{"id":730,"date":"2015-12-10T18:12:05","date_gmt":"2015-12-10T17:12:05","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=730"},"modified":"2025-12-28T03:35:13","modified_gmt":"2025-12-28T02:35:13","slug":"helene","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/helene\/","title":{"rendered":"Helene"},"content":{"rendered":"<p>Ludwig Bechstein<br \/>\n<!--more--><br \/>\nEs war einmal ein sch\u00f6nes M\u00e4dchen, das hie\u00df Helene. Ihre Mutter war fr\u00fch gestorben, und die Stiefmutter, die sie bekommen hatte, tat ihr alles gebrannte Herzeleid an. Helene gab sich alle M\u00fche, ihre Liebe zu gewinnen, sie verrichtete die schweren Arbeiten, die ihr auferlegt wurden, flei\u00dfig und unverdrossen, aber die b\u00f6se Stiefmutter blieb in ihrem harten Herzen unger\u00fchrt und verlangte immer mehr von ihr. Denn weil Helene so emsig und unerm\u00fcdlich war, dass sie immer bei Zeiten mit ihrer Arbeit fertig wurde, so glaubte sie, was sie ihr auferlegt habe, sei noch zu leicht und zu gering gewesen, und sann auf neue schwere Besch\u00e4ftigungen. Eines Tages verlangte die Alte von Helene, diese solle zw\u00f6lf Pfund Federn in einem Tage abschleissen, und drohte ihr mit harten Strafen, wenn sie abends nach Hause zur\u00fcckk\u00e4me und die Arbeit sei nicht getan.<\/p>\n<p>Das arme gequ\u00e4lte M\u00e4dchen setzte sich mit Angst und Tr\u00e4nen zu ihrer Arbeit und konnte vor Kummer kaum einen Anfang machen. Wenn sie aber endlich ein H\u00e4ufchen geschlissener Federn vor sich liegen hatte, da musste sie wieder an ihre Not denken und bitterlich weinen, und dann stoben die Federn von ihrem Seufzen auseinander. So ging es ihr immer wieder, und ihre Angst stieg auf das H\u00f6chste. Sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden H\u00e4nden, b\u00fcckte sich \u00fcber den Tisch und rief weinend aus: &#8222;Ach! Ist denn niemand auf Gottes Erdboden, der sich meiner erbarme?&#8220;<\/p>\n<p>Da antwortete auf einmal eine sanfte Stimme: &#8222;Tr\u00f6ste dich, mein Kind, ich bin gekommen dir zu helfen.&#8220; Erschrocken sah Helene auf und erblickte eine Fee, die freundlich fragte: &#8222;Was weinst du so?&#8220; Helene hatte lange kein freundliches Wort geh\u00f6rt, sie fasste Vertrauen zu der Erscheinung und erz\u00e4hlte, was ihr f\u00fcr eine Arbeit aufgegeben sei und dass sie damit unm\u00f6glich zur bestimmten Zeit fertig werden k\u00f6nne. &#8222;Sei ohne Sorgen, mein Kind!&#8220; sprach die freundliche Fee, &#8222;lege dich ruhig schlafen; unterdessen will ich deine Arbeit verrichten.&#8220; Helene legte sich zur Ruhe, und unter den H\u00e4nden der Fee flogen die Federn selbst von den Kielen, so dass die Arbeit lange vor der gesetzten Frist fertig war. Darauf weckte die Fee Helene, die allen Kummer verschlafen hatte, und verschwand, als diese ihr danken wollte. Am Abend kam die b\u00f6se Stiefmutter nach Hause. Wie erstaunte sie, als sie Helenen neben der fertigen Arbeit ruhig sitzend fand. Sie lobte zwar ihren Flei\u00df, dachte aber bei sich auf neue und schwerere Arbeiten.<\/p>\n<p>Am andern Tag befahl sie Helene, einen gro\u00dfen Teich, der in der N\u00e4he lag, mit einem L\u00f6ffel auszusch\u00f6pfen, und der L\u00f6ffel, den sie ihr dazu gab, war durchl\u00f6chert. Helene machte sich an ihre Arbeit, aber bald sah sie ein, dass es unm\u00f6glich war, das Gebot ihrer b\u00f6sen und t\u00fcckischen Stiefmutter zu erf\u00fcllen. Voll tiefer K\u00fcmmernis und Angst wollte sie schon den L\u00f6ffel von sich werfen, als pl\u00f6tzlich die gute Fee vor ihr stand und sie freundlich fragte, warum sie so betr\u00fcbt sei? Als Helene ihr von dem Gebote der Stiefmutter erz\u00e4hlt hatte, sprach sie: &#8222;Verlass dich auf mich; ich will deine Arbeit f\u00fcr dich verrichten. Lege dich unterdessen ruhig schlafen.&#8220; Helene war getr\u00f6stet und legte sich zur Ruhe, aber bald ward sie von der Fee leise geweckt und erblickte das vollbrachte Werk. Voller Freuden eilte sie zu ihrer Stiefmutter und hoffte, ihr Herz w\u00fcrde sich endlich erweichen. Aber diese \u00e4rgerte sich dar\u00fcber, dass ihre T\u00fccke so wunderbar vereitelt worden war, und sann auf noch schwierigere Aufgaben.<\/p>\n<p>Als es Morgen geworden war, befahl sie Helene, bis zum Abende ein sch\u00f6nes Schloss zu bauen, das sogleich bezogen werden k\u00f6nne und an dem nichts fehlen d\u00fcrfe, weder K\u00fcche noch Keller noch irgendetwas. Helene setzte sich niedergeschlagen auf den Felsen, der ihr zum Bau angewiesen war, und tr\u00f6stete sich nur mit der Hoffnung, dass ihr die gute Fee auch diesmal aus ihrer Not helfen werde. So geschah es auch. Die Fee erschien, versprach, das Schloss zu bauen und schickte Helene wieder zur Ruhe. Auf das Wort der Fee erhoben sich Felsen und Steine und f\u00fcgten sich ineinander, so dass bald ein pr\u00e4chtiges Schloss da stand. Vor Abend war auch inwendig alles fertig und in vollem Glanze. Wie dankbar und freudig war Helene, als sie die schwere Aufgabe ohne ihr Zutun erf\u00fcllt sah. Aber die Stiefmutter freute sich nicht, sondern ging schn\u00fcffelnd und sp\u00fcrend durch das Schloss von oben bis unten, ob sie nicht irgendeinen Fehler f\u00e4nde, wegen dessen sie Helene ausschelten und strafen k\u00f6nnte. Endlich wollte sie auch den Keller betrachten, aber in dem Augenblicke, wo sie die Fallt\u00fcr erhoben hatte und hinabsteigen wollte, schlug die schwere T\u00fcre pl\u00f6tzlich zur\u00fcck, so dass die b\u00f6se Stiefmutter die Treppe hinabst\u00fcrzte<\/p>\n<p>und sich zu Tode fiel.<\/p>\n<p>Nun war Helene selber Herrin des Schlosses und lebte in Ruhe und Frieden. Bald kamen viele Freier, die von ihrer gro\u00dfen Sch\u00f6nheit geh\u00f6rt hatten. Unter ihnen war auch ein K\u00f6nigssohn mit Namen La\u00dfmann, und dieser erwarb sich die Liebe der sch\u00f6nen Helene. Eines Tages sa\u00dfen beide vertraulich vor dem Schlosse unter einer hohen Linde beisammen, und La\u00dfmann sagte Helene, dass er von ihr zu seinen Eltern reisen m\u00fcsse, um ihre Einwilligung zu seiner Heirat sich zu holen, und bat sie unter der Linde seiner zu warten. Er schwur ihr, sobald als m\u00f6glich zu ihr zur\u00fcckzukehren. Helene k\u00fcsste ihn beim Abschiede auf die linke Backe und bat ihn, solange er von ihr entfernt sein werde, sich von niemand anderem auf diese Backe k\u00fcssen zu lassen. Unter der Linde wolle sie ihn erwarten.<\/p>\n<p>Helene baute felsenfest auf La\u00dfmanns Treue und sa\u00df ganzer drei Tage lang von Morgen bis zum Abende unter der Linde. Als aber ihr Br\u00e4utigam immer noch nicht kam, geriet sie in schwere Sorge und beschloss, sich auf den Weg zu machen und ihn zu suchen. Sie nahm von ihrem Schmucke so viel sie konnte, auch von ihren Kleidern nahm sie drei der sch\u00f6nsten, eins mit Sternen, das andere mit Monden, das dritte mit lauter Sonnen von reinem Golde gestickt &#8211; Weit und breit wanderte sie durch die Welt, aber nirgends geriet sie auf eine Spur ihres Br\u00e4utigams. Am Ende verzweifelte sie ganz daran, ihn zu finden, und gab ihr Suchen auf, aber nach ihrem Schlosse wollte sie doch nicht heimkehren, weil ihr dort ohne ihren Br\u00e4utigam alles \u00f6de und verlassen vorkommen musste; lieber wollte sie in der Fremde bleiben. Sie vermietete sich bei einem Bauern als Hirtin und vergrub ihren Schmuck und ihre sch\u00f6nen Kleider an einem verborgenen Orte.<\/p>\n<p>So lebte sie nun als Hirtin und h\u00fctete ihre Herde, indem sie an ihren Br\u00e4utigam dachte. Sie gew\u00f6hnte ein K\u00e4lbchen von der Herde an sich, f\u00fctterte es aus ihrer Hand und richtete es ab, vor ihr nieder zu knien, wenn sie zu ihm sprach:<\/p>\n<p>&#8222;K\u00e4lbchen, knie nieder<br \/>\nUnd vergiss deiner Ehre nicht, wie der<br \/>\nPrinz La\u00dfmann die arme Helene verga\u00df,<br \/>\nAls sie unter der gr\u00fcnen Linde sa\u00df.&#8220;<\/p>\n<p>Nach einigen Jahren, die sie so verlebte, h\u00f6rte sie, die Tochter des K\u00f6nigs in dem Lande, wo sie jetzt wohnte, werde ein K\u00f6nigssohn mit Namen La\u00dfmann heiraten. Dar\u00fcber freuten sich alle Leute, aber Helene \u00fcberfiel ein noch viel gr\u00f6\u00dferer Schmerz, als sie bisher erlitten hatte, denn sie hatte immer noch auf La\u00dfmanns Treue vertraut. Nun traf es sich, dass der Weg zur K\u00f6nigsstadt nicht weit von dem Dorfe vorbeiging, wo Helene sich als Hirtin verdingt hatte und so geschah es oftmals, wenn sie ihre Herde h\u00fctete, dass La\u00dfmann an ihr vor\u00fcberritt, ohne sie zu beachten, indem er ganz in Gedanken an seine Braut versunken war. Da fiel es Helene ein, sein Herz auf die Probe zu stellen und zu versuchen, ob es nicht m\u00f6glich sei, ihn wieder an sie zu erinnern. Nicht lange darauf kam La\u00dfmann wieder einmal vor\u00fcber; da sprach Helene zu ihrem K\u00e4lbchen:<\/p>\n<p>&#8222;K\u00e4lbchen, knie nieder<br \/>\nUnd vergiss deiner Ehre nicht, wie der<br \/>\nPrinz La\u00dfmann die arme Helene verga\u00df,<br \/>\nAls sie unter der gr\u00fcnen Linde sa\u00df.&#8220;<\/p>\n<p>Als La\u00dfmann Helenens Stimme h\u00f6rte, da war es ihm, als solle er sich auf etwas besinnen, aber hell wurde ihm nichts, und deutlich hatte er auch nicht die Worte vernommen, da Helene nur leise und mit zitternder Stimme geredet hatte. So war auch ihr Herz viel zu bewegt gewesen, als dass sie h\u00e4tte achtgeben k\u00f6nnen, welchen Eindruck ihre Worte machten, und als sie sich fasste, war La\u00dfmann schon wieder weit von ihr fort. Doch sah sie noch, wie er langsam und nachdenklich ritt, und deshalb gab sie sich noch nicht ganz verloren.<\/p>\n<p>In diesen Tagen sollte in der K\u00f6nigsstadt mehrere N\u00e4chte hindurch ein gro\u00dfes Fest gegeben werden. Darauf setzte sie ihre Hoffnung und beschloss, dort ihren Br\u00e4utigam aufzusuchen. Als es Abend war, machte sie sich heimlich auf, ging zu ihrem Verstecke und legte das Kleid, das mit goldenen Sonnen geziert war, und ihr Geschmeide an, und ihre sch\u00f6nen Haare, die sie bisher unter einem Tuche verborgen hatte, lie\u00df sie fessellos rollen. So geschmeckt ging sie in die Stadt zum Feste. Als sie sich zeigte, da wandten sich aller Augen auf sie, alles verwunderte sich \u00fcber ihre Sch\u00f6nheit, aber niemand wusste, wer sie war. Auch La\u00dfmann war von ihrer Sch\u00f6nheit wie verzaubert, ohne zu ahnen, dass er einst mit diesem M\u00e4dchen ein Herz und eine Seele gewesen war. Bis zum Morgen wich er nicht von ihrer Seite, und nur mit gro\u00dfer M\u00fche konnte sie in dem Gedr\u00e4nge ihm entkommen, als es Zeit war heimzukehren. La\u00dfmann suchte sie \u00fcberall und erwartete sehnlich die n\u00e4chste Nacht, wo sie versprochen hatte, sich wieder einzufinden. Am andern Abende begab sich die sch\u00f6ne Helene wiederum so zeitig, als sie konnte, auf den Weg. Diesmal hatte sie das Gewand an, das mit lauter silbernen Monden geziert war, und einen silbernen Halbmond trug sie \u00fcber ihrer Stirne. La\u00dfmann war froh, sie wiederzusehen, sie schien ihm noch viel sch\u00f6ner zu sein als gestern, und die ganze Nacht tanzte er allein mit ihr. Als er sie aber nach ihrem Namen fragte, antwortete sie, sie d\u00fcrfe ihn nicht nennen, wenn er nicht erschrecken solle. Darauf bat er sie inst\u00e4ndig, den n\u00e4chsten Abend wiederzukommen, und dies versprach sie ihm. Am dritten Abend war La\u00dfmann vor Ungeduld fr\u00fchzeitig in dem Saale und verwandte kein Auge von der T\u00fcr. Endlich kam Helene in einem Gewande, das mit lauter goldenen und silbernen Sternen gestickt war und von einem Sterneng\u00fcrtel festgehalten wurde; ein Sternenband hatte sie um ihre Haare geschlungen. La\u00dfmann war noch mehr als vorher von ihr entz\u00fcckt und drang in sie mit Bitten, sich ihm endlich zu erkennen zu geben. Da k\u00fcsste Helene ihn schweigend auf die linke Backe, und nun erkannte La\u00dfmann sie auf einmal wieder und bat voll Reue um ihre Verzeihung; und Helene, froh ihn wiedergewonnen zu haben, lie\u00df ihn nicht lange darauf warten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ludwig Bechstein<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[90,85],"tags":[],"class_list":["post-730","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ludwig-bechstein","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/730","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=730"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/730\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":731,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/730\/revisions\/731"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=730"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=730"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=730"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}