{"id":720,"date":"2015-12-10T17:47:55","date_gmt":"2015-12-10T16:47:55","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=720"},"modified":"2026-01-24T22:58:30","modified_gmt":"2026-01-24T21:58:30","slug":"der-haustuerschluessel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-haustuerschluessel\/","title":{"rendered":"Der Haust\u00fcrschl\u00fcssel"},"content":{"rendered":"<p>Hans Christian Andersen<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Jeder Schl\u00fcssel hat seine Geschichte, und es gibt viele Schl\u00fcssel: Kammerherrnschl\u00fcssel, Uhrschl\u00fcssel, St.-Peters-Schl\u00fcssel; wir k\u00f6nnten von allen Schl\u00fcsseln erz\u00e4hlen, aber jetzt erz\u00e4hlen wir nur von dem Haust\u00fcrschl\u00fcssel des Kammerrats.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Er war bei einem Schlosser zur Welt gekommen, aber er h\u00e4tte gern glauben k\u00f6nnen, dass es ein Grobschmied sei, so fasste der Mann ihn an, h\u00e4mmerte und feilte. Er war zu gro\u00df f\u00fcr die Hosentasche, darum musste er in die Rocktasche. Hier lag er oft im Dunkeln, aber \u00fcbrigens hatte er einen bestimmten Platz an der Wand neben der Silhouette des Kammerrats aus der Kindheit.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Man sagt, dass jeder Mensch in seinem Charakter und seiner Handlungsweise etwas von dem Himmelszeichen mitbekommt, unter dem er geboren wird, sei es nun der Stier, die Jungfrau, der Skorpion oder wie sie alle im Kalender hei\u00dfen. Die Kammerr\u00e4tin nannte keins von diesen, sie sagte, ihr Mann sei unter dem &#8222;Zeichen der Schubkarre&#8220; geboren. Immer musste er vorw\u00e4rtsgeschoben werden.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Sein Vater schob ihn aufs Kontor, seine Mutter schob ihn in den Ehestand hinein, und seine Frau schob ihn zum Kammerrat hinauf, aber das sagte sie nicht, sie war eine besonnene, brave Frau, die immer zur rechten Zeit schwieg und zur rechten Zeit sprach und schob.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Jetzt war er seit Jahren &#8222;wohlproportioniert&#8220;, wie er selber sagte, ein Mann mit Bildung, Gutm\u00fctigkeit und dazu schl\u00fcsselklug, etwas, das wir n\u00e4her erkl\u00e4ren werden. Immer war er guter Laune, alle Menschen hatte er gern und mochte gern mit ihnen reden. Ging er in die Stadt, so war es schwer, ihn nach Hause zu bekommen, wenn seine Frau nicht mit war und schob. Er musste mit jedem Bekannten reden, dem er begegnete. Er hatte viele Bekannte, und darunter musste das Mittagessen leiden. Vom Fenster aus gab die Kammerr\u00e4tin auf ihn acht. &#8222;Jetzt kommt er!&#8220; sagte sie zu dem M\u00e4dchen. &#8222;Setz den Kochtopf auf! &#8211; Jetzt steht er still und spricht mit jemand, nimm den Kochtopf ab, sonst kocht das Essen zu lange! &#8211; Aber nun kommt er! Ja, dann setz den Kochtopf nur wieder auf!&#8220;.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Aber deswegen kam er doch noch nicht.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Er konnte gerade unter dem Fenster des Hauses stehen und hinaufnicken, aber dann kam ein Bekannter vor\u00fcber, dann konnte er es nicht lassen, er musste ihm ein paar Worte sagen. Kam dann, w\u00e4hrend er mit diesem sprach, ein anderer Bekannter, dann hielt er den ersten am Knopfloche fest und ergriff die Hand des andern, w\u00e4hrend er einen dritten, der vor\u00fcberwollte, anrief.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Das war eine Geduldsprobe f\u00fcr die Kammerr\u00e4tin. &#8222;Kammerrat! Kammerrat!&#8220; rief sie dann. Ja, der Mensch ist unter dem Zeichen der Schubkarre geboren, vorw\u00e4rts kann er nicht kommen, ohne dass er geschoben wird.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Er wollte gern in Buchl\u00e4den gehen, in B\u00fcchern und Zeitungen bl\u00e4ttern, er gab seinem Buchh\u00e4ndler ein kleines Honorar, um zu Hause bei sich die neuen B\u00fccher lesen zu d\u00fcrfen, das hei\u00dft, um Erlaubnis zu haben, die B\u00fccher der Lange nach aufzuschneiden, aber nicht quer, denn dann konnten Sie nicht als neu verkauft werden. Er war eine lebende Zeitung in aller Gutm\u00fctigkeit, wusste Bescheid mit Verlobungen, Hochzeiten und Begr\u00e4bnissen. B\u00fcchergeschw\u00e4tz, ja, er lie\u00df geheimsvolle Andeutungen fallen, dass er Bescheid wusste, wo niemand Bescheid wusste, das hatte er vom Haust\u00fcrschl\u00fcssel.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Schon als junges Ehepaar wohnten Kammerrats in ihrem eigenen Hause, und seit der Zeit hatten sie denselben Haust\u00fcrschl\u00fcssel, aber da kannten sie seine wunderbaren Kraft noch nicht, die lernten sie erst sp\u00e4ter kennen.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Es war zu K\u00f6nig Frederiks des Sechsten Zeit. Kopenhagen hatte damals kein Gas, es hatte Tranlampen, es hatte kein Tivoli oder Kasino, keine Stra\u00dfenbahnen und keine Eisenbahnen. Es gab nur wenige Vergn\u00fcgungen im Vergleich zu jetzt. Des Sonntags machte man einen Spaziergang zum Tor hinaus bis nach dem Assistenzkirchhof, las die Inschriften auf den Gr\u00e4bern, setzt sich ins Gras, a\u00df aus einem Vorratskorb und trank seinen Schnaps dazu, oder man ging nach Frederiksborg, wo vor dem Schlosse die Regimentsmusik, spielte und es von Menschen wimmelte, die die k\u00f6nigliche Familie in den kleinen, engen Kan\u00e4len umherrudern sahen; der alte K\u00f6nig steuerte das Boot, und er und die K\u00f6nigin gr\u00fc\u00dften alle Menschen ohne Standesunterschied. Da hinaus kamen wohlhabende Familien aus der Stadt und tranken ihren Abendtee. Warmes Wasser konnten sie in einem kleinen Bauernhaus auf dem Felde au\u00dferhalb des Gartens bekommen, aber sie mussten selber ihre Teemaschine mitbringen.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Da hinaus zogen Kammerrats an einem sonnigen Sonntagnachmittag. Das Dienstm\u00e4dchen ging voran mit der Maschine, einen Vorratskorb und einer Schnapsflasche.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Nimm auch den Haust\u00fcrschl\u00fcssel mit&#8220;, sagte die Kammerr\u00e4tin, &#8222;damit wir in unser eigenes Haus hineinschl\u00fcpfen k\u00f6nnen, wenn wir zur\u00fcckkommen; du wei\u00dft, die T\u00fcr wird bei Abendd\u00e4mmerung geschlossen, und der Klingelzug ist seit heute morgen kaputt. &#8211; Wir kommen sp\u00e4t nach Hause! Wir wollen, wenn wir in Frederiksborg gewesen sind, noch in Casortis Theater auf Vesterbro gehen und die Pantomime &#8222;Harlekin, der Vorarbeiter der Drescher&#8220; sehen. Darin kommen sie in einer Wolke herunter. Das kosten zwei Mark die Person!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und sie gingen nach Frederiksborg, h\u00f6rten die Musik, sahen die k\u00f6niglichen Boote mit wehenden Fahnen, sahen den alten K\u00f6nig und die wei\u00dfen Schw\u00e4ne. Nachdem sie eine gute Tasse Tee getrunken hatten, eilten sie davon, kamen aber doch nicht rechtzeitig ins Theater.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der Seiltanz war vor\u00fcber, der Stelzenmann war vor\u00fcber, und die Pantomime hatte begonnen; sie kamen wie immer zu sp\u00e4t, und daran war der Kammerrat schuld; jeden Augenblick blieb er auf dem Wege stehen, um mit Bekannten zu reden; im Theater traf er auch gute Freunde, und als die Vorstellung vorbei war, mussten er und seine Frau notwendigerweise mit zu einer Familie in der Vorstadt kommen, um ein Glas Punsch zu trinken, das w\u00fcrde nur zehn Minuten dauern, aber aus diesen zehn Minuten wurde freilich eine ganze Stunde. Es wurde geredet und geredet. Besonders unterhaltend war ein schwedischer Baron, oder war es ein deutscher, das hatte der Kammerrat nicht genau behalten, dahingegen die Kunst mit dem Schl\u00fcssel, die er ihn lehrte, die behielt er f\u00fcr alle Zeiten. Es war au\u00dferordentlich interessant! Er konnte den Schl\u00fcssel dazu kriegen, auf alles zu antworten, wonach man ihn fragte, selbst auf das allergeheimste.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der Schl\u00fcssel des Kammerrats eignete sich besonders gut dazu. Er hatte einen schweren Bart, und der musste herunterh\u00e4ngen. Den Griff des Schl\u00fcssels lie\u00df der Baron auf dem Zeigefinger ruhen, frei und leicht hing er da, jeder Pulsschlag an der Fingerspitze setzte ihn in Bewegung, so dass er sich drehte, und wenn das nicht geschah, dann verstand es der Baron so ganz unmerklich, ihn sich so drehen zu lassen, wie er es wollte. Jede Drehung bedeutete einen Buchstaben von A an und das ganze Alphabet hinunter, soweit man wollte. Wenn der erste Buchstabe gefunden war, drehte sich der Schl\u00fcssel nach der entgegengesetzten Seite, darauf suchte man den n\u00e4chsten Buchstaben, und so bekam man das ganze Wort, ganze S\u00e4tze, Antworten auf Fragen. Eine L\u00fcge war das ganze, aber doch immer am\u00fcsant, das war auch eigentlich der erste Gedanke des Kammerrats, aber er ging ganz in dem Schl\u00fcsselgedanken auf.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Mann! Mann!&#8220; rief die Kammerr\u00e4tin. &#8222;Das Westtor wird um zw\u00f6lf Uhr geschlossen! Wir kommen nicht hinein, wir haben nur eine Viertelstunde, m\u00fcssen uns beeilen.&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Ja, beeilen mussten sie sich; mehrere Personen, die auch in die Stadt wollten, \u00fcberholten sie bald. Endlich n\u00e4herten sie sich dem ersten Wachthaus, da schlug die Uhr zw\u00f6lf, das Tor knallte zu; eine ganze Menge Menschen stand ausgeschlossen da, und zwischen ihnen Kammerrats mit M\u00e4dchen, Teemaschine und leerem Vorratskorb. Einige standen dort in gro\u00dfem Schrecken, andere voller \u00c4rger; jeder fasste es auf seine Weise auf. Was war dabei zu machen?<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Gl\u00fccklicherweise war in der letzten Zeit der Beschluss gefasst worden, dass eines der Tore der Stadt, das Nordertor, nicht geschlossen werden sollte, dort konnten die Fu\u00dfg\u00e4nger durch das Wachthaus in die Stadt hineinkommen. Der Weg war gar nicht kurz, aber das Wetter war sch\u00f6n, der Himmel klar und voller Sterne und Sternschnuppen, die Fr\u00f6sche quakten im Graben und im Teiche. Die Gesellschaft selber fing an zu singen, ein Lied nach dem andern, aber der Kammerrat sang nicht mit, sah auch nicht nach den Sternen, ja nicht einmal auf seine eigenen Beine, er fiel, so lang er war, dicht am Grabenrand hin, man h\u00e4tte glauben k\u00f6nnen, er h\u00e4tte zuviel getrunken, aber es war nicht der Punsch, sondern der Schl\u00fcssel, der ihm zu Kopf gestiegen war und sich dort umdrehte.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Endlich erreichten sie das Wachthaus des vorderen Tores, gelangten \u00fcber die Br\u00fccke und in die Stadt hinein.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Jetzt bin ich wieder froh!&#8220; sagte die Kammerr\u00e4tin. &#8222;Hier ist unsere Haust\u00fcr!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Aber wo ist denn der Haust\u00fcrschl\u00fcssel?&#8220; sagte der Kammerrat. Er war nicht in der hinteren Rocktasche, auch nicht in der Seitentasche.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Herr du meines Lebens!&#8220; rief die Kammerr\u00e4tin. &#8222;Hast du den Schl\u00fcssel nicht? Den hast du bei den Schl\u00fcsselk\u00fcnsten mit dem Baron verloren. Wie kommen wir nun hinein! Der Glockenstrang ist, wie du wei\u00dft, seit heute morgen kaputt, der Nachtw\u00e4chter hat keinen Schl\u00fcssel zu unserem Hause. Wir sind ja in Verzweiflung!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Das Dienstm\u00e4dchen fing an zu heulen, der Kammerrat war der einzige, der die Fassung bewahrte.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Wir m\u00fcssen eine Fensterscheibe zum Laden des Fetth\u00e4ndlers einschlagen&#8220;, sagte er, &#8222;ihn wecken und dann hineinschl\u00fcpfen.&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Er schlug eine Fensterscheibe ein, er schlug zwei ein. &#8222;Petersen!&#8220; rief er und steckte den Schaft seines Regenschirms in das Fenster hinein; da schrie drinnen die Tochter des Fetth\u00e4ndlers laut auf. Der Kr\u00e4mersmann riss die Ladent\u00fcr mit dem Rufe &#8222;Nachtw\u00e4chter!&#8220; auf, und ehe er recht die Familie des Kammerrats gesehen, erkannt und hineingelassen hatte, pfiff der W\u00e4chter, und in der n\u00e4chsten Stra\u00dfe antwortete ein anderer W\u00e4chter und pfiff. Leute kamen an den Fenstern zum Vorschein. &#8222;Wo ist das Feuer? Wo ist der Spektakel?&#8220; fragten sie und fragten noch, als der Kammerrat schon in seiner Stube war, den Rock auszog und &#8211; da lag der Haut\u00fcrschl\u00fcssel, nicht in der Tasche, sondern in dem Futter; er war durch ein Loch hineingeschl\u00fcpft, das nicht in der Tasche h\u00e4tte sein sollen.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Seit dem Abend bekam der Haust\u00fcrschl\u00fcssel eine besonders gro\u00dfe Bedeutung, nicht nur, wenn man des Abends ausging, sondern auch, wenn man zu Hause sa\u00df und der Kammerrat seine Geschicklichkeit zeigte und den Schl\u00fcssel Antwort auf die Fragen geben lie\u00df.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Er dachte sich die wahrscheinlichste Antwort aus, und dann lie\u00df er den Schl\u00fcssel sie geben, schlie\u00dflich glaubte er selber daran; aber das tat der Apotheker nicht, er war ein junger Mann und ein naher Verwandter der Kammerr\u00e4tin.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der Apotheker war ein guter Kopf, ein kritischer Kopf, er hatte schon als Schuljunge Kritiken \u00fcber B\u00fccher und Theater geschrieben, aber ohne Nennung des Namens, das macht so viel. Er war, was man einen Sch\u00f6ngeist nennt, glaubte aber durchaus nicht an Geister, am allerwenigsten an Schl\u00fcsselgeister.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ja, ich glaube, ich glaube&#8220;, sagte er, &#8222;verehrter Herr Kammerrat, ich glaube an den Haust\u00fcrschl\u00fcssel und an alle Schl\u00fcsselgeister so fest, wie ich an eine neue Wissenschaft glaube, die anf\u00e4ngt, von sich reden zu machen; an den Tischtanz und die Geister in alten und neuen M\u00f6beln. Haben Sie davon geh\u00f6rt? Ich habe davon geh\u00f6rt! Ich habe gezweifelt, Sie wissen, ich bin ein Zweifler, bin aber bekehrt worden, als ich in einem ganz glaubw\u00fcrdigen ausl\u00e4ndischen Blatt eine ganz schreckliche Geschichte las. Kammerrat! Denken Sie nur, ja, ich gebe Ihnen die Geschichte wieder, wie ich sie gelesen habe. Zwei kluge Kinder hatten die Eltern den Geist in einem gro\u00dfen Esstisch erwecken sehen. Die Kleinen waren allein und wollten nun versuchen, auf dieselbe Weise Leben in eine alte Kommode hineinzutreiben. Das Leben kam, und der Geist erwachte, aber er duldete das Kinderkommando nicht; er erhob sich, es krachte in der Kommode, er schob die Schubladen heraus und legte mit seinen Kommodebeinen die Kinder jedes in eine Schublade, und dann lief die Kommode mit ihnen zur offenen T\u00fcr hinaus, die Treppe hinab und auf die Stra\u00dfe hinaus nach dem Kanal, wo sie sich hineinst\u00fcrzte und die beiden Kinder ers\u00e4ufte. Die kleinen Leichen kamen in christliche Erde, aber die Kommode wurde aufs Rathaus gebracht, des Kindesmordes angeklagt und bei lebendigem Leibe auf dem Markte verbrannt. Ja, das habe ich gelesen&#8220;, sagte der Apotheker, &#8222;habe es in einem ausl\u00e4ndischen Blatt gelesen, es ist nichts, was ich selber erfunden habe. Es ist, hole mich der Schl\u00fcssel, wahr! Nun fluche ich einen schweren Fluch!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der Kammerrat fand, dass eine solche Rede ein zu grober Spa\u00df sei, die beiden konnten ja doch nicht \u00fcber den Schl\u00fcssel reden. Der Apotheker war schl\u00fcsseldumm.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der Kammerrat machte Fortschritte in der Schl\u00fcsselwissenschaft, der Schl\u00fcssel war seine Unterhaltung und Weisheit.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Eines Abends, der Kammerrat war eben im Begriff, zu Bett zu gehen, er stand schon halb entkleidet, da klopfte es an die T\u00fcr nach der Diele hinaus. Es war der Fetth\u00e4ndler, der so sp\u00e4t kam; er war auch schon halb entkleidet, aber er sagte, er habe pl\u00f6tzlich einen Gedanken bekommen, und er sei bange, dass er ihn nicht die Nacht \u00fcber behalten k\u00f6nne.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Es handelt sich um meine Tochter, Lotte-Lene, ich muss von ihr reden. Sie ist ein sch\u00f6nes M\u00e4dchen, sie ist konfirmiert, nun wollte ich sie gern gut angebracht sehen!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ich bin noch nicht Witwer&#8220;, sagte der Kammerrat l\u00e4chelnd, &#8222;und ich habe keinen Sohn, den ich ihr anbieten k\u00f6nnte!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Sie verstehen mich schon, Herr Kammerrat!&#8220; sagte der Kr\u00e4mersmann. &#8222;Klavierspielen kann sie, singen kann sie, das mu\u00df man ja hier oben im Hause h\u00f6ren k\u00f6nnen. Sie wissen nicht, worauf das M\u00e4dchen alles verfallen kann. Sie kann genauso reden und gehen wie alle Menschen. Sie ist f\u00fcr die Kom\u00f6die geschaffen, und das ist eine gute Karriere f\u00fcr nette M\u00e4dchen aus guter Familie, sie k\u00f6nnen sich eine Grafschaft erheiraten, aber daran denkt Lotte-Lene nicht und ich auch nicht. Singen kann sie, Klavierspielen kann sie. Da ging ich denn neulich mit ihr nach der Singschule. Sie sang; sie hat aber nicht, was ich einen Bierba\u00df bei Frauenzimmern nenne, keinen Kanarienvogelgesang in den h\u00f6chsten T\u00f6nen, so wie man es jetzt von den S\u00e4ngerinnen verlangt, und dann riet man ihr ernstlich von der Karriere ab. Nun, dachte ich, kann sie nicht S\u00e4ngerin werden, so kann sie immerhin Schauspielerin werden, dazu geh\u00f6rt ja nur die Sprache. Heute redete ich dar\u00fcber mit dem Dramaturgen, wie sie ihn nennen. &#8222;Hat sie Kenntnisse?&#8220; fragte der. &#8222;Nein&#8220;, sagte ich, &#8222;ganz und gar nicht!&#8220; &#8211; &#8222;Kenntnisse sind notwendig f\u00fcr eine K\u00fcnstlerin!&#8220; sagte er. &#8222;Die kann sie noch bekommen&#8220;, meinte ich, und dann ging ich nach Hause. &#8222;Sie kann ja in eine Leihbibliothek gehen und die B\u00fccher lesen, die sie da haben&#8220;, dachte ich, &#8222;dann bekommt sie Kenntnisse. \u201e Aber wie ich nun heute abend sitze und mich ausziehe, f\u00e4llt mir pl\u00f6tzlich ein: &#8222;wozu soll man B\u00fccher mieten, wenn man sie sich leihen kann? Der Herr Kammerrat hat B\u00fccher in H\u00fclle und F\u00fclle, die kann sie ja lesen; dann hat sie Kenntnisse genug, und das kostet nichts!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Lotte-Lene ist ein gutes M\u00e4dchen&#8220;, sagte der Kammerrat, &#8222;ein h\u00fcbsches M\u00e4dchen! B\u00fccher zum Lesen soll sie haben, Aber hat sie wohl das, was man Feuer des Feistes nennt, das Geniale, das Genie? Und hat sie, was hierbei ebenso wichtig ist, hat sie wohl Gl\u00fcck?&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Sie hat zweimal in der Waren-Lotterie gewonnen&#8220;, sagte der Fetth\u00e4ndler, &#8222;Einmal hat sie einen Schrank und einmal sechs Paar Laken gewonnen, das nenne ich Gl\u00fcck, und das hat sie!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ich will den Schl\u00fcssel mal fragen!&#8220; sagte der Kammerrat.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und er h\u00e4ngte den Schl\u00fcssel auf seinen rechten Zeigefinger und auf den rechten Zeigefinger des Kellermanns, lie\u00df den Schl\u00fcssel sich schwingen und einen Buchstaben nach dem andern von sich geben.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der Schl\u00fcssel sagte: &#8222;Sieg und Gl\u00fcck!&#8220; und dann war Lotte-Lenes Zukunft bestimmt.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der Kammerrat gab ihr gleich zwei B\u00fccher: &#8222;Dyreke&#8220; und Knigges &#8222;Umgang mit Menschen&#8220;.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Seit dem Abend begann eine Art n\u00e4herer Bekanntschaft zwischen Lotte-Lene und Kammerrats. Sie kam zu der Familie hinaus, und der Kammerrat fand, dass sie ein verst\u00e4ndiges M\u00e4dchen sei, sie glaubte an ihn und an den Schl\u00fcssel. Die Kammerr\u00e4tin sah in der Freim\u00fctigkeit, womit sie jeden Augenblick ihre gro\u00dfe Unwissenheit offenbarte, etwas Kindliches, Unschuldiges. Das Ehepaar hatte sie, jeder auf seine Weise, gern, und sie schw\u00e4rmte f\u00fcr das Ehepaar.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Es riecht so reizend da oben!&#8220; sage Lotte-Lene.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Da war Geruch, ein Duft, ein Apfelduft auf der Diele, wo die Kammerr\u00e4tin eine ganze Tonne Gravensteiner \u00c4pfel hingelegt hatte. Da war auch ein R\u00e4ucherduft von Rosen und Lavendel in allen Zimmern.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Das gibt so was Feines!&#8220; sagte Lotte-Lene. Und dann erfreuten sich ihre Augen an all den sch\u00f6nen Blumen, die die Kammerr\u00e4tin immer hatte; ja, mitten im Winter bl\u00fchten hier Syringen und Kirschenzweige. Die abgeschnittenen bl\u00e4tterlosen Zweige wurde ins Wasser gestellt, und in der warmen Stube trugen sie bald Bl\u00fcten und Bl\u00e4tter.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Man sollte glauben, dass das Leben in den nackten Zweigen erloschen sei, aber siehe nur, wie es von den Toten aufsteht.&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Das ist mir fr\u00fcher noch nie eingefallen!&#8220; sagte Lotte-Lene. &#8222;Die Natur ist doch reizend!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und der Kammerrat lie\u00df sie sein Schl\u00fcsselbuch sehen, worin merkw\u00fcrdige Dinge aufgeschrieben standen, die der Schl\u00fcssel gesagt hatte, selbst von einer halben Apfeltorte, die aus der Speisekammer verschwunden war, gerade an einem Abend, als das M\u00e4dchen Besuch von ihrem Br\u00e4utigam gehabt hatte. Und der Kammerrat fragte seinen Schl\u00fcssel: &#8222;Wer hat die Apfeltorte gegessen, die Katze oder der Br\u00e4utigam?&#8220; Und der Haust\u00fcrschl\u00fcssel antwortete: &#8222;Der Br\u00e4utigam!&#8220; Der Kammerrat glaubte es schon, ehe er fragte, und das Dienstm\u00e4dchen gestand; der verdammte Schl\u00fcssel wusste ja doch alles.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ja, ist es nicht merkw\u00fcrdig?&#8220; fragte der Kammerrat. &#8222;Dieser Schl\u00fcssel, dieser Schl\u00fcssel! Und von Lotte-Lene hat er gesagt: &#8222;Sieg und Gl\u00fcck!&#8220; &#8211; Das werden wir ja noch sehen! &#8211; Ich stehe daf\u00fcr ein!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Es ist reizend!&#8220; sagte Lotte-Lene.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die Frau des Kammerrats war nicht so vertrauensvoll, aber sie \u00e4u\u00dferte ihre Zweifel nicht, wenn der Mann es h\u00f6rte; sp\u00e4ter aber vertraute sie Lotte-Lene, dass der Kammerrat, als er ein junger Mensch war, ganz versessen auf das Theater gewesen sei. H\u00e4tte ihn damals jemand geschoben, w\u00e4re er bestimmt Schauspieler geworden, aber die Familie schob davon weg. Auf die B\u00fchne wollte er, und um dahin zu kommen, schrieb er eine Kom\u00f6die.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Es ist ein gro\u00dfes Geheimnis, das ich Ihnen anvertraue, liebe Lotte-Lene. Die Kom\u00f6die war nicht schlecht, sie wurde auf dem k\u00f6niglichen Theater angenommen und ausgepfiffen, so dass man sp\u00e4ter nie mehr davon geh\u00f6rt hat, und dar\u00fcber freue ich mich. Ich bin seine Frau, und ich kenne ihn. Nun wollen Sie denselben Weg gehen &#8211; ich w\u00fcnsche Ihnen alles Gute, aber ich glaube nicht, dass es gehen wird, ich glaube nicht an den Haust\u00fcrschl\u00fcssel!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Lotte-Lene glaubte an ihn, uns in diesem Glauben begegnete sie dem Kammerrat.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Ihre Herzen verstanden einander in Zucht und Ehren.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Das M\u00e4dchen hatte \u00fcbrigens allerlei F\u00e4higkeiten, auf die die Kammerr\u00e4tin Wert legte. Lotte-Lene verstand es, St\u00e4rke aus Kartoffeln zu machen, seidene Handschuhe aus seidenen Str\u00fcmpfen zu n\u00e4hen, seidene Tanzschuhe zu \u00fcberziehen, obwohl sie in der Lage war, sich alles neu anzuschaffen. Sie hatte, wie der Fetth\u00e4ndler sagte: Schillinge in der Tischschublade und Hypotheken im Geldschrank. &#8222;Das w\u00e4re eigentlich eine Frau f\u00fcr den Apotheker&#8220;, dachte die Kammerr\u00e4tin, aber sie sagte es nicht, lie\u00df es auch den Schl\u00fcssel nicht sagen. Der Apotheker wollte sich bald niederlassen, seine eigene Apotheke einrichten, und zwar in einer der n\u00e4chsten gr\u00f6\u00dferen Provinzst\u00e4dte.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Lotte-Lene las noch immer &#8222;Dryveke&#8220; und Knigges &#8222;Umgang mit Menschen&#8220;. Sie behielt die beiden B\u00fccher zwei Jahre, aber dann konnte sie auch das eine auswendig, &#8222;Dyveke&#8220;, die s\u00e4mtlichen Rollen, aber sie wollte nur in der einen in der Dyvekes, auftreten, und zwar nicht in der Hauptstadt, wo so viel Neid ist und wo sie sie nicht haben wollten. Sie wollte ihre K\u00fcnstlerlaufbahn, wie der Kammerrat es nannte, in einer der gr\u00f6\u00dferen Provinzst\u00e4dte beginnen.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Nun traf es sich ganz merkw\u00fcrdig, dass es gerade in derselben Stadt war, wo der Apotheker sich als der j\u00fcngste, wenn auch nicht der einzige Apotheker niedergelassen hatte.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der gro\u00dfe, erwartungsvolle Abend kam, Lotte-Lene sollte auftreten, Sieg und Gl\u00fcck erringen, wie es der Schl\u00fcssel geweissagt hatte. Der Kammerrat war nicht da, er lag zu Bett, und die Kammerr\u00e4tin pflegte ihn; warme Servietten und Kamillentee waren ihm verordnet: die Servietten um den Leib und der Tee in den Leib.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Das Ehepaar wohnte der &#8222;Dyveke&#8220;-Vorstellung nicht bei, aber der Apotheker war da, und der schrieb einen Brief dar\u00fcber an seine Verwandte, die Kammerr\u00e4tin.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Der Dyveke-Kragen war das beste!&#8220; schrieb er. &#8222;H\u00e4tte ich den Haust\u00fcrschl\u00fcssel des Kammerrats in meiner Tasche gehabt, so h\u00e4tte ich ihn herausgeholt und darauf gepfiffen, das h\u00e4tte der Schl\u00fcssel auch verdient, der so sch\u00e4ndlich gelogen hat: &#8222;Sieg und Gl\u00fcck&#8220;.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der Kammerrat las den Brief. Das Ganze sei Bosheit, sagte er, Schl\u00fcsselha\u00df, und darunter musste jetzt das unschuldige M\u00e4dchen leiden.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und sobald er aus dem Bett aufstand und wieder ein Mensch war, sandte er dem Apotheker einen kleinen, aber giftspeienden Brief, und der Apotheker antwortete wieder, als ob er den Brief nur als Spa\u00df aufgefasst habe.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Er dankte ihm daf\u00fcr, wie f\u00fcr jeden weiteren, freundlichen Beitrag zur Erkennung des unvergleichlichen Wertes und der Bedeutung des Schl\u00fcssels; ferner vertraute er dem Kammerrat an, dass er, au\u00dfer seiner Apothenkerwirksamkeit, an einem gro\u00dfen Schl\u00fcsselroman schreibe, in dem alle handelnden Personen Schl\u00fcssel seien, einzig und allein Schl\u00fcssel. &#8222;Der Haust\u00fcrschl\u00fcssel&#8220; war nat\u00fcrlich die Hauptperson, und der Haust\u00fcrschl\u00fcssel des Kammerrats war ihm das Vorbild, mit Wahrsagungsf\u00e4higkeit begabt; um ihn mussten sich alle die andern Schl\u00fcssel drehen: der alte Kammerherrenschl\u00fcssel, der den Glanz und die Festlichkeit des Hofes kannte; der kleine Uhrschl\u00fcssel, fein und vornehm zu vier Schilling beim Eisenkr\u00e4mer; der Schl\u00fcssel zum Kirchstuhl, der sich mit zur Geistlichkeit rechnete und der, als er eine Nacht im Schl\u00fcsselloch in der Kirche sitzengeblieben war, Geister gesehen hatte; der Speisekammer-, der Holzkammer- und der Weinkellerschl\u00fcssel, sie alle treten auf, verneigen sich und drehen sich um den Haust\u00fcrschl\u00fcssel. Die Sonnenstrahlen lassen ihn wie Silber schimmern, der Wind, der Weltgeist, f\u00e4hrt in ihn hinein, so dass er pfeift. Er ist der Schl\u00fcssel f\u00fcr alle Schl\u00fcssel, er war der Haust\u00fcrschl\u00fcssel des Kammerrats, jetzt ist er der Schl\u00fcssel zur Himmelspforte, er ist Papstschl\u00fcssel, er ist &#8222;unfehlbar&#8220;!<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Bosheit!&#8220; sagte der Kammerrat. &#8222;Pyramidale Bosheit!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Er und der Apotheker sahen einander nicht mehr. Ja doch, bei dem Begr\u00e4bnis der Kammerr\u00e4tin. Sie starb zuerst.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Es war Trauer und Kummer im Hause. Selbst die abgeschnittenen Kirschzweige, die schon frische Bl\u00e4tter und Bl\u00fcten angesetzt hatten, trauerten und welkten hin, sie standen vergessen, sie pflegte sie nicht mehr.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der Kammerrat und der Apotheker gingen hinter ihrem Sarge drein, Seite an Seite, als die zwei n\u00e4chsten Verwandten, hier war keine Zeit und Stimmung, sich auf Wortgefechte einzulassen.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Lotte-Lene band einen Trauerflor um den Hut des Kammerrats. Sie war l\u00e4ngst zur\u00fcckgekehrt, ohne Sieg und Gl\u00fcck auf der Bahn der Kunst. Aber es konnte noch kommen, Lotte-Lene hatte eine Zukunft. Der Schl\u00fcssel hatte es gesagt, und der Kammerrat hatte es gesagt.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Sie kam zu ihm hinauf. Sie sprachen von der Verstorbenen, und sie weinten. Lotte-Lene war weich, sie sprachen von der Kunst, und Lotte-Lene war stark.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Das Theaterleben ist reizend&#8220;, sagte sie, &#8222;aber da ist so viel Neid, da sind so viele Schwierigkeiten! Ich gehe lieber meinen eigenen Weg. Erst ich selber, dann die Kunst!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Knigge hatte die Wahrheit gesprochen in dem Kapitel von den Schauspielern, das sah sie ein, der Schl\u00fcssel hatte nicht die Wahrheit geredet, aber davon sprach sie nicht mit dem Kammerrat; sie hatte ihn lieb.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der Haust\u00fcrschl\u00fcssel war ihm \u00fcbrigens w\u00e4hrend des ganzen Trauerjahres ein Trost und eine Ermunterung. Er stellte ihm Fragen, und der Schl\u00fcssel gab ihm Antworten. Und als das Jahr vergangen war und er und Lotte-Lene eines stimmungsvollen Abends beisammen sa\u00dfen, fragte er den Schl\u00fcssel:<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Verheirate ich mich, und mit wem verheirate ich mich?&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Da war niemand, der ihn schob, er schob den Schl\u00fcssel, und der Schl\u00fcssel sagte: Lotte-Lene!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und dann war es gesagt, und Lotte-Lene wurde Kammerr\u00e4tin.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Sieg und Gl\u00fcck!&#8220; Die Worte waren gesagt, schon fr\u00fcher vom Haust\u00fcrschl\u00fcssel.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans Christian Andersen<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[88,85],"tags":[],"class_list":["post-720","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hans-chr-andersen","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/720","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=720"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/720\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":721,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/720\/revisions\/721"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=720"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=720"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=720"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}