{"id":85,"date":"2015-10-06T01:28:27","date_gmt":"2015-10-05T23:28:27","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=85"},"modified":"2026-01-15T02:58:50","modified_gmt":"2026-01-15T01:58:50","slug":"ali-und-die-schlange","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/ali-und-die-schlange\/","title":{"rendered":"Ali und die Schlange"},"content":{"rendered":"\n<!--more-->\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Ali und die Schlange<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ali, von dem unsere Geschichte erz\u00e4hlt, ist ein kleiner Junge von 10 Jahren.&nbsp;Er hat gro\u00dfe dunkle Augen und pechschwarzes Kraushaar. Seine Haut ist braun, denn Ali stammt aus Afrika, aus einer Stadt am Rande der gro\u00dfen W\u00fcste. Ali liebt seine Stadt mit den vielen Menschen, mit den Eseltreibern, den bunten Marktst\u00e4nden und dem quirligen Treiben in den engen Gassen. Dieses H\u00e4usergewirr ist immer in ein tr\u00fcbes, schummriges Licht getaucht. Zwischen den D\u00e4chern sind dichte Schilfmatten \u00fcber die Gassen gespannt damit die gl\u00fchende Sonne nicht durchdringen kann. Abends, wenn die letzten Sonnenstrahlen auf die gelbbraune Stadtummauerung fallen, ist die Stadt besonders sch\u00f6n. Wie in Gold getaucht leuchten dann die vielen T\u00fcrmchen und Zinnen. Durch die hohen Stadttore, die alle die Form von riesigen Schl\u00fcssell\u00f6chern haben, str\u00f6men die Menschen auf die weiten Pl\u00e4tze vor der Stadtmauer. Frauen und M\u00e4nner tragen lange farbige Gew\u00e4nder und alle sehen aus, als gingen sie zu einem Fest.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Alis Vater war vor drei Jahren auf der W\u00fcstenstra\u00dfe drau\u00dfen vor der Stadt von einem Auto \u00fcberfahren worden. Alis Mutter ging danach mit ihren drei Kindern wieder zur\u00fcck in ihr Elternhaus. Seitdem leben sie zusammen mit dem alten Gro\u00dfvater mitten in der Stadt in einem winzigen Haus, das nur ein ger\u00e4umiges Zimmer hat. Kochen und essen, waschen und sp\u00fclen alles spielt sich in diesem einzigen Raum ab. Zum Schlafen legen sich alle hintereinander auf die ringsum an den W\u00e4nden verlaufende Sofabank. Es ist ein sehr bescheidenes Leben, aber alle sind zufrieden, wenn sie nur jeden Tag etwas zu essen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Alis Gro\u00dfvater ist Schlangenbeschw\u00f6rer. Die Familie lebt von dem, was er auf dem Markt verdient. Weil der Gro\u00dfvater schon alt ist und au\u00dferdem nicht mehr gut laufen kann, muss Ali ihn immer begleiten und ihm bei seiner Arbeit helfen. Ali w\u00fcrde viel lieber in die Schule gehen und lesen und schreiben lernen; dann w\u00fcrde er so klug werden, dass er eines Tages f\u00fcr seine Familie sorgen k\u00f6nnte. Seine Mutter k\u00f6nnte wieder lachen und den kleinen Schwestern w\u00fcrde er h\u00fcbsche Kleider kaufen. Der Gro\u00dfvater br\u00e4uchte nicht mehr auf den Markt humpeln, um mit seiner Fl\u00f6te die Schlange zu beschw\u00f6ren. Aber Ali darf nicht zur Schule gehen, denn er muss arbeiten und so bleibt alles ein sch\u00f6ner Traum.<\/p>\n\n\n\n<p>Jeden Morgen, nachdem der Gebetsausrufer, der Muezzin, zum zweiten Mal vom Minarett oben zum Gebet gerufen hat, geht der Gro\u00dfvater in seinem langen Gewand, das man in Alis Heimat Kaftan nennt, zur Moschee um zu beten. W\u00e4hrend der Gro\u00dfvater seine Morgenandacht verrichtet, hat sich Ali zu Recht gemacht. Er hat ebenfalls seinen Kaftanmantel mit der Zipfelm\u00fctze am R\u00fccken \u00fcbergezogen und ein buntes K\u00e4ppi auf seine dunklen Locken gest\u00fclpt. Sobald der Gro\u00dfvater zur\u00fcckkommt, nimmt Ali eine lederne Schale, einen Holzschemel und wirft sich den kleinen Teppich \u00fcber die Schultern. Zuletzt holt er unter dem Sofa die Kiste mit der Schlange hervor und \u00fcbergibt sie dem Gro\u00dfvater. Ali w\u00fcrde die Kiste gerne selber tragen, aber der Gro\u00dfvater findet, dass Ali noch zu klein ist. So ausger\u00fcstet gehen die Beiden hin\u00fcber auf den Marktplatz. Es ist wichtig, dass sie immer an der gleichen Stelle ihre Sachen aufstellen, denn die Kartenleger, die Zauberer, die Gew\u00fcrzh\u00e4ndler, die Dattelverk\u00e4ufer, sie alle haben ihren angestammten Platz. Sie k\u00f6nnen sehr b\u00f6se werden, wenn man sich nicht daran h\u00e4lt. Ali breitet also seinen Teppich aus und stellt den Schemel daneben. Bevor der Gro\u00dfvater sich setzt, zieht er aus den weiten Taschen seines Kaftans eine Fl\u00f6te hervor. Er probiert einige T\u00f6ne aus und gibt dann Ali mit den Augen einen Wink, die Kiste zu \u00f6ffnen. Vorsichtig schiebt Ali den Riegel zur\u00fcck und hebt den Deckel einen spaltbreit hoch. Durch den schmalen Lichtstreifen, der jetzt ins Innere der Kiste f\u00e4llt, erwacht die Schlange und beginnt sich r\u00e4keln und zu winden. Das ist der Augenblick vor dem Ali immer ein wenig bang ist. Die Schlage, es ist eine Kobra und hei\u00dft Leila, ist giftig und wenn sie lange eingesperrt war, ist sie besonders angriffslustig. Ali schl\u00e4gt mit einer raschen Bewegung den Deckel zur\u00fcck und der breite, flache Kopf der Kobra mit den seitlich gerichteten Augen reckt sich aus der Kiste. Sobald der Gro\u00dfvater mit seinem Fl\u00f6tenspiel beginnt, richtet sich die Schlange auf. Eine Kobra kann ihren Kopf fast auf halbe Arml\u00e4nge \u00fcber den Boden erheben. Das sieht sehr bedrohlich aus. Wenn dann der Gro\u00dfvater seiner Fl\u00f6te immer schnellere und schrillere T\u00f6ne entlockt, sieht man pl\u00f6tzlich die gespaltene schwarze Zunge aus dem Schlangenmaul hervor schie\u00dfen. Zum Rhythmus der T\u00f6ne beginnt die Kobra den aufgerichteten, furchterregenden Kopf ruckartig vor und zur\u00fcck zu sto\u00dfen. Inzwischen haben sich viele Zuschauer eingefunden, die gespannt und auch ein wenig \u00e4ngstlich das Schauspiel der zuckenden Schlange beobachten. Ein paar Mutige treten so nahe heran, dass sie die gelben Augen von Leila deutlich sehen k\u00f6nnen. Sobald die Schlange jedoch eine heftige, ruckartige Bewegung macht, weichen die meisten Zuschauer mit einem Aufschrei zur\u00fcck. Ali hat sich inzwischen mit der Lederschale unter die Zuschauer gemischt. Er bittet h\u00f6flich um eine kleine Gabe. Die meisten legen ein paar M\u00fcnzen in die Schale, aber es gibt auch welche, die sich im Gedr\u00e4nge davon stehlen. Das \u00e4rgert Ali, denn das gesammelte Geld ist das einzige, was seine Familie zum Leben hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn um die Mittagszeit die Sonne auf den Marktplatz heruntergl\u00fcht verlassen die meisten H\u00e4ndler den Markt und ziehen sich in die schattigen Gassen zur\u00fcck. Auch Ali und sein Gro\u00dfvater gehen nach Hause. Das Geld und die Kiste mit der Schlage nehmen sie mit; den Teppich und den Schemel lassen sie am Platz zur\u00fcck, denn am sp\u00e4ten Nachmittag geht die Arbeit weiter. Es ist keine schwere Arbeit und h\u00e4ufig langweilt sich Ali, vor allem wenn keine Besucher kommen. Dann sitzt der Gro\u00dfvater auf dem Schemel und d\u00f6st vor sich hin. Ali hockt daneben und muss auf Leila aufpassen, die zusammengeringelt in ihrer Kiste liegt. Aber manchmal, wenn Ali das Gef\u00fchl hat, dass der Gro\u00dfvater richtig schl\u00e4ft, klappt er leise den Deckel der Schlangenkiste zu und schleicht sich davon. Dann geht er hin\u00fcber zum M\u00e4rchenerz\u00e4hler, der am Rande des Marktes auf einer kleinen Mauer sitzt. Zu seinen F\u00fc\u00dfen hat der M\u00e4rchenerz\u00e4hler einen buntgewebten Teppich ausgebreitet, auf dem sich die Zuh\u00f6rer niederlassen k\u00f6nnen. Meistens sitzen M\u00e4nner oder Buben auf dem Teppich, Frauen sieht man selten, nur ab und zu bleibt eine im Vor\u00fcbergehen stehen, um zuzuh\u00f6ren. Alle Geschichten hat der M\u00e4rchenerz\u00e4hler in seinem Kopf, deshalb h\u00e4lt er meistens die Augen geschlossen und spricht mit einer sehr geheimnisvollen Stimme. Er berichtet von Menschen, die durch einen \u00fcbernat\u00fcrlichen Zauber in Tiere verwandelt wurden. Er erz\u00e4hlt von Sindbad dem Seefahrer und von seinen Abenteuern und von Ali Baba, der die 40 R\u00e4uber in den Berg einschlie\u00dft und weil sie das Losungswort \u201eSesam \u00f6ffne dich!\u201c vergessen haben, kommen sie nicht mehr heraus. Eine Geschichte findet Ali besonders spannend, das ist die von dem schlimmen W\u00fcstenf\u00fcrsten, der immer nachts die Karawanen \u00fcberfallen und beraubt hatte. Kostbaren Schmuck und herrliche Edelsteine, feinste Teppiche, Kristallvasen, vergoldete Schalen und Kr\u00fcge brachte der Barbar von seinen Raubz\u00fcgen mit nach Hause. Mitten in der W\u00fcste, wo ihn keine Polizei und keine Verfolger erreichen konnten, baute er sich einen Palast, in dem er seine Sch\u00e4tze aufbewahrte. Aber eines Nachts erhob sich ein gewaltiger Sandsturm, der viele Tage \u00fcber die W\u00fcste fegte und alles unter sich begrub. So wurde auch der Palast des gemeinen R\u00e4ubers mit allen seinen Sch\u00e4tzen vom W\u00fcstensand versch\u00fcttet. Weil aber niemand wei\u00df, wo dieser Palast einmal gestanden hat, r\u00e4tseln die Leute und es geht das Ger\u00fccht, dass er unter einer der gro\u00dfen Sandd\u00fcnen begraben sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Von den Geschichten des M\u00e4rchenerz\u00e4hlers ist Ali immer ganz benommen. Gerne w\u00fcrde er noch weiter zuh\u00f6ren, aber er muss wieder auf seinen Platz zur\u00fcck, bevor der Gro\u00dfvater aufwacht, denn der kann sehr zornig werden, wenn Ali nicht da ist und niemand die Schlange bewacht.<\/p>\n\n\n\n<p>So vergeht ein Tag nach dem anderen. Doch eines Morgens, die beiden haben wie immer auf dem Marktplatz ihre Sachen aufgebaut, bemerkt Ali, als er die Schlangenkiste \u00f6ffnet, dass sie leer ist. Er erschrickt so heftig, dass er f\u00fcr einen Augenblick das Gef\u00fchl hat, sein Herz steht still. Wo ist Leila? Wo ist die Schlange?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGro\u00dfvater\u201c, fl\u00fcstert Ali dem Alten zu, der bereits begonnen hat auf seiner Fl\u00f6te zu spielen, \u201eGro\u00dfvater, sie ist weg, stell dir vor, Leila ist nicht in der Kiste!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einem Ruck steht der Gro\u00dfvater auf. \u201eWas sagst du da?\u201c Er hebt w\u00fctend den Schemel hoch und schl\u00e4gt den Teppich zur\u00fcck. Warum hast du nicht besser aufgepasst!\u201c schimpft er den Buben. \u201eHab ich dir nicht gesagt, dass du die Schlange bewachen musst wie ein St\u00fcck Gold. Wahrscheinlich hast du wieder vor dich hingetr\u00e4umt und nicht bemerkt, dass der Deckel nicht richtig verschlossen war. Hundertmal habe ich es dir gesagt, wie wichtig es ist, dass der Deckel immer gut verriegelt sein muss, aber du hast ja immer die Gedanken wo anders\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Es hagelt nur so Vorw\u00fcrfe und Beschuldigungen und Ali wird immer kleinlauter und beginnt zu weinen. \u201eGro\u00dfvater sei nicht mehr b\u00f6se, ich werde gleich nach Hause gehen und nachschauen, vielleicht ist sie dort. Es k\u00f6nnte doch sein, dass sie aus der Kiste geschl\u00fcpft ist und sich irgendwo unter dem Sofa verkrochen hat\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Ali rafft mit beiden H\u00e4nden seinen langen Kaftan hoch und rennt nach Hause. Als er die T\u00fcre \u00f6ffnet stammelt er kurz ein \u201eSalam al eikum\u201c. Dann kniet er sich auf den Boden, tastet mit beiden H\u00e4nden den Teppich ab und kriecht hinter das Sofa. Unter Tr\u00e4nen fl\u00fcstert er immer wieder \u201eLeila, Leila, wo bist du, komm doch aus deinem Versteck, bitte, bitte, komm doch!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mutter schaut ihm eine Weile fassungslos zu. \u201eWas ist? Du suchst die Schlange?\u201c Ali schaut sie mit einem verzweifelten Blick an. \u201eSie ist nicht mehr da, Mama. Die Kiste war leer, als ich sie aufgemacht habe. Sie muss hier sein. Bestimmt ist sie aus der Kiste geschl\u00fcpft und hat sich hier verkrochen\u201c. Die Mutter beginnt nun zusammen mit Ali zu suchen. Die beiden kleinen Schwestern m\u00fcssen w\u00e4hrenddessen in der Mitte des Zimmers stehen bleiben. Die giftige Schlange k\u00f6nnte, wenn sie pl\u00f6tzlich irgendwo hervor schie\u00dft, sehr gef\u00e4hrlich werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen ist der Gro\u00dfvater nach Hause gekommen. Er wirft zornig den Schemel und den Teppich auf den Boden und h\u00e4lt Ali die leere Schale vors Gesicht. \u201eDa! Nichts, nichts, und nur weil du nicht richtig aufgepasst hast.\u201c Ali laufen die Tr\u00e4nen \u00fcber das braune Gesichtchen. \u201eGro\u00dfvater, ich habe es nicht mit Absicht getan, glaube mir. Sage mir, was ich tun soll, damit ich es wieder gut machen kann. \u201eWir brauchen wieder eine Schlange\u201c, sagt der Gro\u00dfvater sehr ernst \u201esonst m\u00fcssen wir verhungern.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e Aber wir haben doch kein Geld um uns eine bei dem Schlangenh\u00e4ndler zu kaufen\u201c, sagt Ali ganz zerknirscht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDeshalb musst du noch heute aufbrechen und eine neue Schlange f\u00fcr uns fangen\u201c. \u201eAber wie soll ich das denn machen?\u201c fragt Ali.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201ePass auf, mein Junge. Du gehst hinaus in die W\u00fcste, bis du zu dem gro\u00dfen roten Sandberg kommst. Am Fu\u00dfe des roten Sandberges, dort wo die Sonne am Morgen aufsteigt, ist der Schlangenwald. \u201eDer Schlangenwald?\u201c Ali schaut den Gro\u00dfvater mit \u00e4ngstlichen Augen an. \u201eJa, das ist ein Wald aus lauter d\u00fcrren, stacheligen Str\u00e4uchern und aus B\u00fcschen mit dolchscharfen Dornen. Zwischen diesem Gestr\u00e4uch wohnen die Schlangen. Aber du kannst sie nicht sehen, denn sie haben sich im Sand vergraben. Es ist sehr gef\u00e4hrlich, ich wei\u00df, deshalb musst du dich ganz vorsichtig bewegen und mit einem Stock versuchen sie aufzust\u00f6bern. Sobald du eine siehst, st\u00fclpst du dir diesen Handschuh \u00fcber\u201c. Er zieht den ledernen Handschuh aus seinem Kaftan, den er auch sonst immer bei sich tr\u00e4gt und gibt ihn Ali. \u201eDamit packst du die Schlange hinten am Kopf, das muss ganz schnell gehen, verstehst du\u201c. Ali f\u00fchlt, wie es ihm hei\u00df und kalt den R\u00fccken herunter l\u00e4uft, w\u00e4hrend der Gro\u00dfvater mit einer raschen Handbewegung vormacht, wie man die Schlange fangen soll. \u201eSobald du eine gefangen hast, steckst du sie in den Sack den ich dir mitgeben werde. Wenn du ganz geschickt bist, kannst du vielleicht zwei fangen, dann k\u00f6nnen wir eine davon f\u00fcr viel Geld verkaufen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Ali wei\u00df, dass es jetzt auf ihn allein ankommt, die Familie vor dem Verhungern zu retten. Er nimmt einen Stock, den Sack und den ledernen Handschuh und macht sich auf den Weg. Die Mutter hat Tr\u00e4nen in den Augen, als sie ihrem Jungen noch eine Flasche mit Wasser auf den R\u00fccken bindet und ihm ein St\u00fcck Brot in seinen Kaftanmantel steckt. So marschiert Ali durch das gro\u00dfe Tor, das die Form eines riesigen Schl\u00fcssellochs hat, hinaus aus der Stadt. Der Weg ist steinig und staubig. Ali zieht sich die Kapuze des Kaftans \u00fcber den Kopf, um sich vor der gl\u00fchenden Sonne zu sch\u00fctzen. Die W\u00fcste vor ihm flimmert im grellen Licht und es sieht aus als l\u00e4ge am Fu\u00dfe des Berges ein riesiger See. Weit in der Ferne ragt der rote Sandberg auf und Ali f\u00e4llt die Geschichte des M\u00e4rchenerz\u00e4hlers ein. Stunde um Stunde wandert der Junge durch die staubige \u00d6dnis, aber der rote Sandberg will und will nicht n\u00e4her kommen. Zuweilen hat Ali den Eindruck als w\u00fcrde der Berg vor ihm davonlaufen. Die Hoffnung, den Berg noch bei Tag zu erreichen, hat Ali l\u00e4ngst aufgegeben. Todm\u00fcde setzt er sich auf einen Stein und trinkt von dem mitgenommenen Wasser. Als er das Brot aus der Tasche zieht, denkt er an die Mutter und die kleinen Schwestern zu Hause. \u201eFatima, Aischa, Mama\u201c, leise spricht er ihre Namen vor sich hin und die Tr\u00e4nen laufen ihm \u00fcber das staubige Gesicht. Inzwischen ist die Glutsonne hinter dem Horizont verschwunden und die Nacht bricht schnell herein. Der rote Sandberg liegt jetzt wie ein graues Ungeheuer in der Ferne. Morgen, denkt Ali, morgen werde ich den roten Sandberg und den Schlangenwald erreichen. Er wickelt sich in seinen Kaftanmantel und legt sich auf die Erde zum Schlafen. Der dunkle Himmel \u00fcber ihm sieht aus wie ein Teppich bestickt mit gelben Sternenblumen. Dann fallen ihm die Augen zu. Er wacht pl\u00f6tzlich auf, weil er auf seinen Lidern einen hellen Lichtschein sp\u00fcrt. Der Mond war aufgegangen und hat die W\u00fcste ringsum mit seinem Silberglanz \u00fcberzogen. Ali reibt sich die Augen. Der Sandberg, bevor er einschlief, war der doch endlos weit weg und jetzt liegt er pl\u00f6tzlich vor ihm. Aber was ist das? Unz\u00e4hlige glei\u00dfende Blitze, die aus der Erde schie\u00dfen, glitzernde Pfeile, die ihr rotes und blaues, gr\u00fcnes und gelbes Licht durch die Nacht feuern bilden eine Lichtspur, die geradewegs auf den Berg zuf\u00fchrt. Ali ist wie verzaubert. Er steht auf und geht auf einen der funkelnden Punkte zu. Er fasst nach einem winzigen Steinchen und h\u00e4lt es wie gebannt in seiner Hand. Wie er es auch dreht und wendet, es gl\u00e4nzt und glitzert immer fort. Er hebt ein anderes auf und ein drittes. Es sind vom Himmel gefallene Sterne, denkt er und sammelt weiter. Nach immer gr\u00f6\u00dferen und greller funkelnden Steinchen h\u00e4lt er Ausschau, er steckt sie in die Taschen seines Kaftans und in den Sack, der f\u00fcr die gefangene Schlange bestimmt ist. So im auflesen und weitergehen ist er dem Sandberg immer n\u00e4her gekommen und steht pl\u00f6tzlich vor einem pr\u00e4chtigen, mit Gold und Edelsteinen verzierten Portal. Das ist er, das muss der Eingang zum Palast des reichen R\u00e4ubers sein, von dem der M\u00e4rchenerz\u00e4hler berichtet hatte, denkt Ali. Ob ich da wohl mal hineinschauen kann? Beherzt klopft er mit dem Torklopfer an das Portal. Als sich auch nach mehrmaligem Pochen im Innern nichts r\u00fchrt dreht er vorsichtig den Schl\u00fcssel um, der unter dem verschn\u00f6rkelten T\u00fcrgriff steckt. Das Portal knirscht in den Angeln, als er es langsam aufschiebt. Vor ihm liegt ein tiefdunkler, schauriger Raum. Keine prachtvollen Teppiche, keine Vasen und Goldgef\u00e4\u00dfe, keine Juwelen und Edelsteine sind zu sehen. Ali bleibt zuerst wie angewurzelt stehen, macht dann ein paar zaghafte Schritte und bohrt seinen Blick ganz fest in das undurchdringliche Dunkel. Vielleicht ist doch irgendetwas zu sehen, aber es bleibt schwarz und finster vor seinen Augen und zudem ist es totenstill. Pl\u00f6tzlich h\u00f6rt er, wie hinter seinem R\u00fccken die Pforte knarrt, er dreht sich blitzschnell um und kann gerade noch rechtzeitig ins Freie fl\u00fcchten, ehe das Portal mit lautem Krachen ins Schloss f\u00e4llt. Er zittert vor Aufregung, h\u00e4tte er nicht so schnell den unheimlichen Raum verlassen, w\u00e4re er jetzt im Dunkeln eingeschlossen und kein Mensch w\u00fcrde ihn je wieder finden. Jetzt f\u00e4llt ihm auf, dass er den Sack mit den gesammelten Steinchen, den Stock und den ledernen Handschuh im Innern des gespenstischen Raumes hat liegen lassen. W\u00e4hrend er noch \u00fcberlegt was zu tun ist, sieht er, wie \u00fcber die weite Steinlandschaft ein rosiger Lichtschein f\u00e4llt. Hinter dem Sandberg, der auf einmal wieder endlos weit in die Ferne ger\u00fcckt ist, geht die Sonne auf. Wie ist das m\u00f6glich, der Berg lag doch gerade noch vor mir, sinniert Ali, und auf einmal ist er wieder so weit weg. Vielleicht war alles nur eine Sinnest\u00e4uschung, eine Fata Morgana, und ich muss noch einen langen hei\u00dfen Tag marschieren um dorthin zu kommen. Nein, ich habe das alles nicht getr\u00e4umt, ich war im Innern des Berges und dort habe ich auch meine Sachen zur\u00fcck gelassen. Aber wie soll ich jetzt eine Schlange fangen, wo ich doch keinen Stock und keinen Handschuh mehr habe und der Sack\u2026 pl\u00f6tzlich fallen ihm die Glitzersteine ein, die er alle im Sack gesammelt hatte. Die Vorstellung, dass er ohne eine Schlange und ohne die wichtigen Utensilien nach Hause zur\u00fcckkehren muss, macht ihn ganz traurig. Wenn ich wenigsten die Steine h\u00e4tte, denkt er verzweifelt und greift wie zuf\u00e4llig in die Tasche seines Kaftans. Aber da sind ja noch welche, die hatte ich ganz vergessen. Er l\u00e4sst die Steinchen durch seine Finger rieseln. Ja, die werde ich auf dem Markt verkaufen und von dem Geld k\u00f6nnen wir uns eine neue Schlange kaufen und alles wird wieder gut. Er wirft noch einen Blick zur\u00fcck auf den in der Ferne liegenden Sandberg und macht sich mutig auf den Heimweg.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4t am Abend nach einem m\u00fchseligen Marsch kommt er durstig und ersch\u00f6pft bei seinen Lieben zu Hause an. Die Mutter und die kleinen Schwestern sind froh dass er wieder da ist und umarmen ihn herzlich. \u201eWo ist der Sack mit der Schlange?\u201c fragt ihn der Gro\u00dfvater streng. Da erz\u00e4hlt Ali von seiner langen beschwerlichen Wanderung und von dem wunderbaren Erlebnis in der vergangenen Nacht. \u201eNein\u201c, sagt Ali, \u201edie Schlange habe ich nicht, aber ich habe euch etwas anderes mitgebracht\u201c und nun greift er in die Taschen seines Kaftans und zeigt ihnen die Glitzersteine. Obwohl es inzwischen dunkel geworden ist, blitzen und funkeln die Steine als h\u00e4tte er die Sterne vom Himmel gepfl\u00fcckt. \u201eWelch ein Wunder\u201c sagt die Mutter und Ali bemerkt wie ihre Stimme vor Freude zittert. Die kleinen Schwestern getrauen sich gar nicht die Steine zu ber\u00fchren aus Angst sie k\u00f6nnten sich die Finger verbrennen. Der Gro\u00dfvater ist auf die Knie gefallen und neigt den Kopf auf den Boden \u201eAllah sei gepriesen\u201c sagt er immer wieder. \u201eDu hast uns einen gro\u00dfen Schatz mitgebracht, mein Junge\u201c. \u201eDann bist du also nicht b\u00f6se, dass ich keine Schlange gefangen habe? Fragt Ali. Der Gro\u00dfvater gibt ihm einen Kuss auf die Stirne, das hat er lange nicht mehr getan. \u201eAllah sei gepriesen, der dich diese Steine hat finden lassen. Es sind Diamanten, die kostbarsten Edelsteine. Wir werden sie verkaufen und unsere Not wird ein Ende haben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGro\u00dfvater, dort wo ich heute Nacht geschlafen habe, sind noch viele von diesen Steinen. Ich glaube ich w\u00fcrde die Stelle wieder finden. Wir k\u00f6nnten noch mehr sammeln und uns dann ein Schloss bauen. Wir w\u00fcrden in seidenen Betten schlafen und von goldenen Tellern essen und in einem noblen Automobil spazieren fahren. \u201eNein, mein Junge\u201c, sagte der Gro\u00dfvater \u201ewir wollen nicht unbescheiden sein. Das, was du gefunden hast reicht aus, um uns einen richtigen Stand auf dem Markt zu kaufen. Deine Mutter und deine Schwestern werden saubere Kleider tragen. Du darfst zur Schule gehen und ich brauche mit meiner Fl\u00f6te nicht mehr die Schlange beschw\u00f6ren. Das ist Gl\u00fcck und Segen genug und daf\u00fcr wollen wir Allah danken\u201c.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Dieses M\u00e4rchen wurde mir von Helga Sauermann zur Verf\u00fcgung gestellt.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ali und seine Familie: Ali ist ein 10-j\u00e4hriger Junge aus einer afrikanischen Stadt am Rande der W\u00fcste. Nach dem Tod seines Vaters lebt er mit seiner Mutter, seinen zwei kleinen Schwestern und dem Gro\u00dfvater in sehr einfachen Verh\u00e4ltnissen in einem kleinen Haus.<br \/>\nBeruf des Gro\u00dfvaters: Der Gro\u00dfvater ist Schlangenbeschw\u00f6rer und verdient auf dem Markt das Geld f\u00fcr die Familie. Ali muss ihm dabei helfen, obwohl er lieber zur Schule gehen w\u00fcrde.<br \/>\nAlltag auf dem Markt: Jeden Tag begleiten sich Ali und sein Gro\u00dfvater zum Markt, wo sie an ihrem festen Platz die Schlangenshow mit der Kobra Leila auff\u00fchren. Ali sammelt Geld von den Zuschauern, das f\u00fcr den Lebensunterhalt der Familie wichtig ist.<br \/>\nAli tr\u00e4umt von Bildung: Ali w\u00fcnscht sich, lesen und schreiben zu lernen, um sp\u00e4ter f\u00fcr seine Familie sorgen zu k\u00f6nnen. Doch die Not zwingt ihn zur Arbeit.<br \/>\nDie Geschichten des M\u00e4rchenerz\u00e4hlers: In ruhigen Momenten lauscht Ali gerne den spannenden Geschichten eines M\u00e4rchenerz\u00e4hlers auf dem Markt, die ihn sehr beeindrucken.<br \/>\nDas Verschwinden der Schlange: Eines Tages ist die Kobra Leila aus der Kiste verschwunden. Der Gro\u00dfvater macht Ali schwere Vorw\u00fcrfe, und die Familie sucht vergeblich nach der Schlange.<br \/>\nAli muss eine neue Schlange fangen: Da sie kein Geld f\u00fcr eine neue Schlange haben, schickt der Gro\u00dfvater Ali in die gef\u00e4hrliche W\u00fcste, um selbst eine zu fangen. Ali erh\u00e4lt einen Handschuh, einen Stock und einen Sack f\u00fcr die Suche.<br \/>\nAlis Abenteuer in der W\u00fcste: Ali macht sich mutig auf den Weg, \u00fcbernachtet in der W\u00fcste und erlebt eine magische Nacht mit funkelnden Steinen und einem geheimnisvollen Palast, den er betritt und schnell wieder verl\u00e4sst.<br \/>\nDie R\u00fcckkehr und das Wunder: Ali kehrt ohne Schlange, aber mit glitzernden Steinen zur\u00fcck. Die Familie erkennt, dass es sich um Diamanten handelt, die ihren Lebensunterhalt sichern werden. Der Gro\u00dfvater ist dankbar und gl\u00fccklich, dass Ali gesund zur\u00fcckgekehrt ist.<br \/>\nNeuer Lebensabschnitt: Mit dem gefundenen Schatz kann die Familie ein besseres Leben beginnen. Ali darf zur Schule gehen, die Mutter und Schwestern bekommen neue Kleider, und der Gro\u00dfvater muss nicht mehr als Schlangenbeschw\u00f6rer arbeiten. Sie sind zufrieden und dankbar f\u00fcr ihr Gl\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3653,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[85,133],"tags":[],"class_list":["post-85","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-maerchen","category-maerchen-weltweit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/85","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=85"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/85\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3846,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/85\/revisions\/3846"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3653"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=85"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=85"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=85"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}