{"id":987,"date":"2018-05-04T12:20:16","date_gmt":"2018-05-04T10:20:16","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=987"},"modified":"2025-12-28T04:05:15","modified_gmt":"2025-12-28T03:05:15","slug":"peterchens-mondfahrt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/peterchens-mondfahrt\/","title":{"rendered":"Peterchens Mondfahrt"},"content":{"rendered":"\n<p>Gerdt von Bassewitz<br><br><strong>Die Geschichte der Sumsemanns<\/strong><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>\u00bbSumsemann\u00ab hie\u00df der dicke Maik\u00e4fer, der im Fr\u00fchling auf einer Kastanie im Garten von Peterchens Eltern hauste, nicht weit von der gro\u00dfen Wiese mit den vielen Sternblumen. Er war verheiratet gewesen; aber seine Frau war nun tot. Ein Huhn hatte sie gefressen, als sie auf dem Hofe einherkrabbelte am Nachmittag, um einmal nachzusehen, was es da im Sonnenlicht zu schnabulieren gab. F\u00fcr die Maik\u00e4fer ist es n\u00e4mlich sehr gef\u00e4hrlich, am Tage spazierenzugehen. Wie die Menschen des Nachts schlafen m\u00fcssen, so schlafen die Maik\u00e4fer am Tage.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Peterchens Mondfahrt: H\u00f6rspiel zum Einschlafen (H\u00f6rbuch | von Gerdt v. Bassewitz )\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/DwKzxa-ExsY?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Aber die kleine Frau Sumsemann war sehr neugierig und so brummte sie auch am Tage herum. Gerade hatte sie sich auf ein Salatblatt gesetzt und dachte: \u203aWillst mal probieren, wie das schmeckt!\u2039 &#8230; Pick! &#8211; da hatte das Huhn sie aufgefressen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war ein gro\u00dfer Schmerz f\u00fcr Herrn Sumsemann, den Maik\u00e4fer. Er weinte viele Bl\u00e4tter nass und lie\u00df seine Beinchen schwarz lackieren. Die waren fr\u00fcher rot gewesen; aber es ist Sitte bei den Maik\u00e4fern, dass die Witwer schwarze Beine haben in der Trauerzeit. Und Herr Sumsemann hielt auf gute Sitte, denn er war der letzte Sohn einer sehr ber\u00fchmten Familie.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor vielen hundert Jahren n\u00e4mlich, als der Urahn der Familie Sumsemann sich gerade verheiratet hatte, geschah ein gro\u00dfes Ungl\u00fcck. Er war mit seiner kleinen Frau im Wald spazierengeflogen &#8211; an einem sch\u00f6nen Sonntagabend. Sie hatten viel gegessen und ruhten sich ein wenig auf einem Birkenzweiglein aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Da sie aber sehr mit sich selbst besch\u00e4ftigt waren, denn sie waren jung verheiratet, merkten sie nicht, dass ein b\u00f6ser Mann durch den Wald herbeikam; ein Holzdieb, der am Sonntag stehlen wollte. Der schwang pl\u00f6tzlich seine Axt und hieb die Birke um. Und so schrecklich schlug er zu, dass er dem Urgro\u00dfvater Sumsemann ein Beinchen mit abschlug. F\u00fcrchterlich war es!<\/p>\n\n\n\n<p>Und sie fielen auf den R\u00fccken und wurden ohnm\u00e4chtig vor Angst. Nach einiger Zeit aber kamen sie zu sich von einem hellen Schein, der um sie leuchtete.<\/p>\n\n\n\n<p>Da stand eine sch\u00f6ne Frau vor ihnen im Walde und sagte: \u00bbDer b\u00f6se Mann ist bestraft f\u00fcr seinen Waldfrevel am Sonntag. Ich bin die Fee der Nacht und habe es vom Monde aus gesehen. Zur Strafe ist er nun mit dem Holz, das er umgeschlagen hat, auf den h\u00f6chsten Mondberg verbannt. Dort muss er bleiben bis in alle Ewigkeit, B\u00e4ume abhauen und Ruten schleppen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Aber der Urgro\u00dfvater Sumsemann schrie und sagte: \u00bbWo ist mein Beinchen, wo ist mein Beinchen, wo ist mein kleines sechstes Beinchen?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da erschrak die Fee.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAch\u00ab, sagte sie, \u00bbdas tut mir sehr leid; es ist wohl an der Birke h\u00e4ngengeblieben und nun mit auf den Mond gekommen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbOh, oh, mein Beinchen, mein kleines sechstes Beinchen!\u00ab schrie der arme Urgro\u00dfvater Sumsemann, und seine kleine Frau weinte schrecklich. Sie wusste, dass nun alle ihre Kinder nur f\u00fcnf Beinchen haben w\u00fcrden statt sechs, denn es vererbt sich. Und das war schlimm. Als aber die Fee den gro\u00dfen Jammer sah, hatte sie Mitleid mit den K\u00e4fertierchen und sagte: \u00bbEin Mensch ist zwar sehr viel mehr als ein Maik\u00e4fer, und deshalb kann ich die Strafe f\u00fcr den b\u00f6sen Mann nicht aufheben; aber ich will erlauben, dass gute Menschen, wenn ihr sie findet, euch das Beinchen wiedergewinnen k\u00f6nnen. Wenn ihr zwei Kinder findet, die niemals ein Tierchen qu\u00e4lten, dann d\u00fcrft ihr auf den Mond mit ihnen und das Beinchen wiederholen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da waren die beiden etwas getr\u00f6stet und flogen heim und trockneten ihre Tr\u00e4nen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Geschichte hatte sich bald unter allen K\u00e4fern herumgesprochen; alle M\u00fccken, Grillen und Ameisen wussten es, sogar die Libellen und Schmetterlinge hatten davon geh\u00f6rt. Die Familie der Sumsemanns war ber\u00fchmt geworden. Sie galt auf allen Wiesen und in allen B\u00e4umen f\u00fcr ein sehr vornehmes Geschlecht. Aber die Sumsem\u00e4nner und Frauen hatten viel Leid von ihrem Ruhm, denn immer wieder wurden sie totgeschlagen, wenn sie nachts in die Stuben kamen, um die Kinder zu bitten; oft von rohen und unverst\u00e4ndigen Dienstm\u00e4dchen, oft auch von den Kindern selbst. Dies war der gro\u00dfe Fluch, der auf der Familie lastete. Und so kam es, dass zuletzt nur noch ein Sumsemann \u00fcbrig war auf der Welt, der Witwer, dessen Frau von dem Huhn gefressen wurde, weil sie so neugierig am Tag herumflog, statt zu schlafen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er war ein sehr vorsichtiger Mann, hielt sich immer ein wenig abseits von den anderen Maik\u00e4fern, und besonders, seit seine Frau tot war, liebte er die Einsamkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Da sa\u00df er in der D\u00e4mmerung, wenn er sich satt gegessen hatte, auf irgendeinem Zweiglein, geigte sehns\u00fcchtige Liederchen an den Mond und die gro\u00dfe Ballade vom sechsten Beinchen, das noch immer dort oben war. Manchmal spielte er sich auch ein lustiges Liedchen. Dazu tanzte er dann auf den gro\u00dfen Kastanienbl\u00e4ttern herum. Das sah sehr komisch aus. Die anderen Maik\u00e4fer veranstalteten allabendlich ein gro\u00dfes Brummba\u00df- und Paukenkonzert unter dem Baum. Herr Sumsemann aber sagte regelm\u00e4\u00dfig ab, wenn sie ihn dazu einluden, und das \u00e4rgerte sie sehr. \u00bbEr ist hochn\u00e4sig\u00ab, sagten sie, \u00bbseit er nicht mehr den Brummba\u00df, sondern die Geige spielt.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Aber es war nur Neid von ihnen. Sie hatten n\u00e4mlich alle nur ihre Pauken und dicken Brummb\u00e4sse; er aber hatte eine kleine silberne Geige, die funkelte wie das Mondlicht und hatte einen Ton, so fein wie die winzigen, singenden M\u00fccken, die in der Sonne tanzen. Diese Geige war ein altes Familienerbst\u00fcck. Einst hatte ein Herr Sumsemann der Grille Zirpedirp, die auf der Sternblumenwiese wohnte, das Leben gerettet, als sie zu hoch auf einen Baum gestiegen war und einen Schwindelanfall bekam. Zum Dank f\u00fcr diese mutige Tat hatte die Grille ihrem Lebensretter die silberne Geige geschenkt. Die erbte seither im Geschlechte der Sumsemanns immer der \u00e4lteste Sohn, und sie wurde hoch in Ehren gehalten. So war nun der letzte Sumsemann auch der letzte Erbe. All dies machte ihn sehr stolz. Man kann es begreifen. Er f\u00fchrte ein bequemes Leben, war dick und vorsichtig und dachte immer daran, dass er sich nicht in Gefahr bringen d\u00fcrfe. Nur manchmal, wenn der Abend gar so sch\u00f6n war, packte es ihn, und er wurde mutig. Dann trank er ein Vergi\u00dfmeinnichtschn\u00e4pschen nach dem anderen zur Erinnerung an seine Frau &#8211; obwohl sie damit ganz gewiss nicht einverstanden gewesen w\u00e4re -, und in sehr angeregter Stimmung summte er in Zickzacklinien durch die G\u00e4rten. Er st\u00f6rte die M\u00fccken bei ihrem Abendtanz und die Leuchtk\u00e4fer beim Versteckspielen. Er rempelte die Apfelbl\u00fcten an, dass die kleinen Marienk\u00e4ferkinderchen herauspurzelten, die da eben einschlafen wollten. Er zerriss der schiel\u00e4ugigen Spinne die Fangnetze und rannte &#8230; bums! &#8230; gegen alle Fenster, weil er nicht mehr genau unterscheiden konnte, ob ein Fenster offen oder geschlossen war. Es tat ihm aber nichts, denn er hatte einen sehr harten Sch\u00e4del. \u00bbHoppla!\u00ab sagte er meistens nur und flog weiter, von gewaltigem Tatendurst getrieben. \u203aEin Ritter bin ich\u2039, so dachte er, \u203aund der letzte Sumsemann!\u2039<\/p>\n\n\n\n<p><strong>In der Kinderstube<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>So war der letzte Sumsemann denn auch eines sch\u00f6nen Abends in das Schlafzimmer von Peterchen und Anneliese geraten, als die Kinder gerade von der dicken Minna zu Bett gebracht wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Peterchen hatte nat\u00fcrlich sein Gebrumm geh\u00f6rt und wollte ihn greifen. Gut war nur, dass Minna die Jagd nicht erlaubte, denn sonst w\u00e4re Sumsemann vielleicht in eine schlimme Lage geraten. Sie war wahrscheinlich schwerh\u00f6rig, denn sie hatte gar nichts geh\u00f6rt und glaubte, dass Peterchen ihr nur etwas vormachen wolle, um im Hemdchen noch so \u00bbein bissel\u00ab im Zimmer herumzuturnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schreck war dem edlen Sumsemann aber doch scheu\u00dflich in die Glieder gefahren, und, trotzdem er gerade heute besonders viele Vergi\u00dfmeinnichtschn\u00e4pschen getrunken hatte, war all sein Mut fort. Er lag oben auf der Gardinenstange und stellte sich tot. Dies ist ein altes und bew\u00e4hrtes Mittel bei den Maik\u00e4fern, in gro\u00dfen Gefahren. Derweil aber passte er genau auf, was im Zimmer geschah. Die Minna ging fort, als sie die Kinder ins Bettchen gepackt hatte, und Peterchen unterhielt sich mit Anneliese nat\u00fcrlich gleich \u00fcber den Maik\u00e4fer. Jetzt wurde es wieder gef\u00e4hrlich!<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sumsemann bekam oben auf der Gardinenstange kolossales Herzklopfen, als Peterchen pl\u00f6tzlich leise aufstand, um ihn zu suchen, weil Anneliese ein bissel Angst hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>&gt;Wer wei\u00df, es h\u00e4tte ihm doch ans Leben gehen k\u00f6nnen; obwohl die Kinder ja sonst gut waren. Aber man darf sich auf die Gutm\u00fctigkeit der Menschen nicht verlassen.&lt; Dies wusste er aus seiner Familiengeschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Geschick war ihm aber g\u00fcnstig; denn, gerade als Peterchen an der Gardine war und die Gefahr am h\u00f6chsten stieg, kam die Mutter herein. Husch! wurde der kleine Junge wieder ins Bettchen gesteckt; beide Kinder mussten die H\u00e4nde falten und das Nachtgebet sprechen. Dann sang die Mutter ihnen noch ein Schlaflied. Und sie sang die ber\u00fchmte Maik\u00e4ferballade. Hier ist sie:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWar einst ein kleines K\u00e4ferlein,<br>Summ &#8211; Summ &#8211; Summ -Hatte zwei braune Fl\u00fcgelein,<br>Summ &#8211; Summ &#8211; Summ &#8211; Und sechs Beinchen hatte es auch<br>Unter seinem schwarz-wei\u00dfen Bauch,<br>Summ &#8211; Summ &#8211; Summ.<\/p>\n\n\n\n<p>Sa\u00df auf einem gr\u00fcnen Baum,<br>Summ &#8211; Summ &#8211; Summ &#8211; Tr\u00e4umte einen sch\u00f6nen Traum,<br>Summ &#8211; Summ &#8211; Summ &#8211; Tr\u00e4umte von Sonne, Mond und Sternen<br>Und von fremden L\u00e4nderfernen,<br>Summ &#8211; Summ &#8211; Summ.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der dunkle Abend kam,<br>Summ &#8211; Summ &#8211; Summ &#8211; K\u00e4ferlein sein R\u00e4nzel nahm,<br>Summ &#8211; Summ &#8211; Summ &#8211; Wollt&#8216; auf die gro\u00dfe Reise gehn<br>Und die weite Welt besehn,<br>Summ &#8211; Summ &#8211; Summ.<\/p>\n\n\n\n<p>Flog \u00fcber einen breiten Bach,<br>Summ &#8211; Summ &#8211; Summ &#8211; Verlor ein kleines Beinchen, ach!<br>Summ &#8211; Summ &#8211; Summ &#8211; Reiste nur noch mit f\u00fcnf Beinen,<br>Tat so bitterlich drum weinen,<br>Summ &#8211; Summ &#8211; Summ.<\/p>\n\n\n\n<p>Flog es nach dem Mond geschwind,<br>Summ &#8211; Summ &#8211; Summ &#8211; Kam ein gro\u00dfer Wirbelwind,<br>Summ &#8211; Summ &#8211; Summ &#8211; Brach ein Fl\u00fcgelchen entzwei;<br>Ach, das gab ein gro\u00df&#8216; Geschrei!<br>Summ &#8211; Summ &#8211; Summ.<\/p>\n\n\n\n<p>Fiel in einen tiefen Wald,<br>Summ &#8211; Summ &#8211; Summ &#8211; Starb an seinem Kummer bald,<br>Summ &#8211; Summ &#8211; Summ &#8211; Musst&#8216; die Reis&#8216; ein Ende haben;<br>Sandm\u00e4nnchen hat es eingegraben,<br>Summ &#8211; Summ &#8211; Summ.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>&gt;Seltsam!&lt; Herr Sumsemann oben auf der Gardinenstange wunderte sich, dass die Menschen dies Lied auch kannten. Es war ihm aber ein neuer Beweis f\u00fcr die Ber\u00fchmtheit der Maik\u00e4fer auf der weiten Welt, und dies beruhigte ihn sehr. Als die Kinder nun eingeschlafen waren und die Mutter aus dem Zimmer ging, fasste er neuen Mut. Ganz leise rappelte er sich auf und spazierte in der Stube herum.<\/p>\n\n\n\n<p>Er besah und beschn\u00fcffelte alles. Eine Puppenstube, ein Schaukelpferdchen, ein L\u00e4mmchen, Soldaten und Bilderb\u00fccher waren da. Lauter langweilige Sachen!<\/p>\n\n\n\n<p>In der Puppenstube war allerdings etwas Zucker; aber Zucker? Puh, den mochte er nicht! Er verstand gar nicht, wie man so was essen k\u00f6nnte. Dann waren noch zwei K\u00f6rbchen mit \u00c4pfel da. Die Mutter hatte sie den Kindern f\u00fcr morgen hingestellt, wenn sie recht brav ausgeschlafen h\u00e4tten. Er sch\u00fcttelte den Kopf. &gt;Wie konnte man nur \u00c4pfel essen?!&lt; Unbegreiflich war ihm das. Greuliche Bauchschmerzen h\u00e4tte er bekommen. Er a\u00df nur Salat; das war vornehm. &gt;Komisch, was den Menschen alles gut schmeckt!&lt; dachte er, und dabei musste er laut lachen. Da er aber so viel Vergi\u00dfmeinnichtschn\u00e4pse getrunken hatte, geriet er pl\u00f6tzlich aus dem Gleichgewicht und purzelte auf den R\u00fccken. Au!&#8230; das war eine au\u00dferordentlich fatale und unangenehme Lage f\u00fcr den dicken Sumsemann, denn jeder wei\u00df, dass es f\u00fcr Maik\u00e4fer sehr schlimm ist, auf den R\u00fccken zu fallen, weil sie sich dann gar nicht mehr recht aufrappeln k\u00f6nnen. Er angelte also mit seinen f\u00fcnf Beinchen in der Luft herum und dachte: &gt;Ja, ja, das kommt von den Schn\u00e4pschen, die man zum Andenken an die tote Ehefrau trinkt!&lt;<\/p>\n\n\n\n<p>Lebte sie noch, sie h\u00e4tte ihm sicher eins ausgewischt f\u00fcr die vielen Schn\u00e4pschen. Er wiegte sich nach rechts und links wie ein kleines Boot, kreiselte herum wie eine Karussell und qu\u00e4lte sich sehr. Endlich geriet er in die N\u00e4he eines Tischbeins, und daran konnte er sich st\u00fctzen, so dass er wieder hochkam. Ganz schmutzig war sein sch\u00f6ner, brauner Rock geworden. Alle Kn\u00f6pfe waren abgeplatzt, und eine lange Naht war aufgerissen. Gut, dass ihn seine Frau nicht mehr sehen konnte. Nun sa\u00df der Sumsemann eine Weile am Tisch und dachte nach, womit er sich die Zeit vertreiben k\u00f6nnte. Da er aber weiter nichts anzufangen wusste und \u00fcber die traurige Stimmung hinwegkommen wollte, nahm er seine kleine Geige und spielte sich ein lustiges Maik\u00e4fert\u00e4nzchen; dazu sang er:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEins, zwei, drei &#8211; eins, zwei, drei,<br>Fiel eine Biene in den Brei;<br>Plumsdibums,<br>Dideldumdei!<br>Alle K\u00e4fer sitzen drum herum,<br>Lachen sich schief,<br>Lachen sich krumm,<br>Brumm, brumm!<\/p>\n\n\n\n<p>Vier, f\u00fcnf, sechs &#8211; vier, f\u00fcnf, sechs,<br>Macht eine Fliege einen Klecks;<br>Putschpitschpatsch,<br>Klickklackklecks!<br>Pfui, ruft jeder rechte K\u00e4fermann,<br>Seht sie an,<br>Was sie kann,<br>Heran, heran!<\/p>\n\n\n\n<p>Sieben, acht, neun &#8211; sieben, acht, neun,<br>Tanzen alle kleinen K\u00e4ferlein;<br>Ringelreih,<br>Dideldudeldei!<br>Um die dicke Linde mit Gesumm,<br>Rechts herum,<br>Links herum,<br>Brumm, brumm ! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei wurde er so fidel, dass er ganz verga\u00df, wo er war, und sehr erschrak, als Peterchen und Anneliese pl\u00f6tzlich laut auflachten, weil er gar so komisch herumsprang bei seinem Tanz. Er hatte sie n\u00e4mlich mit seiner Musik aufgeweckt und gar nicht bemerkt, dass sie ihm schon eine ganze Weile zusahen. Eigentlich hatte er Angst und wollte sich schnell tot stellen, aber die Kinder lachten so vergn\u00fcgt, dass er sich wieder ein Herz fasste. Er legte also seine Geige auf den Tisch, strich seine sch\u00f6ne, schwarz-wei\u00dfe Weste glatt, richtete die kleinen F\u00fchlh\u00f6rnchen an seinem Kopf auf, machte eine Verbeugung und stellte sich vor: \u00bbHerr Sumsemann ! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kinder waren aus ihrem Bettchen geklettert, und da sie wussten, was sich geh\u00f6rt, machte Peterchen auch eine Verbeugung, Anneliese einen Knicks, und sie stellten sich ebenso vor. Nun aber waren sie schrecklich neugierig, beguckten und bef\u00fchlten den Sumsemann \u00fcberall, bewunderten die kleine silberne Geige und wollten alles wissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem dicken Maik\u00e4fer wurde ganz schwindlig von all den Fragen nach der Grille Zirpedirp und nach der toten Frau, die das Huhn gefressen hatte. Pl\u00f6tzlich hatte Peterchen auch entdeckt, dass ihm ein Beinchen fehlte. Der wusste n\u00e4mlich ganz genau, wie viel Beinchen ein ordentlicher Maik\u00e4fer haben muss, und darum fragte er nun.<\/p>\n\n\n\n<p>So war also wirklich der gro\u00dfe Augenblick f\u00fcr den Letzten der Sumsemanns gekommen: Zwei gute Kinder fragten ihn nach seinem Beinchen. Viel hundert Jahre hatten seine Ahnen und Vorfahren dies ersehnt und waren totgeschlagen worden. Und jetzt &#8211; jetzt!!<\/p>\n\n\n\n<p>Ihm wurde ganz gr\u00fcn vor den Augen, seine Fl\u00fcgel zitterten vor Aufregung, und beinahe w\u00e4re er auf den R\u00fccken gefallen. Aber er beherrschte sich doch, so gut es ging, holte tief Luft, wischte sich mit einem gr\u00fcnen Lindenbl\u00e4ttchen, das er immer als Taschentuch benutzte, den Schwei\u00df von der Stirn, machte eine sehr geheimnisvolle Miene und sagte: \u00bbJa, das ist eine sehr traurige und wunderbare Geschichte !\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Nun wollten die Kinder nat\u00fcrlich die Geschichte h\u00f6ren, schleppten<\/p>\n\n\n\n<p>drei Schemelchen herbei, und gleich darauf sa\u00dfen sie, der Maik\u00e4fer in der Mitte, Peterchen links und Anneliese rechts dicht neben ihm. Es war totenstill in der Stube und sehr geheimnisvoll. Der Mond sah gro\u00df und gelb durch die Blumen vor dem Fenster, und der Maik\u00e4fer erz\u00e4hlte langsam und feierlich mit einem leisen brummenden Stimmchen die Geschichte vom Beinchen, von der Nachtfee und vom Mondmann. Staunend h\u00f6rten die Kinder zu. Ja, das war wirklich eine wunderbare und geheimnisvolle Geschichte!<\/p>\n\n\n\n<p>Es war ihnen ganz seltsam zumute. als der Maik\u00e4fer nun mit dem Erz\u00e4hlen fertig war und sie mit zwei gro\u00dfen Tr\u00e4nen in seinen runden Glotz\u00e4ugelchen fragend anguckte. Peterchen war sehr ger\u00fchrt, und Anneliese wischte sich mit ihrem Hemdzipfelchen sogar die Augen, weil ihr immer die Tr\u00e4nen kamen. Dann aber fasste sich Peterchen ein Herz und sagte, dass er das Beinchen schon recht gern mit Anneliese vom Mond herunterholen m\u00f6chte; aber der Mond &#8211; das hatte er schon mal geh\u00f6rt vom Vater -, der w\u00e4re sehr weit fort, da oben irgendwo ganz hoch in der Luft; und wer nicht fliegen k\u00f6nnte, w\u00fcrde wohl niemals hinaufkommen. Anneliese wusste zwar noch weniger vom Mond als Peterchen; aber hoch war er sicher, vielleicht noch h\u00f6her als der Schornstein auf dem Haus, und sie hatte doch ein klein bisschen Angst, dass man kaputtgehen k\u00f6nnte, wenn man da hinaufwollte, ohne richtig fliegen zu k\u00f6nnen. Sie sah ganz verlegen aus. Der Sumsemann aber wusste: wenn die Kinder nur wollten, so war es schon gut; wenn sie den guten Willen hatten, zu helfen, dann konnte er sie sogar das Fliegen lehren. So stand es n\u00e4mlich in der Familiengeschichte der Sumsemanns deutlich mit wei\u00dfer Tinte auf gr\u00fcnen Bl\u00e4ttern geschrieben. Er hatte es auswendig gelernt. Selig umarmte er die beiden Kinder und sagte, dass sie das Fliegen sehr leicht von ihm lernen k\u00f6nnten, wenn sie nur ein bisschen aufpassten, wie er es mache. Na, das war was f\u00fcr Peterchen und Anneliese!<\/p>\n\n\n\n<p>Sie fingen laut an zu lachen und tanzten wie toll in ihren Hemdchen im Zimmer herum. Aber es galt keine Zeit zu verlieren, wenn sie noch nach dem Mond fliegen wollten. Und so setzte der dicke Maik\u00e4fer sich in Positur, um den Kindern etwas vorzufliegen. \u00bbAufgepasst!\u00ab sagte er, nahm seine kleine silberne Geige ans Kinn, spielte und sang dazu:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbRechtes Bein &#8211; linkes Bein,<br>Rechtes Bein &#8211; linkes Bein,<br>Rechtes Bein und linkes Bein,<br>Summ! &#8211; dann kommt das Fl\u00fcgelein<br>Summ &#8211; Summ &#8211; Summ!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da flog er auch schon im Zimmer herum, und die Kinder klatschten vor Vergn\u00fcgen laut in die H\u00e4nde. Jetzt sollten sie es nachmachen. Es war ein feierlicher Augenblick!<\/p>\n\n\n\n<p>Peterchen stellte sich in Positur, und Anneliese daneben, mit ein ganz klein wenig Herzklopfen. Der Maik\u00e4fer stand vor ihnen mit der Geige, sie mussten die \u00c4rmchen ausbreiten, und w\u00e4hrend er geigte und sang, machten sie gehorsam die komischen Schritte nach, die er vorhin vorgemacht hatte. Pl\u00f6tzlich als er sang: \u00bbSumm! &#8211; dann kommt das Fl\u00fcgelein.\u00ab Was war das? Sie hoben sich von der Erde in die Luft &#8230; ja &#8230; sie flogen richtig rund im Zimmer herum!<\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst waren sie so erstaunt, dass sie nur die Augen ganz weit aufrissen und auch die M\u00e4ulchen. Dann aber konnte es Anneliese nicht mehr aushalten vor Vergn\u00fcgen; denn es war wirklich zu sch\u00f6n, so wie ein richtiger K\u00e4fer in der Luft herumzusummen. Sie lachte laut auf, strampelte mit den Beinchen und klatschte begeistert in die H\u00e4nde&#8230; Bauz!! Da lagen sie beide auf der Nase!<\/p>\n\n\n\n<p>Sie guckten den Herrn Sumsemann sehr erstaunt an. \u00bbDas kommt vom Klatschen\u00ab, sagte der. Nat\u00fcrlich, wenn man fliegen will, darf man nicht in die H\u00e4nde klatschen! Das tun ja die Maik\u00e4fer auch nicht beim Fliegen. Obwohl sie sich doch ein wenig weh getan hatten beim Herunterpurzeln aus der Luft, verkniffen sie die Tr\u00e4nen und standen tapfer wieder auf. Anneliese war sehr verlegen, denn sie hatte ja angefangen mit der Strampelei. \u00bbNoch einmal! \u00ab hie\u00df es jetzt, und wieder geigte und sang der K\u00e4fer, sie machten die Schritte, die er vorgemacht hatte, und als die Zeile kam: \u00bbSumm! &#8211; dann kommt das Fl\u00fcgelein.. .\u00ab flogen sie, genau wie vorher, ganz hoch in die Luft. Nun h\u00fcteten sie sich aber zu klatschen, und, obwohl es so sch\u00f6n war, dass sie wieder laut lachen mussten, hielten sie doch ihre Arme ruhig ausgebreitet und strampelten nicht mit den Beinen wie vorher. So blieben sie in der Luft, solange der Maik\u00e4fer geigte, und als das Liedchen aus war, glitten sie sanft, wie zwei kleine Schmetterlinge, auf die Erde herab. Es war sehr sch\u00f6n gewesen!<\/p>\n\n\n\n<p>Peterchen meinte, dass es bei ihm richtig gebrummt h\u00e4tte beim Fliegen, und Anneliese hatte auch so etwas bei sich geh\u00f6rt. Herr Sumsemann fand das ganz in der Ordnung, denn das Brummen geh\u00f6rt ja bei den Maik\u00e4fern auch zum Fliegen. Nun also konnte das gro\u00dfe Abenteuer beginnen. Gelb und rund stand der Mond \u00fcber der Sternblumenwiese vor dem Fenster. \u00bbEs ist sehr weit\u00ab, sagte der Maik\u00e4fer, obgleich es ganz nah aussah; aber er musste es wissen. Darum sollten sie Proviant mit auf die Reise nehmen. Hierf\u00fcr waren die \u00c4pfel von Muttchen gut. Aber auch die Puppe und den Hampelmann wollten sie nicht daheim lassen. Die mussten doch gro\u00dfe Abenteuer miterleben!<\/p>\n\n\n\n<p>Der Maik\u00e4fer zog zwar zuerst eine krause Nase, denn f\u00fcr Puppen und Hampelm\u00e4nner hatte er gar kein Verst\u00e4ndnis, der dumme Kerl; aber schlie\u00dflich meinte er doch, \u00bbman k\u00f6nne nicht wissen, wozu es gut sei\u00ab; und so durften P\u00fcppchen und Hampelh\u00e4nschen mit. Nat\u00fcrlich schnallte sich Peterchen sein kleines Holzschwert ums Hemd, denn K\u00e4mpfe gab es sicher zu bestehen. Damit war auch der Maik\u00e4fer sehr einverstanden. Er hatte n\u00e4mlich doch etwas Angst vor der gro\u00dfen Reise. Wir wissen schon, dass er von Natur nicht sehr mutig war. Jetzt waren sie soweit. Sie stellten sich hintereinander auf; der Maik\u00e4fer vorn, mit der kleinen Geige, dann Peterchen, dann Anneliese. Das Liedchen ert\u00f6nte, sie hoben die Arme, machten die Schritte, wie sie es gelernt hatten, und &#8230; pl\u00f6tzlich ging die Wand des Zimmers weit auseinander, die Sternblumenwiese lag vor ihnen, von Tausenden von Gl\u00fchw\u00fcrmchen beleuchtet, und sie flogen hinaus &#8230; \u00fcber die Wiese hin&#8230; immer weiter &#8230; auf den gro\u00dfen, goldenen Mond zu, der vor ihnen \u00fcber die B\u00e4ume guckte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Flug nach der Sternenwiese<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNanu!\u00ab sagten die anderen Maik\u00e4fer, die gerade unter der gro\u00dfen Kastanie ein Konzert abhielten, \u00bbhat der hochn\u00e4sige Geigensumsemann doch ein paar Kinder gefunden, mit denen er zum Mond fliegt? \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Sie waren so erstaunt, dass in ihr Brummkonzert ein ganz falscher Takt kam. Die drei aber flogen so schnell, dass die Hemdchen der Kinder wie kleine Fahnen in der Luft flatterten. Beinahe h\u00e4tten sie zwei kleine, verliebte Nachtschmetterlinge, die nicht aufpassten, \u00fcber den Haufen geflogen. Jetzt waren sie \u00fcber dem See. Der funkelte leise. Alle seine Wellen waren von Silber. Und die dummen, dicken Karpfen, die dort wohnten, glotzten durch das Wasser, sehr erstaunt. &gt;Oh!&lt; dachte der Karpfenururgro\u00dfpapa, &gt;das sind aber ein paar seltsame Enten, die da oben flattern.&lt; Er hielt alles, was in der Luft flog, f\u00fcr Enten. F\u00fcnfhundert Jahre war er alt, aber schrecklich dumm, weil er fast immer schlief. &gt;Oh, oh!&lt; dachten die andern Karpfen. So viel hatten sie schon lange<\/p>\n\n\n\n<p>nicht gedacht, und von der Anstrengung schwitzten sie gro\u00dfe Luftblasen; die stiegen im Wasser hoch wie kleine Perlen. Aber schon flogen die drei Abenteurer \u00fcber den Wald hin. \u00bbGuck! \u00ab sagte das kleine Reh Ziepziep zu seiner Mutter, \u00bbda fliegen zwei wei\u00dfe Flederm\u00e4uschen!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Doch die Mutter wusste es besser, denn sie hatte feine Ohren und h\u00f6rte alles, was man im Walde erz\u00e4hlt. \u00bbEs ist der Maik\u00e4fer Sumsemann, der mit zwei Kindern nach dem Mond fliegt\u00ab, sagte sie. \u00bbWollen sie den Mond fressen?\u00ab fragte Ziepziep. Es glaubte n\u00e4mlich, dass man den Mond fressen k\u00f6nnte, weil er so \u00e4hnlich aussah wie eine gelbe Butterblume. \u00bbFrag nicht so dumm und iss deinen Salat!\u00ab sagte die Mutter. Ziepziep war wirklich noch zu klein, um die ber\u00fchmte Geschichte von dem Holzdieb und dem Maik\u00e4ferbeinchen zu verstehen. Immer schneller und immer h\u00f6her flogen die drei. Das Haus, die Wiese, der See, der Wald lag bald tief unter ihnen. Die H\u00fcgel, die Berge, an denen die wei\u00dfen Nachtnebel hingen, versanken. Und dann lag die ganze Erde dort unten, unermesslich tief in der blauen, stillen Nacht; mit allen ihren L\u00e4ndern und Meeren; die gro\u00dfe, liebe Erde in tiefem Schlaf. Das Herz klopfte den Kindern, aber tapfer hielten sie die \u00c4rmchen ausgebreitet und machten keine einzige falsche Bewegung. Der Maik\u00e4fer flog ihnen voran; er geigte unerm\u00fcdlich und sang sein Liedchen dazu. Seltsam! Ganz anders sahen jetzt die Sterne aus als von der Erde, wenn man sie abends vom Garten her betrachtete. Als ob sie freundliche, liebe, lachende Gesichtchen h\u00e4tten mit silbernen L\u00f6ckchen drum. Immer mehr wurden es, je h\u00f6her man flog. Nur die gro\u00dfen konnte man von der Erde sehen, die kleinen sah man erst jetzt. Es waren viel, viel hunderttausend. Und pl\u00f6tzlich begann es durch den schweigenden Himmelsraum wie von unz\u00e4hligen Gl\u00f6ckchen zu klingen; zuerst ganz fein und leise, dann immer lauter und deutlicher und immer sch\u00f6ner. Nein! es waren keine Gl\u00f6ckchen!<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt h\u00f6rten sie es deutlich; es waren viel tausend kleine Silberstimmchen ringsum. Die Sterne sangen in der Nacht; und so war ihr Lied:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAuf der Erde ist Frieden,<br>Auf der Erde ist Ruh,<br>Alle Kinderlein schlafen,<br>Haben die \u00c4ugelein zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Hoch am Himmel, im Schweigen<br>Der heiligen Nacht,<br>Halten viel tausend Sternlein<br>Treu ihre Wacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle Tierlein auf dem Felde<br>Alle V\u00f6glein im Wald,<br>Alle Fischlein im Wasser<br>Tr\u00e4umen nun bald.<\/p>\n\n\n\n<p>Silbergl\u00f6ckchen, die l\u00e4uten,<br>Und Silberlicht rinnt,<br>Und die Sternlein, die singen;<br>S\u00fc\u00df tr\u00e4umt das Kind.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Rings um die drei kleinen Abenteurer war w\u00e4hrend dieses Gesanges ein wundersames Leuchten, das immer st\u00e4rker wurde. Es ging von einer weiten, silbernen Wolke aus, die vor ihnen im unendlichen Himmelsraum schwamm, wie ein gro\u00dfer Nebel. Man sieht manchmal des Nachts auf der Erde, hinter dem Garten \u00fcber dem Fluss, oder \u00fcber dem See solche Nebel. Wie T\u00fccher sehen sie aus, die still und wei\u00df in der Luft liegen. Nur viel heller, viel gr\u00f6\u00dfer war dieser Nebel im Himmelsraum vor den Kindern. Und als sie nun immer n\u00e4her kamen, sahen sie sehr sonderbare Dinge darauf. Hunderte, Tausende von kleinen St\u00fchlchen standen dort um ein sch\u00f6nes, silbernes Pult herum, genau, wie die Kinderst\u00fchlchen in der Schule um das Lehrerpult. Neben dem Pult hing eine dicke, silberne Glockenschnur mit einer wundersch\u00f6nen Troddel vom Himmel herunter; auf der andern Seite aber stand eine riesengro\u00dfe Pauke neben einem m\u00e4chtigen, silbernen Fernrohr. Weit hinten, auf einem H\u00fcgelchen, von dem ein feiner Nebelweg nach vorn lief, sah man einen niedlichen, wei\u00dfen Sch\u00e4fchenstall mit einem rosenroten Dach darauf und runden, komischen Fenstern, die wie kleine \u00c4ugelchen guckten. Um das Ganze aber lief ein Gitterchen, so zart, als sei es aus Porzellan gesponnen worden. Was war dies nur alles?<\/p>\n\n\n\n<p>Es war die Sternenwiese, der sie sich n\u00e4herten. Sie liegt mitten im Himmel und war die erste Station auf ihrer gro\u00dfen Fahrt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Sternenwiese<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Sternenwiese wohnt das Sandm\u00e4nnchen, das eine sehr wichtige Pers\u00f6nlichkeit im Himmelsraum ist und viele \u00c4mter hat. Es muss den Sternen Unterricht im Singen geben, und es muss aufpassen, dass sie am Tage, wenn sie noch nicht am Himmel stehen, ihre Strahlen ordentlich putzen. Lauter kleine, silberhaarige M\u00e4dchen sind die Sterne. Jedes Kind auf der Erde hat sein Sternchen. Und wenn das Kind nicht artig war, wenn es Kuchen stibitzt hat, oder wenn es gar gelogen hat, so entstehen auf der sch\u00f6nen Strahlenkrone seines Sternenm\u00e4dchens h\u00e4ssliche Flecken, sie verbiegt sich, oder sie bekommt Scharten. Dann muss das kleine Sternchen putzen mit seinem goldenen Putzl\u00e4ppchen und sich m\u00fchen in der Sternenschule auf der Wiese, damit das Kr\u00f6nchen wieder blank und hell wird zur Nacht. Das ist oft furchtbar schwer, und die kleinen Sternchen seufzen dabei vor M\u00fche. Manchmal weinen sie sogar, denn das Sandm\u00e4nnchen ist sehr streng und l\u00e4sst es ihnen nicht durchgehen, wenn auch nur das kleinste Fleckchen noch da ist. Meistens aber sind sie fr\u00f6hlich und oft gar schrecklich ausgelassen; besonders im Winter, wenn Weihnachten nicht mehr weit ist. Dann hat das Sandm\u00e4nnchen M\u00fche, Ordnung zu halten; so viel lachen sie. Manchmal lachen sie \u00fcber die Mondsch\u00e4fchen, die am Tage in dem Stall auf dem kleinen H\u00fcgel wohnen und Purzelb\u00e4umchen schie\u00dfen;<\/p>\n\n\n\n<p>manchmal \u00fcber die Himmelsziegen, die so komisch meckern; manchmal lachen sie auch \u00fcber gar nichts und so laut, dass man es beinahe auf der Erde h\u00f6ren k\u00f6nnte. Das darf nat\u00fcrlich nicht sein. Dann haut das Sandm\u00e4nnchen auf die Pauke, sie bekommen einen Schreck und sind stille, wie die Fischchen im See; aber nicht sehr lange. So geht es auf der Sternenwiese zu, wenn auf der Erde Tag ist. Wenn aber der Abend kommt, wenn die Sonne auf der Erde untergeht, dann stellt sich der Sandmann feierlich vor sein Pult, alle Sternchen setzen ihre Kronen aufs Haar und sehen and\u00e4chtig zu ihm auf. Er wendet im goldenen Mondbuch auf dem Pult feierlich eine Seite um und schreibt hinein, was die Kinder auf Erden am letzten Tag Gutes getan haben. Er wei\u00df alles, denn die Sternchen merken es an ihren Strahlenkronen. Ist dies geschehen, so setzt er sein gro\u00dfes, silbernes Sandsiegel unter die Schrift, zwinkert ernsthaft mit seinen kugelrunden, freundlichen \u00c4ugelchen und zieht an der Glockenschnur. In demselben Augenblick l\u00e4utet es leise \u00fcber den ganzen Himmel hin von ungez\u00e4hlten Gl\u00f6ckchen. Zu dieser Musik aber huschen alle Sternenm\u00e4dchen von der Wiese fort und an den Himmel. Dort stehen<\/p>\n\n\n\n<p>sie dann f\u00fcr die Nacht als winzige Lichtp\u00fcnktchen, jedes an seinem Platz. Sandm\u00e4nnchen aber l\u00e4uft zu seinem Fernrohr und guckt, ob sie auch alle richtig stehen, denn manchmal verirrt sich eins ein wenig an dem gro\u00dfen, dunklen Himmel; besonders den kleinen passiert das leicht. Manchmal r\u00fccken sie auch heimlich ein bisschen zusammen, weil sie sich noch was zu erz\u00e4hlen haben. Sie tuscheln und kichern n\u00e4mlich ebenso gern miteinander wie die kleinen M\u00e4dchen auf der Erde. Das ist nat\u00fcrlich nicht erlaubt, und Sandm\u00e4nnchen h\u00e4lt streng darauf, dass so etwas nicht einrei\u00dft am Himmel.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, das Sandm\u00e4nnchen hat wirklich sehr viel zu tun; besonders am Abend!<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn die Sternchen am Himmel stehen, muss es die Mondsch\u00e4fchen aus dem Stall lassen, damit sie in der Nacht auf die Himmelsweide kommen. Das ist auch ein t\u00fcchtiges St\u00fcck Arbeit. Vergn\u00fcgt sind die n\u00e4mlich und f\u00fcrchterlich ausgelassen! Sie purzeln mit ihren silbernen Fellchen wie kleine Kullerb\u00e4llchen durcheinander, und bis sie schlie\u00dflich ruhig auf der Weide oben am Himmel das sch\u00f6ne Sternschnuppengem\u00fcse grasen, vergeht eine ganze Zeit. Auch dann noch muss das Sandm\u00e4nnchen aufpassen, dass sie nicht etwa heimlich den Kometenkohl oder die Himmelschoten anknabbern, die dort zwar wachsen, aber den Sch\u00e4fchen verboten sind, weil die Nachtfee sie braucht, wenn sie ihre gro\u00dfen Mitternachtsessen gibt, zu denen die m\u00e4chtigen Naturkr\u00e4fte eingeladen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Sind die Mondsch\u00e4fchen ordentlich auf die Weide gebracht, so ist noch eine ganz besonders wichtige Angelegenheit zu erledigen. Es steht auf der Sternenwiese neben der gro\u00dfen Pauke ein kugelrundes S\u00e4ckchen, und aus diesem S\u00e4ckchen sch\u00fcttet der Sandmann einen feinen Silbersand in ein langes Pusterohr. Dann geht er gravit\u00e4tisch nach den vier Himmelsrichtungen an den Rand der Wiese, beugt sich weit \u00fcber das Gitter und bl\u00e4st den leuchtenden Staub viermal in den Himmelsraum hinaus. Der Staub aber verteilt sich ganz, ganz fein und rieselt durch die Luft herab auf die Erde mit dem Licht des Mondes zusammen. \u00dcberall dort,<\/p>\n\n\n\n<p>wo Kinderaugen aus dem Bettchen in die Luft gucken, fliegt dieser silberne Sand aus Sandm\u00e4nnchens Pusterohr herum und legt sich leise auf die Augenlider. Die werden m\u00fcde und schwer davon; man muss sie zumachen und schl\u00e4ft ein. So schickt das Sandm\u00e4nnchen den Kindern den Schlaf und auch die sch\u00f6nen Tr\u00e4ume.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit allen diesen Arbeiten war das M\u00e4nnchen gerade fertig geworden, als Peterchen und Anneliese mit dem Maik\u00e4fer durch die Nacht herangeflogen kamen. Sie sahen deutlich, wie es steifbeinig auf der Wiese umherlief in seinem Schlafrock, der mit Sternen bestickt war. Auf dem Kopf hatte es eine lange Zipfelm\u00fctze und an den F\u00fc\u00dfen komische, riesengro\u00dfe Pantoffeln. Von einer Seite der Wiese nach der andern lief das M\u00e4nnchen und passte auf, dass am Himmel nichts in Unordnung kam. Und richtig! pl\u00f6tzlich hatte es die drei Abenteurer entdeckt! Es stutzte, zwinkerte mit den Augen, guckte, schnaubte sich und zwinkerte wieder. Dann aber lief es emsig zu seinem Fernrohr, richtete das auf die Kinder, guckte durch, wischte sich die \u00c4ugelchen, putzte das Glas am Fernrohr, guckte noch einmal &#8230; und nun hatte es erkannt, was da ankam. Es blies die Backen auf und schlug sich vor Erstaunen auf den kleinen Spitzbauch. Seine Augen wurden so gro\u00df wie Kuchenteller, und sein Mund stand so weit auf wie eine Ladent\u00fcr. Was da vor sich ging, war aber auch etwas ganz Unerh\u00f6rtes am Himmel! Viele Tausend Jahre war der Sandmann alt, aber so etwas war noch nicht passiert auf der Sternenwiese, seit er hier Ordnung hielt! Zwei Kinder im Nachthemdchen und ein geigender Maik\u00e4fer kamen durch den gro\u00dfen Himmelsraum herangeflogen, als w\u00e4re das so ein Sonntagnachmittags-Vergn\u00fcgen. Dies ging nicht mit rechten Dingen zu! Hier musste er sehr energisch sein!<\/p>\n\n\n\n<p>Er st\u00fcrzte also eiligst zu seiner gro\u00dfen Pauke, schlug darauf und schnitt ein furchtbar b\u00f6ses Gesicht. In dem Augenblick landeten die Kinder mit dem Maik\u00e4fer behutsam auf der Sternenwiese. \u00bbBum &#8211; bum &#8211; bum! Hier ist der Mond!<br>Rausgeschmissen wird, wer hier nicht wohnt!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>schrie der Sandmann sie an und fuchtelte mit dem Paukenstock in der Luft herum.<\/p>\n\n\n\n<p>Na, das war gerade kein liebensw\u00fcrdiger Empfang auf der ersten Station ihrer Reise!<\/p>\n\n\n\n<p>Der Maik\u00e4fer aber dachte: &gt;Mit H\u00f6flichkeit kommt man am weitesten&lt;; und so machte er eine sehr sch\u00f6ne Verbeugung mit Kratzf\u00fc\u00dfchen hinten ,raus und sagte: \u00bbEntschuldigen Sie bitte, Herr Sandmann. . \u00bbWas? &#8211; was? &#8211; entschuldigen? \u00ab quiekte das M\u00e4nnchen ganz rot vor Aufregung. \u00bbWas will Er hier? Ein Maik\u00e4fer geh\u00f6rt auf die dicke Kastanie im Garten, aber nicht auf die Sternenwiese am Mond! Ich werde mal gleich ein paar Stemraketen gegen Ihn abschie\u00dfen, dass Ihm der Bauch platzt, Er Nasegr\u00fcn !<\/p>\n\n\n\n<p>Stemraketen?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Maik\u00e4fer bekam nat\u00fcrlich Angst und dachte daran, sich tot zu stellen. Peterchen hatte zwar keine Angst, denn er hatte ja sein Holzschwert bei sich, aber er war etwas verlegen und wusste nicht recht, was man wohl tun sollte, wenn das M\u00e4nnchen wirklich mit Stemraketen zu schie\u00dfen anfinge. Anneliese aber &#8230; ja, das h\u00e4tte man wirklich nicht von der kleinen Anneliese gedacht! Sie trat pl\u00f6tzlich ganz mutig vor, nahm aus ihrem K\u00f6rbchen ein rotb\u00e4ckiges \u00c4pfelchen und hielt es dem grimmigen Sandmann dicht unter die spitze Nase. \u00bbNanu?\u00ab sagte der h\u00f6chst erstaunt; \u00bbwas ist denn das f\u00fcr ein tapferes, kleines Frauenzimmerchen?\u00ab Dabei schn\u00fcffelte er schon neugierig an dem sch\u00f6nen Apfel herum. So etwas gab es n\u00e4mlich nicht am Himmel oben. Auf der Weihnachtswiese, die auf dem Mond lag, wuchsen allerdings die vergoldeten \u00c4pfelchen und N\u00fcsschen; aber davon konnte das M\u00e4nnchen keine bekommen, die waren f\u00fcr die Kinder auf der Erde. Nun lief ihm doch das Wasser im Munde zusammen. \u00bbGib mal her!\u00ab sagte es. Anneliese machte einen Knicks und sagte: \u00bbBitte sch\u00f6n!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Happs! &#8230; biss das M\u00e4nnchen hinein. Ordentlich komisch war, wie es pl\u00f6tzlich vergn\u00fcgt wurde. Es schmunzelte von einem Ohr bis zum andern beim Kauen und rieb sich das B\u00e4uchlein, so gut schmeckte es ihm.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Apfel aufgegessen war, faltete der Sandmann die H\u00e4nde auf dem R\u00fccken und sah die Kinder an. Er wollte b\u00f6se aussehen, aber der Apfel hatte so gut geschmeckt, dass es ihm nicht mehr richtig gelang, ein grimmiges Gesicht zu schneiden. \u00bbIhr Hemdenm\u00e4tze, was wollt ihr denn hier? Ihr sollt doch schlafen!\u00ab schmunzelte er. Jetzt trat Peterchen mit einer Verbeugung vor und erkl\u00e4rte den Grund der Reise. Ja, von der Geschichte hatte der Sandmann schon geh\u00f6rt. Sie war einmal auf einem Kaffeeklatsch bei der Nachtfee erz\u00e4hlt worden, vor etwa tausend Jahren; und damals waren alle G\u00e4ste sehr ger\u00fchrt gewesen von dem Schicksal der Sumsem\u00e4nner. \u00bbHm, hm\u00ab, meinte das M\u00e4nnchen jetzt und rollte mit den Augen, so stark dachte es nach. Aber da kam ihm schon wieder der Geruch von den \u00c4pfeln in die Nase, die Peterchen in seinem Korbe hatte. \u00bbGib mir noch einen Apfel!\u00ab sagte es pl\u00f6tzlich mitten im Denken und hielt die Hand hin. Das tat Peterchen nat\u00fcrlich gern. Als der Sandmann nun auch den zweiten Apfel verspeist hatte, war all sein Grimm verflogen, und er nickte wohlwollend mit dem Kopfe. \u00bbJaja, die Geschichte der Sumsem\u00e4nner, die war \u00fcberall am Himmel bekannt.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Aber sollte der Maik\u00e4fer nun wirklich zwei artige Kinder gefunden haben, um das Beinchen zur\u00fcckzuerobern? Das w\u00e4re doch ein ganz gewaltiges Gl\u00fcck f\u00fcr die Sumsem\u00e4nner!<\/p>\n\n\n\n<p>Es musste also festgestellt werden, ob die Kinder artig waren; sonst ging die Geschichte nicht. Mit gro\u00dfen, feierlichen Schritten begab sich das Sandm\u00e4nnchen zu<\/p>\n\n\n\n<p>seinem Sprachrohr und rief nach dem Himmel hinauf: \u00bbDie Sternchen von Anneliese und Peterchen sollen mal schnell herunterkommen !<\/p>\n\n\n\n<p>Und was geschah?<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei winzige Sternp\u00fcnktchen l\u00f6sten sich hoch oben vom Himmelsgrund und fielen leuchtend herab auf die Wiese. Im gleichen Augenblick standen dort zwei wundersch\u00f6ne kleine M\u00e4dchen mit blonden Locken und lachenden Augen. Silberne Hemdchen hatten sie an und silberne Schuhe; funkelhelle Strahlenkronen aber blinkten auf ihren K\u00f6pfen. \u00bbPeterchen, mein Peterchen!\u00ab rief das eine Sternchen. \u00bbMeine kleine Anneliese!\u00ab rief das andere. Und dann gab&#8217;s eine fr\u00f6hliche Begr\u00fc\u00dfung. Die Kinder liefen zu ihren Sternchen, und sie umarmten und k\u00fcssten sich. Dem dicken Maik\u00e4fer kamen ordentlich die Tr\u00e4nen in die Glotzaugen vom Zusehen, so h\u00fcbsch war es. R\u00fchrung durfte aber nicht einrei\u00dfen, denn die Geschichte war ernst. Also tat das Sandm\u00e4nnchen wieder sehr grimmig, verbat sich die K\u00fcsserei und fragte die Sternchen, ob die beiden Kinder, Peterchen und Anneliese, kein&#8216; Fleckchen auf die Kronen ihrer Sternchen gemacht h\u00e4tten. Da l\u00e4chelten beide Sternchen und sch\u00fcttelten ihre silbernen Locken. Blitzblank waren die Kronen. Jetzt schmunzelte das gute Sandm\u00e4nnchen, denn es freute sich sehr dar\u00fcber, und die Kinder durften den Sternchen noch einen Kuss geben. \u00bbAch, war das sch\u00f6n!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>So ein Sternchenkuss schmeckt so lieb, dass man es wirklich gar nicht beschreiben kann; man muss es erleben; und man erlebt es, wenn man gut ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Husch! waren die Sternchen wieder fort und standen als Lichtp\u00fcnktchen am Himmel. Die Kinder guckten ihnen ganz traurig nach, aber pl\u00f6tzlich mussten sie laut lachen. Der Maik\u00e4fer tanzte n\u00e4mlich wie ein Verdrehter auf der Sternenwiese herum und warf dabei mit den Beinchen mindestens ein Dutzend Sternenst\u00fchlchen um, die dort standen. Er freute sich, dass die Kinder<\/p>\n\n\n\n<p>artig waren, denn in seiner Familiengeschichte stand, artige Kinder m\u00fcssten es sein, sonst sei alle M\u00fche umsonst. Nun war es sicher, dass er sein Beinchen wiederbekam. Schrecklich freute er sich!<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sandmann verstand zwar, dass das Sumsem\u00e4nnchen sich freute; aber, dass es die Sternenst\u00fchlchen umwarf, war gegen die Ordnung, und er verbat sich dieses maik\u00e4ferhafte Benehmen sehr energisch. \u00bbEin Freudentanz sollte das sein? Ein ganz dummes Rumgebrumsel sei es! Auf der Sternenwiese mache man so was nicht; \u00fcberhaupt, wenn man so dick w\u00e4re und so unsicher auf den Beinen!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da hatte der Sumsemann seine Strafpredigt weg. &gt;Das Sandm\u00e4nnchen ist sehr ungebildet&lt;, dachte er, denn die Maik\u00e4fert\u00e4nze sind die sch\u00f6nsten T\u00e4nze der Welt, das wei\u00df jeder. &gt;Und er, der Sumsemann, sei unsicher auf den Beinen? So was L\u00e4cherliches! Alle w\u00fcssten, wie elegant er auf den Kastanienbl\u00e4ttern im Garten tanzen konnte; und nun sollte man ihn erst mal sehen, wenn er das sechste Beinchen wieder h\u00e4tte!&lt;<\/p>\n\n\n\n<p>Beinahe h\u00e4tte er laut gelacht; aber er verkniff sich das Lachen, denn er war vorsichtig und wollte sich nicht unbeliebt machen. \u00bbEntschuldigen Sie, Herr Sandmann!\u00ab sagte er, machte einen Kratzfu\u00df und sah bescheiden aus. Nur ganz heimlich warf er den Kindern ein paar Kussh\u00e4ndchen zu. Sandm\u00e4nnchen hatte den Finger an seine Nase gelegt und dachte tief nach. Es war n\u00e4mlich eine recht gef\u00e4hrliche Geschichte, die von den beiden Kindern unternommen werden sollte; und weil er sie schon sehr lieb hatte, wollte er ihnen nun auch mit allen Kr\u00e4ften beistehen auf der weiteren Fahrt. Pl\u00f6tzlich kam ihm ein Gedanke. Gerade heute, um 12 Uhr mitternachts, gab die Nachtfee einen Kaffeeklatsch f\u00fcr die Naturgeister in ihrem Schloss. Er war auch eingeladen. Die Nachtfee war sehr m\u00e4chtig; viel m\u00e4chtiger als er. Sie war es ja auch gewesen, die vor vielen hundert Jahren den b\u00f6sen Holzdieb auf den Mondberg verbannt und den Sumsem\u00e4nnern erlaubt hatte, mit artigen Kindern das Beinchen von dort wieder herunterzuholen. Wenn er die Kinder also mitn\u00e4hme auf das Schloss der Nachtfee zu dem Kaffeeklatsch? Sie war eine g\u00fctige Fee und w\u00fcrde ihnen sicher ihren Schutz leihen. Peterchen und Anneliese konnten bei dieser Gelegenheit sogar die Naturgeister kennenlernen, die ihnen vielleicht sp\u00e4ter beistehen w\u00fcrden. Ja, das war ein pr\u00e4chtiger Gedanke!<\/p>\n\n\n\n<p>Das M\u00e4nnchen machte einen Sprung in die Luft vor Vergn\u00fcgen \u00fcber diesen Einfall, dass sein spitzes B\u00e4uchlein nur so wackelte; dazu schrie es: \u00bbIch hab&#8217;s! ich hab&#8217;s! ich habe einen himmelsraketenm\u00e4\u00dfig pr\u00e4chtigen Gedanken, Kinderchen!<\/p>\n\n\n\n<p>Und er erkl\u00e4rte ihnen alles, was er vorhatte. Das war allerdings ein wunderbar sch\u00f6ner Plan!<\/p>\n\n\n\n<p>Peterchen freute sich gewaltig auf die Naturgeister, und Anneliese auf die sch\u00f6ne Nachtfee. Der Sumsemann hatte zwar wieder Angst, denn die Bekanntschaft mit den Naturgeistern schien ihm gef\u00e4hrlich;<\/p>\n\n\n\n<p>doch er unterdr\u00fcckte es, tat mutig und fand den Einfall des Sandm\u00e4nnchens sehr sch\u00f6n. Der Sandmann aber zog jetzt eine riesengro\u00dfe Taschenuhr aus dem Schlafrock, tippte mit dem Finger auf das Zifferblatt und sagte:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbGleich muss er da sein!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Er meinte n\u00e4mlich seinen Mondschlitten, mit dem er zum Schloss der Nachtfee fahren wollte. Und richtig, da kam auch schon etwas durch die Luft!<\/p>\n\n\n\n<p>Ein schneewei\u00dfer Schlitten war es, der von acht Nachtfaltern an silbernen B\u00e4ndern gezogen wurde. Lautlos, wie ein W\u00f6lkchen glitt er heran und hielt vor den Kindern. Die Nachtfalter hatten gro\u00dfe, leuchtend gr\u00fcne Augen und schlugen geheimnisvoll mit ihren sch\u00f6nen, schimmernden Fl\u00fcgeln. Dazu bewegten sie ihre goldenen F\u00fchlh\u00f6rner, an denen gl\u00e4serne Gl\u00f6ckchen klangen. Staunend sahen die Kinder dies. Aber es gab keine Zeit mehr mit Verwundern zu verlieren. Der Weg, den sie zu fahren hatten, war weit. So nahmen sie alle schnell im Schlitten Platz. Man sa\u00df wie auf<\/p>\n\n\n\n<p>seidenen Wolken darin. Sandm\u00e4nnchen ergriff die Z\u00fcgel, die Nachtfalter hoben die Schwingen, leise klangen die Glasgl\u00f6ckchen und . ,. fort ging die Fahrt \u00fcber die Sternenwiese hin, auf die Milchstra\u00dfe zu, an deren fernem Ende das Schloss der Nachtfee lag.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Schlittenfahrt auf der Milchstra\u00dfe<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das war ein seltsames Kutschieren&#8216;<\/p>\n\n\n\n<p>Noch nie sind Kinder so sch\u00f6n gefahren, wie Peterchen und Anneliese in Sandmanns Mondschlitten auf der Milchstra\u00dfe zum Scho\u00df der Nachtfee fuhren!<\/p>\n\n\n\n<p>Aus einem leise leuchtenden Schaum war der Weg unter ihnen, gl\u00e4nzender als frischer Schnee und zarter als der Schaum der klarsten Wellen. Lautlos glitt der Schlitten auf diesem Zauberwege durch den Himmelsraum. Nur die kleinen, gl\u00e4sernen Gl\u00f6ckchen an den F\u00fchlern der Falter klangen leise im Takt, so, wie die sch\u00f6nen Tiere ihre Fl\u00fcgel hoben und senkten. M\u00e4chtige B\u00e4ume wuchsen zu beiden Seiten der Milchstra\u00dfe; durchsichtig waren sie und mit gro\u00dfen, wei\u00dfen Blumen bedeckt. \u00bbDas sind die Milchb\u00e4ume\u00ab, erkl\u00e4rte das Sandm\u00e4nnchen; \u00bbaus ihren Blumen tropft der s\u00fc\u00dfe ~ Den essen die Sternenm\u00e4dchen, wenn sie hungrig sind.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Unter diesen bl\u00fchenden Alleeb\u00e4umen ging es dahin, und die wei\u00dfen Blumen kamen den Kindern einmal so nahe, dass Annneliese das H\u00e4ndchen ausstreckte, um eine solche Bl\u00fcte abzupfl\u00fccken. Sie bekam es zwar nicht fertig, denn der Schlitten fuhr viel zu schnell, aber alle Finger waren von dem herrlichen Milchstra\u00dfenhonig nass.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun ging es ans Ablutschen!<\/p>\n\n\n\n<p>Peterchen machte nat\u00fcrlich auch Anspruch auf den Honig, und Anneliese war gut. Sie lie\u00df ihn drei von ihren Fingerchen ablutschen. Die anderen beiden aber, die gr\u00f6\u00dften, behielt sie doch f\u00fcr sich. Das war auch ihr gutes Recht. Wirklich, so etwas S\u00fc\u00dfes hatten sie noch nie geschmeckt!<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt kamen sie an einer Wiese vorbei, auf der sich eine Herde sehr sonderbarer Tiere tummelte. Beinahe sahen sie wie Ziegen aus und beinahe wie kleine W\u00f6lkchen mit Beinen. Immerfort huschten sie herum, aber sie bewegten die Beinchen gar nicht dabei. Als ob ein Wind sie durcheinanderwirbelte, sah es aus, und dazu meckerten sie, dass es klang, als ob tausend Kinder sich totlachen wollten. \u00bbEs sind die Himmelsziegen\u00ab, erkl\u00e4rte das Sandm\u00e4nnchen; \u00bbsie grasen hier den Mondspinat ab. Zu Weihnachten werden ihnen die goldenen H\u00f6rnchen abgebrochen; dann ist auf der Sternenwiese f\u00fcr die Sternenm\u00e4dchen ein gro\u00dfer Festschmaus. Es gibt Milchstra\u00dfenschlagsahne mit Himmelsziegenh\u00f6rnchen. Das schmeckt unbeschreiblich gut! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kinder konnten sich wohl denken, dass so etwas gut schmeckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nun fuhren sie an einem sonderbaren See vor\u00fcber. Sein Wasser flimmerte wie geschmolzenes Silber, \u00fcber das ein leiser Wind geht. Es war leuchtende Nebelluft, die leise Wellen schlug. In dem See wimmelte es von unz\u00e4hligen kleinen Fischen; die funkelten wie bunte Fl\u00e4mmchen. Immerfort zuckten, huschten und zitterten sie herum. Totenstill war&#8217;s dabei. \u00bbDas ist der Tausee mit den Irrlichterfischchen!\u00ab erkl\u00e4rte der Sandmann. \u00bbIn jeder stillen Nacht kommt ein wundersch\u00f6nes M\u00e4dchen leise an das Ufer des Tausees, das Taumariechen, die Tochter der Nachtfee. Mit einer Schale, die aus einem einzigen Diamanten geschnitten ist, sch\u00f6pft sie aus dem See. Dann schwebt sie zur Erde hinab und sprengt den k\u00fchlen Tau \u00fcber G\u00e4rten, Wiesen und W\u00e4lder, damit alle Blumen und B\u00e4ume, alle Gr\u00e4ser und Kr\u00e4uter frisch und sch\u00f6n sind am Morgen. Manchmal geschieht es, dass einige von den funkelnden Fischen mit in die Schale des Taumariechens kommen Die werden dann auch mit dem Tau \u00fcber die Wiesen gestreut, und man kann sie in stillen N\u00e4chten huschen und funkeln sehen. \u00bbElmsfeuerchen\u00ab sagen die Menschen, oder \u00bb Irrlichter\u00ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Und weiter ging die Fahrt. An der Weide der Himmelsk\u00fche und Mondk\u00e4lber kamen sie jetzt vor\u00fcber, die wie gro\u00dfe, dicke Wolken herumrutschten auf den wei\u00dfen Wiesen und immerfort fra\u00dfen. Nicht durchsichtig waren sie wie die Mondsch\u00e4fchen und Himmelsziegen auf den anderen Weiden, sondern gro\u00dfe, undurchsichtige graue Klumpen. \u00bbSie sind gar nicht beliebt bei den Sternchen\u00ab, sagte der Sandmann; \u00bbweil sie oft die Aussicht auf die Erde mit ihren dicken B\u00e4uchen versperren, so dass die Sternchen ihre schlafenden Kinder dort unten nicht recht sehen k\u00f6nnen. Aber die Nachtfee braucht die Himmelsk\u00fche. Aus ihrer Milch wird die Mondbutter gemacht. Die braucht der Koch der Nachtfee zum Kuchenbacken; besonders f\u00fcr die sch\u00f6nen<\/p>\n\n\n\n<p>Mondscheinfladen, die es manchmal auf dem Kaffeeklatsch bei der Nachtfee gibt.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Das Sandm\u00e4nnchen schmunzelte ordentlich bei dem Gedanken an die Mondscheinfladen. Sie waren n\u00e4mlich sein Leibgericht. Und heute nacht sollte es auch welche geben. Das hatte der Milchstra\u00dfenmann, der die Mondbutter liefern muss, verraten. &gt;Am Himmel gibt&#8217;s doch viele gute Sachen&lt;, dachten die Kinder;<\/p>\n\n\n\n<p>&gt;soviel Gutes zu essen!&lt; Nur der Sumsemann sa\u00df hinten im Schlitten und sah etwas gelangweilt aus. F\u00fcr ihn war das alles nichts. Kein einziges gr\u00fcnes Bl\u00e4ttchen hatte er bisher entdecken k\u00f6nnen. Alles war von Silber oder von Zucker. F\u00fcr Mondbutter, Sternblumenklee, Milchstra\u00dfen- Schlagsahne und Himmelsziegenh\u00f6rnchen hatte er gar kein Verst\u00e4ndnis als anst\u00e4ndiger Maik\u00e4fer. Na aber schlie\u00dflich brauchte er ja das Zeug nicht zu essen. Und hier war doch die Hauptsache, dass er, der Herr Sumsemann, sein Beinchen wiederbekam. Deshalb wurde die ganze Reise unternommen. Er war also die Hauptperson!<\/p>\n\n\n\n<p>Als er sich dar\u00fcber klar wurde, sah er wieder sehr zufrieden und stolz aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Am hundertsten Meilenstein fuhren sie eben vor\u00fcber, da fing es an zu schneien. Ein sonderbarer Schnee war das!<\/p>\n\n\n\n<p>Millionen Lichtflocken tanzten um sie her; winzige, spr\u00fchende Sternchen. Sie stiebten so dicht um den Schlitten, dass man vor lauter F\u00fcnkchen nichts mehr sehen konnte. \u00bbDa sind wir in eine Sternschnuppenwolke geraten\u00ab, meinte das Sandm\u00e4nnchen; \u00bbaber das schadet nichts; davon brennt man nicht an.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kinder fanden es sehr lustig. Sie griffen nach den F\u00fcnkchen und wollten gar zu gern Sternschnuppen-Schneeb\u00e4llchen daraus machen; aber das war nicht so einfach. Beinahe w\u00e4re Peterchen dabei aus dem Schlitten gefallen. Anneliese lachte immerfort und steckte die Zunge heraus in das Schnuppengest\u00f6ber. Das prickelte n\u00e4mlich zu komisch. Nur dem Sumsemann war es wieder recht ungem\u00fctlich. Schneegest\u00f6ber ist eben f\u00fcr Maik\u00e4fer etwas Greuliches. Das kann man schlie\u00dflich begreifen. Eben wollte er sich tot stellen, da waren sie aus der Wolke heraus, und vor ihnen lag das Schloss der Nachtfee auf himmelhohen, silbergrauen Wolken &#8211; unbeschreiblich sch\u00f6n!<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schlitten hielt am Fu\u00dfe der Treppe aus wei\u00dfem Glase, die breit zwischen den Wolken hinauff\u00fchrte zum Tor des Schlosses. Nun stiegen sie an der Hand des Sandm\u00e4nnchens die Treppe hinauf. Sehr feierlich war es.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Schloss der Nachtfee<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In einem gewaltigen Saal ihres Schlosses empfing die Nachtfee ihre G\u00e4ste zum Mitternachts-Kaffeeklatsch. Himmelhohe, silberne S\u00e4ulen trugen eine ungeheure Wolkenkuppel, von wehenden Nebeln wie von zarten Fahnen umschwebt. Der Boden war aus tiefblauem Kristall. so durchsichtig wie das Wasser des<\/p>\n\n\n\n<p>Meeres, wenn es ganz still liegt. Durch weite Eing\u00e4nge zwischen den S\u00e4ulen sah die Nacht herein, und in ihrer Unendlichkeit schwebten gleich gro\u00dfen Blumen Tausende von W\u00f6lkchen und gaben ein zauberzartes Licht. Das Sch\u00f6nste aber war der Thron der Nachtfee in der Mitte des Saales. Aus einem einzigen, gr\u00fcnen Edelstein waren seine Stufen geschnitten, aus Perlen war der Sitz, die Lehne aus Silber, und sieben blaue Sterne funkelten leise dar\u00fcber in der Luft. Zu beiden Seiten dieses wundersch\u00f6nen Thrones standen Reihen von silbernen St\u00fchlen f\u00fcr die G\u00e4ste, die erwartet wurden. Die Nachtfee sa\u00df auf ihrem Thron, als die Mitternacht nahte, eine leuchtende Mondsichel im schwarzen Haar, mit ihrem K\u00f6nigsmantel angetan. Neben ihr standen zwei Sternenm\u00e4dchen in ihren Silberkleidern; durch die Nacht des Hintergrundes aber zog ununterbrochen eine Kette winziger singender Sternenkinder. Die ganz, ganz kleinen waren es, die noch nicht beim Sandm\u00e4nnchen in die Sternenschule gingen, weil sie noch keine Kinder auf der Erde zu besch\u00fctzen hatten. Darum hatten sie auch noch kein Pl\u00e4tzchen am Himmel, von dem aus sie des Nachts auf die Erde h\u00e4tten blicken und wachen m\u00fcssen. Aber wundersch\u00f6n singen konnten sie schon!<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich klangen zw\u00f6lf tiefe Glockenschl\u00e4ge durch den Raum; die Nachtfee erhob sich von ihrem Thron, breitete die Arme aus und sagte mit einer weichen, von Wohlklang wunderlieben Stimme:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbMitternacht! &#8211; Die Welt schlief ein;<br>Frieden, Frieden soll \u00fcber ihr sein!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Mit tausendfachem Echo nahm der Himmelsraum diesen Segensspruch auf. Von fernen Ch\u00f6ren gesungen klang es, immer weiter, immer leiser:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbFrieden, Frieden soll \u00fcber ihr sein!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Dann wurde es ganz still. Still setzte sich die Fee wieder auf ihren Thron, und ein g\u00fctiges L\u00e4cheln lag \u00fcber ihrem blassen, edlen Antlitz. Eine Zeitlang war tiefes Schweigen ringsum, dann aber h\u00f6rte man fernes Gerumpel, das immer st\u00e4rker wurde und schlie\u00dflich als gewaltiger Donner heranbr\u00fcllte. Gleich darauf sprang mit einem schmetternden Schlage der Donnermann aus den Wolken am Eingang; der erste der geladenen G\u00e4ste. Er hatte einen m\u00e4chtigen Paukenkl\u00f6ppel in der Faust, schlug sich damit auf den Bauch, verneigte sich vor der Nachtfee und br\u00fcllte:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbZum Donnerwetter, da bin ich gekommen!<br>Habe mir keine Zeit genommen;<br>Bin gleich, weil du mich geladen hast,<br>Auf meiner Pauke hierher gerast.<br>Mein Weib, die Blitzhexe, l\u00e4sst dir sagen,<br>Sie h\u00e4tte noch schnell mal wo einzuschlagen<br>Und k\u00e4me dann hinterher geritten;<br>Derweil zu gr\u00fc\u00dfen l\u00e4sst sie bitten!<\/p>\n\n\n\n<p>Potz &#8211; Himmel &#8211; Bomben &#8211; Donnerwetter!<br>Unterwegs \u00fcberholte ich meinen Vetter,<br>Den Hagelhans; der muss gleich kommen;<br>Hat ein graues Wolkenschiff genommen,<br>Hat ein Loch an der Mondsichel ins Segel geschnitten;<br>L\u00e4sst derweil durch mich um Entschuldigung bitten.<br>Potz &#8211; Krach &#8211; Blitz &#8211; Donner &#8211; Bombenschlag<br>Ich bin hier und sage dir guten Tag!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend er dies sprach, donnerte es immerfort, so dass die kleinen Sternenm\u00e4dchen neben dem Thron der Nachtfee ordentlich Herzklopfen bekamen. Aber der Donnermann war gar nicht b\u00f6se dabei; er lachte und verzog lustig den Mund von einem Ohr bis zum andern. Die Nachtfee neigte ihr sch\u00f6nes Haupt zum Gru\u00df gegen den wilden Mann und meinte mit freundlichem L\u00e4cheln, er solle nur nicht gar so viel donnern, damit die Sternenkinder keine Angst bek\u00e4men. Nun war der gutm\u00fctige Donnermann ganz verlegen und bullerte leise eine Entschuldigung. Es war n\u00e4mlich wirklich nicht so einfach f\u00fcr ihn, sich das Donnern zu verkneifen; besonders, wenn er sich freute. Da summte und pfiff es in der Luft, und der zweite Gast kam, die Windliese. Auf einem Besen ritt sie, sprang vor dem Thron der Nachtfee ab und, w\u00e4hrend sie immerfort Knickse machte und im Kreise herumlief, rief sie mit einer pfeifenden Stimme:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbHui &#8211; Hui &#8211; Sumsiselsei!<br>Komm&#8216; schnell auf meinem Besen herbei,<br>Hab&#8216; tausend Meilen zur\u00fcckgelegt,<br>Bin \u00fcber Wiesen und W\u00e4lder gefegt,<br>Hab&#8216; an allen T\u00fcren und Fenstern ger\u00fcttelt,<br>Hunderttausend Kirschen von den B\u00e4umen gesch\u00fcttelt.<br>Haha &#8211; hoho &#8211; huhu &#8211; sieh &#8211; sieh!<br>Die Windliese ist hie, die Windliese ist hie!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Die Nachtfee reichte ihr freundlich die Hand, und, w\u00e4hrend sich die Windliese mit dem Donnermann begr\u00fc\u00dfte &#8211; die beiden waren nat\u00fcrlich sehr befreundet &#8211; kam schon der dritte Gast herein. Es war die dicke Wolkenfrau.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sah aus wie ein Luftballon oder wie eine gro\u00dfe Kaffeekanne; sehr, sehr komisch. Ihr Gesicht war wie ein Bratapfel so rund und auch so freundlich. Mit sehr gem\u00fctlichen, langsamen Bewegungen kam sie bis dicht an den Thron der Nachtfee, wippte mit ihrem aufgeplusterten Kleid einen komischen Begr\u00fc\u00dfungsknicks und sagte mit weicher, molliger<\/p>\n\n\n\n<p>Stimme:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWie geht es am Himmel?<br>Wie geht&#8217;s auf dem Mond?<br>Ich finde, dass es sich immer noch lohnt,<br>Liebe Nachtfee, Sie zum Kaffee zu besuchen;<br>Sie haben ausgezeichneten Fladenkuchen.<br>Ich hoffe nur, dass die Sonne, das Biest,<br>Nicht etwa auch geladen ist;<br>Hat mir neulich wieder durchs Kleid gebrochen<br>Und mich mit ihren Strahlen zerstochen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Die Nachtfee dankte f\u00fcr den Gru\u00df der Wolkenbase und wies ihr den Platz neben dem Donnermann und der Windliese. Freilich, die Sonne war auch eingeladen; das erforderte die Sitte und H\u00f6flichkeit. Aber die Wolkenfrau beruhigte sich dar\u00fcber, da sie neben dem Donnermann und der Windliese sitzen konnte, mit denen sie selbstverst\u00e4ndlich in dicker Freundschaft lebte.<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich zuckte es schwefelgelb durch den Raum, und herein fuhr die Blitzhexe auf einem toten Baumast. Im gleichen Augenblick sprang der Donnermann mit einem f\u00fcrchterlichen Donner von seinem Sitz, umarmte sein Weib und tanzte mit ihr eine Weile im Saal herum. Sie machten dabei ein sehr greuliches Get\u00f6se und einen schauderhaften Schwefelgestank. Ihre Freude war so gro\u00df, dass sie sich nicht beherrschen konnten. Die Nachtfee hielt sich die Nase zu, so schlecht roch es. Dann lie\u00df die Blitzhexe den Donnermann los, lief in Zickzacklinien vor den Thron und schrie mit schriller Stimme:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSirrr &#8211; sirrr &#8211; liebe Base &#8211; da ist der Blitz!<br>Zerschlug nur noch schnell eine Kirchturmspitz;<br>Hatte Auftrag, musst&#8216; ihn erledigen schnell;<br>Sirrr &#8211; sirrr &#8211; krakacks &#8211; bin ich zur Stell&#8216; ! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Die Nachtfee verneigte sich und bat die Blitzhexe freundlich, etwas weniger Schwefelduft zu verbreiten, da dies ihren Sternenkindern und auch noch anderen von den geladenen Herrschaften nicht gesund sei; zum Beispiel dem Taumariechen, der Morgenr\u00f6te und der Abendr\u00f6te. Der Donnermann machte einen Witz um den anderen zur Wolkenfrau \u00fcber die zimperlichen Frauenzimmer am Morgen- und Abendhimmel, die Blitzhexe aber knickste eckig und schrie dazu:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSirrr &#8211; will mich beherrschen! Hoffe, es gl\u00fcckt;<br>Wenn&#8217;s mich auch dr\u00e4ngt und zwackt und j\u00fcckt,<br>Den k\u00f6stlichen Feuerduft zu verbreiten,<br>Sirrr &#8211; sirrr &#8211; das sind ja nur Kleinigkeiten!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Dann zuckte sie in Zickzacklinien durch den Saal und setzte sich dem Donnermann auf den Scho\u00df. Ein leises Regenrauschen wurde nun h\u00f6rbar, und eine sehr sonderbare Erscheinung trat vor den Thron; der Regenfritz. Sch\u00f6n war der Regenfritz nicht. So d\u00fcnn wie ein Lineal war er. Langes, verwaschen blondes Haar hing ihm str\u00e4hnig \u00fcber die Triefaugen und die rote, spitze Schnupfennase. Einen m\u00e4chtigen Regenschirm hatte er zugeklappt unter dem Arm, und sein langer Rock war patschnass von Wasser. Wo er stand, bildete sich sofort auf dem Boden eine Pf\u00fctze. Er machte eine linkische Verbeugung vor der Nachtfee, zog seinen alten, triefenden Zylinder und sagte mit einer \u00f6lig fl\u00f6tenden, melancholischen Greinstimme:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDr\u00fcppel\u00fc &#8211; t\u00fcp &#8211; t\u00fcp &#8211; liebe Fee der Nacht,<br>Sie haben mir g\u00fctige Einladung gemacht.<br>Ich bin gerne gekommen &#8211; t\u00fcp &#8211; top &#8211; t\u00fc &#8211; ti!<br>War ein weiter Ritt auf dem Parapluie.<br>Hab&#8216; zwar im Mai sehr wenig zu tun,<br>Hin und wieder mal dr\u00fcppeln, meist muss ich ruhn;<br>Hab&#8217;s aber eben noch erreicht<br>Und f\u00fcnfzig neue Leider milde durchweicht,<br>An siebzehn Stellen sanft durch die Decke geregnet,<br>Tische, St\u00fchle und Betten mit Pf\u00fctzen gesegnet,<br>Zw\u00f6lf Landpartien freundlich berieselt,<br>Zweihundert Kinderchen haben&#8217;s mit Schnupfen benieselt;<br>Dreizehn Handwerksburschen, bis aufs Hemd,<br>Habe ich liebevoll durchschwemmt.<br>Nun ja, man muss eben zufrieden sein,<br>Der Mai ist trocken, die Arbeit klein.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Die Nachtfee ermahnte diesen seltsamen Gast, nachdem sie ihn begr\u00fc\u00dft hatte. auf der Erde nicht nur Possen und Unsinn zu treiben, sondern auch Gutes zu tun und die G\u00e4rten und Felder ordentlich zu begie\u00dfen. Und dann bat sie ihn, hier in ihrem Saal das Regnen ein wenig zu unterdr\u00fccken und keine Pf\u00fctzen zu rieseln. Der Regenfritz versprach&#8217;s und setzte sich zur Wolkenfrau. Seit einiger Zeit hatte man schon ein fernes Brausen geh\u00f6rt, das immer n\u00e4her heranschwoll. Pl\u00f6tzlich flatterten alle Schleier und Nebelfahnen im Saal, die Wolkenw\u00e4nde bewegten sich leise, denn der Sturmriese fuhr in den Raum, schwarz und riesengro\u00df, mit ungeheuren, den Boden fegenden Fl\u00fcgeln. In seiner Faust hielt er einen abgerissenen Eichenast; den schwenkte er zum Willkommen und br\u00fcllte, w\u00e4hrend sein m\u00e4chtiger Bart wie eine schwarze Wolke um ihn her wehte:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbPuh &#8211; da bin ich! Komme vom Ozean!<br>Schnallte meine schnellsten Fl\u00fcgel an!<br>Bin wie der Teufel durch die Luft gesaust,<br>Durch Gebirg und Urwald herangebraust!<br>Lie\u00df auf dem Flug mir keine Zeit,<br>Weil Ihre Einladung mich furchtbar freut!<br>Habe nicht Wind- noch Wasserhose angezogen;<br>Sie m\u00fcssen verzeihen, bin so geflogen!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Er hatte wirklich gar nichts an; nicht einmal den neuen W\u00fcstenwirbelwetterhut oder die F\u00f6hnstiefel. Darum musste er sich jetzt hinter die Wolkenfrau setzen, nachdem er mit vielem Get\u00f6se den Donnermann, die Blitzhexe und die Windliese, sein Weib, begr\u00fc\u00dft hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun kamen die drei Eisgeschwister. Als erster der Hagelhans mit seiner riesigen Trommel. Er hatte ein blaues Gesicht und kugelrunde, glashelle Augen, in denen gr\u00fcne Funken brannten. Sein Haar war wei\u00df wie Schnee, und seine Uniform war blitzend von Hagelperlen. Als er eintrat, wurde es k\u00fchl, und der Regenfritz fing an zu niesen. Er konnte den Hagelhans nicht besonders leiden, weil der ihm immer beim Begie\u00dfen ins Handwerk pfuschte. Der Hagelhans klappte vor dem Thron der Nachtfee milit\u00e4risch mit den Hacken, schlug einen Wirbel zur Begr\u00fc\u00dfung auf seiner Trommel und schnarrte mit einer Stimme, die wie das Rasseln von Eisenketten klang:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbKlirrrr &#8211; der Hagelhans ist zur Stelle!<br>Hat viel zu tun in der Mittagshelle;<br>Muss in den hei\u00dfen Fr\u00fchlingstagen<br>Die Ehre des Winters zu Ansehn tragen!<br>Tut&#8217;s gern, ist ihm eine dienstliche Pflicht,<br>Kennt Mitleid mit Blumen und Saaten nicht,<br>Zerschmettert all den albernen Kram,<br>Wo er ihm in die Marschrichtung kam;<br>Schie\u00dft mit tausend Flinten zu gleicher Zeit,<br>Trifft sicher, ist gegen alles gefeit;<br>Kennt kein sanfts\u00e4uselndes Betragen,<br>Hat immer alles kurz und klein geschlagen;<br>Ist gr\u00fcndlich in seinem Dienstrevier;<br>Nachts hat er Urlaub &#8211; jetzt ist er hier!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Die Nachtfee liebte zwar die Arbeit dieses strengen Herrn nicht besonders; aber, da er zu den Eisgeschwistern geh\u00f6rte und ein vornehmer Himmelsf\u00fcrst war, lud sie ihn stets zu ihren Festen und gr\u00fc\u00dfte ihn auch jetzt mit h\u00f6flichem Verneigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum hatte er auf seinem Stuhl neben dem Sturmriesen Platz genommen, so kam seine Schwester Frau Holle herein. Rundlich und wei\u00df von oben bis unten war sie und sah eigentlich aus wie ein gro\u00dfes, wandelndes Bett mit zwei dicken, weichen Pantoffelf\u00fc\u00dfen. Immerfort ging ihr ein wei\u00dfer Nebel vom Munde, besonders, wenn sie g\u00e4hnte; und sie g\u00e4hnte n\u00e4mlich schrecklich viel, weil sie m\u00fcde war, denn im Fr\u00fchling schlief sie sonst meistens. Nun verneigte sie sich vor der Nachtfee und sagte ihren Gru\u00df. Dabei stiebten ihr dichte Flocken aus den R\u00f6cken. Man verstand auch, was sie sprach, aber eigentlich war es lautlos gehaucht:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbFrau Holle ist da! Frau Holle ist da!<br>Hab&#8217;s beinah verschlafen, Frau Nachtfee &#8211; jaja!<br>Ich halte schon meine Sommerruhe<br>Am Nordpol. Meine Bettentruhe<br>Ist sorgsam vor der Sonne verschlossen;<br>Sie hat unversch\u00e4mt mit Strahlen geschossen.<br>Ich musste tief in das Eisschloss fliehen,<br>Um mich nicht zu verbr\u00fchen, ja ja, zu verbr\u00fchen!<br>Dort schlief ich wie sieben Murmeltiere.<br>Weckt&#8216; ein Sternchen mich und brachte mir Ihre<br>Einladung zu dem gro\u00dfen Empfang.<br>Besten Dank, liebe Base, besten Dank, besten Dank!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Und wieder knickste sie, und wieder stob ihr eine Wolke von Schneeflocken aus den R\u00f6cken. Die Nachtfee reichte ihr die Hand und sagte, dass es Schlagsahne auf Eis geben w\u00fcrde. Das a\u00df Frau Holle schrecklich gern, und h\u00f6chst vergn\u00fcgt segelte sie zu ihrem Stuhl neben dem Hagelhans.<\/p>\n\n\n\n<p>Da kam auch schon der Eismax heran, der dritte der Eisgeschwister. Mit klirrenden Sporen und tausend klingenden, funkelnden Eiskristallen an seiner Montur schritt er zum Thron. Er schlug die Sporen zusammen, gr\u00fc\u00dfte milit\u00e4risch vor der Nachtfee und schnarrte:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbGn\u00e4digste Nachtfee, melde jehorsamst zur Stelle!<br>Jereist mit jletscherhafter Schnelle.<br>Zwar f\u00fcr mich unjew\u00f6hnliche Zeit;<br>Aber doch eisb\u00e4renm\u00e4\u00dfig jefreut!<br>Wo alle sich zum Empfang einstellen,<br>Darf Eismax selbstverst\u00e4ndlich nich fehlen.<br>Bitte erjebenst, eines nur:<br>Etwas jek\u00fchlte Temperatur&#8216;<br>Und die Sonne, das jreuliche Weib,<br>Mir nich so nahe uff&#8217;n Leib.<br>Kann die Person durchaus nicht vertragen,<br>Krieje Triefaugen und weichen Kragen,<br>Janzer Anzug schl\u00e4gt Jammerfalten,<br>Kann Monokel nich mehr halten.<br>Unausstehlich! &#8230; Na, \u00fcberhaupt,<br>Denke, dass mir das jeder glaubt!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem die Nachtfee ihm versichert hatte, dass er k\u00fchl und luftig, weit ab von der Sonne sitzen solle, klirrte er salutierend wieder mit den Sporen und legte ein blitzendes Eisblumenstr\u00e4u\u00dfchen auf die Thronstufen. Dann ging er von Platz zu Platz, machte den Anwesenden seine ritterliche Verbeugung und setzte sich schlie\u00dflich, nachdem er sich auch den h\u00fcbschen Sternenm\u00e4dchen am Thron der Nachtfee vorgestellt hatte, auf die andere Seite der Frau Holle.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt quakte und patschelte es drau\u00dfen: der Wassermann kam n\u00e4mlich angeschlurft. F\u00fcr den war es gewiss eine weite Fahrt gewesen. Er sah auch sehr angestrengt aus, als er nun auf seinen breiten Entenf\u00fc\u00dfen hereinwatschelte und mit den gro\u00dfen Glotzaugen herumstreite wie der Karpfen-Ururgro\u00dfpapa auf dem Seegrund. Wenn der Wassermann nicht im Wasser hockte, war er n\u00e4mlich ein wenig kurzsichtig, und so wurde es ihm schwer, sich zurechtzufinden in dem gro\u00dfen Saal. Als er aber entdeckt hatte, wer da war, schlenkerte er zur Begr\u00fc\u00dfung die langen Froscharme nach allen Seiten, riss sein breites Maul auf und quakte:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbPutsch &#8211; patsch &#8211; blubber &#8211; quax!<br>Putsch &#8211; patsch &#8211; blubber &#8211; quax!<br>Guten Tax allerseits<br>guten Tax &#8211; guten Tax!<br>War &#8217;ne weite, beschwerliche Fahrt &#8211; noaaaaaa!<br>Bin aber &#8211; blubber &#8211; blubber &#8211; trotzdem da.<br>Bin gefahren &#8211; uax &#8211; auf dem Muschelschiff,<br>Vom Grunde des Meeres &#8211; uax -, wo ich schlief.<br>Meine Seejungfern tanzten am Ufer Reigen,<br>Spielten Schlickversteckens und Blasensteigen;<br>Haben mir in einer gro\u00dfen Blase<br>Die Einladung gebracht, Frau Base.<br>War mir &#8211; blubber &#8211; blubber &#8211; sehr schmeichelhaft,<br>Hab&#8216; mir neue &#8211; uax &#8211; Wasserhosen angeschafft.<br>Aber ich bitte, vor allen Dingen,<br>Mich &#8211; uax &#8211; uax &#8211; w\u00e4sserig unterzubringen.<br>In der Luft ist es sehr unangenehm!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>In jeder Hand hatte er einen gro\u00dfen Schwamm; den dr\u00fcckte er sich dabei \u00fcber den Kopf aus, um es wenigstens etwas feucht zu haben. Die Nachtfee aber hatte f\u00fcr alles gesorgt, und so stand f\u00fcr den Wassermann eine gro\u00dfe, silberne Badewanne bereit. In die kroch er nun auf die Einladung der Nachtfee, vergn\u00fcgt grunzend, hinein. Au\u00dferdem kam noch ein liebliches Sternenm\u00e4dchen mit einer gl\u00e4sernen Gie\u00dfkanne auf den Wink der Nachtfee herbei und begoss den dicken Wasserf\u00fcrsten unerm\u00fcdlich. Das gefiel ihm! Er quiekte und quakte wie ein gr\u00fcnes Schweinchen vor Vergn\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da h\u00f6rte man leise Harfent\u00f6ne, und herein kam das Taumariechen; ein blasses, dunkelhaariges M\u00e4dchen, von Silberschleiern und Perlen umfunkelt. Sie trug eine Trinkschale in ihren kleinen H\u00e4nden, die aus einem einzigen Diamanten geschnitten war. Die Harfent\u00f6ne klangen bei jedem ihrer Schritte in der Luft, wie fallende Tropfen. Vor dem Thron kniete sie mit unbeschreiblicher Anmut nieder, neigte ihr K\u00f6pfchen leise und sagte mit silberner Stimme:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbLiebe Mutter, ich habe f\u00fcr diese Nacht,<br>Deinem Willen gehorsam, mein Werk vollbracht<br>Alle d\u00fcrstenden Gr\u00e4ser und Bl\u00fcten erquickt,<br>Alle schlafenden W\u00e4lder mit Perlen geschm\u00fcckt;<br>Hing in G\u00e4rten viel Kettlein an Zweig und Baum,<br>Gab den gr\u00fcnen B\u00fcschen den Tropfensaum,<br>F\u00fcllte mit segnender Frische die Luft,<br>Strich auf Bl\u00e4tter und Fr\u00fcchte den silbernen Duft;<br>Hab&#8216; alle bunten Wiesen leise gek\u00fchlt,<br>Mit den Nebeln \u00fcber dem See gespielt;<br>Hab&#8216; der Morgenr\u00f6te das Land geschm\u00fcckt,<br>Und alle Wesen im Traum erquickt.<br>K\u00fcss mich nun, Mutter, mein Werk ward sch\u00f6n,<br>Und lass mich in deine Augen sehn.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Damit eilte sie in die Arme der Nachtfee, die ihr mit einem leisen, z\u00e4rtlichen Kuss den Scheitel ber\u00fchrte. Dann setzte sich das Taumariechen auf die Stufen des Thrones, das liebliche K\u00f6pfchen ans Knie der Mutter geschmiegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis zu diesem Augenblick war in dem gro\u00dfen Saal ein D\u00e4mmerlicht gewesen, in dem die silbernen S\u00e4ulen gleich Mondstrahlen zwischen den blauen Wolken schimmerten; nur bei der Ankunft der Blitzhexe, des Regenfritzen und der Frau Holle hatte sich dies milde Traumlicht, das vom Haupt der Nachtfee auszugehen schien, f\u00fcr Augenblicke ein wenig ge\u00e4ndert. Jetzt pl\u00f6tzlich flog goldener Schein in diese D\u00e4mmerung, und durch die weite Nacht her kam eine rauschende, ferne, wunderm\u00e4chtige Musik. Die Nachtfee erhob sich auf ihrem Thron; die Sonne nahte, die K\u00f6nigin des Tages, die ihr gleich war an Rang und Ansehen. Alle G\u00e4ste erhoben sich mit ihr von den Sitzen, denn, obschon sie die Sonne zum Teil nicht leiden konnten, mussten sie ihr doch, als einer K\u00f6nigin, die schuldige Ehrfurcht bezeigen. Da schwoll die Musik heran, wie ein wachsender Sturm. Die Wolken teilten sich, und &#8211; in einem Strom von goldenem Licht schwebte die Sonne herein mit ihren T\u00f6chtern und S\u00f6hnen, der Morgenr\u00f6te und Abendr\u00f6te, dem Morgenstern und dem Abendstern. Wundersch\u00f6n war die Sonne! Ihre Augen strahlten machtvoll und lieb zugleich. Als ein Mantel von Flammen lag ihr Lockenhaar um sie, und in funkelnden Garben brachen die Lichtstrahlen aus der Krone auf ihrem Haupt. An jeder Hand f\u00fchrte sie einen ihrer S\u00f6hne, die Schleppe ihres goldenen Kleides aber trugen ihre lieblichen T\u00f6chter. So stand die Sonne der Nachtfee gegen\u00fcber, und der Saal war voll von ihrem Licht. Langsam kam die Nachtfee von ihrem Thron herab der Sonne entgegen. Auf ihrem schwarzen Haar schimmerte die blasse Mondkrone. Sie breitete ihre Arme weit aus und gr\u00fc\u00dfte die Sonne mit ihrer glockensch\u00f6nen Stimme:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWillkommen mir, Schwester, K\u00f6nigin!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da neigte die Sonne ihr Haupt leise vor der Majest\u00e4t der Nacht; dann hob sie es leuchtend und sprach:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDer Gru\u00df meiner Liebe sei dir gebracht,<br>Du sch\u00f6ne Schwester, du stille Nacht!<br>Sind unsre Reiche auch ewig geschieden;<br>Mein ist die Arbeit, dein ist der Frieden;<br>Schlingen wir doch um die Guten und B\u00f6sen<br>Den einen Reigen und segnen die Wesen,<br>Die auf der wundertiefen Welt<br>Liebe in prunkendes Leben gestellt.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann umarmten sich die beiden K\u00f6niginnen. Als die Nachtfee die Sonne umschlang, ging alle Glut unter in blauen Nebeln, und tiefe D\u00e4mmerung sank in den Raum; und als die Sonne ihre Arme um die Schultern der Nachtfee legte, leuchteten alle Dinge umher, in ein Meer von Licht gebadet. Als diese Begr\u00fc\u00dfung vor\u00fcber war, nahmen beide Herrscherinnen auf ihren Sitzen Platz, und auch die anderen G\u00e4ste setzten sich wieder. Dabei war es sehr komisch, wie der Eismax hinter den Rock der Wolkenfrau kroch und wie Frau Holle hinter dem Schirm des Regenfritzen hervorschielte.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt kam aber pl\u00f6tzlich eine sehr sonderbare Gestalt hereinget\u00f6lpelt:<\/p>\n\n\n\n<p>der Milchstra\u00dfenmann. Er war anscheinend in gro\u00dfer Wut und gar nicht festlich angezogen, wie sich das geh\u00f6rt h\u00e4tte. Die M\u00fctze sa\u00df ihm schief auf dem Kopfe, seine dicken Mondlederstiefel waren schmutzig, und einen ungek\u00e4mmten Schnurrbart hatte er auch. Unter dem Arm trug er die gro\u00dfe Zwillingsmilchflasche, und an einem B\u00e4ndchen hinter ihm zottelte der kleine B\u00e4r, den er eigentlich h\u00e4tte drau\u00dfen lassen m\u00fcssen, weil der immer schmutzige Pfoten hatte. Der kleine B\u00e4r h\u00fctete n\u00e4mlich die Mondk\u00e4lber und biss sie in die Beine, wenn sie auf einer falschen Himmelswiese grasen wollten. Jetzt hatte er allerdings einen Maulkorb um. Die Nachtfee machte ein sehr erstauntes Gesicht \u00fcber den Milchstra\u00dfenmann und wollte ihm etwas dar\u00fcber sagen, dass er nicht in solchem Aufzuge kommen d\u00fcrfe; aber der lie\u00df sie gar nicht zu Worte kommen, so aufgeregt war er, und polterte sofort los:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbFrau Nachtfee, ich muss mich bitter beklagen!<br>Die Gesellschaft, die du geladen hast,<br>Ist mir derart \u00fcber die Milchstra\u00dfe gerast,<br>Dass sie mir das Pflaster besch\u00e4digt haben<br>Und die Meilensteine, die B\u00e4ume, den Graben!<br>Das ist ein Benehmen, unerh\u00f6rt!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich taten die G\u00e4ste, als w\u00fcssten sie von gar nichts, besonders der Sturmriese und der Donnermann sch\u00fcttelten ungl\u00e4ubig ihre wilden K\u00f6pfe und taten so unschuldig wie kleine wei\u00dfe L\u00e4mmchen. Aber der Milchstra\u00dfenmann schrie:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbJawohl, ich hab&#8216; mich zu Recht beschwert!<br>Der Sturmriese kommt da mit Saus und Summ<br>Und wirft mir drei sch\u00f6ne Milchb\u00e4ume um!<br>Und die Wolkenfrau, die ist auch so eine;<br>Hat mir alle meine Meilensteine<br>Verwischt mit ihren Plusterr\u00f6cken!<br>Wenn nun ein Komet geflogen kommt,<br>So kann er nicht lesen, wie weit es gewesen!<br>Er verirrt sich, rennt gegen Z\u00e4une und Hecken<br>Und bleibt zuletzt noch im Mondberg stecken!<br>Dann beschwer ich mich \u00fcber den Regenfritzen;<br>Er macht meine Stra\u00dfe voller Pf\u00fctzen<br>Und hat mir die sch\u00f6ne Milch verw\u00e4ssert<br>Mit seiner triefigen Dr\u00fcppelei!<br>Es ist eine Schande und Schweinerei!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Nun wollte sich der Regenfritz auch beschweren:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDer kleine B\u00e4r hat mich aber gebissen, T\u00fcp, t\u00fcp &#8211; und mir meine Hosen zerrissen!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>meinte er weinerlich und zeigte ein gro\u00dfm\u00e4chtiges Loch in seiner neuen Regenhose, die er sich extra zu dem heutigen Besuch beim Wolkenschneider hatte machen lassen. Ausgelacht wurde er obendrein vom Milchstra\u00dfenmann. Als der Donnermann aber auch lachen wollte, weil das Loch in der Hose des Regenfritzen sehr komisch aussah, fuhr der Milchstra\u00dfenmann herum, wie von einer Wespe gestochen; und nun ging&#8217;s los:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDer Donnermann braucht hier gar nicht zu lachen<br>Und sich \u00fcber die anderen lustig zu machen!<br>Er hat sich furchtbar schlecht betragen,<br>Hat bl\u00f6dsinnig gebumst und gedonnerkracht<br>Und die Himmelsziegen mir scheu gemacht!<br>Das ist ihm nicht aus Versehen passiert;<br>Er hat sich so vorlaut aufgef\u00fchrt,<br>Dass man wirkliche Angst vor dem Bullern bekam!<br>Und nun erst sein Weib: wie die sich benahm?!<br>Kam immer so zickzack dahergeschlenkert<br>Und hat mir die ganze Allee verst\u00e4nkert!<br>Ist das ein anst\u00e4ndiges Ehepaar?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Er war ganz au\u00dfer Atem vor Zorn geraten und sah puterrot im Gesicht aus. Nat\u00fcrlich wollten ihm alle G\u00e4ste widersprechen, aber er lie\u00df niemanden zu Worte kommen und tobte weiter:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbFrau Nachtfee, ich schw\u00f6re, alles ist wahr!<br>Sie haben noch viel mehr angerichtet:<br>Der Hagelhans hat mir die Schoten vernichtet,<br>Und der Wassermann kam da angeplanscht,<br>Hat mir alle Gr\u00e4ben \u00fcbergepanscht,<br>Hat vier Wiesen am Tausee \u00fcberschwemmt,<br>Und ich hatte sie so sch\u00f6n einged\u00e4mmt.<br>Auch der Eismax muss sich bescheidener f\u00fchren,<br>Er darf nicht so viel mit den Sporen klirren;<br>Drei Mondk\u00e4lbern hat er den Kopf verdreht!<br>Und Frau Holle hat ein St\u00fcck Stra\u00dfe verweht!<br>Sie tun mir Unrecht zu ihrem Vergn\u00fcgen,<br>Frau Nachtfee! Man kann das L\u00fct\u00fct\u00fc kriegen<br>Vor \u00c4rger, wenn man es richtig bedenkt!<br>Und keiner hat mir ein Trinkgeld geschenkt!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter konnte er nicht mehr schimpfen; die Stimme schnappte ihm \u00fcber, und er musste husten, so aufgeregt war er. Die Nachtfee aber machte ein sehr b\u00f6ses Gesicht, weil der Milchstra\u00dfenmann im Recht war; denn es ist gewiss nicht sehr h\u00f6flich, wenn man eingeladen wird, solchen Unfug auf der Stra\u00dfe zum Schloss des Gastgebers zu machen. Als die wilden G\u00e4ste sahen, wie ernst die Nachtfee wurde, beeilten sie sich sehr, den Milchstra\u00dfenmann um Entschuldigung zu bitten, und versicherten ihm alle durcheinander, dass sie den Schaden gern ersetzen w\u00fcrden, wie die Nachtfee es w\u00fcnschte. Damit war denn der gute Milchstra\u00dfenmann auch beruhigt; besonders ein gro\u00dfes Trinkgeld vom Eismax bes\u00e4nftigte ihn sehr, und er trottete mit dem kleinen B\u00e4ren zufrieden ab. Der \u00c4rger des Milchstra\u00dfenmannes war wirklich sehr begr\u00fcndet gewesen. Drau\u00dfen auf der Milchstra\u00dfe hatte der Brave jetzt n\u00e4mlich viel zu tun. Die Unordnung, die alle diese herantobenden Naturgewalten mit ihrem Ungest\u00fcm an dem sch\u00f6nen Nachthimmel angerichtet hatten, war sehr gro\u00df, und der Nachtfee verantwortlich f\u00fcr die Ordnung dort war der Milchstra\u00dfenmann. Es war seine Schuld, wenn auf der Milchstra\u00dfe nicht alles blitzeblank und gut gefegt war mit dem Himmelsbesen, wenn die Meilensteine nicht richtig funkelten und wenn die Himmelsziegen und Mondk\u00e4lber den falschen Nachtklee grasten oder gar ein kleines L\u00e4mmerw\u00f6lkchen in die Silberwolle zwickten, dass es an der Stelle tr\u00fcbe Fleckchen bekam. Jaja, gro\u00df sind die Sorgen des Milchstra\u00dfenmannes!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Ankunft der Kinder im Schloss der Nachtfee<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Alle G\u00e4ste der Nachtfee waren nun eingetroffen, und nur das Sandm\u00e4nnchen fehlte noch in dem gro\u00dfen Kreise. Es war sonst immer sehr p\u00fcnktlich, und daher wunderte sich die Nachtfee und wollte eben ein Sternchen damit beauftragen, einmal durch das gro\u00dfe Wolkenfenster die Milchstra\u00dfe entlang zu gucken, ob denn der Sandm\u00e4nnchenschlitten noch nicht zu sehen sei, da kam pl\u00f6tzlich der Milchstra\u00dfenmann wieder herbeigelaufen und lachte so f\u00fcrchterlich, dass er kaum noch Luft bekam; ganz krumm stand er da und trat immer von einem Bein aufs andere. Die Nachtfee wollte wissen, was denn nun schon wieder los sei, und alle anderen nat\u00fcrlich auch; aber der Milchstra\u00dfenmann bekam vor Lachen kaum ein Wort heraus; man verstand nur den einen Satz:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbFrau Nachtfee, das Sandm\u00e4nnchen ist verr\u00fcckt!<br>Ich glaube, es hat den Mondstich gekriegt!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu wies er mit der Hand immerfort nach dem Eingang hinter sich, und richtig, da kam das Sandm\u00e4nnchen schon herein, allerdings in einer Begleitung, die h\u00f6chst erstaunlich war: \u00bbZwei Kinder im Nachthemd und ein Maik\u00e4fer ! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Einen Augenblick war alles stumm vor Erstaunen, dann aber ging ein ungeheures Get\u00f6se los. Der Sturmriese heulte vor Lachen, der Donnermann trommelte sich den Bauch und h\u00e4tte sich beinah bei einem D\u00f6nnerchen verschluckt, der Wassermann quakte wie ein betrunkener Frosch, der Regenfritz jaulte vor Freude wie ein verstimmter Leierkasten, die Blitzhexe schrie und stank, die Windliese pfiff und summte, der Eismax meckerte wie ein Ziegenbock vor Vergn\u00fcgen &#8211; kurz, es war ein H\u00f6llenl\u00e4rm. In dem allem stand das Sandm\u00e4nnchen ganz ruhig, hatte die beiden Kinder, jedes an einer Hand, den Maik\u00e4fer hinten an seinem Schlafrockzipfel, und sah sehr klug aus. Es dachte: \u00bbDas Get\u00f6se wird sich schon legen!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>So war es denn auch. Die Nachtfee stand auf und reckte die Hand aus; da waren alle still. Und nun fragte sie, was das zu bedeuten habe: zwei Kinder im Nachthemd, und ein Maik\u00e4fer, hier in ihrem Schloss beim Fest der Naturgeister?<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt trat das Sandm\u00e4nnchen vor, verneigte sich und erz\u00e4hlte klar und einfach, wer dieser Maik\u00e4fer sei, und was die Kinder hier wollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich war nun das Erstaunen noch gr\u00f6\u00dfer; aber es lachte keiner mehr, sondern alle waren von dem Mut der Kinder entz\u00fcckt, besonders der Eismax, der sich so nahe herandr\u00e4ngte, um Peterchen zu betrachten, dass ihm beinahe der Schnurrbart von der Sonne abgeschmolzen worden w\u00e4re. Die Nachtfee sah den K\u00e4fer an:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDa hast du also wirklich zwei artige Kinderchen gefunden, die so viel Mut haben und so viel Liebe zu den kleinen Tieren, dass sie so gro\u00dfe Gefahren bestehen wollen f\u00fcr dich, Maik\u00e4ferlein?\u00ab fragte sie. \u00bbZu dienen, zu dienen, Frau Nachtfee!\u00ab stotterte der Sumsemann, zitternd vor Aufregung, und machte mindestens sechs Kratzf\u00fc\u00dfchen hinter dem R\u00fccken des Sandm\u00e4nnchens. \u00bbDonnerwetter, hat der Kerl ein Gl\u00fcck ! \u00ab bullerte der Donnermann. \u00bbKolossal!\u00ab schnarrte der Eismax, und alle anderen waren derselben Ansicht. Die Nachtfee aber kam herunter von ihrem Thron, nahm die Kinder in die Arme und k\u00fcsste sie auf die Stirn. \u00bbF\u00fcrchtet ihr euch denn gar nicht, ihr kleinen Wesen?\u00ab fragte sie. Anneliese sagte nichts; sie fasste Peterchen nur bei der Hand und machte ganz gro\u00dfe Augen; Peterchen aber sch\u00fcttelte energisch den Kopf und zog sein Holzschwert. \u00bbAngst haben sie nicht!\u00ab meinte der Sandmann schmunzelnd; er hatte es ja schon verschiedene Male festgestellt. Man konnte ihm auch wirklich glauben, denn Peterchen stand wie ein kleiner Soldat so stramm mit seinem Schwert vor der wilden Gesellschaft im Saal. Das machte nat\u00fcrlich dem Eismax viel Vergn\u00fcgen, und auch der Morgenstern und der Abendstern, die S\u00f6hne der Sonne, blitzten sich an. Der Junge gefiel ihnen wirklich. \u00bbGut!\u00ab sagte die Nachtfee und strich Peterchen \u00fcber den Kopf; denn nun sollten sie ihr Abenteuer mit dem Mondmann mit Hilfe der gro\u00dfen Naturkr\u00e4fte bestehen, weil es wirklich ein sehr gef\u00e4hrliches Abenteuer war.<\/p>\n\n\n\n<p>Sturmriese, Donnermann und Wassermann wurden also von der Nachtfee gefragt, ob sie den Kindern helfen wollten. Nat\u00fcrlich wollten sie es, und der Donnermann, dem das viel Spa\u00df machte, trat ganz dicht an Peterchen und Anneliese heran, um zu pr\u00fcfen, ob es mit der Furchtlosigkeit auch wirklich stimmte. \u00bbPotz Knatter, Kn\u00e4blein, Er will es wagen?<\/p>\n\n\n\n<p>Kann Er denn einen kr\u00e4ftigen Donner vertragen?\u00ab bullerte er. \u00bbHerr Donnermann, ich hab&#8216; keine Angst!\u00ab meinte Peterchen unerschrocken und nahm Anneliese dicht in seine Arme. Bums! &#8230; gab es pl\u00f6tzlich einen f\u00fcrchterlichen Donnerschlag, dass der Boden der Halle bebte und die S\u00e4ulen der Kuppel an zu klingen fingen. Aber Peterchen stand mutig vor dem wilden, rothaarigen Donnerriesen und sagte: \u00bbDas war noch gar nichts, Herr Donnermann! Mach&#8217;s ruhig noch mal!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Anneliese hatte keine Miene verzogen. Sie hielt dem Donnermann nur einen rotb\u00e4ckigen Apfel zur Bes\u00e4nftigung unter die dicke Nase. Dass jetzt der Donnerriese sich freute, war selbstverst\u00e4ndlich. Er fra\u00df den Apfel schmunzelnd auf, meinte, dass Peterchen Artilleriegeneral werden w\u00fcrde, und schwor, ihm gegen den Mondmann zu helfen. Ebenso tat der Sturmriese, nachdem er einen pl\u00f6tzlichen, f\u00fcrchterlichen Wirbelwind mit vollkommener Finsternis gemacht hatte, ohne die Kinder umzublasen oder auch nur zu erschrecken. Auch der Wassermann versprach ihnen seine Hilfe, weil er von den Wassernixen wusste, dass die Kinder nicht wasserscheu w\u00e4ren und dass sie Schwamm, Badewanne, Seife und Zahnb\u00fcrste t\u00fcchtig gebrauchten. Als Peterchen ihm gar sagte, dass er schon schwimmen k\u00f6nne wie ein kleiner Frosch, war der dicke Wassermann vollkommen zufrieden und rutschte quaksend wieder in seine Wanne zur\u00fcck. So war auch diese Probe gl\u00fccklich \u00fcberstanden; nur der Maik\u00e4fer war schon anfangs bei dem gro\u00dfen Donner umgefallen und hatte die ganze Zeit auf dem R\u00fccken gelegen. Das war aber gleichg\u00fcltig; es hatte zum Gelingen der Fahrt nichts zu bedeuten, da es nur auf den Mut der Kinder ankam. Die halfen nun dem umgefallenen, zitternden Sumsemann freundlich wieder auf die Beine. Von dieser Hilfsbereitschaft war die Nachtfee und besonders die Sonne sehr erfreut.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt aber sollte die Reise schnell fortgesetzt werden, denn bis zum Mondberg war es noch sehr weit, und vor Tag mussten Peterchen und Anneliese wieder in ihrem Bettchen auf der Erde sein, sonst h\u00e4tten sie nie mehr zur\u00fcckgefunden. Da gab&#8217;s nur einen Rat: Sie mussten auf dem gro\u00dfen B\u00e4ren zum Mond hin\u00fcberreiten; der konnte n\u00e4mlich furchtbar schnell laufen. Also befahl die Nachtfee dem Milchstra\u00dfenmann, schleunigst den gro\u00dfen B\u00e4ren herbeizuholen. Der Milchstra\u00dfenmann bekam einen Schreck und meinte, das ginge heute nicht, weil der B\u00e4r sehr b\u00f6se sei, gr\u00fcne Augen habe und selbst ihn, den Milchstra\u00dfenmann, beim F\u00fcttern beinahe gebissen h\u00e4tte. Er solle den B\u00e4ren nur aus dem Stall holen, befahl die Nachtfee, man w\u00fcrde ihn schon z\u00e4hmen k\u00f6nnen. So trottete der Milchstra\u00dfenmann zum B\u00e4renstall, um das Unget\u00fcm loszubinden und herbeizuf\u00fchren; er musste gehorchen. Die Nachtfee aber gab nun dem Sandm\u00e4nnchen den Auftrag, den Kindern weiter als F\u00fchrer zu dienen. Er solle den B\u00e4ren zun\u00e4chst nach der Weihnachtswiese auf dem Monde lenken. Dann solle die Reise \u00fcber die Mondh\u00fcgel, T\u00e4ler und Wiesen, am Osternest vorbei bis zu der silbernen Riesenkanone gehen, die am Fu\u00dfe des h\u00f6chsten Mondberges steht. In diese Kanone m\u00fcssten die Kinder und der Maik\u00e4fer hineingeladen und auf den Berg hinaufgeschossen werden, denn anders k\u00f6nnten sie nicht hinaufkommen. Oben auf dem Berge aber sei das Abenteuer mit dem Mondmann zu bestehen. Bis dahin solle Sandm\u00e4nnchen helfen, und gern sagte es zu, alles dies nach der Ordnung zu besorgen, denn es hatte die beiden Hemdenm\u00e4tze schon schrecklich lieb, weil sie so brav und mutig waren. Nun kam der gro\u00dfe B\u00e4r, vom Milchstra\u00dfenmann an der Kette gef\u00fchrt, durch die Wolken herbei. Ein riesengro\u00dfes Unget\u00fcm war dieser B\u00e4r. Schneewei\u00df war sein Fell und dick und zottelig. Er war gr\u00f6\u00dfer als der gr\u00f6\u00dfte Elefant, und wenn&#8216; er brummte, klang es beinahe wie das Bullern vom Donnermann. So stand er mitten im Saal, brummte und glotzte b\u00f6se mit leuchtend gr\u00fcnen Augen umher. Der Milchstra\u00dfenmann machte ein sehr besorgtes Gesicht zu der Geschichte. Er wusste ganz genau, wie stark der B\u00e4r war und was er f\u00fcr grimmige Z\u00e4hne hatte. Er musste erst bes\u00e4nftigt werden, denn so h\u00e4tte man ihn gewiss nicht besteigen k\u00f6nnen. Da hatte der Sandmann wieder einen guten Gedanken: Die Kinder sollten ihm \u00c4pfelchen zu fressen geben! Der B\u00e4r war n\u00e4mlich ein gro\u00dfer Schleckerfritze; das wusste Sandm\u00e4nnchen von den Sternen, die ihm manchmal ein wenig Milchstra\u00dfenhonig zu lecken gaben, wenn sie ihm im Fell w\u00fchlen wollten. Peterchen ging denn auch gleich mit einem Apfel in der Hand auf den B\u00e4ren los. Alle guckten. Es war wirklich ein sehr spannender Augenblick, als das gro\u00dfm\u00e4chtige Unget\u00fcm dem kleinen Peterchen gegen\u00fcber den Rachen aufriss und wild mit den b\u00f6sen Augen glotzte. Schwupp! flog ihm der Apfel, gut gezielt, in den weiten, roten Schlund. Schwapp! klappte der Rachen zu, und, das war sehr komisch, abwechselnd gr\u00fcn und rot wurden die Augen, als w\u00fcsste der B\u00e4r nicht, ob er noch b\u00f6se oder schon gut sein sollte. \u00bbSeht ihr, halb ist er schon bez\u00e4hmt und gut!\u00ab rief das Sandm\u00e4nnchen sehr vergn\u00fcgt. \u00bbNun schnell noch einen zweiten Apfel, dann ist er zahm wie ein K\u00e4tzchen ! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Anneliese stellte sich auf die Zehenspitzen mit einem Apfel im H\u00e4ndchen. Sie war wirklich noch sehr klein, denn sie reichte lange, lange nicht hinauf bis an den gro\u00dfen Rachen, der \u00fcber ihr aufklappte, als der Duft von dem \u00c4pfelchen kam. Also hob das Sandm\u00e4nnchen die kleine, tapfere Anneliese hoch, dass sie ordentlich zielen konnte, und &#8211; happs! hatte der B\u00e4r das \u00c4pfelchen verschluckt. In demselben Augenblick bekam er rote, gutm\u00fctige Augen und leckte sich, zufrieden wie ein kleiner Hund, die Schnauze. Das war eine Freude!<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEr kann auch Kunstst\u00fcckchen machen\u00ab, sagte der Milchstra\u00dfenmann. Nat\u00fcrlich musste er Peterchen nun die Pfote geben und vor Anneliese gar ein M\u00e4nnchen machen. Oooooh, wie das aussah!<\/p>\n\n\n\n<p>Bis oben in die Kuppel des Saales reichte er hinauf, als er sich gutm\u00fctig aufrichtete vor Anneliese, die wie ein winzig, winzig kleiner, wei\u00dfer Floh vor ihm stand in ihrem Hemdchen. Der Eismax war ganz begeistert von der K\u00fchnheit dieses kleinen M\u00e4dchens. Er kam und k\u00fcsste ihr die Hand, wie einer gro\u00dfen Dame. Nun war Anneliese nat\u00fcrlich wieder ein bissel verlegen. Es gab aber jetzt keine Zeit mehr zu verlieren. Der Milchstra\u00dfenmann kam schon mit einer Leiter zum Aufsteigen herbei, w\u00e4hrend die Kinder der Nachtfee und ihren G\u00e4sten ade sagten. Eine Menge K\u00fcsschen bekamen sie dabei von allen. Peterchen dachte: &gt;Der vom Taumariechen hat am besten geschmeckt &#8211; wundersch\u00f6n! und der von der Blitzhexe am schlechtesten: so ein bisschen brenzlig!&lt;<\/p>\n\n\n\n<p>Anneliese fand den Kuss vom Morgenstern am sch\u00f6nsten und den vom Regenfritzen gar nicht sehr sch\u00f6n &#8211; so \u00f6lig! Heimlich wischte sie sich das M\u00e4ulchen ab, aber ganz heimlich nur, denn es war doch sehr nett, dass alle diese wilden Wesen so freundlich zu ihnen waren. Man durfte sie gewiss nicht beleidigen. Inzwischen hatte der Milchstra\u00dfenmann die Leiter an den gro\u00dfen B\u00e4ren gelegt, und nun kletterten die vier auf den R\u00fccken des gewaltigen Tieres. Sandm\u00e4nnchen sa\u00df vorn und lenkte ihn bei den Ohren, dann kam Peterchen, dann Anneliese und ganz zuletzt der Maik\u00e4fer, der wieder eine bedeutende Angst hatte und so dicht an Anneliese heranrutschte, als es nur irgend m\u00f6glich war. Als sie sicher oben im weichen Fell sa\u00dfen, winkte ihnen die Nachtfee mit allen ihren G\u00e4sten noch einmal lieb und freundlich zum Abschied; und dann ging&#8217;s los!<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbHopp, Petz!\u00ab rief das Sandm\u00e4nnchen. Der gewaltige B\u00e4r schnaufte einmal und noch einmal wie eine Lokomotive und st\u00fcrmte aus dem Saal, \u00fcber die Wolkenberge, die das Schloss trugen, hinaus ins Weite, so rasend schnell, dass den Reitern fast H\u00f6ren und Sehen verging.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Ritt auf dem gro\u00dfen B\u00e4ren<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, das war ein Ritt! Von der Geschwindigkeit entstand ein Summen und Brausen um die vier Reiter, dass man denken konnte, ein Sturm k\u00e4me daher. Helle Funken stoben dem B\u00e4ren aus dem Rachen und gl\u00fchten hinter ihm als eine schimmernde Lichtbahn durch den pechdunkeln Weltenraum. Dicht aneinandergeschmiegt sa\u00dfen sie, tief auf das wei\u00dfe B\u00e4renfell gebeugt; kein Wort konnten sie sprechen. Sandm\u00e4nnchens Zipfelm\u00fctze flog wie eine kleine Fahne im Sturm, und Anneliese musste ihr P\u00fcppchen schrecklich festhalten, sonst w\u00e4re es ihr fortgepustet worden. So ging es eine ganze Weile. Da kam ihnen etwas durch die Nacht entgegen. Ein riesengro\u00dfer, leuchtender Klumpen, n\u00e4her und n\u00e4her! Es sah aus wie ein Kopf mit einem wehenden, wei\u00dfen Bart, der viele hundert Meilen lang war. Ein Komet war es, der um den Mond herumgeflogen war und ihnen nun auf seiner Reise begegnete. Gut nur, dass sie auf dem gro\u00dfen B\u00e4ren ritten, denn sonst w\u00e4re diese Begegnung sehr gef\u00e4hrlich gewesen. Als n\u00e4mlich der Komet immer n\u00e4her kam, sahen sie, dass er seinen Weg gerade auf sie zu nahm. Pl\u00f6tzlich aber stie\u00df der B\u00e4r ein drohendes Gebr\u00fcll aus und schnaubte ganze Str\u00f6me von Funken vor sich her, w\u00e4hrend er seine furchtbaren Z\u00e4hne zeigte. Da wich der Komet schnell aus und sauste neben ihnen vorbei; sonst h\u00e4tte er sie ganz gewiss \u00fcber den Haufen geflogen. Unheimlich sah er aus. Einen Kopf hatte er wie gl\u00fchendes Eisen mit flatternden Haaren von gr\u00fcnem Feuer. Schwefelgelbe, stechend helle Augen hatte er, keine Arme und Beine, sondern nur den langen, wohl tausend Meilen langen Flammenbart hinter sich her. So schoss er vor\u00fcber, hier, wo es keinen Weg und Steg mehr gab in der gro\u00dfen Nacht, und die Kinder merkten schon, wie gut es war, dass die Nachtfee ihnen ein so gewaltiges Reittier gegeben hatte, vor dem selbst der Komet Angst bekam. Es sah aber auch sehr gef\u00e4hrlich aus, als der gro\u00dfe B\u00e4r die Z\u00e4hne zeigte, die wie eine Reihe blanker S\u00e4bel durch den roten Funkendampf aus seinem Rachen blitzten. Husch, war alles wieder vorbei, und weiter ging der Ritt auf den Mond zu, dem man nun schon ganz nahe war. Er wurde immer gr\u00f6\u00dfer; so gro\u00df wie der halbe Himmel war er schon, und sie merkten, dass er ganz \u00e4hnlich aussah wie die Erde, die da weit, weit unten in der Tiefe des Himmelsraums lag, als ein kleiner, runder Fleck.<\/p>\n\n\n\n<p>Da landete der B\u00e4r auch schon mit einem k\u00fchnen Satz auf dem Monde!<\/p>\n\n\n\n<p>Aus einem seltsam lichten Gestein war alles ringsum. Berge gab es, T\u00e4ler und gro\u00dfe Ebenen, in denen seltsame Pflanzen wuchsen. Die Berge waren wei\u00df, wie von Silber, und die Ebenen gelb, wie von Gold. Summ &#8211; ging es durch ein langes Tal dahin, aber ehe sie sich noch recht besonnen hatten, rief das Sandm\u00e4nnchen schon: \u00bbHalt, Petz!\u00ab, und sie hielten vor einem gro\u00dfen Felsentor. \u00bbAbsteigen!\u00ab sagte der Sandmann, und sie kletterten von ihrem treuen Reittier herunter. Der B\u00e4r blieb vor dem Tor ein wenig abseits und schnupperte dort an den sonderbaren Mondblumen herum, die aussahen, als w\u00e4ren sie aus blauem Porzellan. Sandm\u00e4nnchen aber trat mit den Kindern dicht an<\/p>\n\n\n\n<p>das Tor, \u00fcber dem mit gr\u00fcnen Edelsteinen geschrieben stand:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEingang zur Weihnachtswiese!\u00ab Rechts an der Seite war ein kleiner Funkenknopf im Felsen, daneben stand: \u00bbKlingel zum Weihnachtsmann!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Und jetzt kam ein gro\u00dfer Augenblick!<\/p>\n\n\n\n<p>Das Sandm\u00e4nnchen strich sich den Schlafrock glatt, machte ein sehr feierliches Gesicht, hob bed\u00e4chtig den Zeigefinger und dr\u00fcckte auf den Knopf. Da ert\u00f6nte ein wundersames L\u00e4uten von innen, goldene Glocken mussten es wohl sein, und lautlos \u00f6ffnete sich das Tor. Mildes Licht, von Millionen Kerzen, die man nicht sah, floss ihnen entgegen, und an der Hand des Sandm\u00e4nnchens traten sie mit klopfenden Herzen \u00fcber die Schwelle zur Weihnachtswiese.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Weihnachtswiese<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hier waren noch niemals Kinder gewesen; es war ein unbeschreibliches Gl\u00fcck f\u00fcr die beiden kleinen Reisenden, dass ihnen die Nachtfee erlaubte, dies zu sehen. Der Maik\u00e4fer durfte \u00fcbrigens auch mit, denn es w\u00e4re doch leicht m\u00f6glich gewesen, dass der gro\u00dfe B\u00e4r ihn tottrat oder vielleicht gar auffra\u00df, wenn er mit ihm eine Weile allein geblieben w\u00e4re. Ganz bescheiden krabbelte also der Sumsemann hinter den dreien her, als sie nun auf einem Goldkieswege zwischen kleinen, gr\u00fcnen Tannenb\u00e4umchen weiterschritten. Die Luft war erf\u00fcllt von herrlichem Kuchenduft. Alle Kuchen der Welt schienen hier zu sein &#8211; besonders nach Pfefferkuchen roch es. Ein warmer, leiser Wind, der in den Zweigen der kleinen Tannen s\u00e4uselte, trug ihnen diesen pr\u00e4chtigen Duft zu. Selbst das Sandm\u00e4nnchen bekam davon Kuchenappetit; es wischte sich den Mund sehr umst\u00e4ndlich und tat so, als ob es niesen m\u00fcsste, damit man&#8217;s nicht merken sollte. Der Weg, auf dem sie durch das Tannenw\u00e4ldchen gingen, war mit vergoldetem Schokoladenpl\u00e4tzchenkies bestreut. Das roch nat\u00fcrlich auch gut. Anneliese schnabulierte schnell mal ein Pl\u00e4tzchen, und Peterchen auch. Wirklich, es waren Schokoladenpl\u00e4tzchen! &#8211; und was f\u00fcr welche! &#8211; hmmm!<\/p>\n\n\n\n<p>Nun waren sie aus dem W\u00e4ldchen heraus. Einen Augenblick blieben sie stehen, vor Erstaunen ganz starr \u00fcber das, was sie jetzt vor sich sahen. Kein Traum h\u00e4tte jemals etwas so Sch\u00f6nes zaubern k\u00f6nnen!<\/p>\n\n\n\n<p>Eine weite, weite Landschaft lag vor ihnen: G\u00e4rten und Felder, W\u00e4lder und Wiesen, H\u00fcgel und T\u00e4ler, B\u00e4che und Seen, von einem goldenen Himmel hoch \u00fcberspannt. Eine Spielzeuglandschaft war es, die fast so aussah wie eine richtige Landschaft; und doch anders, ganz anders &#8211; viel, viel zauberhafter. Nicht wie in einer gew\u00f6hnlichen Landschaft wuchsen da Kartoffeln oder Bohnen, Gras oder Klee, sondern hier wuchs das Spielzeug. Alles, was man sich nur irgend denken kann, wuchs hier; von den Soldaten bis zu den P\u00fcppchen und Hampelm\u00e4nnern, von den Murmelkugeln bis zu den Luftballons. Auf bunten Feldern und Wiesen, in niedlichen gr\u00fcnen G\u00e4rten, an Str\u00e4uchern und B\u00e4umchen, \u00fcberall sprosste, bl\u00fchte und reifte es.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Bilderb\u00fccherwiese war da, auf der alle Bilderb\u00fccher wie Gem\u00fcse wuchsen. Das sah sehr bunt und vergn\u00fcgt aus; manche waren noch nicht entfaltet und wie Knospen in ihren H\u00fcllen, kleine Rollen in allen Farben; manche waren schon auf, schaukelten im Winde und bl\u00e4tterten um. Daneben sah man Beete mit Trompeten und Trommeln. Wie K\u00fcrbisse und Gurken kamen sie aus der Erde hervor. Nicht weit davon waren gro\u00dfe Rasenfelder mit Soldaten bewachsen, die zum Teil schon weit aus der Erde herausguckten, zum Teil noch bis an den Hals darin steckten oder erst mit der Helmspitze hervorsahen wie kleine Spargel. Dann war ein Feld dort, auf dem die Petzb\u00e4ren wuchsen. Ein kleiner gr\u00fcner Zaun lief rings herum, denn einige von den drolligen Tierchen waren schon reif, von ihren Wurzeln los und purzelten quiekend herum. Auf der andern Seite wieder waren G\u00e4rten mit gro\u00dfen und kleinen Str\u00e4uchern, an denen Bonbons in allen Farben und Gr\u00f6\u00dfen wuchsen. Kleine Teiche von roter und gelber Limonade gl\u00e4nzten zwischen Schilfwiesen, in denen aus den raschelnden Halmen silbrige Schilfkeulen wuchsen &#8211; die Zeppelinballons, Niedliche, summende Flugmaschinen flogen dort als Libellen herum. Ganz besonders sch\u00f6n waren auch die gro\u00dfen Tannen, an denen die vergoldeten \u00c4pfel und N\u00fcsse wuchsen, und die Pfefferkuchenb\u00e4ume. Sie standen meistens in Gruppen auf kleinen, runden Pl\u00e4tzen mit Krachmandelkies. \u00dcberall h\u00f6rte man in B\u00e4umchen und Str\u00e4uchern eine s\u00fc\u00dfe Zwitschermusik. Die kam von den bunten Spielzeugv\u00f6gelchen, die zwischen Pfefferkuchenzweigen und Bonbonknospen herumhuschten. Sie hatten dort ihre Nesterchen, in denen sie flei\u00dfig Pfefferminzpl\u00e4tzchen legten. Viele br\u00fcteten auch, damit noch mehr V\u00f6gelchen zu Weihnachten auskr\u00f6chen. Sie sind ja sehr beliebt bei den Kindern auf der Erde; besonders wenn sie mit Pl\u00e4tzchen gef\u00fcllt sind &#8211; man wei\u00df das. Das Sch\u00f6nste aber, was man hier sehen konnte, war eigentlich der Puppengarten. Ein ganzer Wald von bunten B\u00fcschen und B\u00e4umchen auf gr\u00fcnem Sammetrasen, von einem goldenen Zaun umgeben. An den B\u00fcschen und B\u00e4umchen sa\u00dfen Tausende und aber Tausende von Puppen und P\u00fcppchen. Wie kleine Blumen wuchsen sie an den Zweigen; zuerst nur Knospen von Sammet oder Seide, dann Bl\u00fcmchen mit kleinen Gesichtern in der Mitte und dann endlich P\u00fcppchen oder Puppen mit Haar, Schuhen und Schleifen in allen Gr\u00f6\u00dfen und Farben. An feinen, silbernen Stielen hingen sie von den Zweigen und konnten abgepfl\u00fcckt werden. Ein kleiner See war auch im Puppengarten, ganz bedeckt mit wundersch\u00f6nen Wasserrosen. Wenn die aufbl\u00fchten und ihre wei\u00dfen oder gelben seidenen Bl\u00e4tter auseinander falteten, so gab es einen kleinen, klingenden Knall, und in der offenen Blume lag ein rosiges Badep\u00fcppchen. Sehr lustig war das!<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, und dann gab&#8217;s noch so einen kleinen, seltsamen Wald, ein wenig versteckt in einem tieferen Tal, so seitw\u00e4rts, hinter einer Marzipanschweinez\u00fcchterei. Ganz kahl war&#8217;s da, ohne ein Bl\u00e4ttchen; nur B\u00e4umchen mit Ruten. Immerfort pfiff ein Wind, dass die Ruten sich bogen. Kein V\u00f6gelchen zwitscherte, kein Flugmaschinchen summte; es war nicht sehr freundlich in dem Wald. Man brauchte ihn eigentlich auch gar nicht zu bemerken, so versteckt lag er. Aber er war doch da auf der Weihnachtswiese &#8211; der Rutenwald.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann sich wohl denken, wie den Kindern zumute war, als sie alle diese zauberhaften Dinge sahen, w\u00e4hrend sie an der Hand des Sandm\u00e4nnchens \u00fcber Krachmandel- und Schokoladenwege, \u00fcber Zuckerbr\u00fccken und Marzipanstra\u00dfen hinwanderten zu einem kleinen sanftleuchtenden Berge, der die Mitte des Ganzen bildete. Dort liefen alle Wege und Stra\u00dfen zusammen auf einen, von Tannenb\u00e4umchen umhegten Platz. Auf diesem Platze aber &#8211; ja, das war das Allersch\u00f6nste! stand die goldene Wiege des Christkindchens. Neben der Wiege, auf einem sch\u00f6nen, himmelblauen Gro\u00dfvaterstuhl sa\u00df der Weihnachtsmann in seinem pelzverbr\u00e4mten Rock mit einer silbergrauen Pudelm\u00fctze und schneewei\u00dfem Bart. Er hatte eine lange, sch\u00f6ne Pfeife mit bunten Troddeln im Munde, aus der er ab und zu gro\u00dfm\u00e4chtige Wolken in die Luft paffte. Dazu wiegte er leise die goldene Wiege, und \u00fcber der Wiege schwebte still ein leuchtender Heiligenschein. Es war sehr feierlich, es war sehr sch\u00f6n!<\/p>\n\n\n\n<p>Nun sah der Weihnachtsmann die kleinen Besucher, die da ankamen. Ein freundliches L\u00e4cheln huschte \u00fcber sein Gesicht &#8211; er wusste schon Bescheid-, stand auf, kam ihnen entgegen und sagte:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEi, ei, das ist mir eine Freude!<br>Guten Tag, ihr lieben Kinderchen beide,<br>Und Sandm\u00e4nnchen, und Maik\u00e4fermann;<br>Willkommen hier auf der Weihnachtswiese!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann gab er den Kindern die Hand. Peterchen war noch ein wenig sch\u00fcchtern und Anneliese erst recht; es war auch wirklich ein sehr feierlicher Augenblick. Aber der gute Weihnachtsmann streichelte ihnen die K\u00f6pfe und die B\u00e4ckchen und sagte:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNun Peterchen? &#8211; nun Anneliese? &#8211;<br>Jaja, ich kenn&#8216; euch, wisst ihr&#8217;s nicht mehr?<br>Ich kenne euch gut, noch von Weihnachten her!<br>Artig wart ihr alle beide;<br>Ich wei\u00df es, ihr macht eurem M\u00fctterchen Freude.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kinder erinnerten sich nat\u00fcrlich ganz genau, wie der Weihnachtsmann damals gekommen war mit N\u00fcssen und \u00c4pfeln und das Weihnachtsb\u00e4umchen gebracht hatte. Wahrscheinlich hatte er auch die vielen anderen sch\u00f6nen Sachen gebracht, die nachher auf dem Weihnachtstisch lagen. Das dachten sie sich jetzt, nachdem sie gesehen hatten, dass hier alles Spielzeug wuchs. Der Weihnachtsmann hatte n\u00e4mlich damals lange mit Muttchen gesprochen, nachdem sie ihren Spruch sch\u00f6n hergesagt hatten, und dann aus einem gro\u00dfm\u00e4chtigen Sack, der ihm \u00fcber den R\u00fccken hing,<\/p>\n\n\n\n<p>alles m\u00f6gliche herausgenommen. Muttchen hatte das schnell in die Weihnachtsstube gebracht; dann hatte der Weihnachtsmann genickt, genau so freundlich wie jetzt, und war verschwunden. Nat\u00fcrlich kannten sie ihn!<\/p>\n\n\n\n<p>Und so fasste Peterchen sich Mut, erz\u00e4hlte, was er vom vorigen Weihnachten wusste, und Anneliese nickte eifrig mit dem Kopf dazu. Ja, es stimmte! Der Weihnachtsmann best\u00e4tigte alles so freundlich, dass die Kinder jede Scheu verloren und sich zutraulich an ihn dr\u00e4ngten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein sehr spa\u00dfiges M\u00e4nnchen sprang da noch mit einer kleinen Gie\u00dfkanne bei den Weihnachtsb\u00e4umen herum und begoss immerfort. Dazu sang es mit seinem d\u00fcnnen Stimmchen:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbO Tannebaum, O Tannebaum,<br>Wie gr\u00fcn sind deine Bl\u00e4tter!<br>Du gr\u00fcnst nicht nur zur Sommerszeit,<br>Nein auch im Winter, wenn es schneit;<br>O Tannebaum, O Tannebaum,<br>Wie gr\u00fcn sind deine Bl\u00e4tter!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Peterchen musste pl\u00f6tzlich laut lachen. Der Weihnachtsmann aber erkl\u00e4rte, dies sei das Pfefferkuchenm\u00e4nnchen, sein Gehilfe, der schrecklich viel zu tun h\u00e4tte mit dem Begie\u00dfen und Pflegen all der sch\u00f6nen Sachen. Davon w\u00e4re er zu Weihnachten so m\u00fcrbe und braun. Das M\u00e4nnchen sprang zwischen den B\u00e4umchen herum wie ein kleiner Floh und begoss &#8211; mit Zuckerwasser!!<\/p>\n\n\n\n<p>Am meisten aber waren die Kinder jetzt neugierig auf das Christkindchen. Auf den Zehenspitzen schlichen sie n\u00e4her; denn der Weihnachtsmann sagte:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEs schl\u00e4ft, um sich das Herz zu st\u00e4rken,<br>Zu allen seinen Liebeswerken.<br>Derweil muss ich es wiegen und warten<br>Hier oben im stillen Weihnachtsgarten.<br>Und wenn unsre Stunde gekommen ist,<br>In der Winterszeit, zum heiligen Christ,<br>Dann weck&#8216; ich es ganz leise, leise,<br>Und wir machen uns auf die weite Reise<br>Durch Nacht und W\u00e4lder, durch Schnee und Wind,<br>Dorthin, wo artige Kinder sind.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, da lag es, tief in den schneewei\u00dfen Kissen, mit goldblonden, strahlenden Locken und schlief. Die Kinder falteten leise die H\u00e4nde und knieten ganz von selbst neben der Wiege nieder, so sch\u00f6n und so heilig war es. Als sie aber niederknieten, kniete auch der Weihnachtsmann und das Pfefferkuchenm\u00e4nnchen mit ihnen. In demselben Augenblick ging ein wundersames Klingen durch die Luft, als s\u00e4ngen tausend kleine Weihnachtsengelchen das Weihnachtslied. Als Anneliese und Peterchen es h\u00f6rten, sangen sie unverzagt mit, und ihre Stimmen klangen so sch\u00f6n mit den Engelstimmchen zusammen, dass sie ganz gl\u00fccklich waren. W\u00e4hrend des Gesanges aber fiel vom Himmel herab ein goldener Schnee, der duftete sch\u00f6ner als alle Blumen der Welt. Auf allen B\u00e4umen und B\u00e4umchen ringsum gl\u00fchten Lichterchen auf, und gro\u00dfe Sterne strahlten vom Wipfel jeder Tanne im Garten. Himmelssch\u00f6n war es eigentlich und gar nicht zu beschreiben. Es war aber schon wieder Zeit zur Reise. Das Sandm\u00e4nnchen winkte zum Aufbruch, und von fernher h\u00f6rte man auch den B\u00e4ren brummen und stampfen, der ungeduldig wurde wie ein Pferdchen, das nicht mehr warten will. So gaben die Kinder dem Weihnachtsmann die Hand und bedankten sich sehr sch\u00f6n. Der lachte freundlich und steckte schnell noch jedem ein ganz frisches Pfefferkuchenp\u00e4ckchen ins K\u00f6rbchen. Dann nickte er dem Sandm\u00e4nnchen zu, setzte sich in seinen Gro\u00dfvaterstuhl, paffte riesengro\u00dfe, steingraue Wolken aus der Pfeife und wiegte das heilige Kindchen. Dazu sprang das Pfefferkuchenm\u00e4nnchen im Hintergrunde zwischen den Tannen herum, begoss und sang sein Liedchen. So war alles wieder wie vorher. Die drei Abenteurer aber eilten mit dem Sandm\u00e4nnchen zum Eingangstor zur\u00fcck, \u00fcber die Zuckerbr\u00fccken und Schokoladenwege, schnell, schnell!<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders der Sumsemann hatte es eilig dabei, denn ihm hatte es am wenigsten gut gefallen. Gar nichts war dagewesen f\u00fcr ihn! Lauter Zucker, Marzipan, Mandeln, Rosinen, Limonade, Schokolade! Kein Bl\u00e4ttchen gab&#8217;s, nur Tannen, Bonbonstr\u00e4ucher und Pfefferkuchenb\u00e4ume &#8211; brrrrrrrr!! Nein, solche Gegend passte ihm nicht!<\/p>\n\n\n\n<p>Er hatte allerdings einen Kameraden gefunden, einen Spielzeugmaik\u00e4fer. Aber als er sich ihm vorstellte, wie sich das geh\u00f6rt, hatte der Kerl blo\u00df gerasselt und geklappert mit seinen Beinen und Fl\u00fcgeln; nicht einmal anst\u00e4ndig summen konnte er. Nat\u00fcrlich, er war aus Blech und hatte statt eines klopfenden, ritterlichen K\u00e4ferherzens nur ein paar blecherne R\u00e4der und eine Uhrfeder in der Brust. Aber sechs Beinchen hatte dieser Blechkerl! Das war wirklich \u00e4rgerlich! Er, ein echter Maik\u00e4fer, wurde von dem Rasselfritzen mit einem Beinchen \u00fcbertroffen. So packte ihn wieder die grimmigste Sehnsucht nach seinem Beinchen, und emsig, wie ein Feuerwehrmann, wenn&#8217;s brennt, lief er neben den Kindern her. Endlich ging&#8217;s ja zum Beinchen, zum Mondberg, zur Erf\u00fcllung des gro\u00dfen Wunsches der Sumsem\u00e4nner!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Osternest<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hoppla! &#8230; hoppla! &#8230; holterdiepolter! &#8230; ging&#8217;s durch die Mondgegend, dass nur so die Steinchen stiebten. Ja, waren es eigentlich Steinchen? Es klang manchmal wie Glas, wenn der B\u00e4r mit seinen Tatzen so ein St\u00fcck Mondkruste abschlug, und sah aus wie Zucker; manchmal knisterte es wie Schnee und staubte um die Reiter her, dass sie die Augen zumachen mussten, und manchmal war der Boden glatt und weich wie Gummi, der unter jedem Tritt wippte und schwippte. Dann machte der B\u00e4r so komische S\u00e4tze, dass sie beinahe von seinem R\u00fccken herunterpurzelten. Der Sandmann kannte die Landschaft aber und rief immer vorher zur Warnung:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAchtung &#8211; Kopf beugen!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Dann ging es \u00fcber so ein Krustengebirge. Die Kristalle sausten und prasselten ihnen um die Ohren, dass sie sich tief auf das dichte Fell des B\u00e4ren ducken mussten, um nicht Beulen am Kopf zu bekommen. Oder er rief:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAchtung &#8211; Augen zu!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Dann st\u00fcrmte der B\u00e4r durch eine Mondw\u00fcste, dass sie hinterher wie die M\u00fcllerjungen aussahen von dem wei\u00dfen Staub. Oder es hie\u00df:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbFesthalten! &#8211; Gummiteich!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Dann ging es \u00fcber so eine Schwabbelgegend, auf und nieder, wipp und wapp, dass man denken konnte, der B\u00e4r sei vollst\u00e4ndig betrunken. Als sie aber Bescheid wussten, wie man sich zu verhalten hatte, machte es nat\u00fcrlich gro\u00dfen Spa\u00df, und sie mussten schrecklich lachen; besonders, wenn eine Gummigegend kam. Ein sch\u00f6neres Wippespiel, als der B\u00e4r mit ihnen auf diesen Gummiteichen vollf\u00fchrte, gab es doch sonst nirgends auf der ganzen Welt. Das kann man sich wohl denken. Und nun kamen sie in die N\u00e4he des Osternestes. Wie von der Weihnachtswiese alles Spielzeug und alle Weihnachtss\u00fc\u00dfigkeiten kommen, so kommen aus dem Osternest die Ostereier. In einem weiten, wei\u00dfen Tal lag ein riesengro\u00dfes, gr\u00fcnes Nest. Es war wohl so gro\u00df wie ein Berg.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Rande des Nestes sa\u00dfen ringsherum viele, viele Tausend H\u00fchner in allen Farben; gr\u00fcne, blaue, wei\u00dfe, gelbe, rote, schwarze, bunte, gestreifte und gesprenkelte, eines dicht neben dem anderen, fein ordentlich die Schw\u00e4nzchen nach innen, die Schn\u00e4belchen nach au\u00dfen gekehrt. \u00dcber dem Nest hing ein Strick vom Himmel herunter mit einem sch\u00f6nen gelben Ring am Ende. In dem Ring aber sa\u00df ein gro\u00dfer Gockelhahn. Der schlug alle zwei Augenblicke mit den Fl\u00fcgeln und kr\u00e4hte \u00bbkikeriki-i-i-ieh ! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Und jedes Mal wenn er kr\u00e4hte &#8230; klack! &#8230; legte jedes von den H\u00fchnern ein sch\u00f6nes, farbiges Ei von Zucker, Schokolade oder Marzipan, je nach der Farbe des Huhnes. Die Eier kullerten alle in das Innere des gro\u00dfen Nestes hinunter und wurden dort von vielen Tausenden kleiner, schneewei\u00dfer und knallgelber Osterh\u00e4schen aufgesammelt, fein s\u00e4uberlich in K\u00f6rbchen und kleine Taschen gepackt und ordentlich aufgestapelt. \u00bbSo geht das immerfort\u00ab, erkl\u00e4rte der Sandmann im Vor\u00fcberreiten; \u00bbder Hahn kr\u00e4ht, die H\u00fchner legen, die H\u00e4schen sammeln und verpacken, bis das ganze, riesengro\u00dfe Nest voll ist. Und dann ist Ostern. In der Nacht vor Ostern aber nimmt jedes H\u00e4schen seine Eierlast huckepack und hoppelt damit zur Erde herunter. Dort hat jedes Haus, in dem Kinder wohnen, sein bestimmtes H\u00e4schen, das in der Osternacht die Eier bringt.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Das alles war nat\u00fcrlich schrecklich interessant. Peterchen und Anneliese wollten so gern ihr H\u00e4schen noch entdecken; aber es war keine Zeit, sie ritten zu schnell. \u00bbEs ist ein gelbes H\u00e4schen!\u00ab sagte der Sandmann, als Peterchen ihn fragte. Da waren sie auch schon vorbei und h\u00f6rten nur noch von fern ein paar Mal den gro\u00dfen Hahn kr\u00e4hen. Immer mehr n\u00e4herten sie sich jetzt dem gro\u00dfen Mondberg. Himmelhoch ragte er in die geisterblaue Nacht vor ihnen auf, steil und spitz. So einen Berg gab es nirgends auf der Erde; so seltsam h\u00e4tte man ihn sich nicht einmal tr\u00e4umen k\u00f6nnen; wie von wachswei\u00dfem Teig war er, oder von gefrorener Schlagsahne. Hopp! &#8230; sprang der B\u00e4r \u00fcber einen hohen Wall, der rings um den Berg herumlief, und nun waren sie am Ziele ihres gro\u00dfen Rittes, in einer finsteren Schlucht, am Fu\u00dfe des Mondberges &#8211; bei der Mondkanone.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Mondkanone<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein bissel unheimlich sah es doch in der Schlucht aus. Da waren so finstere Schatten und so sonderbar geformte Steine, dass man sich eigentlich h\u00e4tte f\u00fcrchten k\u00f6nnen, wenn man Zeit dazu gehabt h\u00e4tte. Wenn man aber keine Zeit dazu hat, dann f\u00fcrchtet man sich eben nicht. Das ist eine alte Geschichte. \u00bbHalt Petz!\u00ab rief das Sandm\u00e4nnchen pl\u00f6tzlich. Der B\u00e4r war noch so im Lauf, dass er auf allen vieren ein St\u00fcck weiterrutschte, ehe er sich gebremst hatte. Dicht neben einem gro\u00dfen Felskegel, der einen pechschwarzen, langen, spitzen Schatten \u00fcber einen freien Platz warf, hielt er still. Genau an der Stelle, wo der Schatten aufh\u00f6rte, stand die Mondkanone auf einem kleinen grauwei\u00dfen H\u00fcgelchen. Sie war halb darin versunken und musste wohl schon viele tausend Jahre hier stehen, denn der Mondstaub lag so dick auf ihr, dass nur hie und da noch das Metall des gewaltigen Kanonenrohres ein wenig hervorblitzte. Aus grauem Silber war dieser Kanonenlauf; noch dicker als ein Regenwasserfass und wohl zehnmal so lang. Ein kleines Leiterchen lehnte neben der M\u00fcndung, die steil in die Luft gerichtet war, und nicht weit davon stand ein Kanonenwischer, zum Putzen des Laufes, ehe geschossen wird. Der Wischer sah eigentlich sehr l\u00e4cherlich aus, wie eine m\u00e4chtige, kreisrunde Igelb\u00fcrste, mit einem langen Stiel daran. \u00bbWir sind am Ziel der Reise!\u00ab sagte jetzt das Sandm\u00e4nnchen. Also kletterten sie eiligst von dem gro\u00dfen B\u00e4ren herunter, der sich augenblicklich zum Heimgalopp umdrehte; er hatte seine Pflicht getan, wollte sein Futter haben und seine Ruhe im B\u00e4renstall. Damit hatte er nat\u00fcrlich recht, bekam zum sch\u00f6nen Dank von den Kindern noch ein \u00c4pfelchen, vom Sandmann einen freundlichen Klaps auf den dicken B\u00e4renschinken und trottete davon. Die drei Abenteurer aber standen am Fu\u00dfe des himmelhohen Berges, und das Sandm\u00e4nnchen nahm eine sehr feierliche Miene an. Jetzt kam n\u00e4mlich das gro\u00dfe Ereignis, dessentwegen sie die Reise gemacht hatten: die Begegnung mit dem Mondmann und die Eroberung des Beinchens. Hoch oben, auf der h\u00f6chsten Spitze des Berges, hauste der Mondmann, und dort stand auch in einem kleinen Wald die Birke, an der das Beinchen damals h\u00e4ngengeblieben war. Mit gro\u00dfer Wichtigkeit erkl\u00e4rte der Sandmann den Kindern, dass er sie jetzt in die Kanone hineinladen w\u00fcrde, zuerst den Sumsemann, dann das Peterchen, dann die kleine Anneliese, denn man m\u00fcsse auf den Berg hinaufgeschossen werden; anders sei es unm\u00f6glich, dort hinaufzukommen. Wenn sie aber alle oben w\u00e4ren, m\u00fcssten sie in dem kleinen Wald das Beinchen suchen, es von dem B\u00e4umchen herunternehmen und dem Sumsemann vorsichtig, an der richtigen Stelle, mit Spucke wieder ankleben. Sollte ihnen beim Suchen etwa der Mondmann begegnen, der dort oben immerfort herumliefe, so sei das auch weiter nicht schlimm. Artigen Kindern k\u00f6nne er nichts tun, wenn er auch noch so grimmig t\u00e4te. W\u00fcrde aber der greuliche Kerl gar nicht zu bes\u00e4nftigen sein, dann g\u00e4be es ein unfehlbares Mittel: die Kinder sollten nur ihre Sternchen zur Hilfe rufen. Sie w\u00fcrden schon sehen, wie das dem Mondmann bek\u00e4me. Als das Sandm\u00e4nnchen mit seiner Erkl\u00e4rung fertig war, schnaubte es sich die Nase, denn ihm war wieder ziemlich ger\u00fchrt zumute. Dass es von den beiden, lieben Kindern Abschied nehmen sollte, ging ihm doch nahe; und schlie\u00dflich &#8211; der Mondmann da oben? Es k\u00f6nnte m\u00f6glicherweise einen wirklichen Kampf geben, und einfach war das nicht. Als die Kinder merkten, dass dem guten Sandm\u00e4nnchen so ein wenig weich ums Herz war, fielen sie ihm pl\u00f6tzlich um den Hals, um sich zu bedanken, und gaben ihm herzhafte K\u00fcsschen. Na, das war was f\u00fcr das Sandm\u00e4nnchen!<\/p>\n\n\n\n<p>Nun aber hie\u00df es, ans Werk zu gehen; denn, kam der Morgen, ehe die Kinder das Beinchen hatten, so war alles umsonst. Der Sandmann ergriff den Kanonenwischer, kletterte auf dem Leiterchen zur M\u00fcndung der Kanone und putzte den Lauf umst\u00e4ndlich und gr\u00fcndlich. Es war ja, seit der Mondmann damals vor tausend Jahren hinaufgeschossen wurde, nicht mehr daraus geschossen worden; und wenn der Lauf innen nicht so blitzblank war wie eine Kakaob\u00fcchse, konnten sich die Kinderchen leicht beim Herausfliegen die Nasen abscheuern. Ernsthaft und aufmerksam guckten sie zu. Ordentlich schwitzen tat das Sandm\u00e4nnchen, und wenn es sich mal einen Augenblick verpustete, gab es den Kindern noch gute Ratschl\u00e4ge, wie sie den Mondmann behandeln m\u00fcssten; nat\u00fcrlich h\u00f6flich, denn auch die rohesten und gr\u00e4sslichsten Leute muss man immer h\u00f6flich und freundlich behandeln, dann werden sie n\u00e4mlich meistens verlegen und ganz zahm. So, jetzt war der Lauf blank!<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbVorw\u00e4rts Sumsemann! rein in die Kanone!\u00ab rief das Sandm\u00e4nnchen. Ja &#8230; wo war denn der? Nirgends war der Maik\u00e4fer zu sehen!<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEr hat sich gewiss versteckt, weil er immer so Angst hat\u00ab, meinte Anneliese. Na das hatte gerade noch gefehlt! Um sein Beinchen ging es, und da kniff er wom\u00f6glich im letzten Augenblick aus, der Jammerpipps?<\/p>\n\n\n\n<p>Peterchen fand das h\u00f6chst unm\u00e4nnlich. Sie machten sich nat\u00fcrlich schleunigst auf die Suche nach dem Auskneifer, und richtig! &#8211; da lag er hinter der n\u00e4chsten Felsennase, ganz still und stellte sich tot. So ein Feigling!<\/p>\n\n\n\n<p>Sandm\u00e4nnchen packte ihn am Kragen und r\u00fcttelte ihn geh\u00f6rig.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSumm &#8211; summ &#8211; wenn es schie\u00dfen tut,<br>Hab&#8216; ich Angst, hab&#8216; ich Angst, ich geh&#8216; kaputt!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>stotterte der edle Ritter, als man ihn zur Rede stellte. \u00bbAch was\u00ab, polterte der Sandmann, \u00bbSeinetwegen wird die Sache gemacht, und da strampampelt Er hier? Vorw\u00e4rts, rein in die Kanone!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Im Augenblick war er gepackt, hochgehoben und, obwohl er wie toll zappelte, k\u00f6pflings in den Lauf gestopft. Die Kinder mussten laut lachen, so komisch sah das aus. Sandm\u00e4nnchen aber lief gesch\u00e4ftig zum hinteren Ende der Kanone, richtete die M\u00fcndung nach dem Gipfel des Berges, zielte genau, rief: \u00bbAchtung &#8211; Augen zumachen!\u00ab und riss an der dicken Abzugsschnur. Bums!!! &#8230; gab es einen gewaltigen Knall, ein dicker Dampfstrahl fuhr aus dem Lauf der Kanone, und mitten darin sah man den Sumsemann wie ein braunes Kanonenk\u00fcgelchen gen Himmel sausen. Der Sandmann beobachtete den Schuss ganz genau. Ja, er hatte gut gezielt; der Maik\u00e4fer war oben!<\/p>\n\n\n\n<p>Nun kam Peterchen an die Reihe. Er wurde hochgehoben. \u00bbGl\u00fcck auf die Reise!\u00ab sagte das Sandm\u00e4nnchen und lie\u00df ihn sacht in den Kanonenlauf hinunterrutschen. Komisch war&#8217;s da drin, wirklich wie in einer gro\u00dfen Kakaob\u00fcchse!<\/p>\n\n\n\n<p>Peterchen wollte sich gerade noch ein bisschen diese sonderbare Umgebung besehen, da h\u00f6rte er, wie drau\u00dfen das Sandm\u00e4nnchen rief:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAugen zu!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Schnell kniff er die Augen zu. In demselben Augenblick gab es auch schon einen Knall rings um ihn herum und &#8230; sirrrrrrr&#8230; schwirrte er aus der Kanone, in einem wundersch\u00f6nen Bogen himmelw\u00e4rts den Berg hinauf. Wupp! da sa\u00df er oben auf der Kante des Berggipfels, dicht neben dem Sumsemann. Beide guckten sich ganz erstaunt an, aber sie hatten sich noch gar nicht so recht besonnen &#8211; bums&#8230; . wupp! &#8211; sa\u00df auch schon Anneliese als dritte neben ihnen. \u00bbAch!\u00ab sagten sie alle drei und sperrten die M\u00e4uler auf. Dann aber mussten sie \u00fcber ihre eigenen, erstaunten Gesichter lachen. Selbst der Sumsemann grinste, nachdem er sich vorher genau bef\u00fchlt hatte, ob auch noch alles heil an ihm sei. Es war eigentlich das erste Mal, dass er grinste; seine F\u00fchlerh\u00f6rnchen bibberten ordentlich vor Vergn\u00fcgen. Er war \u00fcberzeugt, dass dieses Erlebnis ihn f\u00fcr alle Zeiten zum Helden der Maik\u00e4fer machen w\u00fcrde. Aus einer Kanone war noch nie ein Maik\u00e4fer geschossen worden; das war ein Abenteuer, eine Tat des Mutes und der M\u00e4nnlichkeit, wie sie noch keiner der vielen Fr\u00fchlingsritter auf den Kastanien, Linden oder Buchen der Erde vollbracht hatte!<\/p>\n\n\n\n<p>Er erhob sich umst\u00e4ndlich, plusterte sich auf, dass er noch einmal so dick wurde, wie er sonst war, und spazierte mit sehr komischen stolzen Geb\u00e4rden vor den Kindern umher. &gt;Ein Denkmal muss mir gesetzt werden&lt;, dachte er; &gt;im Rasen bei der dicken Kastanie, unter einem breiten Maigl\u00f6ckchenblatt und in der Stellung eines Ritters, der auf einer Kanonenm\u00fcndung sitzt. An jedem Sonntagabend, wenn der Mond kommt, m\u00fcssen sich alle Maik\u00e4fer der Gegend dort versammeln und ein feierliches Ba\u00dfgeigenkonzert mit Paukenbegleitung veranstalten. Extra komponiert wird es zur Erinnerung an die Taten des gro\u00dfen Nationalhelden Sumsemann.&lt;<\/p>\n\n\n\n<p>Er sah wirklich schon beinahe aus wie ein Maik\u00e4fer-Nationaldenkmal, als er sich nach diesem weltbewegenden Gedanken vor den beiden Kindern aufpflanzte und mit geheimnisvoll d\u00fcsterem Tone sagte:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNun lasst uns das Beinchen suchen gehn, Damit die Tat vollkommen werde, Und alle K\u00e4fer staunend stehn vor dem Ruhme Sumsemanns auf der Erde!<\/p>\n\n\n\n<p>Peterchen und Anneliese mussten nat\u00fcrlich innerlich ein wenig l\u00e4cheln \u00fcber diesen komischen Stolz des guten Herrn Sumsemann; aber sie lie\u00dfen sich das nicht merken, weil sie h\u00f6fliche Kinder waren. Sie erhoben sich also ebenfalls, strichen ihre Hemdchen glatt, nahmen ihre Sachen und begaben sich auf die Suche nach dem Beinchen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Kampf mit dem Mondmann<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Monde war eigentlich alles sonderbar und wunderlich; aber auf dem Gipfel des Mondberges war es doch am allerseltsamsten. B\u00e4ume standen da, die gar nicht wie B\u00e4ume, sondern wie Baumgespenster aussahen. Grauwei\u00df waren sie und ganz gebeugt unter der Last einer uralten Asche, die wohl einst nach gro\u00dfen St\u00fcrmen auf dem Monde wie Schnee auf ihre Zweige niedergefallen sein mochte. Jeder Baum warf einen langen Schatten. Pechschwarz, gleich dicken Tintenstrichen lagen diese Schatten auf dem geistergrauen Boden und sahen sehr unheimlich aus. Hin und wieder standen gro\u00dfe, gr\u00fcnliche Pilze, die gewiss sehr giftig waren, zwischen den Wurzeln der Gespensterb\u00e4ume, und uralter, eisgrauer Schimmel hatte alle Steine am Boden dick \u00fcberzogen. Kein Ton war zu h\u00f6ren; kein Vogel sang, kein Lufthauch regte einen Zweig in diesem toten Walde, eisekalt war es und grabesstill ringsum. Die Kinder h\u00e4tten sich gewiss sehr gef\u00fcrchtet, wenn sie Zeit dazu gehabt h\u00e4tten; aber sie hatten so viel zu tun mit dem Suchen nach dem Maik\u00e4ferbeinchen, dass sie gar nicht merkten, wie unheimlich es eigentlich hier oben war. Man f\u00fcrchtet sich wirklich nur, wenn man nichts zu tun hat. Das hatten sie jetzt schon \u00f6fter gemerkt. Sie froren nicht einmal, trotzdem sie doch nur in ihrem Nachthemdchen waren, so emsig sprangen sie von einem Baume zum anderen und suchten nach der Birke mit dem Beinchen. \u00bbHurra! \u00ab schrie Peterchen pl\u00f6tzlich; \u00bbda h\u00e4ngt das Beinchen &#8211; ich sehe es, ich sehe es!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Richtig! In der Mitte eines kleinen, mit Mondstaub und Schimmel \u00fcberzogenen Platzes stand einsam ein B\u00e4umchen, das wirklich aussah wie eine tief zugeschneite kleine Birke. Im Stamm dieser Birke steckte ein langer, rostiger Nagel, und an einem roten B\u00e4ndchen hing daran ein einzelnes Maik\u00e4ferbeinchen totenstill in der dunklen Luft. Hellauf jubelten die Kinder, und selbst den Sumsemann, dem das Maik\u00e4ferherz schon wieder beim Anblick dieses unheimlichen Waldes in das unterste Rockschlippchenende gerutscht war, packte die Freude bei dieser Entdeckung so, dass er die Fl\u00fcgel entfaltete, selig zu brummen anfing und den Kindern noch vorausfliegen wollte, trotzdem sie so schnell liefen, als sie konnten&#8230; Da ereignete sich etwas Unerwartetes: Hinter einem gro\u00dfen Stein, der neben der Birke lag, sprang pl\u00f6tzlich der Mondmann z\u00e4hnefletschend und br\u00fcllend hervor. Die Kinder blieben auf der Stelle stehen und fassten sich bei der Hand.<\/p>\n\n\n\n<p>Greulich sah der Mondmann aus! Riesengro\u00df war er, hatte ein graues, verhungertes Gesicht, so voller Falten und Runzeln wie ein alter Stiefel. Schauderhaft h\u00e4sslich war sein Mund; eine Schnauze war es fast, mit langen, gelben Z\u00e4hnen; um seinen Kopf starrte verfilztes schmutziges Haar, und der Bart hing in w\u00fcsten Zotteln auf seine lange,<\/p>\n\n\n\n<p>eisgraue Kutte; auf dem R\u00fccken baumelte ihm an einem Strick ein gro\u00dfes Reisigb\u00fcndel, und in der einen Hand trug er eine m\u00e4chtige, blanke Axt. So stand er vor den beiden kleinen, mutigen Hemdenm\u00e4tzen. Mutig waren sie, das muss man sagen; denn, trotzdem sie einen t\u00fcchtigen Schreck bekommen hatten, nahmen sie nicht Rei\u00dfaus, wie das gewiss viele andere Kinder getan h\u00e4tten, sondern blieben tapfer stehen. Peterchen machte sogar eine sch\u00f6ne Verbeugung und, obwohl ihm das Herz gewaltig klopfte, fragte er den wilden Mann h\u00f6flich, ob er hier oben wohl ein Maik\u00e4ferbeinchen in Verwahrung habe. Der Mondmann fletschte die gelben Z\u00e4hne und br\u00fcllte:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWas wollt ihr winzigen W\u00fcrmer hier? Was wollt ihr in meinem Waldrevier? Ein Maik\u00e4ferbein, ein Maik\u00e4ferbein, Soll hier auf meinem Mondberg sein?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Peterchen erz\u00e4hlte ihm nun unerschrocken alles, was er von der Beinchengeschichte wusste, und Anneliese nickte immer zur Best\u00e4tigung mit dem Kopfe, denn sprechen konnte sie nicht vor Herzklopfen. Der Mondmann aber stand dabei grimmig grinsend vor ihnen, schaukelte immer von einem Bein auf das andere und schn\u00fcffelte mit seiner Schnauze nach den kleinen \u00c4pfelchen, die sie bei sich hatten. Als Peterchen ihn dann am Schluss seiner Erz\u00e4hlung bat, das Beinchen herzugeben, fauchte er:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDu bittest mich sehr? &#8211; Was gibst du mir, Wenn ich es dir gebe, denn wieder daf\u00fcr?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Anneliese hielt ihm schnell ihr letztes \u00c4pfelchen hin. Rapps! &#8230; hatte er es gefressen und schn\u00fcffelte nach Peterchens K\u00f6rbchen, in dem auch noch einiges \u00fcbrig war. H\u00f6flich gab es Peterchen &#8230; fort war&#8217;s! Und w\u00e4hrend der Unhold noch diesen zweiten Apfel schmatzend verschlang, roch er schon die Pfefferkuchen, die der Weihnachtsmann ihnen mit auf die Reise gegeben hatte. Gierig wollte er sie haben. Es war gewiss f\u00fcr die Kinder ein schwerer Entschluss, aber sie gaben ihm auch die sch\u00f6nen Pfefferkuchen. Man musste sich wirklich ekeln und entsetzen; denn mit dem bunten Einwickelpapier und mit dem Bindfaden fra\u00df der w\u00fcste Mann die P\u00e4ckchen, wie ein Ochse, der Heu frisst. W\u00e4hrenddessen aber schielten seine gr\u00fcnen Augen schon nach dem Hampelmann, den Peterchen unter dem Arm hatte. Er wollte ihn durchaus haben, und als Peterchen ihn z\u00f6gernd reichte &#8230; nein, das war wirklich toll &#8230; da biss er ihn mitten durch und schluckte ihn herunter, etwa wie unsereiner eine Erdbeere!<\/p>\n\n\n\n<p>Peterchen war noch ganz starr von dem Schreck \u00fcber diesen Hunger, da griff der Mondmann schon nach Annelieses P\u00fcppchen. Das war nun sehr schlimm!<\/p>\n\n\n\n<p>Anneliese wollte ihr P\u00fcppchen durchaus nicht hergeben und fing bitterlich zu weinen an.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbImmer her, immer her mit dem Puppenkind!<br>Sonst geb&#8216; ich das Beinchen nicht raus! &#8211; geschwind!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>br\u00fcllte der wilde Mann. Ja, um den Preis musste auch das liebe, kleine P\u00fcppchen geopfert werden. Es war furchtbar!<\/p>\n\n\n\n<p>Anneliese hielt sich beide Augen fest zu und weinte schrecklich, als er ihm den Kopf abbiss, dass die Porzellansplitter nur so knisterten zwischen seinen scheu\u00dflichen Z\u00e4hnen. Nicht einmal in die Schnauze schnitt er sich dabei! Das hatte sie n\u00e4mlich im stillen gehofft. Dann war auch dies P\u00fcppchen verschlungen, das letzte, was sie hatten. Der Mondmann strich sich den Bauch und leckte sich die Schnauze vor Behagen; die Kinder aber dachten: \u00bbNun ist er zufrieden und gibt uns endlich das Beinchen heraus\u00ab, denn es hatte ihm doch alles, auch das Porzellank\u00f6pfchen vom P\u00fcppchen und der S\u00e4gesp\u00e4neleib vom Hampelmann, pr\u00e4chtig geschmeckt. Nein, der Unhold lief schon wieder schn\u00fcffelnd herum, als h\u00e4tte er noch immer nicht genug!<\/p>\n\n\n\n<p>Das war doch eigentlich toll! Peterchen war sehr entr\u00fcstet \u00fcber solche Gierigkeit und Unbescheidenheit und verlangte jetzt energisch das Beinchen, denn \u00c4pfelchen, Pfefferkuchen, Hampelmann und P\u00fcppchen waren gewiss ein sehr ansehnlicher Kaufpreis. Die Kinder hatten nichts mehr zu verschenken. Mit glimmrigen Augen guckte der Mondmann sie an &#8211; von oben bis unten -, zog langsam ein riesenlanges Messer aus seinem Kittel, wetzte es sorgf\u00e4ltig an einem gro\u00dfen Stein vor ihnen und schmunzelte und schmatzte dazu vor sich hin:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbZwei Menschlein kamen zu mir herauf.<br>Mit Haut und Haaren fre\u00df&#8216; ich sie auf!<br>Tausend Jahr&#8216; hab&#8216; ich nichts gegessen!<br>Tausend Menschen k\u00f6nnte ich fressen!<br>Schlachten will ich sie, langsam braten<br>Am Spie\u00df; sie werden mir wohl geraten!<br>Ich lasse sie backen hundert Stunden;<br>Dann sollen mir ihre Gliederlein munden!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Und damit wollte er sich auf die Kinder st\u00fcrzen. Was sollten sie nun tun?<\/p>\n\n\n\n<p>Anneliese klammerte sich an Peterchen, und dieser zog mutig sein kleines Holzschwert. Niemand konnte denken, dass der kleine Junge damit den wilden Menschenfresser besiegen w\u00fcrde; aber in diesem Augenblick, als er das Schwert hob, geschah etwas ganz Unerwartetes:<\/p>\n\n\n\n<p>Pechfinster wurde es, ein lohender Blitz zuckte, und mit himmelersch\u00fctterndem Donnerschlag sprang der Donnermann aus der Weltnacht auf den Berggipfel, st\u00fcrzte sich auf den Mondmann, schlug ihn &#8211; Krach! &#8211; krach! &#8211; krach! &#8211; \u00fcber den Kopf und stie\u00df ihn mit einem so f\u00fcrchterlichen Fu\u00dftritt vor den Bauch, dass der widerw\u00e4rtige Menschenfresser wie ein Sack auf dem Boden herumkollerte. Dann war der Donnermann wieder in der Nacht verschwunden, und nur ein fernes Rollen h\u00f6rte man noch, das bald verklang. So schnell war das alles geschehen, dass die Kinder kaum Zeit hatten, es richtig zu begreifen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbO weh, mein Bauch! &#8211; O weh, mein Bein!<br>Verfluchte Pein! &#8211; verfluchte Pein ! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>schrie der Mondmann und w\u00e4lzte sich auf dem Boden zwischen den B\u00e4umen herum. Fast mussten die Kinder lachen, so sonderbare Verrenkungen machte er dabei. Er hatte so furchtbare Hiebe bekommen, dass er sich vor Schmerzen bog, wie eine Riesenmade. Trotzdem versuchte er, wieder auf die Beine zu kommen, und schnaufte:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas war der Donnermann, ihr Kr\u00f6ten!<br>Ihr habt ihn wohl um Schutz gebeten?<br>Es soll euch aber Donnern und Blitzen<br>Vor meinem Grimm und Hunger nicht sch\u00fctzen!<br>Ich schlachte euch doch und brate mir fein<br>All eure wei\u00dfen Gliederlein!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da kam er auch schon hoch, griff nach dem Messer und wollte sich zum zweitenmal auf die Kinder st\u00fcrzen. Peterchen hob sofort wieder sein Schwert gegen ihn, und als habe er auf dieses Kommando des kleinen Jungen nur gewartet, tauchte jetzt mit weit gebl\u00e4hten Backen der dicke Wassermann aus der Tiefe herauf. Ehe sich der Mondmann recht besonnen hatte, schoss ihm aus dem breiten Froschmaul des Wassermanns ein eiskalter Wasserstrahl mit solcher Gewalt mitten ins Gesicht, dass er sich nach hinten \u00fcberschlug und zum zweiten Male am Boden herumw\u00e4lzte. Er wollte nat\u00fcrlich br\u00fcllen; aber, kaum riss er die Schnauze auf &#8230; zisch! &#8230; fuhr ihm der Wasserstrahl hinein, so dass er nur glucksen und prusten konnte; und nicht eher h\u00f6rte der Wassermann zu spritzen auf, bis der Mondmann triefend von dem eiskalten Wasser wie ein Toter dalag; dann sagte er befriedigt ein paar Mal: \u00bbblubberquacks\u00ab, nickte den Kindern gutm\u00fctig zu und versank wieder. Diesmal war es wirklich so komisch gewesen, als der Mondmann umgespritzt wurde und immer nur prusten und glucksen konnte, wenn er br\u00fcllen wollte, dass selbst Anneliese lachen musste. \u00dcberhaupt waren beide Kinder jetzt schon viel beherzter als zuerst, nachdem sie erfahren hatten, wie die guten Naturkr\u00e4fte ihnen treuen Beistand leisteten, wenn es sehr gef\u00e4hrlich wurde. Darum gingen sie nun auch ganz ruhig ein St\u00fcckchen n\u00e4her an den umgespritzten Menschenfresser, um ihn sich zu begucken. Da lag er, nass wie ein Pudel; aber doch noch nicht ganz leblos, denn von Zeit zu Zeit schnaufte er. Peterchen dachte einen Augenblick, man k\u00f6nnte nun wohl das Beinchen holen; aber da bewegte sich der w\u00fcste Riese schon wieder. Er kollerte ein paar Mal herum, vorw\u00e4rts und r\u00fcckw\u00e4rts und keuchte:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbHat er mich auch halbtot gespritzt, Es hat euch Kr\u00f6ten doch nichts gen\u00fctzt! -Ich komme schon hoch &#8211; ich will mich schon rappeln! Ihr sollt mir dennoch am Bratspie\u00df zappeln!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da war er auch schon wieder auf den Beinen und taumelte auf sie zu.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbTrotz Donnerbrummen und Wasserspritzen,<br>Sollt ihr prutzeln und braten und knusprig schwitzen!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>br\u00fcllte er und schwang mit greulichem Grunzen das Messer. Jetzt hob Peterchen zum dritten Male sein kleines Holzschwert, und zum dritten Male geschah etwas f\u00fcr den Mondmann ganz Unerwartetes:<\/p>\n\n\n\n<p>Rauschend fuhr es aus der H\u00f6he herunter, mit pechschwarzen, riesigen Fl\u00fcgeln. \u00dcber den Mondberg hin ging ein Wirbelwind, dass sich die grauen B\u00e4ume, die so tot und unbeweglich gestanden hatten, knisternd bogen, gleich Grash\u00e4lmchen auf einer Wiese. Was war das?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sturmriese kam den Kindern zur Hilfe. Mit seinen m\u00e4chtigen F\u00e4usten riss er im Walde den dicksten Baum aus dem Boden, warf ihn krachend \u00fcber den Mondmann und war im Nu wieder fort, wie er im Nu gekommen war. Das ging wieder so schnell, dass man sich kaum dar\u00fcber besinnen konnte, und die Kinder merkten erst richtig, was geschehen war, als sie den Mondmann jetzt wie einen gepr\u00fcgelten Riesenhund vor Wut und Schmerz aufheulen h\u00f6rten. Unter dem Baumstamm lag er festgeklemmt auf dem Boden, konnte sich nicht r\u00fchren und br\u00fcllte so f\u00fcrchterlich, dass der ganze Berg davon zitterte. Peterchen hatte jetzt nat\u00fcrlich einen gewaltigen Mut. Er wusste, dass auf sein Kommando die gro\u00dfen Naturgewalten herbeikamen. Also ging er unverzagt, sein kleines Schwert in der Hand, ganz dicht an den gefangenen Unhold heran und sagte: \u00bbSiehst du, Mondmann, das kommt davon, dass du das Beinchen nicht herausgeben und uns auffressen wolltest, trotzdem wir dir schon so viel zu essen gegeben hatten. Nun bist du gefangen und kannst nichts machen, und wir, wir holen das Beinchen und lachen!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Anneliese aber machte ihm eine lange Nase und sagte: \u00bb\u00c4tsch!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann sich wohl denken, wie das den Mondmann \u00e4rgerte. Er pfiff vor Wut wie ein verrostetes T\u00fcrschloss, spuckte nach den Kindern und fletschte die Z\u00e4hne.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbOooh! wenn auch Feuer, Wasser und Wind<br>Mit euch im Bunde gegen mich sind<br>Wartet nur, wartet, ich will mich schon r\u00e4chen,<br>Euch freche Wichte noch spie\u00dfen und stechen!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>So fauchte er und zerrte dabei w\u00fctend an dem Baum, unter dem er festgeklemmt lag. Furchtbar stark musste er sein, denn wirklich bewegte sich der dicke Stamm \u00fcber ihm von seinem w\u00fctenden R\u00fctteln so, dass Peterchen schnell zur\u00fccksprang. Es war auch die h\u00f6chste Zeit gewesen! Krick &#8211; krack! brachen ein paar \u00c4ste, der Baum rollte schwerf\u00e4llig herum, und der Mondmann kam frei. Dicken Schaum hatte er vor Grimm an der Schnauze.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbJetzt ist es mit eurer Frechheit vorbei!<br>Jetzt hau&#8216; ich euch mit der Axt entzwei!<br>Jetzt stampfe ich euch zu Mus und Brei!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>So heulte er, griff nach seiner m\u00e4chtigen, blanken Axt, da ihm das Messer vom Sturmriesen zerbrochen worden war, und st\u00fcrzte vorw\u00e4rts&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Peterchen hob wieder sein Schwert, aber im Augenblick hatte der Mondmann es ihm aus der Hand geschlagen. Da rief Anneliese pl\u00f6tzlich ganz laut:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSternchen &#8211; Sternchen &#8211; kommt herbei!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kinder w\u00e4ren ganz gewiss verloren gewesen, wenn Annelieschen nicht gerufen h\u00e4tte, denn Peterchen war im Augenblick so erschreckt, dass er nicht wusste, was er tun sollte. Auf Annelieses hellen Ruf aber geschah jetzt das Wunderbarste:<\/p>\n\n\n\n<p>Ein wei\u00dfes Leuchten ging vom Himmel nieder, und neben den Kindern standen, in einer Geschwindigkeit, die man nicht ausdenken kann, ihre beiden Sternchen mit gegen den Mondmann hoch erhobenen H\u00e4nden. Blendendes Licht strahlte von diesen H\u00e4nden gegen die weit aufgerissenen Augen des Unholdes, als er eben die Kinder packen wollte. Er stutzte, als sei er mit einem Hammer vor den Sch\u00e4del geschlagen, taumelte zur\u00fcck, lie\u00df die Axt fallen und fuhr sich mit beiden H\u00e4nden an die Augen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNanu &#8211; was ist das? &#8211; bin ich blind?<br>Ich sehe nicht mehr, wo die Kr\u00f6ten sind!<br>Ich kann sie nicht finden &#8211; ich kann sie nicht sehen ! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>keuchte er, tappte tolpatschig im Walde herum und stie\u00df immerfort, weil er vollkommen geblendet war, mit seinem dicken Kopf an die B\u00e4ume und Felsen. \u00bbAu!\u00ab &#8211; br\u00fcllte er jedes Mal und torkelte weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbHier m\u00fcssen sie sein! &#8211; Dort m\u00fcssen sie stehen!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>schnaufte er und lief &#8211; bums! &#8211; genau in der verkehrten Richtung wieder gegen einen spitzen Felsen, dass ihm das Blut nur so herausspritzte. Aber trotz allem rappelte er sich wieder hoch und lief wie ein Besessener weiter. Schlie\u00dflich h\u00f6rten sie nur noch ganz fern, wie er schrie:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch fre\u00df&#8216; euch mit Haut und Haaren, Gez\u00fccht! Ihr entgeht mir nicht &#8211; ihr entgeht mir nicht ! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kinder waren so erstaunt, dass sie gar nichts sagen konnten; sie schmiegten sich nur ganz dicht an ihre Sternchen und waren sehr froh. F\u00fcr einen Augenblick war es ganz still, dann beugten sich die Sternchen liebreich, jedes \u00fcber sein Kind, hauchten ihnen einen leisen Kuss ins Haar und sagten mit ihren silberreinen Stimmchen:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbMacht schnell, macht schnell, verliert keine Zeit! Lebt wohl, der Tag ist nicht mehr weit!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Fort waren sie, wie sie gekommen waren, und die Kinder blieben allein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Beinchen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbKeine Zeit verlieren!\u00ab hatten die Sternchen gerufen. Nun hie\u00df es also, schnell das Beinchen zu holen!<\/p>\n\n\n\n<p>Peterchen machte sich denn auch sofort ans Werk, kletterte an der Birke herauf und kn\u00fcpperte es von dem Nagel, an dem es tausend Jahre gebaumelt hatte, w\u00e4hrend Anneliese unten, die \u00c4rmchen reckend, auf den Zehen stand, um das ber\u00fchmte Urgro\u00dfvater-Beinchen in Empfang zu nehmen. Es war ein sehr feierlicher Augenblick!<\/p>\n\n\n\n<p>So! Nun hatte Anneliese das Bein, und sie stolzierten mit ihrer Troph\u00e4e zum Sumsemann, der sich nat\u00fcrlich schon im ersten Augenblick der Begegnung mit dem Mondmann totgestellt hatte. Er lag, als geh\u00f6re er \u00fcberhaupt nicht dazu. in einer Ecke, zwischen Giftpilzen und beschimmelten Steinen, ein braunes, unscheinbares Kl\u00fcmpchen. Es war gar nicht leicht, ihn zu erkennen. Sie betrachteten den scheintoten Helden eine Weile und freuten sich, was er nun wohl f\u00fcr ein Gesicht machen w\u00fcrde. Dann aber suchten sie sich an ihm die Stelle f\u00fcr das Beinchen. Peterchen fand ein kleines Loch unter dem dritten, schwarz-wei\u00dfen Westenstreifen; da musste es bestimmt hin. Anneliese spuckte also t\u00fcchtig auf das obere Urgro\u00dfvater-Beinchenende, und dann dr\u00fcckten sie es mit vereinten Kr\u00e4ften in das Loch hinein. Anstrengend war das, ordentlich \u00e4chzen musste Anneliese dabei. Endlich sa\u00df es! Sie probierten und fanden, dass es wirklich ganz ungeheuer fest sa\u00df, so dass es gewiss nicht so leicht wieder abgerissen oder abgehauen werden konnte. Es ist ja bekannt, dass Spucke wundersch\u00f6n klebt. Als sie mit diesem Gesch\u00e4ft fertig waren, gingen sie mit gro\u00dfer Freude daran, den Maik\u00e4fer zu wecken. Sie r\u00fcttelten und sch\u00fcttelten ihn; aber er war so in Angst, dass er sich toter stellte als jemals vorher; und als Peterchen ihn mit seinem Namen anrief, brummt er nur immer ganz leise: \u00bbIch bin tot, ich bin ganz tot, ich kann nicht mehr tot gemacht werden, weil ich schon ganz tot bin!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich schrie ihm Peterchen in die Ohren:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbHerr Sumsemann, Herr Sumsemann! Sehn Sie sich mal Ihr Beinchen an!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da fuhr der dumme Kerl wie ein erschreckter Floh in die H\u00f6he und glotzte in die Gesichter der Kinder. \u00bbHat er euch gefressen, der Mann?\u00ab fragte er ganz ver\u00e4ngstigt, obwohl er doch eigentlich sehen konnte, dass sie nicht gefressen waren, weil sie vor ihm standen. Nat\u00fcrlich quietschte Anneliese nur so vor Vergn\u00fcgen \u00fcber solch dumme Frage. Peterchen aber nahm eine sehr wichtige Miene an, zeigte auf das angeklebte Beinchen und sagte noch einmal:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbHerr Sumsemann, sehn Sie sich bitte Ihr Beinchen an!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Der dicke Kastanienritter schien immer noch nicht recht zu begreifen, was er tun sollte, so z\u00f6gernd sah er nun an sich herunter&#8230; Da! &#8230; als h\u00e4tte der Blitz pl\u00f6tzlich vor ihm eingeschlagen, erfasste er, was vorgegangen war. Er sprang auf, kreiselte und tanzte um die Kinder herum und sang:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSumm &#8211; summ &#8211; hurra! Summ &#8211; summ &#8211; hurra!<br>Mein Beinchen ist da, mein Beinchen ist da! &#8211;<br>Ich dank&#8216; euch, ich dank&#8216; euch viel tausendmal!<br>Nun hat sie ein Ende, die alte Qual,<br>Der Sumsem\u00e4nner f\u00fcnfbeiniges Leid;<br>Zwei Kinderchen haben uns befreit<br>Von dem schrecklichen Fluch. Hurra &#8211; hurra &#8211;<br>Das sechste Beinchen ist wieder da!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Er war mit dem ausf\u00fchrlichen Freudentanz, der zu diesem Gesang geh\u00f6rte, noch lange nicht fertig, als er durch eine pl\u00f6tzliche Erscheinung gest\u00f6rt wurde, die eine dringende Warnung f\u00fcr die drei Abenteurer bedeutete. Es war ja den Kindern gesagt worden, dass sie noch vor Sonnenaufgang wieder zur Erde zur\u00fcckkehren m\u00fcssten, da sie sich sonst nie wieder vom Monde herunterfinden w\u00fcrden. Nun leuchtete pl\u00f6tzlich ein wundersam fremder Schein aus dem dunklen Himmel \u00fcber dem Monde. Der graue Boden bekam eine Farbe gleich gr\u00fcnrot \u00fcberlaufenem Silber, auf allen B\u00e4umen und Pflanzen funkelte der Mondstaub wie rosenroter Schnee. \u00dcber der h\u00f6chsten Bergzinne aber, gerade vor sich, sahen die Kinder im gleichen Augenblick die liebliche Tochter der Sonne, die Morgenr\u00f6te. Sie hatte die Arme \u00fcber das Haupt erhoben, von ihren H\u00e4nden tropften Rubinfunken, und rote Nebel wehten aus ihrem Haar. Das Haupt weit in den Nacken gelegt, sang die Morgenr\u00f6te, mit einer Stimme, die jubelnder war als die aller Lerchen, und klingender als die aller Nachtigallen der Erde:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDer Sonne goldener Wagen naht,<br>Von der Erde weichen die Tr\u00e4ume,<br>Es kr\u00e4nzen des Himmels heiligen Raum<br>Des Tages silberne S\u00e4ume.<br>Ich fliege \u00fcber die Welt dahin,<br>Mit dem Bruder, dem Morgensterne;<br>Fr\u00fchwolken, wie blitzende Blumen bl\u00fchn<br>\u00dcber der duftenden Ferne.<br>Schon weckt der Tag den schlafenden Hain<br>Zu des Fr\u00fchlings leuchtendem Gl\u00fcck.\u00ab<br>Hier wandte sie l\u00e4chelnd den Kindern das wundersch\u00f6ne Antlitz zu und nickte voll Liebe:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNun eilt euch &#8211; eilt euch, ihr Kinderlein!<br>Kehrt schnell auf die Erde zur\u00fcck!<br>Dann entschwand sie wieder; hinter ihr aber blieb der gro\u00dfe Himmel von Purpur \u00fcbergossen, und das blasse Mondland darunter gl\u00fchte, als h\u00e4tten Millionen Rosen auf seinem elfenbeinfarbenen Grunde die Knospen gesprengt. Die Kinder standen noch unbeweglich vor Staunen \u00fcber die unbeschreibliche Sch\u00f6nheit dieser Erscheinung; da zupfte sie der<\/p>\n\n\n\n<p>Maik\u00e4fer leise am Hemdchen, gab ihnen das rechte und das linke Vorderkr\u00e4llchen und sagte mit tiefem Ernst und mit sehr feierlicher Stimme:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNun ist sie vor\u00fcber, die seltsame Fahrt,<br>Bei der ihr mir treue Begleiter wart.<br>Mein Beinchen habe ich endlich wieder,<br>So wollen wir schnell zur Erde nieder!<br>Fasst euch bei den H\u00e4nden und, h\u00f6rt ihr den Spruch,<br>So schlie\u00dft eure Augen; in sausendem Fall<br>Geht&#8217;s nieder in unser Heimattal.\u00ab<br>Die Kinder gehorchten sofort, denn sie f\u00fchlten, dass es gro\u00dfer Ernst war, als der Sumsemann dies sagte. Sie umfassten sich also und standen dicht aneinandergeschmiegt. Der Maik\u00e4fer aber rief laut:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbMutter Erde, wir rufen dich an:<br>Fern dir f\u00fchrte uns unsere Bahn;<br>H\u00f6r uns, unsere Not war gro\u00df,<br>Nimm uns wieder in deinen Scho\u00df!\u00ab<br>Da \u00f6ffnete sich der Boden, und die drei Abenteurer sanken, eng umschlungen, hinab in die Tiefe.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wieder daheim<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als der Maik\u00e4fer seinen Spruch gesprochen hatte, war es den Kindern ganz dunkel vor Augen geworden; sie f\u00fchlten, wie der Boden sich unter ihnen auftat und wie sie in eine fast unendliche Tiefe hinabsausten. Sehen konnten sie nichts, und h\u00f6ren konnten sie nur ein ungeheures Brausen und Summen. Krampfhaft hielten sie einander umklammert und konnten weiter nichts denken, als dass sie sich nur nicht loslassen durften. So ging es eine ganze Weile, und dann war es ihnen pl\u00f6tzlich, als s\u00e4nge mitten in dem Brausen und Summen ein kleiner Vogel. Immer lauter wurde das Zwitschern und Singen, das Summen aber wurde immer leiser, bis es ganz aufh\u00f6rte und nur noch das trillernde V\u00f6gelchen zu h\u00f6ren blieb. Da wagten die Kinder, die Augen aufzumachen. Ha!&#8230; sie sa\u00dfen in ihrem Kinderzimmerchen, eng umschlungen, im Nachthemdchen mitten auf dem Tisch!<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sonne warf gerade den ersten blitzenden Strahl durch das Fenster, und auf dem Fliederbusch drau\u00dfen pfiff ein kleiner Zeisig vergn\u00fcgt sein Morgenliedchen. Beide Kinder waren so erstaunt, dass sie sich zun\u00e4chst mit weit aufgerissenen Augen anguckten. Dann sagte Peterchen &#8211; aber erst nach einer ganzen Weile: \u00bbAnneliese!\u00ab und Anneliese sagte: \u00bbPeterchen!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie dabei merkten, dass sie ganz richtig noch Peterchen und Anneliese waren und nicht etwa Flederm\u00e4uschen, Mondsch\u00e4fchen oder Kanonenkugeln, platzten sie los und lachten schrecklich. Sie hatten aber auch wirklich sehr komische Dinge erlebt und waren nach so viel Gefahren und Abenteuern, ohne eine einzige Beule oder sonst ein Wehwehchen, wieder daheim in ihrem St\u00fcbchen. Grund zur Freude war also genug. Alles um sie her war ganz in Ordnung. Schaukelpferd, Puppenstube, Bilderb\u00fccher und&#8230; hurra! das P\u00fcppchen und Hampelh\u00e4nschen auch; so gesund, als w\u00e4ren sie niemals vom Mondmann aufgefressen worden. Selbst die K\u00f6rbchen mit den \u00c4pfeln standen h\u00fcbsch auf dem Tisch, wie die Mutter sie am Abend hingestellt hatte. Das war wirklich wunderbar!<\/p>\n\n\n\n<p>Sie waren noch damit besch\u00e4ftigt, all dies jubelnd festzustellen, da h\u00f6rten sie drau\u00dfen die dicke Minna kommen. Husch! &#8211; waren sie im Bettchen. Die Minna kam herein, wie an jedem anderen Morgen und rief:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAufstehen, aufstehen, Kinderlein! Die Sonne ist schon \u00fcber der Wiese! Aufstehen, Peterchen, Anneliese!<\/p>\n\n\n\n<p>Peterchen, der kleine Strick, tat, als ob er eben aufwachte und rieb sich umst\u00e4ndlich die Augen. Dann fragte er ganz verschlafen, ob es schon so hell w\u00e4re. \u00bbNat\u00fcrlich!\u00ab sagte die Minna und zog die Gardinen am Fenster zur\u00fcck! Summ! &#8211; schwirrte etwas in der Stube umher!<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDer Maik\u00e4fer ! \u00ab riefen die Kinder wie aus einem Munde und waren im Nu aus dem Bett. Schwupp! &#8211; hatte die Minna ihn schon und wollte ihn ins Feuer stecken. Aber da kam sie bei Peterchen sch\u00f6n an. \u00bbWas? den Sumsemann totmachen? Der darf nicht totgemacht werden, der ist unser Sumsemann, den muss man fliegen lassen!\u00ab rief er und zog sie energisch am Sch\u00fcrzenband. Die Minna sch\u00fcttelte den Kopf; sie konnte nicht begreifen, was das alles hei\u00dfen sollte; sie war eben zu dumm, die Minna. Schlie\u00dflich aber gab sie den kleinen K\u00e4fer der Anneliese auf so dringendes Bitten doch ins H\u00e4ndchen und ging hinaus, um die Mutter zu holen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum waren die Kinder allein, so liefen sie zum Fenster und betrachteten den K\u00e4fermatz. Er lag in Annelieses H\u00e4ndchen und stellte sich tot. Nat\u00fcrlich, die Minna hatte ihn auch schauderhaft erschreckt!<\/p>\n\n\n\n<p>Peterchen z\u00e4hlte sofort seine Beinchen. Ja, es waren richtig sechs Beinchen!<\/p>\n\n\n\n<p>Also, das Abenteuer war nicht umsonst gewesen, die Beincheneroberung war gegl\u00fcckt, wirklich gegl\u00fcckt, und die Sumsemanns waren nach tausend Jahren zu ihrem Recht gekommen durch die Taten Peterchens und Annelieses. Anneliese meinte, man k\u00f6nne es wirklich nicht sehen, dass das Beinchen angeklebt sei, und aus tiefster \u00dcberzeugung sagte sie:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSpucke klebt sch\u00f6n!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Jeder wird das glauben nach dieser Erfahrung!<\/p>\n\n\n\n<p>Da krabbelte das K\u00e4ferchen wieder. \u00bbEr merkt, dass wir es sind, und f\u00fcrchtet sich nicht mehr\u00ab, meinte Peterchen, und sie freuten sich beide. Dann machten sie schnell das Fenster auf, Anneliese hielt ihr H\u00e4ndchen hinaus, und sie sangen das ber\u00fchmte Fliegeliedchen. Der kleine Sumsemann aber krabbelte emsig auf den ausgestreckten Zeigefinger Annelieses, breitete auf der obersten Spitze seine Fl\u00fcgel aus und &#8230; summ &#8230; flog er hinaus in den blauen Morgen, \u00fcber den Garten, \u00fcber die Wiese, weit, weit!<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAde, ade, Herr Sumsemann!<br>Kommen Sie gut zu Hause an!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>riefen sie und winkten ihm nach. Da kam die Mutter herein, umarmte ihre beiden Kinderchen, gab ihnen einen lieben Gutenmorgenkuss und au\u00dferdem &#8211; das war eigentlich seltsam! &#8211; jedem Kind ein sch\u00f6nes Pfefferkuchenp\u00e4ckchen mit einem Gru\u00df vom Weihnachtsmann. Es waren genau die Kuchenp\u00e4ckchen, die das Pfefferkuchen-m\u00e4nnchen ihnen auf der Weihnachtswiese in der Nacht gepfl\u00fcckt hatte. Nun war es klar &#8211; nun war es ganz gewiss, dass die Mutter mit dem Weihnachtsmann eng bekannt und sehr befreundet war, dass sie schon das ganze Abenteuer von ihm wusste und auch die Geschichte vom Mondmann, der alles aufgefressen hatte. Der Weihnachtsmann hatte nat\u00fcrlich alles gesehen, P\u00fcppchen, Hampelmann, \u00c4pfel und Pfefferkuchen; hatte sie aus des Mondmanns Bauch wieder herausgezaubert und der Mutter schnell auf die Erde geschickt, zur Belohnung f\u00fcr die Kinder. Es war ganz gewiss so &#8211; es konnte ja gar nicht anders sein! Und hell jubelnd fielen sie ihrem lieben, lieben Muttchen um den Hals!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerdt von Bassewitz Die Geschichte der Sumsemanns<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[123,85],"tags":[],"class_list":["post-987","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gerdt-von-bassewitz","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/987","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=987"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/987\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1386,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/987\/revisions\/1386"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=987"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=987"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=987"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}