{"id":657,"date":"2015-11-11T01:33:22","date_gmt":"2015-11-11T00:33:22","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=657"},"modified":"2025-12-28T21:38:32","modified_gmt":"2025-12-28T20:38:32","slug":"der-tannenbaum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-tannenbaum\/","title":{"rendered":"Der Tannenbaum"},"content":{"rendered":"<p>Hans Christian Andersen<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Drau\u00dfen im Walde stand ein niedlicher, kleiner Tannenbaum; er hatte einen guten Platz, Sonne konnte er bekommen, Luft war genug da, und ringsumher wuchsen viel gr\u00f6\u00dfere Kameraden, sowohl Tannen als Fichten. Aber dem kleinen Tannenbaum schien nichts so wichtig wie das Wachsen; er achtete nicht der warmen Sonne und der frischen Luft, er k\u00fcmmerte sich nicht um die Bauernkinder, die da gingen und plauderten, wenn sie herausgekommen waren, um Erdbeeren und Himbeeren zu sammeln. Oft kamen sie mit einem ganzen Topf voll oder hatten Erdbeeren auf einen Strohhalm gezogen, dann setzten sie sich neben den kleinen Tannenbaum und sagten: &#8222;Wie niedlich klein ist der!&#8220; Das mochte der Baum gar nicht h\u00f6ren.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Im folgenden Jahre war er ein langes Glied gr\u00f6\u00dfer, und das Jahr darauf war er um noch eins l\u00e4nger, denn bei den Tannenb\u00e4umen kann man immer an den vielen Gliedern, die sie haben, sehen, wie viele Jahre sie gewachsen sind.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Oh, w\u00e4re ich doch so ein gro\u00dfer Baum wie die andern!&#8220; seufzte das kleine B\u00e4umchen. &#8222;Dann k\u00f6nnte ich meine Zweige so weit umher ausbreiten und mit der Krone in die Welt hinausblicken! Die V\u00f6gel w\u00fcrden dann Nester zwischen meinen Zweigen bauen, und wenn der Wind weht, k\u00f6nnte ich so vornehm nicken, gerade wie die andern dort!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Er hatte gar keine Freude am Sonnenschein, an den V\u00f6geln und den roten Wolken, die morgens und abends \u00fcber ihn hinsegelten.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">War es nun Winter und der Schnee lag ringsumher funkelnd wei\u00df, so kam h\u00e4ufig ein Hase angesprungen und setzte gerade \u00fcber den kleinen Baum weg. Oh, das war \u00e4rgerlich! Aber zwei Winter vergingen, und im dritten war das B\u00e4umchen so gro\u00df, dass der Hase um es herumlaufen musste. &#8222;Oh, wachsen, wachsen, gro\u00df und alt werden, das ist doch das einzige Sch\u00f6ne in dieser Welt!&#8220; dachte der Baum.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Im Herbst kamen immer Holzhauer und f\u00e4llten einige der gr\u00f6\u00dften B\u00e4ume; das geschah jedes Jahr, und dem jungen Tannenbaum, der nun ganz gut gewachsen war, schauderte dabei; denn die gro\u00dfen, pr\u00e4chtigen B\u00e4ume fielen mit Knacken und Krachen zur Erde, die Zweige wurden abgehauen, die B\u00e4ume sahen ganz nackt, lang und schmal aus; sie waren fast nicht zu erkennen. Aber dann wurden sie auf Wagen gelegt, und Pferde zogen sie davon, aus dem Walde hinaus.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Wohin sollten sie? Was stand ihnen bevor?<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Im Fr\u00fchjahr, als die Schwalben und St\u00f6rche kamen, fragte sie der Baum: &#8222;Wisst ihr nicht, wohin sie gef\u00fchrt wurden? Seid ihr ihnen begegnet?&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die Schwalben wussten nichts, aber der Storch sah nachdenkend aus, nickte mit dem Kopfe und sagte: &#8222;Ja, ich glaube wohl; mir begegneten viele neue Schiffe, als ich aus \u00c4gypten flog; auf den Schiffen waren pr\u00e4chtige Mastb\u00e4ume; ich darf annehmen, dass sie es waren, sie hatten Tannengeruch; ich kann vielmals von ihnen gr\u00fc\u00dfen, sie sind sch\u00f6n und stolz!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Oh, w\u00e4re ich doch auch gro\u00df genug, um \u00fcber das Meer hinfahren zu k\u00f6nnen! Was ist das eigentlich, dieses Meer, und wie sieht es aus?&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ja, das ist viel zu weitl\u00e4ufig zu erkl\u00e4ren!&#8220; sagte der Storch, und damit ging er.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Freue dich deiner Jugend!&#8220; sagten die Sonnenstrahlen; &#8222;freue dich deines frischen Wachstums, des jungen Lebens, das in dir ist!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und der Wind k\u00fcsste den Baum, und der Tau weinte Tr\u00e4nen \u00fcber ihn, aber das verstand der Tannenbaum nicht.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Wenn es gegen die Weihnachtszeit war, wurden ganz junge B\u00e4ume gef\u00e4llt, B\u00e4ume, die oft nicht einmal so gro\u00df oder gleichen Alters mit diesem Tannenb\u00e4ume waren, der weder Rast noch Ruhe hatte, sondern immer davon wollte; diese jungen B\u00e4ume, und es waren gerade die allersch\u00f6nsten, behielten immer alle ihre Zweige; sie wurden auf Wagen gelegt, und Pferde zogen sie zum Walde hinaus.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Wohin sollen diese?&#8220; fragte der Tannenbaum. &#8222;Sie sind nicht gr\u00f6\u00dfer als ich, einer ist sogar viel kleiner; weswegen behalten sie alle ihre Zweige? Wohin fahren sie?&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Das wissen wir! Das wissen wir!&#8220; zwitscherten die Meisen. &#8222;Unten in der Stadt haben wir in die Fenster gesehen! Wir wissen, wohin sie fahren! Oh, sie gelangen zur gr\u00f6\u00dften Pracht und Herrlichkeit, die man sich denken kann! Wir haben in die Fenster gesehen und erblickt, dass sie mitten in der warmen Stube aufgepflanzt und mit den sch\u00f6nsten Sachen, vergoldeten \u00c4pfeln, Honigkuchen, Spielzeug, und vielen hundert Lichtern geschm\u00fcckt werden.&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Und dann?&#8220; fragte der Tannenbaum und bebte in allen Zweigen. &#8222;Und dann? Was geschieht dann?&#8220; &#8222;Ja, mehr haben wir nicht gesehen! Das war unvergleichlich sch\u00f6n!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ob ich wohl bestimmt bin, diesen strahlenden Weg zu betreten?&#8220; jubelte der Tannenbaum. Das ist noch besser als \u00fcber das Meer zu ziehen! Wie leide ich an Sehnsucht! W\u00e4re es doch Weihnachten! Nun bin ich hoch und entfaltet wie die andern, die im vorigen Jahre davongef\u00fchrt wurden! Oh, w\u00e4re ich erst auf dem Wagen, w\u00e4re ich doch in der warmen Stube mit all der Pracht und Herrlichkeit! Und dann? Ja, dann kommt noch etwas Besseres, noch Sch\u00f6neres, warum w\u00fcrden sie mich sonst so schm\u00fccken? Es muss noch etwas Gr\u00f6\u00dferes, Herrlicheres kommen! Aber was? Oh, ich leide, ich sehne mich, ich wei\u00df selbst nicht, wie mir ist!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Freue dich unser!&#8220; sagten die Luft und das Sonnenlicht; &#8222;freue dich deiner frischen Jugend im Freien!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Aber er freute sich durchaus nicht; er wuchs und wuchs, Winter und Sommer stand er gr\u00fcn; dunkelgr\u00fcn stand er da, die Leute, die ihn sahen, sagten: &#8222;Das ist ein sch\u00f6ner Baum!&#8220; und zur Weihnachtszeit wurde er von allen zuerst gef\u00e4llt. Die Axt hieb tief durch das Mark; der Baum fiel mit einem Seufzer zu Boden, er f\u00fchlte einen Schmerz, eine Ohnmacht, er konnte gar nicht an irgendein Gl\u00fcck denken, er war betr\u00fcbt, von der Heimat scheiden zu m\u00fcssen, von dem Flecke, auf dem er emporgeschossen war; er wusste ja, dass er die lieben, alten Kameraden, die kleinen B\u00fcsche und Blumen ringsumher nie mehr sehen werde, ja vielleicht nicht einmal die V\u00f6gel. Die Abreise hatte durchaus nichts Behagliches.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der Baum kam erst wieder zu sich selbst, als er im Hofe mit andern B\u00e4umen abgeladen wurde und einen Mann sagen h\u00f6rte: &#8222;Dieser hier ist pr\u00e4chtig! Wir wollen nur den!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Nun kamen zwei Diener im vollen Staat und trugen den Tannenbaum in einen gro\u00dfen, sch\u00f6nen Saal. Ringsherum an den W\u00e4nden hingen Bilder, und bei dem gro\u00dfen Kachelofen standen gro\u00dfe chinesische Vasen mit L\u00f6wen auf den Deckeln; da waren Wiegest\u00fchle, seidene Sofas, gro\u00dfe Tische voll von Bilderb\u00fcchern und Spielzeug f\u00fcr hundertmal hundert Taler; wenigstens sagten das die Kinder. Der Tannenbaum wurde in ein gro\u00dfes, mit Sand gef\u00e4lltes Fass gestellt, aber niemand konnte sehen, dass es ein Fass war, denn es wurde rundherum mit gr\u00fcnem Zeug beh\u00e4ngt und stand auf einem gro\u00dfen, bunten Teppich. Oh, wie der Baum bebte! Was w\u00fcrde da wohl vorgehen? Sowohl die Diener als die Fr\u00e4ulein schm\u00fcckten ihn. An einen Zweig h\u00e4ngten sie kleine, aus farbigem Papier ausgeschnittene Netze, und jedes Netz war mit Zuckerwerk gef\u00fcllt. Vergoldete Apfel und Waln\u00fcsse hingen herab, als w\u00e4ren sie festgewachsen, und \u00fcber hundert rote, blaue und wei\u00dfe kleine Lichter wurden in den Zweigen festgesteckt. Puppen, die leibhaft wie die Menschen aussahen &#8211; der Baum hatte fr\u00fcher nie solche gesehen -, schwebten im Gr\u00fcnen, und hoch oben in der Spitze wurde ein Stern von Flittergold befestigt. Das war pr\u00e4chtig, ganz au\u00dferordentlich pr\u00e4chtig!<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Heute abend&#8220;, sagten alle, &#8222;heute abend wird er strahlen!&#8220; und sie waren au\u00dfer sich vor Freude.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Oh&#8220; dachte der Baum, &#8222;w\u00e4re es doch Abend! W\u00fcrden nur die Lichter bald angez\u00fcndet! Und was dann wohl geschieht? Ob da wohl B\u00e4ume aus dem Walde kommen, mich zu sehen? Ob die Meisen gegen die Fensterscheiben fliegen? Ob ich hier festwachse und Winter und Sommer geschm\u00fcckt stehen werde?&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Ja, er wusste gut Bescheid; aber er hatte ordentlich Borkenschmerzen vor lauter Sehnsucht, und Borkenschmerzen sind f\u00fcr einen Baum ebenso schlimm wie Kopfschmerzen f\u00fcr uns andere.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Nun wurden die Lichter angez\u00fcndet. Welcher Glanz, welche Pracht! Der Baum bebte in allen Zweigen dabei, so dass eins der Lichter das Gr\u00fcne anbrannte; es sengte ordentlich.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Gott bewahre uns!&#8220; schrien die Fr\u00e4ulein und l\u00f6schten es hastig aus.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Nun durfte der Baum nicht einmal beben. Oh, das war ein Grauen! Ihm war bange, etwas von seinem Staate zu verlieren; er war ganz bet\u00e4ubt von all dem Glanze. Da gingen beide Fl\u00fcgelt\u00fcren auf, und eine Menge Kinder st\u00fcrzte herein, als wollten sie den ganzen Baum umwerfen, die \u00e4lteren Leute kamen bed\u00e4chtig nach; die Kleinen standen ganz stumm, aber nur einen Augenblick, dann jubelten sie wieder, dass es laut schallte; sie tanzten um den Baum herum, und ein Geschenk nach dem andern wurde abgepfl\u00fcckt und verteilt.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Was machen sie?&#8220; dachte der Baum. Was soll geschehen?&#8220; Die Lichter brannten gerade bis auf die Zweige herunter, und je nachdem sie niederbrannten, wurden sie ausgel\u00f6scht, und dann erhielten die Kinder die Erlaubnis, den Baum zu pl\u00fcndern. Sie st\u00fcrzten auf ihn zu, dass es in allen Zweigen knackte; w\u00e4re er nicht mit der Spitze und mit dem Goldstern an der Decke festgemacht gewesen, so w\u00e4re er umgefallen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die Kinder tanzten mit ihrem pr\u00e4chtigen Spielzeug herum, niemand sah nach dem Baume, ausgenommen das alte Kinderm\u00e4dchen, das zwischen die Zweige blickte; aber es geschah nur, um zu sehen, ob nicht noch eine Feige oder ein Apfel vergessen sei.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Eine Geschichte, eine Geschichte!&#8220; riefen die Kinder und zogen einen kleinen, dicken Mann gegen den Baum hin, und er setzte sich gerade unter ihn, &#8222;denn so sind wir im Gr\u00fcnen&#8220;, sagte er, &#8222;und der Baum kann besonders Nutzen davon haben, zuzuh\u00f6ren! Aber ich erz\u00e4hle nur eine Geschichte. Wollt ihr die von Ivede- Avede oder die von Klumpe-Dumpe h\u00f6ren, der die Treppen hinunterfiel und doch erh\u00f6ht wurde und die Prinzessin bekam?&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;lvede-Avede!&#8220; schrien einige, &#8222;Klumpe-Dumpe!&#8220; schrien andere. Das war ein Rufen! Nur der Tannenbaum schwieg ganz still und dachte: Komme ich gar nicht mit, werde ich nichts dabei zu tun haben?&#8220; Er hatte ja geleistet, was er sollte.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der Mann erz\u00e4hlte von Klumpe-Dumpe, der die Treppen hinunterfiel und doch erh\u00f6ht wurde und die Prinzessin bekam. Und die Kinder klatschten in die H\u00e4nde und riefen: &#8222;Erz\u00e4hle, erz\u00e4hle!&#8220; Sie wollten auch die Geschichte von Ivede-Avede h\u00f6ren, aber sie bekamen nur die von Klumpe-Dumpe. Der Tannenbaum stand ganz stumm und gedankenvoll, nie hatten die V\u00f6gel im Walde dergleichen erz\u00e4hlt. Klumpe-Dumpe fiel die Treppen hinunter und bekam doch die Prinzessin! Ja, ja, so geht es in der Welt zu!&#8220; dachte der Tannenbaum und glaubte, dass es wahr sei, weil ein so netter Mann es erz\u00e4hlt hatte. &#8222;Ja, ja! Vielleicht falle ich auch die Treppe hinunter und bekomme eine Prinzessin!&#8220; Und er freute sich, den n\u00e4chsten Tag wieder mit Lichtern und Spielzeug, Gold und Fr\u00fcchten und dem Stern von Flittergold aufgeputzt zu werden. &#8222;Morgen werde ich nicht zittern!&#8220; dachte er. Ich will mich recht aller meiner Herrlichkeit freuen. Morgen werde ich wieder die Geschichte von Klumpe-Dumpe und vielleicht auch die von Ivede-Avede h\u00f6ren.&#8220; Und der Baum stand die ganze Nacht still und gedankenvoll.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Am Morgen kamen die Diener und das M\u00e4dchen herein.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Nun beginnt der Staat aufs neue!&#8220; dachte der Baum; aber sie schleppten ihn zum Zimmer hinaus, die Treppe hinauf, auf den Boden und stellten ihn in einen dunklen Winkel, wohin kein Tageslicht schien. &#8222;Was soll das bedeuten?&#8220; dachte der Baum. &#8222;Was soll ich hier wohl machen? Was mag ich hier wohl h\u00f6ren sollen?&#8220; Er lehnte sich gegen die Mauer und dachte und dachte. Und er hatte Zeit genug, denn es vergingen Tage und N\u00e4chte; niemand kam herauf, und als endlich jemand kam, so geschah es, um einige gro\u00dfe Kasten in den Winkel zu stellen; der Baum stand ganz versteckt, man musste glauben, dass er ganz vergessen war.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Nun ist es Winter drau\u00dfen!&#8220; dachte der Baum. Die Erde ist hart und mit Schnee bedeckt, die Menschen k\u00f6nnen mich nicht pflanzen; deshalb soll ich wohl bis zum Fr\u00fchjahr hier im Schutz stehen! Wie wohlbedacht ist das! Wie die Menschen doch so gut sind! W\u00e4re es hier nur nicht so dunkel und schrecklich einsam! Nicht einmal ein kleiner Hase! Das war doch niedlich da drau\u00dfen im Walde, wenn der Schnee lag und der Hase vorbeisprang, ja selbst als er \u00fcber mich hinwegsprang; aber damals mochte ich es nicht leiden. Hier oben ist es doch schrecklich einsam!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Piep, piep!&#8220; sagte da eine kleine Maus und huschte hervor; und dann kam noch eine kleine. Sie beschn\u00fcffelten den Tannenbaum, und dann schl\u00fcpften sie zwischen seine Zweige.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Es ist eine greuliche K\u00e4lte!&#8220; sagten die kleinen M\u00e4use. &#8222;Sonst ist hier gut sein; nicht wahr, du alter Tannenbaum?&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ich bin gar nicht alt!&#8220; sagte der Tannenbaum; &#8222;es gibt viele, die weit \u00e4lter sind denn ich!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Woher kommst du?&#8220; fragten die M\u00e4use, &#8222;und was wei\u00dft du?&#8220; Sie waren gewaltig neugierig. &#8222;Erz\u00e4hle uns doch von den sch\u00f6nsten Orten auf Erden! Bist du dort gewesen? Bist du in der Speisekammer gewesen, wo K\u00e4se auf den Brettern liegen und Schinken unter der Decke h\u00e4ngen, wo man auf Talglicht tanzt, mager hineingeht und fett herauskommt?&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Das kenne ich nicht&#8220;, sagte der Baum; &#8222;aber den Wald kenne ich, wo die Sonne scheint und die V\u00f6gel singen!&#8220; Und dann erz\u00e4hlte er alles aus seiner Jugend. Die kleinen M\u00e4use hatten fr\u00fcher nie dergleichen geh\u00f6rt, sie horchten auf und sagten: &#8222;Wie viel du gesehen hast! Wie gl\u00fccklich du gewesen bist!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ich?&#8220; sagte der Tannenbaum und dachte \u00fcber das, was er selbst erz\u00e4hlte, nach. &#8222;Ja, es waren im Grunde ganz fr\u00f6hliche Zeiten!&#8220; Aber dann erz\u00e4hlte er vom Weihnachtsabend, wo er mit Zuckerwerk und Lichtern geschm\u00fcckt war.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Oh&#8220;, sagten die kleinen M\u00e4use, &#8222;wie gl\u00fccklich du gewesen bist, du alter Tannenbaum!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ich bin gar nicht alt!&#8220; sagte der Baum; &#8222;erst in diesem Winter bin ich aus dem Walde gekommen! Ich bin in meinem allerbesten Alter, ich bin nur so aufgeschossen.&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Wie sch\u00f6n du erz\u00e4hlst!&#8220; sagten die kleinen M\u00e4use, und in der n\u00e4chsten Nacht kamen sie mit vier anderen kleinen M\u00e4usen, die den Baum erz\u00e4hlen h\u00f6ren sollten, und je mehr er erz\u00e4hlte, desto deutlicher erinnerte er sich selbst an alles und dachte: Es waren doch ganz fr\u00f6hliche Zeiten! Aber sie k\u00f6nnen wiederkommen, k\u00f6nnen wiederkommen! Klumpe-Dumpe fiel die Treppe hinunter und bekam doch die Prinzessin; vielleicht kann ich auch eine Prinzessin bekommen.&#8220; Und dann dachte der Tannenbaum an eine kleine, niedliche Birke, die drau\u00dfen im Walde wuchs; das war f\u00fcr den Tannenbaum eine wirkliche, sch\u00f6ne Prinzessin.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Wer ist Klumpe-Dumpe?&#8220; fragten die kleinen M\u00e4use. Da erz\u00e4hlte der Tannenbaum das ganze M\u00e4rchen, er konnte sich jedes einzelnen Wortes entsinnen; die kleinen M\u00e4use sprangen aus reiner Freude bis an die Spitze des Baumes. In der folgenden Nacht kamen weit mehr M\u00e4use und am Sonntage sogar zwei Ratten, aber die meinten, die Geschichte sei nicht h\u00fcbsch, und das betr\u00fcbte die kleinen M\u00e4use, denn nun hielten sie auch weniger davon.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Wissen Sie nur die eine Geschichte?&#8220; fragten die Ratten.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Nur die eine&#8220;, antwortete der Baum; &#8222;die h\u00f6rte ich an meinem gl\u00fccklichsten Abend, aber damals dachte ich nicht daran, wie gl\u00fccklich ich war.&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Das ist eine h\u00f6chst j\u00e4mmerliche Geschichte! Kennen Sie keine von Speck und Talglicht? Keine Speisekammergeschichte?&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Nein!&#8220; sagte der Baum.&#8220; &#8222;Ja, dann danken wir daf\u00fcr!&#8220; erwiderten die Ratten und gingen zu den Ihrigen zur\u00fcck.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die kleinen M\u00e4use blieben zuletzt auch weg, und da seufzte der Baum: &#8222;Es war doch ganz h\u00fcbsch, als sie um mich herumsa\u00dfen, die beweglichen kleinen M\u00e4use, und zuh\u00f6rten, wie ich erz\u00e4hlte! Nun ist auch das vorbei! Aber ich werde gerne daran denken, wenn ich wieder hervorgenommen werde.&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Aber wann geschah das? Ja, es war eines Morgens, da kamen Leute und wirtschafteten auf dem Boden; die Kasten wurden weggesetzt, der Baum wurde hervorgezogen; sie warfen ihn freilich ziemlich hart gegen den Fu\u00dfboden, aber ein Diener schleppte ihn gleich nach der Treppe hin, wo der Tag leuchtete.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Nun beginnt das Leben wieder!&#8220; dachte der Baum; er f\u00fchlte die frische Luft, die ersten Sonnenstrahlen, und nun war er drau\u00dfen im Hofe. Alles ging geschwind, der Baum verga\u00df v\u00f6llig, sich selbst zu betrachten, da war so vieles ringsumher zu sehen. Der Hof stie\u00df an einen Garten, und alles bl\u00fchte darin; die Rosen hingen frisch und duftend \u00fcber das kleine Gitter hinaus, die Lindenb\u00e4ume bl\u00fchten, und die Schwalben flogen umher und sagten: &#8222;Quirrevirrevit, mein Mann ist kommen!&#8220; Aber es war nicht der Tannenbaum, den sie meinten.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Nun werde ich leben!&#8220; jubelte der und breitete seine Zweige weit aus; aber ach, die waren alle vertrocknet und gelb; und er lag da zwischen Unkraut und Nesseln. Der Stern von Goldpapier sa\u00df noch oben in der Spitze und gl\u00e4nzte im hellen Sonnenschein.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Im Hofe selbst spielten ein paar der munteren Kinder, die zur Weihnachtszeit den Baum umtanzt hatten und so froh \u00fcber ihn gewesen waren. Eins der kleinsten lief hin und riss den Goldstern ab.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Sieh, was da noch an dem h\u00e4sslichen, alten Tannenbaum sitzt!&#8220; sagte es und trat auf die Zweige, so dass sie unter seinen Stiefeln knackten.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der Baum sah auf all die Blumenpracht und Frische im Garten, er betrachtete sich selbst und w\u00fcnschte, dass er in seinem dunklen Winkel auf dem Boden geblieben w\u00e4re; er gedachte seiner frischen Jugend im Walde, des lustigen Weihnachtsabends und der kleinen M\u00e4use, die so munter die Geschichte von Klumpe- Dumpe angeh\u00f6rt hatten.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Vorbei, vorbei!&#8220; sagte der arme Baum. &#8222;H\u00e4tte ich mich doch gefreut, als ich es noch konnte! Vorbei, vorbei!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der Diener kam und hieb den Baum in kleine St\u00fccke, ein ganzes Bund lag da; hell flackerte es auf unter dem gro\u00dfen Braukessel. Der Baum seufzte tief, und jeder Seufzer war einem kleinen Schusse gleich; deshalb liefen die Kinder, die da spielten, herbei und setzten sich vor das Feuer, blickten hinein und riefen: &#8222;Piff, paff!&#8220; Aber bei jedem Knalle, der ein tiefer Seufzer war, dachte der Baum an einen Sommerabend im Walde oder an eine Winternacht da drau\u00dfen, wenn die Sterne funkelten; er dachte an den Weihnachtsabend und an Klumpe-Dumpe, das einzige M\u00e4rchen, das er geh\u00f6rt hatte und zu erz\u00e4hlen wusste &#8211; und dann war der Baum verbrannt.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die Knaben spielten im Garten, und der kleinste hatte den Goldstern auf der Brust, den der Baum an seinem gl\u00fccklichsten Abend getragen hatte. Nun war der vorbei, und mit dem Baum war es vorbei und mit der Geschichte auch; vorbei, vorbei.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und so geht es mit allen Geschichten!<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans Christian Andersen<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[88,85],"tags":[],"class_list":["post-657","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hans-chr-andersen","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/657","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=657"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/657\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":658,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/657\/revisions\/658"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=657"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=657"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=657"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}