{"id":773,"date":"2016-01-26T15:48:04","date_gmt":"2016-01-26T14:48:04","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=773"},"modified":"2025-12-27T21:28:06","modified_gmt":"2025-12-27T20:28:06","slug":"die-schneekoenigin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-schneekoenigin\/","title":{"rendered":"Die Schneek\u00f6nigin"},"content":{"rendered":"\n<p>Hans Chr. Andersen<br>\n<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><br>\n<strong>Von dem Spiegel und den Scherben<\/strong><br>\nSeht, nun fangen wir an. Wenn wir am Ende der Geschichte sind, wissen wir mehr als jetzt, denn es war ein b\u00f6ser Kobold! Er war einer der aller\u00e4rgsten, er war der Teufel. Eines Tages war er recht bei Laune, denn er hatte einen Spiegel gemacht, der die Eigenschaft besa\u00df, dass alles Gute und Sch\u00f6ne, was sich darin spiegelte, fast zu nichts zusammenschwand, aber das, was nichts taugte und sich schlecht ausnahm, hervortrat und noch \u00e4rger wurde. Die herrlichsten Landschaften sahen wie gekochter Spinat darin aus, und die besten Menschen wurden widerlich oder standen auf dem Kopf ohne Rumpf. Die Gesichter wurden so verdreht, dass sie nicht zu erkennen waren, und hatte man eine Sommersprosse, so konnte man \u00fcberzeugt sein, dass sie sich \u00fcber Nase und Mund ausbreitete. Das sei \u00e4u\u00dferst belustigend, sagte der Teufel. Fuhr nun ein guter, frommer Gedanke durch einen Menschen, dann zeigte sich ein Grinsen im Spiegel, so dass der Teufel \u00fcber seine k\u00fcnstliche Erfindung lachen musste. Die, welche die Koboldschule besuchten, &#8211; denn er hielt Koboldschule, &#8211; erz\u00e4hlten \u00fcberall, dass ein Wunder geschehen sei; nun k\u00f6nnte man erst sehen, meinten sie, wie die Welt und die Menschen wirklich auss\u00e4hen. Sie liefen mit dem Spiegel umher, und zuletzt gab es kein Land und keinen Menschen mehr, welcher nicht verdreht darin gesehen worden w\u00e4re. Nun wollten sie auch zum Himmel selbst auffliegen, um sich \u00fcber die Engel und den lieben Gott lustig zu machen. Je h\u00f6her sie mit dem Spiegel flogen, umso mehr grinste er; sie konnten ihn kaum festhalten. Sie flogen h\u00f6her und h\u00f6her, Gott und Englein n\u00e4her; da erzitterte der Spiegel so f\u00fcrchterlich in seinem Grinsen, dass er ihren H\u00e4nden entfiel und zur Erde fiel, wo er in hundert Millionen, Billionen und noch mehr St\u00fccke zersprang. Und nun gerade verursachte er weit gr\u00f6\u00dferes Ungl\u00fcck als zuvor, denn einge St\u00fccke waren kaum so gro\u00df wie ein Sandkorn. Diese flogen nun in die weite Welt, und wo jemand sie in das Auge bekam, da blieben sie sitzen, und da sahen die Menschen alles verkehrt oder hatten nur Augen f\u00fcr das Verkehrte bei einer Sache; denn jede kleine Spiegelscherbe behielt dieselben Kr\u00e4fte, welche der ganze Spiegel besessen hatte. Einige Menschen bekamen sogar eine Spiegelscherbe in das Herz, dann aber war es ganz entsetzlich: das Herz wurde einem Klumpen Eis gleich. Einige Spiegelscherben waren so gro\u00df, dass sie zu Fensterscheiben verbraucht wurden; aber durch diese Scheiben taugte es nicht, seine Freunde zu betrachten. Andere St\u00fccke kamen in Brillen, und dann ging es schlecht, wenn die Leute diese Brillen aufsetzten, um recht zu sehen und gerecht zu sein. Der B\u00f6se lachte, dass ihm der Bauch wackelte, und das kitzelte ihn so angenehm. Aber drau\u00dfen flogen noch kleine Glasscherben in der Luft umher. Nun, wir werden&#8217;s h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ein kleiner Junge und ein kleines M\u00e4dchen<\/strong><br>\nDrinnen in der gro\u00dfen Stadt, wo so viele Menschen und H\u00e4user sind, dass dort nicht Platz genug ist, damit alle Leute einen kleinen Garten besitzen k\u00f6nnen, und wo sich deshalb die meisten mit Blumen in Blument\u00f6pfen begn\u00fcgen m\u00fcssen, waren zwei arme Kinder, die einen etwas gr\u00f6\u00dferen Garten als einen Blumentopf besa\u00dfen. Sie waren nicht Bruder und Schwester, aber sie waren sich ebenso gut, als wenn sie es waren. Die Eltern wohnten einander gerade gegen\u00fcber in zwei Dachkammern. Da, wo das Dach des einen Nachbarhauses gegen das andere stie\u00df und die Wasserrinne zwischen den Dachern entlang lief, war in jedem Hause ein kleines Fenster; man brauchte nur \u00fcber die Rinne zu schreiten, so konnte man von dem einen Fenster zu dem andern gelangen.<br>\nBeider Eltern hatten drau\u00dfen einen gro\u00dfen h\u00f6lzernen Kasten, und darin wuchsen K\u00fcchenkr\u00e4uter, die sie gebrauchten, und ein kleiner Rosenstock. In jedem Kasten stand einer; die wuchsen herrlich. Nun fiel es den Eltern ein, die Kasten quer \u00fcber die Rinne zu stellen, so dass sie fast von dem einen Fenster zum andern reichten und zwei Blumenwallen ganz \u00e4hnlich sahen. Erbsenranken hingen \u00fcber die Kasten herab, und die Rosenst\u00f6cke schossen lange Zweige, die sich um die Fenster rankten und einander entgegen bogen; es war fast einer Ehrenpforte von Bl\u00e4ttern und Blumen gleich. Da die Kasten sehr hoch waren und die Kinder<br>\nwussten, dass sie nicht hinaufkriechen durften, so erhielten sie oft die Erlaubnis, zueinander hinaus zu steigen und auf ihren kleinen Schemeln unter den Rosen zu sitzen. Da spielten sie dann pr\u00e4chtig.<br>\nIm Winter hatte dieses Vergn\u00fcgen ein Ende. Die Fenster waren oft ganz zugefroren, aber dann w\u00e4rmten sie Kupferschillinge auf dem Ofen und legten den warmen Schilling gegen die gefrorene Scheibe; dadurch entstand ein sch\u00f6nes Gucklock, so rund, so rund. Dahinter blitzte ein lieblich mildes Auge, eins vor jedem Fenster; das war der kleine Knabe und das kleine M\u00e4dchen. Er hie\u00df Kay, und sie hie\u00df Gerda. Im Sommer konnten sie mit einem Sprung zueinander gelangen, im Winter mussten sie erst die vielen Treppen herunter und die Treppen hinauf; drau\u00dfen stob der Schnee.<br>\n&#8222;Das sind die wei\u00dfen Bienen, die schw\u00e4rmen&#8220;, sagte die alte Gro\u00dfmutter.<br>\n&#8222;Haben sie auch eine Bienenk\u00f6nigin?&#8220; fragte der kleine Knabe, denn er wusste, dass unter den wirklichen Bienen eine solche ist.<br>\n&#8222;Die haben sie&#8220;, sagte die Gro\u00dfmutter. &#8222;Sie fliegt dort, wo sie am dichtesten schw\u00e4rmen. Sie ist die Gr\u00f6\u00dfte von allen, und nie bleibt sie still auf der Erde; sie fliegt wieder in die schwarzen Wolken hinauf. Manche Mitternacht fliegt sie durch die Stra\u00dfen der Stadt und blickt zu den Fenstern hinein, und dann frieren diese so sonderbar und sehen wie Blumen aus.&#8220;<br>\n&#8222;Ja, das haben wir gesehen&#8220;, sagten beide Kinder und wussten nun, dass es wahr sei.<br>\n&#8222;Kann die Schneek\u00f6nigin hier herein kommen?&#8220; fragte das M\u00e4dchen.<br>\n&#8222;Lass sie nur kommen!&#8220; sagte der Knabe; &#8222;dann setze ich sie auf den warmen Ofen, und sie schmilzt.&#8220;<br>\nAber die Gro\u00dfmutter gl\u00e4ttete sein Haar und erz\u00e4hlte andere Geschichten.<br>\nAm Abend, als der kleine Kay zu Hause und halb entkleidet war, kletterte er auf den Stuhl am Fenster und guckte durch das kleine Loch. Einige Schneeflocken fielen drau\u00dfen, und eine, die gr\u00f6\u00dfte, blieb auf dem Rand des einen Blumenkastens liegen. die Schneeflocke wuchs mehr und mehr und wurde zuletzt eine ganze Jungfrau, in den feinsten wei\u00dfen Flor gekleidet, der aus Millionen sternartigen Flocken zusammengesetzt war. Sie war so sch\u00f6n und fein, aber von Eis, von blendendem, blinkendem Eis. Doch sie war lebendig; die Augen blitzten wie zwei klare Sterne, aber es war keine Ruhe und keine Rast in ihnen. Sie nickte dem Fenster zu und winkte mit der Hand. Der kleine Knabe erschrak und sprang vom Stuhle herunter; da war es, als ob drau\u00dfen vor dem Fenster ein gro\u00dfer Vogel vorbeifl\u00f6ge.<br>\nAm n\u00e4chsten Tage wurde es klarer Frost &#8211; und dann kam das Fr\u00fchjahr. Die Sonne schien, das Gr\u00fcn keimte hervor, die Schwalben bauten Nester, die Fenster wurden ge\u00f6ffnet, und die kleinen Kinder sa\u00dfen wieder in ihrem kleinen Garten hoch oben in der Dachrinne \u00fcber allen Stockwerken.<br>\nWie prachtvoll bl\u00fchten die Rosen diesen Sommer! Das kleine M\u00e4dchen hatten einen Psalm gelernt, in dem auch von Rosen die Rede war, und bei den Rosen dachte sie an ihre eigenen, und sie sang ihn dem kleinen Knaben vor, und er sang mit:<br>\n&#8222;Die Rosen sie verbl\u00fchn und verwehen, Wir werden das Christkindlein sehen!&#8220;<br>\nUnd die Kleinen hielten einander bei den H\u00e4nden, k\u00fcssten die Rosen, blickten in Gottes hellen Sonnenschein hinein und sprachen zu ihm, als ob das Jesuskind da w\u00e4re. Was waren das f\u00fcr herrliche Sommertage! Wie sch\u00f6n war es drau\u00dfen bei den frischen Rosenhecken, die zu bl\u00fchen nie aufh\u00f6ren zu wollen schienen!<br>\nKay und Gerda sahen in das Bilderbuch mit Tieren und V\u00f6geln, da war es &#8211; die Uhr schlug gerade f\u00fcnf auf dem gro\u00dfen Kirchturm &#8211; als Kay sagte: &#8222;Au! es stach mich in das Herz, und mir flog etwas ins Auge!&#8220;<br>\nDas kleine M\u00e4dchen fiel ihm um den Hals. Er blinzelte mit den Augen, &#8211; nein, es war nichts zu sehen.<br>\n&#8222;Ich glaube, es ist weg!&#8220; sagte er; aber weg war es doch nicht. Es war gerade so eins von jenen Glask\u00f6rnern, die vom Spiegel gesprungen waren, dem Zauberspiegel, &#8211; wir entsinnen uns seiner wohl, &#8211; dem h\u00e4sslichen Glas, das alles Gro\u00dfe und Gute, das sich darin abspiegelte, klein und h\u00e4sslich machte, aber das B\u00f6se und Schlechte trat recht hervor, und jeder Fehler an einer Sache war gleich zu bemerken. Der arme Kay hatte auch ein K\u00f6rnchen gerade in das Herz hinein bekommen. Das wird nun bald wie ein Eisklumpen werden. Nun tat es nicht mehr weh, aber das K\u00f6rnchen war da.<br>\n&#8222;Weshalb weinst du?&#8220; fragte er. &#8222;So siehst du h\u00e4sslich aus! &#8211; Mir fehlt ja nichts! &#8211; Pfui!&#8220; rief er auf einmal, &#8222;die Rose dort hat einen Wurmstich! Und sieh, diese da ist ganz schief! Im Grunde sind es h\u00e4ssliche Rosen! Sie gleichen dem Kasten, in welchem sie stehen.&#8220; Und dann stie\u00df er mit dem Fu\u00df gegen den Kasten und riss die beiden Rosen ab.<br>\n&#8222;Kay&#8216; was machst du?&#8220; rief das kleine M\u00e4dchen; und als er ihren Schrecken gewahrte, riss er noch eine Rose ab und sprang dann in sein Fenster hinein von der kleinen, lieblichen Gerda fort.<br>\nWenn sie sp\u00e4ter mit dem Bilderbuch kam, sagte er, dass das f\u00fcr Wickelkinder sei, und erz\u00e4hlte die Gro\u00dfmutter Geschichten, so kam er immer mit einem Aber. Konnte er es m\u00f6glich machen, dann ging er hinter ihr her, setzte eine Brille auf und sprach ebenso wie sie; das machte er ganz treffend, und die Leute lachten \u00fcber ihn. Bald konnte er die Sprache und den Gang aller Menschen in der ganzen Stra\u00dfe nachahmen. Alles, was an ihnen eigent\u00fcmlich und unsch\u00f6n war, das wusste Kay nachzuahmen. Und die Leute sagten: &#8222;Das ist sicher ein ausgezeichneter Kopf, den der Knabe hat!&#8220; Aber es war das Glas, welches ihm im Herzen sa\u00df; daher kam es auch, dass er selbst die kleine Gerda neckte, die ihm doch von ganzem Herzen gut war.<br>\nSeine Spiele wurden nun anders als fr\u00fcher, sie wurden ganz verst\u00e4ndig. &#8211; An einem Wintertag, als es schneite, kam er mit einem gro\u00dfen Brennglas&#8216; hielt seinen blauen Rockzipfel heraus und lie\u00df die Schneeflocken darauf fallen.<br>\n&#8222;Sieh nur in das Glas, Gerda!&#8220; sagte er, und jede Schneeflocke wurde viel gr\u00f6\u00dfer und sah aus wie eine pr\u00e4chtige Blume oder ein zehneckiger Stern; es war sch\u00f6n anzusehen. &#8222;Siehst du, wie k\u00fcnstlich!&#8220; sagte Kay. &#8222;Das ist weit interessanter als die wirklichen Blumen! Und es ist kein einziger Fehler daran; sie sind ganz regelm\u00e4\u00dfig. Wenn sie nur nicht schmelzen w\u00fcrden!&#8220;<br>\nBald darauf kam Kay mit gro\u00dfen Handschuhen und seinem Schlitten auf dem R\u00fccken. Er rief Gerda in die Ohren: &#8222;Ich habe die Erlaubnis erhalten, auf dem gro\u00dfen Platz zu fahren, wo die andern Knaben spielen!&#8220; und weg war er.<br>\nDort auf dem Platze banden die kecksten Knaben oft ihre Schlitten an die Wagen der Landleute fest, und dann fuhren sie ein gutes St\u00fcck Wegs mit. Das ging recht sch\u00f6n. Als sie im besten Spielen waren, kam ein gro\u00dfer Schlitten; der war ganz wei\u00df angestrichen, und darin sa\u00df jemand in einen rauhen, wei\u00dfen Pelz geh\u00fcllt und mit einer rauhen, wei\u00dfen M\u00fctze auf dem Kopf. Der Schlitten fuhr zweimal um den Platz herum, und Kay band seinen kleinen Schlitten schnell daran fest, und nun fuhr er mit. Es ging rascher und rascher, gerade hinein in die n\u00e4chste Stra\u00dfe. Der, welcher fuhr, drehte sich um und nickte dem Kay freundlich zu; es war, als ob sie einander kennten. Jedes Mal, wenn Kay seinen kleinen Schlitten abbinden wollte, nickte der Fahrende wieder, und dann blieb Kay sitzen. Sie fuhren zum Stadttor hinaus. Da begann<br>\nder Schnee so dicht niederzufallen, dass der kleine Knabe keine Hand vor sich erblicken konnte; aber er fuhr weiter. Nun lie\u00df er schnell die Schnur fahren, um von dem gro\u00dfen Schlitten loszukommen, doch das half nichts, sein kleines Fuhrwerk hing fest, und es ging mit Windeseile vorw\u00e4rts. Da rief er ganz laut, aber niemand h\u00f6rte ihn, und der Schnee stob, und der Schlitten flog von dannen. Mitunter gab es einen Sprung; es war, als f\u00fchre er \u00fcber Gr\u00e4ben und Hecken. Der Knabe war ganz erschrocken; er wollte sein Vaterunser beten, aber er konnte sich nur des gro\u00dfen Einmaleins entsinnen.<br>\nDie Schneeflocken wurden gr\u00f6\u00dfer und gr\u00f6\u00dfer; zuletzt sahen sie aus, wie gro\u00dfe, wei\u00dfe H\u00fchner. Auf einmal sprangen sie zur Seite, der gro\u00dfe Schlitten hielt, und die Person, die ihn fuhr, erhob sich. Der Pelz und die M\u00fctze waren ganz und gar von Schnee. Es war eine Dame, hoch und schlank, gl\u00e4nzend wei\u00df: Es war die Schneek\u00f6nigin.<br>\n&#8222;Wir sind gut gefahren!&#8220; sagte sie; &#8222;aber du wirst wohl frieren! Krieche unter meinen Pelz!&#8220; Und sie setzte ihn neben sich in den Schlitten und schlug den Pelz um ihn; es war, als vers\u00e4nke er in einem Schneetreiben.<br>\n&#8222;Friert dich noch?&#8220; sagte sie und k\u00fcsste ihn auf die Stirn. Oh, das war k\u00e4lter als Eis; das ging ihm hinein bis ins Herz, das ja schon zur H\u00e4lfte ein Eisklumpen war. Es war, als sollte er sterben, aber nur einen Augenblick, dann tat es ihm recht wohl; er sp\u00fcrte nichts mehr von der K\u00e4lte ringsumher.<br>\n&#8222;Meinen Schlitten! Vergi\u00df nicht meinen Schlitten!&#8220; Daran dachte er zuerst, und der wurde an einem der wei\u00dfen H\u00fchnchen festgebunden, und dieses flog hinterher mit dem Schlitten auf dem R\u00fccken. Die Schneek\u00f6nigin k\u00fcsste Kay nochmals, und da hatte er die kleine Gerda, die Gro\u00dfmutter und alle daheim vergessen.<br>\n&#8222;Nun bekommst du keine K\u00fcsse mehr&#8220;, sagte sie, &#8222;denn sonst k\u00fcsste ich dich tot!&#8220;<br>\nKay sah sie an: Sie war so sch\u00f6n. Ein kl\u00fcgeres, lieblicheres Antlitz konnte er sich nicht denken. Nun erschien sie ihm nicht von Eis wie damals, als sie drau\u00dfen vor dem Fenster sa\u00df und ihm winkte; in seinen Augen war sie vollkommen; er f\u00fchlte gar keine Furcht. Er erz\u00e4hlte ihr, dass er kopfrechnen k\u00f6nne, und zwar mit Br\u00fcchen; er wisse des Landes Quardratmeilen und die Einwohnerzahl; und sie l\u00e4chelte immer. Da kam es ihm vor, als w\u00e4re es doch nicht genug, was er wisse, und er blickte hinauf in den gro\u00dfen Luftraum. Und sie flog mit ihm hoch hinauf auf die schwarze Wolke, und der Sturm sauste und brauste; es war, als s\u00e4nge er alte Lieder. Sie flogen \u00fcber W\u00e4lder und Seen, \u00fcber Meere und L\u00e4nder. Unter ihnen sauste der kalte Wind, die W\u00f6lfe heulten, der Schnee knisterte, \u00fcber ihnen flogen die schwarzen, schreienden Kr\u00e4hen, aber hoch oben schien der Mond gro\u00df und klar, und dort betrachtete Kay die lange, lange Winternacht; am Tage schlief er zu den F\u00fc\u00dfen der Schneek\u00f6nigin.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Blumengarten bei der Frau, die zaubern konnte<\/strong><br>\nAber wie erging es der kleinen Gerda, als Kay nicht zur\u00fcckkehrte? Wo war er geblieben? Niemand wusste es, niemand konnte Bescheid geben. Die Knaben erz\u00e4hlten nur, dass sie ihn seinen Schlitten an einen andern gro\u00dfen h\u00e4tten binden sehen, der in die Stra\u00dfe hinein und aus dem Stadttor gefahren w\u00e4re. Niemand wusste, wo er geblieben. Viele Tr\u00e4nen flossen, besonders die kleine Gerda weinte sehr viel und lange; &#8211; dann sagte sie, er sei tot, er sei im Fluss ertrunken, der nahe bei der Schule vorbeifloss. Oh, das waren recht lange, finstere Wintertage!<br>\nNun kam der Fr\u00fchling mit w\u00e4rmerem Sonnenschein.<br>\n&#8222;Kay ist tot und fort&#8220;, sagte die kleine Gerda. &#8222;Das glaube ich nicht&#8220;, antwortete der Sonnenschein.<br>\n&#8222;Er ist tot und fort&#8220;, sagte sie zu den Schwalben.<br>\n&#8222;Das glauben wir nicht&#8220;, erwiderten diese, und am Ende glaubte die kleine Gerda es auch nicht.<br>\n&#8222;Ich will meine neuen, roten Schuhe anziehen&#8220;, sagte sie eines Morgens,<br>\n&#8222;die, welche Kay nie gesehen hat, und dann will ich zum Flusse hinunter gehen und den nach ihm fragen!&#8220;<br>\nUnd es war noch sehr fr\u00fch; sie k\u00fcsste die alte Gro\u00dfmutter, die noch schlief, zog die roten Schuhe an und ging allein aus dem Stadttor nach dem Fluss.<br>\n&#8222;Ist es wahr, dass du mir meinen kleinen Spielkameraden genommen hast? Ich will dir meine roten Schuhe schenken, wenn du ihn mir wiedergeben willst.&#8220;<br>\nUnd es war ihr, als nickten die Wellen ganz sonderbar. Da nahm sie ihre roten Schuhe, die sie am liebsten hatte, und warf sie beide in den Fluss hinein. Aber sie fielen dicht an das Ufer, und die kleinen Wellen trugen sie ihr wieder an das Land; es war gerade, als wollte der Fluss das Liebste, was sie hatte, nicht, weil er den kleinen Kay nicht hatte. Aber sie glaubte nun, dass sie die Schuhe nicht weit genug hinausgeworfen habe, und so kroch sie in ein Boot, das im Schilf lag. Sie ging bis an das \u00e4u\u00dferste Ende und warf die Schuhe von da in das Wasser. Aber das Boot war nicht festgebunden, und bei der Bewegung, die sie verursachte, glitt es vom Land ab. Sie bemerkte es und beeilte sich, herauszukommen, doch ehe sie zur\u00fcckkam, war das Boot \u00fcber eine Eile vom Land, und nun trieb es schneller von dannen.<br>\nDa erschrak die kleine Gerda sehr und fing an zu weinen; allein niemand au\u00dfer den Sperlingen h\u00f6rte sie, und konnten sie nicht an das Land tragen, aber sie flogen l\u00e4ngs dem Ufer und sangen, gleichsam um sie zu tr\u00f6sten: &#8222;Hier sind wir, hier sind wir!&#8220;<br>\nDas Boot trieb mit dem Strom Die kleine Gerda sa\u00df ganz still nur mit Str\u00fcmpfen an den F\u00fc\u00dfen; ihre kleinen roten Schuhe trieben hinter ihr her, aber sie konnten das Boot nicht erreichen, das hatte schnellere Fahrt.<br>\nH\u00fcbsch war es an beiden Ufern: sch\u00f6ne Blumen, B\u00e4ume und Abh\u00e4nge mit Schafen und K\u00fchen, aber nicht ein Mensch war zu erblicken.<br>\n&#8222;Vielleicht tr\u00e4gt mich der Fluss zu dem kleinen Kay hin&#8220;, dachte Gerda, und da wurde sie heiterer, erhob sich und betrachtete viele Stunden die gr\u00fcnen, sch\u00f6nen Ufer. Dann gelangte sie zu einem gro\u00dfen Kirschgarten, in dem ein kleines Haus mit sonderbaren roten und blauen Fenstern war; \u00fcbrigens hatte es ein Strohdach, und drau\u00dfen waren zwei h\u00f6lzerne Soldaten, die vor der Vorbeisegelnden das Gewehr schulterten.<br>\nGerda rief nach ihnen, sie glaubte, dass sie lebendig w\u00e4ren; aber sie antworteten nat\u00fcrlich nicht. Sie kam ihnen ganz nahe, denn der Fluss trieb das Boot gerade auf das Land zu.<br>\nGerda rief noch lauter, und da kam eine alte, alte Frau aus dem Hause, die sich auf einen Kr\u00fcckstock st\u00fctzte. Sie hatte einen gro\u00dfen Sonnenhut auf, und der war mit den sch\u00f6nsten Blumen bemalt.<br>\n&#8222;Du armes, kleines Kind&#8220;, sagte die alte Frau, &#8222;wie bist du doch auf den gro\u00dfen, rei\u00dfenden Strom gekommen und weit in die Welt hinausgetrieben?&#8220; Und dann ging die alte Frau in das Wasser hinein, erfasste mit ihrem Kr\u00fcckstock das Boot, zog es ans Land und hob die kleine Gerda heraus.<br>\nUnd Gerda war froh, wieder auf das Trockene zu gelangen, obgleich sie sich vor der fremden alten Frau ein wenig f\u00fcrchtete.<br>\n&#8222;Komm doch und erz\u00e4hle mir, wer du bist, und wie du hierher kommst!&#8220; sagte sie.<br>\nUnd Gerda erz\u00e4hlte ihr alles; und die Alte sch\u00fcttelte mit dem Kopf und sagte: &#8222;Hm! Hm!&#8220; Und als ihr Gerda alles gesagt und sie gefragt hatte, ob sie nicht den kleinen Kay gesehen habe, sagte die Frau, dass er nicht vorbeigekommen sei, aber er komme wohl noch; sie solle nur nicht betr\u00fcbt sein, sondern ihre Kirschen kosten und ihre Blumen betrachten, die w\u00e4ren sch\u00f6ner als irgendein Bilderbuch; eine jede k\u00f6nne eine Geschichte erz\u00e4hlen. Dann nahm sie Gerda bei der Hand, f\u00fchrte sie in das kleine Haus hinein und schloss die T\u00fcr zu.<br>\nDie Fenster lagen sehr hoch, und die Scheiben waren rot, blau und gelb; das Tageslicht schien mit allen Farben sonderbar herein. Auf dem Tisch standen die sch\u00f6nsten Kirschen, und Gerda a\u00df davon, so viel sie wollte, denn das war ihr erlaubt. W\u00e4hrend sie a\u00df, k\u00e4mmte die alte Frau ihr das Haar mit einem goldenen Kamm, und das Haar ringelte sich und gl\u00e4nzte herrlich gelb rings um das kleine freundliche Antlitz, das so rund war und wie eine Rose aussah.<br>\n&#8222;Nach einem so lieben, kleinen M\u00e4dchen habe ich mich schon lange gesehnt&#8220;, sagte die Alte. &#8222;Nun wirst du sehen, wie gut wir miteinander leben werden!&#8220; Und so wie sie der kleinen Gerda Haar k\u00e4mmte, verga\u00df diese mehr und mehr ihren Pflegebruder Kay&#8216; denn die alte Frau konnte zaubern; aber eine b\u00f6se Zauberin war sie nicht, sie zauberte nur ein wenig zu ihrem Vergn\u00fcgen und wollte gern die kleine Gerda behalten. Deshalb ging sie in den Garten, streckte ihren Kr\u00fcckstock gegen alle Rosenstr\u00e4uche aus, und wie sch\u00f6n sie auch bl\u00fchten, so sanken sie doch alle in die schwarze Erde hinunter, und man konnte nicht sehen, wo sie gestanden hatten. Die Alte f\u00fcrchtete, wenn Gerda die Rosen erblickte, m\u00f6chte sie in ihre eigenen denken, sich dann des kleinen Kay erinnern und davonlaufen.<br>\nNun f\u00fchrte sie Gerda hinaus in den Blumengarten. Was war da f\u00fcr ein Duft und f\u00fcr eine Herrlichkeit! Alle nur denkbaren Blumen, und zwar f\u00fcr jede Jahreszeit, standen hier im pr\u00e4chtigsten Flor; kein Bilderbuch konnte bunter und sch\u00f6ner sein. Gerda sprang vor Freude hoch und spielte, bis die Sonne hinter den hohen Kirchb\u00e4umen unterging; da bekam sie ein sch\u00f6nes Bett mit roten Seidenkissen, die waren mit Veilchen gestopft, und sie schlief und tr\u00e4umte da ganz herrlich.<br>\nAm n\u00e4chsten Tag konnte sie wieder mit den Blumen im warmen Sonnenschein spielen, und so verflossen viele Tage. Gerda kannte jede Blume; aber wie viele deren auch waren, so war es ihr doch, als ob eine fehlte, allein welche, das wusste sie nicht. Da sa\u00df sie eines Tages und betrachtete den Sonnenhut der alten Frau mit den gemalten Blumen, und gerade die sch\u00f6nste war eine Rose. Die Alte hatte vergessen, diese vom Hute wegzuwischen&#8216; als sie die andern in die Erde zauberte. Aber so ist es, wenn man die Gedanken nicht beisammen hat! &#8222;Was, sind hier keine Rosen?&#8220; sagte Gerda und sprang zwischen die Beete, suchte und suchte. Ach, da war keine zu finden. Da setzte sie sich hin und weinte; aber ihre Tr\u00e4nen fielen gerade auf die Stelle, wo ein Rosenstrauch versunken war, und als die warmen Tr\u00e4nen die Erde benetzten, schoss der Strauch auf einmal empor, so bl\u00fchend, wie er versunken war, und Gerda umarmte ihn, k\u00fcsste die Rosen und gedachte der herrlichen Rosen daheim und mit ihnen auch des kleinen Kay.<br>\n&#8222;Oh, wie bin ich aufgehalten worden!\u201c sagte das kleine Madchen. &#8222;Ich wollte ja den kleinen Kay suchen! &#8211; Wisst ihr nicht, wo er ist?&#8220; fragte sie die Rosen. &#8222;Glaubt ihr, er ist tot?&#8220;<br>\nTot ist er nicht&#8220;, antworteten die Rosen. &#8222;Wir sind ja in der Erde gewesen; dort sind alle Toten, aber Kay war nicht da.&#8220;<br>\n&#8222;Ich danke euch!&#8220; sagte die kleine Gerda und ging zu den andern Blumen hin, sah in deren Kelch hinein und fragte: &#8222;Wisst ihr nicht, wo der kleine Kay ist?&#8220;<br>\nAber jede Blume stand in der Sonne und tr\u00e4umte ihr eigenes M\u00e4rchen oder Geschichtchen; davon h\u00f6rte Gerda so viele, viele, aber keine wusste etwas von Kay.<br>\nUnd was sagte die Feuerlilie?<br>\n&#8222;H\u00f6rst du die Trommel: bum! bum! Es sind nur zwei T\u00f6ne; immer, bum! bum! H\u00f6re der Frauen Trauergesang, h\u00f6re den Ruf der Priester. &#8211; In ihrem langen, roten Mantel steht das Hinduweib auf dem Scheiterhaufen. Die Flammen lodern um sie und ihren toten Mann empor, aber das Hinduweib denkt an den Lebenden hier im Kreise, an ihn, dessen Augen hei\u00dfer als die Flammen brennen, an ihn, dessen Augenfeuer ihr Herz st\u00e4rker ber\u00fchrt als die Flammen, welche bald ihren K\u00f6rper zu Asche verbrennen. Kann die Flamme des Herzens in der Flamme des Scheiterhaufens ersterben?&#8220;<br>\n&#8222;Das verstehe ich nicht&#8220;, sagte die kleine Gerda.<br>\n&#8222;Das ist mein M\u00e4rchen!&#8220; sagte die Feuerlilie.<br>\nWas sagte die Winde?<br>\n&#8222;\u00dcber dem schmalen Fu\u00dfweg h\u00e4ngt eine alte Ritterburg. Das dichte Immergr\u00fcn w\u00e4chst um die morschen, roten Mauern empor, Blatt an Blatt, um den Altan herum, und da steht ein sch\u00f6nes M\u00e4dchen; sie beugt sich \u00fcber das Gel\u00e4nder hinaus und steht den Weg entlang. Keine Rose h\u00e4ngt frischer an den Zweigen als sie; keine Apfeibl\u00fcte, wenn der Wind sie dem Baume entf\u00fchrt, schwebt leichter dahin als sie. Wie rauschte das pr\u00e4chtige Seidengewand! ,Kommt er noch nicht?&#8220;&#8218;<br>\n&#8222;Ist es Kay, den du meinst?&#8220; fragte die kleine Gerda.<br>\n&#8222;Ich spreche nur von meinem M\u00e4rchen, meinem Traum&#8220;, erwiderte die Winde.<br>\nWas sagte die kleine Schneeblume?<br>\n&#8222;Zwischen den B\u00e4umen h\u00e4ngt an Seilen das lange Brett; das ist eine Schaukel. Zwei niedlich kleine M\u00e4dchen &#8211; die Kleider sind wei\u00df wie der Schnee, und lange, d\u00fcnne Seidenb\u00e4nder flattern von den H\u00fcten &#8211; sitzen darauf und schaukeln sich. Der Bruder, welcher gr\u00f6\u00dfer ist als sie, steht in der Schaukel. Er hat den Arm um das Seil geschlungen, um sich zu halten, denn in der einen Hand hat er eine kleine Schale, in der an dem eine Tonpfeife; er bl\u00e4st Seifenblasen. Die Schaukel fliegt, und die Blasen steigen mit sch\u00f6nen, wechselnden Farben; die letzte h\u00e4ngt noch am Pfeifenstiel und wiegt sich im Winde. Die Schaukel schwebt; der kleine schwarze Hund, leicht wie die Blasen, erhebt sich auf den Hinterf\u00fc\u00dfen und will mit in die Schaukel; sie fliegt, der Hund f\u00e4llt, bellt und ist b\u00f6se; er wird geneckt, die Blasen platzen. &#8211; Ein schaukelndes Brett, ein zerspringendes Schaumbild ist mein Gesang!&#8220;<br>\n&#8222;Es ist m\u00f6glich, dass es h\u00fcbsch ist, was du erz\u00e4hlst, aber du sagst es so traurig und erw\u00e4hnst den kleinen Kay nicht.&#8220;<br>\nWas sagten die Hyazinthen?<br>\n&#8222;Es waren drei sch\u00f6ne Schwestern, durchsichtig und fein. Der einen Kleid war rot, der andern Kleid blau, der dritten Kleid wei\u00df; Hand in Hand tanzten sie beim stillen See im hellen Mondschein. Es waren keine Elfen, es waren Menschenkinder. Dort duftete es so s\u00fc\u00df, und die M\u00e4dchen verschwanden im Wald. Der Duft wurde st\u00e4rker; drei S\u00e4rge, darin lagen die sch\u00f6nen M\u00e4dchen, glitten von des Waldes Dickicht \u00fcber den See dahin; die Johannesw\u00fcrmchen flogen leuchtend ringsumher, wie kleine schwebende Lichter. Schlafen die tanzenden M\u00e4dchen oder sind sie tot? &#8211; Der Blumenduft sagt, sie sind Leichen; die Abend- glocke l\u00e4utet den Grabgesang!&#8220;<br>\n&#8222;Du machst mich ganz betr\u00fcbt&#8220;, sagte die kleine Gerda. &#8222;Du duftest so stark; ich muss an die toten M\u00e4dchen denken! Ach, ist denn der kleine Kay wirklich tot? Die Rosen sind unten in der Erde gewesen und sagen:<br>\nNein!&#8220;<br>\n&#8222;Kling, Klang!&#8220; l\u00e4uteten die Hyazinthenglocken. &#8222;Wir l\u00e4uten nicht f\u00fcr den kleinen Kay, wir kennen ihn nicht; wir singen nur unser Lied, das einzige, das wir wissen.&#8220;<br>\nUnd Gerda ging zur Butterblume, die aus den gl\u00e4nzenden, gr\u00fcnen Bl\u00e4ttern hervorschien.<br>\n&#8222;Du bist eine kleine, helle Sonne&#8220;, sagte Gerda. &#8222;Sage mir, wei\u00dft du, wo ich meinen Gespielen finden kann?&#8220;<br>\nUnd die Butterblume gl\u00e4nzte so sch\u00f6n und sah wieder auf Gerda. Welches Lied konnte wohl die Butterblume singen? Es handelte auch nicht von Kay.<br>\n&#8222;In einem kleinen Hofe schien die liebe Gottessonne am ersten Fr\u00fchlingstage so warm. Die Strahlen glitten an des Nachbarhauses wei\u00dfen W\u00e4nden herab. Dicht dabei wuchs die erste gelbe Blume und gl\u00e4nzte<br>\nOgolden in den warmen Sonnenstrahlen. Die alte Gro\u00dfmutter sa\u00df drau\u00dfen in ihrem Stuhl; die Enkelin, ein armes, sch\u00f6nes Dienstm\u00e4dchen, kehrte von einem kurzen Besuche heim: sie k\u00fcsste die Gro\u00dfmutter; es war Gold, Herzensgold in dem gesegneten Kuss. Gold im Mund, Gold im Grund, Gold in der Morgenstund! Sieh, das ist meine kleine Geschichte!&#8220; sagte die Butterblume.<br>\n&#8222;Meine arme alte Gro\u00dfmutter!&#8220; seufzte Gerda. &#8222;Ja, sie sehnt sich gewiss nach mir und gr\u00e4mt sich um mich, ebenso wie sie es um den kleinen Kay tat. Aber ich komme bald wieder nach Hause, und dann bringe ich Kay mit. &#8211; Es n\u00fctzt nichts, dass ich die Blumen frage, die wissen nur ihr eigenes Lied, sie geben mir keinen Bescheid!&#8220; Und dann band sie ihr kleines Kleid auf, damit sie rascher laufen k\u00f6nne. Aber die Pfingstlilie schlug an ihr Bein, indem sie dar\u00fcber hinsprang; da blieb sie stehen, betrachtete die lange gelbe Blume und fragte: &#8222;Wei\u00dft du vielleicht etwas?&#8220; Und sie bog sich ganz zur Pfingstlilie hinab; und was sagte die?<br>\n&#8222;Ich kann mich selbst erblicken! Ich kann mich selbst sehen!&#8220; sagte die Pfingstlilie. &#8222;Oh, oh, wie ich rieche! &#8211; Oben in dem kleinen Erkerzimmer steht halb angekleidet, eine kleine T\u00e4nzerin. Sie steht bald auf einem Bein, bald auf beiden; sie tritt die ganze Welt mit F\u00fc\u00dfen; sie ist nichts als Augent\u00e4uschung. Sie gie\u00dft Wasser aus dem Teetopf auf ein St\u00fcck Zeug aus, welches sie h\u00e4lt: Es ist der Schn\u00fcrleib. &#8211; Reinlichkeit ist eine sch\u00f6ne Sache; das wei\u00dfe Kleid h\u00e4ngt am Haken; das ist auch im Teetopf gewaschen und auf dem Dach getrocknet; sie zieht es an und schl\u00e4gt das safrangelbe Tuch um den Hals; nun scheint das Kleid noch wei\u00dfer. Das Bein ausgestreckt! Sieh, wie sie auf einem Stiel prangt! Ich kann mich selbst erblicken. Ich kann mich selbst sehen!&#8220;<br>\n&#8222;Darum k\u00fcmmere ich mich gar nicht!&#8220; sagte Gerda. &#8222;Das brauchst du mir nicht zu erz\u00e4hlen!&#8220; &#8211; und dann lief sie bis an das Ende des Gartens.<br>\nDie T\u00fcr war verschlossen, aber sie dr\u00fcckte auf die verrostete Klinke; so dass diese losbrach. Die T\u00fcr ging auf, und die kleine Gerda sprang mit nackten F\u00fc\u00dfen in die weite Welt hinaus. Sie blickte dreimal zur\u00fcck, aber niemand war da, der sie verfolgte. Zuletzt konnte sie nicht mehr laufen und setzte sich auf einen gro\u00dfen Stein. Und als sie sich umsah, war es mit dem Sommer vorbei; es war Sp\u00e4therbst; das konnte man in dem sch\u00f6nen Garten gar nicht bemerken, wo immer Sonnenschein und Blumen aller Jahreszeiten waren.<br>\n&#8222;Gott, wie habe ich mich versp\u00e4tet!&#8220; sagte die kleine Gerda. &#8222;Es ist ja Herbst geworden!&#8220; Und sie erhob sich, um zu gehen.<br>\nOh, wie waren ihre kleinen F\u00fc\u00dfe so wund und m\u00fcde! Ringsumher sah es kalt und rau aus. Die langen Weidenbl\u00e4tter waren ganz gelb, und der Tau tr\u00f6pfelte als Wasser nieder; ein Blatt nach dem andern fiel ab; nur der Schlehdorn trug noch Fr\u00fcchte, die waren aber herb und zogen den Mund zusammen. Oh, wie war es grau und kalt in der weiten Welt!<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Prinz und Prinzessin<\/strong><br>\nGerda musste wieder ausruhen. Da h\u00fcpfte dort auf dem Schnee, der Stelle, wo sie sa\u00df, gerade gegen\u00fcber, eine gro\u00dfe Kr\u00e4he; die hatte lange gesessen, sie betrachtet und mit dem Kopfe gewackelt. Nun sagte sie:<br>\n&#8222;Krah! Krah! &#8211; Gu&#8217;Tag! Gu&#8217;Tag!&#8220; Besser konnte sie es nicht herausbringen, aber sie meinte es gut mit dem kleinen M\u00e4dchen und fragte, wohin sie so allein in die weite Welt hinausginge. Das Wort allein verstand Gerda sehr wohl und f\u00fchlte recht, wie viel darin lag; und sie erz\u00e4hlte der Kr\u00e4he ihr ganzes Leben und Schicksal und fragte, ob sie Kay nicht gesehen habe.<br>\nUnd die Kr\u00e4he nickte ganz bed\u00e4chtig und sagte: &#8222;Das k\u00f6nnte sein! Das k\u00f6nnte sein!&#8220;<br>\n&#8222;Wie? Glaubst du?\u201c rief das kleine M\u00e4dchen und hatte fast die Kr\u00e4he totgedr\u00fcckt, so k\u00fcsste sie diese.<br>\n&#8222;Vern\u00fcnftig, vern\u00fcnftig!&#8220; sagte die Kr\u00e4he. &#8222;Ich glaube, ich wei\u00df; &#8211; ich glaube, es kann sein; der kleine Kay &#8211; aber nun hat er dich sicher \u00fcber der Prinzessin vergessen!&#8220;<br>\n&#8222;Wohnt er bei einer Prinzessin?&#8220; fragte Gerda.<br>\n&#8222;Ja, h\u00f6re!&#8220; sagte die Kr\u00e4he. &#8222;Aber es f\u00e4llt mir so schwer, deine Sprache zu sprechen. Verstehst du die Kr\u00e4hensprache? Dann will ich besser erz\u00e4hlen.&#8220;<br>\n&#8222;Nein, die habe ich nicht gelernt&#8220;, sagte Gerda; &#8222;aber die Gro\u00dfmutter verstand sie, und auch sprechen konnte sie diese Sprache. H\u00e4tte ich sie nur gelernt!&#8220;<br>\n&#8222;Tut gar nichts!&#8220; sagte die Kr\u00e4he. &#8222;Ich werde erz\u00e4hlen, so gut ich kann; aber schlecht wird es gehen.&#8220; Dann erz\u00e4hlte sie, was sie wusste.<br>\n&#8222;In dem K\u00f6nigreich, in dem wir jetzt sitzen, wohnt eine Prinzessin, die ist ganz unb\u00e4ndig klug; aber sie hat auch alle Zeitungen, die es in der Welt gibt, gelesen und wieder vergessen, so klug ist sie. Neulich sa\u00df sie auf dem Thron, und das ist doch nicht so angenehm, wie man sagt; da fing sie an, ein Lied zu singen, und das war dieses: ,Weshalb sollt&#8216; ich mich nicht verheiraten?&#8216; H\u00f6re, das ist etwas daran&#8220;, sagte die Kr\u00e4he, &#8222;und so wollte sie sich verheiraten. Aber sie wollte einen Mann haben, der zu antworten verstehe, wenn man mit ihm spreche, einen, der nicht blo\u00df dastehe und vornehm aussehe, denn das sei zu langweilig. Nun lie\u00df sie alle Hofdamen zusammentrommeln, und als diese h\u00f6rten, was sie wollte, wurden sie sehr vergn\u00fcgt. Du kannst glauben, dass jedes Wort wahr ist&#8220;, f\u00fcgt die Kr\u00e4he hinzu. &#8222;Ich habe eine zahme Geliebte, die geht frei im Schlosse umher, und die hat mir alles erz\u00e4hlt.&#8220;<br>\nDie Geliebte war nat\u00fcrlich auch eine Kr\u00e4he. Denn eine Kr\u00e4he sucht die andere, und es bleibt immer eine Kr\u00e4he.<br>\n&#8222;Die Zeitungen kamen sogleich mit einem Rand von Herzen und der Prinzessin Namenszug heraus. Man konnte darin lesen, dass es einem jeden jungen Mann, der gut aussehe, freistehe, auf das Schloss zu kommen und mit der Prinzessin zu sprechen; und derjenige, welcher so spreche, dass man h\u00f6ren k\u00f6nne, er sei dort zu Hause, und der am besten spreche, den wolle die Prinzessin zum Manne nehmen. &#8211; Ja, ja&#8220;, sprach die Kr\u00e4he, &#8222;du kannst es mir glauben, es ist so gewiss wahr, wie ich hier sitze. Junge M\u00e4nner str\u00f6mten herzu, es war ein Gedr\u00e4nge und ein Laufen: aber es gl\u00fcckte weder am ersten, noch am zweiten Tag. Sie konnten alle gut sprechen, wenn sie auf der Stra\u00dfe waren, aber wenn sie in das Schlosstor traten und die Gardisten in Silber sahen und die Treppen hinauf die Lakaien in Gold und die gro\u00dfen erleuchteten S\u00e4le, dann wurden sie verwirrt. Und standen sie gar vor dem Thron, wo die Prinzessin sa\u00df, dann wussten sie nichts zu sagen, als das letzte Wort, das sie gesprochen hatte; und das noch einmal zu h\u00f6ren, dazu hatte sie keine Lust. Es war, als ob die Leute drinnen Schnupftabak auf den Magen bekommen h\u00e4tten und in den Schlaf gefallen w\u00e4ren, bis sie wieder auf die Stra\u00dfe kamen, dann erst konnten sie wieder sprechen. Da stand eine Reihe vom Stadttor an bis zum Schloss. &#8211; Ich war selbst drinnen, um es zu sehen!&#8220; sagte die Kr\u00e4he! &#8222;Sie wurden hungrig und durstig, aber im Schloss erhielten sie nicht einmal ein Glas Wasser. Zwar hatten einige der Kl\u00fcgsten Butterbrot mitgenommen, aber sie teilten nicht mit ihrem Nachbarn; sie dachten: Lass ihn hungrig aussehen, dann nimmt ihn die Prinzessin nicht!&#8220;<br>\n&#8222;Aber Kay&#8216; der kleine Kay!&#8220; fragte Gerda. &#8222;Warum kam der? War er unter der Menge?&#8220;<br>\n&#8222;Warte, warte! Jetzt sind wir bei ihm! Es war am dritten Tag, da kam eine kleine Person, ohne Pferd und Wagen, fr\u00f6hlich gerade auf das Schloss zu marschiert; seine Augen gl\u00e4nzten wie deine, er hatte sch\u00f6nes langes Haar, aber sonst \u00e4rmliche Kleider.&#8220;<br>\n&#8222;Das war Kay!&#8220; jubelte Gerda. &#8222;Oh, dann habe ich ihn gefunden!&#8220; und sie klatschte in die H\u00e4nde. &#8222;Er hatte ein kleines R\u00e4nzel auf dem R\u00fccken&#8220;, sagte die Kr\u00e4he.<br>\n&#8222;Nein, das war sicher sein Schlitten&#8220;, sagte Gerda, &#8222;denn mit dem Schlitten ging er fort!&#8220;<br>\n&#8222;Das kann wohl sein&#8220;, sagte die Kr\u00e4he, &#8222;ich sah nicht so genau danach! Aber das wei\u00df ich von meiner zahmen Geliebten, dass, als er in das Schlosstor kam und die Leibgardisten in Silber sah und die Treppe hinauf die Lakaien in Gold, er nicht im mindesten verlegen wurde. Er nickte und sagte zu ihnen: ,Das muss langweilig sein, auf der Treppe zu stehen; ich gehe lieber hinein!&#8216; Da gl\u00e4nzten die S\u00e4le von Lichtern, Geheimr\u00e4te und Exzellenzen gingen mit entbl\u00f6\u00dften F\u00fc\u00dfen und trugen Goldgef\u00e4\u00dfe: Man konnte wohl and\u00e4chtig werden! Seine Stiefel knarrten gewaltig laut, aber ihm wurde doch nicht bange.&#8220;<br>\n&#8222;Das ist ganz gewiss Kay!&#8220; sagte Gerda. &#8222;Ich wei\u00df, er hat neue Stiefel an; ich habe sie in der Gro\u00dfmutter Stube knarren h\u00f6ren.&#8220;<br>\n&#8222;Ja freilich knarrten sie!&#8220; sagte die Kr\u00e4he. &#8222;Und frischen Muts ging er gerade zur Prinzessin hinein, die auf einer gro\u00dfen Perle sa\u00df, die so gro\u00df wie ein Spinnrad war, und alle Hofdamen mit ihren Jungfern und den Jungfern der Jungfern&#8216; und alle Kavaliere mit ihren Dienern und den Dienern der Diener, die wieder einen Burschen hielten, standen ringsherum aufgestellt, und je n\u00e4her sie der T\u00fcr standen, desto stolzer sahen sie aus. Des Dieners Dieners Burschen, der immer in Pantoffeln geht, darf man kaum anzusehen wagen, &#8211; so stolz steht er in der T\u00fcr!&#8220;<br>\n&#8222;Das muss greulich sein!&#8220; sagte die kleine Gerda. &#8222;Und Kay hat doch die Prinzessin erhalten?&#8220;<br>\n&#8222;W\u00e4re ich nicht eine Kr\u00e4he gewesen, so h\u00e4tte ich sie genommen, selbst dessen&#8216; ungeachtet, dass ich verlobt bin. Er soll ebenso gut gesprochen haben wie ich, wenn ich die Kr\u00e4hensprache spreche: Das habe ich von meiner zahmen Geliebten geh\u00f6rt. Er war fr\u00f6hlich und niedlich. Er war nicht gekommen zum Freien, sondern nur, um der Prinzessin Klugheit zu h\u00f6ren; und die fand er gut und sie fand ihn wieder gut.&#8220;<br>\n&#8222;Ja sicher, das war Kay!&#8220; sagte Gerda. &#8222;Er war so klug: Er konnte im Kopfe mit Br\u00fcchen rechnen. &#8211; Oh, willst du mich nicht auf dem Schloss einf\u00fchren?&#8220;<br>\n&#8222;Ja, das ist leicht gesagt!&#8220; antwortete die Kr\u00e4he. &#8222;Aber wie machen wir das? Ich werde es mit meiner zahmen Geliebten besprechen, sie kann uns wohl Rat erteilen; denn das muss ich dir sagen: So ein kleines M\u00e4dchen&#8216; wie du bist, bekommt nie die Erlaubnis, hineinzukommen.&#8220;<br>\n&#8222;Ja, die erhalte ich!&#8220; sagte Gerda. &#8222;Wenn Kay h\u00f6rt, dass ich da bin, kommt er gleich heraus und holt mich.&#8220;<br>\n&#8222;Erwarte mich dort am Gitter!&#8220; sagte die Kr\u00e4he, wackelte mit dem Kopfe und flog davon.<br>\nErst als es sp\u00e4t am Abend war, kehrte die Kr\u00e4he wieder zur\u00fcck. Krah, krah!&#8220; sagte sie. &#8222;Ich soll dich vielmals von ihr gr\u00fc\u00dfen, und hier ist ein kleines Brot f\u00fcr dich. Sie nahm es aus der K\u00fcche, dort ist Brot genug, und du bist gewiss hungrig. &#8211; Es ist nicht m\u00f6glich, dass du in das Schloss hineinkommen kannst: Du bist ja barfuss. Die Gardisten in Silber und die Lakaien in Gold w\u00fcrden es nicht erlauben. Aber weine nicht, du sollst schon hinaufkommen. Meine Geliebte kennt eine schmale Hintertreppe, die zum Schlafgemach f\u00fchrt, und sie wei\u00df, wie sie den Schl\u00fcssel erhalten kann.&#8220;<br>\nSie gingen in den Garten hinein, in die gro\u00dfe Allee, wo ein Blatt nach dem andern abfiel. Und als auf dem Schloss die Lichter ausgel\u00f6scht wurden, das eine nach dem andern, f\u00fchrte die Kr\u00e4he die kleine Gerda zu einer Hintert\u00fcr, die nur angelehnt war.<br>\nOh, wie Gerdas Herz vor Angst und Sehnsucht pochte! Es war, als ob sie etwas B\u00f6ses tun wollte, und sie wollte ja doch nur wissen, ob es der kleine Kay sei. Ja, er musste es sein. Sie gedachte so lebendig seiner klugen Augen, seines langes Haares; sie konnte sehen, wie er l\u00e4chelte wie damals, als sie daheim unter den Rosen sa\u00dfen. Er w\u00fcrde sicher froh sein, sie zu erblicken, zu h\u00f6ren, welchen langen Weg sie um seinetwillen zur\u00fcckgelegt, zu wissen, wie betr\u00fcbt sie alle daheim gewesen seien, als er nicht wiederkam. Oh, das war eine Furcht und eine Freude!<br>\nNun waren sie auf der Treppe, da brannte eine kleine Lampe auf dem Schrank. Mitten auf dem Fu\u00dfboden stand die zahme Kr\u00e4he und wendete den Kopf nach allen Seiten und betrachtete Gerda, die sich verneigte, wie die Gro\u00dfmutter sie gelehrt hatte.<br>\n&#8222;Mein Verlobter hat mir so viel Gutes von Ihnen gesagt, mein kleines Fr\u00e4ulein&#8220;, sagte die zahme Kr\u00e4he. &#8222;Ihr Lebenslauf, wie man es nennt, ist auch sehr r\u00fchrend. Wollen Sie die Lampe nehmen, dann werde ich vorangehen. Wir gehen hier den geraden Weg&#8216; denn da begegnen wir niemand.&#8220;<br>\n&#8222;Es ist mir, als k\u00e4me jemand hinter uns her&#8220;, sagte Gerda, und es sauste an ihr vorbei. Es war wie Schatten an der Wand: Pferde mit fliegenden M\u00e4hnen und d\u00fcnnen Beinen, J\u00e4gerburschen, Herren und Damen zu Pferde.<br>\n&#8222;Das sind nur Tr\u00e4ume&#8220;, sagte die Kr\u00e4he, &#8222;die kommen und holen der hohen Herrschaften Gedanken zur Jagd ab. Das ist recht gut, dann k\u00f6nnen Sie sie besser im Bett betrachten. Aber ich hoffe, wenn Sie zu Ehren und W\u00fcrden gelangen, werden Sie ein dankbares Herz zeigen.&#8220;<br>\n&#8222;Das versteht sich von selbst&#8220;, sagte die Kr\u00e4he vom Walde.<br>\nNun kamen sie in den ersten Saal, der war aus rosenrotem Atlas mit k\u00fcnstlichen Blumen an den W\u00e4nden hinauf. Hier sausten an ihnen schon die Tr\u00e4ume vorbei, aber sie ritten so schnell, dass Gerda die hohen Herrschaften nicht zu sehen bekam. Ein Saal war immer pr\u00e4chtiger als der andere; ja, man konnte wohl verdutzt werden. Nun waren sie im Schlafgemach. Hier glich die Decke einer gro\u00dfen Palme mit Bl\u00e4ttern von kostbarem Glas, und mitten auf dem Fu\u00dfboden hingen an einem dicken Stengel aus Gold zwei Betten, von denen jedes wie eine Lilie aussah. Die eine war wei\u00df, in der lag die Prinzessin; die andere war rot, und in dieser sollte Gerda den kleinen Kay suchen. Sie bog eins der roten Bl\u00e4tter zur Seite, da sah sie einen braunen Nacken. &#8211; Oh, das war Kay! &#8211; Sie rief laut seinen Namen, hielt die Lampe nach ihm hin &#8211; die Tr\u00e4ume sausten zu Pferde wieder in die Stube hinein &#8211; er erwachte, drehte den Kopf um, und es war nicht der kleine Kay.<br>\nDer Prinz glich ihm nur im Nacken, aber jung und h\u00fcbsch war er. Und aus dem wei\u00dfen Lilienblatt blinzelte die Prinzessin hervor und fragte, wer da w\u00e4re. Da weinte die kleine Gerda und erz\u00e4hlte ihre ganze Geschichte und alles, was die Kr\u00e4hen f\u00fcr sie getan hatten.<br>\n&#8222;Du armes Kind&#8220;!&#8220; sagten der Prinz und die Prinzessin, und sie lobten die Kr\u00e4hen und sagten, dass sie nicht b\u00f6se auf sie seien, aber sie sollten es ja nicht \u00f6fter tun; \u00fcbrigens sollten sie eine Belohnung erhalten.<br>\n&#8222;Wollt ihr frei fliegen?&#8220; fragte die Prinzessin. &#8222;Oder wollt ihr feste Anstellung als Hofkr\u00e4hen haben mit allem, was in der K\u00fcche abf\u00e4llt?&#8220;<br>\nUnd beide Kr\u00e4hen verneigten sich und baten um feste Anstellung, denn sie gedachten des Alters und sagten: &#8222;Es w\u00e4re sch\u00f6n, etwas f\u00fcr die alten Tage zu haben&#8220;, wie sie es nannten.<br>\nUnd der Prinz stand aus seinem Bett auf und lie\u00df Gerda darin schlafen, mehr konnte er nicht tun. Sie faltete ihre kleinen H\u00e4nde und dachte: &#8222;Wie gut sind doch die Menschen und die Tiere!&#8220; &#8211; Dann schloss sie ihre Augen und schlief sanft. Alle Tr\u00e4ume kamen wieder hereingeflogen, sie sahen wie Engel Gottes aus und zogen einen kleinen Schlitten, nauf dem Kay sa\u00df und nickte; aber das Ganze war nur ein Traum, und deshalb war es auch wieder fort, sobald sie erwachte.<br>\nAm folgenden Tage wurde sie vom Kopf bis zu den F\u00fc\u00dfen in Seide und Samt gekleidet. Es wurde ihr angeboten, auf dem Schlosse zu bleiben und gute Tage zu genie\u00dfen, aber sie bat nur um einen kleinen Wagen mit einem Pferd und um ein Paar Stiefelchen, dann wollte sie wieder in die weite Welt hinausfahren und Kay suchen.<br>\nUnd sie erhielt sowohl Stiefelchen als auch Muff und wurde niedlich gekleidet. Als sie fort wollte, hielt vor der T\u00fcr eine neue Kutsche aus reinem Gold. Des Prinzen und der Prinzessin Wappen gl\u00e4nzte daran wie ein Stern, Kutscher, Diener und Vorreiter &#8211; denn es waren auch Vorreiter da &#8211; sa\u00dfen mit Goldkronen auf dem Kopf zu Pferde. Der Prinz und die Prinzessin halfen ihr selbst in den Wagen und w\u00fcnschten ihr alles Gl\u00fcck. Die Waldkr\u00e4he, welche nun verheiratet war, begleitete sie die ersten drei Meilen; sie sa\u00df ihr zur Seite, denn sie konnte nicht vertragen, r\u00fcckw\u00e4rts zu fahren. Die andere Kr\u00e4he stand in der T\u00fcr und schlug mit den Fl\u00fcgeln; sie kam nicht mit, denn sie litt an Kopfschmerzen, seitdem sie eine feste Anstellung und zu viel zu essen erhalten hatte. Inwendig war die Kutsche mit Zuckerbrezeln gef\u00fcttert, und im Sitze waren Fr\u00fcchte und Pfeffern\u00fcsse.<br>\n&#8222;Lebe wohl! Lebe wohl!&#8220; rief der Prinz und die Prinzessin, und die kleine Gerda weinte, und die Kr\u00e4he weinte. &#8211; So ging es die ersten drei Meilen, da sagte auch die Kr\u00e4he Lebewohl&#8216; und das war der schwerste Abschied. Sie flog auf einen Baum und schlug mit ihren schwarzen Fl\u00fcgeln, solange sie den Wagen, der wie der helle Sonnenschein gl\u00e4nzte, erblicken konnte.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das kleine R\u00e4uberm\u00e4dchen<\/strong><br>\nSie fuhren durch den dunklen Wald, aber die Kutsche leuchtete wie eine Fackel. Das stach den R\u00e4ubern in die Augen, das konnten sie nicht ertragen.<br>\n&#8222;Das ist Gold, das ist Gold!&#8220; riefen sie, st\u00fcrzten hervor, ergriffen die Pferde, schlugen die kleinen Jockeys, den Kutscher und die Diener tot und zogen dann die kleine Gerda aus dem Wagen.<br>\n&#8222;Sie ist fett, sie ist niedlich, sie ist mit Nussernen gef\u00fcttert&#8220;, sagte das alte R\u00e4uberweib, das einen langen, struppigen Bart und Augenbrauen hatte, die ihr \u00fcber die Augen herabhingen.<br>\n&#8222;Sie ist so gut wie ein kleines, fettes Lamm; wie soll die schmecken!&#8220; Und dann zog sie ihr blankes Messer heraus, das gl\u00e4nzte, dass es gr\u00e4sslich war.<br>\n&#8222;Au!&#8220; sagte das Weib zu gleicher Zeit; sie wurde von der eigenen Tochter, die gar wild und unartig auf ihrem R\u00fccken hing, in das Ohr gebissen. &#8222;Du h\u00e4ssliches Balg!&#8220; sagte die Mutter und hatte nicht Zeit, Gerda zu schlachten.<br>\n&#8222;Sie soll mit mir spielen&#8220;, sagte das kleine R\u00e4uberm\u00e4dchen. &#8222;Sie soll mir ihren Muff, ihr h\u00fcbsches Kleid geben, bei mir in meinem Bett schlafen.&#8220; Und dann biss sie wieder, dass das R\u00e4uberweib in die H\u00f6he sprang und sich ringsherum drehte. Und alle R\u00e4uber lachten und sagten: &#8222;Sieh, wie es mit seinem Kalb tanzt!&#8220;<br>\n&#8222;Ich will in den Wagen hinein&#8220;, sagte das kleine R\u00e4ubermadchen. Sie musste und wollte ihren Willen haben, denn sie war ganz verzogen und sehr hartn\u00e4ckig. Sie und Gerda sa\u00dfen drinnen und fuhren \u00fcber Stock und Stein tiefer in den Wald hinein. Das kleine R\u00e4uberm\u00e4dchen war so gro\u00df wie Gerda, aber st\u00e4rker, breitschultriger und von dunkler Haut; die Augen waren schwarz und sahen fast traurig aus. Sie fasste die kleine Gerda um den Leib und sagte: &#8222;Sie sollen dich nicht schlachten, solange ich dir nicht b\u00f6se werde. Du bist wohl eine Prinzessin?&#8220;<br>\n&#8222;Nein&#8220;, sagte Gerda und erz\u00e4hlte alles, was sie erlebt hatte, und wie sehr sie den kleinen Kay lieb h\u00e4tte.<br>\nDas R\u00e4uberm\u00e4dchen betrachtete sie ganz ernsthaft, nickte ein wenig mit dem Kopf und sagte: &#8222;Sie sollen dich nicht schlachten, selbst wenn ich dir b\u00f6se werde; dann werde ich es schon selbst tun!&#8220; Und dann trocknete sie Gerdas Augen und steckte ihre beiden H\u00e4nde in den sch\u00f6nen Muff, der weich und warm war.<br>\nNun hielt die Kutsche: Sie waren mitten auf dem Hofe eines R\u00e4uberschlosses. Dieses war von oben bis unten geborsten. Raben und Kr\u00e4hen flogen aus den offenen L\u00f6chern, und die gro\u00dfen Bullenbei\u00dfer, von denen jeder aussah, als k\u00f6nne er einen Menschen verschlingen, sprangen hoch empor, aber sie bellten nicht, denn das war verboten.<br>\nIn dem gro\u00dfen, alten, verr\u00e4ucherten Saal brannte mitten auf dem steinernen Fu\u00dfboden ein helles Feuer. Der Rauch zog unter der Decke hin und musste sich selbst den Ausweg suchen. Ein gro\u00dfer Braukessel mit Suppe kochte, Hasen und Kaninchen wurden am Spie\u00df gebraten.<br>\n&#8222;Du sollst diese Nacht mit mir bei allen meinen kleinen Tieren schlafen&#8220;, sagte das R\u00e4uberm\u00e4dchen. Sie bekamen zu essen und zu trinken Lind gingen dann nach einer Ecke, wo Stroh und Teppiche lagen. Oben dar\u00fcber sa\u00dfen auf Latten und St\u00e4ben mehr als hundert Tauben, die alle zu schlafen schienen, sich aber noch ein wenig drehten, als die beiden kleinen M\u00e4dchen kamen.<br>\n&#8222;Die geh\u00f6ren alle mir&#8220;, sagte das kleine R\u00e4uberm\u00e4dchen und ergriff rasch eine der n\u00e4chsten, hielt sie bei den F\u00fc\u00dfen und sch\u00fcttelte sie, dass sie mit den Fl\u00fcgeln schlug. &#8222;K\u00fcsse sie!&#8220; rief sie und schlug sie Gerda ins Gesicht. &#8222;Da sitzen die Waldkanaillen&#8220;&#8218; fuhr sie fort und zeigte hinter eine Anzahl St\u00e4be, die vor einem Loch oben in die Mauer eingeschlagen waren. &#8222;Das sind Waldkanaillen, die beiden; die fliegen gleich fort, wenn man sie nicht recht verschlossen h\u00e4lt. Und hier steht mein alter Liebster&#8216; B\u00e4!&#8220; Und sie zog ein Renntier am Geweih hervor, das einen blanken kupfernen Ring um den Hals trug und angebunden war. &#8222;Den m\u00fcssen wir auch in der Klemme halten, sonst springt er von uns fort. An jedem Abend kitzele ich ihn mit meinem scharfen Messer am Hals, davor f\u00fcrchtet er sich sehr.&#8220; Und das kleine M\u00e4dchen zog ein langes Messer aus einer Spalte in der Mauer und lie\u00df es \u00fcber des Renntiers Hals hingleiten. Das arme Tier schlug mit den Beinen aus, das kleine R\u00e4uberm\u00e4dchen lachte und zog dann Gerda mit in das Bett hinein.<br>\n&#8222;Willst du das Messer behalten, wenn du schl\u00e4fst?&#8220; fragte Gerda und blickte etwas furchtsam nach diesem hin.<br>\n&#8222;Ich schlafe immer mit dem Messer&#8220;, sagte das kleine R\u00e4uberm\u00e4dchen. &#8222;Man wei\u00df nie, was vorfallen kann. Aber erz\u00e4hle mir nun wieder, was du mir vorhin von dem kleinen Kay erz\u00e4hltest, und weshalb du in die weite Welt hinausgegangen bist.&#8220; Und Gerda erz\u00e4hlte wieder von vorn, und die Waldtauben gurrten oben im K\u00e4fig, aber die andern Tauben schliefen. Das kleine R\u00e4uberm\u00e4dchen legte seinen Arm um Gerdas Hals, hielt das Messer in der andern Hand und schlief, dass man es h\u00f6ren konnte. Aber Gerda konnte ihre Augen durchaus nicht schlie\u00dfen; sie wusste nicht, ob sie leben oder sterben sollte. Die R\u00e4uber sa\u00dfen rings um das Feuer, sangen und tranken, und das R\u00e4uberweib \u00fcberpurzelte sich. Oh, dies mit anzusehen, war ganz gr\u00e4sslich f\u00fcr das kleine M\u00e4dchen.<br>\nDa sagten die Waldtauben: &#8222;Gurre! Gurre! Wir haben den kleinen Kay gesehen. Ein wei\u00dfes Huhn trug seinen Schlitten; er sa\u00df im Wagen der Schneek\u00f6nigin, der dicht \u00fcber den Wald hinfuhr&#8216; als wir im Nest lagen. Sie blies auf uns junge Tauben, und au\u00dfer uns beiden starben alle. Gurre! Gurre!&#8220;<br>\n&#8222;Was sagt ihr dort oben?&#8220; rief Gerda. &#8222;Wohin reiste die Schneek\u00f6nigin? Wisst ihr etwas davon?&#8220;<br>\n&#8222;Sie reiste wahrscheinlich nach Lappland&#8216; denn dort ist immer Schnee und Eis. Frage das Renntier, das am Strick angebunden steht.&#8220;<br>\n&#8222;Dort ist Eis und Schnee, dort ist es herrlich und gut!&#8220; sagte das Renntier. &#8222;Dort springt man frei umher in den gro\u00dfen gl\u00e4nzenden T\u00e4lern. Dort hat die Schneek\u00f6nigin ihr Sommerzeit, aber ihr bestes Schloss ist oben, gegen den Nordpol hin, auf der Insel, die Spitzbergen genannt wird.&#8220;<br>\n&#8222;O Kay&#8216; kleiner Kay!&#8220; seufzte Gerda.<br>\n&#8222;Du musst still liegen&#8220;, sagte das R\u00e4uberm\u00e4dchen, &#8222;sonst sto\u00dfe ich dir das Messer in den Leib!&#8220;<br>\nAm Morgen erz\u00e4hlte Gerda ihr alles, was die Waldtauben gesagt hatten, und das kleine R\u00e4uberm\u00e4dchen sah ernsthaft aus, nickte mit dem Kopf und sagte: &#8222;Das ist einerlei! Das ist einerlei! &#8211; Wei\u00dft du, wo Lappland ist? Frage das Renntier!&#8220;<br>\n&#8222;Wer k\u00f6nnte es wohl besser wissen als ich?&#8220; sagte das Tier, und die Augen funkelten ihm im Kopf. &#8222;Dort bin ich geboren und erzogen; dort bin ich auf den Schneefeldern umhergesprungen.&#8220;<br>\n&#8222;H\u00f6re&#8220;, sagte das R\u00e4uberm\u00e4dchen zu Gerda, &#8222;du siehst, alle unsere Mannsleute sind fort; nur die Mutter ist noch hier, und die bleibt. Aber gegen Mittag trinkt sie aus der gro\u00dfen Flasche und schlummert nachher ein wenig, &#8211; dann werde ich etwas f\u00fcr dich tun.&#8220; Nun sprang sie aus dem Bett, fuhr der Mutter um den Hals, zog sie am Bart und sagte:<br>\n&#8222;Mein einzig lieber Ziegenbock, guten Morgen!&#8220; Und die Mutter gab ihr Nasenst\u00fcber, dass die Nase rot und blau wurde, und das geschah alles aus lauter Liebe.<br>\nAls die Mutter dann aus ihrer Flasche getrunken hatte und darauf einschlief, ging das R\u00e4uberm\u00e4dchen zum Renntier hin und sagte: &#8222;Ich k\u00f6nnte gro\u00dfe Freude daran haben, dich noch manches mal mit dem scharfen Messer zu kitzeln, denn dann bist du so possierlich, aber es ist einerlei. Ich will deine Schnur l\u00f6sen und dir hinaushelfen, damit du nach Lappland laufen kannst; aber du musst t\u00fcchtig Beine machen und dieses kleine M\u00e4dchen zum Schloss der Schneek\u00f6nigin bringen, wo ihr Spielkamerad ist. Du hast wohl geh\u00f6rt, was sie erz\u00e4hlte, denn sie sprach laut genug, und du horchtest.&#8220;<br>\nDas Renntier sprang vor Freuden hoch auf. Das R\u00e4uberm\u00e4dchen hob die kleine Gerda hinauf und hatte die Vorsicht, sie festzubinden, ja, ihr sogar ihr kleines Kissen als Sitz mitzugeben. &#8222;Da hast du auch deine&nbsp; Pelzstiefel&#8220;, sagte sie, &#8222;denn es wird kalt; aber den Muff behalte ich, der ist zu niedlich. Darum sollst du aber doch nicht frieren. Hier hast du meiner Mutter gro\u00dfe Fausthandschuhe, die reichen dir gerade bis zu den Ellbogen hinauf. Kriech hinein! &#8211; Nun siehst du an den H\u00e4nden ebenso aus wie meine h\u00e4ssliche Mutter.&#8220;<br>\nUnd Gerda weinte vor Freude.<br>\n&#8222;Ich kann nicht leiden, dass du grinsest&#8220;, sagte das kleine R\u00e4uberm\u00e4dchen. &#8222;Jetzt musst du gerade recht froh aussehen! Und hier hast du zwei Brote und einen Schinken, nun wirst du nicht hungern.&#8220; Beides wurde hinten auf das Renntier gebunden. Das kleine R\u00e4uberm\u00e4dchen \u00f6ffnete die T\u00fcr, lockte alle die gro\u00dfen Hunde herein, durchschnitt dann den Strick mit dem scharfen Messer und sagte zum Renntier: &#8222;Lauf nun! Aber gib recht auf das kleine M\u00e4dchen acht!&#8220;<br>\nUnd Gerda streckte die H\u00e4nde mit den gro\u00dfen Fausthandschuhen gegen das R\u00e4uberm\u00e4dchen aus und sagte: &#8222;Lebewohl!&#8220; Dann jagte das Renntier \u00fcber Stock und Stein davon, durch den gro\u00dfen Wald, \u00fcber S\u00fcmpfe und Steppen, so schnell es nur konnte. Die W\u00f6lfe heulten und die Raben schrieen. &#8211; &#8222;Fut! Fut!&#8220; ging es am Himmel. Es war, als spr\u00fche der Himmel Feuer.<br>\n&#8222;Das sind meine alten Nordlichter&#8220;, sagte das Renntier., &#8222;sieh wie sie leuchten!&#8220; Und nun lief es noch schneller davon, Tag und Nacht. Die Brote wurden verzehrt, der Schinken auch &#8211; und dann waren sie in Lappland.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Lappin und die Finnin<\/strong><br>\nBei einem kleinen Hause hielten sie an. Es war sehr armselig, das Dach hing bis zur Erde herab, und die T\u00fcr war so niedrig, dass die Familie kriechen musste, wenn sie heraus oder hinein wollte. Hier war au\u00dfer einer alten Lappin, die bei einer Tranlampe Fische kochte, niemand im Hause. Das Renntier erz\u00e4hlte Gerdas ganze Geschichte, aber zuerst seine eigene, denn diese schien ihm weit wichtiger; und Gerda war so angegriffen von der K\u00e4lte, dass sie nicht sprechen konnte.<br>\n&#8222;Ach, ihr Armen!&#8220; sagte die Lappin, &#8222;da habt ihr noch weit zu laufen. Ihr m\u00fcsst \u00fcber hundert Meilen in Finnmarken hinein, denn da wohnt die Schneek\u00f6nigin auf dem Lande und brennt jeden Abend bengalische Flammen. Ich werde einige Worte auf einen trockenen Stockfrisch schreiben &#8211; Papier habe ich nicht &#8211; den werde ich euch f\u00fcr die Finnin dort oben mitgeben, sie kann euch besser Bescheid geben als ich.&#8220;<br>\nUnd als Gerda nun erw\u00e4rmt war und zu essen und zu trinken bekommen hatte, schrieb die Lappin einige Worte auf einen trockenen Stockfisch, bat Gerda, wohl darauf zu achten, band sie wieder auf dem Renntier fest, und dieses sprang davon. &#8222;Fut, Fut!&#8220; ging es oben in der Luft; die ganze Nacht brannten die sch\u00f6nsten blauen Nordlichter &#8211; und dann kamen sie nach Finnmarken und klopften an den Schornstein der Finnin, denn sie hatte nicht einmal eine T\u00fcr.<br>\nDa drinnen war eine Hitze, dass die Finnin fast nackt ging; sie war klein und schmutzig. Gleich l\u00f6ste sie die Kleider der kleinen Gerda und zog ihr die Fausthandschuhe und Stiefel aus, den sonst w\u00e4re es ihr zu hei\u00df geworden, legte dem Renntier ein St\u00fcck auf den Kopf und las dann, was auf dem Stockfisch geschrieben stand. Sie las es dreimal, da wusste sie es auswendig und steckte den Fisch in den Suppenkessel, denn er konnte ja gegessen werden, und sie verschwendete nie etwas.<br>\nNun erz\u00e4hlte das Renntier zuerst seine Geschichte, dann die der kleinen Gerda, und die Finnin blinzelte mit den klugen Augen, sagte aber nichts.<br>\n&#8222;Du bist sehr klug&#8220;, sagte das Renntier; &#8222;ich wei\u00df, du kannst alle Winde der Welt mit einem Zwirnsfaden zusammenbinden. Wenn der Schiffer den einen Knoten l\u00f6st, so erh\u00e4lt er guten Wind, l\u00f6st er den andern, dann weht er scharf, und l\u00f6st er den dritten und vierten, so st\u00fcrmt es, dass die W\u00e4lder umfallen. Willst du nicht dem kleinen M\u00e4dchen einen Trank geben, dass sie Zw\u00f6lf-M\u00e4nner-Kraft erh\u00e4lt und die Schneek\u00f6nigin \u00fcberwindet?&#8220;<br>\n&#8222;Zw\u00f6lf-M\u00e4nner-Kraft?&#8220; sagte die Finnin. &#8222;Ja, das w\u00fcrde viel helfen!&#8220; Dann ging sie nach einem Bett, nahm ein gro\u00dfes zusammengerolltes Fell hervor und rollte es auf. Da waren wunderbare Buchstaben darauf geschrieben, und die Finnin las, dass ihr das Wasser von der Stirn herunterlief.<br>\nAber das Renntier bat wieder so sehr f\u00fcr die kleine Gerda, und Gerda blickte die Finnin mit so bittenden Augen voll Tr\u00e4nen an, dass sie abermals mit den ihrigen zu blinzeln anfing und das Renntier in einen Winkel zog, wo sie ihm zufl\u00fcsterte, w\u00e4hrend es wieder frisches Eis auf den Kopf bekam:<br>\n&#8222;Der kleine Kay ist freilich bei der Schneek\u00f6nigin und findet dort alles nach seinem Geschmack und Gefallen und glaubt, es sei der beste Ort in der Welt. Aber das kommt daher, dass er einen Glassplitter in das Herz und ein kleines Glask\u00f6rnchen in das Auge bekommen hat. Die m\u00fcssen erst heraus, sonst wird er nie wieder ein Mensch, und die<br>\nSchneek\u00f6nigin wird die Gewalt \u00fcber ihn behalten.&#8220;<br>\n&#8222;Aber kannst du nicht der kleinen Gerda etwas eingeben, dass sie Gewalt \u00fcber das Ganze erh\u00e4lt?&#8220;<br>\n&#8222;Ich kann ihr keine gr\u00f6\u00dfere Gewalt geben, als sie schon besitzt. Siehst du nicht, wie gro\u00df die ist? Siehst du nicht, wie Menschen und Tiere ihr dienen m\u00fcssen, wie sie mit nackten F\u00fc\u00dfen so gut in der Welt fortgekommen ist? Sie kann nicht von uns ihre Macht erhalten, die besitzt sie in ihrem Herzen; die besteht darin, dass sie ein liebes, unschuldiges Kind ist. Kann sie nicht selbst zur Schneek\u00f6nigin hineingelangen und das Glas aus dem kleinen Kay bringen, dann k\u00f6nnen wir nicht helfen. Zwei Meilen von hier beginnt der Garten der Schneek\u00f6nigin, dahin kannst du das kleine M\u00e4dchen tragen. Setze sie beim gro\u00dfen Busch ab, der mit roten Beeren im Schnee steht; halte keinen Gevatterklatsch&#8216; sondern spute dich, hierher zur\u00fcckzukommen!&#8220; Und dann hob die Finnin die kleine Gerda auf das Renntier, das lief, was er konnte.<br>\n&#8222;Oh, ich habe meine Stiefel nicht! Ich habe meine Fausthandschuhe nicht!&#8220; rief die kleine Gerda. Das merkte sie in der schneidenden K\u00e4lte, aber das Renntier wagte nicht anzuhalten, es lief, bis es zu dem Busch mit den roten Beeren gelangte. Da setzte es Gerda ab und k\u00fcsste sie auf den Mund, und es liefen gro\u00dfe, blanke Tr\u00e4nen \u00fcber des Tieres Backen; und dann lief es, was es nur konnte, wieder zur\u00fcck. Da stand die arme Gerda ohne Schuhe, ohne Handschuhe, mitten in dem f\u00fcrchterlichen, eiskalten Finnmarken.<br>\nSie lief vorw\u00e4rts, so schnell sie nur konnte. Da kam ein Regiment Schneeflocken, aber die fielen nicht vom Himmel herab, der war hell und gl\u00e4nzte von Nordlichtern. Die Schneeflocken liefen gerade auf der Erde hin, und ja n\u00e4her sie kamen, desto gr\u00f6\u00dfer wurden sie. Gerda erinnerte sich noch, wie gro\u00df und k\u00fcnstlich die Schneeflocken damals ausgesehen hatten, als sie dieselben durch ein Brennglas betrachtete. Aber hier waren sie freilich noch gr\u00f6\u00dfer und f\u00fcrchterlicher, sie lebten, sie waren der Schneek\u00f6nigin Vorposten. Sie hatten die sonderbarsten Gestalten: einige sahen aus wie h\u00e4ssliche, gro\u00dfe Stachelschweine, andere wie Knoten, gebildet von Schlangen, welche die K\u00f6pfe hervorstreckten, noch andre wie kleine, dicke B\u00e4ren, auf denen das Haar sich str\u00e4ubte; alle waren gl\u00e4nzend wei\u00df, alle waren lebendige Schneeflocken.<br>\nDa betete die kleine Gerda ihr Vaterunser. Die K\u00e4lte war so gro\u00df, dass sie ihren eigenen Atem sehen konnte, er ging ihr wie Rauch aus dem Mund. Der Atem wurde dichter und dichter und gestaltete sich zu kleinen Engeln, die mehr und mehr wuchsen, wenn sie die Erde ber\u00fchrten; und alle hatten Helme auf dem Kopf und Spie\u00dfe und Schilde in den H\u00e4nden. Ihre Anzahl wurde gr\u00f6\u00dfer und gr\u00f6\u00dfer, und als Gerda ihr Vaterunser beendet hatte, war eine ganze Legion um sie. Sie stachen mit ihren Spie\u00dfen gegen die gr\u00e4ulichen Schneeflocken, so dass diese in hundert St\u00fccke zersprangen, und die kleine Gerda ging sicher und frohen Mutes vorw\u00e4rts. Die Engel streichelten ihre H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe, da empfand sie weniger, wie kalt es war, und eilte nach der Schneek\u00f6nigin Schloss.<br>\nAber nun m\u00fcssen wir doch erst sehen, was Kay macht. Er dachte freilich nicht an die kleine Gerda, am wenigsten, dass sie drau\u00dfen vor dem Schloss stehe.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Von dem Schloss der Schneek\u00f6nigin, und was sich sp\u00e4ter darin zutrug<\/strong><br>\nDes Schlosses W\u00e4nde waren gebildet aus treibendem Schnee und Fenster und T\u00fcren aus den schneidenden Winden. Es waren \u00fcber hundert S\u00e4le darin, alle, wie sie der Schnee zusammenwehte. Der gr\u00f6\u00dfte erstreckte sich mehrere Meilen weit. Das gl\u00e4nzende Nordlicht beleuchtete sie alle, und wie gro\u00df und leer, wie eisig kalt und gl\u00e4nzend waren sie! Nie gab es hier Lustbarkeiten, nicht einmal einen kleinen B\u00e4renball, wozu der Sturm h\u00e4tte aufspielen und wobei die Eisb\u00e4ren h\u00e4tten auf den Hinterf\u00fc\u00dfen gehen und ihre feinen Manieren zeigen k\u00f6nnen; nie eine kleine Spielgesellschaft mit Haschen und Tatzenschlag; nie einen kleinen Kaffeeklatsch von Wei\u00dfen-Fuchs-Fr\u00e4ulein: Leer, gro\u00df und kalt war es in der Schneek\u00f6nigin S\u00e4len. Die Nordlichter flammten so genau, dass man z\u00e4hlen konnte, wann sie am h\u00f6chsten und wann sie am niedrigsten standen. Mitten in diesem leeren, unendlichen Schneesaal war ein zugefrorener See, der war in tausend St\u00fccke zersprungen, aber jedes St\u00fcck war dem andern gleich, dass es ein vollkommenes Kunstwerk war. Mitten auf dem See sa\u00df die Schneek\u00f6nigin, wenn sie zu Hause war; dann sagte sie, dass sie im Spiegel des Verstandes s\u00e4\u00dfe, und dass dieser der einzige und der beste in der Welt sei.<br>\nDer kleine Kay war blau vor K\u00e4lte, ja fast schwarz, aber er merkte es doch nicht, denn sie hatte ihm den Frostschauer weggek\u00fcsst, und sein Herz glich einem Eisklumpen. Er schleppte einige scharfe, flache Eisst\u00fccke hin und her, die er auf alle m\u00f6gliche Weise aneinander f\u00fcgte, denn er wollte damit etwas herausbringen. Es war, als ob wir kleine Tafeln haben und diese zu Figuren zusammenlegen, was man das chinesische Spiel nennt. Kay tat dies auch und legte Figuren, und zwar die k\u00fcnstlichsten. Das war das Eisspiel des Verstandes. In seinen Augen waren die Figuren ausgezeichnet und von der h\u00f6chsten Vollendung: das machte das Glask\u00f6rnchen, das ihm im Auge sa\u00df! Er legte vollst\u00e4ndige Figuren, die ein geschriebenes Wort waren, aber nie konnte er es dahin bringen, das Wort zu legen, das er haben wollte, das Wort Ewigkeit. Die Schneek\u00f6nigin hatte gesagt: &#8222;Kannst du diese Figur ausfindig machen, dann sollst du dein eigener Herr sein, und ich schenke dir die ganze Welt und ein Paar neue Schlittschuhe.&#8220; Aber er konnte es nicht.<br>\n&#8222;Nun sause ich fort nach den warmen L\u00e4ndern&#8220;, sagte die Schneek\u00f6nigin. &#8222;Ich will hinfahren und in die schwarzen T\u00f6pfe hineinsehen.&#8220;<br>\n&#8211; Das waren die feuerspeienden Berge \u00c4tna und Vesuv, wie man sie nennt. &#8222;Ich werde sie ein wenig wei\u00df machen. Das geh\u00f6rt dazu, das tut den Zitronen und Weintrauben gut!&#8220; Und die Schneek\u00f6nigin flog davon, und Kay sa\u00df allein in dem viele Meilen gro\u00dfen, leeren Eissaal, betrachtete die Eisst\u00fccke und dachte so scharf, dass es in ihm knackte. Steif und still sa\u00df er: Man h\u00e4tte glauben sollen, er w\u00e4re erfroren.<br>\nDa geschah es, dass die kleine Gerda durch das gro\u00dfe Tor in das Schloss trat. Hier herrschten schneidende Winde. Sie trat in die gro\u00dfen, leeren, kalten S\u00e4le hinein &#8211; da erblickte sie Kay. Sie erkannte ihn, flog ihm um den Hals, hielt ihn fest und rief: &#8222;Kay! lieber kleiner Kay! Da habe ich dich endlich gefunden!&#8220;<br>\nAber er sa\u00df still, steif und kalt. Da weinte die kleine Gerda hei\u00dfe Tr\u00e4nen, die fielen auf seine Brust; sie drangen in sein Herz, tauten den Eis- klumpen auf und verzehrten das kleine Spiegelst\u00fcck darin. Er betrachtete sie und sie sang:<br>\n&#8222;Rosen, die bl\u00fchn und verwehen:<br>\nWir werden das Christkindlein sehen!&#8220;<br>\nDa brach Kay in Tr\u00e4nen aus: Er weinte so, dass das Spiegelk\u00f6rnchen aus dem Auge schwamm. Nun erkannte er sie und jubelte: &#8222;Gerda! Liebe kleine Gerda! Wo bist du so lange gewesen? Und wo bin ich gewesen?&#8220; Und er blickte rings um sich her. &#8222;Wie kalt ist es hier! Wie ist es hier weit und leer!&#8220; Und erklammerte sich an Gerda an. und sie lachte<br>\nund weinte vor Freuden. Das war so herrlich, dass selbst die Eisst\u00fccke vor Freuden ringsherum tanzten, und als sie m\u00fcde waren und sich niederlegten, lagen sie in den Buchstaben, von denen die Schneek\u00f6nigin gesagt hatte, dass er sie ausfindig machen solle, dann w\u00e4re er sein eigener Herr und sie wolle ihm die ganze Welt und ein Paar neue Schlittschuhe geben.<br>\nUnd Gerda k\u00fcsste seine Wangen, und sie wurden bl\u00fchend; sie k\u00fcsste seine Augen, und sie leuchteten gleich den ihrigen; sie k\u00fcsste seine H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe, und er war gesund und munter. Die Schneek\u00f6nigin mochte nun nach Hause kommen: sein Freibrief stand da mit gl\u00e4nzenden Eisst\u00fccken geschrieben.<br>\nUnd sie fassten einander bei den H\u00e4nden und wanderten aus dem gro\u00dfen Schloss heraus. Sie sprachen von der Gro\u00dfmutter und von den Rosen oben auf dem Dach, und wo sie gingen, ruhten die Winde, und die Sonne brach hervor; und als sie den Busch mit den roten Beeren erreichten, stand das Renntier da und wartete. Er brachte noch ein anderes junges Renntier mit, dessen Euter voll war, und dieses gab den Kleinen seine warme Milch und k\u00fcsste sie auf den Mund. Dann trugen sie Kay und Gerda zuerst zur Finnin, wo sie sich in der hei\u00dfen Stube aufw\u00e4rmten und \u00fcber die Heimreise Bescheid erhielten, dann zur Lappin, die ihnen neue Kleider gen\u00e4ht und ihren Schlitten instand gesetzt hatte.<br>\nDas Renntier und das Junge sprangen zur Seite und folgten bis zur Grenze des Landes; dort sprosste das erste Gr\u00fcn hervor. Da nahmen sie Abschied von den Renntieren und von der Lappin. &#8222;Lebt wohl!&#8220; sagten alle. Und die ersten kleinen V\u00f6gel begannen zu zwitschern, der Wald hatte gr\u00fcne Knospen, und aus ihm kam auf einem pr\u00e4chtigen Pferd, das Gerda kannte, &#8211; es war vor die goldene Kutsche gespannt gewesen, &#8211; ein junges M\u00e4dchen geritten, mit einer gl\u00e4nzend roten M\u00fctze auf dem Kopfe und Pistolen in der Halfter; das war das kleine R\u00e4uberm\u00e4dchen, das es satt hatte, zu Hause zu sein, und nun erst gegen Norden und sp\u00e4ter, wenn ihr das nicht zusagte, nach einer andern Weltgegend hin wollte. Sie erkannte Gerda sogleich, und Gerda erkannte sie auch: Das war eine Freude!<br>\n&#8222;Du bist ein sch\u00f6ner Patron mit deinem Herumschweifen!&#8220; sagte sie zum kleinen Kay. &#8222;Ich m\u00f6chte wissen, ob du verdienst, dass man deinet halben bis an das Ende der Welt l\u00e4uft!&#8220; Aber Gerda streichelte ihr die Wangen und fragte nach dem Prinzen und der Prinzessin.<br>\n&#8222;Die sind nach fremden L\u00e4ndern gereist&#8220;, sagte das R\u00e4uberm\u00e4dchen.<br>\n&#8222;Aber die Kr\u00e4he?&#8220; sagte Gerda.<br>\n&#8222;Ja, die Kr\u00e4he ist tot&#8220;, erwiderte sie. &#8222;Die zahme Geliebte ist Witwe geworden und geht mit einem Endchen schwarzen wollenen Garns um das Bein; sie klagt j\u00e4mmerlich und Geschw\u00e4tz ist das Ganze. &#8211; Aber erz\u00e4hlt mir nun, wie es dir ergangen ist, und wie du ihn erwischt hast.&#8220;<br>\nUnd Gerda und Kay erz\u00e4hlten.<br>\n&#8222;Snipp-Snapp-Surre-Purre-Basselurre!&#8220; sagte das R\u00e4uberm\u00e4dchen, nahm beide bei den H\u00e4nden und versprach, dass, wenn sie je durch ihre Stadt kommen sollte, sie hinaufkommen wolle, sie zu besuchen. Und damit ritt sie in die weite Welt hinein.<br>\nAber Gerda und Kay gingen Hand in Hand, und wo sie gingen, war es herrlicher Fr\u00fchling mit Blumen und Gr\u00fcn. Die Kirchenglocken l\u00e4uteten, und sie erkannten die hohen T\u00fcrme, die gro\u00dfe Stadt: es war die, in der sie wohnten. Und sie gingen hinein und hin zur T\u00fcr der Gro\u00dfmutter, die Treppe hinauf, in die Stube hinein, wo alles wie fr\u00fcher auf derselben Stelle stand. Und die Uhr ging: Tick! Tack! und die Zeiger drehten sich; aber als sie durch die T\u00fcr gingen, bemerkten sie, dass sie erwachsene Menschen geworden waren. Die Rosen aus der Dachrinne bl\u00fchten zum offenen Fenster herein, und da standen die kleinen Kinderst\u00fchle, und Kay und Gerda setzten sich ein jedes auf den seinigen und hielten einander bei den H\u00e4nden. Die kalte, leere Herrlichkeit bei der Schneek\u00f6nigin hatten sie wie einen schweren Traum vergessen. Die Gro\u00dfmutter sa\u00df in Gottes hellem Sonnenschein und las laut aus der Bibel: &#8222;Werdet ihr nicht wie die Kinder, so werdet ihr das Reich Gottes nicht schauen!&#8220;<br>\nUnd Kay und Gerda sahen einander in die Augen und verstanden auf einmal den alten Gesang:<br>\n&#8222;Rosen, die bl\u00fchn und verwehen:<br>\nWir werden das Christkindlein sehen!&#8220;<br>\nDa sa\u00dfen sie beide, erwachsen und doch Kinder, Kinder im Herzen; und es war Sommer, warmer wohltuender Sommer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans Chr. 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