{"id":89,"date":"2015-10-06T01:32:41","date_gmt":"2015-10-05T23:32:41","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=89"},"modified":"2026-01-16T02:16:40","modified_gmt":"2026-01-16T01:16:40","slug":"das-maerchen-von-der-allerschoensten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/das-maerchen-von-der-allerschoensten\/","title":{"rendered":"Das M\u00e4rchen von der Allersch\u00f6nsten"},"content":{"rendered":"\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Das M\u00e4rchen von der Allersch\u00f6nsten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe einmal ein Bild gesehen, da war ich noch sehr klein, ich erinnere mich nicht mehr genau daran. Aber es war ein Mann darauf zu sehen, der eine wei\u00dfe Per\u00fccke trug. Diesen Mann vergesse ich nicht, er war alt, silberne Kn\u00f6pfe prangten auf seiner gelben, seidenen Weste. Wenn es Abend wurde, begann der Greis zu erz\u00e4hlen wie ein richtiger Mensch, und ich h\u00f6rte zu. Wenn heute die Uhr in meiner Kammer schl\u00e4gt, ich meine, am Abend, dann h\u00f6re ich die Geschichte noch. &#8222;Komm her&#8220;, sagte der Mann mit der wei\u00dfen Per\u00fccke, &#8222;ich will dir den Teich zeigen, in dem sie wohnt, die Allersch\u00f6nste. Ihre Haare sind braun, ihre Augen gr\u00fcn, nein, du musst nicht lachen, sie sind dennoch wunderbar. Auf dem Grunde des Teiches liegt das Schloss, aus gr\u00fcnem Glas, aus blauem Glas, aus rotem Glas. Die T\u00fcrme sind wie kleine Kronen, aus Silber, mit Perlen an den R\u00e4ndern. Hier wohnt sie, die Allersch\u00f6nste, um ihre F\u00fc\u00df liegen sieben Ketten, und diese Ketten liegen in den H\u00e4nden eines silbernen Engels. Der Engel steht auf einem zerschmetterten Schiff. Unter der Erde f\u00fchrt ein Strom in das Meer. Jedes Mal, wenn die Nixe an die Oberfl\u00e4che des Wassers kommt, ziehen die Ketten sie auf den Grund zur\u00fcck. Die Ketten sind lang, aber nicht so lang, dass die Allersch\u00f6nste die Menschen sehen. Aber sie h\u00f6ren ihren Gesang \u00fcber dem Wasser. Und der Gesang ist m\u00e4chtig, er ist st\u00e4rker als das Rauschen der Wellen, er ist wie eine Burg aus T\u00f6nen. &#8222;Ich will die Singenden sehen&#8220;, sagte die Allersch\u00f6nste zu sich selbst, &#8222;ich will sie sehen!&#8220; Sie nimmt den Ast eines Wasserbaumes mit gro\u00dfen, sonderbaren Blumen in die Hand. &#8222;Kann ich mein Gesicht nicht \u00fcber das Wasser hinausheben?&#8220; denkt die Nixe, &#8222;die Singenden, sie sind stark, sie rei\u00dfen mich vielleicht von den Ketten los.&#8220; Die Nixe steigt empor, und sie tr\u00e4gt einen Zweig mit wei\u00dfen und blauen Bl\u00fcten, einen Zweig mit sternf\u00f6rmigen Bl\u00e4ttern. Und das Schiff kommt n\u00e4her, die Allersch\u00f6nste zittert. &#8222;Welche Blumen&#8220;, ruft eine Stimme, und ein Angesicht beugt sich dicht \u00fcber das Wasser. Und sie erblicken einander, der junge Mensch und die Nixe. Aber nun l\u00f6st sich ihre Hand von dem bl\u00fchenden Ast, und die Ketten ziehen sie hinunter. &#8222;0, ich sah sie, die Allersch\u00f6nste&#8220;, ruft der junge Mensch, er ist wie von Sinnen und schwimmt dem Ast nach, den die Wellen mit sich nahmen. Die anderen halten den jungen Mann fest. &#8222;Du Narr&#8220;, rufen sie.&#8220; Aber er sch\u00fcttelt sein dunkles Haupt, er sagt: &#8222;Ich muss sie haben!&#8220; Die Allersch\u00f6nste zerrte weinend an den Ketten ihrer F\u00fc\u00dfe, und sie sagt: &#8222;Ich muss ihn haben!&#8220; Da l\u00e4uft eine Eidechse \u00fcber die silberne Schulter des Engels, und sie spricht: &#8222;Wenn du den Wogen dieses Wassers versprichst, sie zu verlassen, sollst du ihn bekommen, aber er ist euer Ungl\u00fcck!&#8220; &#8222;Ich muss ihn haben&#8220;, sagt die Nixe. Sie nimmt einen rosa Bl\u00fctenzweig und steigt wieder an die Oberfl\u00e4che des Meeres. Diesesmal ist es der J\u00fcngling allein, der auf das Zeichen der Nixe wartet. Er sitzt in einem Nachen und streckt verlangend die Hand nach den Blumen aus. Als er den Ast mit beiden H\u00e4nden an sich rei\u00dft, l\u00f6sen sich die Ketten von den F\u00fc\u00dfen der Nixe, sie schwebt empor, der J\u00fcngling umfasst ihre Schultern und zieht sie in den Nachen. &#8222;Willst du mich verlassen?&#8220; fragt die Nixe. &#8222;Niemals&#8220;, ruft der J\u00fcngling, und \u00fcber dem Nachen spannt sich ein seidener Baldachin. Aus den Fluten steigen blumengeschm\u00fcckte Schiffe mit Masten und Segeln. Goldene Stege f\u00fchren von einem zum andern, es ist eine Stadt auf dem Wasser, eine schwankende Stadt ohne Grund. Flammende Fackeln erhellen die Nacht, und die Allersch\u00f6nste lebt mit ihrem Liebsten wie in Schl\u00f6ssern und G\u00e4rten. &#8211; Aber da sagt der Mann eines Tages: &#8222;Verzeih, doch ich muss meine Mutter noch einmal sehen!&#8220; Da weint die Nixe, sie schm\u00fcckt einen Nachen mit Ketten und Blumen, und dann l\u00e4sst sie sich in die Fluten nieder und schwimmt ihm nach. Ihre Kraft verl\u00e4sst sie, je n\u00e4her das Ufer kommt. Er sieht sie nicht. Er geht an das Land, sie folgt ihm. Das Haus seiner Kindheit ist l\u00e4ngst zerfallen, die Mutter tot. &#8211; Traurig wendet er sich dem Ufer zu. Und er findet die Allersch\u00f6nste zusammengesunken und leblos auf den zerbrochenen Stufen im Sande. Da nimmt er sie auf seine Arme und tr\u00e4gt sie in das Meer. Und er sieht in der Ferne die Schiffe versinken, er sieht wie das Wasser alles an sich rei\u00dft, die S\u00e4ulen, die goldenen Stege, die purpurnen Baldachine. Und aus der Tiefe empor leuchtet der silberne Engel mit der zerbrochenen Kette.<\/p>\n\n\n\n<div id=\"___plusone_0\" style=\"text-align: left;\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Ich habe einmal ein Bild gesehen, da war ich noch sehr klein, ich erinnere mich nicht mehr genau daran. Aber es war ein Mann darauf zu sehen, der eine wei\u00dfe Per\u00fccke trug. Diesen Mann vergesse ich nicht, er war alt, silberne Kn\u00f6pfe prangten auf seiner gelben, seidenen Weste. Wenn es Abend wurde, begann der Greis zu erz\u00e4hlen wie ein richtiger Mensch, und ich h\u00f6rte zu. Wenn heute die Uhr in meiner Kammer schl\u00e4gt, ich meine, am Abend, dann h\u00f6re ich die Geschichte noch. &#8222;Komm her&#8220;, sagte der Mann mit der wei\u00dfen Per\u00fccke, &#8222;ich will dir den Teich zeigen, in dem sie wohnt, die Allersch\u00f6nste. Ihre Haare sind braun, ihre Augen gr\u00fcn, nein, du musst nicht lachen, sie sind dennoch wunderbar. Auf dem Grunde des Teiches liegt das Schloss, aus gr\u00fcnem Glas, aus blauem Glas, aus rotem Glas. Die T\u00fcrme sind wie kleine Kronen, aus Silber, mit Perlen an den R\u00e4ndern. Hier wohnt sie, die Allersch\u00f6nste, um ihre F\u00fc\u00df liegen sieben Ketten, und diese Ketten liegen in den H\u00e4nden eines silbernen Engels. Der Engel steht auf einem zerschmetterten Schiff. Unter der Erde f\u00fchrt ein Strom in das Meer. Jedes Mal, wenn die Nixe an die Oberfl\u00e4che des Wassers kommt, ziehen die Ketten sie auf den Grund zur\u00fcck. Die Ketten sind lang, aber nicht so lang, dass die Allersch\u00f6nste die Menschen sehen. Aber sie h\u00f6ren ihren Gesang \u00fcber dem Wasser. Und der Gesang ist m\u00e4chtig, er ist st\u00e4rker als das Rauschen der Wellen, er ist wie eine Burg aus T\u00f6nen. &#8222;Ich will die Singenden sehen&#8220;, sagte die Allersch\u00f6nste zu sich selbst, &#8222;ich will sie sehen!&#8220; Sie nimmt den Ast eines Wasserbaumes mit gro\u00dfen, sonderbaren Blumen in die Hand. &#8222;Kann ich mein Gesicht nicht \u00fcber das Wasser hinausheben?&#8220; denkt die Nixe, &#8222;die Singenden, sie sind stark, sie rei\u00dfen mich vielleicht von den Ketten los.&#8220; Die Nixe steigt empor, und sie tr\u00e4gt einen Zweig mit wei\u00dfen und blauen Bl\u00fcten, einen Zweig mit sternf\u00f6rmigen Bl\u00e4ttern. Und das Schiff kommt n\u00e4her, die Allersch\u00f6nste zittert. &#8222;Welche Blumen&#8220;, ruft eine Stimme, und ein Angesicht beugt sich dicht \u00fcber das Wasser. Und sie erblicken einander, der junge Mensch und die Nixe. Aber nun l\u00f6st sich ihre Hand von dem bl\u00fchenden Ast, und die Ketten ziehen sie hinunter. &#8222;0, ich sah sie, die Allersch\u00f6nste&#8220;, ruft der junge Mensch, er ist wie von Sinnen und schwimmt dem Ast nach, den die Wellen mit sich nahmen. Die anderen halten den jungen Mann fest. &#8222;Du Narr&#8220;, rufen sie.&#8220; Aber er sch\u00fcttelt sein dunkles Haupt, er sagt: &#8222;Ich muss sie haben!&#8220; Die Allersch\u00f6nste zerrte weinend an den Ketten ihrer F\u00fc\u00dfe, und sie sagt: &#8222;Ich muss ihn haben!&#8220; Da l\u00e4uft eine Eidechse \u00fcber die silberne Schulter des Engels, und sie spricht: &#8222;Wenn du den Wogen dieses Wassers versprichst, sie zu verlassen, sollst du ihn bekommen, aber er ist euer Ungl\u00fcck!&#8220; &#8222;Ich muss ihn haben&#8220;, sagt die Nixe. Sie nimmt einen rosa Bl\u00fctenzweig und steigt wieder an die Oberfl\u00e4che des Meeres. Diesesmal ist es der J\u00fcngling allein, der auf das Zeichen der Nixe wartet. Er sitzt in einem Nachen und streckt verlangend die Hand nach den Blumen aus. Als er den Ast mit beiden H\u00e4nden an sich rei\u00dft, l\u00f6sen sich die Ketten von den F\u00fc\u00dfen der Nixe, sie schwebt empor, der J\u00fcngling umfasst ihre Schultern und zieht sie in den Nachen. &#8222;Willst du mich verlassen?&#8220; fragt die Nixe. &#8222;Niemals&#8220;, ruft der J\u00fcngling, und \u00fcber dem Nachen spannt sich ein seidener Baldachin. Aus den Fluten steigen blumengeschm\u00fcckte Schiffe mit Masten und Segeln. Goldene Stege f\u00fchren von einem zum andern, es ist eine Stadt auf dem Wasser, eine schwankende Stadt ohne Grund. Flammende Fackeln erhellen die Nacht, und die Allersch\u00f6nste lebt mit ihrem Liebsten wie in Schl\u00f6ssern und G\u00e4rten. &#8211; Aber da sagt der Mann eines Tages: &#8222;Verzeih, doch ich muss meine Mutter noch einmal sehen!&#8220; Da weint die Nixe, sie schm\u00fcckt einen Nachen mit Ketten und Blumen, und dann l\u00e4sst sie sich in die Fluten nieder und schwimmt ihm nach. Ihre Kraft verl\u00e4sst sie, je n\u00e4her das Ufer kommt. Er sieht sie nicht. Er geht an das Land, sie folgt ihm. Das Haus seiner Kindheit ist l\u00e4ngst zerfallen, die Mutter tot. &#8211; Traurig wendet er sich dem Ufer zu. Und er findet die Allersch\u00f6nste zusammengesunken und leblos auf den zerbrochenen Stufen im Sande. Da nimmt er sie auf seine Arme und tr\u00e4gt sie in das Meer. Und er sieht in der Ferne die Schiffe versinken, er sieht wie das Wasser alles an sich rei\u00dft, die S\u00e4ulen, die goldenen Stege, die purpurnen Baldachine. 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