{"id":630,"date":"2015-11-10T23:37:40","date_gmt":"2015-11-10T22:37:40","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=630"},"modified":"2026-01-24T22:33:38","modified_gmt":"2026-01-24T21:33:38","slug":"die-sechs-schwaene","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-sechs-schwaene\/","title":{"rendered":"Die sechs Schw\u00e4ne"},"content":{"rendered":"\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Die sechs Schw\u00e4ne<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gebr. Grimm<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Es jagte einmal ein K\u00f6nig in einem gro\u00dfen Walde und jagte einem Wild so eifrig nach, dass ihm niemand von seinen Leuten folgen konnte. Als der Abend herankam, hielt er still und blickte um sich; da sah er, dass er sich verirrt hatte. Er suchte einen Ausgang, konnte aber keinen finden. Da sah er eine alte Frau mit wackelndem Kopfe, die auf ihn zukam; das war aber eine Hexe. &#8222;Liebe Frau&#8220;, sprach er zu ihr, &#8222;k\u00f6nnt Ihr mir nicht den Weg durch den Wald zeigen?&#8220; &#8211; &#8222;0 ja, Herr K\u00f6nig&#8220;, antwortete sie, &#8222;das kann ich wohl, aber es ist eine Bedingung dabei; wenn Ihr die nicht erf\u00fcllt, so kommt Ihr nimmermehr aus dem Walde und m\u00fcsst Hungers sterben.&#8220; &#8211; &#8222;Was ist das f\u00fcr eine Bedingung?&#8220; fragte der K\u00f6nig. &#8222;Ich habe eine Tochter&#8220;, sagte die Alte, &#8222;die so sch\u00f6n ist, wie Ihr keine mehr auf der Welt finden k\u00f6nnt, und die wohl verdient, Eure Gemahlin zu werden. Wollt Ihr die zur Frau K\u00f6nigin machen, so zeige ich Euch den Weg aus dem Walde.&#8220; Der K\u00f6nig in der Angst seines Herzens willigte ein, und die Alte f\u00fchrte ihn zu ihrem H\u00e4uschen, wo ihre Tochter beim Feuer sa\u00df. Sie empfing den K\u00f6nig, als wenn sie ihn erwartet h\u00e4tte, und er sah wohl, dass sie sehr sch\u00f6n war; aber sie gefiel ihm doch nicht, und er konnte sie ohne heimliches Grausen nicht ansehen. Nachdem er das M\u00e4dchen zu sich aufs Pferd gehoben hatte, zeigte ihm die Alte den Weg, und der K\u00f6nig gelangte wieder in sein k\u00f6nigliches Schloss, wo die Hochzeit gefeiert wurde.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Der K\u00f6nig war schon einmal verheiratet gewesen und hatte von seiner ersten Gemahlin sieben Kinder, sechs Knaben und ein M\u00e4dchen, die er \u00fcber alles auf der Welt liebte. Weil er nun f\u00fcrchtete, die Stiefmutter m\u00f6chte sie nicht gut behandeln und ihnen gar ein Leid antun, so brachte er sie in ein einsames Schloss, das mitten in einem Walde stand. Es lag so verborgen, und der Weg war so schwer zu finden, dass er ihn selbst nicht gefunden h\u00e4tte, wenn ihm nicht eine weise Frau ein Kn\u00e4uel Garn von wunderbarer Eigenschaft geschenkt h\u00e4tte; wenn er das vor sich hinwarf, so wickelte es sich von selbst los und zeigte ihm den Weg. Der K\u00f6nig ging aber so oft hinaus zu seinen lieben Kindern, dass der K\u00f6nigin seine Abwesenheit auffiel; sie war neugierig und wollte wissen, was er drau\u00dfen ganz allein in dem Walde zu schaffen h\u00e4tte. Sie gab seinen Dienern viel Geld, und sie verrieten ihr das Geheimnis und sagten ihr auch von dem Kn\u00e4uel, das allein den Weg zeigen k\u00f6nnte. Nun hatte sie keine Ruhe, bis sie herausgebracht hatte, wo der K\u00f6nig das Kn\u00e4uel aufbewahrte, und dann machte sie kleine, wei\u00df- seidene Hemdchen, und da sie von ihrer Mutter die Hexenk\u00fcnste gelernt hatte, so n\u00e4hte sie einen Zauber hinein. Und als der K\u00f6nig einmal auf die Jagd geritten war, nahm sie die Hemdchen und ging in den Wald, und das Kn\u00e4uel zeigte ihr den Weg. Die Kinder, die aus der Ferne jemand kommen sahen, meinten, ihr lieber Vater k\u00e4me zu ihnen, und sprangen ihm voll Freude entgegen. Da warf sie \u00fcber ein jedes eins von den Hemdchen, und wie das ihren Leib ber\u00fchrt hatte, verwandelten sie sich in Schw\u00e4ne und flogen \u00fcber den Wald hinweg. Die K\u00f6nigin ging ganz vergn\u00fcgt nach Hause und glaubte ihre Stiefkinder los zu sein; aber das M\u00e4dchen war ihr mit den Br\u00fcdern nicht entgegengelaufen, und sie wusste nichts von ihm. Anderntags kam der K\u00f6nig und wollte seine Kinder besuchen, er fand aber niemand als das M\u00e4dchen. ,Wo sind deine Br\u00fcder?&#8220; fragte der K\u00f6nig. &#8222;Ach, lieber Vater&#8220;, antwortete es, &#8222;die sind fort und haben mich allein zur\u00fcckgelassen!&#8220; und erz\u00e4hlte ihm, dass es aus seinem Fensterlein mit angesehen habe, wie seine Br\u00fcder als Schw\u00e4ne \u00fcber den Wald weggeflogen seien, und zeigte ihm die Federn, die sie im Hof hatten fallen lassen, und die es aufgelesen hatte. Der K\u00f6nig trauerte; aber er dachte nicht, dass die K\u00f6nigin die b\u00f6se Tat vollbracht h\u00e4tte, und weil er f\u00fcrchtete, das M\u00e4dchen w\u00fcrde ihm auch geraubt, so wollte er es mit fortnehmen. Aber es hatte Angst vor der Stiefmutter und bat den K\u00f6nig, dass es nur noch diese Nacht im Waldschlo\u00df bleiben d\u00fcrfe.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Das arme M\u00e4dchen dachte: &#8222;Meines Bleibens ist nicht l\u00e4nger hier, ich will gehen und meine Br\u00fcder suchen.&#8220; Und als die Nacht kam, entfloh es und ging gerade in den Wald hinein. Es ging die ganze Nacht durch und auch den andern Tag in einem fort, bis es vor M\u00fcdigkeit nicht weiterkonnte. Da sah es eine Wild h\u00fctte, stieg hinauf und fand eine Stube mit sechs kleinen Betten; aber es getraute sich nicht, sich in eins zu legen, sondern kroch unter eins, legte sich auf den harten Boden und wollte die Nacht da zubringen. Als aber die Sonne bald untergehen wollte, h\u00f6rte es ein Rauschen und sah, dass sechs Schw\u00e4ne zum Fenster hereingeflogen kamen. Sie setzten sich auf den Boden und bliesen einander an und bliesen sich alle Federn ab, und ihre Schwanenhaut streifte sich ab wie ein Hemd. Da sah sie das M\u00e4dchen an und erkannte ihre Br\u00fcder, freute sich und kroch unter dem Bett hervor. Die Br\u00fcder waren nicht weniger erfreut, als sie ihr Schwesterchen erblickten; aber ihre Freude war von kurzer Dauer. &#8222;Hier kann deines Bleibens nicht sein&#8220;, sprachen sie zu ihm, &#8222;das ist eine Herberge f\u00fcr R\u00e4uber; wenn sie heimkommen und finden dich, so ermorden sie dich.&#8220; &#8211; &#8222;K\u00f6nnt ihr mich denn nicht besch\u00fctzen?&#8220; fragte das Schwesterchen. &#8222;Nein&#8220;, antworteten sie, &#8222;denn wir k\u00f6nnen nur eine Viertelstunde lang jeden Abend unsere Schwanen haut ablegen und haben in dieser Zeit unsere menschliche Gestalt, aber dann werden wir wieder in Schw\u00e4ne verwandelt.&#8220; Das Schwesterchen weinte und sagte: &#8222;K\u00f6nnt ihr denn nicht erl\u00f6st werden?&#8220; &#8211; &#8222;Ach nein&#8220;, antworteten sie, &#8222;die Bedingungen sind zu schwer, du darfst sechs Jahre lang nicht sprechen und nicht lachen, und musst in der Zeit sechs Hemdchen f\u00fcr uns aus Sternblumen zusammenn\u00e4hen. Kommt ein einziges Wort aus deinem Munde, so ist alle Arbeit verloren.&#8220; Und als die Br\u00fcder das gesprochen hatten, war die Viertelstunde herum, und sie flogen als Schw\u00e4ne wieder zum Fenster hinaus.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Das M\u00e4dchen aber fasste den festen Entschluss, seine Br\u00fcder zu erl\u00f6sen, und wenn es auch sein Leben kostete. Es verlie\u00df die Wildh\u00fctte, ging mitten in den Wald und setzte sich auf einen Baum und brachte da die Nacht zu. Am andern Morgen ging es aus, sammelte Sternblumen und fing an zu n\u00e4hen. Reden konnte es mit niemand, und zum Lachen hatte es keine Lust; es sa\u00df da und sah nur auf seine Arbeit. Als es schon lange Zeit da zugebracht hatte, geschah es, dass der K\u00f6nig des Landes in dem Walde jagte und seine J\u00e4ger zu dem Baume kamen, auf dem das M\u00e4dchen sa\u00df. Sie riefen es an und fragten: &#8222;Wer bist du?&#8220; Es gab aber keine Antwort. &#8222;Komm herab zu uns&#8220;, sagten sie, &#8222;wir wollen dir nichts zuleide tun.&#8220; Es sch\u00fcttelte blo\u00df mit dem Kopf. Als sie es weiter mit Fragen bedr\u00e4ngten, warf es ihnen seine goldene Halskette herab und dachte, sie damit zufriedenzustellen. Sie lie\u00dfen aber nicht ab; da warf es ihnen seinen G\u00fcrtel herab, und als auch dies nichts half, seine Strumpfb\u00e4nder, und nach und nach alles, was es anhatte und entbehren konnte, so dass es nichts mehr als ein Hemdlein behielt. Die J\u00e4ger lie\u00dfen sich aber damit nicht abweisen, stiegen auf den Baum, hoben das M\u00e4dchen herab und f\u00fchrten es vor den K\u00f6nig. Der K\u00f6nig fragte: &#8222;Wer bist du? Was machst du auf dem Baum?&#8220; Aber es antwortete nicht. Er fragte es in allen Sprachen, die er wusste, aber es blieb stumm wie ein Fisch. Weil es aber so sch\u00f6n war, so ward des K\u00f6nigs Herz ger\u00fchrt, und er fasste eine gro\u00dfe Liebe zu ihm. Er tat ihm seinen Mantel um, nahm es vor sich aufs Pferd und brachte es in sein Schloss. Da lie\u00df er ihm reiche Kleider antun, und es strahlte in seiner Sch\u00f6nheit wie der helle Tag, aber es war kein Wort aus ihm herauszubringen, Er setzte es bei Tisch an seine Seite, und seine bescheidenen Mienen und seine Sittsamkeit gefielen ihm so sehr, dass er sprach: &#8222;Diese begehre ich zu heiraten und keine andere auf der Welt&#8220;, und nach einigen Tagen verm\u00e4hlte er sich mit ihr.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Der K\u00f6nig aber hatte eine b\u00f6se Mutter, die war unzufrieden mit dieser Heirat und sprach schlecht \u00fcber die junge K\u00f6nigin. &#8222;Wer wei\u00df, wo die Dirne her ist&#8220;, sagte sie, &#8222;die nicht reden kann; sie ist eines K\u00f6nigs nicht w\u00fcrdig.&#8220; \u00dcber ein Jahr, als der K\u00f6nigin das erste Kind geschenkt wurde, nahm es ihr die Alte weg und bestrich ihr im Schlafe den Mund mit Blut. Dann ging sie zum K\u00f6nig und klagte sie an, sie w\u00e4re eine Menschenfresserin. Der K\u00f6nig wollte es nicht glauben und litt nicht, dass man ihr ein Leid antat. Sie sa\u00df aber best\u00e4ndig und n\u00e4hte an den Hemden, und achtete auf nichts anderes. Das n\u00e4chste Mal, als sie wieder einen sch\u00f6nen Knaben bekam, \u00fcbte die falsche Schwiegermutter denselben Betrug aus; aber der K\u00f6nig konnte sich nicht entschlie\u00dfen, ihren Reden Glauben beizumessen. Er sprach: &#8222;Sie ist zu fromm und gut, als dass sie so etwas tun k\u00f6nnte; w\u00e4re sie nicht stumm und k\u00f6nnte sie sich verteidigen, so w\u00fcrde ihre Unschuld an den Tag kommen.&#8220; Als aber das dritte Mal die Alte das neugeborene Kind raubte und die K\u00f6nigin anklagte, die kein Wort zu ihrer Verteidigung vorbrachte, so konnte der K\u00f6nig nicht anders, er musste sie dem Gericht \u00fcbergeben, und das verurteilte sie, den Tod durchs Feuer zu erleiden.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Als der Tag herankam, wo das Urteil sollte vollzogen werden, da war zugleich der letzte Tag von den sechs Jahren herum, in denen sie nicht sprechen und nicht lachen durfte, und sie hatte ihre lieben Br\u00fcder aus der Macht des Zaubers befreit. Die sechs Hemden waren fertig geworden, nur dass an dem letzten der linke \u00c4rmel noch fehlte. Als sie nun zum Scheiterhaufen gef\u00fchrt wurde, legte sie die Hemden auf ihren Arm, und als sie oben stand und das Feuer eben sollte angez\u00fcndet wer den, schaute sie sich um, da kamen sechs Schw\u00e4ne durch die Luft dahergezogen. Die Schw\u00e4ne rauschten zu ihr her und senkten sich herab, so dass sie ihnen die Hemden \u00fcberwerfen konnte. Und wie sie davon ber\u00fchrt wurden, fielen die Schwanen h\u00e4ute ab, und ihre Br\u00fcder standen leibhaftig vor ihr und waren frisch und sch\u00f6n; nur dem j\u00fcngsten fehlte der linke Arm, und er hatte daf\u00fcr einen Schwanenfl\u00fcgel am R\u00fccken. Sie herzten und k\u00fcssten sich, und die K\u00f6nigin ging zu dem K\u00f6nige, der ganz best\u00fcrzt war, und fing an zu reden und sagte: &#8222;Liebster Gemahl, nun darf ich sprechen und dir offenbaren, dass ich unschuldig bin und f\u00e4lschlich angeklagt&#8220;; und erz\u00e4hlte ihm von dem Betrug der Alten, die ihre drei Kinder weggenommen und verborgen h\u00e4tte. Da wurden sie zu gro\u00dfer Freude des K\u00f6nigs herbei geholt, und die b\u00f6se Schwiegermutter wurde zur Strafe auf den Scheiterhaufen gebunden und zu Asche verbrannt. Der K\u00f6nig aber und die K\u00f6nigin mit ihren sechs Br\u00fcdern lebten lange Jahre in Gl\u00fcck und Frieden.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[87,85],"tags":[],"class_list":["post-630","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gebr-grimm","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/630","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=630"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/630\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4325,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/630\/revisions\/4325"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=630"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=630"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=630"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}