{"id":836,"date":"2016-08-16T23:39:46","date_gmt":"2016-08-16T21:39:46","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=836"},"modified":"2026-01-15T02:29:15","modified_gmt":"2026-01-15T01:29:15","slug":"alice-im-wunderland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/alice-im-wunderland\/","title":{"rendered":"Alice im Wunderland"},"content":{"rendered":"<p>Lewis Carroll<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Erstes Kapitel<\/p>\n<h3>Hinunter in den Kaninchenbau<\/h3>\n<p>Alice fing an sich zu langweilen; sie sa\u00df schon lange bei ihrer Schwester am Ufer und hatte nichts zu tun. Das Buch, das ihre Schwester las, gefiel ihr nicht; denn es waren weder Bilder noch Gespr\u00e4che darin. \u201eUnd was n\u00fctzen B\u00fccher,\u201c dachte Alice, \u201eohne Bilder und Gespr\u00e4che?\u201c<\/p>\n<p>Sie \u00fcberlegte sich eben, (so gut es ging, denn sie war schl\u00e4frig und dumm von der Hitze,) ob es der M\u00fche wert sei aufzustehen und G\u00e4nsebl\u00fcmchen zu pfl\u00fccken, um eine Kette damit zu machen, als pl\u00f6tzlich ein wei\u00dfes Kaninchen mit roten Augen dicht an ihr vorbeirannte.<\/p>\n<p>Dies war grade nicht sehr merkw\u00fcrdig; Alice fand es auch nicht sehr au\u00dferordentlich, dass sie das Kaninchen sagen h\u00f6rte: \u201eO weh, o weh! Ich werde zu sp\u00e4t kommen!\u201c (Als sie es sp\u00e4ter wieder \u00fcberlegte, fiel ihr ein, dass sie sich dar\u00fcber h\u00e4tte wundern sollen; doch zurzeit kam es ihr Alles ganz nat\u00fcrlich vor.) Aber als das Kaninchen seine Uhr aus der Westentasche zog, nach der Zeit sah und eilig fortlief, sprang Alice auf; denn es war ihr doch noch nie vorgekommen, ein Kaninchen mit einer Westentasche und einer Uhr darin zu sehen. Vor Neugierde brennend, rannte sie ihm nach \u00fcber den Grasplatz, und kam noch zur rechten Zeit, um es in ein gro\u00dfes Loch unter der Hecke schl\u00fcpfen zu sehen.<\/p>\n<p>Den n\u00e4chsten Augenblick war sie ihm nach in das Loch hineingesprungen, ohne zu bedenken, wie in aller Welt sie wieder herauskommen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Der Eingang zum Kaninchenbau lief erst geradeaus, wie ein Tunnel, und ging dann pl\u00f6tzlich abw\u00e4rts; ehe Alice noch den Gedanken fassen konnte sich schnell festzuhalten, f\u00fchlte sie schon, dass sie fiel, wie es schien, in einen tiefen, tiefen Brunnen.<\/p>\n<p>Entweder musste der Brunnen sehr tief sein, oder sie fiel sehr langsam; denn sie hatte Zeit genug, sich beim Fallen umzusehen und sich zu wundern, was nun wohl geschehen w\u00fcrde. Zuerst versuchte sie hinunter zu sehen, um zu wissen wohin sie k\u00e4me, aber es war zu dunkel etwas zu erkennen. Da besah sie die W\u00e4nde des Brunnens und bemerkte, dass sie mit K\u00fcchenschr\u00e4nken und B\u00fccherbrettern bedeckt waren; hier und da erblickte sie Landkarten und Bilder, an Haken aufgeh\u00e4ngt. Sie nahm im Vorbeifallen von einem der Bretter ein T\u00f6pfchen mit der Aufschrift: \u201eEingemachte Apfelsinen\u201c, aber zu ihrem gro\u00dfen Verdruss war es leer. Sie wollte es nicht fallen lassen, aus Furcht Jemand unter sich zu t\u00f6ten; und es gelang ihr, es in einen anderen Schrank, an dem sie vorbeikam, zu schieben.<\/p>\n<p>\u201eNun!\u201c dachte Alice bei sich, \u201enach einem solchen Fall werde ich mir nichts daraus machen, wenn ich die Treppe hinunter stolpere. Wie mutig sie mich zu Haus finden werden! Ich w\u00fcrde nicht viel Redens machen, wenn ich selbst von der Dachspitze hinunterfiele!\u201c (Was sehr wahrscheinlich war.)<\/p>\n<p>Hinunter, hinunter, hinunter! Wollte denn der Fall nie endigen? \u201eWie viele Meilen ich wohl jetzt gefallen bin!\u201c sagte sie laut. \u201eIch muss ungef\u00e4hr am Mittelpunkt der Erde sein. Lass sehen: das w\u00e4ren achthundert und f\u00fcnfzig Meilen, glaube ich \u2013\u201c (denn ihr m\u00fcsst wissen, Alice hatte dergleichen in der Schule gelernt, und obgleich dies keine sehr gute Gelegenheit war, ihre Kenntnisse zu zeigen, da Niemand zum Zuh\u00f6ren da war, so \u00fcbte sie es sich doch dabei ein) \u2013 \u201eja, das ist ungef\u00e4hr die Entfernung; aber zu welchem L\u00e4nge- und Breitegrade ich wohl gekommen sein mag?\u201c (Alice hatte nicht den geringsten Begriff, was weder L\u00e4ngengrad noch Breitegrad war; doch klangen ihr die Worte gro\u00dfartig und nett zu sagen.)<\/p>\n<p>Bald fing sie wieder an. \u201eOb ich wohl ganz durch die Erde fallen werde! Wie komisch das sein wird, bei den Leuten heraus zu kommen, die auf dem Kopfe gehen! die Antipathien, glaube ich.\u201c (Diesmal war es ihr ganz lieb, dass Niemand zuh\u00f6rte, denn das Wort klang ihr gar nicht recht.) \u201eAber nat\u00fcrlich werde ich sie fragen m\u00fcssen, wie das Land hei\u00dft. Bitte, liebe Dame, ist dies Neu-Seeland oder Australien?\u201c (Und sie versuchte dabei zu knixen, \u2013 denkt doch, knixen, wenn man durch die Luft f\u00e4llt! K\u00f6nntet ihr das fertigkriegen?) \u201eAber sie werden mich f\u00fcr ein unwissendes kleines M\u00e4dchen halten, wenn ich frage! Nein, es geht nicht an zu fragen; vielleicht sehe ich es irgendwo angeschrieben.\u201c<\/p>\n<p>Hinunter, hinunter, hinunter! Sie konnte nichts weiter tun, also fing Alice bald wieder zu sprechen an. \u201eDinah wird mich gewiss heut Abend recht suchen!\u201c (Dinah war die Katze.) \u201eIch hoffe, sie werden ihren Napf Milch zur Teestunde nicht vergessen. Dinah! Mies! ich wollte, du w\u00e4rest hier unten bei mir. Mir ist nur bange, es gibt keine M\u00e4use in der Luft; aber du k\u00f6nntest einen Spatzen fangen; die wird es hier in der Luft wohl geben, glaubst du nicht? Und Katzen fressen doch Spatzen?\u201c Hier wurde Alice etwas schl\u00e4frig und redete halb im Traum fort. \u201eFressen Katzen gern Spatzen? Fressen Katzen gern Spatzen? Fressen Spatzen gern Katzen?\u201c Und da ihr Niemand zu antworten brauchte, so kam es gar nicht darauf an, wie sie die Frage stellte. Sie f\u00fchlte, dass sie einschlief und hatte eben angefangen zu tr\u00e4umen, sie gehe Hand in Hand mit Dinah spazieren, und frage sie ganz ernsthaft: \u201eNun, Dinah, sage die Wahrheit, hast du je einen Spatzen gefressen?\u201c da mit einem Male, plump! plump! kam sie auf einen Haufen trocknes Laub und Reisig zu liegen, \u2013 und der Fall war aus.<\/p>\n<p>Alice hatte sich gar nicht wehgetan. Sie sprang sogleich auf und sah in die H\u00f6he; aber es war dunkel \u00fcber ihr. Vor ihr lag ein zweiter langer Gang, und sie konnte noch eben das wei\u00dfe Kaninchen darin entlanglaufen sehen. Es war kein Augenblick zu verlieren: fort rannte Alice wie der Wind, und h\u00f6rte es gerade noch sagen, als es um eine Ecke bog: \u201eO, Ohren und Schnurrbart, wie sp\u00e4t es ist!\u201c Sie war dicht hinter ihm, aber als sie um die Ecke bog, da war das Kaninchen nicht mehr zu sehen. Sie befand sich in einem langen, niedrigen Korridor, der durch eine Reihe Lampen erleuchtet war, die von der Decke herabhingen.<\/p>\n<p>Zu beiden Seiten des Korridors waren T\u00fcren; aber sie waren alle verschlossen. Alice versuchte jede Th\u00fcr erst auf einer Seite, dann auf der andern; endlich ging sie traurig in der Mitte entlang, \u00fcberlegend, wie sie je herauskommen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich stand sie vor einem kleinen dreibeinigen Tische, ganz von dickem Glas. Es war nichts darauf als ein winziges goldenes Schl\u00fcsselchen, und Alice\u2019s erster Gedanke war, dies m\u00f6chte zu einer der T\u00fcren des Korridors geh\u00f6ren. Aber ach! entweder waren die Schl\u00f6sser zu gro\u00df, oder der Schl\u00fcssel war zu klein; kurz, er passte zu keiner einzigen. Jedoch, als sie das zweite Mal herumging, kam sie an einen niedrigen Vorhang, den sie vorher nicht bemerkt hatte, und dahinter war eine T\u00fcr, ungef\u00e4hr f\u00fcnfzehn Zoll hoch. Sie steckte das goldene Schl\u00fcsselchen ins Schl\u00fcsselloch, und zu ihrer gro\u00dfen Freude passte es.<\/p>\n<p>Alice schloss die T\u00fcr auf und fand, dass sie zu einem kleinen Gange f\u00fchrte, nicht viel gr\u00f6\u00dfer als ein M\u00e4useloch. Sie kniete nieder und sah durch den Gang in den reizendsten Garten, den man sich denken kann. Wie w\u00fcnschte sie, aus dem dunkeln Korridor zu gelangen, und unter den bunten Blumenbeeten und k\u00fchlen Springbrunnen umher zu wandern; aber sie konnte kaum den Kopf durch den Eingang stecken. \u201eUnd wenn auch mein Kopf hindurchginge,\u201c dachte die arme Alice, \u201ewas w\u00fcrde es n\u00fctzen ohne die Schultern. O, ich m\u00f6chte mich zusammenschieben k\u00f6nnen wie ein Teleskop! Das geht gewiss, wenn ich nur w\u00fcsste, wie man es anf\u00e4ngt.\u201c Denn es war k\u00fcrzlich so viel Merkw\u00fcrdiges mit ihr vorgegangen, dass Alice anfing zu glauben, es sei fast nichts unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>Es schien ihr ganz unn\u00fctz, l\u00e4nger bei der kleinen T\u00fcr zu warten. Daher ging sie zum Tisch zur\u00fcck, halb und halb hoffend, sie w\u00fcrde noch einen Schl\u00fcssel darauf finden, oder jedenfalls ein Buch mit Anweisungen, wie man sich als Teleskop zusammenschieben k\u00f6nne. Diesmal fand sie ein Fl\u00e4schchen darauf. \u201eDas gewiss vorhin nicht hier stand,\u201c sagte Alice; und um den Hals des Fl\u00e4schchens war ein Zettel gebunden, mit den Worten \u201eTrinke mich!\u201c wundersch\u00f6n in gro\u00dfen Buchstaben drauf gedruckt.<\/p>\n<p>Es war bald gesagt, \u201eTrinke mich\u201c, aber die altkluge kleine Alice wollte sich damit nicht \u00fcbereilen. \u201eNein, ich werde erst nachsehen,\u201c sprach sie, \u201eob ein Totenkopf darauf ist oder nicht.\u201c Denn sie hatte mehre h\u00fcbsche Geschichten gelesen von Kindern, die sich verbrannt hatten oder sich von wilden Tieren hatten fressen lassen, und in andere unangenehme Lagen geraten waren, nur, weil sie nicht an die Warnungen dachten, die ihre Freunde ihnen gegeben hatten; zum Beispiel, dass ein rotgl\u00fchendes Eisen brennt, wenn man es anfasst; und dass wenn man sich mit einem Messer tief in den Finger schneidet, es gew\u00f6hnlich blutet. Und sie hatte nicht vergessen, dass wenn man viel aus einer Flasche mit einem Totenkopf darauf trinkt, es einem unfehlbar schlecht bekommt.<\/p>\n<p>Diese Flasche jedoch hatte keinen Totenkopf. Daher wagte Alice zu kosten; und da es ihr gut schmeckte (es war eigentlich wie ein Gemisch von Kirschkuchen, Sahnesauce, Ananas, Putenbraten, Naute und Armen Rittern), so trank sie die Flasche aus.<\/p>\n<p>\u201eWas f\u00fcr ein komisches Gef\u00fchl!\u201c sagte Alice. \u201eIch gehe gewiss zu wie ein Teleskop.\u201c<\/p>\n<p>Und so war es in der Tat: jetzt war sie nur noch zehn Zoll hoch, und ihr Gesicht leuchtete bei dem Gedanken, dass sie nun die rechte H\u00f6he habe, um durch die kleine Th\u00fcr in den sch\u00f6nen Garten zu gehen. Doch erst wartete sie einige Minuten, ob sie noch mehr einschrumpfen werde. Sie war einigerma\u00dfen \u00e4ngstlich; \u201edenn es k\u00f6nnte damit aufh\u00f6ren,\u201c sagte Alice zu sich selbst, \u201edass ich ganz ausginge, wie ein Licht. Mich wundert, wie ich dann auss\u00e4he?\u201c Und sie versuchte sich vorzustellen, wie die Flamme von einem Lichte aussieht, wenn das Licht ausgeblasen ist; aber sie konnte sich nicht erinnern, dies je gesehen zu haben.<\/p>\n<p>Nach einer Weile, als sie merkte, dass weiter nichts geschah, beschloss sie, gleich in den Garten zu gehen. Aber, arme Alice! als sie an die Th\u00fcr kam, hatte sie das goldene Schl\u00fcsselchen vergessen. Sie ging nach dem Tische zur\u00fcck, es zu holen, fand aber, dass sie es unm\u00f6glich erreichen konnte. Sie sah es ganz deutlich durch das Glas, und sie gab sich alle M\u00fche an einem der Tischf\u00fc\u00dfe hinauf zu klettern, aber er war zu glatt; und als sie sich ganz m\u00fcde gearbeitet hatte, setzte sich das arme, kleine Ding hin und weinte.<\/p>\n<p>\u201eStill, was n\u00fctzt es so zu weinen!\u201c sagte Alice ganz b\u00f6se zu sich selbst; \u201eich rate dir, den Augenblick aufzuh\u00f6ren!\u201c Sie gab sich oft sehr guten Rat (obgleich sie ihn selten befolgte), und manchmal schalt sie sich selbst so strenge, dass sie sich zum Weinen brachte; und einmal, erinnerte sie sich, hatte sie versucht sich eine Ohrfeige zu geben, weil sie im Croquette betrogen hatte, als sie gegen sich selbst spielte; denn dieses eigent\u00fcmliche Kind stellte sehr gern zwei Personen vor. \u201eAber jetzt hilft es zu nichts,\u201c dachte die arme Alice, \u201ezu tun als ob ich zwei verschiedene Personen w\u00e4re. Ach! es ist ja kaum genug von mir \u00fcbrig zu einer anst\u00e4ndigen Person!\u201c<\/p>\n<p>Bald fiel ihr Auge auf eine kleine Glasb\u00fcchse, die unter dem Tische lag; sie \u00f6ffnete sie und fand einen sehr kleinen Kuchen darin, auf welchem die Worte \u201eIss mich!\u201c sch\u00f6n in kleinen Rosinen geschrieben standen. \u201eGut, ich will ihn essen,\u201c sagte Alice, \u201eund wenn ich davon gr\u00f6\u00dfer werde, so kann ich den Schl\u00fcssel erreichen; wenn ich aber kleiner davon werde, so kann ich unter der Th\u00fcr durchkriechen. So, auf jeden Fall, gelange ich in den Garten, \u2013 es ist mir einerlei wie.\u201c<\/p>\n<p>Sie a\u00df ein Bisschen, und sagte neugierig zu sich selbst: \u201eAufw\u00e4rts oder abw\u00e4rts?\u201c Dabei hielt sie die Hand pr\u00fcfend auf ihren Kopf und war ganz erstaunt zu bemerken, dass sie dieselbe Gr\u00f6\u00dfe behielt. Freilich geschieht dies gew\u00f6hnlich, wenn man Kuchen isst; aber Alice war schon so an wunderbare Dinge gew\u00f6hnt, dass es ihr ganz langweilig schien, wenn das Leben so nat\u00fcrlich fortging.<\/p>\n<p>Sie machte sich also daran, und verzehrte den Kuchen v\u00f6llig.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Zweites Kapitel<\/p>\n<h3>Der Tr\u00e4nenpfuhl<\/h3>\n<p>\u201eVerquerer und verquerer!\u201c rief Alice. (Sie war so \u00fcberrascht, dass sie im Augenblick ihre eigene Sprache ganz verga\u00df.) \u201eJetzt werde ich auseinander geschoben wie das l\u00e4ngste Teleskop das es je gab! Lebt wohl, F\u00fc\u00dfe!\u201c (Denn als sie auf ihre F\u00fc\u00dfe hinabsah, konnte sie sie kaum mehr zu Gesicht bekommen, soweit fort waren sie schon.) \u201eO meine armen F\u00fc\u00dfchen! wer euch wohl nun Schuhe und Str\u00fcmpfe anziehen wird, meine Besten? denn ich kann es unm\u00f6glich Tun! Ich bin viel zu weit ab, um mich mit euch abzugeben! ihr m\u00fcsst sehen, wie ihr fertig werdet. Aber gut muss ich zu ihnen sein,\u201c dachte Alice, \u201esonst gehen sie vielleicht nicht, wohin ich gehen m\u00f6chte. Lass mal sehen: ich will ihnen jedes Weihnachten ein Paar neue Stiefel schenken.\u201c<\/p>\n<p>Und sie dachte sich aus, wie sie das anfangen w\u00fcrde. \u201eSie m\u00fcssen per Fracht gehen,\u201c dachte sie; \u201ewie drollig es sein wird, seinen eignen F\u00fc\u00dfen ein Geschenk zu schicken! und wie komisch die Adresse aussehen wird!\u201c<\/p>\n<p>An<br \/>\nAlice\u2019s rechten Fu\u00df, Wohlgeboren,<br \/>\nFu\u00dfteppich,<br \/>\nnicht weit vom Kamin,<br \/>\n(mit Alice\u2019s Gr\u00fc\u00dfen).<\/p>\n<p>\u201eOh, was f\u00fcr Unsinn ich schwatze!\u201c<br \/>\nGerade in dem Augenblick stie\u00df sie mit dem Kopf an die Decke: sie war in der Tat \u00fcber neun Fu\u00df gro\u00df. Und sie nahm sogleich den kleinen goldenen Schl\u00fcssel auf und rannte nach der Gartent\u00fcr.<\/p>\n<p>Arme Alice! das H\u00f6chste was sie tun konnte war, auf der Seite liegend, mit einem Auge nach dem Garten hinunterzusehen; aber an Durchgehen war weniger als je zu denken. Sie setzte sich hin und fing wieder an zu weinen.<\/p>\n<p>\u201eDu solltest dich sch\u00e4men,\u201c sagte Alice, \u201esolch gro\u00dfes M\u00e4dchen\u201c (da hatte sie wohl recht) \u201enoch so zu weinen! H\u00f6re gleich auf, sage ich dir!\u201c Aber sie weinte trotzdem fort, und vergoss Tr\u00e4nen eimerweise, bis sich zuletzt ein gro\u00dfer Pfuhl um sie bildete, ungef\u00e4hr vier Zoll tief und den halben Korridor lang.<\/p>\n<p>Nach einem Weilchen h\u00f6rte sie Schritte in der Entfernung und trocknete schnell ihre Tr\u00e4nen, um zu sehen wer es sei. Es war das wei\u00dfe Kaninchen, das prachtvoll geputzt zur\u00fcckkam, mit einem Paar wei\u00dfen Handschuhen in einer Hand und einem F\u00e4cher in der andern. Es trippelte in gro\u00dfer Eile entlang vor sich hinredend: \u201eOh! die Herzogin, die Herzogin! die wird mal au\u00dfer sich sein, wenn ich sie warten lasse!\u201c Alice war so ratlos, dass sie Jeden um H\u00fclfe angerufen h\u00e4tte. Als das Kaninchen daher in ihre N\u00e4he kam, fing sie mit leiser, sch\u00fcchterner Stimme an: \u201eBitte, lieber Herr. \u2013\u201c Das Kaninchen fuhr zusammen, lie\u00df die wei\u00dfen<\/p>\n<p>Handschuhe und den F\u00e4cher fallen und lief davon in die Nacht hinein, so schnell es konnte.<\/p>\n<p>Alice nahm den F\u00e4cher und die Handschuhe auf, und da der Gang sehr hei\u00df war, f\u00e4chelte sie sich, w\u00e4hrend sie so zu sich selbst sprach: \u201eWunderbar! \u2013 wie seltsam heute Alles ist! Und gestern war es ganz wie gew\u00f6hnlich. Ob ich wohl in der Nacht umgewechselt worden bin? Lass mal sehen: war ich dieselbe, als ich heute fr\u00fch aufstand? Es kommt mir fast vor, als h\u00e4tte ich wie eine Ver\u00e4nderung in mir gef\u00fchlt. Aber wenn ich nicht dieselbe bin, dann ist die Frage: wer in aller Welt bin ich? Ja, das ist das R\u00e4tsel!\u201c So ging sie in Gedanken alle Kinder ihres Alters durch, die sie kannte, um zu sehen, ob sie in eins davon verwandelt w\u00e4re.<\/p>\n<p>\u201eIch bin sicherlich nicht Ida,\u201c sagte sie, \u201edenn die tr\u00e4gt lange Locken, und mein Haar ist gar nicht lockig; und bestimmt kann ich nicht Clara sein, denn ich wei\u00df eine ganze Menge, und sie, oh! sie wei\u00df so sehr wenig! Au\u00dferdem, sie ist sie selbst, und ich bin ich, und, o wie konfus es Alles ist! Ich will versuchen, ob ich noch Alles wei\u00df, was ich sonst wusste. Lass sehen: vier mal f\u00fcnf ist zw\u00f6lf, und vier mal sechs ist dreizehn, und vier mal sieben ist \u2013 o weh! auf die Art komme ich nie bis zwanzig! Aber, das Einmaleins hat nicht so viel zu sagen; ich will Geographie nehmen. London ist die Hauptstadt von Paris, und Paris ist die Hauptstadt von Rom, und Rom \u2013 nein, ich wette, das ist Alles falsch! Ich muss in Clara verwandelt sein! Ich will doch einmal sehen, ob ich sagen kann: \u201eBei einem Wirte \u2013\u201c und sie faltete die H\u00e4nde, als ob sie ihrer Lehrerin hersagte, und fing an; aber ihre Stimme klang rau und ungewohnt, und die Worte kamen nicht wie sonst:<\/p>\n<p>\u201eBei einem Wirte, wunderwild,<br \/>\nDa war ich j\u00fcngst zu Gaste,<br \/>\nEin Bienennest das war sein Schild<br \/>\nIn einer braunen Tatze.<\/p>\n<p>Es war der grimme Zottelb\u00e4r,<br \/>\nBei dem ich eingekehrt;<br \/>\nMit s\u00fc\u00dfem Honigseim hat er<br \/>\nSich selber wohl gen\u00e4hrt!\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas kommt mir gar nicht richtig vor,\u201c sagte die arme Alice, und Tr\u00e4nen kamen ihr in die Augen, als sie weitersprach: \u201eIch muss doch Clara sein, und ich werde in dem alten kleinen Hause wohnen m\u00fcssen, und beinah keine Spielsachen zum Spielen haben, und ach! so viel zu lernen! Nein, das habe ich mir vorgenommen: wenn ich Clara bin, will ich hier unten bleiben! Es soll ihnen nichts helfen, wenn sie die K\u00f6pfe zusammenstecken und herunterrufen: \u201eKomm wieder herauf, Herzchen!\u201c Ich will nur hinaufsehen und sprechen: wer bin ich denn? Sagt mir das erst, und dann, wenn ich die Person gern bin, will ich kommen; wo nicht, so will ich hier unten bleiben, bis ich jemand anderes bin. \u2013 Aber o weh!\u201c schluchzte Alice pl\u00f6tzlich auf, \u201eich w\u00fcnschte, sie s\u00e4hen herunter! Es ist mir so langweilig, hier ganz allein zu sein!\u201c<\/p>\n<p>Als sie so sprach, sah sie auf ihre H\u00e4nde hinab und bemerkte mit Erstaunen, dass sie beim Reden einen von den wei\u00dfen Glacee-Handschuhen des Kaninchens angezogen hatte. \u201eWie habe ich das nur angefangen?\u201c dachte sie. \u201eIch muss wieder klein geworden sein.\u201c Sie stand auf, ging nach dem Tische, um sich daran zu messen, und fand, dass sie jetzt ungef\u00e4hr zwei Fu\u00df hoch sei, dabei schrumpfte sie noch zusehends ein: sie merkte bald, dass die Ursache davon der F\u00e4cher war, den sie hielt; sie warf ihn schnell hin, noch zur rechten Zeit, sich vor g\u00e4nzlichem Verschwinden zu retten.<\/p>\n<p>\u201eDas war gl\u00fccklich davongekommen!\u201c sagte Alice, sehr erschrocken \u00fcber die pl\u00f6tzliche Ver\u00e4nderung, aber froh, dass sie noch existierte; \u201eund nun in den Garten!\u201c und sie lief eilig nach der kleinen Th\u00fcr: aber ach! die kleine Th\u00fcr war wieder verschlossen und das goldene Schl\u00fcsselchen lag auf dem Glastische wie vorher. \u201eUnd es ist schlimmer als je,\u201c dachte das arme Kind, \u201edenn so klein bin ich noch nie gewesen, nein, nie! Und ich sage, es ist zu schlecht, ist es!\u201c<\/p>\n<p>Wie sie diese Worte sprach, glitt sie aus, und den n\u00e4chsten Augenblick, platsch! fiel sie bis ans Kinn in Salzwasser. Ihr erster Gedanke war, sie sei in die See gefallen, \u201eund in dem Fall kann ich mit der Eisenbahn zur\u00fcckreisen,\u201c sprach sie bei sich (Alice war einmal in ihrem Leben an der See gewesen und war zu dem allgemeinen Schluss gelangt, dass wo man auch an\u2019 s Seeufer kommt, man eine Anzahl Bademaschinen im Wasser findet, Kinder, die den Sand mit h\u00f6lzernen Spaten aufgraben, dann eine Reihe Wohnh\u00e4user und dahinter eine Eisenbahn-Station); doch merkte sie bald, dass sie sich in dem Tr\u00e4nenpfuhl befand, den sie geweint hatte, als sie neun Fu\u00df hoch war.<\/p>\n<p>\u201eIch w\u00fcnschte, ich h\u00e4tte nicht so sehr geweint!\u201c sagte Alice, als sie umherschwamm und sich herauszuhelfen suchte; \u201ejetzt werde ich wohl daf\u00fcr bestraft werden und in meinen eigenen Tr\u00e4nen ertrinken! Das wird sonderbar sein, das! Aber Alles ist heut so sonderbar.\u201c<\/p>\n<p>In dem Augenblicke h\u00f6rte sie nicht weit davon etwas in dem Pfuhle pl\u00e4tschern, und sie schwamm danach, zu sehen was es sei: erst glaubte sie, es m\u00fcsse ein Walross oder ein Nilpferd sein; dann aber besann sie sich, wie klein sie jetzt war, und merkte bald, dass es nur eine Maus sei, die wie sie hineingefallen war.<\/p>\n<p>\u201eW\u00fcrde es wohl etwas n\u00fctzen,\u201c dachte Alice, \u201ediese Maus anzureden? Alles ist so wunderlich hier unten, dass ich glauben m\u00f6chte, sie kann sprechen; auf jeden Fall habe ich das Fragen umsonst.\u201c Demnach fing sie an: \u201eO Maus, wei\u00dft du, wie man aus diesem Pfuhle gelangt, ich bin von dem Herumschwimmen ganz m\u00fcde, o Maus!\u201c (Alice dachte, so w\u00fcrde eine Maus richtig angeredet; sie hatte es zwar noch nie getan, aber sie erinnerte sich ganz gut, in ihres Bruders lateinischer Grammatik gelesen zu haben \u201eEine Maus \u2013 einer Maus \u2013 einer Maus \u2013 eine Maus \u2013 o Maus!\u201c) Die Maus sah sie etwas neugierig an und schien ihr mit dem einen Auge zu blinzeln; aber sie sagte nichts.<\/p>\n<p>\u201eVielleicht versteht sie nicht Englisch,\u201c dachte Alice, \u201ees ist vielleicht eine franz\u00f6sische Maus, die mit Wilhelm dem Eroberer her\u00fcbergekommen ist\u201c (denn, trotz ihrer Geschichtskenntnisse hatte Alice keinen ganz klaren Begriff, wie lange irgendein Ereignis her sei). Sie fing also wieder an: \u201eO\u00f9 est ma chatte?\u201c was der erste Satz in ihrem franz\u00f6sischen Konversationsbuche war. Die Maus sprang hoch auf aus dem Wasser, und schien vor Angst am ganzen Leibe zu beben. \u201eO, ich bitte um Verzeihung!\u201c rief Alice schnell, erschrocken, dass sie das arme Tier verletzt habe. \u201eIch hatte ganz vergessen, dass Sie Katzen nicht m\u00f6gen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eKatzen nicht m\u00f6gen!\u201c schrie die Maus mit kreischender, w\u00fctender Stimme. \u201eW\u00fcrdest du Katzen m\u00f6gen, wenn du in meiner Stelle w\u00e4rest?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein, wohl kaum,\u201c sagte Alice in zuredendem Tone: \u201esei nicht mehr b\u00f6se dar\u00fcber. Und doch m\u00f6chte ich dir unsere Katze Dinah zeigen k\u00f6nnen. Ich glaube, du w\u00fcrdest Geschmack f\u00fcr Katzen bekommen, wenn du sie nur sehen k\u00f6nntest. Sie ist ein so liebes ruhiges Thier,\u201c sprach Alice fort, halb zu sich selbst, wie sie gem\u00fctlich im Pfuhle daher schwamm; \u201esie sitzt und spinnt so nett beim Feuer, leckt sich die Pfoten und w\u00e4scht sich das Schn\u00e4uzchen \u2013 und sie ist so h\u00fcbsch weich auf dem Scho\u00df zu haben \u2013 und sie ist solch famoser M\u00e4usef\u00e4nger \u2013 oh, ich bitte um Verzeihung!\u201c sagte Alice wieder, denn diesmal str\u00e4ubte sich das ganze Fell der armen Maus, und Alice dachte, sie m\u00fcsste sicherlich sehr beleidigt sein. \u201eWir wollen nicht mehr davon reden, wenn du es nicht gernhast.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWir, wirklich!\u201c entgegnete die Maus, die bis zur Schwanzspitze zitterte. \u201eAls ob ich je \u00fcber solchen Gegenstand spr\u00e4che! Unsere Familie hat von jeher Katzen verabscheut: h\u00e4ssliche, niedrige, gemeine Dinger! Lass mich ihren Namen nicht wieder h\u00f6ren!\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein, gewiss nicht!\u201c sagte Alice, eifrig bem\u00fcht, einen andern Gegenstand der Unterhaltung zu suchen. \u201eMagst du \u2013 magst du gern Hunde?\u201c Die Maus antwortete nicht, daher fuhr Alice eifrig fort: \u201eEs wohnt ein so reizender kleiner Hund nicht weit von unserm Hause. Den m\u00f6chte ich dir zeigen k\u00f6nnen! Ein kleiner klar\u00e4ugiger Wachtelhund, wei\u00dft du, ach, mit solch krausem braunen Fell! Und er apportiert Alles, was man ihm hinwirft, und er kann aufrecht stehen und um sein Essen betteln, und so viel Kunstst\u00fccke \u2013 ich kann mich kaum auf die H\u00e4lfte besinnen \u2013 und er geh\u00f6rt einem Amtmann, wei\u00dft du, und er sagt, er ist so n\u00fctzlich, er ist ihm hundert Pfund wert! Er sagt, er vertilgt alle Ratten und \u2013 oh wie dumm!\u201c sagte Alice in reum\u00fctigem Tone. \u201eIch f\u00fcrchte, ich habe ihr wieder weh getan!\u201c Denn die Maus schwamm so schnell sie konnte von ihr fort und brachte den Pfuhl dadurch in f\u00f6rmliche Bewegung.<\/p>\n<p>Sie rief ihr daher z\u00e4rtlich nach: \u201eLiebes M\u00e4uschen! Komm wieder zur\u00fcck, und wir wollen weder von Katzen noch von Hunden reden, wenn du sie nicht gernhast!\u201c Als die Maus das h\u00f6rte, wandte sie sich um und schwamm langsam zu ihr zur\u00fcck; ihr Gesicht war ganz blass (vor \u00c4rger, dachte Alice), und sie sagte mit leiser, zitternder Stimme: \u201eKomm mit mir an\u2019 s Ufer, da will ich dir meine Geschichte erz\u00e4hlen; dann wirst du begreifen, warum ich Katzen und Hunde nicht leiden kann.\u201c<\/p>\n<p>Es war hohe Zeit sich fortzumachen; denn der Pfuhl begann von allerlei V\u00f6geln und Getier zu wimmeln, die hineingefallen waren: da war eine Ente und ein Dodo, ein roter Papagei und ein junger Adler, und mehre andere merkw\u00fcrdige Gesch\u00f6pfe. Alice f\u00fchrte sie an, und die ganze Gesellschaft schwamm an\u2019 s Ufer.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Drittes Kapitel<\/p>\n<h3>Caucus-Rennen und was daraus wird<\/h3>\n<p>Es war in der Tat eine wunderliche Gesellschaft, die sich am Strande versammelte \u2013 die V\u00f6gel mit triefenden Federn, die \u00fcbrigen Tiere mit fest anliegendem Fell, Alle durch und durch nass, verstimmt und unbehaglich. \u2013<\/p>\n<p>Die erste Frage war, wie sie sich trocknen k\u00f6nnten: es wurde eine Beratung dar\u00fcber gehalten, und nach wenigen Minuten kam es Alice ganz nat\u00fcrlich vor, vertraulich mit ihnen zu schwatzen, als ob sie sie ihr ganzes Leben gekannt h\u00e4tte. Sie hatte sogar eine lange Auseinandersetzung mit dem Papagei, der zuletzt brummig wurde und nur noch sagte: \u201eich bin \u00e4lter als du und muss es besser wissen;\u201c dies wollte Alice nicht zugeben und fragte nach seinem Alter, und da der Papagei es durchaus nicht sagen wollte, so blieb die Sache unentschieden.<\/p>\n<p>Endlich rief die Maus, welche eine Person von Gewicht unter ihnen zu sein schien: \u201eSetzt euch, ihr Alle, und h\u00f6rt mir zu! ich will euch bald genug trocken machen!\u201c Alle setzten sich sogleich in einen gro\u00dfen Kreis nieder, die Maus in der Mitte. Alice hatte die Augen erwartungsvoll auf sie gerichtet, denn sie war \u00fcberzeugt, sie werde sich entsetzlich erk\u00e4lten, wenn sie nicht sehr bald trocken w\u00fcrde.<\/p>\n<p>\u201eHm!\u201c sagte die Maus mit wichtiger Miene, \u201eseid ihr Alle soweit? Es ist das Trockenste, worauf ich mich besinnen kann. Alle still, wenn ich bitten darf! \u2013 Wilhelm der Eroberer, dessen Anspr\u00fcche vom Papste beg\u00fcnstigt wurden, fand bald Anhang unter den Engl\u00e4ndern, die einen Anf\u00fchrer brauchten, und die in jener Zeit sehr an Usurpation und Eroberungen gew\u00f6hnt waren. Edwin und Morcar, Grafen von Mercia und Northumbria \u2013\u201c<\/p>\n<p>\u201eOoooh!\u201c g\u00e4hnte der Papagei und sch\u00fcttelte sich.<\/p>\n<p>\u201eBitte um Verzeihung!\u201c sprach die Maus mit gerunzelter Stirne, aber sehr h\u00f6flich; \u201ebemerkten Sie etwas?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch nicht!\u201c erwiderte schnell der Papagei.<\/p>\n<p>\u201eEs kam mir so vor,\u201c sagte die Maus. \u2013 \u201eIch fahre fort: Edwin und Morcar, Grafen von Mercia und Northumbria, erkl\u00e4rten sich f\u00fcr ihn; und selbst Stigand, der patriotische Erzbischof von Canterbury fand es ratsam \u2013\u201c<\/p>\n<p>\u201eFand was?\u201c unterbrach die Ente.<\/p>\n<p>\u201eFand es,\u201c antwortete die Maus ziemlich aufgebracht: \u201edu wirst doch wohl wissen, was es bedeutet.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch wei\u00df sehr wohl, was es bedeutet, wenn ich etwas finde,\u201c sagte die Ente: \u201ees ist gew\u00f6hnlich ein Frosch oder ein Wurm. Die Frage ist, was fand der Erzbischof?\u201c<\/p>\n<p>Die Maus beachtete die Frage nicht, sondern fuhr hastig fort: \u2013 \u201efand es ratsam, von Edgar Atheling begleitet, Wilhelm entgegen zu gehen und ihm die Krone anzubieten. Wilhelms Benehmen war zuerst gem\u00e4\u00dfigt, aber die Unversch\u00e4mtheit seiner Normannen \u2013 wie steht\u2019s jetzt, Liebe?\u201c fuhr sie fort, sich an Alice wendend.<\/p>\n<p>\u201eNoch ganz ebenso nass,\u201c sagte Alice schwerm\u00fctig; \u201ees scheint mich gar nicht trocken zu machen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIn dem Fall,\u201c sagte der Dodo feierlich, indem er sich erhob, \u201estelle ich den Antrag, dass die Versammlung sich vertage und zur unmittelbaren Anwendung von wirksameren Mitteln schreite.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSprich deutlich!\u201c sagte der Adler. \u201eIch verstehe den Sinn von deinen langen W\u00f6rtern nicht, und ich wette, du auch nicht!\u201c Und der Adler b\u00fcckte sich, um ein L\u00e4cheln zu verbergen; einige der anderen V\u00f6gel kicherten h\u00f6rbar.<\/p>\n<p>\u201eWas ich sagen wollte,\u201c sprach der Dodo in gereiztem Tone, \u201ewar, dass das beste Mittel uns zu trocknen ein Caucus-Rennen w\u00e4re.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas ist ein Caucus-Rennen?\u201c sagte Alice, nicht dass ihr viel daran lag es zu wissen; aber der Dodo hatte angehalten, als ob er eine Frage erwarte, und Niemand anders schien aufgelegt zu reden.<\/p>\n<p>\u201eNun,\u201c meinte der Dodo, \u201edie beste Art, es zu erkl\u00e4ren, ist, es zu spielen.\u201c (Und da ihr vielleicht das Spiel selbst einen Winter-Nachmittag versuchen m\u00f6chtet, so will ich erz\u00e4hlen, wie der Dodo es anfing.)<\/p>\n<p>Erst bezeichnete er die Bahn, eine Art Kreis (\u201ees kommt nicht genau auf die Form an,\u201c sagte er), und dann wurde die ganze Gesellschaft hier und da auf der Bahn aufgestellt. Es wurde kein: \u201eeins, zwei, drei, fort!\u201c gez\u00e4hlt, sondern sie fingen an zu laufen, wenn es ihnen einfiel, h\u00f6rten auf wie es ihnen einfiel, so dass es nicht leicht zu entscheiden war, wann das Rennen zu Ende war. Als sie jedoch ungef\u00e4hr eine halbe Stunde gerannt und vollst\u00e4ndig getrocknet waren, rief der Dodo pl\u00f6tzlich: \u201eDas Rennen ist aus!\u201c und sie dr\u00e4ngten sich um ihn, au\u00dfer Atem, mit der Frage: \u201eAber wer hat gewonnen?\u201c<\/p>\n<p>Diese Frage konnte der Dodo nicht ohne tiefes Nachdenken beantworten, und er sa\u00df lange mit einem Finger an die Stirn gelegt (die Stellung, in der ihr meistens Shakespeare in seinen Bildern seht), w\u00e4hrend die \u00dcbrigen schweigend auf ihn warteten. Endlich sprach der Dodo: \u201eJeder hat gewonnen, und Alle sollen Preise haben.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber wer soll die Preise geben?\u201c fragte ein ganzer Chor von Stimmen.<\/p>\n<p>\u201eVersteht sich, sie!\u201c sagte der Dodo, mit dem Finger auf Alice zeigend; und sogleich umgab sie die ganze Gesellschaft, Alle durch einander rufend: \u201ePreise Preise!\u201c<\/p>\n<p>Alice wusste nicht im Geringsten, was da zu tun sei; in ihrer Verzweiflung fuhr sie mit der Hand in die Tasche, und zog eine Schachtel Zuckerpl\u00e4tzchen hervor (gl\u00fccklicherweise war das Salzwasser nicht hinein gedrungen); die verteilte sie als Preise. Sie reichten gerade herum, eins f\u00fcr Jeden.<\/p>\n<p>\u201eAber sie selbst muss auch einen Preis bekommen, wisst ihr,\u201c sagte die Maus.<\/p>\n<p>\u201eVersteht sich,\u201c entgegnete der Dodo ernst. \u201eWas hast du noch in der Tasche?\u201c fuhr er zu Alice gewandt fort.<\/p>\n<p>\u201eNur einen Fingerhut,\u201c sagte Alice traurig.<\/p>\n<p>\u201eReiche ihn mir her\u00fcber,\u201c versetzte der Dodo. Darauf versammelten sich wieder Alle um sie, w\u00e4hrend der Dodo ihr den Fingerhut feierlich \u00fcberreichte, mit den Worten: \u201eWir bitten, Sie wollen uns g\u00fctigst mit der Annahme dieses eleganten Fingerhutes beehren;\u201c<\/p>\n<p>und als er diese kurze Rede beendigt hatte, folgte allgemeines Beifallklatschen.<\/p>\n<p>Alice fand dies Alles h\u00f6chst albern; aber die ganze Gesellschaft sah so ernst aus, dass sie sich nicht zu lachen getraute, und da ihr keine passende Antwort einfiel, verbeugte sie sich einfach und nahm den Fingerhut ganz ehrbar in Empfang.<\/p>\n<p>Nun mussten zun\u00e4chst die Zuckerpl\u00e4tzchen verzehrt werden, was nicht wenig L\u00e4rm und Verwirrung hervorrief; die gro\u00dfen V\u00f6gel n\u00e4mlich beklagten sich, dass sie nichts schmecken konnten, die kleinen aber verschluckten sich und mussten auf den R\u00fccken geklopft werden. Endlich war auch dies vollbracht, und Alle setzten sich im Kreis herum und drangen in das M\u00e4uslein, noch etwas zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>\u201eDu hast mir deine Geschichte versprochen,\u201c sagte Alice \u2013 \u201eund woher es kommt, dass du K. und H. nicht leiden kannst,\u201c f\u00fcgte sie leise hinzu, um nur das niedliche Tierchen nicht wieder b\u00f6se zu machen.<\/p>\n<p>\u201eAch,\u201c seufzte das M\u00e4uslein, \u201eihr macht euch ja aus meinem Erz\u00e4hlen doch nichts; ich bin euch mit meiner Geschichte zu langschw\u00e4nzig und zu tragisch.\u201c Dabei sah sie Alice fragend an.<\/p>\n<p>\u201eLangschw\u00e4nzig! das muss wahr sein!\u201c rief Alice und sah nun erst mit rechter Verwunderung auf den geringelten Schwanz der Maus hinab; \u201eaber wie so tragisch? was tr\u00e4gst du denn?\u201c W\u00e4hrend sie noch dar\u00fcber nachsann, fing die langschw\u00e4nzige Erz\u00e4hlung schon an, folgendergestalt:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Filax sprach zu<br \/>\nder Maus, die<br \/>\ner traf<br \/>\nin dem<br \/>\nHaus:<br \/>\n\u201eGeh\u2019 mit<br \/>\nmir vor<br \/>\nGericht,<br \/>\ndass ich<br \/>\ndich<br \/>\nverklage.<br \/>\nKomm und<br \/>\nwehr\u2019 dich<br \/>\nnicht mehr;<br \/>\nich muss<br \/>\nhaben ein<br \/>\nVerh\u00f6r,<br \/>\ndenn ich<br \/>\nhabe<br \/>\nnichts<br \/>\nzu tun<br \/>\nschon<br \/>\nzwei<br \/>\nTage.\u201c<br \/>\nSprach die<br \/>\nMaus zum<br \/>\nK\u00f6ter:<br \/>\n\u201eSolch<br \/>\nVerh\u00f6r,<br \/>\nlieber Herr,<br \/>\nohne<br \/>\nRichter,<br \/>\nohne<br \/>\nZeugen<br \/>\ntut nicht<br \/>\nNot.\u201c<br \/>\n\u201eIch bin<br \/>\nZeuge,<br \/>\nich bin<br \/>\nRichter,\u201c<br \/>\nsprach<br \/>\ner schlau<br \/>\nund schnitt<br \/>\nGesichter,<br \/>\n\u201edas Verh\u00f6r<br \/>\nleite ich<br \/>\nund<br \/>\nverdamme<br \/>\ndich<br \/>\nzum<br \/>\nTod!\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu passt nicht auf!\u201c sagte die Maus strenge zu Alice. \u201eWoran denkst du?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch bitte um Verzeihung,\u201c sagte Alice sehr bescheiden: \u201edu warst bis zur f\u00fcnften Biegung gekommen, glaube ich?\u201c<\/p>\n<p>\u201eMit Nichten!\u201c sagte die Maus entschieden und sehr \u00e4rgerlich.<\/p>\n<p>\u201eNichten!\u201c rief Alice, die gern neue Bekanntschaften machte, und sah sich neugierig \u00fcberall um. \u201eO, wo sind sie, deine Nichten? Lass mich gehen und sie herholen!\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas werde ich sch\u00f6n bleiben lassen,\u201c sagte die Maus, indem sie aufstand und fortging. \u201eDeinen Unsinn kann ich nicht mehr mit anh\u00f6ren!\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch meinte es nicht b\u00f6se!\u201c entschuldigte sich die arme Alice. \u201eAber du bist so sehr empfindlich, du!\u201c<\/p>\n<p>Das M\u00e4uslein brummte nur als Antwort.<\/p>\n<p>\u201eBitte, komm wieder, und erz\u00e4hle deine Geschichte aus!\u201c rief Alice ihr nach; und die Andern wiederholten im Chor: \u201eja bitte!\u201c aber das M\u00e4uschen sch\u00fcttelte unwillig mit dem Kopfe und ging schnell fort.<\/p>\n<p>\u201eWie schade, dass es nicht bleiben wollte!\u201c seufzte der Papagei, sobald es nicht mehr zu sehen war; und eine alte Unke nahm die Gelegenheit wahr, zu ihrer Tochter zu sagen, \u201eJa, mein Kind! lass dir dies eine Lehre sein, niemals \u00fcbler Laune zu sein!\u201c \u201eHalt den Mund, Mama!\u201c sagte die junge Unke, etwas naseweis.<\/p>\n<p>\u201eWahrhaftig, du w\u00fcrdest die Geduld einer Auster ersch\u00f6pfen!\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch w\u00fcnschte, ich h\u00e4tte unsere Dinah hier, das w\u00fcnschte ich!\u201c sagte Alice laut, ohne Jemand insbesondere anzureden. \u201eSie w\u00fcrde sie bald zur\u00fcckholen!\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd wer ist Dinah, wenn ich fragen darf?\u201c sagte der Papagei.<\/p>\n<p>Alice antwortete eifrig, denn sie sprach gar zu gern von ihrem Liebling: \u201eDinah ist unsere Katze. Und sie ist auch so geschickt im M\u00e4usefangen, ihr k\u00f6nnt\u2019 s euch gar nicht denken! Und ach, h\u00e4ttet ihr sie nur V\u00f6gel jagen sehen. Ich sage euch, sie frisst einen kleinen Vogel, so wie sie ihn zu Gesicht bekommt.\u201c<\/p>\n<p>Diese Mittheilung verursachte gro\u00dfe Aufregung in der Gesellschaft. Einige der V\u00f6gel machten sich augenblicklich davon; eine alte Elster fing an, sich sorgf\u00e4ltig einzuwickeln, indem sie bemerkte: \u201eIch muss wirklich nach Hause gehen; die Nachtluft ist nicht gut f\u00fcr meinen Hals!\u201c und ein Kanarienvogel piepte zitternd zu seinen Kleinen, \u201eKommt fort, Kinder! es ist die h\u00f6chste Zeit f\u00fcr euch, zu Bett zu gehen!\u201c Unter verschiedenen Entschuldigungen entfernten sie sich Alle, und Alice war bald ganz allein.<\/p>\n<p>\u201eH\u00e4tte ich nur Dinah nicht erw\u00e4hnt!\u201c sprach sie bei sich mit betr\u00fcbtem Tone. \u201eNiemand scheint sie gern zu haben, hier unten, und dabei ist sie doch die beste Katze von der Welt! Oh, meine liebe Dinah! ob ich dich wohl je wiedersehen werde!\u201c dabei fing die arme Alice von Neuem zu weinen an, denn sie f\u00fchlte sich gar zu einsam und mutlos. Nach einem Weilchen jedoch h\u00f6rte sie wieder ein Trappeln von Schritten in der Entfernung und blickte aufmerksam hin, halb in der Hoffnung, dass die Maus sich besonnen habe und zur\u00fcckkomme, ihre Geschichte auszuerz\u00e4hlen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Viertes Kapitel<\/p>\n<h3>Die Wohnung des Kaninchens<\/h3>\n<p>Es war das wei\u00dfe Kaninchen, das langsam zur\u00fcckgewandert kam, indem es sorgf\u00e4ltig beim Gehen umher sah, als ob es etwas verloren h\u00e4tte, und sie h\u00f6rte wie es f\u00fcr sich murmelte: \u201edie Herzogin! die Herzogin! Oh, meine weichen Pfoten! o mein Fell und Knebelbart! Sie wird mich h\u00e4ngen lassen, so gewiss Frettchen Frettchen sind! Wo ich sie kann haben fallen lassen, begreife ich nicht!\u201c Alice erriet augenblicklich, dass es den F\u00e4cher und die wei\u00dfen Glaceehandschuhe meinte, und gutm\u00fctig genug fing sie an, danach umher zu suchen, aber sie waren nirgends zu sehen \u2013 Alles schien seit ihrem Bade in dem Pfuhl verwandelt zu sein, und der gro\u00dfe Korridor mit dem Glastisch und der kleinen Th\u00fcr war g\u00e4nzlich verschwunden.<\/p>\n<p>Das Kaninchen erblickte Alice bald, und wie sie \u00fcberall suchte, rief es ihr \u00e4rgerlich zu: \u201eWas, Marianne, was hast du hier zu schaffen? Renne augenblicklich nach Hause, und hole mir ein Paar Handschuhe und einen F\u00e4cher! Schnell, vorw\u00e4rts!\u201c Alice war so erschrocken, dass sie schnell in der angedeuteten Richtung fortlief, ohne ihm zu erkl\u00e4ren, dass es sich versehen habe.<\/p>\n<p>\u201eEs h\u00e4lt mich f\u00fcr sein Hausm\u00e4dchen,\u201c sprach sie bei sich selbst und lief weiter. \u201eWie es sich wundern wird, wenn es erf\u00e4hrt, wer ich bin! Aber ich will ihm lieber seinen F\u00e4cher und seine Handschuhe bringen \u2013 n\u00e4mlich, wenn ich sie finden kann.\u201c Wie sie so sprach, kam sie an ein nettes kleines Haus, an dessen Th\u00fcr ein gl\u00e4nzendes Messingschild war mit dem Namen \u201e<em>W. Kaninchen<\/em>\u201c darauf. Sie ging hinein ohne anzuklopfen, lief die Treppe hinauf, in gro\u00dfer Angst, der wirklichen Marianne zu begegnen und zum Hause hinausgewiesen zu werden, ehe sie den F\u00e4cher und die Handschuhe gefunden h\u00e4tte.<\/p>\n<p>\u201eWie komisch es ist,\u201c sagte Alice bei sich, \u201eBesorgungen f\u00fcr ein Kaninchen zu machen! Vermutlich wird mir Dinah n\u00e4chstens Auftr\u00e4ge geben!\u201c Und sie dachte sich schon aus, wie es Alles kommen w\u00fcrde:<\/p>\n<p>\u201eFr\u00e4ulein Alice! Kommen Sie gleich, es ist Zeit zum Ausgehen f\u00fcr Sie!\u201c \u201eGleich Kinderfrau! aber ich muss dieses M\u00e4useloch hier bewachen bis Dinah wiederkommt, und aufpassen, dass die Maus nicht herauskommt.\u201c \u201eNur w\u00fcrde Dinah,\u201c dachte Alice weiter, \u201egewiss nicht im Hause bleiben d\u00fcrfen, wenn sie anfinge, die Leute so zu kommandieren.\u201c<\/p>\n<p>Mittlerweile war sie in ein sauberes kleines Zimmer gelangt, mit einem Tisch vor dem Fenster und darauf (wie sie gehofft hatte) ein F\u00e4cher und zwei oder drei Paar winziger wei\u00dfer Glaceehandschuhe; sie nahm den F\u00e4cher und ein Paar Handschuhe und wollte eben das Zimmer verlassen, als ihr Blick auf ein Fl\u00e4schchen fiel, das bei dem Spiegel stand. Diesmal war kein Zettel mit den Worten: \u201e<em>Trink mich<\/em>\u201c darauf, aber trotzdem zog sie den Pfropfen heraus und setzte es an die Lippen. \u201eIch wei\u00df, <em>etwas<\/em> Merkw\u00fcrdiges mu\u00df geschehen, sobald ich esse oder trinke; drum will ich versuchen, was dies Fl\u00e4schchen thut. Ich hoffe, es wird mich wieder gr\u00f6\u00dfer machen; denn es ist mir sehr langweilig, solch winzig kleines Ding zu sein!\u201c<\/p>\n<p>Richtig, und zwar schneller, als sie erwartete: ehe sie das Fl\u00e4schchen halb ausgetrunken hatte f\u00fchlte sie,<\/p>\n<p>wie ihr Kopf an die Decke stie\u00df, und musste sich rasch b\u00fccken, um sich nicht den Hals zu brechen. Sie stellte die Flasche hin, indem sie zu sich sagte: \u201eDas ist ganz genug \u2013 ich hoffe, ich werde nicht weiterwachsen \u2013 ich kann so schon nicht zur T\u00fcre hinaus \u2013 h\u00e4tte ich nur nicht so viel getrunken!\u201c<\/p>\n<p>O weh! es war zu sp\u00e4t, dies zu w\u00fcnschen. Sie wuchs und wuchs, und mu\u00dfte sehr bald auf den Fu\u00dfboden niederknien; den n\u00e4chsten Augenblick war selbst dazu nicht Platz genug, sie legte sich nun hin, mit einem Ellbogen gegen die Th\u00fcr gestemmt und den andern Arm unter dem Kopfe. Immer noch wuchs sie, und als letzte Hilfsquelle streckte sie einen Arm zum Fenster hinaus und einen Fu\u00df in den Kamin hinauf, und sprach zu sich selbst: \u201eNun kann ich nicht mehr tun, was auch geschehen mag. Was <em>wird<\/em> nur aus mir werden?\u201c<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck f\u00fcr Alice hatte das Zauberfl\u00e4schchen nun seine volle Wirkung gehabt, und sie wuchs nicht weiter. Aber es war sehr unbequem, und da durchaus keine Aussicht war, dass sie je wieder aus dem Zimmer hinauskomme, so war sie nat\u00fcrlich sehr ungl\u00fccklich.<\/p>\n<p>\u201eEs war viel besser zu Hause,\u201c dachte die arme Alice, \u201ewo man nicht fortw\u00e4hrend gr\u00f6\u00dfer und kleiner wurde, und sich nicht von M\u00e4usen und Kaninchen kommandieren zu lassen brauchte. Ich w\u00fcnschte fast, ich w\u00e4re nicht in den Kaninchenbau hineingelaufen \u2013 aber \u2013 aber, es ist doch komisch, diese Art Leben! Ich m\u00f6chte wohl wissen, <em>was <\/em>eigentlich mit mir vorgegangen ist! Wenn ich M\u00e4rchen gelesen habe, habe ich immer gedacht, so etwas k\u00e4me nie vor, nun bin ich mitten drin in einem! Es sollte ein Buch von mir geschrieben werden, und wenn ich gro\u00df bin, will ich eins schreiben \u2013 aber ich bin ja jetzt gro\u00df,\u201c sprach sie betr\u00fcbt weiter, \u201ewenigstens <em>hier<\/em> habe ich keinen Platz \u00fcbrig, noch gr\u00f6\u00dfer zu werden.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber,\u201c dachte Alice, \u201ewerde ich denn nie \u00e4lter werden, als ich jetzt bin? das ist ein Trost \u2013 nie eine alte Frau zu sein \u2013 aber dann \u2013 immer Aufgaben zu lernen zu haben! Oh, <em>das<\/em> m\u00f6chte ich nicht gern!\u201c<\/p>\n<p>\u201eO, du einf\u00e4ltige Alice,\u201c schalt sie sich selbst. \u201eWie kannst du hier Aufgaben lernen? Sieh doch, es ist kaum Platz genug f\u00fcr dich, viel weniger f\u00fcr irgendein Schulbuch!\u201c<\/p>\n<p>Und so redete sie fort; erst als eine Person, dann die andere, und hatte so eine lange Unterhaltung mit sich selbst; aber nach einigen Minuten h\u00f6rte sie drau\u00dfen eine Stimme und schwieg still, um zu horchen.<\/p>\n<p>\u201eMarianne! Marianne!\u201c sagte die Stimme, \u201ehole mir gleich meine Handschuhe!\u201c dann kam ein Trappeln von kleinen F\u00fc\u00dfen die Treppe herauf. Alice wusste, dass es das Kaninchen war, das sie suchte, und sie zitterte so sehr, dass sie das ganze Haus ersch\u00fctterte; sie hatte ganz vergessen, dass sie jetzt wohl tausend Mal so gro\u00df wie das Kaninchen war und keine Ursache hatte, sich vor ihm zu f\u00fcrchten.<\/p>\n<p>Jetzt kam das Kaninchen an die Th\u00fcr und wollte sie aufmachen; da aber die Th\u00fcr nach innen aufging und Alice\u2019s Ellbogen fest dagegengestemmt war, so war es ein vergeblicher Versuch. Alice h\u00f6rte, wie es zu sich selbst sprach: \u201edann werde ich herumgehen und zum Fenster hineinsteigen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas wirst du nicht tun,\u201c dachte Alice, und nachdem sie gewartet hatte, bis sie das Kaninchen dicht unter dem Fenster zu h\u00f6ren glaubte, streckte sie mit einem Male ihre Hand aus und griff in die Luft. Sie fasste zwar nichts, h\u00f6rte aber einen schwachen Schrei und einen Fall, dann das Geklirr von zerbrochenem Glase, woraus sie schloss, dass es wahrscheinlich in ein Gurkenbeet gefallen sei, oder etwas dergleichen.<\/p>\n<p>Demn\u00e4chst kam eine \u00e4rgerliche Stimme \u2013 die des Kaninchens \u2013 \u201ePat! Pat! wo bist du?\u201c und dann eine Stimme, die sie noch nicht geh\u00f6rt hatte: \u201eWo soll ich sind? ich bin hier! grabe \u00c4pfel aus, Euer Gnaden!\u201c<\/p>\n<p>\u201e\u00c4pfel ausgraben? so!\u201c sagte das Kaninchen \u00e4rgerlich. \u201eHier! komm und hilf mir heraus!\u201c (Noch mehr Geklirr von Glasscherben.)<\/p>\n<p>\u201eNun sage mir, Pat, was ist das da oben im Fenster?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWat soll\u2019s sind? \u2019s is en Arm, Euer Gnaden!\u201c (Er sprach es \u201eDarum\u201c aus.)<\/p>\n<p>\u201eEin Arm, du Esel! Wer hat je einen so gro\u00dfen Arm gesehen? er nimmt ja das ganze Fenster ein!\u201c<\/p>\n<p>\u201eZu dienen, des tut er, Euer Gnaden; aber en Arm is es, und en Arm bleebt es.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJedenfalls hat er da nichts zu suchen: geh\u2019 und schaffe ihn fort!\u201c<\/p>\n<p>Darauf folgte eine lange Pause, w\u00e4hrend welcher Alice sie nur einzelne Worte fl\u00fcstern h\u00f6rte, wie: \u201eZu dienen, des scheint mehr nicht, Euer Gnaden, jar nich, jar nich!\u201c \u201eThu\u2019, was ich dir sage, feige Memme!\u201c zuletzt streckte sie die Hand wieder aus und tat einen Griff in die Luft. Diesmal h\u00f6rte sie ein leises Wimmern und noch mehr Geklirr von Glasscherben. \u201eWie viel Gurkenbeete da sein m\u00fcssen!\u201c dachte Alice. \u201eMich soll doch wundern, was sie nun tun werden! Mich zum Fenster hinausziehen? ja, wenn sie das nur k\u00f6nnten! Ich bliebe wahrlich nicht gern l\u00e4nger hier!\u201c<\/p>\n<p>Sie wartete eine Zeit lang, ohne etwas zu h\u00f6ren; endlich kam ein Rollen von kleinen Leiterwagen, und ein L\u00e4rm von einer Menge Stimmen, alle durcheinander; sie verstand die Worte: \u201eWo ist die andere Leiter? \u2013 Ich sollte ja nur eine bringen; Wabbel hat die andere \u2013 Wabbel, bringe sie her, Junge! \u2013 Lehnt sie hier gegen diese Ecke \u2013 Nein, sie m\u00fcssen erst zusammengebunden werden \u2013 sie reichen nicht halb hinauf \u2013 Ach, was werden sie nicht reichen: seid nicht so umst\u00e4ndlich \u2013 Hier, Wabbel! fange den Strick \u2013 Wird das Dach auch tragen? \u2013 Nimm dich mit dem losen Schiefer in Acht \u2013 oh, da f\u00e4llt er! K\u00f6pfe weg!\u201c (ein lautes Krachen) \u2013 \u201eWessen Schuld war das? \u2013 Wabbel\u2019s, glaube ich \u2013 Wer soll in den Schornstein steigen? \u2013 Ich nicht, so viel wei\u00df ich! Ihr aber doch, nicht wahr? \u2013 Nicht ich, meiner Treu! \u2013 Wabbel kann hineinsteigen \u2013 Hier, Wabbel! der Herr sagt, du sollst in den Schornstein steigen!\u201c<\/p>\n<p>\u201eSo, also Wabbel soll durch den Schornstein hereinkommen, wirklich?\u201c sagte Alice zu sich selbst. \u201eSie scheinen mir Alles auf Wabbel zu schieben: ich m\u00f6chte um Alles nicht an Wabbel\u2019s Stelle sein; der Kamin ist freilich eng, aber etwas werde ich doch wohl mit dem Fu\u00dfe ausschlagen k\u00f6nnen!\u201c<\/p>\n<p>Sie zog ihren Fu\u00df so weit herunter, wie sie konnte, und wartete, bis sie ein kleines Thier (sie konnte nicht raten, was f\u00fcr eine Art es sei) in dem Schornstein kratzen und klettern h\u00f6rte; als es dicht \u00fcber ihr war, sprach sie bei sich: \u201eDies ist Wabbel,\u201c gab einen kr\u00e4ftigen Sto\u00df in die H\u00f6he, und wartete dann der Dinge, die da kommen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Zuerst h\u00f6rte sie einen allgemeinen Chor: \u201eDa fliegt Wabbel!\u201c dann die Stimme des Kaninchens allein: \u2013 \u201eFangt ihn auf, ihr da bei der Hecke!\u201c darauf Stillschweigen, dann wieder verworrene Stimmen: \u2013 \u201eHaltet ihm den Kopf \u2013 etwas Branntwein \u2013 Ersticke ihn doch nicht \u2013 Wie geht\u2019s, alter Kerl? Was ist dir denn geschehen? erz\u00e4hle uns Alles!\u201c<\/p>\n<p>Zuletzt kam eine kleine schwache, quiekende Stimme (\u201edas ist Wabbel,\u201c dachte Alice): \u201eIch wei\u00df es ja selbst nicht \u2013 Keinen mehr, danke! Ich bin schon viel besser \u2013 aber ich bin viel zu aufgeregt, um euch zu erz\u00e4hlen \u2013 Ich wei\u00df nur, da kommt ein Ding in die H\u00f6he, wie\u2019n Dosen-Stehauf, und auf fliege ich wie \u2019ne Rakete!\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, das hast du getan, alter Kerl!\u201c sagten die Andern.<\/p>\n<p>\u201eWir m\u00fcssen das Haus niederbrennen!\u201c rief das Kaninchen; da schrie Alice so laut sie konnte: \u201eWenn ihr das tut, werde ich Dinah \u00fcber euch schicken!\u201c<\/p>\n<p>Sogleich entstand tiefes Schweigen, und Alice dachte bei sich: \u201e<em>Was<\/em> sie wohl jetzt tun werden? Wenn sie Menschenverstand h\u00e4tten, w\u00fcrden sie das Dach abrei\u00dfen.\u201c Nach einer oder zwei Minuten fingen sie wieder an sich zu r\u00fchren, und Alice h\u00f6rte das Kaninchen sagen: \u201eEine Karre voll ist vor der Hand genug.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEine Karre voll was?\u201c dachte Alice; doch blieb sie nicht lange im Zweifel, denn den n\u00e4chsten Augenblick kam ein Schauer von kleinen Kieseln zum Fenster hereingeflogen, von denen ein Paar sie gerade in\u2019s Gesicht trafen. \u201eDem will ich ein Ende machen,\u201c sagte sie bei sich und schrie hinaus: \u201eDas lasst mir gef\u00e4lligst bleiben!\u201c worauf wieder tiefe Stille erfolgte.<\/p>\n<p>Alice bemerkte mit einigem Erstaunen, dass die Kiesel sich alle in kleine Kuchen verwandelten, als sie auf dem Boden lagen, und dies brachte sie auf einen gl\u00e4nzenden Gedanken. \u201eWenn ich einen von diesen Kuchen esse,\u201c dachte sie, \u201ewird es gewiss meine Gr\u00f6\u00dfe ver\u00e4ndern; und da ich unm\u00f6glich noch mehr wachsen kann, so wird es mich wohl kleiner machen, vermute ich.\u201c<\/p>\n<p>Sie schluckte demnach einen kleinen Kuchen herunter, und merkte zu ihrem Entz\u00fccken, dass sie sogleich abnahm. Sobald sie klein genug war, um durch die Th\u00fcr zu gehen, rannte sie zum Hause hinaus, und fand einen f\u00f6rmlichen Auflauf von kleinen Tieren und V\u00f6geln davor. Die arme kleine Eidechse, Wabbel, war in der Mitte, von zwei Meerschweinchen unterst\u00fctzt, die ihm etwas aus einer Flasche gaben. Es war ein allgemeiner Sturm auf Alice, sobald sie sich zeigte; sie lief aber so schnell sie konnte davon, und kam sicher in ein dichtes Geb\u00fcsch.<\/p>\n<p>\u201eDas N\u00f6tigste, was ich nun zu tun habe,\u201c sprach Alice bei sich, wie sie in dem W\u00e4ldchen umher wanderte, \u201eist, meine richtige Gr\u00f6\u00dfe zu erlangen; und das Zweite, den Weg zu dem wunderh\u00fcbschen Garten zu finden. Ja, das wird der beste Plan sein.\u201c<\/p>\n<p>Es klang freilich wie ein vortrefflicher Plan, und recht nett und einfach ausgedacht; die einzige Schwierigkeit war, dass sie nicht den geringsten Begriff hatte, wie sie ihn ausf\u00fchren sollte; und w\u00e4hrend sie so \u00e4ngstlich zwischen den B\u00e4umen umherguckte, h\u00f6rte sie pl\u00f6tzlich ein scharfes feines Bellen gerade \u00fcber ihrem Kopfe und sah eilig auf.<\/p>\n<p>Ein ungeheuer gro\u00dfer junger Hund sah mit seinen hervorstehenden runden Augen auf sie herab und machte einen schwachen Versuch, eine Pfote auszustrecken und sie zu ber\u00fchren. \u201eArmes kleines Ding!\u201c sagte Alice in liebkosendem Tone, und sie gab sich alle M\u00fche, ihm zu pfeifen; dabei hatte sie aber gro\u00dfe Angst, ob er auch nicht hungrig w\u00e4re, denn dann w\u00fcrde er sie wahrscheinlich auffressen trotz allen Liebkosungen.<\/p>\n<p>Ohne recht zu wissen was sie tat, nahm sie ein St\u00e4bchen auf und hielt es ihm hin; worauf das ungeschickte Tierchen mit allen vier F\u00fc\u00dfen zugleich in die H\u00f6he sprang, vor Entz\u00fccken laut aufbellte, auf das St\u00e4bchen losrannte und tat, als wolle es zerrei\u00dfen; da wich Alice ihm aus hinter eine gro\u00dfe Distel, um nicht zertreten zu werden; und so wie sie auf der anderen Seite hervorkam, lief der junge Hund wieder auf das St\u00e4bchen los und fiel kopf\u00fcber in seiner Eile, es zu fangen. Alice, der es vorkam, als wenn Jemand mit einem Fuhrmannspferde Zeck spielt, und die jeden Augenblick f\u00fcrchtete, unter seine F\u00fc\u00dfe zu geraten, lief wieder hinter die Distel; da machte der junge Hund eine Reihe von kurzen Anl\u00e4ufen auf das St\u00e4bchen, wobei er jedes Mal ein klein wenig vorw\u00e4rts und ein gutes St\u00fcck zur\u00fcck rannte und sich heiser bellte, bis er sich zuletzt mit zum Munde heraush\u00e4ngender Zunge und halb geschlossenen Augen, ganz au\u00dfer Atem hinsetzte.<\/p>\n<p>Dies schien Alice eine gute Gelegenheit zu sein, fortzukommen; sie machte sich also gleich davon, und rannte bis sie ganz m\u00fcde war und keine Luft mehr hatte, und bis das Bellen nur noch ganz schwach in der Ferne zu h\u00f6ren war.<\/p>\n<p>\u201eUnd doch war es ein lieber kleiner Hund!\u201c sagte Alice, indem sie sich an eine Butterblume lehnte um auszuruhen, und sich mit einem der Bl\u00e4tter f\u00e4chelte. \u201eIch h\u00e4tte ihn gern Kunstst\u00fccke gelehrt, wenn \u2013 wenn ich nur gro\u00df genug dazu gewesen w\u00e4re! O ja! das h\u00e4tte ich beinah vergessen, ich muss ja machen, dass ich wieder wachse! Lass sehen \u2013 wie f\u00e4ngt man es doch an? Ich d\u00e4chte, ich sollte irgendetwas essen oder trinken; aber die Frage ist, was?\u201c<\/p>\n<p>Das war in der Tat die Frage. Alice blickte um sich nach allen Blumen und Grashalmen; aber gar nichts sah aus, als ob es das Rechte sei, das sie unter den Umst\u00e4nden essen oder trinken m\u00fcsse. In der N\u00e4he wuchs ein gro\u00dfer Pilz, ungef\u00e4hr so hoch wie sie; nachdem sie ihn sich von unten, von beiden Seiten, r\u00fcckw\u00e4rts und vorw\u00e4rts betrachtet hatte, kam es ihr in den Sinn zu sehen, was oben darauf sei. Sie stellte sich also auf die Fu\u00dfspitzen und guckte \u00fcber den Rand des Pilzes, und sogleich begegnete ihr Blick dem einer gro\u00dfen blauen Raupe, die mit kreuzweise gelegten Armen da sa\u00df und ruhig aus einer gro\u00dfen Huhka rauchte, ohne die geringste Notiz von ihr noch sonst irgend Etwas zu nehmen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>F\u00fcnftes Kapitel<\/p>\n<h3>Guter Rat von einer Raupe<\/h3>\n<p>Die Raupe und Alice sahen sich eine Zeit lang schweigend an; endlich nahm die Raupe die Huhka aus dem Munde und redete sie mit schmachtender, langsamer Stimme an. \u201eWer bist du?\u201c fragte die Raupe.<\/p>\n<p>Das war kein sehr ermutigender Anfang einer Unterhaltung. Alice antwortete, etwas befangen: \u201eIch \u2013 ich wei\u00df nicht recht, diesen Augenblick \u2013 vielmehr ich wei\u00df, wer ich heut fr\u00fch war, als ich aufstand; aber ich glaube, ich muss seitdem ein paar Mal verwechselt worden sein.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas meinst du damit?\u201c sagte die Raupe strenge. \u201eErkl\u00e4re dich deutlicher!\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch kann mich nicht deutlicher erkl\u00e4ren, f\u00fcrchte ich, Raupe,\u201c sagte Alice, \u201eweil ich nicht ich bin, sehen Sie wohl?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch sehe nicht wohl,\u201c sagte die Raupe.<\/p>\n<p>\u201eIch kann es wirklich nicht besser ausdr\u00fccken,\u201c erwiderte Alice sehr h\u00f6flich, \u201edenn ich kann es selbst nicht begreifen; und wenn man an einem Tage so oft klein und gro\u00df wird, wird man ganz verwirrt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein, das wird man nicht,\u201c sagte die Raupe.<\/p>\n<p>\u201eVielleicht haben Sie es noch nicht versucht,\u201c sagte Alice, \u201eaber, wenn Sie sich in eine Puppe verwandeln werden, das m\u00fcssen Sie \u00fcber kurz oder lang wie Sie wissen \u2013 und dann in einen Schmetterling, das wird sich doch komisch anf\u00fchlen, nicht wahr?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDurchaus nicht,\u201c sagte die Raupe.<\/p>\n<p>\u201eSie f\u00fchlen wahrscheinlich anders darin,\u201c sagte Alice; \u201eso viel wei\u00df ich, dass es mir sehr komisch sein w\u00fcrde.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDir!\u201c sagte die Raupe ver\u00e4chtlich. \u201eWer bist du denn?\u201c<\/p>\n<p>Was sie wieder auf den Anfang der Unterhaltung zur\u00fcckbrachte. Alice war etwas \u00e4rgerlich, dass die Raupe so sehr kurz angebunden war; sie warf den Kopf in die H\u00f6he und sprach sehr ernst: \u201eIch d\u00e4chte, Sie sollten mir erst sagen, wer Sie sind?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWeshalb?\u201c fragte die Raupe.<\/p>\n<p>Das war wieder eine schwierige Frage; und da sich Alice auf keinen guten Grund besinnen konnte und die Raupe sehr schlechter Laune zu sein schien, so ging sie ihrer Wege.<\/p>\n<p>\u201eKomm zur\u00fcck!\u201c rief ihr die Raupe nach, \u201eich habe dir etwas Wichtiges zu sagen!\u201c<\/p>\n<p>Das klang sehr einladend; Alice kehrte wieder um und kam zu ihr zur\u00fcck.<\/p>\n<p>\u201eSei nicht empfindlich,\u201c sagte die Raupe.<\/p>\n<p>\u201eIst das Alles?\u201c fragte Alice, ihren \u00c4rger so gut sie konnte verbergend.<\/p>\n<p>\u201eNein,\u201c sagte die Raupe.<\/p>\n<p>Alice dachte, sie wollte doch warten, da sie sonst nichts zu tun habe, und vielleicht w\u00fcrde sie ihr etwas sagen, das der M\u00fche wert sei. Einige Minuten lang rauchte die Raupe fort ohne zu reden; aber zuletzt nahm sie die Huhka wieder aus dem Munde und sprach: \u201eDu glaubst also, du bist verwandelt?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch f\u00fcrchte es fast, Raupe,\u201c sagte Alice, \u201eich kann Sachen nicht behalten wie sonst, und ich werde alle zehn Minuten gr\u00f6\u00dfer oder kleiner!\u201c<\/p>\n<p>\u201eKannst welche Sachen nicht behalten?\u201c fragte die Raupe.<\/p>\n<p>\u201eAch, ich habe versucht zu sagen: Bei einem Wirte etc.; aber es kam ganz anders!\u201c antwortete Alice in niedergeschlagenem Tone.<\/p>\n<p>\u201eSage her: Ihr seid alt, Vater Martin,\u201c sagte die Raupe.<\/p>\n<p>Alice faltete die H\u00e4nde und fing an: \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u201eIhr seid alt, Vater Martin,\u201c so sprach Junker Tropf,<br \/>\n\u201eEuer Haar ist schon lange ganz wei\u00df;<br \/>\nDoch steht ihr so gerne noch auf dem Kopf.<br \/>\nMacht Euch denn das nicht zu hei\u00df?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u201eAls ich jung war,\u201c der Vater zur Antwort gab,<br \/>\n\u201eDa glaubt\u2019 ich, f\u00fcrs Hirn sei\u2019s nicht gut;<br \/>\nDoch seit ich entdeckt, dass ich gar keines hab\u2019,<br \/>\nSo tu\u2019 ich\u2019s mit fr\u00f6hlichem Muth.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u201eIhr seid alt,\u201c sprach der Sohn, \u201ewie vorhin schon gesagt,<br \/>\nUnd geworden ein gar dicker Mann;<br \/>\nDrum sprecht, wie ihr r\u00fccklings den Purzelbaum schlagt.<br \/>\nPotz tausend! wie fangt ihr\u2019s nur an?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u201eAls ich jung war,\u201c der Alte mit Kopfsch\u00fctteln sagt\u2019,<br \/>\n\u201eDa rieb ich die Glieder mir ein<br \/>\nMit der Salbe hier, die sie geschmeidig macht.<br \/>\nF\u00fcr zwei Groschen Courant ist sie dein.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u201eIhr seid alt,\u201c sprach der Bub\u2019, \u201eund k\u00f6nnt nicht recht kau\u2019n,<br \/>\nUnd solltet euch nehmen in Acht;<br \/>\nDoch a\u00dft ihr die Gans mit Schnabel und Klau\u2019n;<br \/>\nWie habt ihr das nur gemacht?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u201eIch war fr\u00fcher Jurist und hab\u2019 viel disputiert,<br \/>\nBesonders mit meiner Frau;<br \/>\nDas hat so mir die Kinnbacken einexerziert,<br \/>\nDass ich jetzt noch mit Leichtigkeit kau!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u201eIhr seid alt,\u201c sagt der Sohn, \u201eund habt nicht viel Witz,<br \/>\nUnd doch seid ihr so geschickt;<br \/>\nBalanciert einen Aal auf der Nasenspitz\u2019!<br \/>\nWie ist euch das nur gegl\u00fcckt?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u201eDrei Antworten hast du, und damit genug,<br \/>\nNun lass mich kein Wort mehr h\u00f6ren;<br \/>\nDu Guck in die Welt tust so \u00fcberklug,<br \/>\nIch werde dich Mores lehren!\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas ist nicht richtig,\u201c sagte die Raupe.<\/p>\n<p>\u201eNicht ganz richtig, glaube ich,\u201c sagte Alice sch\u00fcchtern; \u201emanche W\u00f6rter sind anders gekommen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEs ist von Anfang bis zu Ende falsch,\u201c sagte die Raupe mit Entschiedenheit, worauf eine Pause von einigen Minuten eintrat.<\/p>\n<p>Die Raupe sprach zuerst wieder.<\/p>\n<p>\u201eWie gro\u00df m\u00f6chtest du gern sein?\u201c fragte sie.<\/p>\n<p>\u201eOh, es kommt nicht so genau darauf an,\u201c erwiderte Alice schnell; \u201enur das viele Wechseln ist nicht angenehm, nicht wahr?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein, es ist nicht wahr!\u201c sagte die Raupe.<\/p>\n<p>Alice antwortete nichts; es war ihr im Leben nicht so viel widersprochen worden, und sie f\u00fchlte, dass sie wieder anfing, empfindlich zu werden.<\/p>\n<p>\u201eBist du jetzt zufrieden?\u201c sagte die Raupe.<\/p>\n<p>\u201eEtwas gr\u00f6\u00dfer, Frau Raupe, w\u00e4re ich gern, wenn ich bitten darf,\u201c sagte Alice; \u201edrei und einen halben Zoll ist gar zu winzig.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEs ist eine sehr angenehme Gr\u00f6\u00dfe, finde ich,\u201c sagte die Raupe zornig und richtete sich dabei in die H\u00f6he (sie war gerade drei Zoll hoch).<\/p>\n<p>\u201eAber ich bin nicht daran gew\u00f6hnt!\u201c verteidigte sich die arme Alice in weinerlichem Tone. Bei sich dachte sie: \u201eIch w\u00fcnschte, alle diese Gesch\u00f6pfe n\u00e4hmen nicht Alles gleich \u00fcbel.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu wirst es mit der Zeit gewohnt werden,\u201c sagte die Raupe, steckte ihre Huhka in den Mund und fing wieder an zu rauchen.<\/p>\n<p>Diesmal wartete Alice geduldig, bis es ihr gef\u00e4llig w\u00e4re zu reden. Nach zwei oder drei Minuten nahm die Raupe die Huhka aus dem Munde, g\u00e4hnte ein bis zwei Mal und sch\u00fcttelte sich. Dann kam sie von dem Pilze herunter, kroch ins Gras hinein und bemerkte blos beim Weggehen: \u201eDie eine Seite macht dich gr\u00f6\u00dfer, die andere Seite macht dich kleiner.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEine Seite wovon? die andere Seite wovon?\u201c dachte Alice bei sich.<\/p>\n<p>\u201eVon dem Pilz,\u201c sagte die Raupe, gerade als wenn sie laut gefragt h\u00e4tte; und den n\u00e4chsten Augenblick war sie nicht mehr zu sehen.<\/p>\n<p>Alice blieb ein Weilchen gedankenvoll vor dem Pilze stehen, um ausfindig zu machen, welches seine beiden Seiten seien; und da er vollkommen rund war, so fand sie die Frage schwierig zu beantworten. Zuletzt aber reichte sie mit beiden Armen, soweit sie herum konnte, und brach mit jeder Hand etwas vom Rande ab.<\/p>\n<p>\u201eNun aber, welches ist das rechte?\u201c sprach sie zu sich, und biss ein wenig von dem St\u00fcck in ihrer rechten Hand ab, um die Wirkung auszuprobieren; den n\u00e4chsten Augenblick f\u00fchlte sie einen heftigen Schmerz am Kinn, es hatte an ihren Fu\u00df angesto\u00dfen!<\/p>\n<p>\u00dcber diese pl\u00f6tzliche Verwandlung war sie sehr erschrocken, aber da war keine Zeit zu verlieren, da sie sehr schnell kleiner wurde; sie machte sich also gleich daran, etwas von dem andern St\u00fcck zu essen. Ihr Kinn war so dicht an ihren Fu\u00df gedr\u00fcckt, dass ihr kaum Platz genug blieb, den Mund aufzumachen; endlich aber gelang es ihr, ein wenig von dem St\u00fcck in ihrer linken Hand herunter zu schlucken.<\/p>\n<p>\u201eAh! endlich ist mein Kopf frei!\u201c rief Alice mit Entz\u00fccken, das sich jedoch den n\u00e4chsten Augenblick in Angst verwandelte, da sie merkte, dass ihre Schultern nirgends zu finden waren: als sie hinuntersah, konnte sie weiter nichts erblicken, als einen ungeheuer langen Hals, der sich wie eine Stange aus einem Meer von gr\u00fcnen Bl\u00e4ttern erhob, dass unter ihr lag.<\/p>\n<p>\u201eWas mag all das gr\u00fcne Zeug sein?\u201c sagte Alice. \u201eUnd wo sind meine Schultern nur hingekommen? Und ach, meine armen H\u00e4nde, wie geht es zu, dass ich euch nicht sehen kann?\u201c Sie griff bei diesen Worten um sich, aber es erfolgte weiter nichts, als eine kleine Bewegung in den entfernten gr\u00fcnen Bl\u00e4ttern.<\/p>\n<p>Da es ihr nicht gelang, die H\u00e4nde zu ihrem Kopfe zu erheben, so versuchte sie, den Kopf zu ihnen hinunter zu b\u00fccken, und fand zu ihrem Entz\u00fccken, dass sie ihren Hals in allen Richtungen biegen und wenden konnte, wie eine Schlange. Sie hatte ihn gerade in ein malerisches Zickzack gewunden und wollte eben in das Bl\u00e4ttermeer hinuntertauchen, das, wie sie sah, durch die Gipfel der B\u00e4ume gebildet wurde, unter denen sie noch eben herumgewandert war, als ein lautes Rauschen sie pl\u00f6tzlich zur\u00fcckschreckte: eine gro\u00dfe Taube kam ihr ins Gesicht geflogen und schlug sie heftig mit den Fl\u00fcgeln.<\/p>\n<p>\u201eSchlange!\u201c kreischte die Taube.<\/p>\n<p>\u201eIch bin keine Schlange!\u201c sagte Alice mit Entr\u00fcstung. \u201eLa\u00df mich in Ruhe!\u201c<\/p>\n<p>\u201eSchlange sage ich!\u201c wiederholte die Taube, aber mit ged\u00e4mpfter Stimme, und fuhr schluchzend fort: \u201eAlles habe ich versucht, und nichts ist ihnen genehm!\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch wei\u00df gar nicht, wovon du redest,\u201c sagte Alice.<\/p>\n<p>\u201eBaumwurzeln habe ich versucht, Flussufer habe ich versucht, Hecken habe ich versucht,\u201c sprach die Taube weiter, ohne auf sie zu achten; \u201eaber diese Schlangen! Nichts ist ihnen recht!\u201c<\/p>\n<p>Alice verstand immer weniger; aber sie dachte, es sei unn\u00fctz etwas zu sagen, bis die Taube fertig w\u00e4re.<\/p>\n<p>\u201eAls ob es nicht M\u00fche genug w\u00e4re, die Eier auszubr\u00fcten,\u201c sagte die Taube, \u201eda muss ich noch Tag und Nacht den Schlangen aufpassen! Kein Auge habe ich die letzten drei Wochen zugetan!\u201c<\/p>\n<p>\u201eEs tut mir sehr leid, dass du so viel Verdruss gehabt hast,\u201c sagte Alice, die zu verstehen anfing, was sie meinte.<\/p>\n<p>\u201eUnd gerade da ich mir den h\u00f6chsten Baum im Walde ausgesucht habe,\u201c fuhr die Taube mit erhobener Stimme fort, \u201eund gerade da ich dachte, ich w\u00e4re sie endlich los, m\u00fcssen sie sich sogar noch vom Himmel herunterwinden! Pfui! Schlange!\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber ich bin keine Schlange, sage ich dir!\u201c rief Alice, \u201eich bin ein \u2013 ich bin ein\u201c<\/p>\n<p>\u201eNun, was bist du denn?\u201c fragte die Taube. \u201eIch merke wohl, dass du dir etwas ausdenken willst!\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch \u2013 ich bin ein kleines M\u00e4dchen,\u201c sagte Alice etwas unsicher, da sie an die vielfachen Verwandlungen dachte, die sie den Tag \u00fcber schon durchgemacht hatte.<\/p>\n<p>\u201eEine sch\u00f6ne Ausrede, wahrhaftig!\u201c sagte die Taube im Tone tiefster Verachtung. \u201eIch habe mein Lebtag genug kleine M\u00e4dchen gesehen, aber nie eine mit solch einem Hals! Nein, nein! du bist eine Schlange! das kannst du nicht ableugnen. Du wirst am Ende noch behaupten, dass du nie ein Ei gegessen hast.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch habe Eier gegessen, freilich,\u201c sagte Alice, die ein sehr wahrheitsliebendes Kind war; \u201eaber kleine M\u00e4dchen essen Eier ebenso gut wie Schlangen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas glaube ich nicht,\u201c sagte die Taube; \u201ewenn sie es aber tun, nun dann sind sie eine Art Schlangen, so viel wei\u00df ich.\u201c<\/p>\n<p>Das war etwas so Neues f\u00fcr Alice, dass sie ein paar Minuten ganz still schwieg; die Taube benutzte die Gelegenheit und fuhr fort: \u201eDu suchst Eier, das wei\u00df ich nur zu gut, und was k\u00fcmmert es mich, ob du ein kleines M\u00e4dchen oder eine Schlange bist?\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber mich k\u00fcmmert es sehr,\u201c sagte Alice schnell; \u201e\u00fcbrigens suche ich zuf\u00e4llig nicht Eier, und wenn ich es t\u00e4te, so w\u00fcrde ich deine nicht brauchen k\u00f6nnen; ich esse sie nicht gern roh.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDann mach\u2019, dass du fortkommst!\u201c sagte die Taube verdrie\u00dflich, indem sie sich in ihrem Nest wieder zurechtsetzte. Alice duckte sich unter die B\u00e4ume so gut sie konnte; denn ihr Hals verwickelte sich fortw\u00e4hrend in die Zweige, und mehre Male musste sie anhalten und ihn losmachen. Nach einer Weile fiel es ihr wieder ein, dass sie noch die St\u00fcckchen Pilz in den H\u00e4nden hatte, und sie machte sich sorgf\u00e4ltig daran, knabberte bald an dem einen, bald an dem andern, und wurde abwechselnd gr\u00f6\u00dfer und kleiner, bis es ihr zuletzt gelang, ihre gew\u00f6hnliche Gr\u00f6\u00dfe zu bekommen.<\/p>\n<p>Es war so lange her, dass sie auch nur ungef\u00e4hr ihre richtige H\u00f6he gehabt hatte, dass es ihr erst ganz komisch vorkam; aber nach einigen Minuten hatte sie sich daran gew\u00f6hnt und sprach mit sich selbst wie gew\u00f6hnlich. \u201eSch\u00f6n, nun ist mein Plan halb ausgef\u00fchrt! Wie verwirrt man von dem vielen Wechseln wird! Ich wei\u00df nie, wie ich den n\u00e4chsten Augenblick sein werde! Doch jetzt habe ich meine richtige Gr\u00f6\u00dfe: nun kommt es darauf an, in den sch\u00f6nen Garten zu gelangen \u2013 wie kann ich das anstellen? das m\u00f6chte ich wissen!\u201c Wie sie dies sagte, kam sie in eine Lichtung mit einem H\u00e4uschen in der Mitte, ungef\u00e4hr vier Fu\u00df hoch. \u201eWer auch darin wohnen mag, es geht nicht an, dass ich so gro\u00df wie ich jetzt bin hineingehe: sie w\u00fcrden vor Angst nicht wissen wohin!\u201c Also knabberte sie wieder an dem St\u00fcckchen in der rechten Hand, und wagte sich nicht an das H\u00e4uschen heran, bis sie sich auf neun Zoll heruntergebracht hatte.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Sechstes Kapitel<\/p>\n<h3>Ferkel und Pfeffer<\/h3>\n<p>Noch ein bis zwei Augenblicke stand sie und sah das H\u00e4uschen an, ohne recht zu wissen was sie nun tun solle, als pl\u00f6tzlich ein Lackei in Livree vom Walde her gelaufen kam \u2013 (sie hielt ihn f\u00fcr einen Lackeien, weil er Livree trug, sonst, nach seinem Gesichte zu urteilen, w\u00fcrde sie ihn f\u00fcr einen Fisch angesehen haben) \u2013 und mit den Kn\u00f6cheln laut an die T\u00fcr klopfte. Sie wurde von einem andern Lackeien in Livree ge\u00f6ffnet, der ein rundes Gesicht und gro\u00dfe Augen wie ein Frosch hatte, und beide Lackeien hatten, wie Alice bemerkte, gepuderte Lockenper\u00fccken \u00fcber den ganzen Kopf. Sie war sehr neugierig, was nun geschehen w\u00fcrde, und schlich sich etwas n\u00e4her, um zuzuh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Der Fisch-Lackei fing damit an, einen ungeheuren Brief, beinah so gro\u00df wie er selbst, unter dem Arme hervorzuziehen; diesen \u00fcberreichte er dem anderen, in feierlichem Tone sprechend: \u201eF\u00fcr die Herzogin. Eine Einladung von der K\u00f6nigin, Croquet zu spielen.\u201c Der Frosch-Lackei erwiderte in demselben feierlichen Tone, indem er nur die Aufeinanderfolge der W\u00f6rter etwas ver\u00e4nderte: \u201eVon der K\u00f6nigin. Eine Einladung f\u00fcr die Herzogin, Croquet zu spielen.\u201c<\/p>\n<p>Dann verbeugten sich Beide tief, und ihre Locken verwickelten sich in einander.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber lachte Alice so laut, dass sie in das Geb\u00fcsch zur\u00fccklaufen musste, aus Furcht, sie m\u00f6chten sie h\u00f6ren, und als sie wieder herausguckte, war der Fisch-Lackei fort, und der andere sa\u00df auf dem Boden bei der Th\u00fcr und sah dumm in den Himmel hinauf.<\/p>\n<p>Alice ging furchtsam auf die T\u00fcr zu und klopfte.<\/p>\n<p>\u201eEs ist durchaus unn\u00fctz, zu klopfen,\u201c sagte der Lackei, \u201eund das wegen zweier Gr\u00fcnde. Erstens weil ich an derselben Seite von der Th\u00fcr bin wie du, zweitens, weil sie drinnen einen solchen L\u00e4rm machen, dass man dich unm\u00f6glich h\u00f6ren kann.\u201c Und wirklich war ein ganz merkw\u00fcrdiger L\u00e4rm drinnen, ein fortw\u00e4hrendes Heulen und Niesen, und von Zeit zu Zeit ein lautes Krachen, als ob eine Sch\u00fcssel oder ein Kessel zerbrochen w\u00e4re.<\/p>\n<p>\u201eBitte,\u201c sagte Alice, \u201ewie soll ich denn hineinkommen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eEs w\u00e4re etwas Sinn und Verstand darin, anzuklopfen,\u201c fuhr der Lackei fort, ohne auf sie zu h\u00f6ren, \u201ewenn wir die Th\u00fcr zwischen uns h\u00e4tten. Zum Beispiel, wenn du drinnen w\u00e4rest, k\u00f6nntest du klopfen, und ich k\u00f6nnte dich herauslassen, nicht wahr?\u201c Er sah die ganze Zeit \u00fcber, w\u00e4hrend er sprach, in den Himmel hinauf, was Alice entschieden sehr unh\u00f6flich fand. \u201eAber vielleicht kann er nicht daf\u00fcr,\u201c sagte sie bei sich; \u201eseine Augen sind so hoch oben auf seiner Stirn. Aber jedenfalls k\u00f6nnte er mir antworten. \u2013 Wie soll ich denn hineinkommen?\u201c wiederholte sie laut.<\/p>\n<p>\u201eIch werde hier sitzen,\u201c sagte der Lackei, \u201ebis morgen \u2013\u201c<\/p>\n<p>In diesem Augenblicke ging die Th\u00fcr auf, und ein gro\u00dfer Teller kam herausgeflogen, gerade auf den Kopf des Lackeien los; er strich aber \u00fcber seine Nase hin und brach an einem der dahinterstehenden B\u00e4ume in St\u00fccke.<\/p>\n<p>\u201e\u2013 oder \u00fcbermorgen, vielleicht,\u201c sprach der Lackei in demselben Tone fort, als ob nichts vorgefallen w\u00e4re.<\/p>\n<p>\u201eWie soll ich denn hineinkommen?\u201c fragte Alice wieder, lauter als vorher.<\/p>\n<p>\u201eSollst du \u00fcberhaupt hineinkommen?\u201c sagte der Lackei. \u201eDas ist die erste Frage, nicht wahr?\u201c<\/p>\n<p>Das war es allerdings; nur lie\u00df sich Alice das nicht gern sagen. \u201eEs ist wirklich schrecklich,\u201c murmelte sie vor sich hin, \u201ewie naseweis alle diese Gesch\u00f6pfe sind. Es k\u00f6nnte einen ganz verdreht machen!\u201c<\/p>\n<p>Der Lackei schien dies f\u00fcr eine gute Gelegenheit anzusehen, seine Bemerkung zu wiederholen, und zwar mit Variationen. \u201eIch werde hier sitzen,\u201c sagte er, \u201eab und an, Tage und Tage lang.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas soll ich aber tun?\u201c fragte Alice.<\/p>\n<p>\u201eWas dir gef\u00e4llig ist,\u201c sagte der Lackei, und fing an zu pfeifen.<\/p>\n<p>\u201eEs hilft zu nichts, mit ihm zu reden,\u201c sagte Alice au\u00dfer sich, \u201eer ist vollkommen bl\u00f6dsinnig!\u201c Sie klinkte die T\u00fcr auf und ging hinein.<\/p>\n<p>Die Th\u00fcr f\u00fchrte geradewegs in eine gro\u00dfe K\u00fcche, welche von einem Ende bis zum andern voller Rauch war; in der Mitte sa\u00df auf einem dreibeinigen Schemel die Herzogin, mit einem Wickelkinde auf dem Scho\u00dfe; die K\u00f6chin stand \u00fcber das Feuer geb\u00fcckt und r\u00fchrte in einer gro\u00dfen Kasserole, die voll Suppe zu sein schien.<\/p>\n<p>\u201eIn der Suppe ist gewiss zu viel Pfeffer!\u201c sprach Alice f\u00fcr sich, so gut sie vor Niesen konnte.<\/p>\n<p>Es war wenigstens zu viel in der Luft. Sogar die Herzogin nieste hin und wieder; was das Wickelkind anbelangt, so nieste und schrie es abwechselnd ohne die geringste Unterbrechung. Die beiden einzigen Wesen in der K\u00fcche, die nicht niesten, waren die K\u00f6chin und eine gro\u00dfe Katze, die vor dem Herde sa\u00df und grinste, sodass die Mundwinkel bis an die Ohren reichten.<\/p>\n<p>\u201eWollen Sie mir g\u00fctigst sagen,\u201c fragte Alice etwas furchtsam, denn sie wusste nicht recht, ob es sich f\u00fcr sie schicke zuerst zu sprechen, \u201ewarum Ihre Katze so grinst?\u201c<\/p>\n<p>\u201eEs ist eine Grinse-Katze,\u201c sagte die Herzogin, \u201edarum! Ferkel!\u201c<\/p>\n<p>Das letzte Wort sagte sie mit solcher Heftigkeit, dass Alice auffuhr; aber den n\u00e4chsten Augenblick sah sie, dass es dem Wickelkinde galt, nicht ihr; sie fasste also Muth und redete weiter: \u2013<\/p>\n<p>\u201eIch wusste nicht, dass Katzen manchmal grinsen; ja ich wusste nicht, dass Katzen \u00fcberhaupt grinsen <em>k\u00f6nnen.<\/em>\u201c<\/p>\n<p>\u201eSie k\u00f6nnen es alle,\u201c sagte die Herzogin, \u201eund die meisten tun es.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch kenne keine, die es tut,\u201c sagte Alice sehr h\u00f6flich, da sie ganz froh war, eine Unterhaltung angekn\u00fcpft zu haben.<\/p>\n<p>\u201eDu kennst noch nicht viel,\u201c sagte die Herzogin, \u201eund das ist die Wahrheit.\u201c<\/p>\n<p>Alice gefiel diese Bemerkung gar nicht, und sie dachte daran, welchen andern Gegenstand der Unterhaltung sie einf\u00fchren k\u00f6nnte. W\u00e4hrend sie sich auf etwas Passendes besann, nahm die K\u00f6chin die Kasserole mit Suppe vom Feuer und fing sogleich an, Alles was sie erreichen konnte nach der Herzogin und dem Kinde zu werfen \u2013 die Feuerzange kam zuerst, dann folgte ein Hagel von Pfannen, Tellern und Sch\u00fcsseln. Die Herzogin beachtete sie gar nicht, auch wenn sie sie trafen; und das Kind heulte schon so laut, dass es unm\u00f6glich war zu wissen, ob die St\u00f6\u00dfe ihm weh taten oder nicht.<\/p>\n<p>\u201eOh, bitte, nehmen Sie sich in Acht, was Sie tun!\u201c rief Alice, die in wahrer Herzensangst hin und her sprang. \u201eOh, seine liebe kleine Nase!\u201c als eine besonders gro\u00dfe Pfanne dicht daran vorbeifuhr und sie beinah abstie\u00df.<\/p>\n<p>\u201eWenn Jeder nur vor seiner Th\u00fcr fegen wollte,\u201c brummte die Herzogin mit heiserer Stimme, \u201ew\u00fcrde die Welt sich bedeutend schneller drehen, als jetzt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas kein Vorteil w\u00e4re,\u201c sprach Alice, die sich \u00fcber die Gelegenheit freute, ihre Kenntnisse zu zeigen. \u201eDenken Sie nur, wie es Tag und Nacht in Unordnung bringen w\u00fcrde! Die Erde braucht doch jetzt vier und zwanzig Stunden, sich um ihre Achse zu drehen \u2013\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas, du redest von Axt?\u201c sagte die Herzogin. \u201eHau\u2019 ihr den Kopf ab!\u201c<\/p>\n<p>Alice sah sich sehr erschrocken nach der K\u00f6chin um, ob sie den Wink verstehen w\u00fcrde; aber die K\u00f6chin r\u00fchrte die Suppe unverwandt und schien nicht zuzuh\u00f6ren, daher fuhr sie fort: \u201eVier und zwanzig Stunden, glaube ich; oder sind es zw\u00f6lf? Ich \u2013\u201c<\/p>\n<p>\u201eAch, la\u00df mich in Frieden,\u201c sagte die Herzogin, \u201eich habe Zahlen nie ausstehen k\u00f6nnen!\u201c Und damit fing sie an, ihr Kind zu warten und eine Art Wiegenlied dazu zu singen, wovon jede Reihe mit einem derben Puffe f\u00fcr das Kind endigte: \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u201eSchilt deinen kleinen Jungen aus,<br \/>\nUnd schlag\u2019 ihn, wenn er niest;<br \/>\nEr macht es gar so bunt und kraus,<br \/>\nNur weil es uns verdrie\u00dft.\u201c<\/p>\n<p><em>Chor <\/em> (in welchen die K\u00f6chin und das Wickelkind einfielen).<\/p>\n<p>\u201eWau! wau! wau!\u201c<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Herzogin den zweiten Vers des Liedes sang, schaukelte sie das Kind so heftig auf und nieder, und das arme kleine Ding schrie so, dass Alice kaum die Worte verstehen konnte: \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u201eIch schelte meinen kleinen Wicht,<br \/>\nUnd schlag\u2019 ihn, wenn er niest;<br \/>\nIch wei\u00df, wie gern er Pfeffer riecht,<br \/>\nWenn\u2019s ihm gef\u00e4llig ist.\u201c<\/p>\n<p><em>Chor.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u201eWau! wau! wau!\u201c<\/p>\n<p>\u201eHier! du kannst ihn ein Weilchen warten, wenn du willst!\u201c sagte die Herzogin zu Alice, indem sie ihr das Kind zuwarf. \u201eIch muss mich zurechtmachen, um mit der K\u00f6nigin Croquet zu spielen,\u201c damit rannte sie aus dem Zimmer. Die K\u00f6chin warf ihr eine Bratpfanne nach; aber sie verfehlte sie noch eben.<\/p>\n<p>Alice hatte das Kind mit M\u00fche und Not aufgefangen, da es ein kleines unf\u00f6rmliches Wesen war, das seine Arme und Beinchen nach allen Seiten ausstreckte, \u201egerade wie ein Seestern,\u201c dachte Alice. Das arme kleine Ding st\u00f6hnte wie eine Lokomotive, als sie es fing, und zog sich zusammen und streckte sich wieder aus, so dass sie es die ersten paar Minuten nur eben halten konnte.<\/p>\n<p>Sobald sie aber die rechte Art entdeckt hatte, wie man es tragen musste (die darin bestand, es zu einer Art Knoten zu drehen, und es dann fest beim rechten Ohr und linken Fu\u00df zu fassen, damit es sich nicht wieder aufwickeln konnte), brachte sie es ins Freie. \u201eWenn ich dies Kind nicht mit mir nehme,\u201c dachte Alice, \u201eso werden sie es in wenigen Tagen umgebracht haben; w\u00e4re es nicht Mord, es da zu lassen?\u201c Sie sprach die letzten Worte laut, und das kleine Gesch\u00f6pf grunzte zur Antwort (es hatte mittlerweile aufgeh\u00f6rt zu niesen). \u201eGrunze nicht,\u201c sagte Alice; \u201ees passt sich gar nicht f\u00fcr dich, dich so auszudr\u00fccken.\u201c<\/p>\n<p>Der Junge grunzte wieder, so dass Alice ihm ganz \u00e4ngstlich ins Gesicht sah, was ihm eigentlich fehle. Er hatte ohne Zweifel eine <em>sehr<\/em> hervorstehende Nase, eher eine Schnauze als eine wirkliche Nase; auch seine Augen wurden entsetzlich klein f\u00fcr einen kleinen Jungen: Alles zusammen genommen, gefiel Alice das Aussehen des Kindes gar nicht. \u201eAber vielleicht hat es nur geweint,\u201c dachte sie und sah ihm wieder in die Augen, ob Tr\u00e4nen da seien.<\/p>\n<p>Nein, es waren keine Tr\u00e4nen da. \u201eWenn du ein kleines Ferkel wirst, h\u00f6re mal,\u201c sagte Alice sehr ernst, \u201eso will ich nichts mehr mit dir zu schaffen haben, das merke dir!\u201c Das arme kleine Ding schluchzte (oder grunzte, es war unm\u00f6glich, es zu unterscheiden), und dann gingen sie eine Weile stillschweigend weiter.<\/p>\n<p>Alice fing eben an, sich zu \u00fcberlegen: \u201eNun, was soll ich mit diesem Gesch\u00f6pf anfangen, wenn ich es mit nach Hause bringe?\u201c als es wieder grunzte, so laut, dass Alice erschrocken nach ihm hinsah. Diesmal konnte sie sich nicht mehr irren: es war nichts mehr oder weniger als ein Ferkel, und sie sah, dass es h\u00f6chst l\u00e4cherlich f\u00fcr sie w\u00e4re, es noch weiter zu tragen.<\/p>\n<p>Sie setzte also das kleine Ding hin und war ganz froh, als sie es ruhig in den Wald traben sah. \u201eDas w\u00e4re in einigen Jahren ein furchtbar h\u00e4ssliches Kind geworden; aber als Ferkel macht es sich recht nett, finde ich.\u201c Und so dachte sie alle Kinder durch, die sie kannte, die gute kleine Ferkel abgeben w\u00fcrden, und sagte gerade f\u00fcr sich: \u201ewenn man nur die rechten Mittel w\u00fcsste, sie zu verwandeln \u2013\u201c als sie einen Schreck bekam; die Grinse-Katze sa\u00df n\u00e4mlich wenige Fu\u00df von ihr auf einem Baumzweige.<\/p>\n<p>Die Katze grinste nur, als sie Alice sah. \u201eSie sieht gutm\u00fctig aus,\u201c dachte diese; aber doch hatte sie <em>sehr<\/em> lange Krallen und eine Menge Z\u00e4hne. Alice f\u00fchlte wohl, dass sie sie r\u00fccksichtsvoll behandeln m\u00fcsse.<\/p>\n<p>\u201eGrinse-Mies,\u201c fing sie etwas \u00e4ngstlich an, da sie nicht wusste, ob ihr der Name gefallen w\u00fcrde: jedoch grinste sie noch etwas breiter. \u201eSch\u00f6n, soweit gef\u00e4llt es ihr,\u201c dachte Alice und sprach weiter: \u201ewillst du mir wohl sagen, wenn ich bitten darf, welchen Weg ich hier nehmen muss?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas h\u00e4ngt zum guten Teil davon ab, wohin du gehen willst,\u201c sagte die Katze.<\/p>\n<p>\u201eEs kommt mir nicht darauf an, wohin \u2013\u201c sagte Alice.<\/p>\n<p>\u201eDann kommt es auch nicht darauf an, welchen Weg du nimmst,\u201c sagte die Katze.<\/p>\n<p>\u201e\u2013 wenn ich nur <em>irgendwo<\/em> hinkomme,\u201c f\u00fcgte Alice als Erkl\u00e4rung hinzu.<\/p>\n<p>\u201eO, das wirst du ganz gewiss,\u201c sagte die Katze, \u201ewenn du nur lange genug gehest.\u201c<\/p>\n<p>Alice sah, dass sie nichts dagegen einwenden konnte; sie versuchte daher eine andere Frage. \u201eWas f\u00fcr Art Leute wohnen hier in der N\u00e4he?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIn <em>der<\/em> Richtung,\u201c sagte die Katze, die rechte Pfote schwenkend, \u201ewohnt ein Hutmacher, und in jener Richtung,\u201c die andere Pfote schwenkend, \u201ewohnt ein Faselhase. Besuche welchen du willst: sie sind beide toll.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber ich mag nicht zu tollen Leuten gehen,\u201c bemerkte Alice.<\/p>\n<p>\u201eOh, das kannst du nicht \u00e4ndern,\u201c sagte die Katze: \u201ewir sind alle toll hier. Ich bin toll. Du bist toll.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWoher wei\u00dft du, dass ich toll bin?\u201c fragte Alice.<\/p>\n<p>\u201eDu musst es sein,\u201c sagte die Katze, \u201esonst w\u00e4rest du nicht hergekommen.\u201c<\/p>\n<p>Alice fand durchaus nicht, dass das ein Beweis sei; sie fragte jedoch weiter: \u201eUnd woher wei\u00dft du, dass du toll bist?\u201c<\/p>\n<p>\u201eZu allererst,\u201c sagte die Katze, \u201eein Hund ist nicht toll. Das gibst du zu?\u201c<\/p>\n<p>\u201eZugestanden!\u201c sagte Alice.<\/p>\n<p>\u201eNun, gut,\u201c fuhr die Katze fort, \u201enicht wahr ein Hund knurrt, wenn er b\u00f6se ist, und wedelt mit dem Schwanze, wenn er sich freut. Ich hingegen knurre, wenn ich mich freue, und wedle mit dem Schwanze, wenn ich \u00e4rgerlich bin. Daher bin ich toll.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch nenne es spinnen, nicht knurren,\u201c sagte Alice.<\/p>\n<p>\u201eNenne es, wie du willst,\u201c sagte die Katze. \u201eSpielst du heut Croquet mit der K\u00f6nigin?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch m\u00f6chte es sehr gern,\u201c sagte Alice, \u201eaber ich bin noch nicht eingeladen worden.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu wirst mich dort sehen,\u201c sagte die Katze und verschwand.<\/p>\n<p>Alice wunderte sich nicht sehr dar\u00fcber; sie war so daran gew\u00f6hnt, dass sonderbare Dinge geschahen. W\u00e4hrend sie noch nach der Stelle hinsah, wo die Katze gesessen hatte, erschien sie pl\u00f6tzlich wieder.<\/p>\n<p>\u201e\u00dcbrigens, was ist aus dem Jungen geworden?\u201c sagte die Katze. \u201eIch h\u00e4tte beinah vergessen zu fragen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEr ist ein Ferkel geworden,\u201c antwortete Alice sehr ruhig, gerade wie wenn die Katze auf gew\u00f6hnliche Weise zur\u00fcckgekommen w\u00e4re.<\/p>\n<p>\u201eDas dachte ich wohl,\u201c sagte die Katze und verschwand wieder.<\/p>\n<p>Alice wartete noch etwas, halb und halb erwartend, sie wieder erscheinen zu sehen; aber sie kam nicht, und ein paar Minuten nachher ging sie in der Richtung fort, wo der Faselhase wohnen sollte. \u201eHutmacher habe ich schon gesehen,\u201c sprach sie zu sich, \u201eder Faselhase wird viel interessanter sein.\u201c Wie sie so sprach, blickte sie auf, und da sa\u00df die Katze wieder auf einem Baumzweige. \u201eSagtest du Ferkel oder F\u00e4cher?\u201c fragte sie. \u201eIch sagte Ferkel,\u201c antwortete Alice, \u201eund es w\u00e4re mir sehr lieb, wenn du nicht immer so schnell erscheinen und verschwinden wolltest: du machst Einen ganz schwindlig.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSchon gut,\u201c sagte die Katze, und diesmal verschwand sie ganz langsam, wobei sie mit der Schwanzspitze anfing und mit dem Grinsen aufh\u00f6rte, das noch einige Zeit sichtbar blieb, nachdem das \u00dcbrige verschwunden war.<\/p>\n<p>\u201eOho, ich habe oft eine Katze ohne Grinsen gesehen,\u201c dachte Alice, \u201eaber ein Grinsen ohne Katze! so etwas Merkw\u00fcrdiges habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen!\u201c<\/p>\n<p>Sie brauchte nicht weit zu gehen, so erblickte sie das Haus des Faselhasen; sie dachte, es m\u00fcsse das rechte Haus sein, weil die Schornsteine wie Ohren geformt waren, und das Dach war mit Pelz gedeckt. Es war ein so gro\u00dfes Haus, dass, ehe sie sich n\u00e4her heranwagte, sie ein wenig von dem St\u00fcck Pilz in ihrer linken Hand abknabberte, und sich bis auf zwei Fu\u00df hochbrachte: trotzdem n\u00e4herte sie sich etwas furchtsam, f\u00fcr sich sprechend: \u201eWenn er nur nicht ganz rasend ist! W\u00e4re ich doch lieber zu dem Hutmacher gegangen!\u201c<\/p>\n<hr \/>\n<p>Siebentes Kapitel<\/p>\n<h3>Die tolle Teegesellschaft<\/h3>\n<p>Vor dem Hause stand ein gedeckter Teetisch, an welchem der Faselhase und der Hutmacher sa\u00dfen; ein Murmeltier sa\u00df zwischen ihnen, fest eingeschlafen, und die beiden Andern benutzten es als Kissen, um ihre Ellbogen darauf zu st\u00fctzen, und redeten \u00fcber seinem Kopfe mit einander. \u201eSehr unbequem f\u00fcr das Murmeltier,\u201c dachte Alice; \u201enun, da es schl\u00e4ft, wird es sich wohl nichts daraus machen.\u201c<\/p>\n<p>Der Tisch war gro\u00df, aber die Drei sa\u00dfen dicht zusammengedr\u00e4ngt an einer Ecke: \u201eKein Platz! Kein Platz!\u201c riefen sie aus, sobald sie Alice kommen sahen. \u201e\u00dcber und \u00fcber genug Platz!\u201c sagte Alice unwillig und setzte sich in einen gro\u00dfen Armstuhl am Ende des Tisches.<\/p>\n<p>\u201eIst dir etwas Wein gef\u00e4llig?\u201c n\u00f6tigte sie der Faselhase.<\/p>\n<p>Alice sah sich auf dem ganzen Tische um, aber es war nichts als Tee darauf. \u201eIch sehe keinen Wein,\u201c bemerkte sie.<\/p>\n<p>\u201eEs ist keiner hier,\u201c sagte der Faselhase.<\/p>\n<p>\u201eDann war es gar nicht h\u00f6flich von dir, mir welchen anzubieten,\u201c sagte Alice \u00e4rgerlich.<\/p>\n<p>\u201eEs war gar nicht h\u00f6flich von dir, dich ungebeten herzusetzen,\u201c sagte der Faselhase.<\/p>\n<p>\u201eIch wusste nicht, dass es dein Tisch ist; er ist f\u00fcr viel mehr als drei gedeckt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDein Haar muss verschnitten werden,\u201c sagte der Hutmacher. Er hatte Alice eine Zeit lang mit gro\u00dfer Neugierde angesehen, und dies waren seine ersten Worte.<\/p>\n<p>\u201eDu solltest keine pers\u00f6nlichen Bemerkungen machen,\u201c sagte Alice mit einer gewissen Strenge, \u201ees ist sehr grob.\u201c<\/p>\n<p>Der Hutmacher riss die Augen weit auf, als er dies h\u00f6rte; aber er sagte weiter nichts als: \u201eWarum ist ein Rabe wie ein Reitersmann?\u201c<\/p>\n<p>\u201eEi, jetzt wird es Spa\u00df geben,\u201c dachte Alice. \u201eIch bin so froh, dass sie anfangen R\u00e4tsel aufzugeben \u2013 Ich glaube, das kann ich raten,\u201c fuhr sie laut fort.<\/p>\n<p>\u201eMeinst du, dass du die Antwort dazu finden kannst?\u201c fragte der Faselhase.<\/p>\n<p>\u201eJa, nat\u00fcrlich,\u201c sagte Alice.<\/p>\n<p>\u201eDann solltest du sagen, was du meinst,\u201c sprach der Hase weiter.<\/p>\n<p>\u201eDas tue ich ja,\u201c warf Alice schnell ein, \u201ewenigstens \u2013 wenigstens meine ich, was ich sage \u2013 und das ist dasselbe.\u201c<\/p>\n<p>\u201eNicht im Geringsten dasselbe!\u201c sagte der Hutmacher. \u201eWie, du k\u00f6nntest ebenso gut behaupten, dass \u201eich sehe, was ich esse\u201c dasselbe ist wie \u201eich esse, was ich sehe.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu k\u00f6nntest auch behaupten,\u201c f\u00fcgte der Faselhase hinzu, \u201eich mag, was ich kriege\u201c sei dasselbe wie \u201eich kriege, was ich mag!\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu k\u00f6nntest ebenso gut behaupten,\u201c fiel das Murmeltier ein, das im Schlafe zu sprechen schien, \u201eich atme, wenn ich schlafe\u201c sei dasselbe wie \u201eich schlafe, wenn ich atme!\u201c<\/p>\n<p>\u201eEs ist dasselbe bei dir,\u201c sagte der Hutmacher, und damit endigte die Unterhaltung, und die Gesellschaft sa\u00df einige Minuten schweigend, w\u00e4hrend Alice Alles durchdachte, was sie je von Raben und Reitersm\u00e4nnern geh\u00f6rt hatte, und das war nicht viel.<\/p>\n<p>Der Hutmacher brach das Schweigen zuerst. \u201eDen wievielten haben wir heute?\u201c sagte er, sich an Alice wendend; er hatte seine Uhr aus der Tasche genommen, sah sie unruhig an, sch\u00fcttelte sie hin und her und hielt sie an\u2019 s Ohr.<\/p>\n<p>Alice besann sich ein wenig und sagte: \u201eDen vierten.\u201c<\/p>\n<p>\u201eZwei Tage falsch!\u201c seufzte der Hutmacher. \u201eIch sagte dir ja, dass Butter das Werk verderben w\u00fcrde,\u201c setzte er hinzu, indem er den Hasen \u00e4rgerlich ansah.<\/p>\n<p>\u201eEs war die beste Butter,\u201c sagte der Faselhase dem\u00fctig.<\/p>\n<p>\u201eJa, aber es muss etwas Krume mit hineingeraten sein,\u201c brummte der Hutmacher; \u201edu h\u00e4ttest sie nicht mit dem Brotmesser hineintun sollen.\u201c<\/p>\n<p>Der Faselhase nahm die Uhr und betrachtete sie tr\u00fcbselig; dann tunkte er sie in seine Tasse Tee und betrachtete sie wieder, aber es fiel ihm nichts Besseres ein, als seine erste Bemerkung: \u201eEs war wirklich die beste Butter.\u201c<\/p>\n<p>Alice hatte ihm neugierig \u00fcber die Schulter gesehen. \u201eWas f\u00fcr eine komische Uhr!\u201c sagte sie. \u201eSie zeigt das Datum, und nicht wie viel Uhr es ist!\u201c<\/p>\n<p>\u201eWarum sollte sie?\u201c brummte der Hase; \u201ezeigt deine Uhr, welches Jahr es ist?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNat\u00fcrlich nicht,\u201c antwortete Alice schnell, \u201eweil es so lange hintereinander dasselbe Jahr bleibt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd so ist es gerade mit meiner,\u201c sagte der Hutmacher.<\/p>\n<p>Alice war ganz verwirrt. Die Erkl\u00e4rung des Hutmachers schien ihr gar keinen Sinn zu haben, und doch waren es deutlich gesprochene Worte. \u201eIch verstehe dich nicht ganz,\u201c sagte sie, so h\u00f6flich sie konnte.<\/p>\n<p>\u201eDas Murmeltier schl\u00e4ft schon wieder,\u201c sagte der Hutmacher, und goss ihm etwas hei\u00dfen Tee auf die Nase.<\/p>\n<p>Das Murmeltier sch\u00fcttelte ungeduldig den Kopf und sagte, ohne die Augen aufzutun: \u201eFreilich, freilich, das wollte ich eben auch bemerken.\u201c<\/p>\n<p>\u201eHast du das R\u00e4tsel schon geraten?\u201c wandte sich der Hutmacher an Alice.<\/p>\n<p>\u201eNein, ich gebe es auf,\u201c antwortete Alice; \u201ewas ist die Antwort?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDavon habe ich nicht die leiseste Ahnung,\u201c sagte der Hutmacher.<\/p>\n<p>\u201eIch auch nicht,\u201c sagte der Faselhase.<\/p>\n<p>Alice seufzte verstimmt. \u201eIch d\u00e4chte, ihr k\u00f6nntet die Zeit besser anwenden,\u201c sagte sie, \u201eals mit R\u00e4tseln, die keine Aufl\u00f6sung haben.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWenn du die Zeit so gut kenntest wie ich,\u201c sagte der Hutmacher, \u201ew\u00fcrdest du nicht davon reden, wie wir sie anwenden, sondern wie sie uns anwendet.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch wei\u00df nicht, was du meinst,\u201c sagte Alice.<\/p>\n<p>\u201eNat\u00fcrlich kannst du das nicht wissen!\u201c sagte der Hutmacher, indem er den Kopf ver\u00e4chtlich in die H\u00f6he warf. \u201eDu hast wahrscheinlich nie mit der Zeit gesprochen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch glaube kaum,\u201c erwiderte Alice vorsichtig; \u201eaber Mama sagte gestern, ich sollte zu meiner kleinen Schwester gehen und ihr die Zeit vertreiben.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSo? das wird sie dir sch\u00f6n \u00fcbelgenommen haben; sie l\u00e4sst sich nicht gern vertreiben. Aber wenn man gut mit ihr steht, so tut sie Einem beinah Alles zu Gefallen mit der Uhr. Zum Beispiel, nimm den Fall, es w\u00e4re 9 Uhr morgens, gerade Zeit, deine Stunden anzufangen, du brauchtest der Zeit nur den kleinsten Wink zu geben, schnurr! geht die Uhr herum, ehe du dich\u2019 s versiehst! halb Zwei, Essenszeit!\u201c<\/p>\n<p>(\u201eIch w\u00fcnschte, das w\u00e4re es!\u201c sagte der Faselhase leise f\u00fcr sich.)<\/p>\n<p>\u201eDas w\u00e4re wirklich famos,\u201c sagte Alice gedankenvoll, \u201eaber dann w\u00fcrde ich nicht hungrig genug sein, nicht wahr?\u201c<\/p>\n<p>\u201eZuerst vielleicht nicht,\u201c antwortete der Hutmacher, \u201eaber es w\u00fcrde so lange halb Zwei bleiben, wie du wolltest.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSo macht ihr es wohl hier?\u201c fragte Alice.<\/p>\n<p>Der Hutmacher sch\u00fcttelte traurig den Kopf. \u201eIch nicht!\u201c sprach er. \u201eWir haben uns vorige Ostern entzweit \u2013 kurz ehe er toll wurde, du wei\u00dft doch \u2013 (mit seinem Teel\u00f6ffel auf den Faselhasen zeigend) \u2013 es war in dem gro\u00dfen Concert, dass die Coeur-K\u00f6nigin gab; ich musste singen:<\/p>\n<p>\u201eO Papagei, o Papagei!<br \/>\nWie gr\u00fcn sind deine Federn!\u201c<\/p>\n<p>Vielleicht kennst du das Lied?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch habe etwas dergleichen geh\u00f6rt,\u201c sagte Alice.<\/p>\n<p>\u201eEs geht weiter,\u201c fuhr der Hutmacher fort:<\/p>\n<p>\u201eDu gr\u00fcnst nicht nur zur Friedenszeit,<br \/>\nAuch wenn es Teller und T\u00f6pfe schneit.<br \/>\nO Papagei, o Papagei \u2013\u201c<\/p>\n<p>Hier sch\u00fcttelte sich das Murmeltier und fing an im Schlaf zu singen: \u201eO Papagei, o Mamagei, o Papagei, o Mamagei \u2013\u201c in einem fort, so dass sie es zuletzt kneifen mussten, damit es nur aufh\u00f6re.<\/p>\n<p>\u201eDenke dir, ich hatte kaum den ersten Vers fertig,\u201c sagte der Hutmacher, \u201eals die K\u00f6nigin ausrief: Abscheulich! der Mensch schl\u00e4gt geradezu die Zeit tot mit seinem Gepl\u00e4rre. Aufgeh\u00e4ngt soll er werden!\u201c<\/p>\n<p>\u201eWie furchtbar grausam!\u201c rief Alice.<\/p>\n<p>\u201eUnd seitdem,\u201c sprach der Hutmacher traurig weiter, \u201ehat sie mir nie etwas zu Gefallen tun wollen, die Zeit! Es ist nun immer sechs Uhr!\u201c<\/p>\n<p>Dies brachte Alice auf einen klugen Gedanken. \u201eDarum sind wohl so viele Tassen hier herumgestellt?\u201c fragte sie.<\/p>\n<p>\u201eJa, darum,\u201c sagte der Hutmacher mit einem Seufzer, \u201ees ist immer Teestunde, und wir haben keine Zeit, die Tassen dazwischen aufzuwaschen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDann r\u00fcckt ihr wohl herum?\u201c sagte Alice.<\/p>\n<p>\u201eSo ist es,\u201c sagte der Hutmacher, \u201ewenn die Tassen genug gebraucht sind.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber, wenn ihr wieder an den Anfang kommt?\u201c unterstand sich Alice zu fragen.<\/p>\n<p>\u201eWir wollen jetzt von etwas Anderem reden,\u201c unterbrach sie der Faselhase g\u00e4hnend, \u201edieser Gegenstand ist mir nachgerade langweilig. Ich schlage vor, die junge Dame erz\u00e4hlt eine Geschichte.\u201c<\/p>\n<p>\u201eO, ich wei\u00df leider keine,\u201c rief Alice, ganz best\u00fcrzt \u00fcber diese Zumutung.<\/p>\n<p>\u201eDann soll das Murmeltier erz\u00e4hlen!\u201c riefen beide; \u201ewache auf, Murmeltier!\u201c dabei kniffen sie es von beiden Seiten zugleich.<\/p>\n<p>Das Murmeltier machte langsam die Augen auf. \u201eIch habe nicht geschlafen,\u201c sagte es mit heiserer, schwacher Stimme, \u201eich habe jedes Wort geh\u00f6rt, das ihr Jungen gesagt habt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eErz\u00e4hle uns eine Geschichte!\u201c sagte der Faselhase.<\/p>\n<p>\u201eAch ja, sei so gut!\u201c bat Alice.<\/p>\n<p>\u201eUnd mach schnell,\u201c f\u00fcgte der Hutmacher hinzu, \u201esonst schl\u00e4fst du ein, ehe sie zu Ende ist.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEs waren einmal drei kleine Schwestern,\u201c fing das Murmeltier eilig an, \u201edie hie\u00dfen Else, Lacie und Tillie, und sie lebten tief unten in einem Brunnen \u2013\u201c<\/p>\n<p>\u201eWovon lebten sie?\u201c fragte Alice, die sich immer f\u00fcr Essen und Trinken sehr interessierte.<\/p>\n<p>\u201eSie lebten von Sirup,\u201c versetzte das Murmeltier, nachdem es sich eine Minute besonnen hatte.<\/p>\n<p>\u201eDas konnten sie ja aber nicht,\u201c bemerkte Alice sch\u00fcchtern, \u201eda w\u00e4ren sie ja krank geworden.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas wurden sie auch,\u201c sagte das Murmeltier, \u201esehr krank.\u201c<\/p>\n<p>Alice versuchte es sich vorzustellen, wie eine so au\u00dfergew\u00f6hnliche Art zu leben wohl sein m\u00f6chte; aber es kam ihr zu kurios vor, sie musste wieder fragen: \u201eAber warum lebten sie unten in dem Brunnen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWillst du nicht ein wenig mehr Tee?\u201c sagte der Faselhase sehr ernsthaft zu Alice.<\/p>\n<p>\u201eEin wenig mehr? ich habe noch keinen gehabt,\u201c antwortete Alice etwas empfindlich, \u201ealso kann ich nicht noch mehr trinken.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu meinst, du kannst nicht weniger trinken,\u201c sagte der Hutmacher: \u201ees ist sehr leicht, mehr als keinen zu trinken.\u201c<\/p>\n<p>\u201eNiemand hat dich um deine Meinung gefragt,\u201c sagte Alice.<\/p>\n<p>\u201eWer macht denn nun pers\u00f6nliche Bemerkungen?\u201c rief der Hutmacher triumphierend.<\/p>\n<p>Alice wusste nicht recht, was sie darauf antworten sollte; sie nahm sich daher etwas Tee und Butterbrot, und dann wandte sie sich an das Murmeltier und wiederholte ihre Frage: \u201eWarum lebten sie in einem Brunnen?\u201c<\/p>\n<p>Das Murmeltier besann sich einen Augenblick und sagte dann: \u201eEs war ein Sirup-Brunnen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDen gibt es nicht!\u201c fing Alice sehr \u00e4rgerlich an; aber der Hutmacher und Faselhase machten beide: \u201eSch, sch!\u201c und das Murmeltier bemerkte brummend: \u201eWenn du nicht h\u00f6flich sein kannst, kannst du die Geschichte selber auserz\u00e4hlen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein, bitte, erz\u00e4hle weiter!\u201c sagte Alice ganz bescheiden; \u201eich will dich nicht wieder unterbrechen. Es wird wohl einen geben.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEinen, wirklich!\u201c sagte das Murmeltier entr\u00fcstet. Doch lie\u00df es sich zum Weitererz\u00e4hlen bewegen. \u201eAlso die drei kleinen Schwestern \u2013 sie lernten zeichnen, m\u00fcsst ihr Wissen \u2013\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas zeichneten sie?\u201c sagte Alice, ihr Versprechen ganz vergessend.<\/p>\n<p>\u201eSirup,\u201c sagte das Murmeltier, diesmal ganz ohne zu \u00fcberlegen.<\/p>\n<p>\u201eIch brauche eine reine Tasse,\u201c unterbrach der Hutmacher, \u201ewir wollen Alle einen Platz r\u00fccken.\u201c<\/p>\n<p>Er r\u00fcckte, wie er das sagte, und das Murmeltier folgte ihm; der Faselhase r\u00fcckte an den Platz des Murmeltiers, und Alice nahm, obgleich etwas ungern, den Platz des Faselhasen ein. Der Hutmacher war der Einzige, der Vorteil von diesem Wechsel hatte, und Alice hatte es viel schlimmer als zuvor, da der Faselhase eben den Milchtopf \u00fcber seinen Teller umgesto\u00dfen hatte.<\/p>\n<p>Alice wollte das Murmeltier nicht wieder beleidigen und fing daher sehr vorsichtig an: \u201eAber ich verstehe nicht. Wie konnten sie den Sirup zeichnen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eAls ob nicht aller Sirup gezeichnet w\u00e4re, den man vom Kaufmann holt,\u201c sagte der Hutmacher; \u201ehast du nicht immer darauf gesehen: feinste Qualit\u00e4t, allerfeinste Qualit\u00e4t, superfeine Qualit\u00e4t \u2013 oh, du kleiner Dummkopf?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWie gesagt, fuhr das Murmeltier fort, lernten sie zeichnen;\u201c hier g\u00e4hnte es und rieb sich die Augen, denn es fing an, sehr schl\u00e4frig zu werden; \u201eund sie zeichneten Allerlei \u2013 Alles was mit M. anf\u00e4ngt \u2013\u201c<\/p>\n<p>\u201eWarum mit M?\u201c fragte Alice.<\/p>\n<p>\u201eWarum nicht?\u201c sagte der Faselhase.<\/p>\n<p>Alice war still.<\/p>\n<p>Das Murmeltier hatte mittlerweile die Augen zugemacht, und war halb eingeschlafen; da aber der Hutmacher es zwickte, wachte es mit einem leisen Schrei auf und sprach weiter: \u2013 \u201ewas mit M anf\u00e4ngt, wie Mausefallen, den Mond, Mangel, und manches Mal \u2013 ihr wisst, man sagt: ich habe das manches liebe Mal getan \u2013 hast du je manches Liebe Mal gezeichnet gesehen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWirklich, da du mich selbst fragst,\u201c sagte Alice ganz verwirrt, \u201eich denke kaum \u2013\u201c<\/p>\n<p>\u201eDann solltest du auch nicht reden,\u201c sagte der Hutmacher.<\/p>\n<p>Dies war nachgerade zu grob f\u00fcr Alice: sie stand ganz beleidigt auf und ging fort; das Murmeltier schlief augenblicklich wieder ein, und die beiden Andern beachteten ihr Fortgehen nicht, obgleich sie sich ein paar Mal umsah, halb in der Hoffnung, dass sie sie zur\u00fcckrufen w\u00fcrden. Als sie sie zuletzt sah, versuchten sie das Murmeltier in die Teekanne zu stecken.<\/p>\n<p>\u201eAuf keinen Fall will ich da je wieder hingehen!\u201c sagte Alice, w\u00e4hrend sie sich einen Weg durch den Wald<\/p>\n<p>suchte. \u201eEs ist die d\u00fcmmste Teegesellschaft, in der ich in meinem ganzen Leben war!\u201c<\/p>\n<p>Gerade wie sie so sprach, bemerkte sie, dass einer der B\u00e4ume eine kleine T\u00fcr hatte. \u201eDas ist h\u00f6chst komisch!\u201c dachte sie. \u201eAber Alles ist heute komisch! Ich will lieber gleich hineingehen.\u201c<\/p>\n<p>Wie gesagt, so getan: und sie befand sich wieder in dem langen Korridor, und dicht bei dem kleinen Glastische. \u201eDiesmal will ich es gescheiter anfangen,\u201c sagte sie zu sich selbst, nahm das goldne Schl\u00fcsselchen und schloss die T\u00fcr auf, die in den Garten f\u00fchrte. Sie machte sich daran, an dem Pilz zu knabbern (sie hatte ein St\u00fcckchen in ihrer Tasche behalten), bis sie ungef\u00e4hr einen Fu\u00df hoch war, dann ging sie den kleinen Gang hinunter; und dann \u2013 war sie endlich in dem sch\u00f6nen Garten, unter den prunkenden Blumenbeeten und k\u00fchlen Springbrunnen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Achtes Kapitel<\/p>\n<h3>Das Croquetfeld der K\u00f6nigin<\/h3>\n<p>Ein gro\u00dfer hochst\u00e4mmiger Rosenstrauch stand nahe bei\u2019m Eingang; die Rosen, die darauf wuchsen, waren wei\u00df, aber drei G\u00e4rtner waren damit besch\u00e4ftigt, sie rot zu malen. Alice kam dies wunderbar vor, und da sie n\u00e4her hinzutrat, um ihnen zuzusehen, h\u00f6rte sie einen von ihnen sagen: \u201eNimm dich in Acht, F\u00fcnf! Bespritze mich nicht so mit Farbe!\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch konnte nicht daf\u00fcr,\u201c sagte F\u00fcnf in verdrie\u00dflichem Tone; \u201eSieben hat mich an den Ellbogen gesto\u00dfen.\u201c<\/p>\n<p>Worauf Sieben aufsah und sagte: \u201eRecht so, F\u00fcnf! Schiebe immer die Schuld auf andre Leute!\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu sei nur ganz still!\u201c sagte F\u00fcnf. \u201eGestern erst h\u00f6rte ich die K\u00f6nigin sagen, du verdientest gek\u00f6pft zu werden!\u201c<\/p>\n<p>\u201eWof\u00fcr?\u201c fragte der, welcher zuerst gesprochen hatte.<\/p>\n<p>\u201eDas geht dich nichts an, Zwei!\u201c sagte Sieben.<\/p>\n<p>\u201eJa, es <em>geht<\/em> ihn an!\u201c sagte F\u00fcnf, \u201eund ich werde es ihm sagen \u2013 daf\u00fcr, dass er dem Koch Tulpenzwiebeln statt K\u00fcchenzwiebeln gebracht hat.\u201c<\/p>\n<p>Sieben warf seinen Pinsel hin und hatte eben angefangen: \u201eIst je eine ungerechtere Anschuldigung \u2013\u201c als sein Auge zuf\u00e4llig auf Alice fiel, die ihnen zuh\u00f6rte; er hielt pl\u00f6tzlich inne, die andern sahen sich auch um, und sie verbeugten sich Alle tief.<\/p>\n<p>\u201eWollen Sie so gut sein, mir zu sagen,\u201c sprach Alice etwas furchtsam, \u201ewarum Sie diese Rosen malen?\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcnf und Sieben antworteten nichts, sahen aber Zwei an. Zwei fing mit leiser Stimme an: \u201eDie Wahrheit zu gestehen, Fr\u00e4ulein, dies h\u00e4tte hier ein <em>roter<\/em> Rosenstrauch sein sollen, und wir haben aus Versehen einen wei\u00dfen gepflanzt, und wenn die K\u00f6nigin es gewahr w\u00fcrde, w\u00fcrden wir Alle gek\u00f6pft werden, m\u00fcssen Sie wissen. So, sehen Sie Fr\u00e4ulein, versuchen wir, so gut es geht, ehe sie kommt \u2013\u201c In dem Augenblick rief F\u00fcnf, der \u00e4ngstlich tiefer in den Garten hineingesehen hatte: \u201eDie K\u00f6nigin! die K\u00f6nigin!\u201c und die drei G\u00e4rtner warfen sich sogleich flach aufs Gesicht. Es entstand ein Ger\u00e4usch von vielen Schritten, und Alice blickte neugierig hin, die K\u00f6nigin zu sehen.<\/p>\n<p>Zuerst kamen zehn Soldaten, mit Keulen bewaffnet, sie hatten alle dieselbe Gestalt wie die G\u00e4rtner, rechteckig und flach, und an den vier Ecken die H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe; danach kamen zehn Herren vom Hofe, sie waren \u00fcber und \u00fcber mit Diamanten bedeckt und gingen paarweise, wie die Soldaten. Nach diesen kamen die k\u00f6niglichen Kinder, es waren ihrer zehn, und die lieben Kleinen kamen lustig gesprungen Hand in Hand, paarweise, sie waren ganz mit Herzen geschm\u00fcckt. Darauf kamen die G\u00e4ste, meist K\u00f6nige und K\u00f6niginnen, und unter ihnen erkannte Alice das wei\u00dfe Kaninchen; es unterhielt sich in etwas eiliger und aufgeregter Weise, l\u00e4chelte bei Allem, was gesagt wurde und ging vorbei, ohne sie zu bemerken. Darauf folgte der Coeur-Bube, der die k\u00f6nigliche Krone auf einem roten Samtkissen trug, und zuletzt in diesem gro\u00dfartigen Zuge kamen<em> der Herzensk\u00f6nig und die Herzensk\u00f6nigin.<\/em><\/p>\n<p>Alice wusste nicht recht, ob sie sich nicht flach aufs Gesicht legen m\u00fcsse, wie die drei G\u00e4rtner; aber sie konnte sich nicht erinnern, je von einer solchen Sitte bei Festz\u00fcgen geh\u00f6rt zu haben. \u201eUnd au\u00dferdem, wozu g\u00e4be es \u00fcberhaupt Aufz\u00fcge,\u201c dachte sie, \u201ewenn alle Leute flach auf dem Gesichte liegen m\u00fcssten, so dass sie sie nicht sehen k\u00f6nnten?\u201c Sie blieb also stehen, wo sie war, und wartete.<\/p>\n<p>Als der Zug bei ihr angekommen war, blieben Alle stehen und sahen sie an, und die K\u00f6nigin sagte strenge: \u201eWer ist das?\u201c Sie hatte den Coeur-Buben gefragt, der statt aller Antwort nur l\u00e4chelte und Kratzf\u00fc\u00dfe machte.<\/p>\n<p>\u201eSchafskopf!\u201c sagte die K\u00f6nigin, den Kopf ungeduldig zur\u00fcckwerfend; und zu Alice gewandt fuhr sie fort: \u201eWie hei\u00dft du, Kind?\u201c<\/p>\n<p>\u201eMein Name ist Alice, Euer Majest\u00e4t zu dienen!\u201c sagte Alice sehr h\u00f6flich; aber sie dachte bei sich: \u201eAch was, es ist ja nur ein Pack Karten. Ich brauche mich nicht vor ihnen zu f\u00fcrchten!\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd wer sind diese drei?\u201c fuhr die K\u00f6nigin fort, indem sie auf die drei G\u00e4rtner zeigte, die um den Rosenstrauch lagen; denn nat\u00fcrlich, da sie auf dem Gesichte lagen und das Muster auf ihrer R\u00fcckseite dasselbe war wie f\u00fcr das ganze Pack, so konnte sie nicht wissen, ob es G\u00e4rtner oder Soldaten oder Herren vom Hofe oder drei von ihren eigenen Kindern waren.<\/p>\n<p>\u201eWoher soll ich das wissen?\u201c sagte Alice, indem sie sich selbst \u00fcber ihren Muth wunderte. \u201eEs ist nicht meines Amtes.\u201c<\/p>\n<p>Die K\u00f6nigin wurde purpurrot vor Wut, und nachdem sie sie einen Augenblick wie ein wildes Tier angestarrt hatte, fing sie an zu br\u00fcllen: \u201eIhren Kopf ab! ihren Kopf \u2013\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnsinn!\u201c sagte Alice sehr laut und bestimmt, und die K\u00f6nigin war still.<\/p>\n<p>Der K\u00f6nig legte seine Hand auf ihren Arm und sagte milde: \u201eBedenke, meine Liebe, es ist nur ein Kind!\u201c<\/p>\n<p>Die K\u00f6nigin wandte sich \u00e4rgerlich von ihm ab und sagte zu dem Buben: \u201eDreh\u2019 sie um!\u201c<\/p>\n<p>Der Bube tat es, sehr sorgf\u00e4ltig, mit einem Fu\u00dfe.<\/p>\n<p>\u201eSteht auf!\u201c schrie die K\u00f6nigin mit durchdringender Stimme, und die drei G\u00e4rtner sprangen sogleich auf und fingen an sich zu verneigen vor dem K\u00f6nig, der K\u00f6nigin, den k\u00f6niglichen Kindern, und Jedermann.<\/p>\n<p>\u201eLasst das sein!\u201c eiferte die K\u00f6nigin. \u201eIhr macht mich schwindlig.\u201c Und dann, sich nach dem Rosenstrauch umdrehend, fuhr sie fort: \u201eWas habt ihr hier getan?\u201c<\/p>\n<p>\u201eEuer Majest\u00e4t zu dienen,\u201c sagte Zwei in sehr dem\u00fctigem Tone und sich auf ein Knie niederlassend, \u201ewir haben versucht \u2013\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch sehe!\u201c sagte die K\u00f6nigin, die unterdessen die Rosen untersucht hatte. \u201eIhre K\u00f6pfe ab!\u201c und der Zug bewegte sich fort, w\u00e4hrend drei von den Soldaten zur\u00fcckblieben um die ungl\u00fccklichen G\u00e4rtner zu enthaupten, welche zu Alice liefen und sie um Schutz baten.<\/p>\n<p>\u201eIhr sollt nicht get\u00f6tet werden!\u201c sagte Alice, und damit steckte sie sie in einen gro\u00dfen Blumentopf, der in der N\u00e4he stand. Die drei Soldaten gingen ein Weilchen hier- und dorthin, um sie zu suchen, und dann schlossen sie sich ruhig wieder den Andern an.<\/p>\n<p>\u201eSind ihre K\u00f6pfe gefallen?\u201c schrie die K\u00f6nigin sie an.<\/p>\n<p>\u201eIhre K\u00f6pfe sind fort, zu Euer Majest\u00e4t Befehl!\u201c schrien die Soldaten als Antwort.<\/p>\n<p>\u201eDas ist gut!\u201c schrie die K\u00f6nigin. \u201eKannst du Croquet spielen?\u201c<\/p>\n<p>Die Soldaten waren still und sahen Alice an, da die Frage augenscheinlich an sie gerichtet war.<\/p>\n<p>\u201eJa!\u201c schrie Alice.<\/p>\n<p>\u201eDann komm mit!\u201c br\u00fcllte die K\u00f6nigin, und Alice schloss sich dem Zuge an, sehr neugierig, was nun geschehen werde.<\/p>\n<p>\u201eEs ist \u2013 es ist ein sehr sch\u00f6ner Tag!\u201c sagte eine sch\u00fcchterne Stimme neben ihr. Sie ging neben dem wei\u00dfen Kaninchen, das ihr \u00e4ngstlich ins Gesicht sah.<\/p>\n<p>\u201eSehr,\u201c sagte Alice; \u2013 \u201ewo ist die Herzogin?\u201c<\/p>\n<p>\u201eStill! still!\u201c sagte das Kaninchen in einem leisen, schnellen Tone. Es sah dabei \u00e4ngstlich \u00fcber seine Schulter, stellte sich dann auf die Zehen, hielt den Mund dicht an Alices Ohr und wisperte: \u201eSie ist zum Tode verurteilt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWof\u00fcr?\u201c fragte diese.<\/p>\n<p>\u201eSagtest du: wie Schade?\u201c fragte das Kaninchen.<\/p>\n<p>\u201eNein, das sagte ich nicht,\u201c sagte Alice, \u201eich finde gar nicht, dass es Schade ist. Ich sagte: wof\u00fcr?\u201c<\/p>\n<p>\u201eSie hat der K\u00f6nigin eine Ohrfeige gegeben \u2013\u201c fing das Kaninchen an. Alice lachte h\u00f6rbar. \u201eOh still!\u201c fl\u00fcsterte das Kaninchen in sehr erschrecktem Tone. \u201eDie K\u00f6nigin wird dich h\u00f6ren! Sie kam n\u00e4mlich etwas sp\u00e4t, und die K\u00f6nigin sagte \u2013\u201c<\/p>\n<p>\u201eMacht, dass ihr an eure Pl\u00e4tze kommt!\u201c donnerte die K\u00f6nigin, und Alle fingen an in allen Richtungen durcheinander zu laufen, wobei sie Einer \u00fcber den Andern stolperten; jedoch nach ein bis zwei Minuten waren sie in Ordnung, und das Spiel fing an.<\/p>\n<p>Alice dachte bei sich, ein so merkw\u00fcrdiges Croquet-Feld habe sie in ihrem Leben nicht gesehen; es war voller Erh\u00f6hungen und Furchen, die Kugeln waren lebendige Igel, und die Schl\u00e4gel lebendige Flamingos, und die Soldaten mussten sich umbiegen und auf H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen stehen, um die Bogen zu bilden.<\/p>\n<p>Die Hauptschwierigkeit, die Alice zuerst fand, war, den Flamingo zu handhaben; sie konnte zwar ziemlich bequem seinen K\u00f6rper unter ihrem Arme festhalten, so dass die F\u00fc\u00dfe herunterhingen, aber wenn sie eben seinen Hals sch\u00f6n ausgestreckt hatte, und dem Igel nun einen Schlag mit seinem Kopf geben wollte, so richtete er sich auf und sah ihr mit einem so verdutzten Ausdruck ins Gesicht, dass sie sich nicht enthalten konnte laut zu lachen. Wenn sie nun seinen Kopf heruntergebogen hatte und eben wieder anfangen wollte zu spielen, so fand sie zu ihrem gro\u00dfen Verdruss, dass der Igel sich aufgerollt hatte und eben fortkroch; au\u00dferdem war gew\u00f6hnlich eine Erh\u00f6hung oder eine Furche gerade da im Wege, wo sie den Igel hin rollen wollte, und da die umgebogenen Soldaten fortw\u00e4hrend aufstanden und an eine andere Stelle des Grasplatzes gingen, so kam Alice bald zu der \u00dcberzeugung, dass es wirklich ein sehr schweres Spiel sei.<\/p>\n<p>Die Spieler spielten Alle zugleich, ohne zu warten, bis sie an der Reihe waren; dabei stritten sie sich immerfort und zankten um die Igel, und in sehr kurzer Zeit war die K\u00f6nigin in der heftigsten Wut, stampfte mit den F\u00fc\u00dfen und schrie: \u201eSchlagt ihm den Kopf ab!\u201c oder: \u201eSchlagt ihr den Kopf ab!\u201c ungef\u00e4hr einmal jede Minute.<\/p>\n<p>Alice fing an, sich sehr unbehaglich zu f\u00fchlen, sie hatte zwar noch keinen Streit mit der K\u00f6nigin gehabt, aber sie wusste, dass sie keinen Augenblick sicher davor war, \u201eund was,\u201c dachte sie, \u201ew\u00fcrde dann aus mir werden? die Leute hier scheinen schrecklich gern zu k\u00f6pfen; es ist das gr\u00f6\u00dfte Wunder, dass \u00fcberhaupt noch welche am Leben geblieben sind!\u201c Sie sah sich nach einem Ausgange um und \u00fcberlegte, ob sie sich wohl ohne gesehen zu werden, fortschleichen k\u00f6nne, als sie eine merkw\u00fcrdige Erscheinung in der Luft wahrnahm: sie schien ihr zuerst ganz r\u00e4tselhaft, aber nachdem sie sie ein paar Minuten beobachtet hatte, erkannte sie, dass es ein Grinsen war, und sagte bei sich: \u201eEs ist die Grinse-Katze; jetzt werde ich Jemand haben, mit dem ich sprechen kann.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWie geht es dir?\u201c sagte die Katze, sobald Mund genug da war, um damit zu sprechen.<\/p>\n<p>Alice wartete, bis die Augen erschienen, und nickte ihr zu. \u201eEs n\u00fctzt nichts mit ihr zu reden,\u201c dachte sie, \u201ebis ihre Ohren gekommen sind, oder wenigstens eins.\u201c Den n\u00e4chsten Augenblick erschien der ganze Kopf; da setzte Alice ihren Flamingo nieder und fing ihren Bericht von dem Spiele an, sehr froh, dass sie Jemand zum Zuh\u00f6ren hatte. Die Katze schien zu glauben, dass jetzt genug von ihr sichtbar sei, und es erschien weiter nichts.<\/p>\n<p>\u201eIch glaube, sie spielen gar nicht gerecht,\u201c fing Alice in etwas klagendem Tone an, \u201eund sie zanken sich Alle so entsetzlich, dass man sein eigenes Wort nicht h\u00f6ren kann \u2013 und dann haben sie gar keine Spielregeln, wenigstens wenn sie welche haben, so beobachtet sie Niemand \u2013 und du hast keine Idee, wie es einen verwirrt, dass alle Croquet-Sachen lebendig sind; zum Beispiel da ist der Bogen, durch den ich das n\u00e4chste Mal spielen muss, und geht am andern Ende des Grasplatzes spazieren \u2013 und ich h\u00e4tte den Igel der K\u00f6nigin noch eben <em>treffen<\/em> k\u00f6nnen, nur dass er fortrannte, als er meinen Kommen sah!\u201c<\/p>\n<p>\u201eWie gef\u00e4llt dir die K\u00f6nigin?\u201c fragte die Katze leise.<\/p>\n<p>\u201eGanz und gar nicht,\u201c sagte Alice, \u201esie hat so sehr viel \u2013\u201c da bemerkte sie eben, dass die K\u00f6nigin dicht hinter ihr war und zuh\u00f6rte, also setzte sie hinzu: \u201eAussicht zu gewinnen, dass es kaum der M\u00fche wert ist, das Spiel auszuspielen.\u201c<\/p>\n<p>Die K\u00f6nigin l\u00e4chelte und ging weiter.<\/p>\n<p>\u201eMit wem redest du da?\u201c sagte der K\u00f6nig, indem er an Alice herantrat und mit gro\u00dfer Neugierde den Katzenkopf ansah.<\/p>\n<p>\u201eEs ist einer meiner Freunde \u2013 ein Grinse-Kater,\u201c sagte Alice; \u201eerlauben Eure Majest\u00e4t, dass ich ihn Ihnen vorstelle.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSein Aussehen gef\u00e4llt mir gar nicht,\u201c sagte der K\u00f6nig; \u201eer mag mir jedoch die Hand k\u00fcssen, wenn er will.\u201c<\/p>\n<p>\u201eO, lieber nicht!\u201c versetzte der Kater.<\/p>\n<p>\u201eSei nicht so impertinent,\u201c sagte der K\u00f6nig, \u201eund sieh mich nicht so an!\u201c Er stellte sich hinter Alice, als er dies sagte.<\/p>\n<p>\u201eDer Kater sieht den K\u00f6nig an, der K\u00f6nig sieht den Kater an,\u201c sagte Alice, \u201edas habe ich irgendwo gelesen, ich wei\u00df nur nicht mehr wo.\u201c<\/p>\n<p>\u201eFort muss er,\u201c sagte der K\u00f6nig sehr entschieden, und rief der K\u00f6nigin zu, die gerade vorbeiging: \u201eMeine Liebe! ich wollte, du lie\u00dfest diesen Kater fortschaffen!\u201c<\/p>\n<p>Die K\u00f6nigin kannte nur <em>eine<\/em> Art, alle Schwierigkeiten, gro\u00dfe und kleine, zu beseitigen. \u201eSchlagt ihm den Kopf ab!\u201c sagte sie, ohne sich einmal umzusehen.<\/p>\n<p>\u201eIch werde den Henker selbst holen,\u201c sagte der K\u00f6nig eifrig und eilte fort.<\/p>\n<p>Alice dachte, sie wollte lieber zur\u00fcckgehen und sehen, wie es mit dem Spiele stehe, da sie in der Entfernung die Stimme der K\u00f6nigin h\u00f6rte, die vor Wut au\u00dfer sich war. Sie hatte sie schon drei Spieler zum Tode verurteilen h\u00f6ren, weil sie ihre Reihe verfehlt hatten, und der Stand der Dinge behagte ihr gar nicht, da das Spiel in solcher Verwirrung war, dass sie nie wusste, ob sie an der Reihe sei oder nicht. Sie ging also, sich nach ihrem Igel umzusehen.<\/p>\n<p>Der Igel war im Kampfe mit einem andern Igel, was Alice eine vortreffliche Gelegenheit schien, einen mit dem andern zu <em>treffen<\/em>; die einzige Schwierigkeit war, dass ihr Flamingo nach dem andern Ende des Gartens gegangen war, wo Alice eben sehen konnte, wie er h\u00f6chst ungeschickt versuchte, auf einen Baum zu fliegen.<\/p>\n<p>Als sie den Flamingo gefangen und zur\u00fcckgebracht hatte, war der Kampf vor\u00fcber und die beiden Igel nirgends zu sehen. \u201eAber es kommt nicht drauf an,\u201c dachte Alice, \u201eda alle Bogen auf dieser Seite des Grasplatzes fortgegangen sind.\u201c Sie steckte also ihren Flamingo unter den Arm, damit er nicht wieder fortliefe, und ging zur\u00fcck, um mit ihrem Freunde weiter zu schwatzen.<\/p>\n<p>Als sie zum Cheshire-Kater zur\u00fcckkam, war sie sehr erstaunt, einen gro\u00dfen Auflauf um ihn versammelt zu sehen: es fand ein gro\u00dfer Wortwechsel statt zwischen dem Henker, dem K\u00f6nige und der K\u00f6nigin, welche alle drei zugleich sprachen, w\u00e4hrend die \u00dcbrigen ganz still waren und sehr \u00e4ngstlich aussahen.<\/p>\n<p>Sobald Alice erschien, wurde sie von allen dreien aufgefordert, den streitigen Punkt zu entscheiden, und sie wiederholten ihr ihre Beweisgr\u00fcnde, obgleich, da alle zugleich sprachen, man kaum verstehen konnte, was jeder Einzelne sagte.<\/p>\n<p>Der Henker behauptete, dass man keinen Kopf abschneiden k\u00f6nne, wo kein K\u00f6rper sei, von dem man ihn abschneiden k\u00f6nne; dass er so etwas noch nie getan habe, und jetzt \u00fcber die Jahre hinaus sei, wo man etwas Neues lerne.<\/p>\n<p>Der K\u00f6nig behauptete, dass Alles, was einen Kopf habe, gek\u00f6pft werden k\u00f6nne, und dass man nicht so viel Unsinn schwatzen solle.<\/p>\n<p>Die K\u00f6nigin behauptete, dass wenn nicht in weniger als keiner Frist etwas geschehe, sie die ganze Gesellschaft w\u00fcrde k\u00f6pfen lassen. (Diese letztere Bemerkung hatte der Versammlung ein so ernstes und \u00e4ngstliches Aussehen gegeben.)<\/p>\n<p>Alice wusste nichts Besseres zu sagen als: \u201eEr geh\u00f6rt der Herzogin, es w\u00e4re am besten <em>sie<\/em> zu fragen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSie ist im Gef\u00e4ngnis,\u201c sagte die K\u00f6nigin zum Henker, \u201ehole sie her.\u201c Und der Henker lief davon wie ein Pfeil.<\/p>\n<p>Da wurde der Kopf des Katers undeutlicher und undeutlicher; und gerade in dem Augenblicke, als der Henker mit der Herzogin zur\u00fcckkam, verschwand er g\u00e4nzlich; der K\u00f6nig und der Henker liefen ganz wild umher, ihn zu suchen, w\u00e4hrend die \u00fcbrige Gesellschaft zum Spiele zur\u00fcckging.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Neuntes Kapitel<\/p>\n<h3>Die Geschichte der falschen Schildkr\u00f6te<\/h3>\n<p>\u201eDu kannst dir gar nicht denken, wie froh ich bin, dich wieder zu sehen, du liebes altes Herz!\u201c sagte die Herzogin, indem sie Alice liebevoll unterfasste, und beide zusammen fortspazierten.<\/p>\n<p>Alice war sehr froh, sie bei so guter Laune zu finden, und dachte bei sich, es w\u00e4re vielleicht nur der Pfeffer, der sie so b\u00f6se gemacht habe, als sie sich zuerst in der K\u00fcche trafen. \u201eWenn ich Herzogin bin,\u201c sagte sie f\u00fcr sich (doch nicht in sehr hoffnungsvollem Tone), \u201ewill ich gar keinen Pfeffer in meiner K\u00fcche dulden. Suppe schmeckt sehr gut ohne \u2013 Am Ende ist es immer Pfeffer, der die Leute heftig macht,\u201c sprach sie weiter, sehr gl\u00fccklich, eine neue Art Regel erfunden zu haben, \u201eund Essig, der sie sauert\u00f6pfisch macht \u2013 und Kamillentee, der sie bitter macht \u2013 und Gerstenzucker und dergleichen, was Kinder zuckers\u00fc\u00df macht. Ich w\u00fcnschte nur, die gro\u00dfen Leute w\u00fcssten das, dann w\u00fcrden sie nicht so sparsam damit sein \u2013\u201c<\/p>\n<p>Sie hatte unterdessen die Herzogin ganz vergessen und schrak f\u00f6rmlich zusammen, als sie deren Stimme dicht an ihrem Ohre h\u00f6rte. \u201eDu denkst an etwas, meine Liebe, und vergisst dar\u00fcber zu sprechen. Ich kann dir diesen Augenblick nicht sagen, was die Moral davon ist, aber es wird mir gleich einfallen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eVielleicht hat es keine,\u201c hatte Alice den Mut zu sagen.<\/p>\n<p>\u201eStill, still, Kind!\u201c sagte die Herzogin. \u201eAlles hat seine Moral, wenn man sie nur finden kann.\u201c Dabei dr\u00e4ngte sie sich dichter an Alice heran.<\/p>\n<p>Alice mochte es durchaus nicht gern, dass sie ihr so nahekam: erstens, weil die Herzogin sehr h\u00e4sslich war, und zweitens, weil sie gerade gro\u00df genug war, um ihr Kinn auf Alices Schulter zu st\u00fctzen, und es war ein unangenehm spitzes Kinn. Da sie aber nicht gern unh\u00f6flich sein wollte, so ertrug sie es, so gut sie konnte.<\/p>\n<p>\u201eDas Spiel ist jetzt besser im Gange,\u201c sagte sie, um die Unterhaltung fortzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>\u201eSo ist es,\u201c sagte die Herzogin, \u201eund die Moral davon ist \u2013 Mit Liebe und Gesange h\u00e4lt man die Welt im Gange!\u201c<\/p>\n<p>\u201eWer sagte denn,\u201c fl\u00fcsterte Alice, \u201ees geschehe dadurch, dass Jeder vor seiner T\u00fcre fege.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAh, sehr gut, das bedeutet ungef\u00e4hr dasselbe,\u201c sagte die Herzogin, und indem sie ihr spitzes kleines Kinn in Alices Schulter einbohrte, f\u00fcgte sie hinzu \u201eund die Moral<em>davon<\/em> ist \u2013 So viel K\u00f6pfe, so viel Sinne.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWie gern sie die Moral von Allem findet!\u201c dachte Alice bei sich.<\/p>\n<p>\u201eDu wunderst dich wahrscheinlich, warum ich meinen Arm nicht um deinen Hals lege,\u201c sagte die Herzogin nach einer Pause; \u201edie Wahrheit zu gestehen, ich traue der Laune deines Flamingos nicht ganz. Soll ich es versuchen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eEr k\u00f6nnte bei\u00dfen,\u201c erwiderte Alice weislich, da sie sich keineswegs danach sehnte, das Experiment zu versuchen.<\/p>\n<p>\u201eSehr wahr,\u201c sagte die Herzogin, \u201eFlamingos und Senf bei\u00dfen beide. Und die Moral davon ist: Gleich und Gleich gesellt sich gern.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber der Flamingo ist ja ein Vogel und Senf ist kein Vogel,\u201c wandte Alice ein.<\/p>\n<p>\u201eGanz recht, wie immer,\u201c sagte die Herzogin, \u201ewie deutlich du Alles ausdr\u00fccken kannst.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEs ist, glaube ich, ein Mineral,\u201c sagte Alice.<\/p>\n<p>\u201eVersteht sich,\u201c sagte die Herzogin, die Allem, was Alice sagte, beizustimmen schien, \u201ein dem gro\u00dfen Senf-Bergwerk hier in der Gegend sind ganz vorz\u00fcglich gute Minen. Und die Moral davon ist, dass wir gute Miene zum b\u00f6sen Spiel machen m\u00fcssen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eO, ich wei\u00df!\u201c rief Alice aus, die die letzte Bemerkung ganz \u00fcberh\u00f6rt hatte, \u201ees ist eine Pflanze. Es sieht nicht so aus, aber es ist eine.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch stimme dir vollkommen bei,\u201c sagte die Herzogin, \u201eund die Moral davon ist: Sei was du zu scheinen w\u00fcnschest! \u2013 oder einfacher ausgedr\u00fcckt: Bilde dir nie ein verschieden von dem zu sein was Anderen erscheint, dass was du w\u00e4rest oder gewesen sein m\u00f6chtest nicht verschieden von dem war das was du gewesen w\u00e4rest ihnen erschienen w\u00e4re als w\u00e4re es verschieden.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch glaube, ich w\u00fcrde das besser verstehen,\u201c sagte Alice sehr h\u00f6flich, \u201ewenn ich es aufgeschrieben h\u00e4tte; ich kann nicht ganz folgen, wenn Sie es sagen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas ist noch gar nichts dagegen, was ich sagen k\u00f6nnte, wenn ich wollte,\u201c antwortete die Herzogin in selbstzufriedenem Tone.<\/p>\n<p>\u201eBitte, bem\u00fchen Sie sich nicht, es noch l\u00e4nger zu sagen!\u201c sagte Alice.<\/p>\n<p>\u201eO, sprich nicht von M\u00fche!\u201c sagte die Herzogin, \u201eich will dir Alles, was ich bis jetzt gesagt habe, schenken.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEine wohlfeile Art Geschenke!\u201c dachte Alice, \u201eich bin froh, dass man nicht solche Geburtstagsgeschenke macht!\u201c Aber sie getraute sich nicht, es laut zu sagen.<\/p>\n<p>\u201eWieder in Gedanken?\u201c fragte die Herzogin und grub ihr spitzes kleines Kinn tiefer ein.<\/p>\n<p>\u201eIch habe das Recht, in Gedanken zu sein, wenn ich will,\u201c sagte Alice gereizt, denn die Unterhaltung fing an, ihr langweilig zu werden.<\/p>\n<p>\u201eGerade so viel Recht,\u201c sagte die Herzogin, \u201ewie Ferkel zum Fliegen, und die M \u2013\u201c<\/p>\n<p>Aber, zu Alices gro\u00dfem Erstaunen stockte hier die Stimme der Herzogin, und zwar mitten in ihrem Lieblingsworte \u201eMoral\u201c, und der Arm, der in dem ihrigen ruhte, fing an zu zittern. Alice sah auf, und da stand die K\u00f6nigin vor ihnen, mit \u00fcber der Brust gekreuzten Armen, schwarzblickend wie ein Gewitter.<\/p>\n<p>\u201eEin sch\u00f6ner Tag, Majest\u00e4t!\u201c fing die Herzogin mit leiser schwacher Stimme an.<\/p>\n<p>\u201eIch will Sie sch\u00f6n gewarnt haben,\u201c schrie die K\u00f6nigin und stampfte dabei mit dem Fu\u00dfe: \u201eFort augenblicklich, entweder mit Ihnen oder mit Ihrem Kopfe! W\u00e4hlen Sie!\u201c<\/p>\n<p>Die Herzogin w\u00e4hlte und verschwand eilig.<\/p>\n<p>\u201eWir wollen weiterspielen,\u201c sagte die K\u00f6nigin zu Alice, und diese, viel zu erschrocken, ein Wort zu erwidern, folgte ihr langsam nach dem Croquet-Felde.<\/p>\n<p>Die \u00fcbrigen G\u00e4ste hatten die Abwesenheit der K\u00f6nigin benutzt, um im Schatten auszuruhen; sobald sie sie jedoch kommen sahen, eilten sie augenblicklich zum Spiele zur\u00fcck, indem die K\u00f6nigin einfach bemerkte, dass eine Minute Verzug ihnen das Leben kosten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die ganze Zeit, wo sie spielten, h\u00f6rte die K\u00f6nigin nicht auf, mit den andern Spielern zu zanken und zu schreien: \u201eSchlagt ihm den Kopf ab!\u201c oder: \u201eSchlagt ihr den Kopf ab!\u201c Diejenigen, welche sie verurteilt hatte, wurden von den Soldaten in Verwahrsam gef\u00fchrt, die nat\u00fcrlich dann aufh\u00f6ren mussten, die Bogen zu bilden, so dass nach ungef\u00e4hr einer halben Stunde keine Bogen mehr \u00fcbrig waren, und alle Spieler, au\u00dfer dem K\u00f6nige, der K\u00f6nigin und Alice, in Verwahrsam und zum Tode verurteilt waren.<\/p>\n<p>Da h\u00f6rte die K\u00f6nigin, ganz au\u00dfer Atem, auf, und sagte zu Alice: \u201eHast du die <em>Falsche Schildkr\u00f6te<\/em> schon gesehen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein,\u201c sagte Alice. \u201eIch wei\u00df nicht einmal, was eine <em>Falsche Schildkr\u00f6te<\/em> ist.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEs ist das, woraus falsche Schildkr\u00f6tensuppe gemacht wird,\u201c sagte die K\u00f6nigin.<\/p>\n<p>\u201eIch habe weder eine gesehen, noch von einer geh\u00f6rt,\u201c sagte Alice.<\/p>\n<p>\u201eKomm schnell,\u201c sagte die K\u00f6nigin, \u201esie soll dir ihre Geschichte erz\u00e4hlen.\u201c<\/p>\n<p>Als sie mit einander fortgingen, h\u00f6rte Alice den K\u00f6nig leise zu der ganzen Versammlung sagen: \u201eIhr seid Alle begnadigt!\u201c \u201eAch, das ist ein Gl\u00fcck!\u201c sagte sie f\u00fcr sich, denn sie war \u00fcber die vielen Enthauptungen, welche die K\u00f6nigin angeordnet hatte, ganz au\u00dfer sich gewesen.<\/p>\n<p>Sie kamen bald zu einem Greifen, der in der Sonne lag und schlief. (Wenn ihr nicht wisst, was ein Greif ist, seht euch das Bild an.) \u201eAuf, du Faulpelz,\u201c sagte die K\u00f6nigin, \u201eund bringe dies kleine Fr\u00e4ulein zu der falschen Schildkr\u00f6te, sie m\u00f6chte gern ihre Geschichte h\u00f6ren. Ich muss zur\u00fcck und nach einigen Hinrichtungen sehen, die ich angeordnet habe;\u201c damit ging sie fort und lie\u00df Alice mit dem Greifen allein. Der Anblick des Tieres gefiel Alice nicht recht; aber im Ganzen genommen, dachte sie, w\u00fcrde es ebenso sicher sein, bei ihm zu bleiben, als dieser grausamen K\u00f6nigin zu folgen, sie wartete also.<\/p>\n<p>Der Greif richtete sich auf und rieb sich die Augen: darauf sah er der K\u00f6nigin nach, bis sie verschwunden war; dann sch\u00fcttelte er sich. \u201eEin k\u00f6stlicher Spa\u00df!\u201c sagte der Greif, halb zu sich selbst, halb zu Alice.<\/p>\n<p>\u201e<em>Was<\/em> ist ein Spa\u00df?\u201c fragte Alice.<\/p>\n<p>\u201eSie,\u201c sagte der Greif. \u201eEs ist Alles ihre Einbildung, das: Niemand wird niemals nicht hingerichtet. Komm schnell.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJeder sagt hier, komm schnell,\u201c dachte Alice, indem sie ihm langsam nachging, \u201eso viel bin ich in meinem Leben nicht hin und her kommandiert worden, nein, in meinem ganzen Leben nicht!\u201c<\/p>\n<p>Sie brauchten nicht weit zu gehen, als sie schon die falsche Schildkr\u00f6te in der Entfernung sahen, wie sie einsam und traurig auf einem Felsenriff sa\u00df; und als sie n\u00e4herkamen, h\u00f6rte Alice sie seufzen, als ob ihr das Herz brechen wollte. Sie bedauerte sie herzlich. \u201eWas f\u00fcr einen Kummer hat sie?\u201c fragte sie den Greifen, und der Greif antwortete, fast in denselben Worten wie zuvor: \u201eEs ist Alles ihre Einbildung, das; sie hat keinen Kummer nicht. Komm schnell.\u201c<\/p>\n<p>Sie gingen also an die falsche Schildkr\u00f6te heran, die sie mit tr\u00e4nenschweren Augen anblickte, aber nichts sagte.<\/p>\n<p>\u201eDie kleine Mamsell hier,\u201c sprach der Greif, \u201esie sagt, sie m\u00f6chte gern deine Geschichte wissen, sagt sie.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch will sie ihr erz\u00e4hlen,\u201c sprach die falsche Schildkr\u00f6te mit tiefer, hohler Stimme; \u201esetzt euch beide her und sprecht kein Wort, bis ich fertig bin.\u201c<\/p>\n<p>Gut, sie setzten sich hin und Keiner sprach mehre Minuten lang. Alice dachte bei sich: \u201eIch begreife nicht, wie sie <em>je<\/em> fertig werden kann, wenn sie nicht anf\u00e4ngt.\u201c Aber sie wartete geduldig.<\/p>\n<p>\u201eEinst,\u201c sagte die falsche Schildkr\u00f6te endlich mit einem tiefen Seufzer, \u201ewar ich eine wirkliche Schildkr\u00f6te.\u201c<\/p>\n<p>Auf diese Worte folgte ein sehr langes Schweigen, nur hin und wieder unterbrochen durch den Ausruf des Greifen \u201eHjckrrh!\u201c und durch das heftige Schluchzen der falschen Schildkr\u00f6te. Alice w\u00e4re beinah aufgestanden und h\u00e4tte gesagt: \u201eDanke sehr f\u00fcr die interessante Geschichte!\u201c aber sie konnte nicht umhin zu denken, dass doch noch etwas kommen m\u00fcsse; daher blieb sie sitzen und sagte nichts.<\/p>\n<p>\u201eAls wir klein waren,\u201c sprach die falsche Schildkr\u00f6te endlich weiter, und zwar ruhiger, obgleich sie noch hin und wieder schluchzte, \u201egingen wir zur Schule in der See. Die Lehrerin war eine alte Schildkr\u00f6te \u2013 wir nannten sie Mamsell Schaltier \u2013\u201c<\/p>\n<p>\u201eWarum nanntet ihr sie Mamsell Schaltier?\u201c fragte Alice.<\/p>\n<p>\u201eSie <em>schalt hier<\/em> oder sie schalt da alle Tage, darum,\u201c sagte die falsche Schildkr\u00f6te \u00e4rgerlich; \u201edu bist wirklich sehr dumm.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu solltest dich sch\u00e4men, eine so dumme Frage zu tun,\u201c setzte der Greif hinzu, und dann sa\u00dfen beide und sahen schweigend die arme Alice an, die in die Erde h\u00e4tte sinken m\u00f6gen. Endlich sagte der Greif zu der falschen Schildkr\u00f6te: \u201eFahr\u2019 zu, alte Kutsche! Lass uns nicht den ganzen Tag warten!\u201c Und sie fuhr in folgenden Worten fort:<\/p>\n<p>\u201eJa, wir gingen zur Schule, in der See, ob ihr es glaubt oder nicht \u2013\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch habe nicht gesagt, dass ich es nicht glaubte,\u201c unterbrach sie Alice.<\/p>\n<p>\u201eJa, das hast du,\u201c sagte die falsche Schildkr\u00f6te.<\/p>\n<p>\u201eHalt\u2019 den Mund!\u201c f\u00fcgte der Greif hinzu, ehe Alice antworten konnte. Die falsche Schildkr\u00f6te fuhr fort.<\/p>\n<p>\u201eWir gingen in die allerbeste Schule; wir hatten vier und zwanzig Stunden regelm\u00e4\u00dfig jeden Tag.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas haben wir auf dem Lande auch,\u201c sagte Alice, \u201edarauf brauchst du dir nicht so viel einzubilden.\u201c<\/p>\n<p>\u201eHabt ihr auch Privatstunden au\u00dferdem?\u201c fragte die falsche Schildkr\u00f6te etwas kleinlaut.<\/p>\n<p>\u201eJa,\u201c sagte Alice, \u201eFranz\u00f6sisch und Klavier.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd W\u00e4sche?\u201c sagte die falsche Schildkr\u00f6te.<\/p>\n<p>\u201eIch d\u00e4chte gar!\u201c sagte Alice entr\u00fcstet.<\/p>\n<p>\u201eAh! dann gehst du in keine wirklich gute Schule,\u201c sagte die falsche Schildkr\u00f6te sehr beruhigt. \u201eIn unserer Schule stand immer am Ende der Rechnung, \u201eFranz\u00f6sisch, Klavierspielen, W\u00e4sche \u2013 extra.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas k\u00f6nnt ihr nicht sehr n\u00f6tig gehabt haben,\u201c sagte Alice, \u201ewenn ihr auf dem Grunde des Meeres wohntet.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch konnte keine Privatstunden bezahlen,\u201c sagte die falsche Schildkr\u00f6te mit einem Seufzer. \u201eIch nahm nur den regelm\u00e4\u00dfigen Unterricht.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd was war das?\u201c fragte Alice.<\/p>\n<p>\u201eLegen und Treiben, nat\u00fcrlich, zu allererst,\u201c erwiderte die falsche Schildkr\u00f6te; \u201eund dann die vier Abteilungen vom Rechnen: Zusehen, Abziehen, Vervielfra\u00dfen und Stehlen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch habe nie von Vervielfra\u00dfen geh\u00f6rt,\u201c warf Alice ein. \u201eWas ist das?\u201c<\/p>\n<p>Der Greif erhob beide Klauen voller Verwunderung. \u201eNie von Vervielfra\u00dfen geh\u00f6rt!\u201c rief er aus. \u201eDu wei\u00dft, was Verhungern ist? vermute ich.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa,\u201c sagte Alice unsicher, \u201ees hei\u00dft \u2013 nichts \u2013 essen \u2013 und davon \u2013 sterben.\u201c<\/p>\n<p>\u201eNun,\u201c fuhr der Greif fort, \u201ewenn du nicht verstehst, was Vervielfra\u00dfen ist, dann bist du ein Pinsel.\u201c<\/p>\n<p>Alice hatte allen Mut verloren, sich weiter danach zu erkundigen, und wandte sich daher an die falsche Schildkr\u00f6te mit der Frage: \u201eWas hattet ihr sonst noch zu lernen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNun, erstens Gewichte,\u201c erwiderte die falsche Schildkr\u00f6te, indem sie die Gegenst\u00e4nde an den Pfoten aufz\u00e4hlte, \u201eGewichte, alte und neue, mit Seeographie; dann Springen \u2013 der Springelehrer war ein alter Stockfisch, der einmal w\u00f6chentlich zu kommen pflegte, er lehrte uns Pfoten Reiben und Unarten, meerschwimmig Springen, Schillern und Imponieren.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWie war denn das?\u201c fragte Alice.<\/p>\n<p>\u201eIch kann es dir nicht selbst zeigen,\u201c sagte die falsche Schildkr\u00f6te, \u201eich bin zu steif. Und der Greif hat es nicht gelernt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eHatte keine Zeit,\u201c sagte der Greif; \u201eich hatte aber Stunden bei dem Lehrer der alten Sprachen. Das war ein alter <em>Barsch,<\/em> ja, das war er.\u201c<\/p>\n<p>\u201eBei dem bin ich nicht gewesen,\u201c sagte die falsche Schildkr\u00f6te mit einem Seufzer, \u201eer lehrte Zebr\u00e4isch und Greifisch, sagten sie immer.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas tat er auch, das tat er auch, und besonders La\u00dfsein,\u201c sagte der Greif, indem er ebenfalls seufzte, worauf beide Tiere sich das Gesicht mit den Pfoten bedeckten.<\/p>\n<p>\u201eUnd wie viel Sch\u00fcler wart ihr denn in einer Klasse?\u201c sagte Alice, die schnell auf einen anderen Gegenstand kommen wollte.<\/p>\n<p>\u201eZehn den ersten Tag,\u201c sagte die falsche Schildkr\u00f6te, \u201eneun den n\u00e4chsten, und so fort.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas f\u00fcr eine merkw\u00fcrdige Einrichtung!\u201c rief Alice aus.<\/p>\n<p>\u201eDas ist der Grund, warum man Lehrer h\u00e4lt, weil sie die Klasse von Tag zu Tag leeren.\u201c<\/p>\n<p>Dies war ein ganz neuer Gedanke f\u00fcr Alice, welchen sie gr\u00fcndlich \u00fcberlegte, ehe sie wieder eine Bemerkung machte. \u201eDen elften Tag m\u00fcssen dann Alle frei gehabt haben?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNat\u00fcrlich!\u201c sagte die falsche Schildkr\u00f6te.<\/p>\n<p>\u201eUnd wie wurde es den zw\u00f6lften Tag gemacht?\u201c fuhr Alice eifrig fort.<\/p>\n<p>\u201eDas ist genug von Stunden,\u201c unterbrach der Greif sehr bestimmt: \u201eerz\u00e4hle ihr jetzt etwas von den Spielen.\u201c<\/p>\n<hr \/>\n<p>Zehntes Kapitel<\/p>\n<h3>Das Hummerballet<\/h3>\n<p>Die falsche Schildkr\u00f6te seufzte tief auf und wischte sich mit dem R\u00fccken ihrer Pfote die Augen. Sie sah Alice an und versuchte zu sprechen, aber ein bis zwei Minuten lang erstickte lautes Schluchzen ihre Stimme. \u201eSieht aus, als ob sie einen Knochen in der Kehle h\u00e4tt\u2019,\u201c sagte der Greif und machte sich daran, sie zu sch\u00fctteln und auf den R\u00fccken zu klopfen. Endlich erhielt die falsche Schildkr\u00f6te den Gebrauch ihrer Stimme wieder, und w\u00e4hrend Tr\u00e4nen ihre Wangen herabflossen, erz\u00e4hlte sie weiter.<\/p>\n<p>Vielleicht hast du nicht viel unter dem Wasser gelebt \u2013\u201c (\u201eNein,\u201c sagte Alice) \u2013 \u201eund vielleicht hast du nie die Bekanntschaft eines Hummers gemacht \u2013\u201c (Alice wollte eben sagen: \u201eich kostete einmal,\u201c aber sie hielt schnell ein und sagte: \u201eNein, niemals\u201c) \u2013 \u201edu kannst dir also nicht vorstellen, wie reizend ein Hummerballet ist.\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein, in der Tat nicht,\u201c sagte Alice, \u201ewas f\u00fcr eine Art Tanz ist es?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNun,\u201c sagte der Greif, \u201eerst stellt man sich in einer Reihe am Strand auf \u2013\u201c<\/p>\n<p>\u201eIn zwei Reihen!\u201c rief die falsche Schildkr\u00f6te. \u201eSeehunde, Schildkr\u00f6ten, Lachse, und so weiter; dann, wenn alle Seesterne aus dem Wege ger\u00e4umt sind \u2013\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas gew\u00f6hnlich einige Zeit dauert,\u201c unterbrach der Greif.<\/p>\n<p>\u201e\u2013 geht man zwei Mal vorw\u00e4rts \u2013\u201c<\/p>\n<p>\u201eJeder einen Hummer zum Tanze f\u00fchrend!\u201c rief der Greif.<\/p>\n<p>\u201eNat\u00fcrlich,\u201c sagte die falsche Schildkr\u00f6te: \u201ezwei Mal vorw\u00e4rts, wieder paarweise gestellt \u2013\u201c<\/p>\n<p>\u201e\u2013 wechselt die Hummer, und geht in derselben Ordnung zur\u00fcck,\u201c fuhr der Greif fort.<\/p>\n<p>\u201eDann, musst du wissen,\u201c fiel die falsche Schildkr\u00f6te ein, \u201ewirft man die \u2013\u201c<\/p>\n<p>\u201eDie Hummer!\u201c schrie der Greif mit einem Luftsprunge.<\/p>\n<p>\u201e\u2013 soweit ins Meer, als man kann \u2013\u201c<\/p>\n<p>\u201eSchwimmt ihnen nach!\u201c kreischte der Greif.<\/p>\n<p>\u201eSchl\u00e4gt einen Purzelbaum im Wasser!\u201c rief die falsche Schildkr\u00f6te, indem sie unb\u00e4ndig umhersprang.<\/p>\n<p>\u201eWechselt die Hummer wieder!\u201c heulte der Greif mit erhobener Stimme.<\/p>\n<p>\u201eZur\u00fcck an\u2019s Land, und \u2013 das ist die ganze erste Figur,\u201c sagte die falsche Schildkr\u00f6te, indem ihre Stimme pl\u00f6tzlich sank; und beide Tiere, die bis dahin wie toll umhergesprungen waren, setzten sich sehr betr\u00fcbt und still nieder und sahen Alice an.<\/p>\n<p>\u201eEs muss ein sehr h\u00fcbscher Tanz sein,\u201c sagte Alice \u00e4ngstlich.<\/p>\n<p>\u201eM\u00f6chtest du eine kleine Probe sehen?\u201c fragte die falsche Schildkr\u00f6te.<\/p>\n<p>\u201eSehr gern,\u201c sagte Alice.<\/p>\n<p>\u201eKomm, la\u00df uns die erste Figur versuchen!\u201c sagte die falsche Schildkr\u00f6te zum Greifen. \u201eWir k\u00f6nnen es ohne Hummer, glaube ich. Wer soll singen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eOh, singe du!\u201c sagte der Greif. \u201eIch habe die Worte vergessen.\u201c<\/p>\n<p>So fingen sie denn an, feierlich im Kreise um Alice zu tanzen; zuweilen traten sie ihr auf die F\u00fc\u00dfe, wenn sie ihr zu nahekamen; die falsche Schildkr\u00f6te sang dazu, sehr langsam und traurig, Folgendes: \u2013<\/p>\n<p>Zu der Schnecke sprach ein Wei\u00dffisch: \u201eKannst du denn nicht schneller gehn?<\/p>\n<p>Siehst du denn nicht die Schildkr\u00f6ten und die Hummer alle stehn?<\/p>\n<p>Hinter uns da kommt ein Meerschwein, und es tritt mir auf den Schwanz;<\/p>\n<p>Und sie warten an dem Strande, dass wir kommen zu dem Tanz.<\/p>\n<p>Willst du denn nicht, willst du denn nicht, willst du kommen zu dem Tanz?<\/p>\n<p>Willst du denn nicht, willst du denn nicht, willst du kommen zu dem Tanz?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein, du kannst es nicht ermessen, wie so herrlich es wird sein,<\/p>\n<p>Nehmen sie uns mit den Hummern, werfen uns in\u2019s Meer hinein!\u201c<\/p>\n<p>Doch die Schnecke tat nicht trauen. \u201eDas gef\u00e4llt mir doch nicht ganz!<\/p>\n<p>Viel zu weit, zu weit! ich danke \u2013 gehe nicht mit euch zum Tanz!<\/p>\n<p>Nein, ich kann, ich mag, ich will nicht, kann nicht kommen zu dem Tanz!<\/p>\n<p>Nein, ich kann, ich mag, ich will nicht, mag nicht kommen zu dem Tanz!<\/p>\n<p>Und der Wei\u00dffisch sprach dagegen: \u201e\u2019s kommt ja nicht drauf an, wie weit!<\/p>\n<p>Ist doch wohl ein andres Ufer, dr\u00fcben auf der andern Seit\u2019!<\/p>\n<p>Und noch viele sch\u00f6ne K\u00fcsten gibt es au\u00dfer Engelland\u2019s;<\/p>\n<p>Nur nicht bl\u00f6de, liebe Schnecke, komm\u2019 geschwind mit mir zum Tanz!<\/p>\n<p>Willst du denn nicht, willst du denn nicht, willst du kommen zu dem Tanz?<\/p>\n<p>Willst du denn nicht, willst du denn nicht, willst nicht kommen zu dem Tanz?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDanke sehr, es ist sehr, sehr interessant, diesem Tanze zuzusehen,\u201c sagte Alice, obgleich sie sich freute, dass er endlich vor\u00fcber war; \u201eund das komische Lied von dem Wei\u00dffisch gef\u00e4llt mir so!\u201c<\/p>\n<p>\u201eOh, was die Wei\u00dffische anbelangt,\u201c sagte die falsche Schildkr\u00f6te, \u201edie \u2013 du hast sie doch gesehen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa,\u201c sagte Alice, \u201eich habe sie oft gesehen, beim Mitt \u2013\u201c sie hielt schnell inne.<\/p>\n<p>\u201eIch wei\u00df nicht, wer Mitt sein mag,\u201c sagte die falsche Schildkr\u00f6te, \u201eaber da du sie so oft gesehen hast, so wei\u00dft du nat\u00fcrlich, wie sie aussehen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, ich glaube,\u201c sagte Alice nachdenklich, \u201esie haben den Schwanz im Maule, \u2013 und sind ganz mit geriebener Semmel bestreut.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDie geriebene Semmel ist ein Irrtum,\u201c sagte die falsche Schildkr\u00f6te; \u201esie w\u00fcrde in der See bald abgesp\u00fclt werden. Aber den Schwanz haben sie im Maule, und der Grund ist\u201c \u2013 hier g\u00e4hnte die falsche Schildkr\u00f6te und machte die Augen zu. \u2013 \u201eSage ihr Alles das von dem Grunde,\u201c sprach sie zum Greifen.<\/p>\n<p>\u201eDer Grund ist,\u201c sagte der Greif, \u201edass sie durchaus im Hummerballet mittanzen wollten. So wurden sie denn in die See hineingeworfen. So mussten sie denn sehr weit fallen. So kamen ihnen denn die Schw\u00e4nze in die M\u00e4uler. So konnten sie sie denn nicht wieder herausbekommen. So ist es.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDanke dir,\u201c sagte Alice, \u201ees ist sehr interessant. Ich habe nie so viel vom Wei\u00dffisch zu h\u00f6ren bekommen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch kann dir noch mehr \u00fcber ihn sagen, wenn du willst,\u201c sagte der Greif, \u201ewei\u00dft du, warum er Wei\u00dffisch hei\u00dft?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch habe dar\u00fcber noch nicht nachgedacht,\u201c sagte Alice. \u201eWarum?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDarum eben,\u201c sagte der Greif mit tiefer, feierlicher Stimme, \u201eweil man so wenig von ihm <em>wei\u00df.<\/em> Nun aber musst du uns auch etwas von deinen Abenteuern erz\u00e4hlen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch k\u00f6nnte euch meine Erlebnisse von heute fr\u00fch an erz\u00e4hlen,\u201c sagte Alice versch\u00e4mt, \u201eaber bis gestern zur\u00fcck zu gehen, w\u00e4re ganz unn\u00fctz, weil ich da jemand anderes war.\u201c<\/p>\n<p>\u201eErkl\u00e4re das deutlich,\u201c sagte die falsche Schildkr\u00f6te.<\/p>\n<p>\u201eNein, die Erlebnisse erst,\u201c sagte der Greif in ungeduldigem Tone, \u201eErkl\u00e4rungen nehmen so schrecklich viel Zeit fort.\u201c<\/p>\n<p>Alice fing also an, ihnen ihre Abenteuer von da an zu erz\u00e4hlen, wo sie das wei\u00dfe Kaninchen zuerst gesehen hatte. Im Anfange war sie etwas \u00e4ngstlich, die beiden Tiere kamen ihr so nah, eins auf jeder Seite, und sperrten Augen und Mund sow<em>eit<\/em> auf; aber nach und nach wurde sie dreister. Ihre Zuh\u00f6rer waren ganz ruhig, bis sie an die Stelle kam, wo sie der Raupe \u201aIhr seid alt, Vater Martin\u2018 hergesagt hatte, und wo lauter andere Worte gekommen waren, da holte die falsche Schildkr\u00f6te tief Atem und sagte: \u201edas ist sehr merkw\u00fcrdig.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEs ist Alles so merkw\u00fcrdig, wie nur m\u00f6glich,\u201c sagte der Greif.<\/p>\n<p>\u201eEs kam ganz verschieden!\u201c wiederholte die falsche Schildkr\u00f6te gedankenvoll. \u201eIch m\u00f6chte sie wohl etwas hersagen h\u00f6ren. Sage ihr, dass sie anfangen soll.\u201c Sie sah den Greifen an, als ob sie d\u00e4chte, dass er einigen Einfluss auf Alice habe.<\/p>\n<p>\u201eSteh\u2019 auf und sage her: \u201aPreisend mit viel sch\u00f6nen Reden\u2018,\u201c sagte der Greif.<\/p>\n<p>\u201eWie die Gesch\u00f6pfe alle Einen kommandieren und Gedichte aufsagen lassen!\u201c dachte Alice, \u201edaf\u00fcr k\u00f6nnte ich auch lieber gleich in der Schule sein.\u201c Sie stand jedoch auf und fing an, das Gedicht herzusagen; aber ihr Kopf war so voll von dem Hummerballet, dass sie kaum wusste, was sie sagte, und die Worte kamen sehr sonderbar: \u2013<\/p>\n<p>\u201ePreisend mit viel sch\u00f6nen Kniffen seiner Scheeren Werth und Zahl,<\/p>\n<p>Stand der Hummer vor dem Spiegel in der sch\u00f6nen roten Schal\u2019!<\/p>\n<p>\u201eHerrlich,\u201c sprach der F\u00fcrst der Krebse, \u201esteht mir dieser lange Bart!\u201c<\/p>\n<p>R\u00fcckt die F\u00fc\u00dfe mit der Nase ausw\u00e4rts, als er dieses sagt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas ist anders, als ich\u2019s als Kind gesagt habe,\u201c sagte der Greif.<\/p>\n<p>\u201eIch habe es zwar noch niemals geh\u00f6rt,\u201c sagte die falsche Schildkr\u00f6te; \u201eaber es klingt wie bl\u00fchender Unsinn.\u201c<\/p>\n<p>Alice erwiderte nichts; sie setzte sich, bedeckte das Gesicht mit beiden H\u00e4nden und \u00fcberlegte, ob wohl <em>je<\/em> wieder irgendetwas nat\u00fcrlich sein w\u00fcrde.<\/p>\n<p>\u201eIch m\u00f6chte es gern erkl\u00e4rt haben,\u201c sagte die falsche Schildkr\u00f6te.<\/p>\n<p>\u201eSie kann\u2019s nicht erkl\u00e4ren,\u201c warf der Greif schnell ein. \u201eSage den n\u00e4chsten Vers.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber das von den F\u00fc\u00dfen?\u201c fragte die falsche Schildkr\u00f6te wieder. \u201eWie kann er sie mit der Nase ausw\u00e4rts r\u00fccken?\u201c<\/p>\n<p>\u201eEs ist die erste Position bei\u2019m Tanzen,\u201c sagte Alice aber sie war \u00fcber Alles dies entsetzlich verwirrt und h\u00e4tte am liebsten aufgeh\u00f6rt.<\/p>\n<p>\u201eSage den n\u00e4chsten Vers!\u201c wiederholte der Greif ungeduldig, \u201eer f\u00e4ngt an: \u201aSeht mein Land!\u2018\u201c<\/p>\n<p>Alice wagte nicht, es abzuschlagen, obgleich sie \u00fcberzeugt war, es w\u00fcrde Alles falsch kommen, sie fuhr also mit zitternder Stimme fort: \u2013<\/p>\n<p>\u201eSeht mein Land und gr\u00fcne Fluten,\u201c sprach ein fetter Lachs vom Rhein;<\/p>\n<p>\u201eGoldne Schuppen meine R\u00fcstung, und mit Austern trink\u2019 ich Wein.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWozu sollen wir das dumme Zeug mit anh\u00f6ren,\u201c unterbrach sie die falsche Schildkr\u00f6te, \u201ewenn sie es nicht auch erkl\u00e4ren kann? Es ist das verworrenste Zeug, das ich je geh\u00f6rt habe!\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, ich glaube auch, es ist besser du h\u00f6rst auf,\u201c sagte der Greif, und Alice gehorchte nur zu gern.<\/p>\n<p>\u201eSollen wir noch eine Figur von dem Hummerballet versuchen?\u201c fuhr der Greif fort. \u201eOder m\u00f6chtest du lieber, dass die falsche Schildkr\u00f6te dir ein Lied vorsingt?\u201c<\/p>\n<p>\u201eOh, ein Lied! bitte, wenn die falsche Schildkr\u00f6te so gut sein will,\u201c antwortete Alice mit solchem Eifer, dass der Greif etwas beleidigt sagte: \u201eHm! der Geschmack ist verschieden! Singe ihr vor \u201aSchildkr\u00f6tensuppe\u2018, h\u00f6rst du, alte Tante?\u201c<\/p>\n<p>Die falsche Schildkr\u00f6te seufzte tief auf und fing an, mit halb von Schluchzen erstickter Stimme, so zu singen: \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u201eSch\u00f6ne Suppe, so schwer und so gr\u00fcn,<br \/>\nDampfend in der hei\u00dfen Terrin\u2019!<br \/>\nWem nach einem so sch\u00f6nen Gericht<br \/>\nW\u00e4sserte denn der Mund wohl nicht?<br \/>\nK\u00f6n\u2019gin der Suppen, du sch\u00f6nste Supp\u2019!<br \/>\nK\u00f6n\u2019gin der Suppen, du sch\u00f6nste Supp\u2019!<br \/>\nWu\u2013undersch\u00f6ne Su\u2013uppe!<br \/>\nWu\u2013undersch\u00f6ne Su\u2013uppe!<br \/>\nK\u00f6\u2013\u00f6nigin der Su\u2013uppen,<br \/>\nWunder-wundersch\u00f6ne Supp\u2019!<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Sch\u00f6ne Suppe, wer fragt noch nach Fisch,<br \/>\nWildpret oder was sonst auf dem Tisch?<br \/>\nAlles lassen wir stehen zu p<br \/>\nReisen allein die wundersch\u00f6ne Supp\u2019,<br \/>\nPreisen allein die wundersch\u00f6ne Supp\u2019!<br \/>\nWu\u2013undersch\u00f6ne Su\u2013uppe!<br \/>\nWu\u2013undersch\u00f6ne Su\u2013uppe!<br \/>\nK\u00f6\u2013\u00f6nigin der Su\u2013uppen,<br \/>\nWunder-wundersch\u00f6ne Supp\u2019!\u201c<\/p>\n<p>\u201eDen Chor noch einmal!\u201c rief der Greif, und die falsche Schildkr\u00f6te hatte ihn eben wieder angefangen, als ein Ruf: \u201eDas Verh\u00f6r f\u00e4ngt an!\u201c in der Ferne erscholl.<\/p>\n<p>\u201eKomm schnell!\u201c rief der Greif, und Alice bei der Hand nehmend lief er fort, ohne auf das Ende des Gesanges zu warten.<\/p>\n<p>\u201eWas f\u00fcr ein Verh\u00f6r?\u201c keuchte Alice bei\u2019m Rennen; aber der Greif antwortete nichts als: \u201eKomm schnell!\u201c und rannte weiter, w\u00e4hrend schw\u00e4cher und schw\u00e4cher, vom Winde getragen, die Worte ihnen folgten: \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u201eK\u00f6\u2013\u00f6nigin der Su\u2013uppen,<br \/>\nWunder-wundersch\u00f6ne Supp\u2019!\u201c<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: left;\">Elftes Kapitel<\/p>\n<h3>Wer hat die Kuchen gestohlen?<\/h3>\n<p>Der K\u00f6nig und die K\u00f6nigin der Herzen sa\u00dfen auf ihren Throne, als sie ankamen, und eine gro\u00dfe Menge war um sie versammelt \u2013 allerlei kleine V\u00f6gel und Tiere, au\u00dferdem das ganze Pack Karten: der Bube stand vor ihnen, in Ketten, einen Soldaten an jeder Seite, um ihn zu bewachen; dicht bei dem K\u00f6nige befand sich das wei\u00dfe Kaninchen, eine Trompete in einer Hand, in der andern eine Pergamentrolle. Im Mittelpunkte des Gerichtshofes stand ein Tisch mit einer Sch\u00fcssel voll Torten: sie sahen so appetitlich aus, dass der blo\u00dfe Anblick Alice ganz hungrig darauf machte. \u2013 \u201eIch w\u00fcnschte, sie machten schnell mit dem Verh\u00f6r und reichten die Erfrischungen herum.\u201c Aber dazu schien wenig Aussicht zu sein, so dass sie anfing, Alles genau in Augenschein zu nehmen, um sich die Zeit zu vertreiben.<\/p>\n<p>Alice war noch nie in einem Gerichtshofe gewesen, aber sie hatte in ihren B\u00fcchern davon gelesen und bildete sich was Rechtes darauf ein, dass sie Alles, was sie dort sah, bei Namen zu nennen wusste. \u201eDas ist der Richter,\u201c sagte sie f\u00fcr sich, \u201ewegen seiner gro\u00dfen Per\u00fccke.\u201c<\/p>\n<p>Der Richter war \u00fcbrigens der K\u00f6nig, und er trug die Krone \u00fcber der Per\u00fccke (seht euch das Titelbild an, wenn ihr wissen wollt, wie), es sah nicht aus, als sei es ihm bequem, und sicherlich stand es ihm nicht gut.<\/p>\n<p>\u201eUnd jene zw\u00f6lf kleinen Tiere da sind vermutlich die Geschwornen,\u201c dachte Alice. Sie wiederholte sich selbst dies Wort zwei bis drei Mal, weil sie so stolz darauf war; denn sie glaubte, und das mit Recht, dass wenig kleine M\u00e4dchen ihres Alters \u00fcberhaupt etwas von diesen Sachen wissen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Die zw\u00f6lf Geschworenen schrieben alle sehr eifrig auf Schiefertafeln. \u201eWas tun sie?\u201c fragte Alice den Greifen ins Ohr. \u201eSie k\u00f6nnen ja noch nichts aufzuschreiben haben, ehe das Verh\u00f6r beginnt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSie schreiben ihre Namen auf,\u201c sagte ihr der Greif ins Ohr, \u201eweil sie bange sind, sie zu vergessen, ehe das Verh\u00f6r zu Ende ist.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDumme Dinger!\u201c fing Alice entr\u00fcstet ganz laut an; aber sie hielt augenblicklich inne, denn das wei\u00dfe Kaninchen rief aus: \u201eRuhe im Saal!\u201c und der K\u00f6nig setzte seine Brille auf und blickte sp\u00e4hend umher, um zu sehen, wer da gesprochen habe.<\/p>\n<p>Alice konnte ganz deutlich sehen, dass alle Geschworne \u201edumme Dinger!\u201c auf ihre Tafeln schrieben, und sie merkte auch, dass Einer von ihnen nicht wusste, wie es geschrieben wird, und seinen Nachbar fragen musste. \u201e<em>Die<\/em> Tafeln werden in einem sch\u00f6nen Zustande sein, wenn das Verh\u00f6r vor\u00fcber ist!\u201c dachte Alice.<\/p>\n<p>Einer der Geschwornen hatte einen Tafelstein, der quiekste. Das konnte Alice nat\u00fcrlich nicht aushalten, sie ging auf die andere Seite des Saales, gelangte dicht hinter ihn und fand sehr bald eine Gelegenheit, den Tafelstein fortzunehmen. Sie hatte es so schnell getan, dass der arme kleine Geschworne (es war Wabbel) durchaus nicht begreifen konnte, wo sein Griffel hingekommen war; nachdem er ihn also \u00fcberall gesucht hatte, musste er sich endlich entschlie\u00dfen, mit einem<\/p>\n<p>Finger zu schreiben, und das war von sehr geringem Nutzen, da es keine Spuren auf der Tafel zur\u00fccklie\u00df.<\/p>\n<p>\u201eHerold, verlie\u00df die Anklage!\u201c sagte der K\u00f6nig.<\/p>\n<p>Da blies das wei\u00dfe Kaninchen drei Mal in die Trompete, entfaltete darauf die Pergamentrolle und las wie folgt: \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u201eCoeur-K\u00f6nigin, sie buk Kuchen,<br \/>\nJuchheisasah, juchhe!<br \/>\nCoeur-Bube kam, die Kuchen nahm.<br \/>\nWo sind sie nun? O weh!\u201c<\/p>\n<p>\u201eGebt euer Urteil ab!\u201c sprach der K\u00f6nig zu den Geschwornen.<\/p>\n<p>\u201eNoch nicht, noch nicht!\u201c unterbrach ihn das Kaninchen schnell. \u201eDa kommt noch Vielerlei erst.\u201c<\/p>\n<p>\u201eLasst den ersten Zeugen eintreten!\u201c sagte der K\u00f6nig, worauf das Kaninchen drei Mal in die Trompete blies und ausrief: \u201eErster Zeuge!\u201c<\/p>\n<p>Der erste Zeuge war der Hutmacher. Er kam herein, eine Tasse in einer Hand und in der andern ein St\u00fcck Butterbrot haltend. \u201eIch bitte um Verzeihung, Eure Majest\u00e4t, dass ich das mitbringe; aber ich war nicht ganz fertig mit meinem Tee, als nach mir geschickt wurde.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu h\u00e4ttest aber damit fertig sein sollen,\u201c sagte der K\u00f6nig. \u201eWann hast du damit angefangen?\u201c<\/p>\n<p>Der Hutmacher sah den Faselhasen an, der ihm in den Gerichtssaal gefolgt war, Arm in Arm mit dem Murmeltier. \u201eVierzehnten M\u00e4rz, glaube ich war es,\u201c sagte er.<\/p>\n<p>\u201eF\u00fcnfzehnten,\u201c sagte der Faselhase.<\/p>\n<p>\u201eSechzehnten,\u201c f\u00fcgte das Murmeltier hinzu.<\/p>\n<p>\u201eNehmt das zu Protokoll,\u201c sagte der K\u00f6nig zu den Geschwornen, und die Geschwornen schrieben eifrig die drei Daten auf ihre Tafeln, addierten sie dann und machten die Summe zu Groschen und Pfennigen.<\/p>\n<p>\u201eNimm deinen Hut ab,\u201c sagte der K\u00f6nig zum Hutmacher.<\/p>\n<p>\u201eEs ist nicht meiner,\u201c sagte der Hutmacher.<\/p>\n<p>\u201eGestohlen!\u201c rief der K\u00f6nig zu den Geschwornen gewendet aus, welche sogleich die Tatsache notierten.<\/p>\n<p>\u201eIch halte sie zum Verkauf,\u201c f\u00fcgte der Hutmacher als Erkl\u00e4rung hinzu, \u201eich habe keinen eigenen. Ich bin ein Hutmacher.\u201c<\/p>\n<p>Da setzte sich die K\u00f6nigin die Brille auf und fing an, den Hutmacher scharf zu beobachten, was ihn sehr blass und unruhig machte.<\/p>\n<p>\u201eGib du deine Aussage,\u201c sprach der K\u00f6nig, \u201eund sei nicht \u00e4ngstlich, oder ich lasse dich auf der Stelle h\u00e4ngen.\u201c<\/p>\n<p>Dies beruhigte den Zeugen augenscheinlich nicht; er stand abwechselnd auf dem linken und rechten Fu\u00dfe, sah die K\u00f6nigin mit gro\u00dfem Unbehagen an, und in seiner Befangenheit biss er ein gro\u00dfes St\u00fcck aus seiner Teetasse statt aus seinem Butterbrot.<\/p>\n<p>Gerade in diesem Augenblick sp\u00fcrte Alice eine seltsame Empfindung, die sie sich durchaus nicht erkl\u00e4ren konnte, bis sie endlich merkte, was es war: sie fing wieder an zu wachsen, und sie wollte sogleich aufstehen und den Gerichtshof verlassen; aber nach weiterer \u00dcberlegung beschloss sie zu bleiben, wo sie war, so lange sie Platz genug hatte.<\/p>\n<p>\u201eDu brauchtest mich wirklich nicht so zu dr\u00e4ngen,\u201c sagte das Murmeltier, welches neben ihr sa\u00df. \u201eIch kann kaum atmen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch kann nicht daf\u00fcr,\u201c sagte Alice bescheiden, \u201eich wachse.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu hast kein Recht dazu, hier zu wachsen,\u201c sagte das Murmeltier.<\/p>\n<p>\u201eRede nicht solchen Unsinn,\u201c sagte Alice dreister; \u201edu wei\u00dft recht gut, dass du auch w\u00e4chst.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, aber ich wachse in vern\u00fcnftigem Ma\u00dfstabe,\u201c sagte das Murmeltier, \u201enicht auf so l\u00e4cherliche Art.\u201c Dabei stand es verdrie\u00dflich auf und ging an die andere Seite des Saales.<\/p>\n<p>Die ganze Zeit \u00fcber hatte die K\u00f6nigin unabl\u00e4ssig den Hutmacher angestarrt, und gerade als das Murmeltier durch den Saal ging, sprach sie zu einem der Gerichtsbeamten: \u201eBringe mir die Liste der S\u00e4nger im<\/p>\n<p>letzten Konzerte!\u201c worauf der ungl\u00fcckliche Hutmacher so zitterte, dass ihm beide Schuhe abflogen.<\/p>\n<p>\u201eGib deine Aussage,\u201c wiederholte der K\u00f6nig \u00e4rgerlich, \u201eoder ich werde dich hinrichten lassen, ob du dich \u00e4ngstigst oder nicht.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch bin ein armer Mann, Eure Majest\u00e4t,\u201c begann der Hutmacher mit zitternder Stimme, \u201eund ich hatte eben erst meinen Tee angefangen \u2013 nicht l\u00e4nger als eine Woche ungef\u00e4hr \u2013 und da die Butterbrote so d\u00fcnn wurden \u2013 und es Teller und T\u00f6pfe in den Tee schneite.\u201c<\/p>\n<p>\u201eTeller und T\u00f6pfe \u2013 was?\u201c fragte der K\u00f6nig.<\/p>\n<p>\u201eEs fing mit dem Tee an,\u201c erwiderte der Hutmacher.<\/p>\n<p>\u201eNat\u00fcrlich fangen Teller und T\u00f6pfe mit einem T an. H\u00e4ltst du mich f\u00fcr einen Esel? Rede weiter!\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch bin ein armer Mann,\u201c fuhr der Hutmacher fort, \u201eund seitdem schneite Alles \u2013 der Faselhase sagte nur \u2013\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein, ich hab\u2019s nicht gesagt!\u201c unterbrach ihn der Faselhase schnell.<\/p>\n<p>\u201eDu hast\u2019s wohl gesagt!\u201c rief der Hutmacher.<\/p>\n<p>\u201eIch leugne es!\u201c sagte der Faselhase.<\/p>\n<p>\u201eEr leugnet es!\u201c sagte der K\u00f6nig: \u201el\u00e4sst den Teil der Aussage fort.\u201c<\/p>\n<p>\u201eGut, auf jeden Fall hat\u2019s das Murmeltier gesagt \u2013\u201c fuhr der Hutmacher fort, indem er sich \u00e4ngstlich umsah, ob es auch leugnen w\u00fcrde; aber das Murmeltier leugnete nichts, denn es war fest eingeschlafen. \u201eDann,\u201c sprach der Hutmacher weiter, \u201eschnitt ich noch etwas Butterbrot \u2013\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber <em>was<\/em> hat das Murmeltier gesagt?\u201c fragte einer der Geschwornen.<\/p>\n<p>\u201eDas ist mir ganz entfallen,\u201c sagte der Hutmacher.<\/p>\n<p>\u201eAber es <em>muss<\/em> dir wieder einfallen,\u201c sagte der K\u00f6nig, \u201esonst lasse ich dich k\u00f6pfen.\u201c<\/p>\n<p>Der ungl\u00fcckliche Hutmacher lie\u00df Tasse und Butterbrot fallen und lie\u00df sich auf ein Knie nieder. \u201eIch bin ein armseliger Mann, Eure Majest\u00e4t,\u201c fing er an.<\/p>\n<p>\u201eDu bist ein <em>sehr<\/em> armseliger Redner,\u201c sagte der K\u00f6nig.<\/p>\n<p>Hier klatschte eins der Meerschweinchen Beifall, was sofort von den Gerichtsdienern unterdr\u00fcckt wurde. (Da dies ein etwas schweres Wort ist, so will ich beschreiben, wie es gemacht wurde. Es war ein gro\u00dfer Leinwandsack bei der Hand, mit Schn\u00fcren zum Zusammenziehen: da hinein wurde das Meerschweinchen gesteckt, den Kopf nach unten, und dann sa\u00dfen sie darauf.)<\/p>\n<p>\u201eEs ist mir lieb, dass ich das gesehen habe,\u201c dachte Alice, \u201eich habe so oft in der Zeitung am Ende eines Verh\u00f6rs gelesen: \u201aDas Publikum fing an, Beifall zu klatschen, was aber sofort von den Gerichtsdienern unterdr\u00fcckt wurde,\u2018 und ich konnte bis jetzt nie verstehen, was es bedeutete.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWenn dies Alles ist, was du zu sagen wei\u00dft, so kannst du abtreten,\u201c fuhr der K\u00f6nig fort.<\/p>\n<p>\u201eIch kann nichts mehr abtreten,\u201c sagte der Hutmacher: \u201eich stehe so schon auf den Str\u00fcmpfen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDann kannst du <em>abwarten,<\/em> bis du wieder gefragt wirst,\u201c erwiderte der K\u00f6nig.<\/p>\n<p>Hier klatschte das zweite Meerschweinchen und wurde unterdr\u00fcckt.<\/p>\n<p>\u201eHa, nun sind die Meerschweinchen besorgt,\u201c dachte Alice, \u201enun wird es besser vorw\u00e4rtsgehen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch m\u00f6chte lieber zu meinem Tee zur\u00fcckgehen,\u201c sagte der Hutmacher mit einem \u00e4ngstlichen Blicke auf die K\u00f6nigin, welche die Liste der S\u00e4nger durchlas.<\/p>\n<p>\u201eDu kannst gehen,\u201c sagte der K\u00f6nig, worauf der Hutmacher eilig den Gerichtssaal verlie\u00df, ohne sich einmal Zeit zu nehmen, seine Schuhe anzuziehen.<\/p>\n<p>\u201e\u2013 und drau\u00dfen schneidet ihm doch den Kopf ab,\u201c f\u00fcgte die K\u00f6nigin zu einem der Beamten gewandt hinzu; aber der Hutmacher war nicht mehr zu sehen, als der Beamte die T\u00fcr erreichte.<\/p>\n<p>\u201eRuft den n\u00e4chsten Zeugen!\u201c sagte der K\u00f6nig.<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste Zeuge war die K\u00f6chin der Herzogin. Sie trug die Pfefferb\u00fcchse in der Hand, und Alice erriet, schon ehe sie in den Saal trat, wer es sei, weil alle Leute in der N\u00e4he der Th\u00fcr mit einem Male anfingen zu niesen.<\/p>\n<p>\u201eGib deine Aussage,\u201c sagte der K\u00f6nig.<\/p>\n<p>\u201eNe!\u201c antwortete die K\u00f6chin.<\/p>\n<p>Der K\u00f6nig sah \u00e4ngstlich das wei\u00dfe Kaninchen an, welches leise sprach: \u201eEure Majest\u00e4t m\u00fcssen diesen Zeugen einem Kreuzverh\u00f6r unterwerfen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWohl, wenn ich muss, muss ich,\u201c sagte der K\u00f6nig tr\u00fcbsinnig, und nachdem er die Arme gekreuzt und die Augenbraunen so fest zusammengezogen hatte, dass seine Augen kaum mehr zu sehen waren, sagte er mit tiefer Stimme: \u201eWovon macht man kleine Kuchen?\u201c<\/p>\n<p>\u201ePfeffer, haupts\u00e4chlich,\u201c sagte die K\u00f6chin.<\/p>\n<p>\u201eSirup,\u201c sagte eine schl\u00e4frige Stimme hinter ihr.<\/p>\n<p>\u201eNehmt dieses Murmeltier fest!\u201c heulte die K\u00f6nigin. \u201eK\u00f6pft dieses Murmeltier! Schafft dieses Murmeltier aus dem Saale! Unterdr\u00fcckt es! Kneift es! Brennt ihm den Bart ab!\u201c<\/p>\n<p>Einige Minuten lang war das ganze Gericht in Bewegung, um das Murmeltier fortzuschaffen; und als endlich Alles wieder zur Ruhe gekommen war, war die K\u00f6chin verschwunden.<\/p>\n<p>\u201eSchadet nichts!\u201c sagte der K\u00f6nig und sah aus, als falle ihm ein Stein vom Herzen. \u201eRuft den n\u00e4chsten Zeugen.\u201c Und zu der K\u00f6nigin gewandt, f\u00fcgte er leise hinzu: \u201eWirklich, meine Liebe, du musst das n\u00e4chste Kreuzverh\u00f6r \u00fcbernehmen, meine Arme sind schon ganz lahm.\u201c<\/p>\n<p>Alice beobachtete das wei\u00dfe Kaninchen, das die Liste durchsuchte, da sie sehr neugierig war, wer wohl der n\u00e4chste Zeuge sein m\u00f6chte, \u2013 \u201edenn sie haben noch nicht viel Beweise,\u201c sagte sie f\u00fcr sich. Denkt euch ihre \u00dcberraschung, als das wei\u00dfe Kaninchen mit seiner h\u00f6chsten Kopfstimme vorlas: \u201eAlice!\u201c<\/p>\n<hr \/>\n<p>Zw\u00f6lftes Kapitel<\/p>\n<h3>Alice ist die Kl\u00fcgste<\/h3>\n<p>\u201eHier!\u201c rief Alice, in der augenblicklichen Erregung ganz vergessend, wie sehr sie die letzten Minuten gewachsen war; sie sprang in solcher Eile auf, dass sie mit ihrem Rock das Pult vor sich umstie\u00df, so dass alle Geschworne auf die K\u00f6pfe der darunter sitzenden Versammlung fielen. Da lagen sie unbehilflich umher und erinnerten sie sehr an ein Glas mit Goldfischen, dass sie die Woche vorher aus Versehen umgesto\u00dfen hatte.<\/p>\n<p>\u201eOh, ich bitte um Verzeihung,\u201c rief sie mit sehr best\u00fcrztem Tone, und fing an, sie so schnell wie m\u00f6glich aufzunehmen; denn der Unfall mit den Goldfischen lag ihr noch im Sinne, und sie hatte eine unbestimmte Art Vorstellung, als ob sie gleich gesammelt und wieder in ihr Pult getan werden m\u00fcssten, sonst w\u00fcrden sie sterben.<\/p>\n<p>\u201eDas Verh\u00f6r kann nicht fortgesetzt werden,\u201c sagte der K\u00f6nig sehr ernst, \u201ebis alle Geschworne wieder an ihrem rechten Platze sind \u2013 alle,\u201c wiederholte er mit gro\u00dfem Nachdrucke, und sah dabei Alice fest an.<\/p>\n<p>Alice sah sich nach dem Pulte um und bemerkte, dass sie in der Eile die Eidechse kopfunten hineingestellt hatte, und das arme kleine Ding bewegte den Schwanz tr\u00fcbselig hin und her, da es sich \u00fcbrigens nicht r\u00fchren konnte. Sie zog es schnell wieder heraus und stellte es richtig hinein. \u201eEs hat zwar nichts zu bedeuten,\u201c sagte sie f\u00fcr sich, \u201eich glaube, es w\u00fcrde f\u00fcr das Verh\u00f6r ganz ebenso n\u00fctzlich sein Kopf oben wie kopfunten.\u201c<\/p>\n<p>Sobald sich die Geschwornen etwas von dem Schreck erholt hatten, umgeworfen worden zu sein, und nachdem ihre Tafeln und Tafelsteine gefunden und ihnen zur\u00fcckgegeben worden waren, machten sie sich eifrig daran, die Geschichte ihres Unfalles aufzuschreiben, alle au\u00dfer der Eidechse, welche zu angegriffen war, um etwas zu tun; sie sa\u00df nur mit \u00f6ffnen Maule da und starrte die Saaldecke an.<\/p>\n<p>\u201eWas wei\u00dft du von dieser Angelegenheit?\u201c fragte der K\u00f6nig Alice.<\/p>\n<p>\u201eNichts!\u201c sagte Alice.<\/p>\n<p>\u201eDurchaus nichts?\u201c drang der K\u00f6nig in sie.<\/p>\n<p>\u201eDurchaus nichts!\u201c sagte Alice.<\/p>\n<p>\u201eDas ist sehr wichtig,\u201c sagte der K\u00f6nig, indem er sich an die Geschwornen wandte. Sie wollten dies eben auf ihre Tafeln schreiben, als das wei\u00dfe Kaninchen ihn unterbrach. \u201eUnwichtig, meinten Eure Majest\u00e4t nat\u00fcrlich!\u201c sagte es in sehr ehrfurchtsvollem Tone, wobei es ihn aber mit Stirnrunzeln und verdrie\u00dflichem Gesichte ansah.<\/p>\n<p>\u201eUnwichtig, nat\u00fcrlich, meinte ich,\u201c best\u00e4tigte der K\u00f6nig eilig, und fuhr mit halblauter Stimme f\u00fcr sich fort: \u201ewichtig \u2013 unwichtig \u2013 unwichtig \u2013 wichtig \u2013\u201c als ob er versuchte, welches Wort am besten kl\u00e4nge.<\/p>\n<p>Einige der Geschwornen schrieben auf \u201ewichtig\u201c, und einige \u201eunwichtig.\u201c Alice konnte dies sehen, da sie nahe genug war, um ihre Tafeln zu \u00fcberblicken; \u201eaber es kommt nicht das Geringste darauf an,\u201c dachte sie bei sich.<\/p>\n<p>In diesem Augenblick rief der K\u00f6nig, der eifrig in seinem Notizbuche geschrieben hatte, pl\u00f6tzlich aus: \u201eStill!\u201c und las dann aus seinem Buche vor: \u201eZweiundvierzigstes Gesetz. Alle Personen, die mehr als eine Meile hoch sind, haben den Gerichtshof zu verlassen.\u201c<\/p>\n<p>Alle sahen Alice an.<\/p>\n<p>\u201eIch bin keine Meile gro\u00df,\u201c sagte Alice.<\/p>\n<p>\u201eDas bist du wohl,\u201c sagte der K\u00f6nig.<\/p>\n<p>\u201eBeinahe zwei Meilen gro\u00df,\u201c f\u00fcgte die K\u00f6nigin hinzu.<\/p>\n<p>\u201eAuf jeden Fall werde ich nicht fortgehen,\u201c sagte Alice, \u201e\u00fcbrigens ist das kein regelm\u00e4\u00dfiges Gesetz; Sie haben es sich eben erst ausgedacht.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEs ist das \u00e4lteste Gesetz in dem Buche,\u201c sagte der K\u00f6nig.<\/p>\n<p>\u201eDann m\u00fcsste es Nummer Eins sein,\u201c sagte Alice.<\/p>\n<p>Der K\u00f6nig erbleichte und machte sein Notizbuch schnell zu. \u201eGebt euer Urteil ab!\u201c sagte er leise und mit zitternder Stimme zu den Geschwornen.<\/p>\n<p>\u201eMajest\u00e4t halten zu Gnaden, es sind noch mehr Beweise aufzunehmen,\u201c sagte das wei\u00dfe Kaninchen, indem es eilig aufsprang; \u201edieses Papier ist soeben gefunden worden.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas enth\u00e4lt es?\u201c fragte die K\u00f6nigin.<\/p>\n<p>\u201eIch habe es noch nicht ge\u00f6ffnet,\u201c sagte das wei\u00dfe Kaninchen, \u201eaber es scheint ein Brief von dem Gefangenen an \u2013 an Jemand zu sein.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, das wird es wohl sein,\u201c sagte der K\u00f6nig, \u201ewenn es nicht an Niemand ist, was, wie bekannt nicht oft vorkommt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAn wen ist es adressiert?\u201c fragte einer der Geschwornen.<\/p>\n<p>\u201eEs ist gar nicht adressiert,\u201c sagte das wei\u00dfe Kaninchen; \u201e\u00fcberhaupt steht auf der Au\u00dfenseite gar nichts.\u201c Es faltete bei diesen Worten das Papier auseinander und sprach weiter: \u201eEs ist \u00fcbrigens gar kein Brief, es sind Verse.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSind sie in der Handschrift des Gefangenen?\u201c fragte ein anderer Geschworner.<\/p>\n<p>\u201eNein, das sind sie nicht,\u201c sagte das wei\u00dfe Kaninchen, \u201eund das ist das Merkw\u00fcrdigste dabei.\u201c (Die Geschwornen sahen alle ganz verdutzt aus.)<\/p>\n<p>\u201eEr muss eines Andern Handschrift nachgeahmt haben,\u201c sagte der K\u00f6nig. (Die Gesichter der Geschwornen kl\u00e4rten sich auf.)<\/p>\n<p>\u201eEure Majest\u00e4t halten zu Gnaden,\u201c sagte der Bube, \u201eich habe es nicht geschrieben, und Niemand kann beweisen, dass ich es geschrieben habe, es ist keine Unterschrift darunter.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWenn du es nicht unterschrieben hast,\u201c sagte der K\u00f6nig, \u201eso macht das die Sache nur schlimmer. Du musst schlechte Absichten dabei gehabt haben, sonst h\u00e4ttest du wie ein ehrlicher Mann deinen Namen darunter gesetzt.\u201c<\/p>\n<p>Hierauf folgte allgemeines Beifallklatschen; es war der erste wirklich kluge Ausspruch, den der K\u00f6nig an dem Tage getan hatte.<\/p>\n<p>\u201eDas beweist seine Schuld,\u201c sagte die K\u00f6nigin.<\/p>\n<p>\u201eEs beweist durchaus gar nichts!\u201c sagte Alice, \u201eIhr wisst ja noch nicht einmal, wor\u00fcber die Verse sind!\u201c<\/p>\n<p>\u201eLie\u00df sie!\u201c sagte der K\u00f6nig.<\/p>\n<p>Das wei\u00dfe Kaninchen setzte seine Brille auf. \u201eWo befehlen Eure Majest\u00e4t, dass ich anfangen soll?\u201c fragte es.<\/p>\n<p>\u201eFange beim Anfang an,\u201c sagte der K\u00f6nig ernsthaft, \u201eund lies bis du an\u2019s Ende kommst, dann halte an.\u201c<\/p>\n<p>Dies waren die Verse, welche das wei\u00dfe Kaninchen vorlas: \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u201eIch h\u00f6re ja du warst bei ihr,<br \/>\nUnd dass er mir es g\u00f6nnt;<br \/>\nSie sprach, sie hielte viel von mir,<br \/>\nWenn ich nur schwimmen k\u00f6nnt\u2019!<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Er schrieb an sie, ich ginge nicht<br \/>\n(Nur wu\u00dften wir es gleich):<br \/>\nWenn ihr viel an der Sache liegt,<br \/>\nWas w\u00fcrde dann aus euch?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Ich gab ihr eins, sie gab ihm zwei,<br \/>\nIhr gabt uns drei Mal vier;<br \/>\nJetzt sind sie hier, er steht dabei;<br \/>\nDoch alle geh\u00f6rten erst mir.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">W\u00fcrd\u2019 ich und sie vielleicht darein<br \/>\nVerwickelt und verfahren,<br \/>\nVertraut er dir, sie zu befrei\u2019n,<br \/>\nGerade wie wir waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Ich dachte schon in meinem Sinn,<br \/>\nEh\u2019 sie den Anfall h\u00e4tt\u2019,<br \/>\nIhr w\u00e4r\u2019t derjenige, der ihn,<br \/>\nEs und uns hindertet.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Sag\u2019 ihm um keinen Preis, dass ihr<br \/>\nDie Andern lieber war\u2019n;<br \/>\nDenn keine Seele au\u00dfer dir<br \/>\nUnd mir darf dies erfahr\u2019n.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas ist das wichtigste Beweisst\u00fcck, das wir bis jetzt geh\u00f6rt haben,\u201c sagte der K\u00f6nig, indem er sich die H\u00e4nde rieb; \u201el\u00e4sst also die Geschwornen \u2013\u201c<\/p>\n<p>\u201eWenn es Einer von ihnen erkl\u00e4ren kann,\u201c sagte Alice (sie war die letzten paar Minuten so sehr gewachsen, dass sie sich gar nicht f\u00fcrchtete, ihn zu unterbrechen), \u201eso will ich ihm sechs Dreier schenken. Ich finde, dass auch keine Spur von Sinn darin ist.\u201c<\/p>\n<p>Die Geschwornen schrieben Alle auf ihre Tafeln: \u201eSie findet, dass auch keine Spur von Sinn darin ist;\u201c aber keiner von ihnen versuchte, das Schriftst\u00fcck zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>\u201eWenn kein Sinn darin ist,\u201c sagte der K\u00f6nig, \u201edas spart uns ja ungeheuer viel Arbeit; dann haben wir nicht n\u00f6tig, ihn zu suchen. Und dennoch wei\u00df ich nicht,\u201c fuhr er fort, indem er das Papier auf dem Knie ausbreitete und es pr\u00fcfend be\u00e4ugelte, \u201ees kommt mir vor, als k\u00f6nnte ich etwas Sinn darin finden. \u201a\u2013 wenn ich nur schwimmen k\u00f6nnt\u2019!\u2018 du kannst nicht schwimmen, nicht wahr?\u201c wandte er sich an den Buben.<\/p>\n<p>Der Bube sch\u00fcttelte traurig das Haupt. \u201eSeh\u2019 ich etwa danach aus?\u201c (was freilich nicht der Fall war, da er g\u00e4nzlich aus Papier bestand.)<\/p>\n<p>\u201eDas trifft zu, so weit,\u201c sagte der K\u00f6nig und fuhr fort, die Verse leise durchzulesen. \u201e\u201aNur wussten wir es gleich\u2018 \u2013 das sind die Geschwornen, nat\u00fcrlich \u2013 \u201aIch gab ihr eins, sie gab ihm zwei \u2013\u2018 ja wohl, so hat er\u2019s mit den Kuchen gemacht, versteht sich \u2013\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber es geht weiter: \u201aJetzt sind sie hier,\u2018\u201c sagte Alice.<\/p>\n<p>\u201eFreilich, da sind sie ja! er steht dabei!\u201c sagte der K\u00f6nig triumphierend und wies dabei nach den Kuchen<\/p>\n<p>auf dem Tische und nach dem Buben; \u201enichts kann klarer sein. Dann wieder \u2013 \u201aEh sie den Anfall h\u00e4tt\u2019\u2018 \u2013 du hast nie einen Anfall gehabt, Liebe, glaube ich,\u201c sagte er zu der K\u00f6nigin.<\/p>\n<p>\u201eNiemals,\u201c rief die K\u00f6nigin w\u00fctend und warf dabei der Eidechse ein Tintenfa\u00df an den Kopf. (Der ungl\u00fcckliche kleine Wabbel hatte aufgeh\u00f6rt, mit dem Finger auf seiner Tafel zu schreiben, da er merkte, dass es keine Spuren hinterlie\u00df; doch nun fing er eilig wieder an, indem er die Tinte benutzte, die von seinem Gesichte herabtr\u00e4ufelte, so lange dies vorhielt.)<\/p>\n<p>\u201eDann ist dies nicht dein Fall,\u201c sagte der K\u00f6nig und blickte l\u00e4chelnd in dem ganzen Saale herum. Alles blieb todtenstill.<\/p>\n<p>\u201e\u2013 \u2019s ist ja \u2019n Witz!\u201c f\u00fcgte der K\u00f6nig in \u00e4rgerlichem Tone hinzu \u2013 sogleich lachte Jedermann. \u201eDie Geschwornen sollen ihren Ausspruch tun,\u201c sagte der K\u00f6nig wohl zum zwanzigsten Male.<\/p>\n<p>\u201eNein, nein!\u201c sagte die K\u00f6nigin. \u201eErst das Urteil, der Ausspruch der Geschwornen nachher.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDummer Unsinn!\u201c sagte Alice laut. \u201eWas f\u00fcr ein Einfall, erst das Urteil haben zu wollen!\u201c<\/p>\n<p>\u201eHalt den Mund!\u201c sagte die K\u00f6nigin, indem sie purpurrot wurde.<\/p>\n<p>\u201eIch will nicht!\u201c sagte Alice.<\/p>\n<p>\u201eSchlagt ihr den Kopf ab!\u201c br\u00fcllte die K\u00f6nigin so laut sie konnte. Niemand r\u00fchrte sich.<\/p>\n<p>\u201eWer fragt nach euch?\u201c sagte Alice (unterdessen hatte sie ihre volle Gr\u00f6\u00dfe erreicht). \u201eIhr seid nichts weiter als ein Spiel Karten!\u201c<\/p>\n<p>Bei diesen Worten erhob sich das ganze Spiel in die Luft und flog auf sie herab; sie schrie auf, halb<\/p>\n<p>vor Furcht, halb vor \u00c4rger, versuchte sie sich abzuwehren und merkte, dass sie am Ufer lag, den Kopf auf dem Scho\u00dfe ihrer Schwester, welche leise einige welke Bl\u00e4tter fortnahm, die ihr von den B\u00e4umen herunter auf\u2019s Gesicht gefallen waren.<\/p>\n<p>\u201eWach auf, liebe Alice!\u201c sagte ihre Schwester; \u201edu hast mal lange geschlafen!\u201c<\/p>\n<p>\u201eO, und ich habe einen so merkw\u00fcrdigen Traum gehabt!\u201c sagte Alice, und sie erz\u00e4hlte ihrer Schwester, so gut sie sich erinnern konnte, alle die seltsamen Abenteuer, welche ihr eben gelesen habt. Als sie fertig war, gab ihre Schwester ihr einen Kuss und sagte: \u201eEs war ein sonderbarer Traum, das ist gewiss; aber nun lauf hinein zum Tee, es wird sp\u00e4t.\u201c Da stand Alice auf und rannte fort, und dachte dabei, und zwar mit Recht, dass es doch ein wundersch\u00f6ner Traum gewesen sei.<\/p>\n<p>Aber ihre Schwester blieb sitzen, wie sie sie verlassen hatte, den Kopf auf die Hand gest\u00fctzt, blickte in die untergehende Sonne und dachte an die kleine Alice und ihre wunderbaren Abenteuer, bis auch sie auf ihre Weise zu tr\u00e4umen anfing, und dies war ihr Traum:<\/p>\n<p>Zuerst tr\u00e4umte sie von der kleinen Alice selbst: wieder sah sie die kleinen H\u00e4ndchen zusammengefaltet auf ihrem Knie, und die klaren sprechenden Augen, die zu ihr aufblickten \u2013 sie konnte selbst den Ton ihrer Stimme h\u00f6ren und das komische Zur\u00fcckwerfen des kleinen K\u00f6pfchens sehen, womit sie die einzelnen Haare absch\u00fcttelte, die ihr immer wieder in die Augen kamen \u2013 und je mehr sie zuh\u00f6rte oder zuzuh\u00f6ren meinte, desto mehr belebte sich der ganze Platz um sie herum mit den seltsamen Gesch\u00f6pfen aus ihrer kleinen Schwester Traum.<\/p>\n<p>Das lange Gras zu ihren F\u00fc\u00dfen rauschte, da das wei\u00dfe Kaninchen vorbeihuschte \u2013 die erschrockene Maus pl\u00e4tscherte durch den nahen Teich \u2013 sie konnte das Klappern der Teetassen h\u00f6ren, wo der Faselhase und seine Freunde ihre immerw\u00e4hrende Mahlzeit hielten, und die gellende Stimme der K\u00f6nigin, die ihre ungl\u00fccklichen G\u00e4ste zur Hinrichtung abschickte \u2013 wieder nieste das Ferkel-Kind auf dem Scho\u00dfe der Herzogin, w\u00e4hrend Pfannen und Sch\u00fcsseln rund herum in Scherben brachen \u2013 wieder erf\u00fcllten der Schrei des Greifen, das Quieken von dem Tafelstein der Eidechse und das St\u00f6hnen des unterdr\u00fcckten Meerschweinchens die Luft und vermischten sich mit dem Schluchzen der ungl\u00fccklichen falschen Schildkr\u00f6te in der Entfernung.<\/p>\n<p>So sa\u00df sie da, mit geschlossenen Augen, und glaubte fast, sie sei im Wunderlande, obgleich sie ja wusste, dass sobald sie die Augen \u00f6ffnete, Alles wieder zur allt\u00e4glichen Wirklichkeit werden w\u00fcrde; das Gras w\u00fcrde dann nur im Winde rauschen, der Teich mit seinem Rieseln das Wogen des Rohres begleiten; das Klappern der Teetassen w\u00fcrde sich in klingende Heerdenglocken verwandeln und die gellende Stimme der K\u00f6nigin in die Rufe des Hirtenknaben \u2013 und das Niesen des Kindes, das Geschrei des Greifen und all die andern au\u00dferordentlichen T\u00f6ne w\u00fcrden sich (das wusste sie) in das verworrene Get\u00f6se des gesch\u00e4ftigen Gutshofes verwandeln \u2013 w\u00e4hrend sie statt des schwerm\u00fctigen Schluchzens der falschen Schildkr\u00f6te in der Ferne das wohlbekannte Br\u00fcllen des Rindviehes h\u00f6ren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Endlich malte sie sich aus, wie ihre kleine Schwester Alice in sp\u00e4terer Zeit selbst erwachsen sein werde; und wie sie durch alle reiferen Jahre hindurch das einfache liebevolle Herz ihrer Kindheit bewahren, und wie sie andere kleine Kinder um sich versammeln und deren Blicke neugierig und gespannt machen werde mit manch einer wunderbaren Erz\u00e4hlung, vielleicht sogar mit dem Traume vom Wunderlande aus alten Zeiten; und wie sie alle ihre kleinen Sorgen nachf\u00fchlen, sich \u00fcber alle ihre kleinen Freuden mitfreuen werde in der Erinnerung an ihr eigenes Kindesleben und die gl\u00fccklichen Sommertage.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eAlice im Wunderland\u201c erz\u00e4hlt die Geschichte des neugierigen M\u00e4dchens Alice, das einem wei\u00dfen Kaninchen folgt und in eine bizarre Parallelwelt st\u00fcrzt, in der Logik au\u00dfer Kraft gesetzt ist. Dort begegnet sie exzentrischen Figuren wie dem verr\u00fcckten Hutmacher, der Grinsekatze und der launischen Herzk\u00f6nigin, die alle ihre eigenen Regeln durchsetzen. Gr\u00f6\u00dfe, Identit\u00e4t und Vernunft sind st\u00e4ndig im Wandel, was Alice zwingt, sich immer wieder neu zu orientieren. Im Kern ist das Werk ein spielerischer, zugleich scharfsinniger Kommentar \u00fcber Erwachsenwerden, Autorit\u00e4t und die Fragilit\u00e4t dessen, was wir \u201eNormalit\u00e4t\u201c nennen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3825,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[97,85],"tags":[],"class_list":["post-836","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-lewis-carroll","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/836","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=836"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/836\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3826,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/836\/revisions\/3826"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3825"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=836"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=836"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=836"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}