{"id":981,"date":"2018-05-04T11:49:35","date_gmt":"2018-05-04T09:49:35","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=981"},"modified":"2025-12-15T13:22:58","modified_gmt":"2025-12-15T12:22:58","slug":"zwoelf-mit-der-post","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/zwoelf-mit-der-post\/","title":{"rendered":"Zw\u00f6lf mit der Post"},"content":{"rendered":"<p>Hans Christian Andersen<br \/>\n<!--more--><br \/>\nEs war eine schneidende K\u00e4lte, sternenheller Himmel, kein L\u00fcftchen regte sich.<\/p>\n<p>&#8218;Bums!&#8216; Da wurde ein alter Topf an die Haust\u00fcre des Nachbars geworfen. &#8218;Puff, paff!&#8216; Dort knallte die B\u00fcchse; man begr\u00fc\u00dfte das neue Jahr. Es war Neujahrsnacht! Jetzt schlug die Turmuhr zw\u00f6lf!<\/p>\n<p>&#8218;Trateratra!&#8216; Die Post kam angefahren. Der gro\u00dfe Postwagen hielt vor dem Stadttore an. Er brachte zw\u00f6lf Personen mit, alle Pl\u00e4tze waren besetzt.<\/p>\n<p>&#8222;Hurra! Hurra! Hoch!&#8220; sangen die Leute in den H\u00e4usern der Stadt, wo die Neujahrsnacht gefeiert wurde und man sich beim zw\u00f6lften Schlage mit dem gef\u00fcllten Glase erhob, um das neue Jahr leben zu lassen.<\/p>\n<p>&#8222;Prost Neujahr!&#8220; hie\u00df es, &#8222;ein sch\u00f6nes Weib! Viel Geld! Keinen \u00c4rger und Verdruss!&#8220;<\/p>\n<p>Das w\u00fcnschte man sich gegenseitig, und darauf stie\u00df man mit den Gl\u00e4sern an, dass es klang und sang &#8211; und vor dem Stadttore hielt der Postwagen mit den fremden G\u00e4sten, den zw\u00f6lf Reisenden.<\/p>\n<p>Und wer waren diese Fremden? Jeder von ihnen f\u00fchrte seinen Reisepass und sein Gep\u00e4ck bei sich; ja, sie brachten sogar Geschenke f\u00fcr mich und dich und alle Menschen des St\u00e4dtchens mit. Wer waren sie, was wollten sie, und was brachten sie?<\/p>\n<p>&#8222;Guten Morgen!&#8220; riefen sie der Schildwache am Eingange des Stadttores zu.<\/p>\n<p>&#8222;Guten Morgen!&#8220; antwortete diese, denn die Uhr hatte ja zw\u00f6lf geschlagen.<\/p>\n<p>&#8222;Ihr Name? Ihr Stand?&#8220; fragte die Schildwache den von ihnen, der zuerst aus dem Wagen stieg.<\/p>\n<p>&#8222;Sehen Sie selbst im Passe nach&#8220;, antwortete der Mann. &#8222;Ich bin ich!&#8220; Und es war auch ein ganzer Kerl, angetan mit B\u00e4renpelz und Pelzstiefeln. &#8222;Ich bin der Mann, in den sehr viele Leute ihre Hoffnung setzen. Komm morgen zu mir; ich gebe dir ein Neujahrsgeschenk! Ich werfe Groschen und Taler unter die Leute, ja ich gebe auch B\u00e4lle, volle einunddrei\u00dfig B\u00e4lle, mehr N\u00e4chte kann ich aber nicht darauf gehen lassen. Meine Schiffe sind eingefroren, aber in meinem Arbeitsraum ist es warm und gem\u00fctlich. Ich bin Kaufmann, hei\u00dfe Januar und f\u00fchre nur Rechnungen bei mir.&#8220;<\/p>\n<p>Nun stieg der zweite aus, der war ein Bruder Lustig; er war Schauspieldirektor, Direktor der Maskenb\u00e4lle und aller Vergn\u00fcgungen, die man sich nur denken kann. Sein Gep\u00e4ck bestand aus einer gro\u00dfen Tonne.<\/p>\n<p>&#8222;Aus der Tonne&#8220;, sagte er, &#8222;wollen wir zur Fastnachtszeit die Katze heraus jagen. Ich werde euch schon Vergn\u00fcgen bereiten und mir auch; alle Tage lustig! Ich habe nicht gerade lange zu leben; von der ganzen Familie die k\u00fcrzeste Zeit; ich werde n\u00e4mlich nur achtundzwanzig Tage alt. Bisweilen schalten sie mir zwar auch noch einen Tag ein &#8211; aber das k\u00fcmmert mich wenig, hurra!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Sie d\u00fcrfen nicht so schreien!&#8220; sagte die Schildwache.<\/p>\n<p>&#8222;Ei was, freilich darf ich schreien&#8220;, rief der Mann, &#8222;ich bin Prinz Karneval und reise unter dem Namen Februarius.&#8220;<\/p>\n<p>Jetzt stieg der dritte aus; er sah wie das leibhaftige Fasten aus, aber er trug die Nase hoch, denn er war verwandt mit den &#8218;vierzig Rittern&#8216; und war Wetterprophet. Allein das ist kein fettes Amt, und deshalb pries er auch das Fasten. In einem Knopfloche trug er auch ein Str\u00e4u\u00dfchen Veilchen, auch diese waren sehr klein.<\/p>\n<p>&#8222;M\u00e4rz! M\u00e4rz!&#8220; rief der vierte ihm nach und schlug ihn auf die Schulter; &#8222;riechst du nichts? Geschwind in die Wachstube hinein, dort trinken sie Punsch, deinen Leib- und Labetrunk; ich rieche es schon hier au\u00dfen. Marsch, Herr Martius!&#8220; &#8211; Aber es war nicht wahr, der wollte ihn nur den Einfluss seines Namens f\u00fchlen lassen, ihn in den April schicken; denn damit begann der vierte seinen Lebenslauf in der Stadt. Er sah \u00fcberhaupt sehr flott aus; arbeiten tat er nur sehr wenig; desto mehr aber machte er Feiertage. &#8222;Wenn es nur etwas best\u00e4ndiger in der Welt w\u00e4re&#8220;, sagte er; &#8222;aber bald ist man gut, bald schlecht gelaunt, je nach Verh\u00e4ltnissen; bald Regen, bald Sonnenschein; ein- und ausziehen! Ich bin auch so eine Art Wohnungsvermietunternehmer, ich kann lachen und weinen, je nach Umst\u00e4nden! Im Koffer hier habe ich Sommergarderobe, aber es w\u00fcrde sehr t\u00f6richt sein, sie anzuziehen. Hier bin ich nun! Sonntags geh&#8216; ich in Schuhen und wei\u00dfseidenen Str\u00fcmpfen und mit Muff spazieren.&#8220;<\/p>\n<p>Nach ihm stieg eine Dame aus dem Wagen. Fr\u00e4ulein Mai nannte sie sich. Sie trug einen Sommermantel und \u00dcberschuhe, ein lindenblattartiges Kleid, Anemonen im Haare, und dazu duftete sie derma\u00dfen nach Waldmeister, dass die Schildwache niesen musste. &#8222;Zur Gesundheit und Gottes Segen!&#8220; sagte sie, das war ihr Gru\u00df. Wie sie niedlich war! Und S\u00e4ngerin war sie, nicht Theaters\u00e4ngerin, auch nicht B\u00e4nkels\u00e4ngerin, nein, S\u00e4ngerin des Waldes; &#8211; den frischen, gr\u00fcnen Wald durchstreifte sie und sang dort zu ihrem eigenen Vergn\u00fcgen.<\/p>\n<p>&#8222;Jetzt kommt die junge Frau!&#8220; riefen die drinnen im Wagen, und aus stieg die junge Frau, fein, stolz und niedlich. Man sah es ihr an, dass sie, Frau Juni, von faulen Siebenschl\u00e4fern bedient zu werden gewohnt war. Am l\u00e4ngsten Tage des Jahres gab sie gro\u00dfe Gesellschaft, damit die G\u00e4ste Zeit haben m\u00f6chten, die vielen Gerichte der Tafel zu verzehren. Sie hatte zwar ihren eigenen Wagen; allein sie reiste dennoch mit der Post wie die andern, weil sie zeigen wollte, dass sie nicht hochm\u00fctig sei. Aber ohne Begleitung war sie nicht; ihr j\u00fcngerer Bruder Julius war bei ihr.<\/p>\n<p>Er war ein wohlgen\u00e4hrter Bursche, sommerlich angekleidet und mit Panamahut. Er f\u00fchrte nur wenig Gep\u00e4ck bei sich, weil dies bei gro\u00dfer Hitze zu beschwerlich sei; deshalb hatte er sich nur mit einer Schwimmhose versehen, und dies ist nicht viel.<\/p>\n<p>Darauf kam die Mutter selbst, Madame August, Obsth\u00e4ndlerin en gros, Besitzerin einer Menge Fischteiche, sie war dick und hei\u00df, fasste selbst \u00fcberall an, trug eigenh\u00e4ndig den Arbeitern Bier auf das Feld hinaus. &#8222;Im Schwei\u00dfe deines Angesichtes sollst du dein Brot essen!&#8220; sagte sie, &#8222;das steht in der Bibel. Hinterdrein kommen die Spazierfahrten, Tanz und Spiel und die Erntefeste!&#8220; Sie war eine t\u00fcchtige Hausfrau.<\/p>\n<p>Nach ihr stieg wieder ein Mann aus der Kutsche, ein Maler, Herr Kolorier Meister September; der musste den Wald bekommen; die Bl\u00e4tter mussten Farbe wechseln, aber wie sch\u00f6n; wenn er es wollte, schillerte der Wald bald in Rot, Gelb oder Braun. Der Meister pfiff wie der schwarze Star, war ein flinker Arbeiter und wand die blaugr\u00fcne Hopfenranke um seinen Bierkrug. Das putzte den Krug, und f\u00fcr Ausputz hatte er gerade Sinn. Da stand er nun mit seinem Farbentopfe, der war sein ganzes Gep\u00e4ck!<\/p>\n<p>Ihm folgte der Gutsbesitzer, der an den Saatmonat, an das Pfl\u00fcgen und Beackern des Bodens, auch an die Jagdvergn\u00fcgungen dachte; Herr Oktober f\u00fchrte Hund und B\u00fcchse mit sich, hatte N\u00fcsse in seiner Jagdtasche &#8211; &#8218;knick, knack!&#8216; Er hatte viel Reise gut bei sich, sogar einen englischen Pflug; er sprach von der Landwirtschaft; aber vor lauter Husten und St\u00f6hnen seines Nachbars vernahm man nicht viel davon.<\/p>\n<p>Der November war es, der so hustete, w\u00e4hrend er ausstieg. Er war sehr mit Schnupfen behaftet; er putzte sich fortw\u00e4hrend die Nase, und doch, sagte er, m\u00fcsse er die Dienstm\u00e4dchen begleiten und sie in ihre neuen Winterdienste einf\u00fchren; die Erk\u00e4ltung, meinte er, verliere sich schon wieder, wenn er ans Holzmachen ginge, und Holz m\u00fcsse er s\u00e4gen und spalten; denn er sei S\u00e4gemeister der Holzmacherinnung.<\/p>\n<p>Endlich kam der letzte Reisende zum Vorschein, das alte M\u00fctterchen Dezember mit der Feuerkiepe; die Alte fror, aber ihre Augen strahlten wie zwei helle Sterne. Sie trug einen Blumentopf auf dem Arme, in dem ein kleiner Tannenbaum eingepflanzt war. &#8222;Den Baum will ich hegen und pflegen, damit er gedeihe und gro\u00df werde bis zum Weihnachtsabend, vom Fu\u00dfboden bis an die Decke reiche und emporschie\u00dfe mit flammenden Lichtern, goldenen \u00c4pfeln und ausgeschnittenen Fig\u00fcrchen. Die Feuerkiepe w\u00e4rmt wie ein Ofen; ich hole das M\u00e4rchenbuch aus der Tasche und lese laut aus ihm vor, dass alle Kinder im Zimmer still, die Fig\u00fcrchen an dem Baume aber lebendig werden und der kleine Engel von Wachs auf der \u00e4u\u00dfersten Spitze die Flittergoldfl\u00fcgel ausbreitet, her abfliegt vom gr\u00fcnen Sitze und klein und gro\u00df im Zimmer k\u00fcsst, ja, auch die armen Kinder k\u00fcsst, die drau\u00dfen auf dem Flure und auf der Stra\u00dfe stehen und das Weihnachtslied von dem Bethlehemsgestirne singen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;So! Jetzt kann die Kutsche abfahren&#8220;, sagte die Schildwache, &#8222;wir haben sie alle zw\u00f6lf. Der Beiwagen mag vorfahren!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Lass doch erst die zw\u00f6lf zu mir herein!&#8220; sprach der Wachhabende, &#8222;einen nach dem andern! Die P\u00e4sse behalte ich hier; sie gelten jeder einen Monat; wenn der verstrichen ist, werde ich das Verhalten auf dem Passe bescheinigen. Herr Januar, belieben Sie n\u00e4her zu treten.&#8220;<\/p>\n<p>Und Herr Januar trat n\u00e4her.<\/p>\n<p>Wenn ein Jahr verstrichen ist, werde ich dir sagen, was die zw\u00f6lf uns allen gebracht haben. Jetzt wei\u00df ich es noch nicht, und sie wissen es wohl selbst nicht &#8211; denn es ist eine seltsam unruhige Zeit, in der wir leben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans Christian Andersen<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[88,85],"tags":[],"class_list":["post-981","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hans-chr-andersen","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/981","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=981"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/981\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":982,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/981\/revisions\/982"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=981"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=981"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=981"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}