{"id":856,"date":"2016-11-09T15:07:39","date_gmt":"2016-11-09T14:07:39","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=856"},"modified":"2026-01-17T03:32:53","modified_gmt":"2026-01-17T02:32:53","slug":"der-robbenfaenger-und-die-meerleute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-robbenfaenger-und-die-meerleute\/","title":{"rendered":"Der Robbenf\u00e4nger und die Meerleute"},"content":{"rendered":"\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Der Robbenf\u00e4nger und die Meerleute<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>M\u00e4rchen aus Schottland<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>An der Nordk\u00fcste von Schottland lebte in einer kleinen H\u00fctte ein Mann, der Fischfang trieb, vor allem aber Robben fing. Deren Felle wurden ihm gut bezahlt. Die Tiere kamen in gro\u00dfer Zahl aus dem Meere und legten sich auf die Felsen bei seinem Hause in die Sonne. So war es nicht schwer, ihnen beizukommen. Einige darunter fielen durch ihre Gr\u00f6\u00dfe auf, und manche meinten, das seien \u00fcberhaupt keine Robben, sondern Wasserm\u00e4nner und Meerfrauen, die auf dem Grunde der See wohnten. Aber der Robbenf\u00e4nger lachte nur dar\u00fcber und sagte, gerade damit mache man das beste Gesch\u00e4ft: je gr\u00f6\u00dfer die Tiere, desto gr\u00f6\u00dfer die Felle und umso h\u00f6her die Preise.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines Tages hatte er beim Jagen ein Missgeschick. Das Tier, nach dem er stie\u00df, entglitt ihm mit lautem Geheul ins Wasser mitsamt dem Jagdmesser, das in ihm steckte. Als er verdrie\u00dflich nach Hause ging, kam ein Fremder daher geritten, der noch ein zweites Pferd mit sich f\u00fchrte. Er hielt den Robbenf\u00e4nger an und sagte, er sei von jemand abgeschickt, der mit ihm einen Handel \u00fcber eine Anzahl Seehundsfelle schlie\u00dfen wolle, und ob er mit ihm zu dem Auftraggeber gehen: es m\u00fcsse aber sofort sein. Der Robbenf\u00e4nger freute sich. Da war ein guter Handel in Aussicht, der konnte den Verlust mehr als wett machen. Er willigte also ein, bestieg das zweite Pferd, und der Fremde ritt mit ihm so geschwind los, dass der Wind, der, wie der Fischer wusste, doch vom R\u00fccken her kam, ihm ins Gesicht zu blasen schien. Mit einem mal hielt der Fremde an, sie standen an einem Felsenhang, der in die See hineinragte und steil abst\u00fcrzte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Hier ist es&#8220;, sagte der F\u00fchrer, packte dabei den Fischer mit \u00fcbernat\u00fcrlicher Kraft und st\u00fcrzte sich ohne weiteres mit ihm gerade ins Meer hinein. Der Robbenf\u00e4nger dachte schon, jetzt sei es aus mit ihm, da merkte er zu seinem Erstaunen, dass sich etwas mit ihm ver\u00e4ndert hatte. Mitten im Wasser konnte er ganz leicht atmen, und dabei sanken sie immer tiefer und so schnell, wie sie vorher zu Land durch die Luft gesaust waren. Sie waren &#8211; er wusste nicht wie tief &#8211; hinab getaucht, da kamen sie auf dem Grunde an ein gro\u00dfes gew\u00f6lbtes Tor, das schien aus rosenroten Korallen gemacht und war besetzt mit Herzmuscheln. Es \u00f6ffnete sich von selbst, und sie traten in einen gro\u00dfen Saal, dessen W\u00e4nde aus Perlmutt waren und dessen Boden aus glattem, festem See Sand bestand.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Saal war voll von G\u00e4sten, lauter Robben, aber sie sprachen und zeigten an ihrem gebaren, dass sie wie Menschen empfanden. Sie schienen alle sehr traurig zu sein, bewegten sich lautlos durch den Saal, sprachen leise miteinander oder lagen schwerm\u00fctig auf dem Sandboden und wischten sich mit ihren weichen felligen Flossen gro\u00dfe Tr\u00e4nen aus den Augen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Robbenf\u00e4nger wandte sich zu seinem Begleiter und wollte ihn fragen, was das alles bedeutete &#8211; da sah er zu seinem Schrecken, dass der ebenfalls die Gestalt eines Seehundes angenommen hatte. Noch mehr entsetzte er sich aber, als er nun gewahr wurde, dass auch er selber nicht mehr den Menschen \u00e4hnlich, sondern in einen Seehund verwandelt war. Ganz benommen und verzweifelt war er bei dem Gedanken, dass er nun sein Leben lang in dieser schauderhaften Gestalt bleiben m\u00fcsse.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt zeigte ihm sein F\u00fchrer pl\u00f6tzlich ein langes Messer und fragte ihn: &#8222;Hast du das schon einmal gesehen?&#8220; Er erkannte sein eigenes, womit er am Morgen den Seehund getroffen hatte. Er erschrak so sehr, dass er auf sein Gesicht fiel und um Gnade bat. Er dachte nicht anders, als dass sie Rache an ihm nehmen und ihm ans Leben gehen wollten. Statt dessen aber umringten sie ihn und rieben ihre weichen Nasen an seinem Fell, um ihm zu zeigen, wie gut sie es mit ihm meinten, und baten ihn gar sehr, er solle nur ruhig sein; es w\u00fcrde ihm nichts geschehen und sie w\u00fcrden ihn ihr ganzes Leben lang lieben, wenn er nur t\u00e4te, was sie von ihm verlangten. Sein F\u00fchrer brachte ihn in einen Nebenraum. Da lag ein gro\u00dfer brauner Seehund auf einem Lager von blassrotem Seetang mit einer klaffenden Wunde an der Seite.<br>\n&#8222;Es war mein Vater&#8220;, sagte sein F\u00fchrer, &#8222;den Du heute Morgen verwundet hast. Ich habe Dich hierher gebracht, damit du ihm die Wunde verbindest. Denn keine andere Hand als die deinige kann ihn gesund machen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich verstehe zwar nicht viel von der Heilkunst&#8220;, sagte der Robbenf\u00e4nger und war erstaunt \u00fcber die Nachricht dieser seltsamen Gesch\u00f6pfe, denen er solches Unrecht getan hatte, &#8222;aber ich will ihn verbinden, so gut ich nur kann. Es tut mir von Herzen leid, dass meine Hand ihm die Wunde schlug.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Er ging zu dem Bett, wusch und besorgte den Kranken, so gut er nur konnte. Kaum war er damit fertig, da schien sich die Wunde schon zu schlie\u00dfen und zu heilen. Nur eine Narbe blieb, und der alte Seehund sprang, so munter wie je. Da verwandelte sich die Trauer in allgemeine Lust und Freude, im ganzen Robbenpalast lachten sie, schw\u00e4tzten sie, k\u00fcssten sich in ihrer sonderbaren Weise, scharten sich um den Alten, rieben ihre Nasen gegen seine, als wollten sie ihm zeigen, wie gl\u00fccklich sie \u00fcber seine schnelle Heilung w\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Robbenf\u00e4nger stand die ganze Zeit in einer Ecke, bedr\u00e4ngt von finsteren Gedanken. Er sah wohl, sie wollten ihn nicht t\u00f6ten &#8211; aber sollte er nun sein ganzes \u00fcbriges Leben lang als Seehund hier klaftertief unter dem Meere bleiben? Da nahte sich zu seiner gro\u00dfen Freude wieder sein F\u00fchrer und sagte: &#8222;Nun steht es dir frei, zu Weib und Kindern heimzukehren. Ich will dich zu ihnen bringen, aber nur unter einer Bedingung.&#8220; &#8211; &#8222;Und welche w\u00e4re das?&#8220; fragte der Robbenf\u00e4nger begierig und war ganz au\u00dfer sich vor Freude bei dem Gedanken, unversehrt wieder in die Oberwelt und zu seiner Familie zur\u00fcckkehren zu d\u00fcrfen. &#8222;Dass du einen feierlichen Eid schw\u00f6ren willst, nie wieder einen Seehund zu verwunden.&#8220; Das wollte er gern tun. Wenn er damit auch den Robbenfang, seinen bisherigen Lebensberuf, aufgeben musste, so wusste er doch, nur so w\u00fcrde er seine richtige Gestalt wiedergewinnen k\u00f6nnen. Schlie\u00dflich konnte er sich ja dann sp\u00e4ter auf irgendeine andere Art sein Brot verdienen.<\/p>\n\n\n\n<p>So legte er den geforderten Eid mit aller Feierlichkeit ab, hielt seine Flosse hoch zum Schwur, und alle die anderen Robben stellten sich neben ihn als Zeugen. Ein Seufzer der Erleichterung ging durch die S\u00e4le, als die Worte gesprochen waren: denn er war der t\u00fcchtigste Robbenf\u00e4nger im Norden gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sagte er der seltsamen Gesellschaft Lebewohl. Mit seinem F\u00fchrer zog er wieder durch das \u00e4u\u00dfere Korallentor und hoch durch das schattenhafte gr\u00fcne Wasser, bis es anfing immer lichter zu werden und sie zuletzt auftauchten im Sonnenschein der Erde. Mit einem Sprung waren sie oben auf der Klippe, wo die beiden schwarzen Rosse schon auf sie warteten und ruhig das gr\u00fcne Gras abknabberten.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie das Wasser verlie\u00dfen, fiel ihre seltsame Verkleidung von ihnen ab, und sie waren gerade so wie vorher, ehe sie ins Wasser hinab getaucht waren: ein einfacher Robbenf\u00e4nger und ein hochgewachsener gutgekleideter Mann im Reitanzug. Dann geschah alles wie vorher, die Pferde sausten dahin, und es dauerte nicht lange, da stand der Robbenf\u00e4nger wieder wohlbehalten vor seinem Haus. Wie er dem Fremden die Hand hinhielt, um Lebewohl zu sagen, zog der einen gro\u00dfen Beutel Goldes heraus und reichte ihn hin: &#8222;Du hast deine Pflicht bei dem Handel erf\u00fcllt &#8211; wir m\u00fcssen es ebenso machen&#8220;, sagte er. &#8222;Man soll nie sagen d\u00fcrfen, wir h\u00e4tten eines ehrlichen Mannes Arbeit beansprucht, ohne uns erkenntlich zu zeigen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Damit verschwand er. Als der Robbenf\u00e4nger in seiner H\u00fctte den Beutel auf dem Tisch ausleerte, war es so viel, dass er nicht bedauern brauchte, seinem Handwerk entsagt zu haben.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>N\u00e4chster M\u00e4rchenletter am 03.10.2016<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[85,153,133],"tags":[],"class_list":["post-856","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-maerchen","category-schottland","category-maerchen-weltweit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/856","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=856"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/856\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4249,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/856\/revisions\/4249"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=856"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=856"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=856"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}