{"id":742,"date":"2015-12-16T02:07:58","date_gmt":"2015-12-16T01:07:58","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=742"},"modified":"2026-04-20T02:10:19","modified_gmt":"2026-04-20T00:10:19","slug":"der-redende-totenkopf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-redende-totenkopf\/","title":{"rendered":"Der redende Totenkopf"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Der redende Totenkopf<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>M\u00e4rchen aus dem Elsass<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Es war einer schon weit und breit in der Welt herumgereist, und doch trieb es ihn immer wieder hinaus. Und wieder hatte er den Rucksack auf dem R\u00fccken und den Stock in der Hand, zog wohlgemut die Stra\u00dfen entlang, als pl\u00f6tzlich ein Totenkopf vor ihm her kollerte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEi, was soll&#8217;s denn mit dir, Alter? \u00ab rief ihm der Wanderer zu. \u00bbkomm doch und halte Mittagstisch mit mir! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbHab weder Hunger noch Durst\u00ab, war die Antwort, \u00bb morgen aber sei du mein Gast, und wenn du nicht kommst, so werde ich dich holen. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbKann sein, kann auch nicht sein\u00ab, sagte der Bursche vor sich hin, wobei er durchlange, dunkle Gew\u00f6lbe schritt, die ihn endlich wieder auf eine sch\u00f6ne, breite Stra\u00dfe f\u00fchrten.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Stra\u00dfe, auf einem Baum, sa\u00dfen zwei Kr\u00e4hen, die heftig miteinander zankten. Es kam ihm dies sonderbar vor, doch lie\u00df er sich&#8217;s nicht anmerken und ging seines Weges.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein St\u00fcck weiter kam er an einen Bach; daran stand ein Pfarrer, der sch\u00f6pfte Wasser in einen Zuber, das Wasser lief aber wieder in den Bach, denn der Zuber hatte keinen Boden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIhr seid gut, Herr\u00ab, sagte er, \u00bbdass ihr Euch so bem\u00fcht; Euer Zuber hat ja keinen Boden. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Der Pfarrer blieb ihm die Antwort schuldig. Er zog weiter und immer weiter und kam zuletzt an ein Haus. Er klopfte an die T\u00fcr, rief, aber niemand regte sich. Da riss er einen Fensterladen auf &#8211; da flatterte ein unz\u00e4hlbares Heer von V\u00f6geln heraus, dass ihn ein Grauen befiel und er den Laden eiligst zuwarf.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder zog er weiter, da erblickte er auf einmal an einem Wasser den Totenkopf. Wieder rief er ihm zu: \u00bb Nun, hast noch keinen Durst und noch keinen Hunger? \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch hab\u2018 weder Hunger noch Durst\u00ab, entgegnete der Totenkopf, \u00bb du aber kommst mit mir in mein Schloss.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Der Wanderer hatte nichts dagegen, denn er war recht m\u00fcde. Er folgte dem Totenkopf, der grad aus vor ihm her kollerte.<\/p>\n\n\n\n<p>Da sie am Schloss angelangt waren, stiegen sie die breiten Treppen hinauf, durch breite, lange G\u00e4nge, durch gro\u00dfe S\u00e4le und Kammern; da war alles voller Lichter. Der Wanderbursehe war dar\u00fcber erstaunt. Der Totenkopf sagte ihm aber: \u00bb Das sind die Lebenslichter. So lang ein Mensch lebt, hat er ein Licht, und wenn er stirbt, so lischt es aus.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bb Zeig mir auch meines\u00ab, bat der Wandersmann.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Totenkopf wies ihm in einiger Entfernung ein Licht, das bis zu einem kleinen St\u00fcmpchen herabgebrannt war. Darauf machte der Wanderer ein trauriges und d\u00fcsteres Gesicht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bb Sag mir doch\u00ab, rief ihm der Totenkopf zu, um ihn aus der Schwermut zu rei\u00dfen, \u00bbwas hast du denn unterwegs gesehen?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbZuerst sah ich zwei Kr\u00e4hen auf einem Baum, die miteinander H\u00e4ndel hatten.\u00ab<br>\u00bbDas sind zwei Br\u00fcder, die einander auf der Welt gehasst und stets miteinander vor dem Richter waren. Die m\u00fcssen auch nach ihrem Tode noch stets miteinander zanken.<\/p>\n\n\n\n<p>Was hast du weitergesehen?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch habe einen geistlichen Herrn gesehen, der Wasser aus dem Bach in einen bodenlosen Zuber sch\u00f6pfte. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas war eben ein Pfarrer, der die weltlichen G\u00fcter liebte, deren nie genug bekam und nur immer mehr wollte. Nun muss er Wasser sch\u00f6pfen und wieder sch\u00f6pfen und bekommt doch nicht genug, um seinen Zuber zu f\u00fcllen. Was hast du aber noch gesehen?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bb Ich habe auch ein Haus gesehen, an dessen T\u00fcr ich geklopft und gerufen, und da mir niemand geantwortet oder aufgemacht hat, so habe ich einen Laden aufgerissen; da sind pl\u00f6tzlich eine Menge V\u00f6gel herausgeflogen und in die weite Luft hinaus. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWie viele waren&#8217;s wohl?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bb Ei, wohl ein paar tausend, denk ich. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSo viel von ihnen herausgeflogen, soviel arme Seelen sind erl\u00f6st.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Das alles ging dem Burschen seltsam im Kopf herum, und er starrte mit gl\u00e4sernen Augen vor sich hin. \u00bb Sag mir einmal\u00ab, redete der Totenkopf ihn wieder an, \u00bbwie lange glaubst du wohl, auf der Reise zu sein? \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNun, schon den ganzen Tag.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDen ganzen Tag? Ei, ja, du wanderst seit dreihundert Jahren. Und jetzt geh wieder hin, wo du hergekommen bist. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Und der Bursche ging zum Schloss hinaus. Er kam zuerst an das Haus mit den verschlossenen L\u00e4den, riss den untersten Laden auf, aber es flogen keine V\u00f6gel heraus. Am Bach stand kein geistlicher Herr mehr, der in den leeren Zuber Wasser sch\u00f6pfte, und auf dem Baum an der Stra\u00dfe zankten sich auch keine Kr\u00e4hen mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Da er nun fortwanderte, kam er endlich auch an sein Dorf und vor seines Vaters Haus. Er klingelte, und eine fremde Person zeigte sich am Fenster. \u00bbZu wem wollt Ihr, guter Freund?\u201c rief sie hinab.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bb Ei, ins Haus, in mein Haus! \u00ab antwortete er.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Leute die T\u00fcr \u00f6ffneten und den fremden Menschen in altmodischer, abgetragener und ganz verstaubter Tracht sahen, sch\u00fcttelten sie die K\u00f6pfe, und noch mehr, als sie nach seinem Namen gefragt und er ihnen einen genannt hatte, der im ganzen Dorf unbekannt war. Die Leute hatten Mitleid mit dem sonderbaren Fremdling, f\u00fchrten ihn aufs Rathaus und, nachdem er auch da seinen Namen wieder angegeben, schlug man in alten B\u00fcchern nach und fand in der Tat, dass es vor etwa dreihundert Jahren ein Geschlecht seines Namens gegeben hatte, das aber seitdem g\u00e4nzlich ausgestorben war.<\/p>\n\n\n\n<p>Man ging nun mit dem Fremden in die Kirche und lie\u00df eine Messe f\u00fcr ihn lesen. W\u00e4hrend die Musik erklang, sah man eine wei\u00dfe Taube um den Altar fliegen. Der Fremde kniete starr und regungslos an seinem Platz, und als man ihn r\u00fcttelte, zerfiel er zu Staub und Asche.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der redende Totenkopf M\u00e4rchen aus dem Elsass Es war einer schon weit und breit in der Welt herumgereist, und doch trieb es ihn immer wieder hinaus. 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