{"id":711,"date":"2015-11-17T00:35:55","date_gmt":"2015-11-16T23:35:55","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=711"},"modified":"2026-01-24T22:57:45","modified_gmt":"2026-01-24T21:57:45","slug":"das-hausmaerchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/das-hausmaerchen\/","title":{"rendered":"Das Hausm\u00e4rchen"},"content":{"rendered":"\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Adele Schopenhauer<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Es war einmal ein altes Haus, darin lebten drei alte Jungfern. Sie hatten ein kleines Auskommen, das sie durch Spitzenkl\u00f6ppeln und feines N\u00e4hen zu vermehren suchten. Es gelang ihnen auch nach Wunsch; denn sonntags siedete das Huhn im blanken Kupfertopfe und an hohen Festen wurde Kuchen gebacken und ein gro\u00dfer gl\u00e4nzendbrauner Kalbsbraten empfing ihren Bruder, den Vicarius zu Gro\u00dfh\u00f6rschau, wenn er nach der Messe in die Stadt kam, um die drei Schwestern zu besuchen und sich einen guten Tag zu machen. Der Vicarius war ein kleines, trockenes, verhutzeltes M\u00e4nnchen, dem der gute Tag mein Tage zu nichts half; er hatte blassblaue Augen, die er jedes Mal zum Himmel aufschlug, wenn von Gl\u00fcck die Rede war, und dabei seufzte er so ganz erb\u00e4rmlich tief, dass die alten Jungfern m\u00e4usestill wurden und sogar die Katze gleich aufh\u00f6rte zu spinnen. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Eines Abends sa\u00dfen die drei guten Weiberchen in sp\u00e4ter D\u00e4mmerung beisammen und erz\u00e4hlten sich allerlei von guten und b\u00f6sen Zeiten. Der Bruder Vicarius war eben mit seinem Blendlaternchen davon und nach seinem ziemlich entlegenen Kirchspiele zur\u00fcckgegangen. Er hatte heute wieder einmal so schwer geseufzt, dass der Haushund zu heulen angefangen und es einen Stein in der Erde h\u00e4tte erbarmen m\u00fcssen, geschweige drei alte gute Jungferchen. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eAch!&#8220; sagte Pinchen, die \u00e4lteste der drei Schwestern, \u201eich wollte doch, Bruder Vicarius h\u00e4tte sich ver\u00e4ndert und die schwarze B\u00e4rbel zur Frau bekommen, anstatt dass er geistlicher Herr geworden ist! Er hat sich immer noch nicht zufrieden gegeben. Hast du ihn heute abend seufzen geh\u00f6rt, Anne Marie? Es l\u00e4sst ihm wieder keine Ruh.&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eJa, ja!&#8220; erwiderte die gutm\u00fctige kleine Schwester \u2013 es war die j\u00fcngste und frischeste unter den Geschwistern \u2013, indem sie, so gut es ihre etwas kurzen Beinchen gestatteten, das dunkelnde Gemach aufr\u00e4umte, der Katze die Bratenreste reichte und das Feuer, das zu erl\u00f6schen drohte, zur hellen Flamme ansch\u00fcrte, \u201eja, ja! es dr\u00fcckt ihn immer noch und ist doch jetzt so ein sechzehn Jahr Gras dar\u00fcber gewachsen. Es w\u00e4re mir auch recht gewesen, obschon es wiederum ein Gl\u00fcck ist, dass wir nun einen geweihten F\u00fchrbitter haben auf Erden zu Unserer Lieben Frauen im Himmel, die uns und unsere S\u00fcnde vertreten mag!&#8220; Und damit setzte sich die gute Alte, ganz abgem\u00fcdet, auf ein niederes St\u00fchlchen am Kamin; denn damals gab es noch keine kleinen \u00d6fen wie heutzutage, und die haushohen Kachel\u00f6fen fand man nur in Herbergen oder \u00f6ffentlichen Geb\u00e4uden. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eJesus Maria Joseph!&#8220; fuhr die mittlere Schwester, eine hagere, lange Xanthippengestalt, dazwischen, \u201eihr h\u00e4ttet wohl gern die faule Strunze, die b\u00f6se Ilse, niemand will sie, die B\u00e4rbel, hier als Schw\u00e4gerin im Hause! An nichts glaubt sie, arbeiten mag sie nicht, aber kommandieren tut sie den lieben langen Tag \u2013 Anne Marie! so schlage doch Licht an, es ist ja ganz schummerlich! Das Feuer raucht auch wieder! Du kannst doch gar nichts ordentlich machen, und alle Minuten hat man bei dir das Nachsehen! Ja, die schwarze B\u00e4rbel, h\u00fcbsch war sie, das muss wahr sein, aber keine Christin!&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eOb es nur wahr ist&#8220;, fragte Pinchen, \u201esie soll von Apolda weggezogen sein, weil der Landreiter gestorben ist. Gelt, er war auch der neuen Lehre, die Gott uns fern halte, zugetan? Habt Ihr neulich wohl mit angeh\u00f6rt, was der Pater Remigius erz\u00e4hlte? An Geister glauben sie da drinnen im Weimarischen, nicht so an Gespenster, arme Seelen, die umgehen, bis sie ins Fegfeuer kommen, sondern \u2013&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eWas du f\u00fcr dummes Zeug schwatzest, Kind!&#8220; murmelte Agathe. \u201eAlle Seelen m\u00fcssen ins Fegfeuer. Bist du heute in der Seelenmesse gewesen f\u00fcr den Handschuhmacher Jobst? Morgen muss die Anne Marie hingehen!&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eJawohl, Gott sei seiner armen Seele gn\u00e4dig! Aber alle Seelen bleiben doch nicht im Fegfeuer, bis sie zu unserm Herrn ins Paradies kommen. Wei\u00dft du es nicht mehr, Agathe, wie der Brauer, der seinen Gesellen erschlagen und ins Gebr\u00e4u geworfen hatte, wie der sieben N\u00e4chte \u00fcber den Kirchhof, die Magdalenengasse hinauf, mit dem Braukessel auf dem Kopfe \u2013 oder nein, statt des Kopfes auf den Schultern \u2013&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eUnsinn!&#8220; eiferte Agathe. \u201eAlle Seelen kommen ins Fegfeuer, und \u00fcbrigens glauben die da drinnen auch an Kobolde und Hausgeister \u2013 Naturgeister nannte es der Pater Remigius.&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eH\u00f6re &#8218;mal&#8220;, fl\u00fcsterte die kleine Dicke, \u201eist&#8217;s denn auch ganz gewiss nichts damit, Pine? Ich bitte dich, Kind, schlag Licht an! Sieh nur den Schrein da in der Ecke, er sieht aus wie ein alter grauer Mann, der sich duckt. Es l\u00e4uft mir immer kalt den R\u00fccken hinab, wenn ich so was h\u00f6re von Kobolden. Hat dich der Alp schon &#8218;mal gedr\u00fcckt, Pine? Herr Jesus, was guckt denn \u00fcber den Tellersims?&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eNarretei und kein Ende!&#8220; brummte Agathe, \u201ees ist meine alte Haube, ich habe sie \u00fcber den Essigkrug geh\u00e4ngt!&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eAber&#8220;, fragte immer noch etwas versch\u00fcchtert Schwester Pine, \u201eglaubst du denn nicht an den b\u00f6sen Blick und an Hexen? Und dann gibt es noch all die gr\u00e4ulichen Geschichten vom Gottseibeiuns, der sich in eine sch\u00f6ne Buhlerin verwandelt \u2013&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eJa, das ist etwas ganz anderes&#8220;, versicherte jene; \u201edas muss jeder rechtgl\u00e4ubige Christ zugestehen, dass Satans Macht in den verschiedensten Gestalten dem armen Menschen nachzustellen die Kraft hat. Ich habe schon hundertmal bei mir selbst gedacht, ob die schwarze B\u00e4rbel dem Bruder Vicarius nicht so irgend etwas beigebracht hat, dass er so entsetzlich fest an ihr halten musste? So eine Art Tr\u00e4nkchen \u2013&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eUm Gottes willen, Schwester! ich bitte dich, sieh! da in der Ecke, da wirbelt und schwirbelt &#8218;was, so niedrig an der Erde hin. Seht ihr nichts?&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eWas die Dirne einem das Leben sauer macht! Was in aller Heil&#8217;gen Namen soll ich denn sehen? Ich sehe deinen Spinnrocken, den du angelehnt hast, und des Bruders graugr\u00fcne Pantoffeln, die er vergessen hat. Hui! der wird sich \u00e4rgern! Das Wetter ist so rau genug, und der Regen schl\u00e4gt schon seit einer Viertelstunde ans Fenster.&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eIch halt&#8217;s nicht aus!&#8220; rief aufspringend die Anne Marie. \u201eIhr m\u00f6gt sagen, was ihr wollt, es bewegt und regt sich dort in der Ecke. Ihr glaubt nicht daran, aber es ist noch au\u00dfer uns etwas Lebendes im Hause. Ach du mein Heiland! wenn es nur kein armer verdammter Geist ist, wenn es doch lieber so einer w\u00e4re vom stillen Volke, von dem die Christel sprach, so ein H\u00fcttchen oder G\u00fctchen, so ein Naturgeist, von denen der Pater erz\u00e4hlte.&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eWillst du schweigen!&#8220; fuhren Agathe und Pine die Erschrockene an. \u201eDu rufst uns das \u00dcbel noch ins Haus mit deinem Geschw\u00e4tz. Satan kann jede Form annehmen und durch dein leichtsinniges Reden lockst du ihn, dich zu versuchen.&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">In dem Augenblicke schlug die Vesperglocke an; die drei Schwestern verstummten, nahmen still jede ihr Gebetb\u00fcchlein und ihren Rosenkranz und begannen leise das Ave Maria zu fl\u00fcstern. Sie waren aber nicht weit vorgeschritten im and\u00e4chtigen Werke, als drei deutliche Schl\u00e4ge an die Haust\u00fcr jemanden meldeten, der Einlass begehrte. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Nachdem die Schwestern eine Weile \u00fcberlegt, wer es wohl sein k\u00f6nne, zu so unpassender Stunde bei solchem Wetter, und ob es \u00fcberhaupt ratsam sei, zu \u00f6ffnen, \u00fcberwog die Neugier, und die j\u00fcngste und \u00e4lteste trippelten hinunter, um aufzuschlie\u00dfen; Agathe <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">aber folgte bis zum Treppensims, von dem aus sie die Lampe hinabhielt, um den Schwestern zu leuchten. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Als die T\u00fcr ge\u00f6ffnet war, trat ein etwa vierzehnj\u00e4hriges feines Dirnchen ein, das ein Paar pechschwarze Augen zu Schwester Agathe aufschlug und einen Knicks machte. Ehe sie aber noch die roten Lippen zur Anrede zu \u00f6ffnen vermochte, hatten Anne Marie und Pinchen zugleich ausgerufen : \u201eB\u00e4rbel, B\u00e4rbel! wie sie leibt und lebt!&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eAch nein!&#8220; sagte nun die Kleine, indem ihr pl\u00f6tzlich die dunkeln Augen tief unter Wasser standen, \u201each nein, sie lebt leider gar nicht mehr, und ich bin nur ihre Tochter. Am Mittwoch, fr\u00fch halb neun Uhr, haben wir sie begraben. Und weil sie mir so oft von ihrer Jugend und ihren Jungfer Basen und dem Herrn Vetter Vicarius erz\u00e4hlt hat \u2013 und weil ich so ganz mutterseelenallein bin auf der Welt&#8220; \u2013 hier ging ihr die Stimme in zitterndes Schluchzen \u00fcber \u2013, \u201eso bin ich hergekommen, um die Jungfer Basen zu bitten, dass sie sich meiner annehmen und mir raten, was ich anfangen soll.&#8220; Und damit machte sie wieder einen kleinen Knicks. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Schon w\u00e4hrend ihrer ersten Worte war Agathe mit der Lampe die Treppe herabgekommen und stand jetzt, das zierliche M\u00e4dchenantlitz scharf beleuchtend, vor der Sprechenden. Mit dem magern Arm die Messinglampe hoch emporhaltend, sah sie wunderlich genug aus, und ihre Tiefgewordenen harten Z\u00fcge bildeten einen herben Kontrast zu der Anmut des armen Kindes, dem das Wort auf den Lippen erstarb. Ein sehr genaues Examen, das sie sogleich \u00fcber dasselbe ergehen lie\u00df, brachte indes keine weitere Auskunft. Sch\u00f6n B\u00e4schen wusste selbst nicht recht, was eigentlich sie hergetrieben; am meisten war es wohl die Angst vor den vielen seit den Altst\u00e4dter Unruhen sich noch umhertreibenden Aufr\u00fchrern und Malkontenten. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Nach des Vaters Tode, der als Lanzknecht in Mainz im kurf\u00fcrstlichen Regiment gestanden, waren Mutter und Tochter von Dorf zu Dorf endlich nach Apolda gezogen, wo ihm eine Muhme lebte, auf deren Erbschaft und Beistand er sie hoffend zu verweisen pflegte, wenn es ihnen schlecht ging. Kaum aber hatten sie einige Monde daselbst zugebracht, so r\u00fchrte die Base der Schlag: sie blieb tot auf dem Flecke, ohne ein Testament gemacht zu haben. Mutter und Tochter lebten von da an k\u00fcmmerlich von ihrer H\u00e4nde Arbeit, bis erstere erkrankte und nach wenigen Wochen auch starb. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Die durch stets erneute Religionsk\u00e4mpfe erzeugten Unruhen, die Drangsale, der ein ganz einsames M\u00e4dchen w\u00e4hrend derselben ausgesetzt war, rechtfertigten den Versuch des armen Kindes, die einzigen ihr noch \u00fcbrig gebliebenen Verwandten aufzusuchen. dass hierbei die Form ihres nach des Vaters Tode allm\u00e4hlich der neuen Lehre sich zuneigenden Christentums irgend Einfluss haben k\u00f6nnte, fiel ihr gar nicht ein; waren es doch Blutsfreunde, zu denen sie zog. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Und dann hatte Marianne einen so fr\u00f6hlichen Mut! Die Sonne schien ihr immer ins Herz. Sie kam sich wie eine Weitgereiste vor, denn sie kannte Weimar und Apolda! ja, sie h\u00e4tte nur f\u00fcnf Jahre fr\u00fcher geboren zu werden gebraucht, um gar das Licht der Welt zuerst in Mainz zu erblicken, wo der Vater in Diensten des Kurf\u00fcrsten stand, als er die Mutter ehelichte. Darum hatte das Soldatenkind auch des Vaters Keckheit und Wanderlust geerbt; so reiste sie denn in Gottes Namen frischweg zu den alten Geschwistern nach Erfurt, ohne erst deshalb bei ihnen anzufragen; sie meinte, dort m\u00fcsse alles gut werden, wenn sie auch nicht eigentlich sagen k\u00f6nne wie. Als aber Schwester Agathe mit der Messinglampe so dicht vor ihr stand und ihr so scharf ins Gesicht leuchtete, h\u00e4tte sie fast lieber geweint, wenn sich&#8217;s nur geschickt h\u00e4tte in Gegenwart der Jungfer Basen! Ein Gl\u00fcck war es, dass diese sie ausfragten; sie h\u00e4tte ja wahrhaftig sonst gar nichts zu sagen gewusst. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00dcber all dem Erz\u00e4hlen und Plaudern war die Nacht weit vorger\u00fcckt; das M\u00e4dchen ward bei Schwester Pinchen untergebracht, und es wurde still im alten Hause. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Nur der Anne Marie, die zu Ehren einer Gro\u00dftante mit dem neuen Ank\u00f6mmling dieselben Namen f\u00fchrte, kam es heute minder still vor als sonst. Sie h\u00e4tte gern geschlafen, denn am n\u00e4chsten Morgen fing ihre Wirtschaftswoche an: aber sie h\u00f6rte sich&#8217;s drau\u00dfen fortbewegen. Das war das Holz am Herd \u2013 es klang wie leises Spalten desselben. Ich hab&#8217;s vergessen, dachte Anne Marie \u2013 jetzt hebt&#8217;s den Wassereimer \u2013 nun klingt&#8217;s gerade wie Schl\u00f6sserputzen \u2013 oder es reibt auf dem Eichenschranke herum \u2013 jetzt ist&#8217;s am gewundenen Fu\u00df der Truhe! <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Sie stand leise auf und wagte es, durchs Schl\u00fcsselloch zu blinzeln, sah aber nichts als einen matten Lichtstreifen und huschte \u00e4ngstlich zur\u00fcck ins Bett. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Die Turmuhr schlug sechs. Erschrocken fuhr Anne Marie auf; sie h\u00f6rte die Leute schon aus der Fr\u00fchmesse kommen und eilte ins Wohnzimmer. O, wie wird Schwester Agathe schelten, das sie schon am Montag verschlafen! Aber wie sonderbar! da lag heute auch nicht das mindeste St\u00e4ubchen \u2013 es war ja wie schon gekehrt! B\u00e4nke, St\u00fchle und Tisch gl\u00e4nzten im Morgenstrahl, als habe sie stundenlang an ihnen gebohnt und gerieben. Das kleine Holz musste gestern gar nicht alle geworden sein, es lag davon noch viel unterm Herd; und auch Wasser war da, und wie frisch und klar! Heute hatte ja Anne Marie auch nicht das mindeste zu tun, und Agathe lobte sie obendrein beim Fr\u00fchst\u00fcck, das alles so gar wohl geraten. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Die gute kleine Dicke dankte innerlich ihrem Herrn; sie h\u00e4tte gern \u00fcber den Zusammenhang nachgedacht, wenn das Nachdenken nur \u00fcberhaupt ihre Sache gewesen w\u00e4re. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Nach dem Fr\u00fchmahl hielten die Schwestern Rat und beschlossen, die Nichte bei sich zu behalten; denn, meinte Agathe, ich werde etwas alt und kann doch nicht mehr alles allein tun! Anne Marie und Pine dachten heimlich, dass sie doch wohl das meiste t\u00e4ten, sagten aber kein Wort. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">So blieb nun Marianne, das frische Dorfr\u00f6schen, als Hausgenossin im alten Hause und nahm den drei guten Schwestern jeden Tag ein St\u00fcck ihrer Arbeit ab: Treppe und Sims, Herd und Geschirr, Schr\u00e4nke und Tische gl\u00e4nzten vor Reinlichkeit, und doch hatte das M\u00e4dchen noch Zeit \u00fcbrig. Sie tanzte und h\u00fcpfte den ganzen Tag im Hause umher, besuchte die Messe, begleitete, trotz seinen Seufzern, den Vetter Vicarius sonntags ein gut St\u00fcck Wegs und trug ihm die Laterne vor, wenn er abends heimging. Freilich nahm sie dann Nachbar Seilers Hans mit zu ihrem Schutz; der war ja aber ein Kind von f\u00fcnf-zehn Jahren und diente dem Vater als Ladenbursche; und der Vicarius meinte wieder gl\u00fccklich zu sein, wenn er mit den beiden fr\u00f6hlichen Kindern so hinging, verga\u00df zu seufzen und tr\u00e4umte in seine sch\u00f6nen Jugendtage sich zur\u00fcck. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Am lieblichsten war Marianne in der Abendd\u00e4mmerung, wenn sie, den guten Alten zur Seite, auf einem Schemel sa\u00df und am Rocken Seide spann, was ihr die Mutter gelehrt, und dabei erz\u00e4hlte oder sang: dann war&#8217;s, als ob die Flamme im Kamin zu dem holden Kinde sich neige; das Feuer brannte so still und ger\u00e4uschlos: es h\u00f6rte zu; die Gl\u00e4ser auf dem Simse klangen leise mit \u2013 oder was konnte es anders sein, das so liebwehm\u00fctig drein t\u00f6nte wie eine Harmonikabegleitung? Und dann erz\u00e4hlte sie vom stillen Volke \u2013 es ist nur ein M\u00e4rchen, sagte sie, \u2013 das unterm Herd wohnt und leise fl\u00fcstert und die kommenden Schicksale heimlich bespricht. Die Menschen h\u00f6ren&#8217;s wohl, meinen aber, es ist die Suppe, die da kocht; und dann erz\u00e4hlte sie weiter von ihren kleinen Hochzeiten und Kindtauffesten. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eGott verzeih dir das s\u00fcndige Geschw\u00e4tz!&#8220; fuhr Agathe auf. \u201eWie k\u00f6nnen denn verdammte Seelen das Sakrament entweihen?&#8220; und sie bekreuzte sich. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eSie entweihen es nicht, Base!&#8220; versicherte Marianne; \u201eaber es sind auch keine verdammten Seelen, Gott hat sie lieb wie uns, aber er hat ihnen andere Pflichten und eine andere Bahn gegeben als uns Menschen; und wenn in einem Hause ein Segen gesprochen wird und ein Mitglied desselben taufen, weihen, trauen oder begraben l\u00e4sst, so schlie\u00dfen sich die kleinen Leute hinten dem Zuge an und warten an der Kircht\u00fcr, bis der Segen gesprochen wird, denn ein kleiner Teil desselben flie\u00dft auf sie nieder. Gottes Segen ist ja so \u00fcberschwenglich, der reicht f\u00fcr uns alle aus! Das mit eingesegnete kleine Geisterkind aber geh\u00f6rt von da an mit zu dem Hause, dem es angeweiht worden, besonders zu der Person, die ihm den Segen verschafft hat: es dient ihr und liebt sie, solange sie lebt.&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eAlle gute Geister!&#8220; sprach der Nachbar Seiler, der indes hinzugetreten war. \u201eWo hat die Dirne das alles her?&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eIch wei\u00df es wahrhaftig nicht, Meister Miller!&#8220; erwiderte die Kleine ganz weinerlich; \u201ees ist mir alles so mit einem Male eingefallen; es war gerade, als fl\u00fcsterte mir&#8217;s jemand zu. Aber es ist doch wohl nur ein M\u00e4rchen!&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eWenn du doch lieber auf deinen Spinnrocken sehen m\u00f6chtest&#8220;, brummte Base Agathe. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eAber es ist alles abgesponnen!&#8220; sagte das M\u00e4dchen. \u201eWenn ich erz\u00e4hle, dann geht&#8217;s erst recht schnell!&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eAch!&#8220; meinte die dicke Anne Marie, \u201ewenn ich mich nicht so f\u00fcrchtete, h\u00f6rte ich gern zu. Es muss h\u00fcbsch sein mit so einem G\u00fctchen!&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eO ja!&#8220; versicherte Hans, der eben gekommen und nur das Warum vergessen hatte und also wartete, dass es ihm einfiele; \u201eaber es gibt auch Poltergeister, das hei\u00dft b\u00f6se Hausgeister, die werfen nachts alles \u00fcbereinander, verraten der Hausfrau, wenn die Magd einen Schatz hat, saufen den Kindern die Milch, den Alten das Bier aus; \u2013 hu! die sind schauerlich. Unten in Gevatter Hirpels Weinkeller sitzt einer, der \u00e4chzt und st\u00f6hnt, dass mir&#8217;s, wenn ich nur daran denke, kalt den R\u00fccken hinauff\u00e4hrt \u2013&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eDas ist ein Schauder&#8220;, sagte Anne Marie, \u201evon dem hab ich geh\u00f6rt, dass er aussieht wie eine Ratte und doch auch wie ein klein Kerlchen. Wenn die andern Geister Leute ein\u00e4ngsten, l\u00e4uft er ihnen mit den spindeld\u00fcrren Beinchen \u00fcber das R\u00fcckgrat und tritt sie mit den kleinen eiskalten Klauen \u2013 wir sagen: es l\u00e4uft einem der Tod \u00fcbers Grab!&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eAber warum willst du so h\u00e4sslich von den Kleinen denken?&#8220; fragte Marianne. \u201eDu und ich haben der Gro\u00dftante Namen; wer wei\u00df, wir k\u00f6nnten schon ein gemeinschaftlich G\u00fctchen von ihr ererbt haben! und ich will meinen Hausgeist k\u00fcnftig in Ehren halten, ein Sch\u00e4lchen Milch ihm hinsetzen alle Abend und Weihnachten einen Stollen ihm backen: es freut ihn, wenn er auch nichts davon genie\u00dft.&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Als aber \u00fcber dem Reden Schwester Agathe ernstlich b\u00f6se ward, schwiegen die beiden. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Es war um die Weihnachtszeit herum, als Marianne einst beim Schlage Mitternacht erwachte; eine liebliche Musik, so d\u00fcnkte es sie, hatte sie erweckt. Der Mond schien durch die eingeschnittene Lilie des Fensterladens und legte seinen breiten Lichtstreif auf ihr Bett; am Ende desselben stand eine kleine graue Gestalt, deren Z\u00fcge sie im Halbdunkel nicht zu unterscheiden vermochte. Als sie aufschreiend in die H\u00f6he fuhr, war alles verschwunden. Das Glockenspiel vom Turme wiederholte die Melodie, die sie wach gerufen, doch in T\u00f6nen, die sie nie vorher geh\u00f6rt und die endlich, leise und leiser verklingend, ihre Gedanken wieder in Schlaf wiegten. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Am n\u00e4chsten Morgen fiel ihr mit einem Male ein, dass heute ihr Geburtstag sei. O weh! mir wird niemand etwas schenken! seufzte sie, und zwei helle Tr\u00e4nen rollten in das Bettstroh, das sie eben umsch\u00fcttelte. Die klaren Tropfen fielen auf den dunkeln Purpur eines Gegenstandes in der Streu, den sie nie vorher bemerkt. Sie zog ein Juwelenkap-<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">selchen hervor; es war altmodisch, mit Silber beschlagen und verschlossen. Marianne dr\u00fcckte versuchend am Schlosse hin und her: es sprang auf und eine wundersch\u00f6ne Halskette von hellroten Karfunkeln und zwei Ohrenspangen blitzten ihr entgegen. Der Schmuck war in Silber und Gold gefasst; als sie am Schlossh\u00e4kchen nestelte, bemerkte sie ihren eigenen Namen, Marianne, und den richtigen Datum, nur die Jahreszahl darunter war um volle hundert Jahre \u00e4lter, sie las 1423. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Die hat unserer Gro\u00dftante angeh\u00f6rt, sagte sie leise und nachdenklich \u2013 und so haben wir wohl auch denselben Geburtstag! Und pl\u00f6tzlich fing sie wieder an, gar herzlich zu lachen, und lachte, lachte in einem fort, bis ihr die hellen Tr\u00e4nen in den \u00c4uglein standen. Und, kicherte sie, wir haben auch ein H\u00fcttchen oder G\u00fctchen, die Gro\u00dftante und ich, und das graue M\u00e4nnchen, das diese Nacht an meinem Bette stand, hat mir den Schmuck gebracht. Sch\u00f6n Dank! sagte sie, immer noch lachend, und machte wieder ihren kleinen Knicks, dann aber lief sie geschwind, es den Jungfer Basen zu erz\u00e4hlen. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Die Basen trauten ihren Ohren kaum; sie wurden ganz still, und Pinchen ward ausgeschickt, um den Bruder Vicarius zu holen; Agathe aber bekreuzte sich. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Das Geheimnisvolle und Wunderbare des Geschenks regte Marianne unbeschreiblich auf. Sie vermied, weiter davon zu reden, aber das Geisterhafte des Ereignisses wirkte fort in ihr. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Sp\u00e4tabends schlich sie in das Wohnzimmer zur\u00fcck und stellte dem G\u00fctchen Semmel und Milch hin; am n\u00e4chsten Morgen war beides verschwunden, nur ein Rosmarinst\u00e4ngel lag an der Stelle. \u201eVon Seilers Hans!&#8220; meinte Pinchen, aber Marianne wusste das besser. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Und wirklich schien ein zartes Band das holde Kind einer h\u00f6hern Welt zu verbinden; das ganz seltsame Gelingen in all ihrem Tun fesselte selbst des Seilers scharfe Zunge und zog alle n\u00e4hern Freunde des alten Hauses und seiner Einwohner unwiderstehlich zu ihr hin; und sogar fern stehende Bekannte wandten sich in kleinen Verlegenheiten gern an die h\u00fcbsche Dirne, die immer half, immer das rechte Wort, den besten Rat und Handgriff hatte; dem kranken Kinde, der nicht milchgebenden Kuh brachte das M\u00e4dchen nach kurzem Besinnen H\u00fclfe, und wohin sie die wei\u00dfen Finger steckte, fassten sie das Gl\u00fcck. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eSie findet Gnade bei Gott und Menschen!&#8220; sagte seufzend der Vicarius. \u201eAuch bei Euch, Oheim!&#8220; erg\u00e4nzte lachend die Kleine \u2013 und hatte Recht. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Indessen war es dem Bruder Vicarius seit Auffindung des alten Familienschmucks sehr bedenklich ums Herz. In seines \u00c4ltervaters Messbuche stand wirklich der darauf angegebene Geburtstag der Gro\u00dftante angemerkt, die aus Liebesgram fr\u00fch gestorben. Der Schmuck \u2013 dessen konnte er selbst sich noch aus der Kinderzeit erinnern \u2013 war in der Familie der Nibelungenhort, der verlorene Schatz, gewesen; Gro\u00dfvater, Gro\u00dfmutter und sogar die Eltern hatten oft davon erz\u00e4hlt. \u2013 Ein Goldschmied, dem der Vicarius jetzt den einen Ohrenreif gezeigt, hatte einen gro\u00dfen Wert desselben angegeben. Seitdem brannte die rote Sammetkapsel dem frommen Vicarius in der Tasche, und die Karfunkeln blitzten ihn an wie feurige Teufelszungen, die nach seiner Seele lechzten. Er k\u00e4mpfte lange und schwer mit sich, ob er der Kleinen nicht sogleich den Schmuck abnehmen solle, um sie vom Versucher zu erl\u00f6sen. Nein, sagte er endlich, leise im Zimmer auf und ab gehend und fast unh\u00f6rbar auftretend, als wolle er niemanden st\u00f6ren, sie soll das gute Werk selbst tun, den Mammon opfern und daf\u00fcr ein Kirchlein bauen zu Ehren der Mutter Gottes mit dem Schwert im Herzen; darin wollen wir beten f\u00fcr die Seele der Gro\u00dftante und f\u00fcr die ihrer Mutter, die vielleicht doch gl\u00fccklicher geworden w\u00e4re, wenn \u2013 da \u00fcberkam ihn das Seufzen; er blickte ganz versch\u00e4mt in eine Ecke und fing an, sein Brevier zu lesen. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Marianne ahnte gar nicht, was ihr bevorstand. Eine Stunde vor Christmetten schlich sie auf Str\u00fcmpfen zur\u00fcck in die Wohnstube, in deren Winkel ein Christkripplein gar sch\u00f6n aufgeputzt war zu Ehren des morgenden Festes. Seilers Hans, sie und noch ein Kind aus der Nachbarschaft wollten die anbetenden Hirten an demselben vorstellen; sie hatten ein sch\u00f6nes Lied einstudiert, und ihre mitgebrachten Opfergeschenke sollten die Bescherung abgeben, deren Gebrauch damals eben begann, f\u00fcr die Geschwister. Den ganzen Abend hindurch hatte sie aufgeputzt und geordnet, und nun trieb es sie nochmals zur\u00fcck, nachzusehen, ob auch gewiss nichts fehle. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Als sie aber vom Gang aus durch ein daselbst angebrachtes Fensterlein in die Wohnstube schaute, fesselte ein nie vorher empfundenes grausendes Erstaunen sie an die Stelle. Atemlos blickte sie hinein: das ganze Zimmer war hell, obschon kein Licht darin brannte, und zu F\u00fc\u00dfen des Krippleins sa\u00df das n\u00e4mliche graue M\u00e4nnchen, das ihr den Karfunkelschmuck gebracht. Es war noch jung und hatte doch schon alte Z\u00fcge im Feingeschnittenen, nachdenklichen Gesicht; die zarten H\u00e4nde waren wie Lilien anzusehen, und der grau bestiefelte vorgestreckte Fu\u00df erschien fast kleiner als der ihre. Das R\u00f6ckchen des M\u00e4nnchens schimmerte grauseltsamlich, er erinnerte an Wasser und an Spinngewebe; den Kopf deckte ein graues H\u00fcttchen, das am Rock befestigt war und zur\u00fcckgeworfen einer Kapuze glich. Die graue Gestalt sa\u00df auf der ersten Stufe des kleinen Aufbaues und fl\u00fcsterte mit einem andern, doch grobem Gesellen seiner Gattung, der vor ihm stand und etwas Wurzel\u00e4hnliches in den geschn\u00f6rkelt schiefen Beinchen hatte; dieser trug einen braunen Rock, der, wie von Ratten angefressen, fetzenhaft um ihn herschlotterte, und eine M\u00fctze von Rattenfell, an der man den Kopf des Tieres sah. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">W\u00e4hrend dieses heimlichen Zwiegespr\u00e4chs fuhr pl\u00f6tzlich das Fenster schrillend auf, und mit einer Ladung schwirbelnder Schneeflocken huschte eine dritte, noch wunderlichere Gestalt ins Gemach und zu den andern hin. Es war eine Frau, deren ganzer K\u00f6rper aus Schleiern zu bestehen schien, sogar das Gesicht schien bei jeder Bewegung \u00fcberflort zu werden. Sie sprach in einem etwas singenden Tone, der an eine Glasharmonika erinnerte: <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201e\u00dcber Stock und Stein ges\u00e4uselt, Hin und her vom Wind gekreiselt, Komm ich, Nebelwitwe, ich. Ihr seid warm, hu! wie friert mich! <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Mit Eisblumen hab ich die Fenster geschm\u00fcckt, Den Hof, und den Stall, und den Brunnen beschickt, Eiszapfen am Dache ringsum aufgehangen, Den bellenden Hund und die Katz eingefangen; Hab mit meinen Schleiern die Treppen gefegt Und rings alle Reiser zu B\u00fcndeln gelegt; Die Milch angehaucht, dass sie morgen leicht rahmt; Die Bl\u00e4tter geh\u00e4ufelt, auf dem Weg, den ihr kamt; Die Hefe gehoben, das Bier eingesegnet, Die Luke geschlossen, wo&#8217;s j\u00fcngst eingeregnet, Das Stroh wie von selbst um den Keller geh\u00e4uft Und das kleinste der H\u00e4lmchen aus dem Wege geschleift. Dann spann ich zu Ende den Flachs dort am Rocken Und w\u00e4rmte das \u00d6l, dass die Pendel nicht stocken <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Und zeitig erwecken zur heiligen Mette Die schl\u00e4frigen Menschen im weichlichen Bette. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Ach! d\u00fcrft ich hier weilen, mit ihnen verkehren, Sie sch\u00fctzen, beraten, sie schelten und lehren! Ich bin nur der Geist, der in stockfinstrer Nacht Das Haus, Hof und Brunn&#8217;n und die Schwelle bewacht!&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Der braune Bursche, der ihre Rede mit steigender Ungeduld angeh\u00f6rt, fuhr nun heiser lachend dazwischen: <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eIm Keller, im dunkeln, munkeln, Die Menschen schrecken, necken, Das ist mein Spiel und Ziel. Knacken, knurren, knarren, Heulen, fahren, scharren, In tiefen Spalten Verhalten, schalten, Und auf sie harren, Um sie zu narren, Mit Knistern und Fl\u00fcstern, Den alten Geschwistern Ein Angst und Graus, Das lieb ich im Haus. Ihr esst vom Teller, Ich hock im Keller In stillem Grimme, Blo\u00df eine Stimme. Wie eine Ratte in dunkler Falle \u2013 Ist&#8217;s noch nicht alle?&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Da aber richtete sich das kleine graue G\u00fctchen auf und sah den wilden Wurzelmann stirnrunzelnd an. \u201eDu Unhold!&#8220; drohte es, \u201edu wei\u00dft, dass du nur in dieser einen Stunde deine ehemalige Gestalt zeigen darfst; morgen bist du ja nur eine Stimme, ein \u00e4chzender Laut, ein knarrendes Tor, ein Echo im Keller \u2013 und heute verschwendest du dich an dem nutzlosen \u00c4rger? Ich bitte euch, steht mir lieber beide zur Seite, helft mir mein Segensschwesterlein schirmen und beh\u00fcten! Du, werte Nebelwittib, sprich mit der Frau Holle am Brunnen, dass auch sie uns beisteht, und du, wilder Bursch, schreck mir&#8217;s Jungfr\u00e4ulein nicht! Es ist&#8217;s wert auf alle Weise; es achtet uns Geister allerwege in Haus und Hof. Es hat gar eine gute Hand und zerbricht kein Band, das uns Geister an das alte Haus, an den alten Herd bindet. Mir setzt sie allabendlich Milch und Weck vor die T\u00fcr und ihr Aug tut mir nicht weh, und ihre Zunge rei\u00dft nicht an meinem Dasein hin und her; sie neckt, zerrt und qu\u00e4lt mich nicht unn\u00fctz in den Tag hinein.&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eJa, das ist wahr&#8220;, knarrte der Wurzelmann, \u201esie h\u00f6hnt auch mich nicht, schimpft mich nicht; wenn ich murmele und \u00e4chze, schl\u00e4gt sie still ein Kreuz, aber sie jagt mich nicht mit b\u00f6sen Verw\u00fcnschungen in mein Kellerloch zur\u00fcck. \u201e <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eSie tritt kein H\u00e4lmchen nieder und kein K\u00e4ferlein tot auf meinen Wegen&#8220;, sprach die Nebelwitwe. \u201eSie freut sich, wenn ich ihr spinnen helfe, und braucht mich doch wenig, denn es ist gar ein dralles flinkes Ding!&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eDarum halten wir sie in Ehren!&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Und nun huschten alle drei zusammen und fl\u00fcsterten heimlich weiter. Das Gespr\u00e4ch wurde unh\u00f6rbar. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eAber h\u00fcte dich!&#8220; sagte endlich die Nebelwitwe, einen schneewei\u00dfen Zeigefinger in die H\u00f6he hebend. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eJa, ja! h\u00fcte du dich!&#8220; grinste der Wurzelmann, \u201edass du nicht auch eine blo\u00dfe Stimme wirst! Hi, hi, hi! eine Stimme im Kellerloch! Hi, hi, hi!&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Mariannen versagte der Atem; sie schloss die Augen, um nicht mehr zu sehen. Nach einer Weile ermannte sie sich und lief zur\u00fcck in ihre Kammer. Eben schlug die erste Glocke an: \u201eChrist ist geboren!&#8220; und nun die zweite, nun die kunstreich gel\u00e4utete Quint, und wie Engelstimmen noch einmal dar\u00fcber die kleinen silbernen Campanellen, und mitten darin unterschied sie deutlich die eben geh\u00f6rten drei Geisterstimmen, die ein Trio sangen: \u201ePreis und Ehre dem Menschengebornen, dem Herrn!&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Mariannen brachen die Knie zusammen; sie betete still das Credo mit, da t\u00f6nte ein leises, wie auf Luftwellen getragenes \u201eAmen!&#8220; in ihr Ohr \u2013 wie ein Hauch ber\u00fchrte etwas ihre Stirn \u2013 ihr schwanden die Sinne. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eMarianne! M\u00e4dchen! He, Marianne! Die Mette!&#8220; klang es dazwischen; und der kleine Vicarius stand an der T\u00fcre und hinter ihm Schwester Agathe, die mit M\u00fche des guten Tages wegen das Schelten unterdr\u00fcckte. Und alle begaben sich in die Kirche, und nach der Fr\u00fchmette kamen die Freunde und Nachbarn, das Kripplein zu beschauen und den Morgenimbiss mit den Geschwistern zu teilen; und die Kinder sangen ihr Hirtenlied und \u00fcbergaben ihre Geschenke; Mariannen aber war w\u00e4hrend des Singens best\u00e4ndig, als \u00fcbert\u00f6ne eine Oberstimme das Lied, wie vorhin die Campanelle das Glockengel\u00e4ute. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eLiebes Kind!&#8220; sagte am andern Morgen der Vicarius, \u201ees ist ein heiliger Tag heute, gar geschickt zur frommen \u00dcberlegung und Besprechung. Nicht, als wollte ich dich schelten, nicht, als d\u00e4chte ich dabei an mich&#8220; \u2013 er seufzte \u2013, \u201eaber du hast ein wunderseltsamlich Gl\u00fcck gehabt, ein \u00e4ngstlich Gl\u00fcck, das, h\u00e4tte sich&#8217;s vor zwanzig Jahren ereignet&#8220; \u2013 er seufzte sehr und sah nieder auf das Brevier in seiner Hand \u2013 es war aber, als habe er Mut gefunden in diesem Augenblick, denn pl\u00f6tzlich richtete er die blassblauen Augen ganz fest auf Mariannens rosiges Antlitz: \u201eWei\u00dft du es ganz gewiss&#8220;, fragte er mild, \u201edass dieser Schmuck&#8220; \u2013 er nahm ihn vom Tische \u2013 \u201eder n\u00e4mliche ist, den die Gro\u00dftante verloren, und nicht ein Afterbild, eine Versuchung des B\u00f6sen, die Gott zul\u00e4sst, auf dass du sie \u00fcberwindest?&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eIch wei\u00df wohl, Ohm!&#8220; schluchzte die Kleine, \u201eIhr haltet mich des sch\u00f6nen Schmucks nicht wert.&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eMarianne!&#8220; sagte der Vicarius, und ein heftiges Zittern \u00fcberflog seine eckige Gestalt, \u201eich frage dich, ob du \u00fcberzeugt bist, dass dies der n\u00e4mliche Schmuck ist, den der Kurf\u00fcrst der seligen Gro\u00dftante an ihrem Geburtstage als Brautgeschmeide geschenkt und der pl\u00f6tzlich spurlos verschwunden war und bis jetzt es blieb \u2013 den du aber gefunden haben willst.&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eOheim!&#8220; fl\u00fcsterte das M\u00e4dchen, \u201eich habe ihn gefunden.&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eUnd du wei\u00dft nicht, wer ihn gebracht?&#8220; Dem armen Vicarius schwindelte, er musste sich an die Lehne des Sessels halten. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eOhm! was habe ich Euch getan?&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eKind! Kind! ich frage, was hat man dir getan? Marianne, wie kam der Schmuck in deine Hand?&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eOheim!&#8220; erwiderte Marianne, sich stolz aufrichtend, \u201ewas ich gewiss wei\u00df, habe ich Euch gesagt; was ich aber vermute, ist so erstaunlich, so tr\u00e4umerisch \u2013 ich wei\u00df es nicht, ich f\u00fchl es nur hier in meinem Herzen.&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eSprich!&#8220; sagte der Vicarius, indem er seinen Rosenkranz hervorzog und die Augen niederschlug. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eIch glaube, das G\u00fctchen hat ihn irgendwo hergeholt und ihn mir geschenkt.&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eAlle guten Geister loben Gott!&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eIn Ewigkeit, Amen!&#8220; erwiderte Marianne. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Die kleine verhotzelte Gestalt des Vicarius schlotterte vor gewaltigem Zittern; er war von der unmittelbaren Gegenwart des B\u00f6sen \u00fcberzeugt, der schon die Klauen nach dem ewigen Heil des geliebten Kindes ausstrecke \u2013 aber dennoch ermannte er sich und sprach mit lauter Stimme die Formel, die den Satan beschw\u00f6rt und austreibt. \u201eHebe dich weg, verfluchtes H\u00f6llenblendwerk!&#8220; schloss er; \u201eund du, meine Tochter, bitte die Vier-zehn Nothelfer um ihre F\u00fcrbitte, auf dass deiner armen jungen Seele kein Schade geschehe!&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Und mit gewaltiger Hand ergriff er das M\u00e4dchen und dr\u00fcckte sie nieder, dass sie auf die Knie fiel neben ihm; aber die Steine, die er hielt, blieben unver\u00e4ndert und das M\u00e4dchen sah, verwundert und erschreckt, bald auf ihn, bald auf den Schmuck, indem ihre bl\u00fchenden Lippen die nur halb verstandenen lateinischen Worte wiederholten, die er ihr vorsprach. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eGib den Mammon der Kirche, Marianne!&#8220; sagte der Alte nach einer Weile; aber die Kleine sch\u00fcttelte den Kopf und ihre Tr\u00e4nen flossen unaufhaltsam. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">In demselben Augenblick schlug der schon mehre Male erw\u00e4hnte Harmonikaton an beider Ohr; er klang st\u00e4rker denn je vorher. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eSeht Ihr&#8217;s?&#8220; sagte das M\u00e4dchen, \u201eer gibt mir recht; gewiss, der Schmuck ist mir bestimmt!&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Da flog die T\u00fcr auf, und mit lautem Jammerton traten die drei Schwestern ins Zimmer; sie brachten die Scherben des gro\u00dfen Glaspokals, aus welchem der Vicarius bei feierlichen Gelegenheiten zu trinken pflegte, der pl\u00f6tzlich oben auf dem Tellersims in tausend St\u00fccke zersprungen war. Die Realit\u00e4t \u00fcberwog auch hier wie in den meisten menschlichen Dingen. Vor lauter Mutma\u00dfen und Bedauern des Ungl\u00fccks ward die wichtigere Frage vergessen. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Marianne schlich still davon mit ihrem Schmuck; als sie aber in ihr K\u00e4mmerlein trat, sagte sie: \u201eDu hast es \u00fcbel genommen, dass sie schlecht von dir dachten, G\u00fctchen!&#8220; \u2013 indem stand die kleine graue Gestalt vor ihr. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Marianne hatte oft versichert, dass sie bei seinem Anblick durchaus kein Grauen empfunden. Ein Paar tiefblaue Augen blickten aus dem feinen bleichen Gesichte so unbeschreiblich nah sie an, als m\u00fcsse sie der K\u00f6rper des Wesens ber\u00fchren, dem sie angeh\u00f6rten \u2013 aber dennoch war nur Luft vor ihr. Der Graue legte den Zeigefinger auf die Lippen und sah sie wohl eine Minute schweigend an. Und obgleich er kein Wort gesprochen, wusste Marianne alles, was er meinte, und wusste es mit einer Gewissheit, wie nie ein armer Menschenblick sie zu geben vermag. Ja, Marianne wusste nun, dass sie nicht allein in der Welt war, dass ein liebendes sch\u00fctzendes Auge um sie sei und sie beh\u00fcte; Marianne wusste, warum ihr das Leben so viel leichter ward als all den andern um sie; es war ihr aber auch ganz deutlich, dass dies zarte, von keinem Wort ber\u00fchrte Band, das einer Geisterwelt sie einte, durch kein Erw\u00e4hnen je entweiht werden d\u00fcrfe. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Sie trat einen halben Schritt zur\u00fcck und legte die Hand auf ihr schlagendes Herz, \u2013 auch \u00fcber ihre Lippen war kein Ton gekommen, aber es war ihr zumute, als habe sie dem G\u00fctchen ein ewiges, unverbr\u00fcchliches Schweigen heilig gelobt. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Von da an gestaltete sich Mariannens Leben sch\u00f6n und sch\u00f6ner. Alle Morgen weckten sie liebliche Kl\u00e4nge, alle Abend wiegten sie sie ein. Alle ihre kleinen h\u00e4uslichen Gesch\u00e4fte f\u00f6rderte eine unsichtbare H\u00fclfe; alle ihre kleinen W\u00fcnsche erf\u00fcllten sich wie von selbst. Ging sie in den Garten, bog sich ihr der Zweig entgegen, der die sch\u00f6nste Rose trug; die reifste und vollkommenste Frucht fiel ihr stets in die Hand. In der Kirche, Spinnstube, ja selbst auf den selten nur besuchten Wallspazierg\u00e4ngen, an jedem Lustorte, bei jedem Schauspiele, dem ihr junger Sinn sie zutrieb, bildete sich immer ein freier Raum f\u00fcr sie, sogar im dichtesten Menschengedr\u00e4nge; und kein Schatten von Gefahr, kein Krankheitshauch, kein Verlust ber\u00fchrte ihr sorglos frisches Sein. War&#8217;s ein Wunder, dass Marianne sich bald an die ihr jetzt t\u00e4glich erscheinende Gestalt des grauen M\u00e4nnchens gew\u00f6hnte und alle Scheu, alle Furcht vor demselben schwand? <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Nur wenn sie schlief, sprach das G\u00fctchen im Traume zu ihr; am Tage begn\u00fcgte es sich, pl\u00f6tzlich vor ihr aufzutauchen, wobei es nie verfehlte, ihr durch den auf die feinen Lippen gedr\u00fcckten Finger Schweigen aufzuerlegen. Und Marianne schwieg; denn das Gespr\u00e4ch mit dem Oheim hatte sie verletzt. Vom Schmuck war auch vorl\u00e4ufig nicht mehr die Rede; der Vicarius hatte ihn Schwester Agathe \u00fcbergeben, ohne jedoch von seinem frommen Plane abzustehen, dereinst ein Kirchlein aus dessen Erl\u00f6s zu stiften \u2013 nur waren die Zeiten zu unruhig geworden und das Luthertum hob selbst im klosterreichen Erfurt sein ernst drohendes Antlitz. Der Vicarius betete und wartete still auf bessere Tage. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">So vergingen ein paar Jahre. Da geschah es, dass des Seilers \u00e4ltester Sohn, der als Geheimschreiber bei einem hochadeligen Herrn in Diensten stand, mit demselben nach Erfurt kam, Mariannen kennen lernte und sie sehr lieb gewann. Der Aufenthalt seines Gebieters in der Stadt dauerte einige Monate; der junge Mann besuchte w\u00e4hrend dieser Zeit das Haus der drei Schwestern sehr flei\u00dfig und erwarb bald ihre und des Bruders Vicarius Neigung durch sein sittsames und ehrenfestes Betragen. Von seiner Liebe sagte er freilich kein Wort; denn so verschieden er auch die Stunden seines Kommens w\u00e4hlte, er traf Mariannen nie allein. Und selbst als es ihm ein paar Mal nach langen Berechnungen gelang, das liebe M\u00e4dchen am fr\u00fchen Morgen unter einem Vorwande noch beim Aufr\u00e4umen der kleinen Wohnung zu \u00fcberraschen, setzte sich immer ein sonderbares Etwas seinen W\u00fcnschen entgegen. Bald liefen pl\u00f6tzlich bei ganz gelindem Feuer alle T\u00f6pfe \u00fcber, bald entstand drau\u00dfen auf dem Flur ein furchtbares Gepolter, oder es riss wohl gar alle Fenster der Wohnstube zugleich auf; ein andermal brach das Teller-brett ohne alle sichtbare Veranlassung zusammen und der L\u00e4rm zog die drei alten Schwestern in ihren Schlafhauben und Nachtjacken, ja einmal sogar den Bruder Vicarius mit Blitzeseile ins Gemach. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">So war denn der Johannistag herangekommen, an welchem ein gro\u00dfes Fest die F\u00fcrsten und den Adel in einem sch\u00f6nen Garten versammeln sollte, der auch den niedern St\u00e4nden ge\u00f6ffnet blieb. Marianne w\u00fcnschte sehr, einem dort stattfindenden Umzuge und Schauspiel beizuwohnen, und da die Geschwister vom Meister Seiler dazu aufgefordert waren und noch andere Bekannte und Hausfreunde der kleinen Gesellschaft sich anschlossen, ward einm\u00fctig bestimmt, den Nachmittag dem Anschauen all dieser Herrlichkeiten zu widmen. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Marianne war schon fr\u00fch auf, denn um elf Uhr sollte zu Mittag gegessen werden, damit den Frauen Zeit zum Putz verbleibe und dem Bruder Vicarius kein Abbruch an seiner <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">gewohnten Pflege geschehe, denn begleiten mochte der fromme Mann die Seinen nicht. Er wolle mit Philax das Haus h\u00fcten, meinte er. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Da fehlte pl\u00f6tzlich Philax, der treue, wachsame Haushund. Nach vielem Suchen fand man ihn tot an der Kellert\u00fcr. Marianne brach in helle Tr\u00e4nen aus und wollte im ersten Schreck das Fest gar nicht besuchen; auch Pinchen, die sogleich f\u00fcr ihre Katze f\u00fcrchtete, war aller Mut entfallen. Es ward ernstlich vom Aufgeben des ganzen Spa\u00dfes geredet, denn Bruder Vicarius musste ja nun das Haus verschlie\u00dfen, da der Hofw\u00e4chter fehlte; doch brachte Seilers Hans durch Bitten das alles ins gleiche, und unter Tr\u00e4nen begaben sich die Schwestern an ihren Putztisch. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Aber, hilf Himmel! welch neues Ungewitter, als Schwester Agathe nach wenigen Minuten totenbleich mit ihrer zerrissenen Spitzenhaube ins Wohnzimmer zur\u00fcckkehrte. Es war nicht zu begreifen, wer das kostbare, noch von ihrer Mutter ererbte Prachtst\u00fcck so ganz unchristlich zerfetzt haben konnte \u2013 denn zerfetzt war es, das war unleugbar. Sogar Marianne gestand ihrer so geschickten Nadel kaum die M\u00f6glichkeit einer Heilung dieser Wunden zu. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Das arme M\u00e4dchen ward feuerrot. Hastig st\u00fcrzte sie in ihre Kammer und warf, in Tr\u00e4nen aufgel\u00f6st, sich auf ihr Bettchen. Das alles bist du, G\u00fctchen! schluchzte sie; ich habe wohl diese Nacht im Traum dein trauriges Gesicht gesehen, ich wei\u00df ganz genau, wie du mir gesagt, ich solle nicht zum Fest! Und den armen Ludger, der sich so gefreut hat, mich zu begleiten, den kannst du vollends nicht leiden und g\u00f6nnst ihm nichts! Aber ich sage dir&#8217;s, rief sie, rasch aufspringend und mit dem kleinen Fu\u00df den Boden stampfend, \u2013 selbst wenn du mir meinen sch\u00f6nen Schmuck forttragen und noch soviel Unfug anrichten solltest \u2013 ich will zum Fest; und dass du mich nur verstehst, du kleiner Unhold: ich will und Ludger soll mich begleiten! <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Ein klagender, zitternder Laut ergoss sich, wie auf Luftwellen widert\u00f6nend, durchs ganze Gemach; dann ward alles ganz still und Marianne fuhr mit der Hand aufs Herz, als h\u00e4tte sie Tr\u00e4nen gesehen, die sie erweckt. Still, sagte sie, selbst halb weinend, und morgen will ich wieder gut sein! und damit huschte sie hin\u00fcber zu den Geschwistern. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Aber am andern Morgen dachte Marianne nicht an das G\u00fctchen; sie war ihm weder gut noch b\u00f6se \u2013 sie war auch gar nicht von seinen T\u00f6nen erweckt worden, denn sie hatte ja gar nicht geschlafen! Drau\u00dfen im Herrengarten, wohin das arme Hausg\u00fctchen ihr nicht folgen konnte, hatte es ihr der sch\u00f6ne Ludger gesagt, wie lieb er sie habe, und dass ihm sein Herr eine gute Geheimschreiberstelle im Rat verschaffen wolle, die ihren Mann n\u00e4hre und dessen Frau noch dazu. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Marianne war ganz entsetzlich rot geworden, was sie aber erwidert \u2013 das wusste sie gar nicht; aber sie wusste, dass er diesen Morgen um zehn Uhr hin\u00fcbergehen wolle nach Gro\u00dfh\u00f6rschau zum Vicarius, um seine Worte anzubringen. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">An diesem Vormittage musste Schwester Pinchen alles allein besorgen, Marianne brachte nichts zustande. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Gegen zw\u00f6lf Uhr erschien der mit Schwei\u00df bedeckte atemlose kleine Vicarius, um den Schwestern den Fall vorzulegen und das M\u00e4dchen darauf anzusehen, ob es denn wirklich eine Hausfrau vorstellen k\u00f6nne; ihm war sie immer noch das vierzehnj\u00e4hrige Kind. Aber freilich, freilich, seufzte er und sah die obere Gardinenfalbel an, freilich, ihre Mutter war auch eben sechzehn Jahre alt geworden, als \u2013 ich die heiligen Weihen empfing. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Schwester Agathe war au\u00dfer sich \u00fcber den Unsinn der Jugend; Schwester Pinchen weinte und wusste nicht warum; Schwester Anne Marie sagte ganz trocken: \u201eWenn sie ihn gern nimmt, kann ich mir&#8217;s recht h\u00fcbsch denken, so eine blutjunge Frau Amtsschreiberin zu sein.&#8220; \u2013 Und am Ende, nachdem Marianne ja gesagt und noch ganz unbe-<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">schreiblich viel r\u00f6ter geworden war als das erste Mal, kam um zwei Uhr der Freier und schied abends unter den Tr\u00e4neng\u00fcssen der Schwestern und den himmelanst\u00fcrmenden Seufzern des Vicarius \u2013 als Mariannens Br\u00e4utigam. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Als Marianne sp\u00e4ter wie gew\u00f6hnlich ihr Zimmerchen betrat, lag das graue M\u00e4nnchen totenbleich, in sein M\u00e4ntelchen gewickelt, am Fu\u00dfende ihres Bettes und hatte die Hut-kapuze \u00fcber die Ohren gezogen. Es weinte, und sein Schluchzen klang grausig durch die Nacht. Zum ersten Male schauderte Mariannen vor seiner N\u00e4he und sie dachte daran, dass sie nicht zu Bett zu gehen sich getraue, solange er da war. Zum ersten Mal kam ihr das G\u00fctchen wie ein kleiner Mann vor. Es weinte leise fort und sah sie immerfort mit dem n\u00e4mlichen wehm\u00fctigen Blicke an. Marianne setzte sich auf einen Schemel und lehnte das Haupt r\u00fcckw\u00e4rts an ihr Bett; von der gestrigen Nachtwache \u00fcberm\u00fcdet, schlief sie endlich ein. Sogleich war ihr, als wachse das graue M\u00e4nnchen; es streckte und dehnte sich bis zur Gr\u00f6\u00dfe eines etwa zw\u00f6lfj\u00e4hrigen Knaben aus, dann ergriff es ihre Hand. \u201eMarianne&#8220;, sprach das G\u00fctchen, \u201eich kann nicht sterben vor Schmerz, aber wenn du Ludger heiratest, werde ich dich verlassen und sehr elend sein.&#8220; Marianne sch\u00fcttelte den Kopf im Schlafe. \u201eWei\u00dft du denn nicht&#8220;, fuhr es, immer leiser fl\u00fcsternd, \u00fcber sie hingebeugt fort, \u201edass ich dich mehr liebe als alles im Himmel und auf Erden? Wei\u00dft du nicht, dass uns derselbe Segen durch deine Geburtsstunde vereinigt und dass der Neugesprochene Segen dich von mir trennt, dich in ein anderes Haus f\u00fchrt, \u00fcber das ich keine Gewalt habe? Marie! o Marie Anne!&#8220; Dem M\u00e4dchen ward furchtbar beklommen, sie schrie im Schlaf: \u201eLudger! Ludger!&#8220; und erwachte vom Tone ihrer Stimme. Alles war dunkel; sie glaubte getr\u00e4umt zu haben und eilte zu Bett. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Aber der Traum schlang dennoch seine dunkeln Ranken immer wieder in die bunte heitere Gegenwart. Marianne f\u00fchlte sich bedr\u00fcckt und hatte doch nicht den Mut, ihrem Br\u00e4utigam zu gestehen, was sie qu\u00e4le. Im Hause aber war es pl\u00f6tzlich unheimlich geworden; nachts warf es die T\u00fcren, st\u00f6hnte und \u00e4chzte, wie in Sterbelauten; aller Segen schien aus der kleinen Hauswirtschaft gewichen; umsonst plagten sich die drei Schwestern den ganzen Tag; jedes Lieblingsgericht brannte an; immer war die Suppe versalzen, war der Flachs am Rocken zerzaust. Nachts klopfte es den Vicarius aus dem Schlafe oder legte mit Zentnerschwere der armen Marie sich auf die Brust. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eWir haben einen Poltergeist!&#8220; fl\u00fcsterte die kleine Alte, und allabendlich beteten alle drei gegen den Versucher. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Da ergrimmte der Vicarius. \u201eEs ist der H\u00f6llenschmuck, der uns all den Jammer ins Haus zieht. Lasst uns den Mammon opfern!&#8220; Aber Marianne war nicht dieser Meinung. Ludger fragte sie nach dem Schmucke. \u201eSie hat ihn geerbt&#8220;, sagten ausweichend die Schwestern. Marianne schwieg. Die Kapsel ward geholt \u2013 die gro\u00dfe Kostbarkeit des f\u00fcrstlichen Schmucks machte den Geliebten erstarren. Auch er schwieg, aber ein d\u00fcsterer Nebel breitete sich \u00fcber seine Stirn \u2013 er fing an, Mariannen mit eifers\u00fcchtigem Blick zu bewachen. Es war um Frieden und Gl\u00fcck geschehen. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Das arme M\u00e4dchen litt unbeschreiblich. Am Tage lie\u00df sich das G\u00fctchen nicht mehr sehen, aber sie f\u00fchlte seine N\u00e4he und sah es im Traum immer bleicher werden. Der Vicarius nahm in der Stille seine Beschw\u00f6rungsformeln vor; Anne Marie besprengte das ganze Haus mit Weihwasser. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Ludger w\u00fcnschte eine Erkl\u00e4rung von seiner Braut; sie selbst schien sie zu vermeiden. Sie f\u00fchlte, dass sie ihm ihr Verh\u00e4ltnis zum G\u00fctchen nicht eingestehen k\u00f6nne; sie scheute sich, ihr Wort zu brechen, und f\u00fcrchtete, Ludgern werde grauen vor ihr. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Eines Abends folgte er ihr auf den Flur \u2013 der n\u00e4chste Sonntag war zu ihrer Trauung anberaumt \u2013, Ludger ergriff ihren Arm, zog ihn an seine Brust und bat sie flehentlich, ihm <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">nichts zu verbergen, ihm zu sagen, woher der Schmuck, was sie beunruhige, warum seine Liebe sie nicht mehr gl\u00fccklich mache. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Im Innersten zerrissen, war Marianne eben im Begriff, ihm alles zu sagen, da befiel sie pl\u00f6tzlich eine unerkl\u00e4rliche ungeheure Angst \u2013 die Knie brachen ihr zusammen und sie w\u00e4re zu Boden gesunken, h\u00e4tte sie Ludger nicht in seinen Armen aufgefangen und mit tausend s\u00fc\u00dfen Liebesworten ans Herz gedr\u00fcckt. Da tat es hinter oder zwischen ihnen einen furchtbaren Fall; Marianne schaute, t\u00f6dlich erschreckt, auf \u2013 ein Teil der Decke war eingest\u00fcrzt, und aus T\u00fcr und Fenster des Wohnzimmers drang ein heftiger Rauch. \u201eFeuer! Feuer!&#8220; rief es in der Gasse. Beide eilten in das Gemach zur\u00fcck; aber ach! schon brachen aus allen Ecken zwischen dem Holzget\u00e4fel Flammen aus; das musste schon tagelang so still hingebrannt haben, nun war&#8217;s mit einem Male eine Feuersbrunst. Vorh\u00e4nge, Betten, alles, alles ergriff das z\u00fcngelnde t\u00fcckische Element. Entsetzt eilten die alten Schwestern herbei; Nachbarn drangen von allen Seiten ein, um retten zu helfen; W\u00e4chter und Soldaten tobten umher; Pumpen und Eimer wurden geholt \u2013 vergebens! Das alte Haus brannte und brannte und ohne alles Ger\u00e4usch \u2013 schauerlich still \u2013 brannte es aus bis auf die nackten, kalten Mauern, die am Morgen so starr die Geschwister anschauten wie das Skelett ihres Gl\u00fccks, wie das Wrack all ihrer gesunkenen Hoffnungen. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Der arme kleine Vicarius stand ganz allein mitten im Schutt und sch\u00fcttelte seufzend und traurig das Haupt. Da schlich Marianne leise hinzu und bat ihn, mit ihr in das teilweise noch erhaltene Hintergemach zu treten, das er selbst zu bewohnen pflegte, wenn er \u00fcber Nacht in der Stadt blieb. Dort sank das arme gequ\u00e4lte Kind, mitten unter dem Ger\u00f6ll und den Brandspuren, in die Knie und beichtete nicht dem Ohm, nein, dem Geistlichen alles. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Der arme Mann war tief ergriffen und bewegt; sein strenger Glaube musste sie einer gro\u00dfen Schuld zeihen und ihr schwere Bu\u00dfe auferlegen, weil sie nicht sogleich in den Schutz der Kirche gefl\u00fcchtet und dem Verkehr mit einem Wesen sich entzogen, das der Vicarius nur wie einen b\u00f6sen Geist betrachten konnte und das ja, leider! nun wirklich zu einem solchen geworden war. Er legte also Mariannen auf, ihrem Verlobten alles zu gestehen. \u201eAuch was ich au\u00dferdem noch \u00fcber das arme G\u00fctchen wei\u00df, mag er erfahren!&#8220; schluchzte Marianne; \u201edenn ich wei\u00df, dass der arme graue Geist f\u00fcr die Rache, die er an mir genommen, und f\u00fcr sein leidenschaftliches \u00dcbertreten der Gesetze, welche die Geisterwelt von der unsern trennen, schwer gestraft und auf Jahrhunderte zu einer blo\u00dfen Stimme, zum Echo seiner eigenen Qual geworden ist. Ihr aber, Ohm! m\u00f6gt nur das Haus aufbauen und in Ruhe wieder bewohnen, grau G\u00fctchen wird Euch nimmer st\u00f6ren, und ich will in ein Kloster gehen, f\u00fcr seine Erl\u00f6sung zu beten.&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Mit dem Vorschlage, ins Kloster zu gehen, war der kleine Vicarius sehr zufrieden; er brachte auch sogleich den alten Plan zur Sprache, ein Kirchlein vom Erl\u00f6s des Schmucks zu bauen. Aber ach! der Schmuck war verschwunden; und obgleich der Schutt und die ganze Brandst\u00e4tte genau untersucht wurden, fand er sich nimmer und nimmermehr. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Aber etwas anderes und weit K\u00f6stlicheres fand sich: der Friede. Als Marianne ihrem Br\u00e4utigam alles gestanden und ihn gefragt hatte, ob es ihm nicht graue vor einem M\u00e4dchen, das mit Gesch\u00f6pfen einer andern Welt verkehrt, als sie ihm sogar sein Wort zur\u00fcckgeben wollte und ihm sagte, sie werde in ein Kloster gehen, um f\u00fcr ihn, f\u00fcr sich und das graue G\u00fctchen zu beten, da schlang er beide Arme fest um sie und sprach Doktor Luthers sch\u00f6ne Worte aus: \u201eWir glauben all&#8216; an einen Gott!&#8220; und versicherte sie, dass er nimmer von ihr lassen werde, und dass ihm sein hoher G\u00f6nner Geld zugesagt, mit wel-<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">chem er mit dem kleinen Vicarius gemeinschaftlich das alte Haus wieder aufbauen wolle; und wenn es fertig sei und stattlich und frisch sich wieder erhoben habe, dann solle Hochzeit sein, und sie alle w\u00fcrden dann gl\u00fccklich darin sein wie sonst. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Und so geschah&#8217;s im Jahre 1526. Und am Hochzeitabend, als alle G\u00e4ste Gl\u00fcck w\u00fcnschend das sch\u00f6ne Paar umringten, erhob sich leise, leise eine wunderliche Musik, wie noch kein Mensch je sie geh\u00f6rt, und man konnte nicht unterscheiden, waren es Sing-Stimmen oder Glockenlaute, die so \u00fcberaus herrlich erschallten; aber allen, die es h\u00f6rten, war zumut, als h\u00e4tten die T\u00f6ne geklungen wie Worte des Segens. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Und sie verklangen leise und immer leiser und sch\u00f6ner. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Das junge Ehepaar aber lebte noch lange froh und gl\u00fccklich im wieder aufgerichteten alten Hause mit den alten Geschwistern. Vom G\u00fctchen hat man nimmermehr etwas geh\u00f6rt.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[121,85],"tags":[],"class_list":["post-711","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-adele-schopenhauer","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/711","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=711"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/711\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2901,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/711\/revisions\/2901"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=711"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=711"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=711"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}