{"id":794,"date":"2016-03-16T23:03:33","date_gmt":"2016-03-16T22:03:33","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=794"},"modified":"2026-01-25T19:55:48","modified_gmt":"2026-01-25T18:55:48","slug":"sonnenmann-und-mondfrau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/sonnenmann-und-mondfrau\/","title":{"rendered":"Sonnenmann und Mondfrau"},"content":{"rendered":"\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Sonnenmann und Mondfrau<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Indianerm\u00e4rchen<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Es ist schon sehr lange her, da lebte an den Ufern des Huron-Sees ein alter Mann mit seiner Frau. Die beiden hatten einen Sohn, den sie O-na-wut-a-qut-o nannten, was so viel bedeutet wie Der-die-Wolken-f\u00e4ngt, denn er war ein aufgeweckter Junge, der es schon einmal zu etwas bringen w\u00fcrde. Die Familie geh\u00f6rte zum Biber-Clan, der schon seit unvordenklichen Zeiten im Stamme eine besondere Stellung einnahm.<\/p>\n\n\n\n<p>AIs der Sohn herangewachsen war, sollte er, wie alle jungen Indianer seines Stammes, in den Wald gehen, um zu fasten. Denn nur auf diese Weise konnte er je dem Gro\u00dfen Geiste nahekommen und von ihm ein Zeichen erhalten, das ihn zum vollg\u00fcltigen Krieger machte. AIs die Fastenzeit f\u00fcr O-na-wut-a-qut-o herangekommen war, gaben ihm seine Eltern Holzkohle statt der Mahlzeit, damit er sich das Gesicht bemale zum Zeichen, dass er fortan fasten wolle. Der Junge aber wollte davon nichts wissen, sondern ging in den Wald, wo er sich Vogeleier suchte, die er verzehrte. Seine Eltern, die \u00fcber dies seltsame Benehmen recht ungehalten waren, zwangen ihn schlie\u00dflich doch, sich das Gesicht zu schw\u00e4rzen. Der &#8211; die &#8211; Wolken &#8211; f\u00e4ngt verlie\u00df den Wigwam seiner Eltern und blieb die ganze Nacht \u00fcber im Walde. Hier hatte er einen seltsamen Traum.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine sch\u00f6ne Frau kam aus den Wolken zu ihm und rief ihn an: \u201eO-na-wut-a-qut-o, ich komme, dich zu holen. Folge genau meinen Fu\u00dfstapfen.\u201c Der junge Mann folgte dieser Aufforderung und fand sich mit einem Male \u00fcber den Baumwipfeln und schlie\u00dflich sogar \u00fcber den Wolken. W\u00e4hrend er sich m\u00fchte, den Schritten seiner F\u00fchrerin zu folgen, sah er pl\u00f6tzlich eine gro\u00dfe Ebene vor sich. Ein Pfad f\u00fchrte zu einem gro\u00dfen Wigwam in der N\u00e4he. Z\u00f6gernd folgte er seiner Begleiterin in die H\u00fctte und befand sich gleich darauf in einem der beiden R\u00e4ume, aus denen der Wigwam bestand. Hier hingen Tomahawk und Bogen, ein Kocher mit Pfeilen, Speere und Federhauben, und alles deutete darauf hin, dass er in die Behausung eines gro\u00dfen Kriegers geraten war. Der andere Raum hingegen konnte nur der jungen Frau geh\u00f6ren, die ihn auf so seltsame Weise an diesen Ort gebracht hatte, denn in der Mitte lag ein wundersch\u00f6ner breiter G\u00fcrtel, reich verziert und mit vielen bunten Mustern bestickt, an dem sie nun zu arbeiten begann.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbMein Bruder wird gleichkommen. Da will ich dich lieber verstecken\u00ab, sagte sie nach einer Weile und warf den G\u00fcrtel \u00fcber O-na-wut-a-qut-o, der ganz darunter verschwand. Kurz darauf trat ein Mann ein, der schon an seiner Kleidung als gro\u00dfer H\u00e4uptling zu erkennen war. Die Pfeilspitzen in seinem Kodier gl\u00e4nzten wie Silber, und der Kolben seines Tomahawks war \u00fcber und \u00fcber mit Silbernageln verziert. Am Halse trug er eine Pfeife mit zierlich geschnitztem Kopf. Kaum hatte er die H\u00fctte betreten, als er sich an seine Schwester wandte: \u00bbHast du vergessen, dass der Gro\u00dfe Geist verboten hat, Menschen von der Erde zu entf\u00fchren? Oder vielleicht glaubst du, ich w\u00fcsste nicht, dass jener junge Ottawa, der sich O-na-wut-a-qut-o nennt, hier ist? Wenn du mich nicht beleidigen willst, bring ihn sogleich zur\u00fcck.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schwester aber wollte sich unter keinen Umstanden von dem Entf\u00fchrten trennen. So willigte der Bruder schlie\u00dflich ein, dass der junge Ottawa dableiben d\u00fcrfe. \u00bbKomm aus deinem Versteck hervor, sonst wirst du dort noch verhungern l- rief er. Anschlie\u00dfend beschenkte er ihn mit Pfeil und Bogen und einer Pfeife aus rotem Stein, deren Kopf einen Biber darstellte. Nunmehr waren das M\u00e4dchen und der Ottawa Mann und Frau.<\/p>\n\n\n\n<p>O-na-wut-a-qut-o sah bald, dass es in diesem Lande au\u00dfer seiner Frau und deren Bruder niemanden gab. Die Pr\u00e4rie war voller Blumen, und die Taler waren gr\u00fcn und freundlich. Vogel und anderes Getier gab es im \u00dcberfluss, aber alles war unbewohnt. Nirgends zog der Rauch eines Lagerfeuers durch den Wald, und in den T\u00e4lern fand sich keine Spur eines Mokassins. Jeden Morgen verlie\u00df der Bruder den Wigwam, um erst am Abend zur\u00fcckzukehren. Dann ging die Frau fort und kam erst gegen Morgen wieder. Dies alles kam dem jungen Ottawa recht seltsam vor, und eines Tages fragte er den Bruder, ob er ihn begleiten d\u00fcrfe, was dieser z\u00f6gernd gestattete.<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fch am Morgen verlie\u00dfen sie den Wigwam und wanderten \u00fcber die endlose Pr\u00e4rie. Schlie\u00dflich versp\u00fcre O-na-wut- a-qut-o gro\u00dfen Hunger, aber sein Begleiter bat ihn, sich zu gedulden. \u00bbBald werden wir rasten, dann kannst du genug essen.\u00ab Nach einer Weile kamen die beiden an eine Stelle, wo ein paar Schilfmatten auf dem Boden lagen. Ein Loch im Himmel lie\u00df die beiden Wanderer die Welt unter ihnen in allen Einzelheiten erkennen. Da lagen die gro\u00dfen Seen und die D\u00f6rfer der Ottawa und Chippewa. An einer Stelle sah man eine Gruppe von Irokesen vorsichtig ein Lager beschleichen; in einem Dorfe tanzten die M\u00e4nner um ein gro\u00dfes Feuer; und auf einer Wiese spielten junge Leute ein Ballspiel, das die Franzosen Lacrosse nennen und das die Ottawa schon lange vor den Wei\u00dfen gekannt haben. Am Ufer eines Flusses sammelten Frauen Binsen, um Matten daraus zu flechten, w\u00e4hrend eine Anzahl von Rindenkanus, getrieben von blitzenden Paddeln, den See \u00fcberquerten. Staunend besah sich der junge Mann die Welt, die seine Heimat war.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSiehst du dort unten die Kinder neben dem Wigwam spielen?\u00ab fragte der Mann. \u00bbBeobachte den Jungen, der so eifrig ist, und pass auf, was mit ihm geschieht.\u00ab Gleichzeitig lie\u00df er etwas aus seiner Hand auf die Erde schl\u00fcpfen. Pl\u00f6tzlich fiel das Kind hin und wand sich in Kr\u00e4mpfen. Eilends wurde es von den Erwachsenen in einen Wigwam getragen. In wenigen Augenblicken hatte sich eine Schar von Leuten versammelt, mit wichtiger Miene bahnte sich der Medizinmann seinen Weg durch die Menge, und bald horten die beiden Beobachter das monotone tom-tom-tom-tom der Trommel und den Gesang des Zauberers, der die Geister und die Sonne anflehte, das Kind zu retten. Als alle Gebete und Ges\u00e4nge nicht helfen wollten, wurde ein wei\u00dfer Hund geopfert und \u00fcber dem Feuer gerostet, w\u00e4hrend alle weisen M\u00e4nner des Dorfes ehrfurchtsvoll den Hantierungen des Medizinmannes zusahen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEs gibt viele dort unten\u00ab, lie\u00df sich die Stimme des Bruders vernehmen, \u00bbdie ihr f\u00fcr gro\u00dfe Heilk\u00fcnstler haltet, aber das kommt nur daher, weil sie auf mich h\u00f6ren und tun, was ich ihnen vorschreibe. Wenn ich jemanden mit Krankheit geschlagen habe, dann beten die Menschen zu mir, und wenn sie mir die richtigen Opfergaben senden, dann nehme ich die Krankheit von ihnen, und sie werden geheilt.\u00ab W\u00e4hrend er noch sprach, hatte man auf der Erde den gebratenen Hund in viele Teile zerlegt, ein St\u00fcck f\u00fcr jeden, der an der Opferfeier teilgenommen hatte. Darauf sprach der Medizinmann: \u00bbZu dir, Gro\u00dfer Geist, senden wir unser Opfer, Nimm unsere Gabe, Manitu, und heile das Kind von seiner Krankheit.\u00ab Sogleich erschien vor den beiden der gebratene Hund, ein Leckerbissen, den jeder zu sch\u00e4tzen wei\u00df. So war denn f\u00fcr die Wanderer das Mahl bereiter, und nachdem sie gegessen hatten, zogen sie weiter und kamen schlie\u00dflich wieder beim Wigwam an.<\/p>\n\n\n\n<p>Osna-wut-a-qut-o aber konnte seine Freunde und seine Eltern auf der Erde nicht vergessen, seine Sehnsucht nach ihnen wurde immer gro\u00dfer. Schlie\u00dflich bat er seine Frau um Erlaubnis, wieder auf die Erde zur\u00fcckzukehren. \u00bbDa du das Leben auf der Erde dem bei uns vorziehst, will ich dir deine Bitte gewahren\u00ab, sagte sie, \u00bbaber vergi\u00df nie, dass du mir geh\u00f6rst und niemals ein anderes M\u00e4dchen heiraten darfst. Solltest du es dennoch tun, so werde ich dir zeigen, dass ich st\u00e4rker bin, als du vermutest.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum waren diese Worte verklungen, als O-na-wut-a-qut-o, Der-die-Wolken-fangt, sich wieder auf der Erde befand, genau an jener Stelle, an der er sich zum Schlafe niedergelegt hatte. Statt jener \u00fcberirdischen Gesch\u00f6pfe sah er mit einem Male seine Eltern vor sich. Seine Mutter aber rief: \u00bbVier lange Jahre bist du fortgewesen. Wir alle glaubten bereits, dass dir etwas zugesto\u00dfen sei!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Es dauerte eine Weile, ehe sich O-na-wut-a-qut-o wieder entsann, wie er denn hierher zur\u00fcckgekommen war. Langsam gewohnte er sich daran, nunmehr ein vollg\u00fcltiger Krieger zu sein. Nach und nach verblasste die Erinnerung an die seltsame Begebenheit, und eines Tages wusste er nicht einmal mehr, ob er dies alles nicht nur getr\u00e4umt habe. So verga\u00df er auch die Ermahnungen der Frau und heiratete ein junges M\u00e4dchen aus dem Clan der Stachelschweine. Aber nach vier Tagen war die Braut tot, und mit einer zweiten Heirat erging es ihm nicht besser. Kurz danach verlie\u00df er eines nachts den Wigwam und blieb spurlos verschwunden. Die Ottawa aber berichten, dass die Mondfrau ihn wieder zu sich geholt habe und dass er noch heute ihren Bruder, die Sonne, auf seiner t\u00e4glichen Wanderung begleite.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist schon sehr lange her, da lebte an den Ufern des Huron-Sees ein alter Mann mit seiner Frau. 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