{"id":754,"date":"2015-12-16T02:16:31","date_gmt":"2015-12-16T01:16:31","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=754"},"modified":"2026-01-24T23:08:44","modified_gmt":"2026-01-24T22:08:44","slug":"die-hexe-und-die-koenigskinder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-hexe-und-die-koenigskinder\/","title":{"rendered":"Die Hexe und die K\u00f6nigskinder"},"content":{"rendered":"\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Ludwig Bechstein<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mitten in einem Walde wohnte eine alte schlimme Hexe ganz allein mit ihrer Tochter, die ein gutes, mildes Kind war und bei der das Sprichwort, der Apfel f\u00e4llt nicht weit vom Stamme, nicht zutraf. Der Stamm n\u00e4mlich war \u00fcber alle Ma\u00dfen knorrig, stachlig und h\u00e4sslich; wer die Alte sah, ging ihr aus dem Wege und dachte: Weit davon ist gut vorm Schuss. Die Alte trug best\u00e4ndig eine gr\u00fcne Brille und \u00fcber ihrem Zottelhaar, das ungek\u00e4mmt ihr vom Kopfe weit herunterhing, einen roten Tuchlappen, sie ging gern in kurzen \u00c4rmeln, dass ihre d\u00fcrren wettergebr\u00e4unten Arme weit aus dem sie umschlotternden Gewand hervorragten. Auf dem R\u00fccken trug sie f\u00fcr gew\u00f6hnlich einen Sack mit Zauberkr\u00e4utern, die sie im Walde sammelte, und in der Hand einen gro\u00dfen Topf, darin sie dieselben kochte und damit Ungewitter, Hagel und Schlo\u00dfen, Reif und Frost zu Wege brachte, so oft es ihr beliebte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Die Hexe und die K\u00f6nigskinder: M\u00e4rchen zum Einschlafen (H\u00f6rbuch)\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/ipRBWJKOwCo?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Am Finger trug sie einen Hexenreif von Golde mit einem gl\u00fchroten Karfunkelstein, mit dem sie Menschen und Tiere bezaubern konnte. Dieser Ring machte die Alte riesenstark und lebenskr\u00e4ftig und machte sie, wenn sie wollte, auch ganz und gar unsichtbar; da konnte sie hingehen, wohin sie wollte, und nehmen, was sie wollte &#8211; und das tat sie auch, und im Walde suchte sie die Hirschk\u00fche auf, und wenn die Tiere den Ring sahen und sahen den Stein funkeln, da mussten sie an eine Stelle gebannt stehen bleiben, und dann ging die Alte zu den Hirschk\u00fchen und molk deren Milch in ihren Topf und trank sie mit ihrer Tochter. Diese Tochter hie\u00df K\u00e4thchen und hatte es nicht gut bei ihrer b\u00f6sen Mutter, doch trug sie geduldig alles Leid. Am schmerzlichsten war ihr, dass ihre Mutter manches mal Kinder mitbrachte, mit denen K\u00e4thchen gern gespielt h\u00e4tte, allein die Alte nahm immer den Kindern ihre Kleider, sperrte die Kinder ein und f\u00fctterte sie mit Hirschmilch, dass sie fett wurden, und was sie dann mit ihnen vornahm, ist gruselig zu erz\u00e4hlen; sie verwandelte sie n\u00e4mlich in Hirschk\u00e4lbchen und verkaufte diese an J\u00e4ger. Die J\u00e4ger aber schossen die armen verwandelten und verkauften Hirschk\u00e4lbchen tot und lieferten sie in die Stadt, wo die Leute das junge Wildbret gar gern essen. So schlimm und b\u00f6se war die h\u00e4ssliche Alte, und da sie den ganzen Tag nichts tat, als zaubern und b\u00f6se R\u00e4nke ersinnen, und dabei oft und viel laut vor sich hin murmelte, so lernte ihre Tochter K\u00e4thchen ihr unvermerkt einige Zauberst\u00fccklein ab, die sie ganz im stillen f\u00fcr sich behielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Da brachte eines Abends die Alte wieder zwei wundersch\u00f6ne Kinder gef\u00fchrt, einen Knaben und ein M\u00e4dchen, denen sah man an, dass es Geschwister waren und reicher Leute Kinder; beide hatten sich im Walde verirrt, waren von der Alten gefunden und nach ihrem Hause mitgenommen worden, und sie hatte ihnen gesagt, sie wolle sie zur\u00fcck zu den Eltern bringen. Die Kinder sahen sich schrecklich get\u00e4uscht, als die Alte ihnen ihre sch\u00f6nen Kleider auszog, ihnen daf\u00fcr Lumpen anlegte und sie in ein dunkles K\u00e4mmerchen einsperrte. Doch bekamen sie einen ganzen Topf voll Hirschmilch zu essen, welche gut schmeckte, und ein St\u00fcck schwarzes Brot dazu, welches weniger gut schmeckte, aber endlich doch auch verzehrt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Am andern Morgen humpelte die Alte schon fr\u00fchzeitig in den Wald und winkte den Hirschk\u00fchen. Da war eine Hirschfamilie, welche die Alte besonders gut kannte und sch\u00e4tzte, bestehend aus dem Herrn Hirsch, der Frau Hirschin und zwei jungen K\u00e4lbchen, die hielten sich immer treulich im Walde zusammen, waren aber doch in steter Furcht vor der b\u00f6sen Alten, welche machen konnte, dass sie alle still stehen mussten, und mussten sich von der b\u00f6sen Hexe die Muttermilch nehmen lassen, so dass die K\u00e4lbchen sich nicht satt trinken und nicht fett werden konnten. K\u00f6nnt ich dir nur einmal mein Geweih durch den d\u00fcrren Leib rennen! dachte oft der Hirsch, und die Hirschin hatte auch keine guten W\u00fcnsche f\u00fcr die Alte &#8211; es half aber ihr W\u00fcnschen allen beiden nichts. W\u00e4hrend die Alte im Walde war, schlich K\u00e4thchen zu dem K\u00e4mmerlein und sah durch eine Ritze in der T\u00fcr die armen gefangenen Kinder, welche seufzten und weinten, in gro\u00dfem Herzeleid. Da fragte K\u00e4thchen: \u00bbWer seid ihr denn, ihr armen Kinder? \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWir sind eines K\u00f6nigs Kinder! O mache uns frei, mein Vater wird es dir lohnen! \u00ab sprach der K\u00f6nigsprinz.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbUnd meine Mutter auch\u00ab, sagte die kleine Prinzessin, indem sie hinzuf\u00fcgte: \u00bbDu sollst auch unsre gute Schwester sein und sollst bei mir im seidnen Bettchen schlafen, und ich will dir gar sch\u00f6ne goldne Kleider geben, hilf uns, hilf uns nur! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da sagte K\u00e4thchen: \u00bbSeid nur geduldig, liebe K\u00f6nigskinder; ich will schon zusehen und darauf sinnen, dass ich euch befreie. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Am andern Morgen in aller Fr\u00fche machte das gute K\u00e4thchen ein Zauberst\u00fcck. Sie verlie\u00df eilig ihr Lager, hauchte hinein und sagte leise:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbLiebes Bettchen, sprich f\u00fcr mich, Bin ich weg, sei du mein Ich! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>So auch hauchte sie auf ihre Lade, auf die Treppe und auf den Herd in der K\u00fcche und sprach das n\u00e4mliche Spr\u00fcchlein. Darauf ging sie an das wohlverwahrte K\u00e4mmerlein der K\u00f6nigskinder, hielt eine Springwurzel, welche die Alte auf dem Kannr\u00fcck liegen hatte, an das Schloss und sagte:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbRiegel, Riegel, Riegelein,<br>\u00d6ffne dich, lass aus und ein! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da sprangen gleich Schloss und Riegel auf, und K\u00e4thchen f\u00fchrte alsbald die K\u00f6nigskinder hinweg und in den Wald hinein. Als die Alte aufwachte, rief sie: \u00bbK\u00e4thchen, stehe auf und sch\u00fcre Feuer an! \u00ab &#8211; Da rief es aus dem Bettchen:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch bin schon auf und munter! Ich komme gleich in die K\u00fcche hinunter! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Die Alte blieb nun noch liegen, doch da sie nach einer Weile nichts h\u00f6rte, rief sie wieder: \u00bbK\u00e4thchen! Wo bleibt denn das faule Ding? \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbGleich! \u00ab rief es von der Lade:<br>\u00bbIch sitze auf der Lade und binde das Strumpfband \u00fcber die Wade! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da nun wieder eine Weile verging und sich im Hause nichts r\u00fchrte noch regte, so ward die Alte b\u00f6se und schrie: \u00bbK\u00e4thchen! Balg! Wo bleibst du denn? \u00ab Da scholl eine Stimme von der Treppe:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch komme schon, ich fliege! Ich bin ja schon leibhaftig auf der Stiege! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Die Alte beruhigte sich noch einmal &#8211; aber nicht gar lange, denn da wieder alles still blieb, so fuhr sie auf und schalt und fluchte. Da rief es vom Herde her:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWozu die b\u00f6sen Fl\u00fcche? Ich bin ja schon am Herd und in der K\u00fcche! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichwohl blieb es in der K\u00fcche und im ganzen Hause totenstill. Jetzt riss der Alten v\u00f6llig der Geduldsfaden, sie sprang aus ihrem Bett, fuhr in die Kleider und nahm einen Besenstiel, willens, K\u00e4thchen unbarmherzig durchzupr\u00fcgeln. Aber wie sie hinauskam, war kein K\u00e4thchen da, nicht zu sehen, nicht zu h\u00f6ren, und was das Sch\u00f6nste, f\u00fcr die Alte aber das Schlimmste war, auch die K\u00f6nigskinder waren fort. Jetzt h\u00e4ttet ihr sollen die Hexenspr\u00fcnge sehen, welche die zornige b\u00f6se alte Frau machte. Ihr Ring zeigte ihr sogleich die Richtung an, nach welcher K\u00e4thchen mit den Kindern geflohen war, und sie raste nun wild hinter ihnen her. Die Kinder aber, als sie in den Wald gekommen waren, hatten dort den Herrn von Edelhirsch nebst Gemahlin, Sohn und Tochter angetroffen und dieser Familie in aller Eile ihr Ungl\u00fcck und ihre Flucht erz\u00e4hlt und ihre edlen Herzen m\u00e4chtig ger\u00fchrt, so dass sie sich bereit zeigten, ihnen alle m\u00f6gliche Hilfe angedeihen zu lassen. Die gute Dame Hirsch bot den Kindern ihren R\u00fccken dar, sie alle drei nach dem K\u00f6nigsschlosse zu tragen, das jenseits des Waldes lag, und der Gemahl befahl seinen Kindern, sich in das Dickicht zur\u00fcckzuziehen, er selbst stellte sich hinter dichtes Laubgeb\u00fcsch nahe am Weg, willens, die Alte, wenn sie vorbeirenne und er ihren Ring nicht sehe, \u00fcber den Haufen zu sto\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es w\u00e4hrte auch gar nicht lange, so kam die Alte in gro\u00dfen Spr\u00fcngen gesetzt; in ihrem Zorn und Eifer verga\u00df sie ganz, unsichtbar sein zu wollen, hielt auch den Finger mit dem Ring nicht empor, und so geschah es, dass pl\u00f6tzlich ein gro\u00dfes und stattliches Hirschgeweih mit ihr in eine sehr verwickelte Ber\u00fchrung kam, bei welcher eines der Enden des Geweihes mit Gewalt den Finger der Alten so streifte, dass der Zauberring vom Finger herabhing und sich auf dem Ende feststeckte, und ehe sich&#8217;s einer versah, so hatte der Hirsch die alte Hexe aufgegabelt, die nun durch des Ringes Kraft selbst starr und steif wurde, und trug sie in gestrecktem Lauf der F\u00e4hrte nach, welche die gute Hilde, seine Gemahlin, im tauigen Grase zur\u00fcckgelassen. Diese war indes mit den drei Kindern bereits im K\u00f6nigsschloss angekommen, und von dem K\u00f6nig und der K\u00f6nigin waren die verlorenen Kinder und das gute K\u00e4thchen, das sie gerettet, mit gro\u00dfer Freude empfangen worden &#8211; als sie pl\u00f6tzlich alle mit gro\u00dfer Verwunderung die Alte, auf dem Geweih des stattlichen Edelhirsches sitzend und getragen, daher schweben sahen. Der Hirsch aber sprang ohne S\u00e4umen in den Schlossteich und tauchte mit dem Kopfe unter. Als er wieder auftauchte, war sein Geweih frei von der Last. Aber auch der Zauberring blieb im Grunde. Hirsch und Hirschin kehrten zu ihrem Walde und zu ihren Kindern zur\u00fcck und waren sehr froh, dass ihnen nun niemand mehr ihre Milch nahm; K\u00e4thchen aber blieb bei den K\u00f6nigskindern und schlief in einem seidnen Bettchen und trug goldne Kleidchen und wurde selbst gehalten wie ein K\u00f6nigskind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[90,85],"tags":[],"class_list":["post-754","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ludwig-bechstein","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/754","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=754"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/754\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2891,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/754\/revisions\/2891"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=754"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=754"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=754"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}