{"id":95,"date":"2015-10-06T01:36:33","date_gmt":"2015-10-05T23:36:33","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=95"},"modified":"2025-12-27T20:57:42","modified_gmt":"2025-12-27T19:57:42","slug":"die-alte-frau-mit-der-lampe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-alte-frau-mit-der-lampe\/","title":{"rendered":"Die alte Frau mit der Lampe"},"content":{"rendered":"\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Die alte Frau mit der Lampe<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Die Geschichte trug sich zu in Sevilla in jenen Jahren, als der gerechte Don Pedro 1. von Kastilien regierte. In einer dunklen Nacht wurde eine entlegene finstere Gasse zum Schauplatz eines turbulenten Ereignisses. Zwei Adlige kreuzten die Degen miteinander, und nach einem kurzen Gefecht st\u00fcrzte der eine mit einem Loch in der Brust zu Boden. Blut rann ihm aus dem Mund, und er konnte gerade noch fl\u00fcstern: \u00bbGott helfe mir. Ich sterbe! \u00ab Dann war sein Lebenslicht erloschen.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Der Kampfl\u00e4rm lockte eine freundliche alte Frau, mit schon zerknitterter Haut und knochigem Sch\u00e4del, an eines der Fenster, von denen aus man die Stra\u00dfe \u00fcberblickte. Und, das Gesicht von Angst gezeichnet, ein Gebet auf den Lippen, versuchte sie, im Schein einer schwachen Lampe genauer zu sehen, was da vor sich ging. Sie sah den blutbefleckten K\u00f6rper des Mannes in den letzten Zuckungen. Sie erkannte neben ihm einen schwarzgekleideten Mann, der einen Degen in der Hand hielt, von dem Blut tropfte.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Der M\u00f6rder betrachtete seinen toten Gegner mit grimmigem Blick, als das Licht der Lampe auf sein Gesicht fiel. Er verbarg es rasch und ging fort wie einer, der nichts zu bef\u00fcrchten hat. Wie er davonging, konnte man das Ger\u00e4usch vernehmen, das seine Sporen machten.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Aber dann wusste die alte Frau auch, in wessen Gesicht sie eben gesehen hatte, und bei dieser Erkenntnis erschrak sie so sehr, dass sie die Lampe fallen lie\u00df, deren Licht erlosch, als sie hinab in die Gasse fiel. Rasch schlug die Alte darauf das Fenster zu.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbJungfrau Maria, steh mir bei! \u00ab rief sie aus und legte sich, immer noch zitternd, schlafen.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Der Morgen des n\u00e4chsten Tages brach an. Der B\u00fcrgermeister von Sevilla, Don Martin Fern\u00e1ndez Cer\u00f3n schritt durch die gro\u00dfen Tore der Burg von Sevilla und lie\u00df sich dem jungen K\u00f6nig Pedro I. melden. Er beugte seine Knie und entbl\u00f6\u00dfte sein Haupt. Sein Haar war schon im Dienst f\u00fcr die Krone ergraut.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbNun?\u00ab sagte Don Pedro, \u00bbwie k\u00f6nnen wir solche Ungerechtigkeit in unserem K\u00f6nigreich dulden! Ein toter Mann liegt mitten auf der Gasse, und der M\u00f6rder l\u00e4uft immer noch frei herum!\u00ab<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbHerr\u00ab, antwortete der B\u00fcrgermeister, \u00bbmeine Nachforschungen sind erfolglos geblieben. Die Sache ist geheimnisvoll. Ihr wi\u00dft- die Juden, die Mauren. In ihren Vierteln h\u00e4tte ich vermutet, den M\u00f6rder zu finden. Aber wir haben keine Spur, die dorthin f\u00fchrt.\u00ab<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbWas ist mit Vermutungen getan? Habt Ihr Zeugen? Habt Ihr nicht eine Lampe gefunden? Sucht nach dem Eigent\u00fcmer und zwingt ihn zu gestehen, wer der M\u00f6rder ist. Und beeilt Euch damit, wenn Euch Euer Leben lieb ist! \u00ab<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Als der B\u00fcrgermeister ging, zitterte er am ganze Leibe. Don Pedro folgte ihm. Er wollte sich noch eine Weile mit seinen abgerichteten Falken vergn\u00fcgen. Danach ritt er aus.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Als die Nacht kam, verlie\u00df er, schwarz gekleidet, seinen Palast durch eine Hintert\u00fcr. An seinem G\u00fcrtel aber hing ein Degen aus bestem Toledaner Stahl. So huschte er durch die Gassen der Stadt.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Unterdessen verh\u00f6rte der B\u00fcrgermeister im Gef\u00e4ngnis die alte Frau. Er wollte sie unbedingt zum Sprechen bringen. Obwohl sie vor Angst und Schrecken zitterte, weigerte sie sich zu reden. Die Folterknechte verfluchten sie und drohten ihr mit der Folter.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Aber weiterhin h\u00f6rte man von der alten Frau kein Wort, au\u00dfer Schreien und Klagen.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbIch wei\u00df von nichts, habe niemanden gesehen. Diese Lampe geh\u00f6rt mir nicht\u00ab, rief sie immer wieder.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">In diesem Augenblick trat ein Fremder ein und verbarg sich hinter einer S\u00e4ule.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbNun redet schon, alte Frau!\u00ab rief der B\u00fcrgermeister. \u00bbWer ist der M\u00f6rder?\u00ab<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbIch wei\u00df es nicht\u00ab, beharrte die Ungl\u00fcckliche. \u00bbFoltert sie! \u00ab befahl der B\u00fcrgermeister.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Man zerrte sie zu der Folterbank und spannte ihren K\u00f6rper ein. Hebel wurden bewegt. Ihre Knochen gaben ein krachendes Ger\u00e4usch von sich.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Endlich war der Schmerz zu furchtbar, dass sie es nicht mehr aushielt, und die alte Frau stie\u00df hervor: \u00bbEs war der K\u00f6nig, der ihn get\u00f6tet hat. \u00ab<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Ein von Furcht bestimmtes Schweigen folgte auf ihre Worte. Der Fremde trat hinter der S\u00e4ule hervor und gab sich zu erkennen.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Es war Don Pedro, der K\u00f6nig selbst. jene, die anwesend waren, fuhren erschrocken zusammen und waren so \u00fcberrascht, dass sie fast verga\u00dfen, vor ihrem Herrscher die Knie zu beugen. Der ging auf die Zeugin zu, holte einen Beutel mit hundert Goldm\u00fcnzen hervor, gab ihn der alten Frau und sagte: \u00bbDiese Frau hat die Wahrheit gesprochen. Wer die Wahrheit sagt, den sollten der Himmel und die Justiz sch\u00fctzen. Geht in Frieden und f\u00fcrchtet nichts. Was das Verbrechen angeht, so bin ich der M\u00f6rder dieses Mannes. Aber nur Gott kann \u00fcber den K\u00f6nig richten. \u00ab<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Aber der K\u00f6nig der weltlichen Gerechtigkeit wollte diese denn doch auch walten lassen, und so befahl er einem seiner Diener, an jener Ecke, an der das Gefecht stattgefunden hatte, eine Steinplastik des k\u00f6niglichen Hauptes anzubringen, die sich in dem d\u00fcsteren Licht der Gasse wie der Kopf eines zum Tod Verurteilten ausnahm.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[86],"tags":[],"class_list":["post-95","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-geschichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/95","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=95"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/95\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2795,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/95\/revisions\/2795"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=95"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=95"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=95"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}