{"id":941,"date":"2017-05-22T22:22:37","date_gmt":"2017-05-22T20:22:37","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=941"},"modified":"2025-12-28T04:08:56","modified_gmt":"2025-12-28T03:08:56","slug":"maimaerchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/maimaerchen\/","title":{"rendered":"Maim\u00e4rchen"},"content":{"rendered":"\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Manfred Kyber<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es war einmal ein Maik\u00e4fer, der war wie alle Maik\u00e4fer im Mai auf die Welt gekommen \u2013 und die Sonne hatte dazu geschienen, so hell und so goldlicht, wie sie nur einmal im Jahre scheint, wenn die Maik\u00e4fer auf die Welt kommen. Dem Maik\u00e4fer aber war&#8217;s einerlei. \u00bbDas Sonnengold kann man nicht fressen\u00ab, sagte er sich, \u00bbalso was geht&#8217;s mich an.\u00ab Dann z\u00e4hlte er seine Beine, erst links und dann rechts und addierte sie zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das schien ihn befriedigt zu haben, und nun \u00fcberlegte er, ob er einen Versuch machen solle, sich fortzubewegen, oder ob das zu anstrengend w\u00e4re. Er dachte drei Stunden dar\u00fcber nach, dann z\u00e4hlte er noch einmal seine Beine und fing an, sich langsam vorw\u00e4rts zu schieben, m\u00f6glichst langsam nat\u00fcrlich, um sich nicht zu \u00fcberanstrengen. Bequemlichkeit war ihm die Hauptsache!<\/p>\n\n\n\n<p>Da stie\u00df er pl\u00f6tzlich an was Weiches, an etwas, was so weich war, dass er sich&#8217;s unbedingt ansehen musste. Es lag im Grase und sah aus wie eine schwarze Samtweste, hatte vier kleine Schaufeln und keine Augen. Den Maik\u00e4fer, der noch keinen Maulwurf gesehen hatte, interessierte das fabelhaft, er \u00fcberz\u00e4hlte noch schnell einmal seine Beine und dann ging&#8217;s mit w\u00fctendem Eifer mitten in die schwarze Samtweste hinein. Der Maulwurf fuhr emp\u00f6rt auf. \u00bbSind Sie verr\u00fcckt?\u00ab, schrie er den Maik\u00e4fer an. \u00bbSo eine R\u00fccksichtslosigkeit!\u00ab Der Maik\u00e4fer lachte. Es war zu komisch, wie sich die Samtweste aufregte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWissen Sie\u00ab, sagte er vorlaut, \u00bbwenn man aus nichts weiter besteht, als aus einer Samtweste und vier kleinen Schaufeln und auch keine Augen hat, soll man lieber ruhig sein.\u00ab \u2013 \u00bbReden Sie nicht so bl\u00f6des Zeug\u00ab, kreischte der Maulwurf, atemlos vor Wut. \u00bbSie sind ein ganz verrohtes Subjekt!\u00ab Und damit kroch er in die Erde, der Maik\u00e4fer aber setzte angenehm angeregt und erheitert seinen Weg fort. Schlie\u00dflich, als es Abend wurde, kam er an einen Teich, da sa\u00df ein gro\u00dfer alter Frosch auf einem Stein, ganz gr\u00fcn und ganz feucht, der las beim Mondlicht die Zeitung, das \u00bbAllgemeine Sumpfblatt\u00ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Den frechen Maik\u00e4fer reizte der breite R\u00fccken des vertieften Lesers und er kitzelte ihn ganz leise und boshaft mit den F\u00fchlh\u00f6rnern. Der Frosch fuhr mit seinen langen Fingern herum und kratzte sich, ohne von der Zeitung aufzusehen, denn das \u00bbAllgemeine Sumpfblatt\u00ab ist sehr lehrreich und sehr sch\u00f6n geschrieben \u2013 und dabei l\u00e4sst man sich nicht gerne st\u00f6ren. Aber der Maik\u00e4fer kitzelte beharrlich weiter, bis der Frosch sich schlie\u00dflich ge\u00e4rgert umdrehte und den St\u00f6renfried vorwurfsvoll betrachtete. Da er aber alle Tage das \u00bbAllgemeine Sumpfblatt\u00ab las und also sehr gebildet war, so erkannte er in dem respektlosen Wesen sofort einen Maik\u00e4fer.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbHeut ist der erste Mai\u00ab, sagte er ruhig, \u00bbes steht in der Zeitung, da kommen diese merkw\u00fcrdigen Gesch\u00f6pfe. Dagegen l\u00e4sst sich nichts machen.\u00ab Und dann las er weiter und kratzte sich geduldig, wenn ihn der K\u00e4fer kitzelte. Der arme Frosch h\u00e4tte sich noch lange kratzen m\u00fcssen, wenn der Maik\u00e4fer nicht pl\u00f6tzlich was geh\u00f6rt h\u00e4tte, was ihm noch \u00fcbers Kitzeln ging; es klang, als ob&#8217;s mit vielen feinen Stimmchen singt, und das war ein Elfenreigen: viele kleine Elfchen in wei\u00dfen Hemdchen und mit goldenen Krone im goldenen Haar hatten sich bei den H\u00e4nden gefasst und schlangen den Ringelreih&#8217;n und sangen dazu. Der Frosch sah gar nicht hin, das stand ja alles im \u00bbAllgemeinen Sumpfblatt\u00ab unter \u00bbLokales\u00ab, aber der Maik\u00e4fer kannte so was nicht und kroch, so schnell er konnte, um sich das Seltsame zu betrachten, was so seltsam mit vielen feinen Stimmchen sang.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Elfen flohen entsetzt auseinander, nur eine blieb stehen und sah sich den komischen Gesellen an. \u00bbDu hast ja sechs Beine!\u00ab, rief sie, \u00bbDu bist gewiss ein verwunschener Prinz \u2013 und ich warte schon so lange auf einen, um ihm mein Kr\u00f6nlein zu schenken.\u00ab Der Maik\u00e4fer sah auf seine sechs Beine, bewegte verlegen die F\u00fchlh\u00f6rner und sagte nichts. \u00bbEs ist ganz gewiss ein verwunschener Prinz\u00ab, dachte das Elfchen, \u00bber hat doch sechs Beine und sagt nichts!\u00ab Und dann fragte es ihn: \u00bbWillst du mich heiraten?\u00ab Der Maik\u00e4fer verstand nur, dass er gefragt wurde, ob er was wolle, und da sagte er: \u00bbFressen will ich\u00ab, und legte sich auf den R\u00fccken. \u00bbEr muss sehr stark verwunschen sein!\u00ab, dachte das Elfchen und gab ihm zu essen, lauter sch\u00f6ne Sachen, wie man sie nur im Elfenreich hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Als er satt war, setzte sich das Elfchen neben ihn und beschloss, geduldig zu warten, bis sich der verwunschene Prinz entpuppt. Und als die Glockenblumen Mitternacht l\u00e4uteten, da dachte das Elfchen, jetzt m\u00fcsste es sein, und wollte ihm sein Kr\u00f6nlein schenken. Aber der Maik\u00e4fer h\u00f6rte weder die blauen Glockenblumen noch sah er das goldene Kr\u00f6nlein, er lag auf dem R\u00fccken und schlief. Das war so schrecklich langweilig \u2013 und so ging&#8217;s alle Tage und N\u00e4chte weiter, er fra\u00df gr\u00e4sslich viel; und wenn die Glockenblumen l\u00e4uteten, schlief er ein. Und das arme Elfchen wartete und wartete.<\/p>\n\n\n\n<p>Da, eines Nachts, geschah etwas Wunderbares: Der Maik\u00e4fer r\u00fchrte sich, streckte seine sechs Beine, bewegte die F\u00fchlh\u00f6rner und bekam pl\u00f6tzlich Fl\u00fcgel. \u00bbJetzt entpuppt sich der verwunschene Prinz\u00ab, dachte das Elfchen und freute sich furchtbar. Und grad wie es sich so furchtbar freute \u2013 flog der Maik\u00e4fer davon und zerbrach noch dabei mit seinen plumpen Beinen das goldene Kr\u00f6nlein, dass es in tausend Scherben ging. Die Elfenkr\u00f6nlein sind ja so zerbrechlich!<\/p>\n\n\n\n<p>Da sa\u00df nun das arme Elfchen und hatte keinen verwunschenen Prinzen bekommen und hatte auch kein Kr\u00f6nlein mehr, es ihm zu schenken. Und so st\u00fctzte es das Gesichtchen in die H\u00e4nde und weinte bitterlich. Das klang so traurig, dass der Frosch vom \u00bbAllgemeinen Sumpfblatt\u00ab aufsah und sich das Elfchen mitleidig betrachtete. \u00bbJa, ja\u00ab, sagte er seufzend, \u00bbheute ist der letzte Mai, es steht in der Zeitung, da gehen diese merkw\u00fcrdigen Gesch\u00f6pfe wieder. Dagegen l\u00e4sst sich nichts machen.\u00ab Und dann schlug er nachdenklich eine Seite um \u2013 das Umbl\u00e4ttern ist f\u00fcr einen Frosch sehr leicht, weil er so feuchte Finger hat \u2013 und las weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch der Maulwurf kam aus der Erde heraus und sagte: \u00bbEs war ein ganz verrohtes Subjekt!\u00ab In Wirklichkeit aber war der Maik\u00e4fer weder ein verrohtes Subjekt, noch ein verwunschener Prinz, sondern eben nur ein ganz gew\u00f6hnlicher Maik\u00e4fer. Und von dem soll ein Elfenkind keine M\u00e4rchen erwarten und soll ihm sein Kr\u00f6nlein nicht schenken.<\/p>\n\n\n\n<p>Und was aus dem Elfchen wurde? Das hat der liebe Gott in den Himmel geholt und hat ein Englein draus gemacht mit zwei kleinen Fl\u00fcgeln und hat ihm einen Heiligenschein f\u00fcr das zerbrochene Kr\u00f6nlein gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[124,85],"tags":[],"class_list":["post-941","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-manfred-kyber","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/941","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=941"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/941\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2909,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/941\/revisions\/2909"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=941"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=941"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=941"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}