{"id":761,"date":"2015-12-22T01:14:50","date_gmt":"2015-12-22T00:14:50","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=761"},"modified":"2026-01-24T21:45:12","modified_gmt":"2026-01-24T20:45:12","slug":"das-glueck-kann-in-einem-holzstoeckchen-liegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/das-glueck-kann-in-einem-holzstoeckchen-liegen\/","title":{"rendered":"Das Gl\u00fcck kann in einem Holzst\u00f6ckchen liegen"},"content":{"rendered":"<p>Hans-Christian Andersen<br \/>\n<!--more--><br \/>\nJetzt will ich eine Geschichte vom Gl\u00fcck erz\u00e4hlen. Wir alle kennen das Gl\u00fcck: einige sehen es jahraus, jahrein, andere nur in gewissen Jahren, an einem einzelnen Tage, ja, es gibt sogar Menschen, welche es nur ein einziges Mal im Leben sehen; aber sehen tun wir es alle.<\/p>\n<p>Nun brauche ich nicht zu erz\u00e4hlen, denn jeder wei\u00df es, dass unser Herrgott das kleine Kind bringt und es einer Mutter in den Scho\u00df legt; das kann in dem reichen Schlosse und in der Wohnung des Wohlhabenden geschehen, aber auch auf freiem Felde, wo der kalte Wind weht &#8211; aber nicht jeder wei\u00df, und dennoch ist es gewiss, dass unser Herrgott, wenn er das Kind bringt, auch eine Gl\u00fccksgabe f\u00fcr dasselbe mitbringt; aber diese liegt nicht in die Augen fallend neben ihm, sie liegt irgendwo auf der Erde, wo man sie am wenigsten zu finden erwartet, und doch findet sie sich immer; das ist das Erfreuliche. Sie kann in einen Apfel gelegt sein, und sie war es f\u00fcr einen Gelehrten, welcher Newton hie\u00df. Der Apfel fiel, und da fand er sein Gl\u00fcck. Kennst du die Geschichte nicht, so bitte den, der sie kennt, sie dir zu erz\u00e4hlen; ich habe eine andere Geschichte zu erz\u00e4hlen, und das ist eine Geschichte von einer Birne.<\/p>\n<p>Es war einmal ein armer Mann, welcher in Armut geboren, in Armut gro\u00df geworden war und in Armut sich verheiratet hatte. Er war \u00fcbrigens seines Handwerks ein Drechsler und drechselte vorzugsweise St\u00f6cke und Ringe f\u00fcr Regenschirme, aber er lebte nur von der Hand in den Mund.<\/p>\n<p>&#8222;Ich finde nimmer das Gl\u00fcck!&#8220; sagte er. Dies ist eine wirklich wahre Geschichte, und man k\u00f6nnte das Land und die Stadt nennen, wo der Mann wohnte; aber das kann ja gleichg\u00fcltig sein.<\/p>\n<p>Die roten sauren Vogelbeeren wuchsen als sch\u00f6nster Schmuck rings um Haus und Garten. In letzterem stand auch ein Birnbaum, aber er trug nicht eine einzige Birne, und dennoch war das Gl\u00fcck in diesen Birnbaum gelegt, es lag in den unsichtbaren Birnen.<\/p>\n<p>Einstmals st\u00fcrmte nachts der Wind ganz f\u00fcrchterlich. Die Zeitungen erz\u00e4hlten, dass eine gro\u00dfe Diligence, vom Sturm erfasst, vom Wege in die H\u00f6he gehoben und wie ein Lappen zu Boden geworfen worden sei. Da konnte denn wohl auch leicht ein starker Ast von dem Birnbaum gebrochen werden.<\/p>\n<p>Der Ast wurde in die Werkstatt gelegt, und der Mann drechselte zum Scherz aus demselben eine gro\u00dfe Birne und noch eine gro\u00dfe, dann eine kleinere und endlich einige ganz kleine.<\/p>\n<p>Der Baum musste doch einmal Birnen tragen, sagte der Mann und gab sie seinen Kindern, um damit zu spielen.<\/p>\n<p>Zu den notwendigsten Bed\u00fcrfnissen in einem Lande, wo es oft regnet, geh\u00f6rt allerdings ein Regenschirm. Das ganze Haus hatte zu gemeinschaftlichem Gebrauch nur einen einzigen. Wehte der Wind zu stark, so schlug der Regenschirm um; ja, er brach sogar ein paarmal ab, aber der Mann setzte ihn gleich wieder geh\u00f6rig instand; aber verdrie\u00dflich war es doch, dass der Knopf, welcher ihn zusammenhalten sollte, wenn er nicht aufgespannt war, gar zu oft absprang oder der Ring, welcher um ihn gelegt war, zerbrach.<\/p>\n<p>Eines Tages sprang der Knopf. Der Mann suchte nach ihm auf dem Fu\u00dfboden und fasste da eine der allerkleinsten gedrechselten -Birnen welche die Kinder bekommen hatten, um damit zu spielen,<\/p>\n<p>&#8222;Der Knopf ist nicht zu finden&#8220;, sagte der Mann, &#8222;aber dieses kleine Ding kann es wohl auch tun!&#8220; Er bohrte also ein Loch hinein, zog eine Schnur hindurch, und die kleine Birne schloss gut in den zerbrochenen Ring. Das war in der Tat der beste Halter, welchen der Regenschirm je gehabt hatte.<\/p>\n<p>Als der Mann nun im n\u00e4chsten Jahre Regenschirmst\u00fccke nach der Hauptstadt schicken sollte, wohin er dergleichen lieferte, legte er auch ein paar der gedrechselten kleinen Birnen mit einem halben Ringe bei und bat, sie zu probieren, und so kamen dieselben nach Amerika. Dort merkte man bald, dass die kleine Birne viel besser als irgendein Knopf hielt; und nun verlangte man von dem Kaufmann, dass alle nachfolgenden Regenschirme mit einer kleinen Birne geschlossen sein sollten.<\/p>\n<p>Nun, da gab es Arbeit! Tausende von Birnen&#8220; Holzbirnen f\u00fcr alle Regenschirme! Der Mann musste an die Arbeit. Er drechselte und drechselte. Der ganze Birnbaum ging in kleinen Birnen auf. Das gab Schillinge, das gab Taler!<\/p>\n<p>&#8222;In diesem Birnbaum war mein Gl\u00fcck gelegt&#8220;, sagte der Mann. Er bekam jetzt eine gro\u00dfe Werkstatt und Gesellen und Lehrjungen. Stets war er fr\u00f6hlichen Sinnes und sagte: &#8222;Das Gl\u00fcck kann in einem Holzst\u00fcckchen liegen.&#8220;<\/p>\n<p>Das sage auch ich, der diese Geschichte erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Man sagt: &#8222;Nimm ein Holzst\u00f6ckchen in den Mund, dann wirst du unsichtbar!&#8220; Aber das richtige Holzst\u00f6ckchen muss es sein, das, welches unser Herrgott uns als Gl\u00fccksgabe beschert hat. Ich bekam es, und wie jener Mann kann auch ich klingendes Gold, blinkendes Gold gewinnen, das allerbeste, das, welches aus Kinderaugen blinkt, welches von Kinderlippen klingt und auch von Vater und Mutter mit. Sie lesen da Geschichten, und ich stehe, mitten in der Stube, unter ihnen, aber unsichtbar, denn ich habe ja das wei\u00dfe Holzst\u00f6ckchen im Munde, h\u00f6re ich nun, dass sie sich an dem, was ich erz\u00e4hle, erfreuen, ja, dann sage auch ich: &#8222;Das Gl\u00fcck kann in einem Holzst\u00f6ckchen liegen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans-Christian Andersen<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[88,85],"tags":[],"class_list":["post-761","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hans-chr-andersen","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/761","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=761"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/761\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":762,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/761\/revisions\/762"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=761"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=761"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=761"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}