{"id":905,"date":"2017-02-17T00:05:41","date_gmt":"2017-02-16T23:05:41","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=905"},"modified":"2026-01-11T02:20:19","modified_gmt":"2026-01-11T01:20:19","slug":"onkel-george","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/onkel-george\/","title":{"rendered":"Onkel George"},"content":{"rendered":"<p><!--more--><br \/>\nOnkel George kam schon in seiner Kindheit auf einen gro\u00dfartigen Gedanken: er nahm sich vor, herauszufinden, wie er es einrichten k\u00f6nnte, ohne Arbeit zu leben.<\/p>\n<p>Kurz und gut; Onkel George wurde mit der Zeit so tr\u00e4ge, dass er nur noch auf der faulen Haut liegen wollte.<\/p>\n<p>Zum Arbeiten war es ihm selbst mitten im Sommer zu kalt, daf\u00fcr schwitzte er aber, wenn er beim Essen sa\u00df.<\/p>\n<p>Am liebsten lag er den ganzen Tag in der Sonne und hielt Maulaffen feil.<\/p>\n<p>Ja, die Faulheit beherrschte ihn schlie\u00dflich derart, dass es ihm zu m\u00fchsam war, eine M\u00fccke wegzujagen, oder sich abends von seinem Platz unter einem Baum zu erheben, um nach Hause, in sein Bett zu gehen.<\/p>\n<p>Onkel George wollte auch nicht heiraten.<\/p>\n<p>Er war nicht h\u00e4sslich, den M\u00e4dchen gefiel er sogar ganz gut. Einmal wollte ihn ein Fr\u00e4ulein aus der Nachbarschaft \u00fcberreden, sie zu heiraten. Onkel George h\u00f6rte sich ihre Rede an, ohne sich zu erheben, und nickte nur, als sie schwieg. Er lag unter einem Birnbaum und wartete, bis eine Birne herunterfiel, nach der er die Hand nicht auszustrecken brauchte.<\/p>\n<p>Als der Tag der Hochzeit herannahte, lie\u00df Onkel George sich nicht sehen.<\/p>\n<p>Er schlief, und als die Mutter ihn sch\u00fcttelte und schalt, brummte er nur, er habe keine Lust, in die Stadt und dort auch noch zum Standesamt zu gehen, man m\u00f6ge ihn in Ruhe lassen.<\/p>\n<p>Dann drehte er sich auf die andere Seite und schlief weiter.<\/p>\n<p>Solange die Mutter lebte, ging es Onkel George gut; sie sorgte f\u00fcr ihn, und wenn die Nachbarn sp\u00f6ttelten, sie habe einen Nichtstuer zu Hause, sagte sie zornig: &#8222;Er wird noch genug arbeiten m\u00fcssen im Leben, soll er sich nur ausruhen, ich lasse ihn nicht verhungern!&#8220;<\/p>\n<p>Und Onkel George ruhte sich aus und dachte nach, wie man am besten ohne Arbeit auskommen kann.<\/p>\n<p>Weil ihm dazu nichts einfiel, setzte er sich ans Essen, und nach dem Essen ruhte er wieder.<\/p>\n<p>Schlimm wurde es, als die Mutter starb. Niemand setzte ihm mehr die Sch\u00fcsseln mit Brath\u00fchnern, Fleischrouladen, s\u00fc\u00dfem Maisbrei, den Kaffee und die Erdbeerkuchen vor.<\/p>\n<p>Also zog Onkel George sich ein F\u00e4sschen mit Gep\u00f6keltem und einen Laib Brot ans Bett heran und kaute und d\u00f6ste und d\u00f6ste und kaute.<\/p>\n<p>Als der Winter kam, drang eisiger Wind unter die Dachschindeln und riss sie nacheinander ab. Die Balken wurden morsch, das Dach drohte einzust\u00fcrzen, die Decke war durchn\u00e4sst, und es regnete in die Stube. In der K\u00fcche h\u00fcpften Fr\u00f6sche hin und her, in der Kammer webten Spinnen dichte Netze, dass man h\u00e4tte glauben k\u00f6nnen, da sei ein Vorhang aufgeh\u00e4ngt, und M\u00e4use gab es \u00fcberall.<\/p>\n<p>Onkel George tat, als ginge das alles ihn nichts an, er deckte sich mit einem alten Mantel zu und schlief, und wenn er gerade nicht schlief, dachte er nach, wie man es am besten einrichtet, ohne Arbeit auszukommen.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich wurde er aber von K\u00e4lte und Feuchtigkeit krank, und beinahe h\u00e4tte er seine Seele ausgehaucht.<\/p>\n<p>Er war n\u00e4mlich so faul, dass er es sogar vermied, zu husten, und darum drohte Onkel George zu ersticken.<\/p>\n<p>Als er sich endlich von der Krankheit ein wenig erholt hatte, stieg er aus dem Bett und schleppte sich zu seinem Nachbarn, um sich von ihm Rat zu holen.<\/p>\n<p>&#8222;Du m\u00f6chtest also ohne Arbeit leben&#8220;, sagte der alte Hutter, und dann nickte er verst\u00e4ndnisvoll: &#8222;Da wirst du wohl nicht der einzige sein, der am liebsten die Arbeit an die Kette legen m\u00f6chte, damit sie ihn nicht bei\u00dft.&#8220;<\/p>\n<p>Onkel George seufzte nur, und Nachbar Hutter schob die M\u00fctze in den Nacken und sagte: &#8222;Ich w\u00fcsste schon einen geeigneten Ort f\u00fcr dich, &#8211; ob er aber noch frei ist?&#8220;<\/p>\n<p>Onkel George spitzte die Ohren.<\/p>\n<p>&#8222;Also, h\u00f6r zu&#8220;, erkl\u00e4rte der alte Hutter, &#8222;du gehst flussaufw\u00e4rts, so lange, bis du eine kleine Insel siehst. Der Fluss ist dort seicht, so dass du leicht zu Fu\u00df auf die Insel gelangst.&#8220;<\/p>\n<p>Als Onkel George das geh\u00f6rt hatte, schlurfte er nach Hause, packte ein Hemd, einen Laib Brot und ein St\u00fcck Speck in den Beutel, rief seinen Hund herbei und machte sich auf den Weg<\/p>\n<p>Er gelangte auch tats\u00e4chlich auf die kleine Insel und sah sofort, dass ihm noch keiner zuvorgekommen war und dass er das Paradies auf Erden gefunden hatte.<\/p>\n<p>Der Boden auf der Insel war schwarz, und das bedeutete, dass er sehr fruchtbar war. An den Str\u00e4uchern reiften Beeren so gro\u00df wie K\u00fcrbisse, und die Melonen hatten die Gr\u00f6\u00dfe von Bierf\u00e4ssern. Im Fluss sonnten sich auf einer Sandbank Forellen, nicht kleiner als ausgewachsene Krokodile, in den Zweigen sa\u00dfen fette Truth\u00fchner, und zwischen den B\u00e4umen \u00e4sten Hirsche und Rehe.<\/p>\n<p>Wenn man eine Rute in den fruchtbaren Boden pflanzte, stand sie nach einer Woche bereits in Bl\u00fcte und trug nach einem Monat goldene Pfirsiche. Von den Ahomb\u00e4umen floss dicker Sirup, aus den N\u00fcssen quoll Butter.<\/p>\n<p>Onkel George schwindelte vor Freude der Kopf. Also hatte sich sein Traum endlich erf\u00fcllt: er w\u00fcrde herrlich und in Freuden leben k\u00f6nnen, ohne dass er daf\u00fcr zu arbeiten brauchte.<\/p>\n<p>Er fand einen alten ausgeh\u00f6hlten Eichenbaum, um dessen Stamm sich Reben mit reifen Weintrauben rankten, und dort legte er sich lang hin.<\/p>\n<p>Wenn er den Arm ausstreckte, fiel ihm eine Traube in die Hand, und wenn er den Arm ein wenig weiter streckte, fing er leicht ein Rebhuhn oder einen Fasan.<\/p>\n<p>Mit Holzsammeln brauchte Onkel George sich nicht zu plagen. Die trockenen Zweige fielen von selbst herunter in das Feuer.<\/p>\n<p>Onkel George rauchte auch jeden Abend seine Pfeife. Einen Beutel Tabak hatte er immer in der Hosentasche. Als er sich nun auf der Insel die, wie er glaubte, letzte Pfeife stopfte, fielen ein paar Samenk\u00f6rner auf die Erde.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Onkel George die Pfeife rauchte, sprossen aus dem fruchtbaren Boden Tabakstengel mit riesigen Bl\u00e4ttern empor. Bis zum Abend waren die gr\u00fcnen Bl\u00e4tter trocken, und Onkel George brauchte sich nicht mehr um Tabak f\u00fcr seine Pfeife zu sorgen.<\/p>\n<p>Aber Onkel George fand sein Leben immer noch zu anstrengend. Er gr\u00fcbelte und gr\u00fcbelte, bis er &#8211; zum Beispiel &#8211; eine Vorrichtung zum Abschuppen der Fische erfand. Das war eine ganz einfache und doch sehr zweckm\u00e4\u00dfige Vorrichtung. Wenn ein Fisch anbiss, gen\u00fcgte es, ganz leicht an der Angelschnur zu ziehen, und schon l\u00f6ste sich in der Krone des Baumes ein Stein, der an einem Seil befestigt war. Der Stein flog ans Ende der Angelschnur und schleuderte den Fisch in den Baumwipfel zuerst zwischen zwei Kartoffelschaber und danach unter ein scharfes Messer. So lag der Fisch im Nu ges\u00e4ubert und gek\u00f6pft auf der Bratpfanne.<\/p>\n<p>An den Fischk\u00f6pfen erg\u00f6tzte sich der Hund. Er stand unter dem Baum und wartete, bis sie ihm ins weit ge\u00f6ffnete Maul fielen.<\/p>\n<p>So lag Onkel George unter der Eiche, warf die Gr\u00e4ten ins Feuer und gr\u00fcbelte, wie er sich wohl ohne Arbeit Wildbret verschaffen k\u00f6nnte. Von Fischen hatte er schon langsam genug.<\/p>\n<p>Er gr\u00fcbelte und gr\u00fcbelte, bis er einen Einfall hatte. Eine Falle brauchte er!<\/p>\n<p>Aber es dauerte einen Monat, bis er sich aufraffte und in die Stadt ging und eine Mausefalle kaufte.<\/p>\n<p>Bis zum anderen Morgen war die Mausefalle auf dem fruchtbaren Boden der Insel so gewachsen, dass Onkel George damit m\u00fchelos Kaninchen fangen konnte.<\/p>\n<p>Die Falle wurde gr\u00f6\u00dfer und gr\u00f6\u00dfer, und Onkel George gelang es, seinen ersten Hirsch zu fangen.<\/p>\n<p>Aber es gelang ihm nicht, die Beute herauszuziehen.<\/p>\n<p>Also legte er sich ans Flussufer und gr\u00fcbelte. Nach ungef\u00e4hr zwei Monaten klopfte er sich auf die Stirn: War der Tabak, der wie Unkraut auf der Insel wuchs, nicht so stark, dass es einem den Husten in die Kehle trieb?<\/p>\n<p>Onkel George zog kr\u00e4ftig an seiner Pfeife, paffte den Rauch aus, zur Falle hin, und &#8211; siehe da &#8211; der starke Tabak \u00f6ffnete die Falle.<\/p>\n<p>Onkel George zog den Hirsch heraus und briet ihn auf dem Feuer.<\/p>\n<p>Die Falle wurde inzwischen immer gr\u00f6\u00dfer und noch gr\u00f6\u00dfer. Und eines Tages war ein B\u00e4r darin.<\/p>\n<p>Seither liegt Onkel George unter der Eiche, raucht seine Pfeife und gr\u00fcbelt dar\u00fcber nach, wie man ohne M\u00fche einem B\u00e4ren das Fell abzieht.<\/p>\n<p>Gewiss wird ihm noch etwas dazu einfallen. Aber ob er auch wei\u00df, dass nicht jeder B\u00e4r zu einem Spa\u00df aufgelegt ist?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[85,133],"tags":[],"class_list":["post-905","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-maerchen","category-maerchen-weltweit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/905","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=905"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/905\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":906,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/905\/revisions\/906"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=905"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=905"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=905"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}