{"id":858,"date":"2016-10-12T22:59:57","date_gmt":"2016-10-12T20:59:57","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=858"},"modified":"2025-12-28T21:25:02","modified_gmt":"2025-12-28T20:25:02","slug":"der-selbstsuechtige-riese","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-selbstsuechtige-riese\/","title":{"rendered":"Der selbsts\u00fcchtige Riese"},"content":{"rendered":"<p>Oscar Wilde<br \/>\n<!--more--><br \/>\nJeden Nachmittag, wenn sie aus der Schule kamen, pflegten die Kinder in des Riesen Garten zu gehen und dort zu spielen.<br \/>\nEs war ein gro\u00dfer, lieblicher Garten mit weichem, gr\u00fcnem Gras. Hier und da standen \u00fcber dem Gras sch\u00f6ne Blumen wie Sterne, und es waren dort zw\u00f6lf Pfirsichb\u00e4ume, die im Fr\u00fchling zarte, rosige und perlfarbene Bl\u00fcten hatten und im Herbst reiche Fr\u00fcchte trugen. Die V\u00f6gel sa\u00dfen auf den Zweigen und sangen so s\u00fc\u00df, dass die Kinder ihre Spiele unterbrachen, um ihnen zu lauschen. \u00bbWie gl\u00fccklich sind wir hier!\u00ab riefen sie einander zu.<br \/>\nEines Tages kam der Riese zur\u00fcck. Er hatte seinen Freund Oger in Cornwall besucht und war sieben Jahre bei ihm gewesen. Als die sieben Jahre vorbei waren, hatte er alles gesagt, was er wusste, denn seine Unterhaltungsgabe war begrenzt, und er beschloss, in seine eigene Burg zur\u00fcckzukehren. Als er ankam, sah er die Kinder in dem Garten spielen.<br \/>\n\u00bbWas macht ihr hier?\u00ab schrie er mit sehr barscher Stimme, und die Kinder rannten davon.<br \/>\n\u00bbMein eigener Garten ist mein eigener Garten,\u00ab sagte der Riese; \u00bbdas kann jeder verstehen, und ich erlaube niemand, darin zu spielen als mir selbst.\u00ab Deshalb baute er ringsherum eine hohe Mauer und befestigte eine Tafel daran:<br \/>\nEintritt bei Strafe verboten.<br \/>\nEr war ein sehr selbsts\u00fcchtiger Riese.<br \/>\nDie armen Kinder hatten nun keinen Platz, wo sie spielen konnten. Sie versuchten auf der Stra\u00dfe zu spielen, aber die Stra\u00dfe war sehr staubig und voll von harten Steinen, und das liebten sie nicht. Sie pflegten rund um die hohe Mauer zu gehen, wenn ihr Unterricht vorbei war, und von dem sch\u00f6nen Garten dahinter zu reden. \u00bbWie gl\u00fccklich waren wir dort,\u00ab sagten sie zueinander.<br \/>\nDann kam der Fr\u00fchling, und \u00fcberall im Land waren kleine Blumen und kleine V\u00f6gel. Nur im Garten des selbsts\u00fcchtigen Riesen war es noch Winter. Die V\u00f6gel wollten darin nicht singen, weil dort keine Kinder waren, und die B\u00e4ume verga\u00dfen zu bl\u00fchen. Einmal steckte eine sch\u00f6ne Blume ihren Kopf aus dem Gras hervor, aber als sie die Tafel sah, taten ihr die Kinder so leid, dass sie wieder in den Boden hinabglitt und sich schlafen legte. Die einzigen Wesen, die daran ihre Freude hatten, waren Schnee und Frost. \u00bbDer Fr\u00fchling hat diesen Garten vergessen,\u00ab sagten sie, \u00bbdeshalb wollen wir hier das ganze Jahr durch wohnen.\u00ab Der Schnee bedeckte das Gras mit seinem dicken, wei\u00dfen Mantel, und der Frost bemalte alle B\u00e4ume mit Silber. Dann luden sie den Nordwind zum Besuch ein, und er kam. Er war in Pelze eingeh\u00fcllt und br\u00fcllte den ganzen Tag im Garten herum und blies die Dachkamine herab. \u00bbDies ist ein entz\u00fcckender Platz,\u00ab sagte er; \u00bbwir m\u00fcssen den Hagel bitten, herzukommen.\u00ab So kam der Hagel. Er rasselte jeden Tag drei Stunden lang auf das Dach der Burg, bis er fast alle Dachziegel zerbrochen hatte, und dann rannte er immer im Kreis durch den Garten, so schnell er nur konnte. Er war in Grau gekleidet, und sein Atem war wie Eis.<br \/>\n\u00bbIch verstehe nicht, warum der Fr\u00fchling solange ausbleibt,\u00ab sagte der selbsts\u00fcchtige Riese, als er am Fenster sa\u00df und auf seinen kalten, wei\u00dfen Garten hinaussah; \u00bbhoffentlich gibt es einen Witterungsumschlag.\u00ab<br \/>\nAber der Fr\u00fchling kam \u00fcberhaupt nicht, ebenso wenig wie der Sommer. Der Herbst brachte in jeden Garten goldene Frucht, nur in des Riesen Garten brachte er keine. \u00bbEr ist zu selbsts\u00fcchtig,\u00ab sagte er. So war es denn dort immer Winter, und der Nordwind und der Hagel und der Frost und der Schnee tanzten zwischen den B\u00e4umen umher.<br \/>\nEines Morgens lag der Riese wach im Bett, da h\u00f6rte er eine liebliche Musik. Sie klang so s\u00fc\u00df an seine Ohren, dass er glaubte, des K\u00f6nigs Musiker k\u00e4men vorbei. Es war in Wirklichkeit nur ein kleiner H\u00e4nfling, der drau\u00dfen vor seinem Fenster sang, aber er hatte so lange Zeit keine V\u00f6gel mehr in seinem Garten singen h\u00f6ren, dass es ihm die sch\u00f6nste Musik von der Welt zu sein d\u00fcnkte. Dann h\u00f6rte der Hagel auf, \u00fcber seinem Kopf zu tanzen, der Nordwind br\u00fcllte nicht mehr, und ein entz\u00fcckender Duft kam durch den offenen Fensterfl\u00fcgel zu ihm. \u00bbIch glaube, der Fr\u00fchling ist endlich gekommen,\u00ab sagte der Riese; und er sprang aus dem Bett und schaute hinaus.<br \/>\nWas sah er?<br \/>\nEr sah das wundervollste Bild. Durch ein kleines Loch in der Mauer waren die Kinder hereingekrochen und sa\u00dfen in den Zweigen der B\u00e4ume. Auf jedem Baum, den er sehen konnte, war ein kleines Kind. Und die B\u00e4ume waren so froh, die Kinder wiederzuhaben, dass sie sich selbst mit Bl\u00fcten bedeckt hatten und ihre Arme z\u00e4rtlich um die K\u00f6pfe der Kinder legten. Die V\u00f6gel flogen umher und zwitscherten vor Entz\u00fccken, und die Blumen blickten aus dem gr\u00fcnen Gras hervor und lachten. Es war ein lieblicher Anblick, nur in einer Ecke war noch Winter. Es war die \u00e4u\u00dferste Ecke des Gartens, und in ihr stand ein kleiner Knabe. Er war so winzig, dass er nicht bis zu den Zweigen des Baumes hinaufreichen konnte, und er wanderte immer um ihn herum und weinte bitterlich. Der arme Baum war noch ganz mit Eis und Schnee bedeckt, und der Nordwind blies und br\u00fcllte \u00fcber ihn weg. \u00bbKlett&#8217;re hinauf! kleiner Knabe,\u00ab sagte der Baum und bog seine Zweige hinab, soweit er konnte; aber der Knabe war zu winzig.<br \/>\nUnd des Riesen Herz schmolz, als er hinausblickte. \u00bbWie selbsts\u00fcchtig ich gewesen bin!\u00ab sagte er; \u00bbjetzt wei\u00df ich, warum der Fr\u00fchling nicht hierherkommen wollte. Ich werde den armen, kleinen Knaben oben auf den Baum setzen, und dann will ich die Mauer umsto\u00dfen, und mein Garten soll f\u00fcr alle Zeit der Spielplatz der Kinder sein.\u00ab Es war ihm wirklich sehr leid, was er getan hatte.<br \/>\nEr stieg hinab, \u00f6ffnete ganz sanft die Vordert\u00fcre und ging hinaus in den Garten. Aber als ihn die Kinder sahen, waren sie so erschrocken, dass sie alle davonliefen, und es im Garten wieder Winter wurde. Nur der kleine Junge lief nicht fort, denn seine Augen waren so voll von Tr\u00e4nen, dass er den Riesen gar nicht kommen sah. Und der Riese stahl sich hinter ihn, nahm ihn behutsam in die Hand und setzte ihn auf den Baum. Und der Baum brach sofort in Bl\u00fcten aus, und die V\u00f6gel kamen und sangen darauf, und der kleine Junge streckte seine beiden Arme aus, schlang sie rund um des Riesen Nacken und k\u00fcsste ihn. Und als die anderen Kinder sahen, dass der Riese nicht mehr b\u00f6se war, kamen sie zur\u00fcckgerannt, und mit ihnen kam der Fr\u00fchling. \u00bbEs ist jetzt euer Garten, kleine Kinder,\u00ab sagte der Riese, und er nahm eine gro\u00dfe Axt und schlug die Mauer nieder. Und als die Leute um zw\u00f6lf Uhr zum Markt gingen, da fanden sie den Riesen spielend mit den Kindern in dem sch\u00f6nsten Garten, den sie je gesehen hatten. Den ganzen Tag lang spielten sie, und des Abends kamen sie zum Riesen, um sich von ihm zu verabschieden.<br \/>\n\u00bbAber wo ist euer kleiner Gef\u00e4hrte?\u00ab fragte er, \u00bbder Knabe, den ich auf den Baum setzte.\u00ab Der Riese liebte ihn am meisten, weil er ihn gek\u00fcsst hatte.<br \/>\n\u00bbWir wissen es nicht,\u00ab antworteten die Kinder; \u00bber ist fortgegangen.\u00ab<br \/>\n\u00bbIhr m\u00fcsst ihm bestimmt sagen, dass er morgen wieder hierherkommt,\u00ab sagte der Riese. Aber die Kinder erkl\u00e4rten, sie w\u00fcssten nicht, wo er wohne, und h\u00e4tten ihn nie vorher gesehen; und der Riese f\u00fchlte sich sehr betr\u00fcbt.<br \/>\nJeden Nachmittag, wenn die Schule vorbei war, kamen die Kinder und spielten mit dem Riesen. Aber der kleine Knabe, den der Riese liebte, wurde nie wieder gesehen. Der Riese war sehr g\u00fctig zu allen Kindern, aber er sehnte sich nach seinem ersten kleinen Freund und sprach oft von ihm. \u00bbWie gerne m\u00f6chte ich ihn sehen!\u00ab pflegte er zu sagen.<br \/>\nJahre vergingen, und der Riese wurde sehr alt und schwach. Er konnte nicht mehr drau\u00dfen spielen, und so sa\u00df er in einem hohen Lehnstuhl und beobachtete die Kinder bei ihren Spielen und bewunderte seinen Garten. \u00bbIch habe viele sch\u00f6ne Blumen,\u00ab sagte er, \u00bbaber die Kinder sind die sch\u00f6nsten Blumen von allen.\u00ab<br \/>\nEines Wintermorgens blickte er aus seinem Fenster hinaus, als er sich anzog. Er hasste jetzt den Winter nicht mehr, denn er wusste, dass er nur ein schlafender Fr\u00fchling war, und dass die Blumen sich dann ausruhten.<br \/>\nPl\u00f6tzlich rieb er sich die Augen vor Staunen und schaute atemlos hinaus. Es war wirklich ein wunderbarer Anblick. Im \u00e4u\u00dfersten Winkel des Gartens war ein Baum ganz bedeckt mit lieblichen, wei\u00dfen Blumen. Seine Zweige waren ganz golden, und silberne Fr\u00fcchte hingen von ihnen herab, und darunter stand der kleine Knabe, den er geliebt hatte.<br \/>\nIn gro\u00dfer Freude rannte der Riese die Treppe hinab und hinaus in den Garten. Er eilte \u00fcber das Gras und n\u00e4herte sich dem Kinde. Als er dicht bei ihm war, wurde sein Gesicht rot vor Zorn, und er fragte: \u00bbWer hat es gewagt, dich zu verwunden?\u00ab Denn aus den Handfl\u00e4chen des Kindes waren zwei N\u00e4gelmale, und zwei N\u00e4gelmale waren auf den kleinen F\u00fc\u00dfen.<br \/>\n\u00bbWer hat es gewagt, dich zu verwunden?\u00ab schrie der Riese; \u00bbsage es mir, damit ich mein gro\u00dfes Schwert nehme und ihn erschlage.\u00ab<br \/>\n\u00bbNein!\u00ab antwortete das Kind; \u00bbdenn dies sind Wunden der Liebe.\u00ab<br \/>\n\u00bbWer bist du?\u00ab fragte der Riese, und eine seltsame Ehrfurcht befiel ihn, und er kniete vor dem kleinen Kinde.<br \/>\nUnd das Kind l\u00e4chelte den Riesen an und sagte zu ihm: \u00bbDu lie\u00dfest mich einmal in deinem Garten spielen; heute sollst du mit mir in meinen Garten kommen, der das Paradies ist.\u00ab Und als die Kinder an diesem Nachmittag hineinliefen, fanden sie den Riesen tot unter dem Baum liegen, ganz bedeckt mit wei\u00dfen Bl\u00fcten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oscar Wilde<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[85,127],"tags":[],"class_list":["post-858","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-maerchen","category-oscar-wilde-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/858","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=858"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/858\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":859,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/858\/revisions\/859"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=858"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=858"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=858"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}