{"id":738,"date":"2015-12-10T19:51:07","date_gmt":"2015-12-10T18:51:07","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=738"},"modified":"2025-12-28T03:26:36","modified_gmt":"2025-12-28T02:26:36","slug":"im-herzen-bewahrt-aber-nicht-vergessen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/im-herzen-bewahrt-aber-nicht-vergessen\/","title":{"rendered":"Im Herzen bewahrt aber nicht vergessen"},"content":{"rendered":"<p>Hans-Christian Andersen<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Es gab einmal ein altes Schlo\u00df mit morastigen Gr\u00e4ben und einer Zugbr\u00fccke. Sie war \u00f6fter aufgezogen wie hinabgelassen; nicht alle G\u00e4ste, die kommen, sind gut. Schie\u00dfscharten und L\u00f6cher zogen sich unterm Dach entlang; durch die konnte man hinausschie\u00dfen oder kochendes Wasser oder sogar geschmolzenes Blei auf den Feind herabsch\u00fctten, wenn er zu nahe kam. Hoch waren die balkengedeckten R\u00e4ume drinnen, und das war gut des vielen Rauches wegen, der aus dem Kaminfeuer hervorqualmte, das von nassen Holzkl\u00f6tzen unterhalten wurde. An der Wand hingen Bilder gepanzerter M\u00e4nner und stolzer Frauen in schweren Kleidern. Die stolzeste von ihnen allen wandelte lebend im Schlosse umher; sie hie\u00df Mette Mogens, sie war die Besitzerin des Schlo\u00dfes.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Am Abend nahten R\u00e4uber; sie schlugen drei ihrer Leute tot, den Kettenhund ebenfalls, und darauf banden sie Fraun Mette mit der Hundekette an der Hundeh\u00fctte fest, setzten sich selbst in die Halle und tranken den Wein aus ihrem Keller und all das gute Bier.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Frau Mette stand angebunden an der H\u00fctte; sie konnte nicht einmal bellen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Da kam ein junger R\u00e4uber; still hatte er sich hinabgeschlichen; es durfte nicht bemerkt werden, denn sonst h\u00e4tten sie ihn erschlagen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbFrau Mette Mogens!\u00ab sagte der Bursche, \u00bbkannst du dich dessen entsinnen, wie einst mein Vater zur Zeit deines Gatten auf dem h\u00f6lzernen Pferde reiten mu\u00dfte? Damals batest Du f\u00fcr ihn, wenn auch ohne Erfolg. Er sollte sich zum Kr\u00fcppel sitzen. Aber du schl\u00fcpftest hinab, wie ich jetzt hinabgeschl\u00fcpft bin; selbst legtest du einen Stein unter jeden seiner F\u00fc\u00dfe, um ihm einen Ruhepunkt zu verschaffen. Niemand sah es, oder sie stellten sich wenigstens alle, als ob sie es nicht s\u00e4hen; warst du doch die junge, die gn\u00e4dige Frau. Mein Vater hat es mir erz\u00e4hlt, und ich habe es in meinem Herzen bewahrt, aber nicht vergessen! Nun befreie ich Dich, Frau Mette Mogens!\u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Darauf zogen sie Pferde aus dem Stalle und ritten in Regen und Sturm, um Freundeshilfe herbeizuholen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbDas war eine reiche Bezahlung f\u00fcr den geringen Dienst, den ich dem Alten erwiesen habe!\u00ab sagte Mette Mogens.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbWas im Herzen bewahrt ruht, ist darum noch nicht vergessen!\u00ab erwiderte der junge Mann.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die R\u00e4uber wurden geh\u00e4ngt.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">In einsamer Gegend lag ein altes Schlo\u00df; noch heute liegt es da; es war nicht jenes der Frau Mette Mogens, es geh\u00f6rte einem anderen hochadeligen Geschlechte.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die Geschichte spielt in unserer Zeit. Die Sonne scheint auf die vergoldeten Spitzen des Turmes. Kleine waldige Inseln liegen wie Blumenstr\u00e4u\u00dfe auf dem Wasser, und ringsum schwimmen wilde Schw\u00e4ne. Im Garten wachsen Rosen; die Schlo\u00dffrau ist selbst das feinste Rosenblatt, das in Freude ergl\u00e4nzt, in der Freude \u00fcber eine gute Tat. Nicht nach au\u00dfen, nicht in die Welt hinein f\u00e4llt der Freudenstrahl, sondern tief in die Herzen dringt er hinein; in ihnen ruht er wohlverwahrt, aber nicht vergessen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Nun kommt sie vom Schlosse und geht nach dem Tagel\u00f6hnerh\u00e4uschen auf dem Felde. Darin wohnt ein armes gel\u00e4hmtes M\u00e4dchen; das Fenster des kleinen St\u00fcbchens liegt nach Norden; nie scheint die Sonne hinein; sie kann nur ein St\u00fcckchen Feld \u00fcberschauen, das durch den hohen Grabenrand abgeschlossen wird. Aber heute ist Sonnenschein darin, Gottes warme sch\u00f6ne Sonne scheint hinein, sie kommt von S\u00fcden her durch das neue Fenster, wo vorher nur Mauer war. Die Gel\u00e4hmte sitzt im warmen Sonnenschein, sieht Wald und Meeresufer, die Welt ist ihr so gro\u00df und sch\u00f6n geworden, und zwar durch ein freundliches Wort der freundlichen Schlo\u00dffrau.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbDas Wort war so leicht, die Tat so klein!\u00ab sagte sie, \u00bbaber die Freude, die ich empfand, war unendlich gro\u00df und segenbringend!\u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und deshalb \u00fcbt sie soviel Gutes, denkt an alle in den armen H\u00e4usern und in den reichen, wo es ja auch Betr\u00fcbte gibt. Es ist im Verborgenen und im Geheimen ge\u00fcbt; aber von Gott ist es nicht vergessen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Ein altes Patrizierhaus liegt in der gro\u00dfen gesch\u00e4ftigen Stadt. Darin gab es Stuben und S\u00e4le; in sie treten wir nicht hinein, wir bleiben in der K\u00fcche. Warm und hell ist es da, rein und sauber. Das kupferne Geschirr ist spiegelblank, der Tisch wie poliert, der Gu\u00dfstein wie ein frisch gescheuertes K\u00fcchenbrett. Eine einzige Magd hat das alles getan und doch noch soviel Zeit gefunden, sich rein anzuziehen, als wollte sie in die Kirche gehen. Sie hat eine Schleife an der Haube, eine schwarze Schleife; das deutet auf Trauer. Sie hat ja aber niemand, f\u00fcr den sie Trauer anlegen k\u00f6nnte, weder Vater noch Mutter, weder Verwandte noch einen Br\u00e4utigam; sie ist eine arme Magd. Einmal war sie verlobt, das war mit einem armen Mann; sie liebten einander innig. Eines Tages kam er zu ihr.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbWir haben beide nichts!\u00ab sagte er; \u00bb die reiche Witwe dr\u00fcben im Keller hat warme Worte zu mir gesprochen; sie will mich in Wohlstand versetzen, aber du allein lebst in meinem Herzen. Wozu r\u00e4tst du mir?\u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbZu dem, wovon du glaubst, da\u00df es Dein Gl\u00fcck ist!\u00ab sagte das M\u00e4dchen. \u00bbSei gut und freundlich gegen sie; sei aber eingedenk, da\u00df wir uns von der Stunde an, wo wir uns trennen, nicht wieder sehen d\u00fcrfen!\u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Darauf vergingen ein paar Jahre; eines Tages begegnete sie auf der Stra\u00dfe ihrem fr\u00fcheren Freunde und Br\u00e4utigam; er sah krank und elend aus; so da\u00df sie sich nicht enthalten konnte, ihn zu fragen: \u00bbWie geht es Dir?\u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bb\u00dcber die Ma\u00dfen gut und ausk\u00f6mmlich!\u00ab erwiderte er, \u00bbdie Frau ist gut und brav, aber du erf\u00fcllst mein Herz. Ich habe einen schweren Kampf gek\u00e4mpft, bald ist er zu Ende! Erst vor Gottes Thron sehen wir uns wieder.\u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Eine Woche ist vergangen, da stand diesen Morgen in der Zeitung, da\u00df er gestorben w\u00e4re; deshalb tr\u00e4gt das M\u00e4dchen Trauer. Sein einstiger Br\u00e4utigam ist, wie dort zu lesen steht, von Frau und drei Stiefkindern durch den Tod geschieden, das klingt, als ob da ein Sprung w\u00e4re; und doch ist das Metall rein.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die schwarze Schleife deutet die Trauer an; des M\u00e4dchens Antlitz deutet sie noch mehr an; im Herzen ruht sie verborgen, wird aber nie vergessen!<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans-Christian Andersen<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[88,85],"tags":[],"class_list":["post-738","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hans-chr-andersen","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/738","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=738"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/738\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":739,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/738\/revisions\/739"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=738"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=738"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=738"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}