{"id":809,"date":"2016-05-02T23:56:28","date_gmt":"2016-05-02T21:56:28","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=809"},"modified":"2026-01-16T17:58:37","modified_gmt":"2026-01-16T16:58:37","slug":"das-alte-haus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/das-alte-haus\/","title":{"rendered":"Das alte Haus"},"content":{"rendered":"\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Das alte Haus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hans Chr. Andersen<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Dr\u00fcben in der Stra\u00dfe stand ein altes, altes Haus, das war fast dreihundert Jahr alt, so konnte man an einem Balken lesen, an dem die Jahreszahl zugleich mit Tulpen und Hopfenranken eingekerbt war. Da standen ganze Verse in der Schreibweise alter Tage, und \u00fcber jedem Fenster war ein fratzenhaftes Gesicht in den Balken eingeschnitten. Das obere Stockwerk hing weit \u00fcber das untere, und unter dem Dache war eine Bleirinne mit Drachenk\u00f6pfen. Das Regenwasser sollte aus dem Rachen herauslaufen, aber es lief aus dem Bauche, denn es war ein Loch in der Rinne.<\/span><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Das alte Haus von H.C. Andersen | M\u00e4rchen H\u00f6rbuch zum Einschlafen (mit Untertiteln)\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/pIg2qJFxJ_8?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Alle anderen H\u00e4user in der Stra\u00dfe waren so neu und so nett, mit gro\u00dfen Scheiben und glatten W\u00e4nden, und man konnte wohl sehen, dass sie nichts mit dem alten Haus zu tun haben wollten. Sie dachten wohl: &#8222;Wie lange soll das Ger\u00fcmpel hier noch der Stra\u00dfe zur Schande stehen bleiben. Der Erker steht so weit heraus, dass niemand aus unseren Fenstern sehen kann, was auf der anderen Seite geschieht! Die Treppe ist so breit, wie bei einem Schloss und so hoch wie bei einem Kirchturm. Das Eisengel\u00e4nder sieht ja aus, wie die T\u00fcr zu einem alten Erbbegr\u00e4bnis, dazu hat es noch Messingkn\u00f6pfe. Das ist geschmacklos!&#8220;<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Gerade gegen\u00fcber in der Stra\u00dfe standen auch neue und nette H\u00e4user, und sie dachten wie die anderen. Aber am Fenster sa\u00df hier ein kleiner Knabe mit frischen, roten Wangen, mit klaren, strahlenden Augen, dem das alte Haus am besten gefiel sowohl im Sonnenschein wie im Mondschein. Wenn er nach der Mauer hin\u00fcber sah, wo der Kalk abgebr\u00f6ckelt war, konnte er sitzen und sich die wunderbarsten Bilder ausdenken: wie wohl die Stra\u00dfe fr\u00fcher ausgesehen haben mochte mit Treppen, Erkern und spitzen Giebeln. Er konnte Soldaten mit Hellebarden sehen, und Dachrinnen, die wie Drachen und Lindw\u00fcrmer herumliefen. \u2013 Das war so recht ein Haus zum Betrachten. Und dr\u00fcben wohnte ein alter Mann; der ging in Kniehosen, hatte einen Rock mit gro\u00dfen Messingkn\u00f6pfen und eine Per\u00fccke, bei der man sehen konnte, dass es eine wirkliche Per\u00fccke war. Jeden Morgen kam ein alter Diener zu ihm, der aufr\u00e4umte und G\u00e4nge besorgte. Sonst war der alte Mann in den Kniehosen ganz allein in dem alten Hause. Zwischendurch kam er wohl einmal ans Fenster und sah hinaus, und der kleine Knabe nickte zu ihm hin\u00fcber; der alte Mann nickte wieder, und so wurden sie Bekannte, und so wurden sie Freunde, obwohl sie niemals miteinander gesprochen hatten. Aber das war auch unn\u00f6tig.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Der kleine Knabe h\u00f6rte seine Eltern sagen: &#8222;Der alte Mann da dr\u00fcben hat es gut, aber er ist so schrecklich allein!&#8220;<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Am n\u00e4chsten Sonntag nahm der kleine Knabe etwas, wickelte es in ein St\u00fcck Papier, ging vor die T\u00fcr, und als der Diener, der die G\u00e4nge besorgte, vorbeikam, sagte er zu ihm: &#8222;H\u00f6r, willst Du dem alten Mann da dr\u00fcben das von mir bringen? Ich habe zwei Zinnsoldaten, dies ist der eine; er soll ihn haben, denn ich wei\u00df, dass er so schrecklich allein ist.&#8220;<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Und der alte Diener sah ganz vergn\u00fcgt aus, nickte und trug den Zinnsoldaten hin\u00fcber in das alte Haus. Darauf kam von dr\u00fcben ein Bote mit der Anfrage, ob der kleine Knabe wohl Lust h\u00e4tte, selbst einmal her\u00fcber zu kommen und Besuch zu machen. Dazu bekam er von seinen Eltern Erlaubnis, und so kam er in das alte Haus hin\u00fcber.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Die Messingkn\u00f6pfe am Treppengel\u00e4nder gl\u00e4nzten viel st\u00e4rker als sonst. Man h\u00e4tte glauben m\u00f6gen, dass sie des Besuches wegen poliert worden w\u00e4ren. Und es war, als ob die geschnitzten Trompeter \u2013 denn es waren geschnitzte Trompeter an der T\u00fcr, die in den Tulpen standen \u2013 aus Leibeskr\u00e4ften bliesen; ihre Backen sahen viel dicker aus als zuvor. Ja, sie bliesen: &#8222;Tratteratra. Der kleine Knabe kommt. Tratteratra!&#8220; und dann ging die T\u00fcre auf. Den ganzen Gang entlang hingen alte Portr\u00e4ts, Ritter in Harnischen und Frauen in Seidenkleidern. Und die Harnische rasselten und die seiden Kleider raschelten! Dann kam eine Treppe, die ging ein gro\u00dfes St\u00fcck hinauf und ein kleines hinab und dann war man auf einem Altan, der freilich sehr altersschwach und voller gro\u00dfer L\u00f6cher und Risse war, aber daraus hervor wuchsen Gras und Bl\u00e4tter; denn der ganze Altan, der Hof und die Mauern waren mit soviel Gr\u00fcn bewachsen, dass es wie ein Garten aussah. Aber es war nur ein Altan. Hier standen alte Blument\u00f6pfe, die Gesichter und Eselsohren hatten. Die Blumen darin wuchsen aber ganz wie sie selbst wollten. In dem einen Topf liefen die Nelken nach allen Seiten \u00fcber den Rand, das hei\u00dft das Gr\u00fcne, Sch\u00f6ssling neben Sch\u00f6ssling, und ganz deutlich sagten sie: &#8222;Die Luft hat mich gestreichelt, die Sonne hat mich gek\u00fcsst und mir am Sonntag eine kleine Blume versprochen, eine kleine Blume am Sonntag.&#8220;<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Und dann kamen sie in eine Kammer hinein, wo die W\u00e4nde mit Schweinsleder bezogen waren, darauf waren goldene Blumen gedruckt.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Vergoldung vergeht, aber Schweinsleder besteht&#8220; sagten die W\u00e4nde.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Und Lehnst\u00fchle standen da mit hohen R\u00fccken, \u00fcber und \u00fcber geschnitzt, und mit Armen an beiden Seiten. &#8222;Sitz nieder! Sitz nieder!&#8220; sagten sie; &#8222;O, wie es in mir knackt! Nun bekomme ich die Gicht wie der alte Schrank. Gicht im R\u00fccken. O!&#8220;<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Und dann kam der kleine Knabe in die Stube hinein, wo der Erker war und wo der alte Mann sa\u00df.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Sch\u00f6nen Dank f\u00fcr den Zinnsoldaten, mein kleiner Freund&#8220; sagte der alte Mann. &#8222;Und Dank, dass Du zu mir her\u00fcberkommst!&#8220;<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Dank, Dank,&#8220; oder &#8222;Knack, Knack,&#8220; sagte es in allen M\u00f6beln. Da waren so viele, dass sie sich fast im Wege standen, um den kleinen Knaben anzusehen.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Mitten an der Wand hing eine Malerei mit einer wundersch\u00f6nen Dame, so jung, so froh, aber ganz so gekleidet, wie vor alten Zeiten, mit Puder im Haar und Kleidern, die ganz steif um sie herum standen. Sie sagte weder &#8222;Dank&#8220; noch &#8222;Knack&#8220;, aber sah mit ihren freundlichen Augen den kleinen Knaben an, der sogleich den alten Mann fragte: &#8222;Wo hast Du sie her bekommen?&#8220;<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Dr\u00fcben vom Tr\u00f6dler&#8220; sagte der alte Mann. &#8222;Da h\u00e4ngen so viele Bilder. Keiner kennt sie mehr und macht sich etwas daraus, denn alle sind nun begraben. Aber in alten Tagen habe ich sie gekannt; nun ist sie tot schon seit fast einem halben Jahrhundert&#8220;<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Und unter der Malerei hing unter Glas ein verwelkter Blumenstrau\u00df. Der hatte gewiss auch ein halbes Jahrhundert gesehen, so alt war er. Und der Perpendikel an der gro\u00dfen Uhr ging hin und her und der Zeiger drehte sich und alle Dinge in der Stube wurden immer \u00e4lter, aber das merkten sie nicht.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Sie sagen zuhause,&#8220; sagte der kleine Knabe, &#8222;dass Du so schrecklich einsam bist.&#8220;<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;O,&#8220; sagte er, &#8222;die alten Gedanken mit allem, was sie so mit sich f\u00fchren k\u00f6nnen, kommen und besuchen mich, und nun kommst Du ja auch. Mir geht es ganz gut.&#8220;<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Und dann nahm er vom B\u00fccherbrett ein Buch mit Bildern. Darin waren ganze Aufz\u00fcge, die wunderlichsten Karossen, die man heute nicht mehr zu sehen bekommt, Soldaten wie auf den Spielkarten und B\u00fcrger mit wehenden Fahnen. Die Schneider hatten eine mit einer Schere, die von zwei L\u00f6wen gehalten wurde, und die Schuhmacher hatten eine ohne Stiefel, aber mit einem Adler, der zwei K\u00f6pfe besa\u00df, denn die Schuhmacher m\u00fcssen alles so haben, dass sie sagen k\u00f6nnen: das ist ein Paar. \u2013 Ja, das war ein Bilderbuch.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Und der alte Mann ging in die andere Stube, um Eingezuckertes und \u00c4pfel und N\u00fcsse zu holen; \u2013 es war wirklich pr\u00e4chtig hier dr\u00fcben in dem alten Hause.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ich kann es nicht aushalten!&#8220; sagte der Zinnsoldat, der auf der Kommode stand; &#8222;hier ist es so einsam und traurig; nein, wenn man einmal Familienleben kennen gelernt hat, kann man sich hier nicht eingew\u00f6hnen. \u2013 Ich kann das nicht aushalten! Der ganze Tag ist so lang und der Abend noch l\u00e4nger. Hier ist es nicht wie dr\u00fcben bei Dir, wo Deine Mutter und Dein Vater so fr\u00f6hlich miteinander sprachen, und wo Du und alle Ihr s\u00fc\u00dfen Kinder einen so pr\u00e4chtigen Spektakel machtet! Nein, wie allein der alte Mann ist. Glaubst Du, er bekommt einen Kuss? Glaubst Du, jemand macht ihm freundliche Augen oder einen Weihnachtsbaum? Er bekommt gar nichts, nur ein Begr\u00e4bnis \u2013 Ich kann das nicht aushalten!&#8220;<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Du musst es nicht so schwer nehmen!&#8220; sagte der kleine Knabe, &#8222;mir kommt es hier herrlich vor, und alle die alten Gedanken mit dem, was sie so mit sich f\u00fchren k\u00f6nnen, kommen ja auch und machen Besuch.&#8220;<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ja, die sehe ich nicht, und die kenne ich nicht&#8220; sagte der Zinnsoldat. &#8222;Ich kann das nicht aushalten!&#8220;<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Das musst Du&#8220; sagte der kleine Knabe.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Und der alte Mann kam mit dem vergn\u00fcgtesten Gesicht und mit dem herrlichsten Eingemachten und \u00c4pfeln und N\u00fcssen, und da dachte der kleine Knabe nicht mehr an den Zinnsoldaten.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Gl\u00fccklich und froh kam der kleine Knabe heim. Es vergingen Wochen und Tage, es wurde zu dem alten Hause und von dem alten Hause hin\u00fcbergenickt, und dann kam der kleine Knabe wieder hin\u00fcber.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Und die geschnitzten Trompeter bliesen: &#8222;Tratteratra. Da ist der kleine Knabe. Tratteratra&#8220; Und Schwerter und R\u00fcstungen auf den alten Ritterbildern rasselten und die Seidenkleider raschelten, das Schweinsleder sprach und die alten St\u00fchle hatten Gicht im R\u00fccken: &#8222;au!&#8220; Es war ganz genau wie beim ersten Mal, denn hier dr\u00fcben war ein Tag und eine Stunde ganz wie die andere.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ich kann das nicht aushalten!&#8220; sagte der Zinnsoldat. &#8222;Ich habe Zinn geweint! Hier ist es allzu traurig lass mich lieber in den Krieg ziehen und Arme und Beine verlieren! Das ist doch eine Abwechslung. Ich kann das nicht aushalten! \u2013 nun wei\u00df ich, was das hei\u00dft, Besuch von seinen alten Gedanken zu bekommen, mit dem was sie mit sich f\u00fchren k\u00f6nnen. Ich habe von meinen Besuch gehabt, und Du kannst mir glauben, es ist kein Vergn\u00fcgen auf die Dauer. Ich war zuletzt nahe daran, von der Kommode zu springen. Euch alle da dr\u00fcben sah ich so deutlich, als ob Ihr wirklich hier w\u00e4ret; es war wieder der Sonntagmorgen \u2013 Du wei\u00dft doch noch. Alle Ihr Kinder standet vor dem Tische und sangt Eure Lieder, wie Ihr sie jeden Morgen singt. Ihr standet and\u00e4chtig mit gefalteten H\u00e4nden, und Vater und Mutter waren ebenso feierlich, und dann ging die T\u00fcr auf, und die kleine Schwester Maria, die noch nicht zwei Jahre alt war, und die immer tanzte, wenn sie Musik oder Gesang h\u00f6rte, was f\u00fcr eine Art es auch sein mochte, wurde hereingeschoben. Sie sollte es nun eigentlich nicht \u2013 aber sie fing an zu tanzen, konnte jedoch nicht recht in den Takt kommen, denn die T\u00f6ne waren so lang, und so stand sie erst auf dem einen Bein und bog den Kopf ganz nach vorn \u00fcber, und dann auf dem andern Bein und den Kopf noch weiter vorn\u00fcber, aber es wollte nicht recht gehen. Ihr standet alle ganz ernst da, obgleich es recht schwer hielt damit; ich aber lachte innerlich, und deshalb fiel ich vom Tische herunter und bekam eine Beule, mit der ich jetzt noch gehe, denn es war nicht recht von mir, zu lachen. Aber das Ganze zieht jetzt wieder innerlich an mir vor\u00fcber und noch manches andere, was ich so erlebt habe. Das werden wohl die alten Gedanken sein, mit allem, was sie mit sich f\u00fchren k\u00f6nnen. Sag mir, singt Ihr noch immer an den Sonntagen? Erz\u00e4hle mir ein bisschen von der kleinen Maria. Und wie geht es meinem Kameraden, dem andern Zinnsoldaten? Ja, er ist wirklich gl\u00fccklich. Ich kann das nicht aushalten.&#8220;<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Du bist weggeschenkt!&#8220; sagte der kleine Knabe. &#8222;Du musst bleiben. Kannst Du das nicht einsehen?&#8220;<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Und der alte Mann kam mit einem Kasten, worin es viele Dinge zu sehen gab, seltsame, kleine H\u00e4uschen, Balsamb\u00fcchsen und alte Karten, so gro\u00df und dick vergoldet, wie man sie jetzt gar nicht mehr sieht. Und es wurden gro\u00dfe Schubladen aufgezogen und das Klavier wurde ge\u00f6ffnet; das hatte eine Landschaft inwendig auf dem Deckel und war ganz heiser, als der alte Mann darauf spielte. Er summte dabei eine alte Weise.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ja, die konnte sie singen&#8220; sagte er, und dann nickte er zu dem Portr\u00e4t hin\u00fcber, das er beim Tr\u00f6dler gekauft hatte, und des alten Mannes Augen leuchteten auf.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ich will in den Krieg! Ich will in den Kriegt&#8220; rief pl\u00f6tzlich der Zinnsoldat so laut er konnte und st\u00fcrzte sich auf den Fu\u00dfboden.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Ja, wo war er geblieben? Der alte Mann suchte, der kleine Knabe suchte, aber fort war er und fort blieb er. &#8222;Ich werde ihn schon finden!&#8220; sagte der Alte, aber er fand ihn nie mehr! Der Fu\u00dfboden hatte allzu gro\u00dfe L\u00f6cher und Ritzen. Der Zinnsoldat war durch eine Spalte gefallen, und dort lag er im offenen Grabe.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Und der Tag verging, und der kleine Knabe kam heim, und die Woche verging und noch viele Wochen. Die Fenster waren ganz zugefroren. Der kleine Knabe musste sitzen und darauf blasen, um ein Guckloch zu dem alten Haus hin\u00fcber zu bekommen. Dort war der Schnee in alle Schn\u00f6rkel und Inschriften hineingefegt. Er lag dicht \u00fcber der Treppe, gerade, als sei niemand dort zuhause. Und es war auch niemand zuhause, der alte Mann war tot.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Am Abend hielt ein Wagen davor, und zu ihm herunter trug man ihn in seinem Sarge. Er sollte drau\u00dfen auf dem Lande in seinem Erbbegr\u00e4bnis beerdigt werden. Da fuhr er nun, aber niemand folgte, alle seine Freunde waren ja tot. Nur der kleine Knabe warf dem Sarge viele Kussh\u00e4nde nach, als er fortfuhr.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Einige Tage sp\u00e4ter war Auktion in dem alten Hause, und der kleine Knabe sah von seinem Fenster aus, wie man die alten Ritter und die alten Damen, die Blument\u00f6pfe mit den langen Ohren, die alten St\u00fchle und die alten Schr\u00e4nke wegtrug. Einiges kam hierhin, einiges dorthin. Das Portr\u00e4t von ihr, das er beim Tr\u00f6dler gefunden hatte, kam wieder zum Tr\u00f6dler und dort blieb es h\u00e4ngen; denn nun kannte sie niemand mehr, und niemand k\u00fcmmerte sich um das alte Bild.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Im Fr\u00fchjahr riss man auch das Haus nieder, denn es sei nur ein altes Ger\u00fcmpel, sagten die Leute. Von der Stra\u00dfe aus konnte man gerade in die Stuben mit dem Schweinslederbezug hineinsehen, der zerfetzt und heruntergerissen wurde. Und all das Gr\u00fcne hing vom Altan wild um die fallenden Balken herab. \u2013 Und dann wurde dort aufger\u00e4umt.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Das half!&#8220; sagten die Nachbarh\u00e4user.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Und es wurde ein herrliches, neues Haus dort gebaut mit gro\u00dfen Fenstern und wei\u00dfen, glatten Mauern. Aber vorne, wo eigentlich das alte Haus gestanden hatte, wurde ein kleiner Garten angelegt, und zu des Nachbarhauses Mauern hinauf wuchsen wilde Weinranken. Vor den Garten kam ein gro\u00dfes eisernes Gitter mit eiserner T\u00fcr; das sah gar stattlich aus. Die Leute standen still und schauten hinein. Und die Spatzen hingen sich dutzendweil an die Weinranken und nahmen einander das Wort vom Munde, so gut sie konnten, aber es war nicht das alte Haus, wor\u00fcber sie sprachen, denn darauf konnten sie sich nicht besinnen. Es waren nun schon so viele Jahre dar\u00fcber hingegangen, dass der kleine Knabe zu einem gro\u00dfen Manne herangewachsen war, ja, zu einem t\u00fcchtigen Mann, an dem seine Eltern Freude hatten. Er hatte sich eben verheiratet und war mit seiner kleinen Frau hier in das Haus gezogen, wo der Garten war. Und er stand dort bei ihr, w\u00e4hrend sie eine Feldblume pflanzte, die sie gar niedlich fand. Sie pflanzte sie mit ihrer kleinen Hand und klopfte die Erde mit den Fingern fest. \u2013 Au, was war das? Sie hatte sich gestochen. Da sa\u00df etwas Spitzes gerade oben auf der weichen Erde.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Es war \u2013 ja denk nur. Es war der Zinnsoldat, er, der bei dem alten Mann da oben fortgekommen war, der inzwischen bei Zimmerholz und Schutt herumgebummelt, sich t\u00fcchtig getummelt und zuletzt viele Jahre lang in der Erde gelegen hatte.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Und die junge Frau wischte den Soldaten zuerst mit einem gr\u00fcnen Blatte, dann mit ihrem feinen Taschentuch ab; das hatte einen so lieblichen Duft. Und es war dem Zinnsoldaten, als erwache er aus einer Ohnmacht.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Lass mich sehen!&#8220; sagte der junge Mann, dann lachte er und sch\u00fcttelte den Kopf. &#8222;Ja, er kann es wohl nicht gut sein, aber er erinnert mich an eine Geschichte mit einem Zinnsoldaten, die geschah, als ich noch ein kleiner Knabe war.&#8220; Und dann erz\u00e4hlte er seiner Frau von dem alten Hause und dem alten Manne und dem Zinnsoldaten, den er ihm hin\u00fcbergeschickt hatte, weil er so schrecklich allein war. Und er erz\u00e4hlte es ganz genau so, wie es wirklich gewesen war, so dass der jungen Frau Tr\u00e4nen in die Augen stiegen \u00fcber das alte Haus und den alten Mann.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Es kann doch sein, dass es derselbe Zinnsoldat ist!&#8220; sagte sie. &#8222;Ich will ihn aufbewahren und alles behalten, was Du mir erz\u00e4hlt hast. Aber des alten Mannes Grab musst Du mir zeigen!&#8220;<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ja, das wei\u00df ich nicht,&#8220; sagte er, &#8222;und niemand wei\u00df es. Alle seine Freunde waren tot, niemand k\u00fcmmerte sich darum, und ich war ja ein kleiner Knabe.&#8220;<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Wie schrecklich allein muss er gewesen sein.&#8220; sagte sie.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Schrecklich allein!&#8220; sagte der Zinnsoldat, &#8222;aber es ist herrlich, nicht vergessen zu sein.&#8220;<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Herrlich!&#8220; rief etwas dicht daneben; aber niemand au\u00dfer dem Zinnsoldaten sah, dass es ein Fetzen von dem schweinsledernen Bezuge war. Er war ohne alle Vergoldung und sah aus wie nasse Erde, aber eine Meinung hatte er, und die sprach er aus:<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Vergoldung vergeht, Aber Schweinsleder besteht.&#8220; Doch das glaubte der Zinnsoldat nicht.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dr\u00fcben in der Stra\u00dfe stand ein altes, altes Haus, das war fast dreihundert Jahr alt, so konnte man an einem Balken lesen, an dem die Jahreszahl zugleich mit Tulpen und Hopfenranken eingekerbt war. Da standen ganze Verse in der Schreibweise alter Tage, und \u00fcber jedem Fenster war ein fratzenhaftes Gesicht in den Balken eingeschnitten. Das obere Stockwerk hing weit \u00fcber das untere, und unter dem Dache war eine Bleirinne mit Drachenk\u00f6pfen. Das Regenwasser sollte aus dem Rachen herauslaufen, aber es lief aus dem Bauche, denn es war ein Loch in der Rinne.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3884,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[88,85],"tags":[],"class_list":["post-809","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-hans-chr-andersen","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/809","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=809"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/809\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3886,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/809\/revisions\/3886"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3884"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=809"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=809"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=809"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}