, und ich wei\u00df es. Wir sind ja auch viel gescheiter, als die Schildb\u00fcrger waren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wer am besten reimt, wird B\u00fcrgermeister<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Da Schilda zum Kaiserreich Utopia geh\u00f6rte, ist es weiter kein Wunder, dass dem Kaiser von Utopia die Dummheit der Schildb\u00fcrger bald zu Ohren kam. Da er sich aber in fr\u00fcheren Jahren oft bei ihnen Rat geholt hatte, hielt er das, was man neuerdings \u00fcber ihre Streiche zu erz\u00e4hlen wusste, f\u00fcr Ger\u00fcchte und Gerede. Deshalb beschloss er, selber einmal nach Schilda zu reisen. Er schickte also einen Boten, k\u00fcndigte seinen hohen Besuch an und lie\u00df ausrichten, sie sollten ihm \u00bbhalb geritten und halb gegangen\u00ab entgegenkommen und wenn sich ihre Antwort auf seine Begr\u00fc\u00dfungsworte reime, so werde er Schilda zur freien Reichsstadt ernennen und den Einwohnern die Umsatzsteuer erlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Aufregung in Schilda war nat\u00fcrlich gro\u00df. Und im Rathaus ging es hoch her. Denn wer von ihnen sollte denn dem Kaiser, wenn er k\u00e4me, antworten? Noch dazu in gereimter Form? \u00bbDas ist doch sonnenklar!\u00ab rief der Schuster. \u00bbUnser B\u00fcrgermeister muss das tun! \u00ab \u00bbDu hast gut reden\u00ab, erwiderte der B\u00e4cker. \u00bbWir haben doch gar keinen B\u00fcrgermeister!\u00ab Verdutzt sahen sie einander an. Tats\u00e4chlich! Sie hatten vergessen, einen B\u00fcrgermeister zu w\u00e4hlen! Nun, sie beschlossen einstimmig, gleich am n\u00e4chsten Tag das Vers\u00e4umte nachzuholen. \u00bbUnd wen wollen wir w\u00e4hlen?\u00ab fragte der Schweinehirt neugierig. Da meinte der Ochsenwirt: \u00bbDen, der bis morgen das beste Gedicht macht!\u00ab Der Vorschlag gefiel ihnen \u00fcber alle Ma\u00dfen. Und sie gingen schleunigst heim, um etwas H\u00fcbsches zu dichten. Denn jeder von ihnen w\u00e4re selbstverst\u00e4ndlich gerne B\u00fcrgermeister geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>In der folgenden Nacht schliefen sie alle miserabel. jeder lag in seinem Bett und versuchte, irgend etwas zu dichten. Reimen sollte sich&#8217;s auch noch! Der Schweinehirt dichtete so angestrengt, dass seine Frau davon aufwachte. Sie z\u00fcndete eine Kerze an und fragte, was mit ihm los sei. Da verriet er ihr seinen Kummer. \u00bblch finde keinen Reim\u00ab, klagte er, \u00bbund m\u00f6chte doch B\u00fcrgermeister werden!\u00ab &#8211; \u00bbW\u00fcrde ich dann B\u00fcrgermeisterin?\u00ab erkundigte sie sich. Und als er nickte, begann sie auf der Stelle eifrig nachzudenken. Schon eine Viertelstunde sp\u00e4ter hatte sie ein Gedicht fix und fertig:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbKatrine hei\u00dft die Gattin mein,<\/p>\n\n\n\n<p>m\u00f6cht gerne B\u00fcrgermeist&#8217;rin sein,<\/p>\n\n\n\n<p>ist sch\u00f6ner als mein sch\u00f6nstes Schwein<\/p>\n\n\n\n<p>und trinkt am liebsten Moselwein.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sprach ihm das Gedicht neunundneunzigmal vor, und er musste es neunundneunzigmal nachsprechen. Da klingelte der Wecker, und der Schweinehirt musste ins Rathaus. Die meisten Gedichte, die man zu h\u00f6ren kriegte, waren nicht viel wert. Der Schuster deklamierte zum Beispiel:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich bin ein B\u00fcrger und kein Bauer<\/p>\n\n\n\n<p>und mache mir das Leben bitter.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas kann ich besser!\u00ab rief der Hufschmied und dichtete:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch bin ein B\u00fcrger und kein Ritter<\/p>\n\n\n\n<p>und mache mir das Leben sauer.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Doch auch seine Verse fanden keinen rechten Anklang. So ging das eine ganze Welle hin, bis dann der Schweinehirt aufgerufen wurde. Er holte tief Luft und sagte mit lauter Stimme:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Meine Frau, die hei\u00dft Katrine,<\/p>\n\n\n\n<p>w\u00e4r gerne B\u00fcrgermeisterin,<\/p>\n\n\n\n<p>ist schwerer als das schwerste Schwein<\/p>\n\n\n\n<p>und trinkt am liebsten Bayerisch Bier.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Dass er damit den Vogel abschoss, wird niemanden von euch wundern. Der Schweinehirt wurde also unter Beifallsrufen zum B\u00fcrgermeister von Schilda gew\u00e4hlt. Und er und seine Frau waren aufeinander sehr stolz.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Kaiser besucht die Schildb\u00fcrger<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als ihnen der Kaiser durch seinen Boten hatte ausrichten lassen, die Schildb\u00fcrger sollten ihm \u00bbhalb geritten und halb gegangen\u00ab entgegenkommen, hatte er gemeint, wer kein Pferd habe, k\u00f6nne getrost zu Fu\u00df gehen. Aber die Schildb\u00fcrger zerbrachen sich die K\u00f6pfe. Erst dachten sie, sie sollten einen Fu\u00df im Steigb\u00fcgel und den andern am Boden haben. Dann hatte der neue B\u00fcrgermeister einen noch besseren Einfall. \u00bbWenn wir h\u00f6lzerne Steckenpferde ritten\u00ab, sagte er, \u00bbw\u00e4ren wir halb zu Pferd und halb zu Fu\u00df! \u00ab Das war ein Gedanke recht nach ihrem Herzen. Sie lie\u00dfen sich beim Schreiner Steckenpferde schnitzen, wei\u00dfe, braune, schwarze und fuchsrote, und als der Kaiser in seiner Galakutsche angemeldet worden war, sprengte ihm ganz Schilda auf Holzpferdchen entgegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Anblick freute den Kaiser au\u00dferordentlich. Deswegen war er sp\u00e4ter dem B\u00fcrgermeister auch nicht sonderlich b\u00f6se, als dieser auf die kaiserlichen Gru\u00dfworte keinen Reim wusste. Und die Umsatzsteuer erlie\u00df er ihnen trotzdem. Das freute nun wieder die Schildb\u00fcrger. Und so wurde des Kaisers Aufenthalt zu einem rechten Fest. Er lachte in einem fort, und weil sein Leibarzt sagte, Lachen sei gesund, blieb er sogar einen Tag l\u00e4nger.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Abschied schenkten sie ihm einen gro\u00dfen Topf mit hausgemachtem Senf. Es war nur schade, dass der B\u00fcrgermeister den Topf beim \u00dcberreichen fallen lie\u00df. Er b\u00fcckte sich, griff eine Handvoll Senf und wollte den Kaiser wenigstens kosten lassen. Aber der hohe Besuch dankte bestens und meinte, er habe gerade keinen Appetit. Statt dessen \u00fcberreichte er dem B\u00fcrgermeister einen mit Wappen und Siegel geschm\u00fcckten Freibrief, worin den Schildb\u00fcrgern v\u00f6llige Narrenfreiheit zugesichert wurde. So dumm sie sich auch ben\u00e4hmen, hie\u00df es in dem Schreiben, sei es doch bei Strafe verboten, sie zu h\u00f6hnen, auszulachen und auszupfeifen. Wer es trotzdem tue, m\u00fcsse eine Narrenm\u00fctze mit drei Schellen tragen und den Schildb\u00fcrger, den er gekr\u00e4nkt habe, im Gasthaus zu einem Essen mit drei G\u00e4ngen einladen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schildb\u00fcrger schrieen \u00bbHurra!\u00ab und sprengten neben dem Galawagen her, bis ihre Holzpferde m\u00fcde wurden. Der Kaiser reichte dem B\u00fcrgermeister zum Schluss gn\u00e4dig die Hand aus dem Wagenfenster. Der B\u00fcrgermeister sch\u00fcttelte sie herzlich. Leider nahm er dazu die Hand, die er in den Senf getunkt hatte. Er merkte es aber gar nicht. Nur der Kaiser, der merkte es.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Kuh auf der alten Mauer<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Kaum dass der Kaiser abgereist war, wendeten sich die Schildb\u00fcrger wieder mit neuem Mut und Eifer ihren Berufen zu. Der Schmied beschlug die Pferde. Der Schulmeister brachte den Kindern das Einmaleins mit der Sieben bei. Der Schuster besohlte die Schuhe. Der B\u00e4cker buk das Brot. Und der Herr B\u00fcrgermeister spazierte durch Schilda, um nachzusehen, ob in der Stadt auch alles in bester Ordnung sei. Dabei musste er feststellen, dass auf der Mauer eines Hauses, das vor Jahren altersm\u00fcde eingest\u00fcrzt war, sch\u00f6nes gr\u00fcnes Gras und w\u00fcrzige Kr\u00e4uter wuchsen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesen \u00dcbelstand brachte er w\u00e4hrend der n\u00e4chsten Sitzung im Rathaus zur Sprache und erkl\u00e4rte, es sei eine S\u00fcnde und Schande, dass Gras und Kr\u00e4uter auf der Mauer nutzlos w\u00fcchsen, bl\u00fchten und verk\u00e4men. Der Ochsenwirt schlug vor, die Mauer abzum\u00e4hen und wer die Mahd einbringe, der d\u00fcrfe sie verf\u00fcttern. Es meldete sich aber niemand. Denn alle miteinander fanden den Vorschlag zu gef\u00e4hrlich. Die Mauer war hoch und br\u00fcchig. Und keiner wollte mit der Sense oder der Sichel hinaufklettern und sich dabei wom\u00f6glich den Hals brechen. Schlie\u00dflich und nach langen Debatten fand der Schreiner einen Ausweg. Er sagte: \u00bbWenn schon das Vieh die Mauer kahl fressen soll, dann, finde ich, soll es auch selber hinaufklettern.\u00ab Dieser plausible Antrag wurde einstimmig angenommen. Au\u00dferdem wurde man sich einig, dass der Kuh des B\u00fcrgermeisters die Ehre geb\u00fchre. Denn der B\u00fcrgermeister habe ja das Gras und die Kr\u00e4uter droben auf der Mauer entdeckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen wurde also die b\u00fcrgermeisterliche Kuh feierlich zur Mauer geleitet. Der B\u00fcrgermeister band das Halfter los und sagte: \u00bbSo, Minna! Nun klettre hinauf und friss! \u00ab Aber die Kuh Minna dachte nicht im Traum daran, hinaufzuklettern! Man schob sie, sechs Mann hoch, dicht an die Mauer. Der B\u00fcrgermeister schlug ihr eins hintendrauf, (Nicht der Mauer, sondern der Kuh.) Es half alles nichts. Minna wollte nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Da holten sie einen langen Strick, banden ihn der st\u00f6rrischen Kuh um den Hals, warfen das Ende des Stricks \u00fcber die Mauer und zogen und zerrten und hingen am Seil wie die K\u00fcster an der Kirchenglocke. Dem armen Tier quoll, wie es so in der Luft baumelte, die Zunge aus dem Maul.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSeht ihr?\u00ab rief der Schneider. \u00bbSie kriegt schon Appetit!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Und die anderen br\u00fcllten munter: \u00bbHau ruck! Hau ruck! Hau ruck! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Minnas Atemnot wurde immer \u00e4rger. Ihre Zunge wurde immer l\u00e4nger. \u00bbGleich wird sie fressen!\u00ab meinte der Schmied.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber sie fra\u00df nicht. Sie verdrehte die gro\u00dfen dunklen Augen, zappelte noch einmal mit den Haxen, und aus war&#8217;s. Man lockerte den Strick, lie\u00df Minna wieder zur Erde herunter und konnte nur noch feststellen, dass sie tot war. Es war ein rechter Jammer Doch die Schildb\u00fcrger, dumm, wie sie seit einiger Zeit waren, hielten nicht viel vom jammern. Sie schlachteten Minna, die Kuh, und veranstalteten beim Ochsenwirt ein Festgelage. Mit Kuhfleisch. Auf der Speisekarte stand \u00bbKalbsschnitzel\u00ab. Minna, die Kuh, als Kalbsschnitzel beim Ochsenwirt &#8211; man kann verstehen, dass es dem B\u00fcrgermeister nicht schmeckte. \u00bbLiebe Freunde\u00ab, sagte er zerknirscht, \u00bban Minnas vorzeitigem Ableben sind einzig und allein unser Scharfsinn und Verstand schuld. H\u00e4tte ich das Gras auf der Mauer nicht bemerkt und daraus gefolgert, dass es nutzbringend verwendet werden m\u00fcsse, w\u00e4re das brave Tier noch munter und guter Dinge. Ich f\u00fcrchte, wir sind noch immer nicht dumm genug.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Die anderen nickten nachdenklich.<\/p>\n\n\n\n<p>Und das Gras und die Kr\u00e4uter auf der alten Mauer wiegten sich nach wie vor im Sommerwind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die versunkene Glocke<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mittlerweile war der Krieg, an Salzburg und Salzwedel vorbei, durchs Land gezogen und schien sich in bedenklicher Weise dem St\u00e4dtchen Schilda zu n\u00e4hern. Das erf\u00fcllte die Schildb\u00fcrger und ihre Ratsherren mit gro\u00dfer sorgenden ob nun die jeweiligen Sieger oder die arg Besiegten in eine Stadt kamen, es war immer dasselbe: die Soldaten gingen in die H\u00e4user und nahmen sich, zur Erinnerung an die gro\u00dfe Zeit, mit, was sie fanden, ob das nun silberne Patenl\u00f6ffel, Konfirmationsuhren, Tischdecken, Porzellanteller, Samtwesten oder Trauringe waren. Ihnen war alles recht.<\/p>\n\n\n\n<p>So versteckten die Schildb\u00fcrger geschwind, was ihnen teuer und wert war. Nur mit der Kirchenglocke wussten sie nichts anzufangen. Sie war aus bester Bronze und ziemlich gro\u00df. Und man kannte damals schon die Vorliebe der Kriegsleute f\u00fcr Kirchenglocken. Entweder holte die eigne Partei das t\u00f6nende Erz aus den Glockenst\u00fchlen, um Hellebarden und Spie\u00dfe draus zu fertigen, oder die Feinde nahmen die Glocken als Andenken mit. So oder so, es war kaum zu vermeiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun lag aber ganz in der N\u00e4he von Schilda ein stiller, tiefer See. Und der B\u00fcrgermeister sagte: \u00bbIch hab&#8217;s. Wir versenken die Glocke im See, und wenn der Krieg vorbei ist, holen wir sie wieder heraus.\u00ab Gesagt, getan. Sie holten die Glocke aus dem Kirchturm, hoben sie auf einen Wagen, spannten sechs Pferde davor, fuhren zum See hinaus, trugen sie schwitzend in ein Boot und ruderten ein St\u00fcckchen. Dann rollten sie die Glocke bis zum Bootsrand und warfen sie ins Wasser. Schon war sie verschwunden, denn sie wog zwanzig Zentner. Man sah nur noch ein paar Luftblasen aufsteigen. Das war alles.<\/p>\n\n\n\n<p>Anschlie\u00dfend zog der Schmied sein Taschenmesser aus der Joppe und schnitt in den Bootsrand eine tiefe Kerbe. \u00bbWarum tust du das?\u00ab fragte ihn der B\u00e4cker. &#8211; \u00bbDamit wir nach dem Krieg wissen, wo wir die Glocke ins Wasser geworfen haben\u00ab, antwortete der Schmied. \u00bbSonst f\u00e4nden wir sie am Ende nicht wieder.\u00ab Sie bewunderten seine Vorsorge, lobten ihn, bis er rot wurde, und ruderten ans Land zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun, der Krieg machte zum Gl\u00fcck einen gro\u00dfen Bogen um Schilda. Man sah nur am Horizont den Staub, den Heer und Tross aufwirbelten. Niemand drang in die H\u00e4user. Die L\u00f6ffel, Uhren, Teller und Ringe wurden wieder aus den Verstecken hervorgeholt. Und man fuhr mit dem Boot auf den See hinaus, um jetzt auch die Glocke zu heben. \u00bbHier muss sie liegen!\u00ab rief<\/p>\n\n\n\n<p>der Schmied und zeigte auf seine Kerbe am Bootsrand. &#8211; \u00bbNein, hier! \u00ab rief der B\u00e4cker, w\u00e4hrend sie weiterruderten. &#8211; \u00bbNein, hier!\u00ab rief der B\u00fcrgermeister. &#8211; \u00bbNein, hier!\u00ab rief der Schuster. Wohin sie auch ruderten, \u00fcberall h\u00e4tte die Glocke liegen m\u00fcssen. Denn die Kerbe am Boot war ja \u00fcberall dort, wo gerade das Boot war. Mit der Zeit merkten sie, dass der Einfall des Schmieds gar nicht so gut gewesen war, wie sie seinerzeit geglaubt hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie fanden also ihre Glocke nicht wieder, sosehr sie auch suchten, und mussten sich notgedrungen f\u00fcr teures Geld eine neue gie\u00dfen lassen. Der B\u00e4cker aber schlich sich eines Nachts heimlich zu dem Boot und schnitt w\u00fctend die Kerbe heraus. Dadurch wurde sie freilich nur noch gr\u00f6\u00dfer als vorher. Mit Kerben ist das so.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ein Krebs kommt vor Gericht<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eines Tages geriet ein Krebs nach Schilda. Niemand h\u00e4tte sagen k\u00f6nnen, woher er kam, und keiner wusste, was er bei den Schildb\u00fcrgern wollte. Und da sie noch nie in ihrem Leben einen Krebs gesehen hatten, bem\u00e4chtigte sich ihrer eine betr\u00e4chtliche Aufregung. Sie l\u00e4uteten mit der neuen Kirchenglocke Sturm, st\u00fcrzten zu der Stelle, wo der Krebs umherkroch, und wussten nicht, was tun. Sie rieten und r\u00e4tselten hin und her und h\u00e4tten gar zu gerne gewusst, wen sie vor sich hatten. \u00bbVielleicht ist es ein Schneider\u00ab, sagte der B\u00fcrgermeister, \u00bbdenn wozu h\u00e4tte er sonst zwei Scheren?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Schon holte einer ein St\u00fcck Tuch, setzte den Krebs darauf und rief: \u00bbWenn du ein Schneider bist, dann schneide mir eine Jacke zu! Mit weiten \u00c4rmeln und einem Halskoller!\u00ab Weil das Tier zwar auf dem Tuch vorw\u00e4rts und r\u00fcckw\u00e4rts einherspazierte, aber den Stoff nicht zuschnitt, nahm der Schneidermeister von Schilda seine eigne gro\u00dfe Schere und schnitt das Tuch genauso zu, wie der Krebs dahinkroch. Nach zehn Minuten schon war der Stoff v\u00f6llig zerschnitten. Von einer Jacke mit weiten \u00c4rmeln und einem Halskoller konnte keine Rede sein. \u00bbMein sch\u00f6nes, teures Tuch!\u00ab rief der Schildb\u00fcrger. \u00bbDer Kerl hat uns angef\u00fchrt! Er ist gar kein Schneider! Ich verklag&#8216; ihn wegen Sachbesch\u00e4digung!\u00ab Dann griff er nach dem Krebs und wollte ihn beiseite tun. Doch der Krebs zwickte und kniff ihn mit seinen Scheren so kr\u00e4ftig, dass der Mann vor Schmerz aufbr\u00fcllte. \u00bbM\u00f6rder!\u00ab schrie er. \u00bbM\u00f6rder! Hilfe!\u00ab Nun wurde es dem B\u00fcrgermeister zu bunt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbErst ruiniert er das teure Tuch\u00ab, sagte er, \u00bbund nun trachtet er einem unserer Mitb\u00fcrger nach dem Leben &#8211; das kann ich als Stadtoberhaupt nicht dulden! Morgen machen wir ihm den Prozess!\u00ab So geschah es auch. Der Krebs wurde in einer f\u00f6rmlichen Sitzung vom Richter der mutwilligen Sachbesch\u00e4digung und des versuchten Mords angeklagt. Augenzeugen berichteten unter Eid, was sich am Vortage zugetragen hatte. Der amtlich bestellte Verteidiger konnte kein entlastendes Material beibringen. So zog sich der hohe Gerichtshof zur Urteilsfindung kurz zur\u00fcck und verk\u00fcndete anschlie\u00dfend folgenden harten, aber gerechten Spruch: \u00bbDer Delinquent gilt in beiden Punkten der Anklage als \u00fcberf\u00fchrt. Mildernde Umst\u00e4nde kommen um so weniger in Betracht, als der Angeklagte nicht ortsans\u00e4ssig ist und die ihm gew\u00e4hrte Gastfreundschaft \u00fcbel vergolten hat. Er wird zum Tod verurteilt. Der Gerichtsdiener wird ihn ers\u00e4ufen. Das Urteil gilt unwiderruflich. Die Kosten des Verfahrens tr\u00e4gt die st\u00e4dtische Sparkasse.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Noch am Nachmittag trug der Gerichtsdiener den Krebs in einem Korb zum See hinaus und warf ihn ins Wasser. Ganz Schilda nahm an der Exekution teil. Den Frauen standen die Tr\u00e4nen in den Augen. \u00bbEs hilft nichts\u00ab, sagte der B\u00fcrgermeister. \u00bbStrafe muss sein.\u00ab Der Pastor war \u00fcbrigens nicht mitgekommen. Weil er nicht wusste, ob der Krebs katholisch oder evangelisch war.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Herz auf dem rechten Fleck<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Krieg hatte zwar um Schilda einen Bogen gemacht. Aber der Kaiser brauchte trotzdem Soldaten. So sandte er \u00fcberallhin Boten, man solle ihm waffenkundige und tapfere Leute schicken. Die Schildb\u00fcrger taten ihre Pflicht und schickten ihm ein Dutzend wackre M\u00e4nner. Sie k\u00e4mpften unerschrocken in vielen Schlachten und Gefechten. In der Chronik von Schilda kann man dar\u00fcber nachlesen. Dort erf\u00e4hrt man auch, dass von dem Dutzend, das in den Krieg zog, viele umkamen und insgesamt nur zw\u00f6lf nach Hause zur\u00fcckkehrten.<\/p>\n\n\n\n<p>Einer der zw\u00f6lf, Kilian mit Namen, besa\u00df vom Gro\u00dfvater her ein hartgeschmiedetes Eisenst\u00fcck. Das lie\u00df er sich, bevor er zu Felde zog, vom Schneider an die Stelle n\u00e4hen, worunter sein Herz s\u00e4\u00dfe. Und h\u00e4tte er das nicht tun lassen, w\u00e4r es ihm sp\u00e4ter schlimm ergangen. Denn als er einmal ein feindliches Huhn verfolgte, liefen Bauern mit Spie\u00dfen, Stangen und Dreschflegeln hinter Kilian drein. Er rannte nicht etwa, wie man ihm nachgesagt hat, vor den Bauern davon. Daf\u00fcr war er viel zu sehr mit der H\u00fchnerjagd besch\u00e4ftigt. Weil er fand, es sei nobler ein feindliches Huhn als den Feind selber umzubringen. Und Hunger hatte er au\u00dferdem.<\/p>\n\n\n\n<p>Jedenfalls, als er \u00fcber einen Zaun sprang, blieb er zappelnd an einer Latte h\u00e4ngen. Die Bauern holten ihn ein und schlugen so lange auf seinen Hosenboden los, bis Kilian dadurch von der Zaunslatte freikam und, hinkend und jammernd und ohne Huhn, bei seiner Kompanie eintraf \u00bbMein Herz!\u00ab rief er, \u00bbmein Herz! \u00ab und hielt sich die Hose.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sanit\u00e4tsfeldwebel, der den Verletzten untersuchte, fand dabei den Eisenfleck, den der Schneider nicht ins Wams, sondern eben in den Hosenboden gen\u00e4ht hatte. \u00bbDas Eisen hat dich vor. Schlimmerem bewahrt\u00ab, meinte der Feldwebel, \u00bbaber warum hat es dir euer Schneider an die falsche Stelle geflickt?\u00ab Da antwortete Kilian stolz: \u00bbWeil der Schneider von Schilda wei\u00df, wo bei uns Schildb\u00fcrgern das Herz sitzt!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Erziehung in einem Tag oder gar nicht<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein Schildb\u00fcrger fuhr mit seinem Sohn in die Kreisstadt zum Schulmeister und sagte: \u00bbMan r\u00fchmt deinen Unterricht. Deshalb m\u00f6chte ich meinen jungen ein wenig bei dir lassen.\u00ab &#8211; \u00bbWas wei\u00df er denn schon?\u00ab fragte der Lehrer und h\u00f6rte dabei nicht auf, einen Sch\u00fcler zu verpr\u00fcgeln. &#8211; \u00bbEr wei\u00df nichts\u00ab, antwortete der Schildb\u00fcrger. &#8211; \u00bbUnd wie alt ist er?\u00ab fragte der Lehrer weiter. &#8211; \u00bbErst drei\u00dfig Jahre\u00ab, meinte der Schildb\u00fcrger entschuldigend, \u00bbwas kann er da schon gelernt haben! Ich selber bin f\u00fcnfundsechzig Jahre alt und wei\u00df nicht das geringste!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAlso meinetwegen\u00ab, erkl\u00e4rte der Schulmeister. \u00bbLass ihn hier! Doch wenn er nicht pariert und lernt, kriegt er, trotz seiner drei\u00dfig Jahre, von mir genauso viel Pr\u00fcgel, als ob er zw\u00f6lf w\u00e4re! \u00ab Das war dem Schildb\u00fcrger recht. Er versprach auch, die Erziehung gut zu bezahlen. Dann gab er seinem jungen zum Abschied eine Ohrfeige und wollte gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEinen Moment!\u00ab rief der Lehrer. \u00bbWie lange soll er denn in meiner Schule bleiben, und wann holst du ihn wieder ab ?\u00ab-\u00bbBald\u00ab, sagte der Schildb\u00fcrger, \u00bbDenn viel braucht er nicht zu lernen. Es gen\u00fcgt, wenn er soviel wei\u00df wie du!\u00ab Das verdross den Lehrer ein wenig, und er wollte ganz genau wissen, wann der junge abgeholt w\u00fcrde. \u00bbGanz genau kann ich&#8217;s dir nicht sagen\u00ab, meinte der Schildb\u00fcrger. \u00bbEs h\u00e4ngt davon ab, wie lange euer Schmied braucht, meinem Pferd ein Hufeisen festzuschlagen. Es hat auf der Herfahrt sehr geklappert. Sobald das Eisen fest ist, hol&#8216; ich ihn wieder ab.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDu bist wohl nicht bei Trost! \u00ab rief der Schulmeister. \u00bbUnd wenn ich deinen Bengel pr\u00fcgelte, bis mir der Arm weht\u00e4te, auch dann m\u00fcsste ich ihn mindestens ein Jahr hier behalten, damit er etwas lernt!\u00ab Da nahm der Schildb\u00fcrger seinen drei\u00dfigj\u00e4hrigen Sohn wieder bei der Hand und suchte das Weite. In der T\u00fcr sagte er nur noch: \u00bbDass Lernen weh tut und Geld kostet mag hingehen. Doch ein Jahr Zeit ist mir daf\u00fcr zu schade. Dann soll er lieber so dumm bleiben wie sein Vater.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Folgen der Dummheit f\u00fcr Schilda und die \u00fcbrige Welt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dass man in Schilda keine Krebse kannte, wisst ihr schon. Dass man auch noch nie eine Katze gesehen hatte, ist wohl noch viel erstaunlicher. Um so besser wusste man mit M\u00e4usen Bescheid. Sie waren in allen Kellern, Speichern und K\u00fcchen, in den R\u00e4ucherkammern, beim B\u00e4cker und nicht zuletzt beim Ochsenwirt. Bei diesem kehrte eines Tags ein Wanderer ein, der eine Katze bei sich hatte. Da die Schildaer M\u00e4use nicht wussten, was eine Katze ist, waren sie sehr zutraulich, und in einer halben Stunde hatte die fremde Katze zwei Dutzend M\u00e4use erlegt. Die anderen G\u00e4ste und der Wirt wollten nun wissen, wie das Tier hei\u00dfe und wie viel es koste. \u00bbMaushund hei\u00dft es\u00ab, sagte der Wandersmann, \u00bbund weil Maushunde sehr selten sind, kostet mein Prachtexemplar hundert Gulden.\u00ab Sie liefen zum B\u00fcrgermeister, erz\u00e4hlten ihm von dem Maushund und baten, er m\u00f6ge ihn f\u00fcr die Stadt anschaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>So geschah es. Als der Wanderer die hundert Gulden bekommen hatte, machte er sich aus dem Staube, falls die Schildb\u00fcrger der Kauf reuen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum war er aus dem Stadttor hinaus, kam ihm auch schon jemand nachgelaufen und wollte wissen, womit man den Maushund f\u00fcttern m\u00fcsse. Der Wanderer rannte, was das Zeug hielt, und rief hastig: \u00bbNur Speck frisst er nie!\u00ab Da schlug der Schildb\u00fcrger die H\u00e4nde \u00fcberm Kopfe zusammen und lief verzweifelt in die Stadt zur\u00fcck. Er hatte n\u00e4mlich in der Eile statt \u00bbNur Speck frisst er nie\u00ab verstanden \u00bbNur Menschen und Vieh! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Das Entsetzen war gro\u00df. \u00bbWenn wir keine M\u00e4use mehr haben werden, wird er unser Vieh und uns selber fressen!\u00ab riefen sie au\u00dfer sich. \u00bbWo hat er sich versteckt ?\u00ab &#8211; \u00bbIm Rathaus auf dem Speicher! \u00ab So umzingelten sie das Rathaus und schickten ein paar beherzte M\u00e4nner hinein. Doch die Katze lie\u00df sich nicht greifen. Sie kamen Unverrichtethersache zur\u00fcck. \u00bbDann m\u00fcssen wir den Maushund ausr\u00e4uchern\u00ab, rief der B\u00fcrgermeister. \u00bbDenn um wen w\u00e4r&#8217;s mehr schade? Ums Rathaus oder um uns ? \u00ab Da schrieen alle: \u00bbUm uns! \u00ab und steckten das Rathaus in Brand.<\/p>\n\n\n\n<p>Als es der Katze zu hei\u00df wurde, kletterte sie aufs Rathausdach. Und als die Flammen die Dachbalken ergriffen, sprang sie mit einem Riesensatz aufs Nachbardach und putzte sich mit der Pfote den angesengten Schnurrbart. \u00bbSchaut den Maushund an!\u00ab rief der Schmied. \u00bbEr droht uns!\u00ab Und der B\u00e4cker murmelte zitternd: \u00bbWir schmecken ihm schon.\u00ab Da z\u00fcndeten sie das Nachbarhaus an. Und weil die Katze von Dach zu Dach sprang und die Schildb\u00fcrger in ihrer Todesangst Haus um Haus anz\u00fcndeten, brannte um Mitternacht die ganze Stadt. Am n\u00e4chsten Morgen lag Schilda in Asche. Alles war verbrannt. Nur die Katze nicht. Sie war vor Schreck in die Wiesen gelaufen und verschwunden. Nun sa\u00dfen die Schildb\u00fcrger auf den Tr\u00fcmmern ihrer Stadt und ihrer Habe, waren froh, nicht gefressen worden zu sein, und beschlossen schweren Herzens, in alle Himmelsrichtungen auszuwandern.<\/p>\n\n\n\n<p>Das taten sie auch sehr bald. Und so kommt es, dass es heutzutage die Stadt Schilda nicht mehr gibt und die Schildb\u00fcrger auch nicht. Das hei\u00dft: Es gibt sie nat\u00fcrlich noch. Nur ihre Enkel und Urenkel und deren Enkel und Urenkel leben \u00fcber die ganze Erde verstreut. Sie wissen gar nicht mehr, dass sie von den Schildb\u00fcrgern abstammen. Von Leuten also, die sich, um gl\u00fccklich zu werden, dumm stellten und dadurch ins Ungl\u00fcck gerieten, dass sie dumm wurden. Und sie k\u00f6nnen es auch gar nicht wissen. Denn heutzutage gelangen die Dummen zu Ruhm und Rang, zu Geld und Gl\u00fcck genauso wie die Gescheiten. Woran sollten also die Dummen auf unserer Erde merken, dass sie dumm sind?<\/p>\n\n\n\n<p>Ein einziges Merkmal gibt es, woran man die Dummen erkennt: Mit dem, was sie erreicht haben, sind sie selten, aber mit sich selber sind sie stets zufrieden. Gebt also gut Obacht! Bei den anderen &#8211; und bei wem noch?<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz recht, bei euch!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":3645,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[135,86],"tags":[],"class_list":["post-992","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-erich-kaestner","category-geschichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/992","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=992"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/992\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3643,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/992\/revisions\/3643"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3645"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=992"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=992"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=992"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}