{"id":614,"date":"2015-11-03T22:37:20","date_gmt":"2015-11-03T21:37:20","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=614"},"modified":"2026-01-24T22:36:35","modified_gmt":"2026-01-24T21:36:35","slug":"gute-laune","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/gute-laune\/","title":{"rendered":"Gute Laune"},"content":{"rendered":"\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Gute Laune<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hans-Christian Andersen<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Mein Vater hat mir das beste Erbteil hinterlassen; von ihm habe ich die gute Laune. Und wer war mein Vater? Ja, das hat mit der Laune wohl nichts zu schaffen. Er war lebhaft und betriebsam, wohlbeleibt und rund; sein \u00c4u\u00dferes und Inneres standen v\u00f6llig im Gegensatz zu seinem Gewerbe. Und was war sein Gesch\u00e4ft, seine gesellschaftliche Stellung? Ja, wenn das gleich im Anfang eines Buches niedergeschrieben und gedruckt wird, so ist es verst\u00e4ndlich, dass einige, die es lesen, das Buch zur Seite legen und sagen: Das sieht mir zu unheimlich aus, damit will ich nichts zu tun haben, und doch war mein Vater weder Abdecker noch Scharfrichter, im Gegenteil, sein Gesch\u00e4ft stellte ihn oft an die Spitze der ehrenwertesten M\u00e4nner, und dort war er ganz zu recht, ganz an seinem Platze; er musste der Erste sein, vor dem Bischof und vor Prinzen von Gebl\u00fct \u2013 und er war der Erste \u2013 er war Leichenwagenkutscher.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun ist es heraus. Und das kann ich sagen, wenn man meinen Vater dort oben sitzen sah vor dem Omnibus des Todes, in seinem langen, schwarzen Mantel und mit dem schwarzbefransten Dreispitz auf dem Kopfe und dazu in sein Gesicht blickte, das ganz leibhaftig aussah, als habe man die Sonne abgezeichnet, rund und lachend, dann konnte man an Trauer und Grab nicht denken; das Antlitz sagte: \u00bbDas tut nichts, es geht alles viel besser, als man glaubt!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Sieh, von ihm habe ich meine gute Laune und die Gewohnheit, zuweilen auf den Kirchhof hinaus zu gehen; das ist unterhaltsam, wenn man nur gute Laune mitbringt, und dann halte ich auch das Provinzbl\u00e4ttchen, wie er es tat.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin nicht mehr ganz jung, \u2013 ich habe weder Frau noch Kind noch Bibliothek, aber wie gesagt, ich halte das Provinzbl\u00e4ttchen, das gen\u00fcgt mir, es ist f\u00fcr mich das beste Blatt, und das war es auch f\u00fcr meinen Vater. Es leistet gute Dienste und enth\u00e4lt alles, was ein Mensch zu wissen braucht: wer in der Kirche und wer in den neuen B\u00fcchern predigt, wo man H\u00e4user, Dienstm\u00e4dchen, Kleider und Nahrungsmittel bekommt, wer ausverkauft und wer von der Erde scheidet, und dann liest man von so vielen Wohltaten und so viele unschuldige Verse, die niemandem weh tun, Heiratsannoncen und Stelldicheine, auf die eingegangen wird oder auch nicht, alles ist einfach und nat\u00fcrlich. Man kann wirklich gl\u00fccklich leben und sich begraben lassen, wenn man das Provinzbl\u00e4ttchen h\u00e4lt, und dann hat man auch an seinem Lebensende so herrlich viel Papier, dass man sich weich darauf betten kann, wenn man nicht gern auf Hobelsp\u00e4nen liegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Provinzbl\u00e4ttchen und der Kirchhof, das sind und waren immer meine geistanregendsten Spazierfahrten, meine beiden gesegneten Badeanstalten f\u00fcr die gute Laune.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Provinzbl\u00e4ttchen kann sich ein jeder zu Gem\u00fcte f\u00fchren; aber gehe mit mir auf den Kirchhof, lass uns dorthin gehen, wenn die Sonne scheint und die B\u00e4ume gr\u00fcn sind, lass uns zwischen den Gr\u00e4bern entlang gehen. Jedes von ihnen ist ein geschlossenes Buch mit dem R\u00fccken nach oben. Man kann den Titel lesen, der ank\u00fcndigt, was das Buch enth\u00e4lt und doch nichts besagt. Aber ich wei\u00df Bescheid, wei\u00df es von meinem Vater her und von mir selbst. Ich habe es in meinem Gr\u00e4berbuch aufgezeichnet; das ist ein Buch, das ich selbst verfertigt habe zum Nutzen und Vergn\u00fcgen. Darin liegen sie allesamt, und noch einige mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun sind wir auf dem Kirchhofe.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier, hinter dem wei\u00dfgestrichenen Holzgitter, worin einstmals ein Rosenstrauch stand, \u2013 nun ist er fort, aber ein wenig Immergr\u00fcn vom Nachbargrabe streckt seine gr\u00fcnen Finger hinein, um es doch etwas zu schm\u00fccken, ruht ein sehr ungl\u00fccklicher Mann und doch, als er lebte, stand er sich gut, wie man so sagt; er hatte sein gutes Auskommen und noch etwas mehr, aber er lie\u00df sich die Welt, oder vielmehr die Kunst, zu nahe gehen. Sa\u00df er des Abends im Theater, um mit ganzer Seele zu genie\u00dfen, so geriet er v\u00f6llig au\u00dfer sich, wenn nur der Maschinenmeister ein zu starkes Licht hinter dem Monde anbrachte, oder der Theaterhimmel vor den<\/p>\n\n\n\n<p>Kulissen hing, wenn er dahinter h\u00e4ngen sollte, oder ein Palmenbaum auf einer Ostseeinsel stand, ein Kaktus in Tirol oder Buchenwald hoch oben in Norwegen. Kann das nicht ganz gleichg\u00fcltig sein? Wer denkt \u00fcber so etwas nach. Es ist ja nur Theater, das zu unserem Vergn\u00fcgen da sein soll. \u2013 Dann wieder fand er, dass das Publikum zuviel oder zu wenig klatschte. \u00bbEs ist nasses Holz\u00ab sagte er, \u00bbes will heute abend nicht z\u00fcnden.\u00ab Und dann wandte er sich um, um zu sehen, was f\u00fcr Leute da seien. Dabei sah er, dass sie ganz verkehrt lachten, an Stellen lachten, die gar nicht zum Lachen angetan waren. Und \u00fcber so etwas \u00e4rgerte er sich und litt darunter und war ein ungl\u00fccklicher Mensch. Nun liegt er im Grabe.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ruht ein sehr gl\u00fccklicher Mann, das will sagen, ein sehr vornehmer Mann von hoher Geburt, und das war sein Gl\u00fcck, denn sonst w\u00e4re niemals etwas aus ihm geworden. Aber alles ist ja so weise in der Natur eingerichtet, dass es ein Vergn\u00fcgen ist, dar\u00fcber nachzusinnen. Er ging vorn und hinten gestickt und war im Empfangszimmer aufgestellt, wie man einen k\u00f6stlichen, perlenbestickten Klingelzug anbringt, der hinter sich immer eine gute dicke Schnur zu h\u00e4ngen hat, die die eigentlichen Dienste versieht; er hatte auch eine gute Schnur hinter sich, einen Vertreter, der den Dienst f\u00fcr ihn versah und ihn noch tut, aber hinter einem anderen, einem neuen gestickten Klingelzug. Alles ist so weislich eingerichtet, dass es nicht schwer ist, seine gute Laune zu behalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ruht, ja, das ist wirklich etwas h\u00f6chst Trauriges. Hier ruht ein Mann, der siebenundsechzig Jahre lang nur den einen Gedanken hatte, einen guten Einfall kund zu tun. Er lebte nur um dieses guten Einfalls willen. Und dann endlich hatte er wirklich einen, seiner eigenen \u00dcberzeugung nach wenigstens, und dar\u00fcber freute er sich so sehr, dass er starb, aus Freude dar\u00fcber starb, dass er ihn bekommen hatte. Und niemand hatte einen Nutzen davon, niemand h\u00f6rte den guten Einfall. Es l\u00e4sst sich sogar denken, dass er des guten Einfalls wegen nicht einmal im Grabe Ruhe findet; denn, gesetzt den Fall, dass es ein Einfall war, der beim Fr\u00fchst\u00fcck gesagt werden muss, wenn er seine Wirkung tun sollte, und dass er, als Toter, nach der allgemein geltenden Ansicht sich nur um Mitternacht zeigen kann, so passt der Einfall nicht in die Zeit; keiner lacht dar\u00fcber und er kann sich mit seinem guten Einfall begraben lassen. Das ist ein trauriges Grab.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ruht eine sehr geizige Madame; als sie lebte, stand sie des Nachts auf und miaute, damit die Nachbarn glauben sollten, sie hielte eine Katze; so geizig war sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ruht ein Fr\u00e4ulein aus guter Familie. In Gesellschaft sollte sie stets ihre Stimme h\u00f6ren lassen, und dann sang sie: \u00bbmi manca la voce!\u00ab Das war die einzige Wahrheit, die sie w\u00e4hrend ihres Lebens \u00fcber die Lippen brachte!<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ruht eine Jungfrau anderen Schlages. Wenn des Herzens Kanarienvogel aufzuschreien beginnt, dann steckt die Vernunft die Finger in die Ohren. Sch\u00f6njungfrau stand in der h\u00f6chsten Glorie der Ehe! Das ist eine allt\u00e4gliche Geschichte \u2013 aber es ist so h\u00fcbsch gesagt. Lass die Toten ruhen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ruht eine Witwe, die Schwanengesang auf den Lippen und Eulengalle im Herzen hatte. Sie ging in allen Familien auf Raub aus nach den M\u00e4ngeln der lieben N\u00e4chsten.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist ein Erbbegr\u00e4bnis. Alle Glieder des Geschlechtes hielten so getreulich zusammen, dass, wenn die ganze Welt und selbst die Zeitung sagte \u00bbSo ist es\u00ab und der kleine Sohn der aus der Schule kam und sagte: \u00bbIch habe es auf die Art geh\u00f6rt!\u00ab So war seine Art die einzig richtige, weil er zur Familie geh\u00f6rte. Und es stand fest, wenn es sich gerade traf, dass der Hofhahn der Familie um Mitternacht kr\u00e4hte, so war es Morgen ob auch der W\u00e4chter und alle Uhren der Stadt sagten es sei Mitternacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der gro\u00dfe Goethe schlie\u00dft seinen Faust: \u00bbkann fortgesetzt werden\u00ab, und das kann auch unsere Wanderung hier auf dem Kirchhofe. Ich komme oft hierher.<\/p>\n\n\n\n<p>Treibt es mir einer meiner Freunde oder Unfreunde zu bunt, dann gehe ich hier hinaus, suche einen Rasenplatz und weihe ihn f\u00fcr denjenigen oder diejenige, die ich begraben will und begrabe ihn sogleich, dann liegen sie dort tot und machtlos, bis sie als neue und bessere Menschen zur\u00fcckkehren. Ihr Leben und ihre Geschichte schreibe ich, wie ich sie von meiner Seite aus sehe, in mein Gr\u00e4berbuch. Und so sollten es alle Menschen halten, sollten sich nicht \u00e4rgern, wenn es ihnen jemand zu toll treibt, sondern ihn schnell begraben, immer f\u00fcr gute Laune und das Provinzbl\u00e4ttchen sorgen, dies vom Volke selbst, oft mit gelenkter Feder, geschriebene Blatt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und kommt die Zeit, da ich selbst mit meiner Lebensgeschichte in das Grab eingebunden werden soll, so setzt mir als Inschrift darauf: \u00bbGute Laune.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist meine Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[88,85],"tags":[],"class_list":["post-614","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hans-chr-andersen","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/614","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=614"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/614\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4328,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/614\/revisions\/4328"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=614"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=614"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=614"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}