{"id":608,"date":"2015-11-03T22:32:29","date_gmt":"2015-11-03T21:32:29","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=608"},"modified":"2026-01-24T22:28:30","modified_gmt":"2026-01-24T21:28:30","slug":"grossmuetterchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/grossmuetterchen\/","title":{"rendered":"Gro\u00dfm\u00fctterchen"},"content":{"rendered":"\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Gro\u00dfm\u00fctterchen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hans Christian Andersen<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Gro\u00dfmutter ist so alt, sie hat gar viele Runzeln und ganz schneewei\u00dfes Haar, aber ihre Augen leuchten wie zwei Sterne; ja sie sind eigentlich viel sch\u00f6ner, sie sind so milde, dass es von Herzen wohltut, in sie hineinzuschauen. Sie wei\u00df die herrlichsten Geschichten und hat ein Kleid mit gro\u00dfen, gro\u00dfen Blumen an; das ist aus so dickem Seidenzeug, dass es bei jeder Bewegung rauscht. Gro\u00dfmutter wei\u00df so viel, denn sie hat viel l\u00e4nger als Vater und Mutter gelebt, das ist ganz gewiss. Gro\u00dfmutter hat ein Gesangbuch mit dicken Silberbeschl\u00e4gen, und darin liest sie oft. Mitten in dem Buche liegt eine Rose, die ganz flach und trocken ist; sie ist nicht so sch\u00f6n wie die Rosen, die sie im Glase stehen hat, und doch l\u00e4chelt sie dieser am allerfreundlichsten zu, ja, es kommen ihr dabei Tr\u00e4nen in die Augen.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Weshalb mag Gro\u00dfmutter so auf die welke Rose in dem alten Buche niederschauen? Wei\u00dft Du es? Jedes Mal, wenn Gro\u00dfmutters Tr\u00e4nen auf die Blume fallen, wird ihre Farbe frischer, die Rose schwillt empor, und die ganze Stube erf\u00fcllt sich mit ihrem Duft, die W\u00e4nde versinken, als seien sie Nebelschleier, und ringsum ist der gr\u00fcne, herrliche Wald, wo die Sonne zwischen den Bl\u00e4ttern spielt und Gro\u00dfmutter &#8211; ja sie ist ganz jung, ist ein liebreizendes M\u00e4dchen mit blonden Locken, mit rosigen, runden Wangen, schmuck und lieblich, keine Rose kann frischer sein. Doch die Augen, die milden sanften Augen, ja das sind immer noch Gro\u00dfmutters Augen. An ihrer Seite sitzt ein Mann, so jung und kr\u00e4ftig und sch\u00f6n; er reicht ihr die Rose, und sie l\u00e4chelt, &#8211; so l\u00e4chelt Gro\u00dfmutter doch nicht. &#8211; Ja, das L\u00e4cheln ist da. Er ist fort; nun gehen viele Gedanken und Gestalten vor\u00fcber. Der sch\u00f6ne Mann ist fort, die Rose liegt im Gesangbuche, und Gro\u00dfmutter &#8211; ja, da sitzt sie wieder, eine alte Frau, und betrachtet die verwelkte Rose, die im Buche liegt.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Nun ist Gro\u00dfmutter tot. &#8211; Sie sa\u00df im Lehnstuhl und erz\u00e4hlte eine lange, lange herrliche Geschichte: &#8222;Und nun ist sie aus&#8220;, sagte sie, &#8222;und ich bin so m\u00fcde, lasst mich nun ein wenig schlafen!&#8220; Und dann lehnte sie sich zur\u00fcck und atmete sanft; sie schlief. Aber es wurde stiller und stiller und ihr Antlitz war so voller Frieden und Gl\u00fcck, es war gleichsam, als ob der Sonnenschein dar\u00fcber hinglitte, und da sagten sie, sie sei tot.<br>\nSie wurde in den schwarzen Sarg gelegt. Dort lag sie, in wei\u00dfes Linnen geh\u00fcllt; sie war so sch\u00f6n, aber die Augen waren geschlossen; alle Runzeln waren nun fort, und sie lag mit einem L\u00e4cheln um den Mund. Ihr Haar war so silberwei\u00df, so ehrw\u00fcrdig, ihr Anblick fl\u00f6\u00dfte gar keine Furcht ein, es war ja die liebe, herzensgute Gro\u00dfmutter. Und das Gesangbuch wurde unter ihren Kopf gebettet, das hatte sie selbst verlangt, und die Rose lag in dem alten Buche; so wurde Gro\u00dfmutter begraben.<br>\nAuf dem Grabe, dicht unter der Kirchenmauer pflanzten sie einen Rosenbaum. Er stand voller Bl\u00fcten, und die Nachtigall sang \u00fcber ihm, und aus der Kirche h\u00f6rte man die Orgel die sch\u00f6nsten Psalmen spielen, die in dem Buche unter dem Haupte der Toten standen. Der Mond schien gerade auf das Grab herab; aber die Tote lie\u00df sich nicht blicken. Jedes Kind konnte des Nachts ruhig hingehen und sich dort an der Kirchhofmauer eine Rose pfl\u00fccken. Ein Toter wei\u00df mehr, als wir Lebenden wissen; der Tote kennt die Angst, die uns sein Wiedererscheinen einfl\u00f6\u00dfen w\u00fcrde. Die Toten sind besser als wir alle, und deshalb kommen sie nicht. Es liegt Erde \u00fcber dem Sarge und Erde darin. Das Gesangbuch mit seinen Bl\u00e4ttern ist zu Staub zerfallen. Aber dar\u00fcber bl\u00fchen neue Rosen, dar\u00fcber singt die Nachtigall und die Orgel spielt. Man denkt an die alte Gro\u00dfmutter mit den milden, ewig jungen Augen. Augen k\u00f6nnen niemals sterben. Die unsrigen werden sie einmal erblicken, so jung und sch\u00f6n wie damals, als sie zum ersten Male die frische, rote Rose k\u00fcsste, die Staub im Grabe ist.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[88,85],"tags":[],"class_list":["post-608","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hans-chr-andersen","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/608","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=608"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/608\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4321,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/608\/revisions\/4321"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=608"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=608"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=608"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}