{"id":722,"date":"2015-12-10T18:01:00","date_gmt":"2015-12-10T17:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=722"},"modified":"2026-01-24T22:58:51","modified_gmt":"2026-01-24T21:58:51","slug":"des-hauswarts-sohn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/des-hauswarts-sohn\/","title":{"rendered":"Des Hauswarts Sohn"},"content":{"rendered":"<p>Hans Christian Andersen<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der General wohnte im ersten Stockwerk, der Hauswart wohnte im Keller; es war ein gro\u00dfer Abstand zwischen den beiden Familien, das ganze Erdgescho\u00df und die Rangordnung; aber unter einem Dache wohnten sie und mit der Aussicht auf die Stra\u00dfe und den Hof. Und auf dem Hof war ein Rasenplatz mit einer bl\u00fchenden Akazie, wenn sie bl\u00fchte, und darunter sa\u00df zuweilen eine geputzte Amme mit dem noch mehr geputzten Kind des Generals, der &#8222;kleinen Emilie&#8220;. Vor ihnen tanzte auf seinen blo\u00dfen Beinen des Hauswarts kleiner Junge mit den gro\u00dfen braunen Augen und dem dunklen Haar, und die Kleine lachte ihm zu und streckte die H\u00e4ndchen nach ihm aus, und wenn der General das von seinem Fenster aus sah, so nickte er hinunter und sagte: &#8222;Charmant!&#8220; Die Generalin selber, die so jung war, dass sie fast ihres Gatten Tochter aus einer fr\u00fchen Ehe h\u00e4tte sein k\u00f6nnen, sah nie zu dem Fenster auf den Hof hinaus, aber sie hatte Befehl gegeben, der kleine Junge aus dem Keller d\u00fcrfe gern mit dem Kinde spielen, es aber nicht anr\u00fchren. Die Amme gehorchte genau dem Befehl der gn\u00e4digen Frau.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und die Sonne schien zu den Bewohnern des ersten Stockwerks und zu denen im Keller hinein, die Akazie setzte Bl\u00fcten an, und sie fielen wieder ab, und im n\u00e4chsten Jahr kamen neue; der Baum bl\u00fchte, und des Hauswarts kleiner Sohn bl\u00fchte, er sah aus wie eine frische Tulpe.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die kleine Tochter des Generals blieb fein und bleich wie das blass rosa Blatt der Akazienbl\u00fcte. Jetzt kam sie nur noch selten hinunter zu dem Baum, sie sch\u00f6pfte frische Luft in der Kutsche. Sie fuhr mit Mama spazieren, und dann nickte sie immer Hauswarts Georg zu, ja, warf ihm ein Kussh\u00e4ndchen zu, bis ihre Mutter sagte, dass sie jetzt zu gro\u00df dazu sei.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Eines Morgens sollte er dem General die Zeitungen und Briefe hinaufbringen, die der Postbote unten beim Hauswart abgegeben hatte. Als er die Treppe hinauflief und an der T\u00fcr zum Sandloch vorbeikam, h\u00f6rte er etwas da drinnen piepsen; es glaubte, es sei ein K\u00fcchlein, das sich dahinein verirrt habe, und stattdessen war es des Generals kleines T\u00f6chterchen in Flor und Spitzen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Sag es nur ja nicht Papa und Mama, denn dann werden sie b\u00f6se!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Aber was ist denn dies hier, kleines Fr\u00e4ulein?&#8220; fragte Georg.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Es brennt alles zusammen!&#8220; sagte sie. &#8222;Es brennt lichterloh!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Georg \u00f6ffnete die T\u00fcr zum Kinderzimmer. Die Gardine am Fenster war fast heruntergebrannt, der Gardinenhalter stand in Flammen. Georg sprang hinauf, riss die Stange herunter, rief Leute herbei; ohne ihn w\u00e4re ein Hausbrand entstanden.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der General und die Generalin examinierten die kleine Emilie.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ich hab nur ein einziges Streichholz genommen&#8220;, sagte sie, &#8222;da brannte es gleich, und die Gardine brannte auch gleich. Ich spuckte, um zu l\u00f6schen, ich spuckte, soviel ich nur konnte, aber ich hatte nicht Spucke genug, und da lief ich hinaus und versteckte mich, weil Papa und Mama b\u00f6se werden.&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Du spucktest!&#8220; sagte der General. &#8222;Was f\u00fcr ein Wort ist das! Wenn hast du geh\u00f6rt, dass Papa oder Mama &#8222;spucken&#8220; gesagt haben? Das wirst du unter geh\u00f6rt haben!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Aber der kleine Georg bekam vier Schilling. Die wurden nicht beim Konditor angelegt, sie wanderten in die Sparkasse, und bald waren da so viele Schillinge, dass er sich einen Malkasten kaufen konnte, und nun malte er alle seine Zeichnungen an. Er hatte eine ganze Menge Zeichnungen, die kamen ihm f\u00f6rmlich aus den Fingern und aus dem Bleistift heraus. Die ersten bunten Bilder schenkte er der kleinen Emilie.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Charmant!&#8220; sagte der General; selbst die Generalin gab zu, dass man deutlich sehen k\u00f6nne, was der Kleine sich gedacht hatte. &#8222;Genie hat er!&#8220; Die Worte brachte die Frau des Hauswarts mit in den Keller hinab.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der General und seine Frau waren vornehme Leute; sie hatten zwei Wappen an ihrem Wagen; eins f\u00fcr einen jeden von ihnen; die gn\u00e4dige Frau hatte das Wappen auf jedem Kleidungsst\u00fcck, auswendig und inwendig, auf ihrer Nachtm\u00fctze und ihrer Nachtzeugtasche. Das eine Wappen, das der Gn\u00e4digen, war ein kostbares Wappen, ihr Vater hatte es f\u00fcr blanke Taler gekauft, denn er war nicht damit geboren, sie auch nicht; sie war zu fr\u00fch gekommen, sieben Jahre vor dem Wappen; dessen erinnerten sich die meisten Leute, nur nicht die Familie. Das Wappen des Generals war alt und gro\u00df, es war keine Kleinigkeit, es mit Anstand zu tragen, geschweige denn, zwei Wappen zu tragen. Das sah man der Generalin denn auch an, wenn sie steif und stattlich zum Hofball fuhr.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der General war alt und grau, aber er sa\u00df gut zu Pferd, das wusste er, und jeden Tag ritt er aus, seinen Reitknecht in passendem Abstand hinter sich. Wenn er in Gesellschaft kam, so sah es aus, als komme er auf seinem hohen Ross hereingeritten, und er hatte so viele Orden, dass es fast unbegreiflich war, aber das war nun wirklich nicht seine Schuld. Als ganz junger Mann hatte er die milit\u00e4rische Karriere eingeschlagen und hatte alle die gro\u00dfen Herbstman\u00f6ver mitgemacht, die in Friedenszeiten \u00fcber die Truppen abgehalten wurden. Aus jeder Zeit stammte eine Anekdote, die einzige, die er zu erz\u00e4hlen wusste: sein Unteroffizier schnitt einem der Prinzen den R\u00fcckzug ab und machte ihn zum Gefangenen, und nun musste der Prinz mit seinem kleinen Trupp gefangener Soldaten, selber als Gefangener, hinter dem General her in die Stadt einreichten. Das war ein unvergleichliches Ereignis, das w\u00e4hrend all der Jahre von dem General wieder erz\u00e4hlt wurde mit genau denselben denkw\u00fcrdigen Worten, die er gesagt hatte, als er dem Prinzen den S\u00e4bel wieder \u00fcberreicht: &#8222;Nur mein Unteroffizier konnte Eure Hoheit gefangen nehmen, ich h\u00e4tte es nie gekonnt!&#8220; Und der Prinz hatte ihm darauf geantwortet: &#8222;Sie sind unvergleichlich!&#8220; In einem wirklichen Krieg war der General niemals gewesen; als es wirklich Krieg gab, war der General zur Diplomatie \u00fcbergegangen und hielt sich l\u00e4ngere Zeit an drei verschiedenen ausl\u00e4ndischen H\u00f6fen auf. Er sprach die franz\u00f6sische Sprache so gut, dass er seine Muttersprache fast ganz verga\u00df; er tanzte gut, er ritt gut, eine Unmenge von Orden schm\u00fcckten seine Brust; die Schildwachen pr\u00e4sentierten vor ihm, eins der sch\u00f6nsten M\u00e4dchen ward seine Gattin, und sie bekamen ein entz\u00fcckendes kleines Kind, es war so liebreizend, dass man h\u00e4tte denken k\u00f6nnen, es sei vom Himmel gefallen, und der Sohn des Hauswarts tanzte auf dem Hofe vor ihm und schenkte ihm alle seine bunt gemalten Zeichnungen, und die Kleine sah sie an und freute sich dar\u00fcber und zerriss sie. Sie war so fein und so niedlich.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Mein Rosenblatt!&#8220; sagte die Generalin. &#8222;F\u00fcr einen Prinzen bist du geboren!&#8220; Der Prinz stand bereits drau\u00dfen vor der T\u00fcr, man wusste es nur nicht; die Menschen sehen nicht weit \u00fcber die T\u00fcrschwelle hinaus.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Neulich hat unser Junge, wei\u00df Gott, sein Butterbrot mit ihr geteilt!&#8220; sagte die Frau des Hauswarts. &#8222;Es war weder K\u00e4se noch Fleisch darauf, aber es hat ihr geschmeckt, als wenn es Rinderbraten gewesen w\u00e4re. Das h\u00e4tte was gegeben, wenn Generals die Mahlzeit gesehen h\u00e4tten, aber sie haben es gottlob nicht gesehen!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Georg hatte sein Butterbrot mit der kleinen Emilie geteilt; gern h\u00e4tte er sein Herz mit ihr geteilt, wenn es ihr nur Vergn\u00fcgen gemacht h\u00e4tte. Er war ein guter Junge, er war aufgeweckt und klug, er besuchte jetzt die Abendschule der Akademie, um richtig zeichnen zu lernen. Die kleine Emilie machte ebenfalls Fortschritte in Bezug auf Kenntnisse; sie sprach franz\u00f6sisch mit ihrer Bonne und hatte Unterricht beim Tanzmeister.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Zu Ostern soll Georg eingesegnet werden!&#8220; sagte die Frau des Hauswarts; so weit war Georg.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Am richtigsten w\u00e4re es wohl, wenn er dann in die Lehre k\u00e4me&#8220;, sagte der Vater. &#8222;Eine anst\u00e4ndige Profession muss es sein! Und dann sind wir ihn aus dem Hause los!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Er wird doch bei uns schlafen m\u00fcssen!&#8220; sagte die Mutter. &#8222;Es ist nicht leicht, einen Meister zu finden, der Platz hat. Kleiden m\u00fcssen wir ihn ja auch, das bisschen Essen, was er isst, werden wir auch schon aufbringen, mit ein paar gekochten Kartoffeln ist er ja zufrieden, freien Unterricht hat er. Lass du ihn nur seinen Weg gehen, du sollst sehen, wir werden Freude an ihm erleben, das hat der Professor auch gesagt!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der Konfirmationsanzug war fertig, Mutter hatte ihn selber gen\u00e4ht, aber er war vom Flickschneider zugeschnitten, und der hatte einen guten Schnitt; w\u00e4re er anders gestellt gewesen, so dass er eine Werkstatt mit Gesellen h\u00e4tte halten k\u00f6nnen, so h\u00e4tte der Mann sehr wohl Hofschneider werden k\u00f6nnen, sagte die Frau des Hauswarts.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die Kleider waren fertig, und der Konfirmand war bereit. Georg erhielt an seinem Konfirmationstag eine gro\u00dfe Uhr von seinem Paten, dem alten Gehilfen des Speckh\u00f6kers. der der wohlhabendste von Georgs Paten war. Die Uhr war alt und erprobt, sie ging immer vor, aber das ist besser, als wenn sie nachgeht. Das war ein kostbares Geschenk; und von Generals kam ein Gesangbuch in Saffianleder, von dem kleinen Fr\u00e4ulein gesandt, dem Georg so oft Bilder geschenkt hatte. Voran im Buch stand sein Name und ihr Name und &#8222;Huldvolle G\u00f6nnerin&#8220;. Das war nach dem Diktat der Generalin geschrieben, und der General hatte es durchgelesen und &#8222;Charmant!&#8220; dazu gesagt.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Das war wirklich eine gro\u00dfe Aufmerksamkeit von einer so vornehmen Herrschaft&#8220;, sagte die Frau des Hauswarts; und Georg musste in seinem Konfirmationsanzug und mit dem Gesangbuch hinauf und sich bedanken. Die Generalin sa\u00df ganz eingeh\u00fcllt da und hatte ihre gro\u00dfen Kopfschmerzen, die sie immer hatte, wenn sie sich langweilte. Sie sah Georg sehr freundlich an und w\u00fcnschte ihm alles Gute und dass er niemals ihre Kopfschmerzen bekommen m\u00f6chte. Der General war im Schlafrock und Zipfelm\u00fctze und hatte russische Stiefel mit roten Sch\u00e4ften an; er ging dreimal im Zimmer auf und nieder, in Gedanken und Erinnerungen versunken, dann blieb er stehen und sagte:<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Lieber Georg, so bist du denn also jetzt in die Christenheit aufgenommen! Sei auch ein braver Mann, der seine Obrigkeit ehrt! Wenn du einstmals ein alter Mann bist, kannst du sagen, dass dir der General diesen Ratschlag mit auf den Weg gegeben hat!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Dies war eine l\u00e4ngere Rede, als wie sie der General sonst hielt, darauf kehrte er wieder zu seinen stillschweigenden Betrachtungen zur\u00fcck und sah vornehm aus. Doch von allem, was Georg hier oben sah und h\u00f6rte, haftete das kleine Fr\u00e4ulein Emilie am festesten in seinem Ged\u00e4chtnis. Wie s\u00fc\u00df und sanft war sie doch, wie schwebend, wie fein! Wenn sie abgezeichnet werden sollte, musste es in einer Seifenblase geschehen. Es hing ein Duft in ihren Kleidern, in ihrem blondgelockten Haar, als sei sie ein eben erbl\u00fchter Rosenstock; und mit ihr hatte er einmal sein Butterbrot geteilt! Sie hatte es mit m\u00e4chtigem Appetit verzehrt und ihm bei jedem zweiten Bissen zugenickt. Ob sie sich dessen noch entsann? Freilich, sie hatte ihm ja in Erinnerung hieran das sch\u00f6ne Gesangbuch geschenkt, und als zum ersten Mal wieder der erste Neumond im neuen Jahr am Himmel stand, ging er mit einem St\u00fcck Brot und einem Schilling hinaus und schlug im Gesangbuch auf, um zu sehen, welcher Gesang f\u00fcr ihn bestimmt sei. Es war ein Lob- und Danklied; und dann schlug er auf, um zu sehen, was der kleinen Emilie bestimmt sein w\u00fcrde; er nahm sich recht in acht, dass er nicht dort aufschlug, wo die Sterbelieder standen, und dann geriet er trotzdem zwischen Grab und Tod. Aber es war ja Unsinn, an so etwas zu glauben. Und doch ergriff ihn eine gro\u00dfe Angst, als das reizende kleine M\u00e4dchen bald darauf das Bett h\u00fcten musste und jeden Mittag der Wagen des Doktors vor der T\u00fcr hielt.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Sie behalten sie nicht!&#8220; sagte die Frau des Hauswarts. &#8222;Der liebe Gott wei\u00df auch, wen er gerne haben m\u00f6chte!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Aber sie behielten sie; und Georg zeichneten Bilder und schickte sie ihr; er zeichnete das Schloss des Zaren, den alten Kreml in Moskau, genau so, wie er dastand mit Kuppeln und T\u00fcrmen, sie sahen aus wie sieben gro\u00dfe gr\u00fcne und vergoldete Gurken, wenigstens auf Georgs Zeichnung. Sie machten der kleinen Emilie so viel Vergn\u00fcgen, und deswegen schickte ihr Georg im Laufe der Woche noch ein paar Bilder, alles Geb\u00e4ude, denn dabei konnte er selber sich so viel denken hinter den T\u00fcren und Fenstern.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Er zeichnete ein chinesisches Haus mit einem Glockenspiel durch alle sechzehn Stockwerke; er zeichnete zwei griechische Tempel mit schlanken Marmors\u00e4ulen und einer Treppe ringsherum; er zeichnete eine Kirche aus Norwegen, man konnte sehen, dass sie ganz aus Balken war, ausgehauen und wunderlich zusammengestellt, jedes Stockwerk sah so aus, als habe es Wiegenkufen. Am sch\u00f6nsten war aber doch auf einem Blatt das Schloss, das er &#8222;Der kleinen Emilie Schloss&#8220; nannte. So sollte sie wohnen; das hatte sich Georg ganz genau ausgedacht, und er hatte zu diesem Schloss alles genommen, was er an den andern Geb\u00e4uden am sch\u00f6nsten fand. Es hatte geschnitzte Balken wie die norwegische Kirche, Marmors\u00e4ulen wie ein griechischer Tempel, ein Glockenspiel in jedem Stockwerk und ganz oben Kuppeln, gr\u00fcne und vergoldete, wie am Kreml des Zaren. Es war ein richtiges Kinderschloss, und unter jedem Fenster stand geschrieben, wozu dieser Saal oder jenes Zimmer dienen sollte: hier schl\u00e4ft Emilie, hier tanzt Emilie, und hier spielt sie: Es kommt Besuch! Das war am\u00fcsant anzusehen, und es wurde gr\u00fcndlich angesehen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Charmant!&#8220; sagte der General.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Aber der alte Graf, denn da war ein alter Graf, der noch vornehmer war als der General und selber ein Schloss und ein Rittergut hatte, der sagte nichts; er h\u00f6rte, dass es von dem kleinen Sohn des Hauswarts ersonnen und gezeichnet sei. Nun, so klein war er ja freilich nicht mehr; er war ja schon eingesegnet. Der alte Graf betrachtete die Bilder und hatte so seine eigenen, stillen Gedanken dabei.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Eines Tages, als das Wetter so recht grau und nass und gr\u00e4sslich war, sollte sich der Tag f\u00fcr den kleinen Georg zu einem der lichtesten und besten gestalten. Der Professor der Kunstakademie lie\u00df ihn zu sich kommen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;H\u00f6re einmal, mein Freund, lass uns ein wenig miteinander plaudern! Der liebe Gott ist in Bezug auf F\u00e4higkeiten sehr gut gegen dich gewesen, er ist auch in Bezug auf gute Menschen gut gegen dich. Der alte Graf dort von der Ecke hat mir von dir gesprochen; ich habe auch deine Bilder gesehen, darunter wollen wir einen Strich machen, es ist viel daran auszusetzen. Nun kannst du zweimal w\u00f6chentlich in meinen Zeichenunterricht kommen, dann wird es damit schon besser werden. Ich glaube, du hast mehr Anlage zum Baumeister als zum Maler; aber du hast ja Zeit genug, um dir das zu \u00fcberlegen! Du musst jedenfalls noch heute zu dem alten Grafen im Eckhaus gehen, und danke du deinem Sch\u00f6pfer, dass er dir den Mann gesandt hat!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der Graf wohnte in einem gro\u00dfen Eckhaus; da waren ausgehauene Elefanten und Dromedare um die Fenster herum, alles aus alten Zeiten; aber der alte Graf interessierte sich am meisten f\u00fcr die neue Zeit und alles gute, was sie brachte, mochte es aus dem ersten Stockwerk, aus dem Keller oder der Mansarde kommen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ich glaube&#8220;, sagte die Frau des Hauswarts, &#8222;dass, je vornehmer die Leute wirklich sind, je weniger stellen sie sich an. Wie reizend und nat\u00fcrlich der alte Graf ist! Und er spricht, wei\u00df Gott, geradeso wie du und ich; das k\u00f6nnen Generals nicht. Georg war ja gestern auch ganz aus dem H\u00e4uschen, weil der Graf so freundlich gegen ihn gewesen war; und heute, wo ich mit dem m\u00e4chtigen Mann gesprochen habe, geht es mir geradeso! War es nun nicht ein Gl\u00fcck, dass wir den Jungen nicht in die Handwerkerlehre gegeben hatten! Talent hat er!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Aber das n\u00fctzt alles nichts, wenn man keine Unterst\u00fctzung von au\u00dfen hat!&#8220; sagte der Vater.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Die hat er jetzt!&#8220; sagte die Mutter. &#8222;Der Graf sprach sich ganz klar und deutlich dar\u00fcber aus!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Von Generals ist das Ganze aber doch ausgegangen!&#8220; sagte der Vater. &#8222;Bei denen m\u00fcssen wir uns auch bedanken.&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Das k\u00f6nnen wir ja gern tun&#8220;, sagte die Mutter, &#8222;wenn ich auch gerade nicht einsehen kann, was wir denen gro\u00df zu verdanken haben. Aber dem lieben Gott will ich danken, und ich will mich auch bei ihm daf\u00fcr bedanken, dass die kleine Emilie wieder besser wird!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die kleine Emilie machte wirklich Fortschritte, und Georg machte auch Fortschritte; im Lauf des Jahres bekam er die kleine silberne Medaille und sp\u00e4ter auch die gro\u00dfe.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Es w\u00e4re doch besser gewesen, wenn wir ihn in die Handwerkerlehre gegeben h\u00e4tten&#8220;, sagte die Frau des Hauswarts und weinte, &#8222;dann h\u00e4tten wir ihn jetzt behalten. Was soll er in Rom? Ich krieg ihn nie wieder zu sehen, selbst wenn er je wieder nach Hause kommt, aber er kommt nie wieder nach Hause, das s\u00fc\u00dfe Kind!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Das ist aber doch sein Gl\u00fcck und sein Ruhm!&#8220; sagte der Vater.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ja, das sagst du wohl!&#8220; entgegnete die Mutter. &#8222;Du sagst auch vieles, was du gar nicht meinst! du bist ebenso betr\u00fcbt wie ich!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und es hatte seine Richtigkeit mit der Betr\u00fcbnis und mit der Abreise. Es sei ein gro\u00dfes Gl\u00fcck f\u00fcr den jungen Menschen, sagten alle Leute.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und nun ging es ans Abschiednehmen. Auch beim General; aber die Gn\u00e4dige lie\u00df sich nicht blicken, sie hatte ihre gro\u00dfen Kopfschmerzen. Der General erz\u00e4hlte zum Abschied seine einzige Anekdote, was er zu dem Prinzen gesagt hatte und was der Prinz zu ihm gesagt hatte: &#8222;Sie sind unvergleichlich!&#8220; Und dann reichte er Georg die Hand.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Auch Emilie reichte Georg ihre Hand und sah beinahe betr\u00fcbt aus, aber am aller betr\u00fcbtesten war doch Georg.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die Zeit vergeht, wenn man etwas tut, sie vergeht auch, wenn man nichts tut. Die Zeit ist gleich lang, aber nicht gleich n\u00fctzlich. F\u00fcr Georg war sie n\u00fctzlich und gar nicht lang, au\u00dfer wenn er an die Lieben in der Heimat dachte. Wie mochte es untern und oben aussehen? Ja, dar\u00fcber ward geschrieben; und man kann so viel in einen Brief hineinlegen, den lichten Sonnenschein und die schweren, tr\u00fcben Tage. Die lagen im Brief, sie meldeten, dass der Vater gestorben und die Mutter allein zur\u00fcckgeblieben war. Die kleine Emilie sei ein wahrer Engel des Trostes gewesen, sie sei zu ihr in die Kellerwohnung gekommen, schrieb die Mutter, und \u00fcber sich selber f\u00fcgte sie hinzu, dass man ihr erlaubt habe, den Hauswartposten zu behalten.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die Generalin f\u00fchrte Tagebuch; darin waren jede Gesellschaft, jeder Ball, den sie besucht hatte, aufgef\u00fchrt, auch alle Visiten, die sie erhielt. Das Tagebuch war mit den Visitenkarten der Diplomaten und des h\u00f6chsten Adels illustriert. Sie war stolz auf ihr Tagebuch, es wuchs im Laufe langer Jahre, vieler Jahre, unter vielen gro\u00dfen Kopfschmerzen, aber auch in vielen hellen N\u00e4chten, das hei\u00dft auf Hofb\u00e4llen. Emilie war zum ersten Mal auf einem Hofball gewesen; die Mutter war in Rosa mit schwarzen Spitzen: spanisch! Die Tochter in Wei\u00df, so klar und fein. Gr\u00fcne, seidene B\u00e4nder flatterten wie Schilf in dem blonden Lockenhaar, auf dem ein Kranz von wei\u00dfen Seerosen ruhte; die Augen waren so blau und klar, der Mund so fein und rot, sie glich einer kleinen Seejungfrau, so lieblich, wie man sie sich nur denken kann. Drei Prinzen tanzten mit ihr, dass hei\u00dft, erst der eine und dann der andere; die Generalin hatte acht Tage lang keine Kopfschmerzen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Aber der erste Ball blieb nicht der letzte, das konnte Emilie nicht aushalten, daher war es gut, dass der Sommer mit Ruhe und Aufenthalt in der frischen Luft kam. Die Familie war auf das Schloss des alten Grafen eingeladen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Das war ein Schloss und ein Garten, die es sich zu sehen verlohnte. Ein Teil davon war ganz wie in alten Zeiten mit steifen, gr\u00fcnen Hecken, als gehe man zwischen gr\u00fcnen Schirmw\u00e4nden, in denen Guckl\u00f6cher waren. Buchsbaum und Taxus standen zu Sternen und Pyramiden ausgeschnitten da, das Wasser sprang aus gro\u00dfen Grotten, die mit Muschelschalen belegt waren; ringsumher standen steinerne Figuren aus allerschwerstem Stein, das konnte man den Gesichtern und auch den Kleidern ansehen; jedes Blumenbeet hatte seine Gestalt, als Fisch, Wappenschild oder Namenszug, das war der franz\u00f6sische Teil des Garten; aus dem gelangte man gleichsam in den freien, frischen Wald hinein, wo die B\u00e4ume wachsen duften, wie sie wollten, und daher so gro\u00df und pr\u00e4chtig waren; das Gras war gr\u00fcn, und man durfte darauf gehen, es wurde auch gewalzt, geschnitten, gepflegt und geh\u00fctet; das war der englische Teil des Garten.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Alte Zeit und neue Zeit!&#8220; sagte der Graf. &#8222;Hier gleiten sie auch so gut ineinander hinein! In zwei Jahren wird das Schloss selber sein richtiges Aussehen bekommen, das wird eine ganze Verwandlung zu etwas Sch\u00f6nem und Besserem werden; ich werde Ihnen die Zeichnungen zeigen, und auch den Baumeister werde ich Ihnen zeigen, er ist heute zu Tische hier!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Charmant!&#8220; sagte der General.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Es ist paradiesisch hier!&#8220; sagte die Generalin. &#8222;Und da haben Sie ja eine Ritterburg!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Das ist mein H\u00fchnerhaus!&#8220; sagte der Graf. &#8222;Die Tauben wohnen im Turm, die Kalikuten im ersten Stockwerk, aber im Erdgescho\u00df regiert die alte Else. Sie hat Fremdenzimmer nach allen Seiten: die Glucken f\u00fcr sich, die H\u00fchner und K\u00fcchlein f\u00fcr sich, und die Enten, ja, die haben freien Zutritt zum Wasser!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Charmant!&#8220; wiederholte der General.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und sie gingen alle hinein, um diese Herrlichkeit zu sehen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die alte Else stand mitten in der Stube, und neben ihr stand Georg; er und die kleine Emilie sahen sich nach mehreren Jahren im H\u00fchnerhaus wieder.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Ja, hier stand er, und er war gar schon vom Aussehen; sein Gesicht war offen und bestimmt, er hatte schwarzes, gl\u00e4nzendes Haar und um den Mund ein L\u00e4cheln, das zu sagen schien: hinter meinem Ohr sitzt ein Schelm, der kennt euch aus und ein. Die alte Else hatte ihre Holzschuhe ausgezogen und stand auf Socken da, zu Ehren der vornehmen G\u00e4ste. Und die H\u00fchner glucksten, und der Hahn kr\u00e4hte, die Enten watschelten &#8222;gack, gack!&#8220; Aber das feine, blasse M\u00e4dchen, die Tochter des Generals, stand da mit einem Rosenschimmer auf den sonst so bleichen Wangen, ihre Augen wurden so gro\u00df, und ihr Mund redete, ohne dass er auch nur ein einziges Wort gesagt h\u00e4tte, und der Gru\u00df, den Georg erhielt, war der entz\u00fcckendste Gru\u00df, den ein junger Mann sich von einer jungen Dame w\u00fcnschen konnte, mit der er nicht verwandt war oder mit der er nicht sehr oft getanzt hatte; sie und der Maumeister hatten aber niemals zusammen getanzt.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der Graf dr\u00fcckte ihm die Hand und stellte ihn vor. &#8222;Ganz fremd ist er Ihnen nicht, unser junger Freund, Herr Georg!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die Generalin verneigte sich, die Tochter war kurz davor, ihm die Hand zu reichen, aber sie reichte sie ihm doch nicht.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Unser lieber Herr Georg!&#8220; sagte der General. &#8222;Alte Hausfreunde! Charmant!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Sie sind ja vollst\u00e4ndig Italiener geworden!&#8220; sagte die Generalin. &#8222;Und Sie sprechen die Sprache wohl wie ein Eingeborener!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die Generalin singe die Sprache, spreche sie aber nicht, sagte der General.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Bei Tische sa\u00df Georg zu Emiliens Rechten, der General f\u00fchrte sie, der Graf f\u00fchrte die Generalin.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Herr Georg sprach und erz\u00e4hlte, und er erz\u00e4hlte so gut, er war das Wort und der Geist bei Tische, obwohl der alte Graf es auch sein konnte. Emilie sa\u00df stumm da, die Ohren h\u00f6rten, die Augen strahlten.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Aber sie sagte nichts.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Auf der Veranda zwischen den Blumen standen sie und Georg, die Rosenhecke entzog sie den Blicken. Georg hatte wieder das Wort, hatte es zuerst.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Vielen Dank f\u00fcr Ihre Freundlichkeit gegen meine alte Mutter!&#8220; sagte er. &#8222;Ich wei\u00df alles, in der Nacht, als mein Vater starb, kamen Sie zu Mutter hinunter und waren bei ihr, bis seine Augen sich geschlossen hatten, ich danke Ihnen!&#8220; Er ergriff Emilies Hand und k\u00fcsste sie, das konnte er wohl tun bei der Gelegenheit, sie ward dunkelrot, dr\u00fcckte ihm aber die Hand und sah ihn mit ihren blauen, herzensguten Augen an.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ihre Mutter war eine liebevolle Seele&#8220; Wie hat sie Sie geleibt! Und alle Ihre Briefe lie\u00df sie mich lesen, ich glaube fast, ich kenne Sie! Wie freundlich waren Sie gegen mich, als ich noch klein war, Sie schenkten mir Bilder -!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Die Sie zerrissen!&#8220; sagte Georg. &#8222;Nein, ich habe mein Schloss noch, die Zeichnung!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Nun muss ich es wirklich bauen!&#8220; sagte Georg, und er wurde selber ganz warm bei dem, was er sagte.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der General und die Generalin sprachen in ihren eigenen Zimmern \u00fcber den Sohn des Hauswarts, er wisse sich ja zu bewegen und dr\u00fccke sich mit Verstand und Kenntnissen aus. Er k\u00f6nnte Informator sein!&#8220; sagte der General. &#8222;Geist!&#8220; sagte die Generalin, und dann sagte sie nichts weiter.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">In der sch\u00f6nen Sommerzeit kam Herr Georg h\u00e4ufiger auf das Schloss des Grafen. Er ward vermisst, wenn er nicht kam.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Wie viel doch der liebe Gott Ihnen vor uns andern armen Menschen voraus gegeben hat!&#8220; sagte Emilie zu ihm. &#8222;Erkennen Sie das nun auch so recht an?&#8220; Es schmeichelte Georg, dass das sch\u00f6ne junge M\u00e4dchen zu ihm aufsah, erfand sie so ungew\u00f6hnlich begabt.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und der General gelangte mehr und mehr zu der \u00dcberzeugung, dass Georg unm\u00f6glich ein Kellerkind sein k\u00f6nne. &#8222;Die Mutter war freilich eine sehr anst\u00e4ndige Frau&#8220;, sagte er, &#8222;das muss ich ihr im Grabe nachsagen!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der Sommer verging, der Winter kam, da sprach man wieder von Herrn Georg; er war selbst h\u00f6chsten Ortes gern gesehen und gut aufgenommen, der General war ihm auf einem Hofball begegnet.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Jetzt sollte im Hause ein Ball zu Ehren von Emilie stattfinden. Ob man Herrn Georg einladen konnte?<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Wen der K\u00f6nig einladet, den kann auch der General einladen!&#8220; sagte der General und erhob sich einen ganzen Zoll vom Fu\u00dfboden in die H\u00f6he.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Herr Georg wurde eingeladen und er kam; und es kamen Grafen und Prinzen und der eine tanzte immer noch besser als der andere; aber Emilie konnte nur den ersten Tanz tanzen; in dem vertrat sie sich den Fu\u00df, nicht schlimm, aber sie f\u00fchlte es doch, und da musste sie vorsichtig sein, mit dem Tanzen innehalten und den andern zusehen. So sa\u00df sie denn da und sah zu, und der Baumeister stand neben ihr.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Sie schildern ihr wohl die ganze Peterskirche?&#8220; sagte der General, indem er vor\u00fcberging und wohlwollend l\u00e4chelte.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Mit demselben L\u00e4cheln empfing er Herrn Georg einige Tage sp\u00e4ter. Der junge Mann kam nat\u00fcrlich, um f\u00fcr die Balleinladung zu danken, was sollte ihn sonst auch herf\u00fchren? Ja, das \u00dcberraschendste, Erstaunlichste f\u00fchrte ihn her: mit wahnwitzigen Worten kam er, der General wollte seinen Ohren nicht trauen; &#8222;pyramidale Deklamation&#8220;, ein ganz undenkbares Ansinnen: Herr Georg bat um Emilies Hand!<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Mensch!&#8220; sagte der General und bekam einen dunkelroten Kopf. &#8222;Ich begreife Sie nicht! Was sagen Sie? Was wollen Sie? Ich kenne Sie nicht! Mein Herr! Mensch! Wie kommen Sie darauf, in mein Haus einzubrechen! Darf ich hier sein, oder darf ich nicht hier sein?&#8220; Und damit ging er r\u00fccklings in sein Schlafzimmer, drehte den Schl\u00fcssel um und lie\u00df Herrn Georg allein dastehen. Der blieb einige Minuten stehen und drehte sich dann ebenfalls um. Im Korridor stand Emilie.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Nun, was sagte mein Vater?&#8220; fragen sie, und ihre Stimme bebte.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Georg dr\u00fcckte ihr die Hand. Er lief vor mir davon! Aber es werden schon bessere Zeiten kommen!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">In Emilies Augen standen Tr\u00e4nen; aus des jungen Mannes Augen strahlten Zuversicht und Mut; und die Sonne beschien die beiden und gab ihnen ihren Segen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Kochend vor Wut sa\u00df der General in seinem Zimmer; ja, es kochte noch in ihm, es kochte \u00fcber in Worten und Ausdr\u00fccken: &#8222;Wahnsinn! Hauswartsirrsinn!&#8220; &#8211;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Eine Stunde war vergangen, da hatte die Generalin es aus des Generals eignem Munde vernommen, und sie rief Emilie zu sich und schloss sich mir ihr ein.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Du armes Kind! Dich so zu beleidigen! Uns so zu beleidigen! Auch du hast Tr\u00e4nen in den Augen, aber das steht dir! Du bist bezaubernd in Tr\u00e4nen! Du gleichst mir an meinem Hochzeitstage. Weine nur, liebe Emilie!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ja, weinen muss ich&#8220;, sagte Emilie, &#8222;falls du und Vater nicht ja sagt!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Kind&#8220;, rief die Generalin, &#8222;bist du krank? Du redest im Irrsinn, und ich bekomme meine schrecklichen Kopfschmerzen. Ach, welch Ungl\u00fcck ist \u00fcber unser Haus gekommen! Du willst doch nicht, dass deine Mutter stirbt! Emilie, dann hast du keine Mutter mehr!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und die Augen der Generalin wurden feucht, sie konnte es nicht aushalten, an ihren eignen Tod zu denken.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">In der Zeitung stand unter andern Ernennungen zu Lesen: Herr Georg zum Professor ernannt, f\u00fcnfte Rangklasse Nummer acht.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Schade, dass seine Eltern im Grabe liegen und das nicht lesen k\u00f6nnen&#8220;, sagten die neuen Hauswartsleute, die jetzt im Keller unter dem General wohnten; sie wussten, dass der Professor innerhalb ihrer vier W\u00e4nde geboren und aufgewachsen war.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ja, f\u00fcr den Titel muss er ein gutes St\u00fcck Geld bezahlen!&#8220; sagte der Mann.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ach, was macht der sich aus den paar Talern&#8220;, sagte die Frau, &#8222;die kann er sich leicht wieder verdienen. Und eine reiche Frau kriegt er nat\u00fcrlich auch. Wenn wir Kinder h\u00e4tten, dann sollte unser Kind auch Baumeister und Professor werden.&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Georg bekam eine gute Nachrede im Keller, aber auch im ersten Stockwerk wurde gut von ihr gesprochen, das erlaubte sich der alte Graf.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die Zeichnungen aus der Kinderzeit gaben den Anlass dazu. Aber weshalb sprach man von diesen Zeichnungen? Die Rede war auf Russland gekommen, aus Moskau, und dann lag ja der Kreml so nahe, und en Kreml hatte der kleine Georg einmal f\u00fcr Fr\u00e4ulein Emilie gezeichnet, er hatte so viele Bilder gezeichnet; des einen erinnerte sich der Graf noch ganz besonders: &#8222;Emilies Schloss&#8220;, wo sie schlief, wo sie tanzte und &#8222;Es kommt Besuch&#8220; spielte; der Professor besa\u00df gro\u00dfe T\u00fcchtigkeit, er w\u00fcrde gewiss als alter Konferenzrat sterben, das war gar nicht unm\u00f6glich, und vorher w\u00fcrde er wohl auch ein Schloss f\u00fcr die jetzt noch so junge Dame erbaut haben; warum auch nicht?<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Das war ja eine sonderbare Ausgelassenheit!&#8220; bemerkte die Generalin, als der Graf gegangen war. Der General sch\u00fcttelte nachdenklich den Kopf, ritt aus, den Reitknecht in geziemendem Abstand hinter sich, und sa\u00df stolzer denn je zu Ross.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Es war Emilies Geburtstag, Blumen und B\u00fccher, Briefe und Visitenkarten wurden gebracht; die Generalin k\u00fcsste sie auf den Mund, der General auf die Stirn; es waren liebevolle Eltern. Und es kam hoher Besuch, zwei von den Prinzen. Man sprach von B\u00e4llen und vom Theater, von diplomatischen Sendungen, von der Regierung der L\u00e4nder und Reiche. Man sprach von T\u00fcchtigkeit, von des eignen Landes T\u00fcchtigkeit, und dadurch kam die Rede auf den jungen Professor, den Herrn Baumeister.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Der baut f\u00fcr seine Unsterblichkeit&#8220;, wurde gesagt, &#8222;er baut sich auch wohl in eine unser ersten Familien hinein!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Eine der ersten Familien!&#8220; wiederholte sp\u00e4ter der General der Generalin gegen\u00fcber. &#8222;Wer ist eine unserer ersten Familien?&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ich wei\u00df, worauf angespielt wurde&#8220;, sagte die Generalin, &#8222;aber ich sage es nicht! Gott lenkt die Geschicke! Wundern soll es mich aber doch!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ich m\u00f6chte mich gern mit dir wundern!&#8220; sagte der General. &#8222;Ich habe keine Ahnung!&#8220; Und er versank in Gedanken.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Es liegt eine Macht, eine unaussprechliche Macht in dem Gnadenquell von oben; Hofgunst, Gottes Gunst &#8211; und die Gunst all dieser Gnade besa\u00df der kleine Georg. Aber wir vergessend en Geburtstag.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Emilies Zimmer duftete von Blumen, die ihr Freunde und Freundinnen gesandt, auf dem Tische lagen sch\u00f6ne Geschenke als Grund und zur Erinnerung, aber nicht die geringste Gabe von Georg. Die konnte nicht kommen, brauchte auch nicht zu kommen, das ganze Haus war eine Erinnerung an ihn. Selbst aus dem Sandloch unter der Treppe guckte die Erinnerungsblume hervor; dort hatte Emilie gepiepst, als die Gardine brannte und Georg als erste Spritze kam. Ein Blick zum Fenster hinaus und der Akazienbaum erinnerte an die Kinderzeit. Bl\u00fcten und Bl\u00e4tter waren abgefallen, aber der Baum stand mit Reif bedeckt da wie ein ungeheurer Korallenzweig; und der Mond schien klar und gro\u00df zwischen den Zweigen hindurch, unver\u00e4ndert in all seiner Ver\u00e4nderlichkeit, ganz so wie damals, als Georg sein Butterbrot mit der kleinen Emilie teilte.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Sie nahm aus der Schublade die Zeichnungen von des Zaren Schloss und von ihrem eigenen Schloss, Erinnerungen an Georg. Und sie sah sie an und hatte ihre Gedanken dabei; sie gedachte des Tages, als sie unbemerkt von Vater und Mutter zu der Frau des Hauswarts hinabging, die in den letzten Z\u00fcgen lag; sie hatte bei ihr gesessen, ihre Hand gehalten und ihre letzten Worte &#8222;Segen! &#8211; Georg!&#8220; geh\u00f6rt. Die Mutter dachte an ihren Sohn. &#8211; Jetzt legte Emilie ihre Bedeutung dahinein. Ja, Georg war an ihrem Geburtstag bei ihr!<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">An n\u00e4chsten Tage war wieder ein Geburtstag dort im Hause, der Geburtstag des Generals; er war am Tage nach seiner Tochter geboren, nat\u00fcrlich fr\u00fcher als sie, viele Jahre fr\u00fcher. Und es kamen wieder Geschenke, und unter diesen ein Sattel von pr\u00e4chtigem Aussehen, bequem und k\u00f6stlich, nur einer von den Prinzen hatte einen ebensolchen. Von wem kam der? Der General war entz\u00fcckt. Ein kleiner Zettel lag dabei, und darauf stand geschrieben: &#8222;Von einem, den der Herr General nicht kennt!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Wen in aller Welt kenne ich nicht!&#8220; sagte der General. &#8222;Alle Menschen kenne ich!&#8220; Und sein Gedanke durchschweifte die ganze gro\u00dfe Gesellschaft; er kannte sie alle. &#8222;Er ist von meiner Frau!&#8220; sagte er schlie\u00dflich. &#8222;Sie will mich necken! Charmant!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Aber die neckte nicht mehr, die Zeiten waren vor\u00fcber.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und es war abermals ein Fest, ein gro\u00dfes Fest, aber diesmal nicht bei Generals; es war ein Kost\u00fcmball bei einem der Prinzen; Masken waren ebenfalls gestattet.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der General erschien als Rubens, in spanischer Tracht mit kleinem Tollenkragen, Degen und guter Haltung; die Generalin war Madame Rubens, in schwarzem Sammet, hoch am Halse, schrecklich warm, mit einem M\u00fchlsein um den Hals, das hei\u00dft nat\u00fcrlich mit einem gro\u00dfen Tollenkragen, ganz nach einem holl\u00e4ndischen Gem\u00e4lde, das der General besa\u00df und an dem namentlich die H\u00e4nde bewundert wurden, die sahen ganz so aus wie die der Generalin.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Emile war Psyche, in Flor und Spitzen. Sie war wie eine schwebende Schwanenflaumfeder, sie brauchte gar keine Fl\u00fcgel, sie trug sie nur als Psyche-Abzeichen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Da war ein Glanz, eine Pracht, da waren Licht und Blumen, Reichtum und Geschmack; da war so viel zu sehen, dass man Madame Rubens&#8216; sch\u00f6ne H\u00e4nde gar nicht beachtete.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Ein schwarzer Domino mit einer Akazienbl\u00fcte auf der Kapuze tanzte mit Psyche.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Wer ist das?&#8220; fragte die Generalin.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Seine k\u00f6nigliche Hoheit!&#8220; sagte der General. &#8222;Ich bin meiner Sache ganz sicher, ich habe ihn gleich am H\u00e4ndedruck erkannt!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die Generalin zweifelte.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">General Rubens zweifelte nicht, n\u00e4herte sich dem schwarzen Domino und schrieb ihm k\u00f6nigliche Buchstaben in die Hand; sie wurden verneint, aber es wurde ein Fingerzeig gegeben:<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Die Devise des Sattels&#8220; Einer, den der Herr General nicht kennt!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Aber dann kenne ich Sie ja!&#8220; sagte der General. &#8222;Sie haben mir den Sattel geschenkt!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der Domino erhob die Hand und verschwand unter der Menge.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Wer ist der schwarze Domino, mit dem du tanztest, Emilie?&#8220; fragte die Generalin.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ich habe nicht nach seinem Namen gefragt&#8220;, antwortete sie.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Weil du es wusstest! Es ist der Professor! Ihr Protege, Herr Graf, ist hier!&#8220; fuhr sie fort und wandte sich an den Grafen, der in der N\u00e4he stand. &#8222;Schwarzer Domino mit Akazienblute!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Wohl m\u00f6glich, meine Gn\u00e4dige!&#8220; antwortete der Graf. &#8222;Aber einer der Prinzen ist \u00fcbrigens ebenso kost\u00fcmiert.&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ich kenne den H\u00e4ndedruck!&#8220; sagte der General. &#8222;Von dem Prinzen habe ich den Sattel. Ich bin meiner Sache so sicher, dass ich ihn zu uns einladen kann.&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Tun Sie das!&#8220; sagte der Graf. &#8222;Wenn es der Prinz ist, so kommt er sicher!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Und ist es ein anderer, so kommt er sicher nicht!&#8220; sagte der General und n\u00e4herte sich dem schwarzen Domino, der gerade dastand und mit dem K\u00f6nig redete. Der General bracht eine sehr ehrerbietige Einladung vor, damit sie einander kennenlernen k\u00f6nnten. Er l\u00e4chelte so sicher in seiner Gewissheit, wen er einlud; er sprach laut und deutlich.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der Domino l\u00fcftete seine Maske: es war Georg.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Wiederholen der Herr General die Einladung?&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der General wurde allerdings einen Zoll gro\u00dfer, nahm eine festere Haltung an, trat zwei Schritte zur\u00fcck und einen Schritt vor wie bei einem Menuett, und es lag Ernst und Ausdruck in des Generals Gesicht, soviel sich hineinlegen lie\u00df.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ich nehme niemals mein Wort zur\u00fcck; der Herr Professor ist eingeladen!&#8220; Und er verneigte sich mit einem Blick auf den K\u00f6nig, der sicher das Ganze geh\u00f6rt hatte.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und dann war die Mittagsgesellschaft bei Generals, und es waren nur der alte Graf und sein Protege eingeladen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Wenn ich erst den Fu\u00df unterm Tisch habe&#8220;, meinte Georg, &#8222;so ist auch schon der Grundstein gelegt!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und der Grundstein wurde wirklich unter gro\u00dfer Feierlichkeit bei dem General und der Generalin gelegt.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Georg war erschienen und hatte sich, wie der General das ja an ihm kannte, ganz wie ein Mann aus der guten Gesellschaft unterhalten, war h\u00f6chst interessant gewesen, der General hatte mehrmals sein &#8222;Charmant&#8220; sagen m\u00fcssen. Die Generalin sprach von ihrem kleinen Diner, sprach auch zu einer der Hofdamen davon, und diese, eine der geistreichsten Hofdamen, bat sich eine Einladung f\u00fcr das n\u00e4chste Mal aus, wo der Professor kommen w\u00fcrde. Da musste er ja wieder eingeladen werden, und er wurde eingeladen und kam und war wieder charmant, konnte sogar Schach spielen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Der ist nicht aus dem Keller&#8220;, sagte der General, &#8222;er ist ganz sicher von vornehmer Herkunft, und daran ist der junge Mann ganz unschuldig!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der Professor, der in des K\u00f6nigs Hause verkehrte, konnte sehr wohl in des Generals Haus verkehren, aber von einem Festwachsen war keine Rede, au\u00dfer in der ganzen Stadt.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Es wuchs fest. Der Tau der Gnade fiel von oben!<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Es war daher gar keine \u00dcberraschung, dass, als der Professor Etats Rat wurde, Emilie Etats R\u00e4tin wurde.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Das Leben ist eine Trag\u00f6die oder eine Kom\u00f6die!&#8220; sagte der General. &#8222;In der Trag\u00f6die sterben sie, in der Kom\u00f6die kriegen sie sich!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Hier kriegen sie sich. Und sie bekamen drei pr\u00e4chtige Jungen, aber nicht sofort.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die s\u00fc\u00dfen Kinder ritten auf ihren Steckenpferden durch Stuben und S\u00e4le, wenn sie bei Gro\u00dfvater und Gro\u00dfmutter waren. Und der General ritt auch auf dem Steckenpferd, ritt hinter ihnen her, &#8222;als Jockey hinter den kleinen Etats R\u00e4ten!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die Generalin sa\u00df auf dem Sofa und l\u00e4chelte, selbst wenn sie ihre gro\u00dfen Kopfschmerzen hatte.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Wie weit brachte Georg es und noch viel weiter, sonst w\u00e4re es ja nicht wert gewesen, die Geschichte von des Hauswarts Sohn zu erz\u00e4hlen.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans Christian Andersen<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[88,85],"tags":[],"class_list":["post-722","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hans-chr-andersen","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/722","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=722"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/722\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":723,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/722\/revisions\/723"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=722"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=722"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=722"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}