{"id":696,"date":"2015-11-17T00:22:10","date_gmt":"2015-11-16T23:22:10","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=696"},"modified":"2026-01-17T03:53:39","modified_gmt":"2026-01-17T02:53:39","slug":"senora-fortuna-und-senor-dinero","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/senora-fortuna-und-senor-dinero\/","title":{"rendered":"Se\u00f1ora Fortuna und Se\u00f1or Dinero"},"content":{"rendered":"<p>Spanisches Volksm\u00e4rchen<br \/>\n<!--more--><br \/>\nAlso, meine Herren, ihr m\u00fcsst wissen, dass Se\u00f1ora Fortuna und Se\u00f1or Dinero ineinander so verliebt waren, dass man nie die eine ohne den andern sah. Nat\u00fcrlich fingen die Leute mit der Zeit an, dieses Verh\u00e4ltnis zu tadeln, und so beschlossen beide, sich endlich ehrlich zu heiraten.<\/p>\n<p>Senior Dinero war ein kleiner, dicker Mann mit einem runden Kopf von peruanischem Gold, einem runden Bauch von mexikanischem Silber und runden Beinen von segovianischem Kupfer, mit Schuhen aus der gro\u00dfen Papierfabrik von Madrid. Se\u00f1ora Fortuna dagegen war eine kaprizi\u00f6se, hirnlose, unbest\u00e4ndige und unversch\u00e4mte, eigensinnige Frau und blind wie ein Maulwurf.<\/p>\n<p>Kaum hatte das neue Ehepaar die Flitterwochen verlebt, als es auch mit dem Hausfrieden vorbei war. Die Frau wollte befehlen und der stolze und aufgeblasene Se\u00f1or Dinero sich nicht befehlen lassen.<\/p>\n<p>Meine Herren, mein Vater (Gott habe ihn selig) sagte, wenn sich der Ozean verheiraten w\u00fcrde, w\u00fcrde er schon fein dem\u00fctig werden: aber Se\u00f1or Dinero war hochm\u00fctiger als der Ozean und verlor seinen Hochmut nicht.<\/p>\n<p>Weil nun beide die Oberhand haben wollten und keiner dem andern nachgeben mochte, so kamen sie endlich \u00fcberein, dass eine Wette \u00fcber die strittige Herrschaft entscheiden sollte. \u00bbSchau\u00ab, sagte die Frau zu ihrem Mann, \u00bbsiehst du dort am Fu\u00dfe des Olivenbaumes jenen armen Mann, der so elend und betr\u00fcbt dasitzt? Wir wollen sehen, wer ihm eine bessere Lage verschafft, du oder ich.\u00ab<\/p>\n<p>Se\u00f1or Dinero ging darauf ein, und sie machten sich auf den Weg, er rollend, sie mit einem Sprung.<\/p>\n<p>Der Mann, der immer ungl\u00fccklich gewesen war und nie den einen noch den andern erlebt hatte, machte Augen wie Oliven, als er die vornehme Herrschaft vor sich sah.<\/p>\n<p>\u00bbGott gr\u00fc\u00df Euch\u00ab, sagte Se\u00f1or Dinero.<br \/>\n\u00bbGott gr\u00fc\u00df Euch\u00ab, sagte der arme Mann.<br \/>\n\u00bbKennt Ihr mich nicht?\u00ab<br \/>\n\u00bbIch kenne Euer Gnaden nur, um Euch zu dienen.\u00ab<br \/>\n\u00bbNie hast du mein Gesicht gesehen?\u00ab<br \/>\n\u00bbIn meinem ganzen Leben nicht.\u00ab<br \/>\n\u00bbWieso? Hast du denn gar nichts?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbO ja, Herr, sechs Kinder, nackt Wie Riegel, mit Kehlen weit Wie alte Str\u00fcmpfe, und was die Einnahme betrifft, so habe ich nur grad einen Bissen, wenn ich arbeite.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbUnd warum arbeitest du nicht?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbNun, weil ich keine Arbeit finde, das Gl\u00fcck ist derart gegen mich, dass sich alles zu meinem Schaden wendet. Seitdem ich mich verheiratet habe, scheint mein Weg gefroren zu sein, alles steif und trocken.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbIch will dir zu Hilfe kommen\u00ab, sagte Se\u00f1or Dinero, indem er pomp\u00f6s einen Duro aus seiner Tasche zog und ihm den gab.<\/p>\n<p>Dem armen Mann schien das wie ein Traum, und er lief schneller als der Wind geradewegs zu einem B\u00e4ckerladen, um Brot zu kaufen. Als er aber das Geldst\u00fcck aus der Tasche ziehen wollte &#8211; fand er nichts, nichts als ein Loch, durch welches sich der Dura, ohne Abschied zu nehmen, davongemacht hatte.<\/p>\n<p>Der arme Mann war ganz au\u00dfer sich und fing an zu suchen; fand aber nichts. \u00bbDas Lamm, das bestimmt ist, im Rachen des Wolfes zu sterben, kann kein Hirt davor beh\u00fcten.\u00ab Nach dem Duro verlor er die Zeit, nach der Zeit die Geduld, und er fing an, sein Schicksal zu verw\u00fcnschen.<\/p>\n<p>Se\u00f1ora Fortuna wollte sich indes dar\u00fcber fast totlachen, und dem Se\u00f1or Dinero, dessen Gesicht vor \u00c4rger noch gelber ward, als es schon war, blieb nichts \u00fcbrig, als die Hand noch einmal in die Tasche zu stecken und dem armen Mann eine Unze zu geben, wor\u00fcber sich dieser so freute, dass ihm die Freude vom Herzen zu den Augen herausstrahlte.<\/p>\n<p>Er ging nun in einen Kaufladen, um Zeug f\u00fcr seine Frau und Kinder zu kaufen. Als er aber mit seiner Unze bezahlen wollte, sagte der Kaufmann, die Unze sei gef\u00e4lscht, er sei wohl gar selbst ein Falschm\u00fcnzer, und man werde ihn bei Gerichte verklagen. Der arme Mann wurde dar\u00fcber so feuerrot vor Scham und Verlegenheit, dass man auf seinem Gesicht h\u00e4tte Bohnen r\u00f6sten k\u00f6nnen. Er ging fort und erz\u00e4hlte Se\u00f1or Dinero, was ihm begegnet war, dabei liefen ihm immer die Tr\u00e4nen herunter.<\/p>\n<p>Se\u00f1ora Fortuna lachte immer lauter, und Se\u00f1or Dinero wurde immer \u00e4rgerlicher. \u00bbIhr habt wahrlich rechtes Ungl\u00fccke, sagte er zu dem armen Mann, indem er ihm zweitausend Realen gab, \u00bbaber ich werde Euch vorw\u00e4rtsbringen oder meine Macht f\u00fcr verloren geben.\u00ab<\/p>\n<p>Der arme Mann entfernte sich und war so au\u00dfer sich vor Freude, dass er ein paar R\u00e4uber, die ihm nachstellten, erst bemerkte, als er sie vor der Nase hatte. Sie zogen ihn aus, nahmen ihm alles weg, was er hatte, und lie\u00dfen ihn stehen, nackt wie ihn seine Mutter zur Welt gebracht hatte.<\/p>\n<p>Jetzt machte Se\u00f1ora Fortuna ihrem Mann eine lange Nase, und dieser konnte vor Zorn keinen Laut herausbringen. \u00bbNun ist die Reihe an mir\u00ab, sagte sie, \u00bbund wir werden sehen, wer mehr kann, der Rock oder die Hose.\u00ab<\/p>\n<p>Mit diesen Worten n\u00e4herte sie sich dem armen Mann, der sich auf die Erde geworfen hatte und sich die Haare raufte. Sie pustete ihn blo\u00df an, und in demselben Augenblick sah er neben seinem Fu\u00df den verlorenen Duro. \u00bbEtwas ist mehr als nichts\u00ab, sagte er zu sich selbst; \u00bbkann ich doch meinen Kindern Brot kaufen.\u00ab<\/p>\n<p>Als er an dem Kaufladen vorbeikam, rief ihn der Kaufmann und sagte, er m\u00f6chte ihm doch verzeihen; er habe gemeint, die Unze sei gef\u00e4lscht; als er sie aber auf der Bank habe pr\u00fcfen lassen, habe man ihm gesagt, das Gold sei ganz echt und das Gewicht vollkommen; er gebe sie ihm hiermit wieder und schenke ihm obendrein das gekaufte Zeug. Der arme Mann wars zufrieden und zog mit der Unze und dem Zeug weiter. Als er \u00fcber den Markt ging, begegnete er einer Abteilung Gendarmen, welche die R\u00e4uber eingefangen hatten. Der Richter, der ein Richter war, wie es wenige gibt, befahl, dass man dem armen Mann sein Geld zur\u00fcckgebe, ohne Kosten und Abzug. Der arme Mann wollte darauf das Geld in einer Mine anlegen, und kaum hatte er drei Ellen tief gegraben, als er eine Goldader, eine Silberader und eine Eisenader fand. Bald nannte man ihn Don, darauf Euer Gnaden und schlie\u00dflich Exzellenz. Seitdem hat Se\u00f1ora Fortuna ihren Mann unter dem Pantoffel und ist ausgelassener, unbeugsamer und kaprizi\u00f6ser als je, und sie f\u00e4hrt fort, ihre Gunst wie der Blinde seine Pr\u00fcgel auszuteilen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Spanisches Volksm\u00e4rchen<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[85,167,133],"tags":[],"class_list":["post-696","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-maerchen","category-spanien","category-maerchen-weltweit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/696","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=696"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/696\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":697,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/696\/revisions\/697"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=696"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=696"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=696"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}