{"id":726,"date":"2015-12-10T18:06:59","date_gmt":"2015-12-10T17:06:59","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=726"},"modified":"2025-12-28T03:40:42","modified_gmt":"2025-12-28T02:40:42","slug":"heino-im-sumpf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/heino-im-sumpf\/","title":{"rendered":"Heino im Sumpf"},"content":{"rendered":"<p>Richard von Volkmann-Leander<br \/>\n<!--more--><br \/>\n\u00bbUnser Sohn ist ein gro\u00dfer J\u00e4ger\u00ab, sagte der alte K\u00f6nig. \u00bbEr reitet alle Tage mit der Armbrust in den Wald. Aber er bringt nie ein Wild zur\u00fcck, soviel er auch erlegt; denn er schenkt alles, was er schie\u00dft, den armen Leuten. Es ist ein sehr guter Mensch! \u00ab<\/p>\n<p>So sagte der alte K\u00f6nig zur K\u00f6nigin. Doch die Rehe im Walde dachten etwas ganz anderes. Sie hatten gar keine Furcht vor Heino; denn sie kannten ihn schon lange und wussten, dass er ihnen nichts zuleide tat. Er ritt ja immer nur durch den Wald hindurch bis an das Waldende; und am Waldende stand ein kleines H\u00e4uschen, fast ganz zugedeckt von B\u00e4umen und Gestr\u00e4uch, und Fenster und Haust\u00fcre fast ganz zugewachsen von Efeu und Gei\u00dfblatt. Vor der T\u00fcr aber stand Blau\u00e4uglein, und wenn sie den K\u00f6nigssohn kommen sah, leuchteten ihre gro\u00dfen blauen Augen vor Freude wie zwei Sterne und beschienen ihr ganzes Gesicht.<\/p>\n<p>Doch Heino brachte immer und immer kein Wild nach Hause und wollte stets allein reiten; und wenn sein Vater mit ihm ritt, traf er nichts. Da merkte der alte K\u00f6nig wohl, dass es etwas Besonderes mit dem Jagen sein m\u00fcsse. Er lie\u00df einen Diener heimlich Heino nachschleichen, und der erz\u00e4hlte ihm alles. Da fuhr es ihm in die Krone, und er ward sehr zornig; denn Heino war sein einziger Sohn, und er gedachte ihn mit der Tochter eines m\u00e4chtigen K\u00f6nigs zu verm\u00e4hlen. Er rief daher zwei J\u00e4gerknechte, zeigte ihnen einen Klumpen Goldes, so gro\u00df wie ein Kopf, und versprach, ihnen denselben zu schenken, wenn sie Blau\u00e4uglein umbringen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Aber Blau\u00e4uglein hatte eine schneewei\u00dfe Taube, die sa\u00df jeden Tag auf dem h\u00f6chsten Baume im Walde und sah nach dem Schloss. Wenn Heino zu Pferde stieg, um zu Blau\u00e4uglein zu reiten, flog sie schnell voran, schlug mit den Fl\u00fcgeln gegen das Fenster und rief:<\/p>\n<p>\u00bbEs rascheln die Zweiglein,<br \/>\nEs kommt was geschritten,<br \/>\nHerzliebstes Blau\u00e4uglein,<br \/>\nEs kommt was geritten! \u00ab<\/p>\n<p>Dann stellte sich Blau\u00e4uglein vor die Haust\u00fcre und wartete, bis Heino kam.<\/p>\n<p>Als nun die wei\u00dfe Taube die beiden J\u00e4gerknechte gegen Abend nach dem Walde schleichen sah, ahnte ihr nichts Gutes. Sie flog eilends zum Schloss an Heinos Fenster, schlug gegen die Scheiben, bis er kam und ihr aufmachte, und sagte ihm alles, was sie gesehen hatte. Da st\u00fcrzte er atemlos in den Wald, und als er bei dem kleinen H\u00e4uschen ankam, hatten schon die J\u00e4gerknechte Blau\u00e4uglein gebunden und ratschlagten, wie sie es t\u00f6ten sollten. Da schlug er ihnen die beiden H\u00e4upter ab, trug sie nach Haus und setzte sie seinem Vater vor die Kammer auf die Schwelle.<\/p>\n<p>Der alte K\u00f6nig aber konnte die ganze Nacht nicht schlafen, sondern h\u00f6rte fortw\u00e4hrend ein leises Wimmern und St\u00f6hnen vor seiner T\u00fcr. Als der Morgen graute, stand er auf und sah nach, was es w\u00e4re. Da standen die beiden K\u00f6pfe der J\u00e4gerknechte auf der Schwelle, und zwischen beiden lag ein Brief von Heino, in dem stand geschrieben, dass er nichts mehr weder von Vater noch Mutter wissen wolle, und dass er sich jedwede Nacht vor Blau\u00e4ugleins Haus auf die Schwelle legen w\u00fcrde mit dem nackten Schwert auf dem Scho\u00df. Wer da k\u00e4me, ihr ein Leid zu tun, dem schl\u00fcge er das Haupt ab, wie er es den beiden J\u00e4gerknechten getan, und wenn&#8217;s der K\u00f6nig selbst w\u00e4re.<\/p>\n<p>Als der alte K\u00f6nig dies gelesen, ward er sehr betreten. Er ging zur K\u00f6nigin und erz\u00e4hlte ihr alles. Diese aber schalt ihn aus, dass er Blau\u00e4uglein habe wollen umbringen lassen, und sagte: \u00bbDu hast alles verdorben! Wer wird nur immer gleich alles totmachen wollen! Ihr M\u00e4nner seid doch gar zu schlimm, einer wie der andere! Stets hei\u00dft es: biegen oder brechen. Da sind von dir heute sechs Hemden aus der W\u00e4sche gekommen, da fehlen wieder an allen sechsen die Hemdkragenb\u00e4nder. Wo sind sie hin? Abgerissen hast du sie wieder, weil du sie verknotet hast, anstatt sie mit Geduld aufzukn\u00fcpfen. Und Heino ist geradeso wie du. Nun soll ich&#8217;s wieder gutmachen! \u00ab<\/p>\n<p>\u00bbSchon gut, schon gut\u00ab, erwiderte der K\u00f6nig, der wohl f\u00fchlte, dass die K\u00f6nigin recht hatte, \u00bbsei nur ruhig und h\u00f6re auf zu schelten; davon wird&#8217;s auch nicht besser. \u00ab<\/p>\n<p>Und die K\u00f6nigin warf sich die Nacht \u00fcber unaufh\u00f6rlich im Bette hin und her und \u00fcberlegte sich, was sie tun wolle. Sobald es hell ward, ging sie auf den Anger und grub ein Kraut heraus, das war giftig und hatte schwarze Beeren. Darauf ging sie in den Wald und pflanzte es gerade an den Weg.<\/p>\n<p>Als sie zur\u00fcckkam, fragte sie der K\u00f6nig, was sie gemacht habe. Da antwortete sie: \u00bbIch habe ihm ein Kraut in den Weg gepflanzt, darauf w\u00e4chst eine rote Blume; wer sie bricht, muss sein Liebstes vergessen. \u00ab<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen, als Heino durch den Wald ging, stand das Kraut am Wege und hatte eine sch\u00f6ne rote Blume getrieben, die funkelte in der Sonne und duftete so stark, dass ihm fast die Sinne vergingen. Aber obschon es \u00fcber Nacht stark getaut hatte, so waren doch das Kraut sowohl als die Blume ganz trocken. Da sagte er:<\/p>\n<p>\u00bbWas ist das f\u00fcr ein Kraut,<br \/>\nEin Kraut, worauf&#8217;s nicht taut? \u00ab<\/p>\n<p>Da antwortete die Blume:<\/p>\n<p>\u00bbEin Kraut, das niemand findet,<br \/>\nAls nur ein K\u00f6nigskind!\u00ab<\/p>\n<p>Darauf fragte er wieder:<\/p>\n<p>\u00bbUnd wenn ich dich nun br\u00e4ch&#8216;,<br \/>\nDu Blum&#8216; an meinem Weg?\u00ab<\/p>\n<p>und die Blume erwiderte:<\/p>\n<p>\u00bbSo bl\u00fcht&#8216; ich noch viel sch\u00f6ner,<br \/>\nDu stolzer K\u00f6nigssohn! \u00ab<\/p>\n<p>Da konnte er sich nicht halten und pfl\u00fcckte die Blume; und als er das getan, hatte er sein Liebstes vergessen und ging zu seinen Eltern ins Schloss.<\/p>\n<p>Als ihn seine Mutter kommen sah, hatte er die rote Blume am Wams stecken. Da wusste sie, dass alles gelungen sei, und rief den K\u00f6nig. Der ging seinem Sohne entgegen, brachte ihm einen goldenen Helm und eine goldene R\u00fcstung und sprach: \u00bbIch bin alt und schwach; geh in die Welt und sieh zu, wie&#8217;s drau\u00dfen aussieht. Wenn du nach zwei Jahren zur\u00fcckkehrst, will ich dir das K\u00f6nigreich geben. \u00ab<\/p>\n<p>Darauf w\u00e4hlte sich Heino drei\u00dfig Knappen aus, zog mit ihnen von einem K\u00f6nigreich in das andere und besah sich die Herrlichkeit der Welt. &#8211;<\/p>\n<p>Als aber Heino nicht wiederkam, merkte Blau\u00e4uglein wohl, dass er sie verlassen habe. Jeden Morgen schickte sie die wei\u00dfe Taube aus, die musste so lange in der Welt herumfliegen, bis sie Heino gefunden. Und jeden Abend kam die wei\u00dfe Taube wieder und sagte Blau\u00e4uglein, wo Heino w\u00e4re und wie es ihm ging:<\/p>\n<p>\u00bbWas macht mein lieber Held,<br \/>\nMein junges K\u00f6nigsblut? \u00ab<\/p>\n<p>und die Taube antwortete:<\/p>\n<p>\u00bbEr f\u00e4hrt in alle Welt<br \/>\nUnd hat gar stolzen Mut! \u00ab<\/p>\n<p>\u00bbHat er noch mein vergessen<br \/>\nUnd denkt er nimmer mein? \u00ab<\/p>\n<p>\u00bbEr hat dein noch vergessen,<br \/>\nBeim Trinken und beim Essen,<br \/>\nBei Regen und Sonnenschein! \u00ab<\/p>\n<p>Zwei Jahre waren schon vergangen, da kam die wei\u00dfe Taube eines Abends auch wieder zur\u00fcck und hatte einen Blutfleck am Fl\u00fcgel.<\/p>\n<p>Da fragte Blau\u00e4uglein:<\/p>\n<p>\u00bbWas macht mein lieber Held,<br \/>\nMein junges K\u00f6nigsblut? \u00ab<\/p>\n<p>Da sah sie den Blutfleck am Fl\u00fcgel und wurde sehr traurig. \u00bbIst er tot? \u00ab fragte sie.<\/p>\n<p>\u00bbWollte Gott, wollte Gott,<br \/>\nDass er w\u00e4re tot! \u00ab<br \/>\ngurrte die Taube.<\/p>\n<p>\u00bbIm Irrwischsumpf, da ist er ertrunken, \u00a0Im Irrwischsumpf, da ist er versunken.<\/p>\n<p>Wo das Schilfgras w\u00e4chst,<br \/>\nDa liegt er verhext,<br \/>\nDass Gott erbarm&#8216;,<\/p>\n<p>In der Irrwischk\u00f6nigin wei\u00dfem Arm!\u00ab<\/p>\n<p>Da hie\u00df Blau\u00e4uglein die wei\u00dfe Taube sich auf ihre Schulter setzen, damit sie ihr den Weg wiese, und machte sich auf, Heino zu suchen.<\/p>\n<p>Nachdem sie drei Tage gewandert war, kam sie an den Irrwischsumpf, wo Heino verzaubert lag. Sie setzte sich still an den Weg und wartete, bis es Abend wurde. Als es dunkel ward, bezog sich der Himmel, und die Wolken jagten. Prasselnd schlug der Regen in das Erlen-geb\u00fcsch; und nicht lange, so sah sie fern im Sumpf die ersten blauen Fl\u00e4mmchen aufsteigen. Da sch\u00fcrzte sie sich ihre R\u00f6cke, stieg beherzt hinab in das Schilfgras und wanderte vorw\u00e4rts, unverr\u00fcckt nach den Irrlichtern schauend. Es war ein beschwerlicher Weg; denn sie sank bald bis \u00fcber die Kn\u00f6chel ein, der Wind peitschte ihr das Haar um die Schultern, dass sie stehenbleiben musste, um es in einen gro\u00dfen Knoten im Nacken zusammenzusch\u00fcrzen, und der Regen lief ihr \u00fcber die Wangen. Aber der Sumpf wurde immer tiefer, und die blauen Fl\u00e4mmchen, welche in immer gr\u00f6\u00dferer Zahl an allen Orten hervorstiegen, schienen sie \u00e4ffen zu wollen. Denn wenn es eine Zeitlang den Anschein gehabt, als wenn sie stillst\u00e4nden oder gar ihr entgegenk\u00e4men, so dass sie schon hoffte, sie bald zu erreichen, so schwebten sie doch bald wieder bis zur Mitte des Sumpfes zur\u00fcck oder verl\u00f6schten pl\u00f6tzlich, um an einer entfernteren Stelle wieder aufzusteigen. Sie sank jetzt schon bis fast an die Knie ein und konnte nicht mehr wie zwei oder drei Schritte hintereinander tun, ohne sich auszuruhen. Da h\u00f6rte das Unwetter auf, die schmale Mondsichel trat zwischen den Wolken heraus, und vor ihr, inmitten einer gro\u00dfen dunklen Lache, erhob sich das verzauberte Schloss der Irrwisch-k\u00f6nigin.<\/p>\n<p>Wei\u00dfe Stufen f\u00fchrten aus dem totstillen Wasser in eine gro\u00dfe, offenstehende Halle, welche von vielen S\u00e4ulen von blauem und gr\u00fcnen Kristall mit goldenen Kn\u00e4ufen getragen wurde, und in buntem Gewirr tanzten in dieser Halle eine unz\u00e4hlbare Menge von Irrlichtern um ein besonders hell flackerndes, hoch aus ihrer Mitte hervorschwebendes Fl\u00e4mmchen herum. Da l\u00f6sten sich pl\u00f6tzlich aus dem Gew\u00fchl eine Anzahl Irrlichter ab und bildeten zwei Kreise, die wirbelnd aus der Halle hervorst\u00fcrzten. Und w\u00e4hrend der eine von ihnen dicht vor den Stufen des Schlosses stehenblieb, n\u00e4herte sich der andere rasch, und bald erkannte Blau\u00e4uglein zw\u00f6lf blasse, aber wundersch\u00f6ne Jungfrauen, welche auf der Stirn goldene Diademe trugen, an denen sich vorn kleine goldene Schalen erhoben, worin die blauen Fl\u00e4mmchen brannten. In wildem Tanze schwebten sie an Blau\u00e4uglein heran und umringten sie; und w\u00e4hrend aus dem Schlosse eine zauberische Musik erklang, sangen sie:<\/p>\n<p>\u00bbIn den Reihen,<br \/>\nIn den Reihen,<br \/>\nHolde Schwester, Blau\u00e4uglein, herein!<br \/>\nIn dem Schloss,<br \/>\nIn dem Schloss,<br \/>\nDa winkt dir ein s\u00fc\u00dfer Genuss!<\/p>\n<p>Sieh, wie&#8217;s blinkt!<br \/>\nWie er winkt,<br \/>\nWie er gr\u00fc\u00dft, wie er gr\u00fc\u00dfend dir winkt!<br \/>\nVergiss, was du liebtest auf Erden,<br \/>\nDer Unseren eine zu werden! \u00ab<\/p>\n<p>Aber Blau\u00e4uglein sah die Geister mit ihren gro\u00dfen klaren Augen ruhig und unverwandt an und sagte: \u00bbIhr habt keine Macht \u00fcber mich! Ob ich wieder lebendig aus dem Sumpfe komme, wei\u00df Gott im Himmel allein; wen ich aber auch sterben muss, so werdet ihr mich doch nicht in eure Gewalt bekommen!\u00ab<\/p>\n<p>Da flohen die Jungfrauen nach allen Richtungen tief in den Sumpf zur\u00fcck. Statt ihrer aber schwebte der zweite Kreis Irrlichter heran, der bis dahin vor den Stufen des Schlosses hin und her getanzt hatte. Das waren zw\u00f6lf wundersch\u00f6ne, aber totenblasse Knaben, ebenfalls mit blauen Fl\u00e4mmchen \u00fcber den Stirnen. Sie bildeten einen Kreis um Blau\u00e4uglein und tanzten langsam um sie her, indem sie abwechselnd ihre wei\u00dfen Arme hoch \u00fcber ihre H\u00e4upter erhoben und r\u00fcckw\u00e4rts nach dem Schlosse zeigten. Und besonders einer von ihnen n\u00e4herte sich immer wieder Blau\u00e4uglein, als wenn er sie umfassen wollte; und wie sie ihn genauer ansah, so war es Heino.<\/p>\n<p>Da zuckte es ihr durchs Herz, als wenn sie ein eiskaltes Schwert durchf\u00fchre, und sie schrie laut: \u00bbHeino, Gott steh dir bei in deiner gro\u00dfen Not! \u00ab<\/p>\n<p>Kaum hatte sie dies ausgerufen, so fuhr ein heftiger Windsto\u00df \u00fcber den Sumpf, und die Lichter der Irrwische verloschen. Die stille Fl\u00e4che der Lache kr\u00e4uselte sich, und schwarze Wellen schlugen an den wei\u00dfen Stufen des Schlosses empor. Dann sank das Schloss lautlos in die Tiefe, und an seiner Stelle standen vier Pf\u00e4hle von faulem Holz, die \u00dcberreste einer alten heidnischen Fischerh\u00fctte. Vor Blau\u00e4uglein aber, im tiefen Sumpf bis an den G\u00fcrtel eingesunken, stand Heino, leibhaftig, wie er gewesen war, aber blass und traurig. Die Haare hingen ihm wirr auf die Stirn, und Helm und Harnisch waren verrostet.<\/p>\n<p>\u00bbBist du es, Blau\u00e4uglein? \u00ab fragte er wehm\u00fctig.<\/p>\n<p>\u00bbJa, Heino, ich bin&#8217;s. \u00ab<\/p>\n<p>\u00bbLass mich\u00ab, erwiderte er, \u00bbich bin ein verlorener Mann! \u00ab<\/p>\n<p>Doch sie gab ihm die Hand und sprach ihm Mut ein; und er versuchte einige Schritte vorw\u00e4rts zu kommen. Dann blieb er stehen und sagte:<\/p>\n<p>\u00bbBlau\u00e4uglein, ich versinke;<br \/>\nBlau\u00e4uglein, ich ertrinke! \u00ab<\/p>\n<p>Doch sie hielt ihn nur fester und entgegnete:<\/p>\n<p>\u00bbNein, Heino, du versinkst nicht!<br \/>\nNein, Heino, du ertrinkst nicht!<br \/>\nHalt dich an mir nur fest,<br \/>\nSo wirst du doch erl\u00f6st! \u00ab<\/p>\n<p>So half sie ihm Schritt f\u00fcr Schritt vorw\u00e4rts und immer wieder blieb er stehen und sprach:<\/p>\n<p>\u00bbBlau\u00e4uglein, ich versinke;<br \/>\nBlau\u00e4uglein, ich ertrinke! \u00ab<\/p>\n<p>Und immer wieder tr\u00f6stete sie ihn und sagte:<\/p>\n<p>\u00bbNein, Heino, du versinkst nicht!<br \/>\nNein, Heino, du ertrinkst nicht!<br \/>\nHalt dich an mir nur fest,<br \/>\nSo wirst du doch erl\u00f6st! \u00ab<\/p>\n<p>Mit uns\u00e4glicher M\u00fche waren sie endlich so weit gekommen, dass sie von fern schon das Ende des Sumpfes und die Stra\u00dfe sahen. Da blieb Heino ganz stehen und rief: \u00bbIch kann nicht weiter, Blau\u00e4uglein! Geh du allein zur\u00fcck und gr\u00fc\u00df mein M\u00fctterchen. Du kommst wohl heraus, denn du sinkst ja nicht tief ein; aber mir geht&#8217;s fast bis ans Herz. \u00ab Dabei wandte er sich um und blickte nach der St\u00e4tte zur\u00fcck, wo das Schloss versunken war.<\/p>\n<p>\u00bbSieh dich nicht um! \u00ab rief Blau\u00e4uglein \u00e4ngstlich. Aber sie hatte kaum Zeit gehabt, dies auszurufen, als auch schon von der Mitte des Sumpfes ein einzelnes blaues Fl\u00e4mmchen auf beide zugeschwebt kam. Es n\u00e4herte sich rasch, und die K\u00f6nigin der Irrwische stand vor ihnen. Sie hatte einen Kranz von wei\u00dfen Wasserrosen auf dem Haupte, und ihr Diadem war eine goldene Schlange, welche sich leise durch ihr Haar und um ihre Stirn bewegte. Mit ihren gl\u00fchenden Augen schaute sie Heino an, als wollte sie ihm bis ins Herz sehen. Dann legte sie ihm die Hand auf die Schulter und bat flehend: \u00bbKomm zur\u00fcck, Heino! \u00ab Und er stand und sah sie an und schwankte unstet.<\/p>\n<p>Da riss Blau\u00e4uglein ihm das Schwert von der Seite und schwang es gegen die Irrwischk\u00f6nigin. Doch die Irrwischk\u00f6nigin l\u00e4chelte und sprach: \u00bbT\u00f6richtes Kind, was willst du mir tun? Ich bin nicht von Fleisch und Blut. \u00ab Und sie fasste Heino und zog ihn mit Gewalt an sich, dass ihre schwarzen Locken \u00fcber sein Gesicht fielen. Da rief Blau\u00e4uglein in ihrer Herzensangst: \u00bbUnd bist du nicht von Fleisch und Blut, du entsetzliches Weib, so ist es doch dieser hier, den ich aus deinen H\u00e4nden erretten will! \u00ab Und sie z\u00fcckte das Schwert noch einmal mit aller Kraft, und wie die Irrwischk\u00f6nigin noch einen Versuch machte, Heino, dessen rechte Hand sie erfasst hatte, mit sich fortzurei\u00dfen, rief sie: \u00bbHeino, es tut nicht weh!\u00ab und schlug ihm mit einem Schlage den Arm dicht am Handgelenk ab.<\/p>\n<p>Da verlosch auch die Flamme auf dem Haupte der K\u00f6nigin, und sie selber zerrann wie ein Nebelbild; die wei\u00dfe Taube aber, die bisher auf der Schulter von Blau\u00e4uglein gesessen, flog auf die Schulter Heinos.<\/p>\n<p>\u00bbNun bist du erl\u00f6st, Heino! \u00ab rief Blau\u00e4uglein, als sie dies sah. \u00bbKomm, es ist nicht mehr weit zur Stra\u00dfe; nimm deine letzten Kr\u00e4fte zusammen. Sieh, du sinkst gar nicht mehr tief ein. \u00ab<\/p>\n<p>Und sie gingen weiter, aber immer noch blieb Heino oft stehen und sprach:<\/p>\n<p>\u00bbBlau\u00e4uglein, mein Arm brennt sehr! \u00ab<br \/>\nDoch sie erwiderte:<br \/>\n\u00bbHeino, mich schmerzt noch mehr! \u00ab<\/p>\n<p>Aber das letzte St\u00fcck musste sie ihn fast tragen, und als er den letzten Schritt aus dem Sumpfe getan, sank er todm\u00fcde auf die Stra\u00dfe nieder und schlief ein. Da nahm sie ihren Schleier und verband ihm den Arm, so dass er aufh\u00f6rte zu bluten. &#8211; Als sie sah, dass er still und ruhig schlief, zog sie sich den Ring, den er ihr geschenkt, vom Finger, steckte ihm denselben an die Hand und machte sich auf den Heimweg.<\/p>\n<p>Sobald sie angekommen war, ging sie zum alten K\u00f6nig und sagte zu ihm, indem sie ihn freudig mit ihren gro\u00dfen blauen Augen anblickte: \u00bbIch habe Euren Sohn erl\u00f6st; er wird bald zu Euch zur\u00fcckkehren. Beh\u00fcte Euch Gott, mich seht Ihr nimmer wieder. \u00ab<\/p>\n<p>Da zog sie der alte K\u00f6nig an sein Herz und sprach: \u00bbBlau\u00e4uglein, meine Tochter, du kannst eine Krone tragen so stolz wie ein K\u00f6nigskind! Wenn du ihm verzeihen willst und einen Einarmigen zum Manne nehmen, so sollst du seine K\u00f6nigin sein dein Leben lang. \u00ab<\/p>\n<p>Als er dies gesagt, \u00f6ffnete er die T\u00fcre, und herein trat Heino und schloss Blau\u00e4uglein in seine Arme. Da war gro\u00dfe Freude im ganzen Land, und alle Leute wollte das sch\u00f6ne fromme M\u00e4dchen sehen, welches den K\u00f6nigssohn errettet hatte.<\/p>\n<p>Als sie jedoch vor dem Altare standen und die Ringe wechseln sollten, verga\u00df Heino, dass ihm die rechte Hand fehlte, und er dr\u00fcckte dem Priester den Stumpf hin. Da geschah ein Wunder; denn als der Priester den Stumpf ber\u00fchrte, wuchs aus ihm eine neue Hand hervor, wie eine wei\u00dfe Blume aus einem braunen Ast. Aber um das Handgelenk lief ein feiner roter Streif, schmal wie ein Faden, herum. Den behielt er sein ganzes Leben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Richard von Volkmann-Leander<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[85,99],"tags":[],"class_list":["post-726","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-maerchen","category-richard-von-volkmann-leander"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/726","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=726"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/726\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":727,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/726\/revisions\/727"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=726"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=726"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=726"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}