{"id":606,"date":"2015-11-03T22:31:21","date_gmt":"2015-11-03T21:31:21","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=606"},"modified":"2026-01-24T22:25:57","modified_gmt":"2026-01-24T21:25:57","slug":"der-grosse-fisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-grosse-fisch\/","title":{"rendered":"Der Gro\u00dfe Fisch"},"content":{"rendered":"\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Der gro\u00dfe Fisch<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Tierm\u00e4rchen<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Einer der Str\u00f6me des Landes, der ber\u00fchmte Lachsflu\u00df, entsprang in einem kleinen, dunklen Bergsee, und sein Bett war von Gletscherarmen ausgesch\u00fcrft worden. Wie alle diese Fl\u00fcsse warf er sich ungest\u00fcm das Gebirge hinunter, durchzog breiter und nicht mehr so wild die H\u00fcgel des Vorlandes und str\u00f6mte dann langsam und gro\u00dfartig dem Meer zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Lachswanderung hatte gerade begonnen. Ein gl\u00e4nzender Schwarm von Fischen k\u00e4mpfte sich gegen das Wasser aufw\u00e4rts &#8211; Gewalt gegen Gewalt. Sie schwammen gleichm\u00e4\u00dfig, unbeirrt und stetig gegen die langsame Str\u00f6mung der K\u00fcstenebene, wo die Klarheit des Wassers von Tausenden winzigsten Schlammteilchen getr\u00fcbt war. Als sie in den seichten Reusen eines verfallenen Wasserwerkes aufw\u00e4rts kletterten, glichen die Lachse fliegenden Fischen. Wie durchsichtige, glitzernde Fl\u00fcgel spr\u00fchte das Wasser zu beiden Seiten der Fischk\u00f6rper auf. Die Str\u00f6mung wurde st\u00e4rker und wilder, manchmal floss das Wasser klar und tief \u00fcber gro\u00dfe Steine, dann wieder brach es sich und sch\u00e4umte wei\u00df auf. Manchmal wirbelte der Fluss die Schottermassen vom Grund seines Bettes auf, und immer wieder sperrten Steinbarrieren ihren Weg, die sie \u00fcberspringen mussten.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter all den vielen kleinen oder m\u00e4\u00dfig gro\u00dfen Lachsen war ein Fisch, gr\u00f6\u00dfer als die anderen. und erfahren und ehrw\u00fcrdig durch viele Wanderungen im Weltmeer. So gro\u00df war seine Gewandtheit, so gewaltig die Kraft seines geschmeidigen Flossenschwanzes, dass er jedes Hindernis mit einem einzigen Sprung nehmen konnte, wenn sich seine Gef\u00e4hrten mit vielen kleinen Spr\u00fcngen abm\u00fchen mussten. Nach diesen Proben seiner St\u00e4rke fanden ihn die anderen, wenn auch sie das Hindernis \u00fcberwunden hatten, stets an einer tiefen, schattigen Stelle nahe dem Ufer, wo das Wasser fast ohne Str\u00f6mung stand. Dort ruhte der m\u00e4chtige Fisch, bewegungslos, und nur das fortw\u00e4hrende leise Zittern der Flossen bewies, dass Leben in ihm war.<\/p>\n\n\n\n<p>Langsam wurde die Schar der vorw\u00e4rtsdr\u00e4ngenden Fische kleiner und kleiner; ein Paar nach dem anderen beschloss, dass es weit genug gewandert sei, und w\u00e4hlte sein Gebiet. Sie lie\u00dfen sich zum Grund hinuntersinken, pfl\u00fcgten Furchen in den Sand und in die Kieselsteine, und hier vollzog sich die geheimnisvolle Zeremonie der Lachshochzeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zug der \u00fcbriggebliebenen Fische erreichte zum Schluss jene Stelle, wo der Fluss sich in einer tiefen Schlucht den Berg herunterst\u00fcrzte. Diese Schlucht wurde am oberen Ende von einem Wasserfall begrenzt. Fast in seiner ganzen Breite fiel der Fluss \u00fcber eine steile, senkrechte Felswand, aus der nur einzelne Spitzen hervorragten, wo das Wasser aufgischtete wie wehende, wei\u00dfe Rossschweife. Das st\u00fcrzende Wasser hatte in jahrhundertelanger M\u00fche ein tiefes Becken am Fu\u00df des Falles ausgegraben. Am linken Rand fiel die Felswand weniger steil ab, formte einige Stufen, von denen jede ihren kleinen Wasserfall und ihr kleines Becken hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten Fische fanden dieses Hindernis un\u00fcberwindbar, einige kehrten um, andere zogen einen Nebenfluss hinauf. Doch ein Teil des Schwarmes war entschlossen, weiterzuwandern. Diese Fische wussten, dass jenseits des Falles die \u00fcberschatteten Ufergr\u00fcnde reich an Futter und Nahrung waren. Sie begannen den Aufstieg am linken Rand, sprangen von Stufe zu Stufe, und obwohl sie oft von der rei\u00dfenden Str\u00f6mung zur\u00fcckgerissen wurden, erreichten fast alle das ruhige, stille Gew\u00e4sser oberhalb des Wasserfalles.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur der gro\u00dfe Lachs versuchte den Aufstieg \u00fcber die kleinen F\u00e4lle nicht. Vielleicht wusste er, dass er zu gro\u00df daf\u00fcr war, vielleicht aber zwang ihn eine geheimnisvolle Macht, seine Kr\u00e4fte mit der Gewalt des gro\u00dfen Wasserfalles zu messen. Mit einem einzigen Sprung m\u00fcsste man diese senkrechte Wasserwand bezwingen, oder sie konnte nicht bezwungen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen Abend und eine Nacht ruhte der Lachs im tiefen Wasser des Beckens. Er hatte sich jenen Platz gew\u00e4hlt, wo sich das niederfallende Wasser in der Tiefe brach, seinen pr\u00e4chtigen K\u00f6rper streichelte und ihn sacht schaukelte.<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal sprang er nach einer Fliege, und die weidenden Rinder am Ufer h\u00f6rten in der D\u00e4mmerung und beim sanften Licht der Mondnacht ein weiches Glucksen, wenn der glatte Wasserspiegel getr\u00fcbt wurde und sich weite Ringe \u00fcber das Wasser zogen, die die Ruhe der Wasserpflanzen am Ufer des Beckens st\u00f6rten.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum hatte der Morgen ged\u00e4mmert, kam der Lachs zur Oberfl\u00e4che des Wassers herauf, kreiste zwei- oder dreimal im Becken herum, bevor er seinen straffen, st\u00e4hlernen K\u00f6rper bog und in die Luft sprang, eingeh\u00fcllt in glitzernde Wassertropfen wie in einen Mantel flimmernder Goldm\u00fcnzen. Der weiche und doch feste Fischk\u00f6rper schlug auf den Stein, zwei Fu\u00df unter jener Stelle, wo sich das Wasser \u00fcber die Felsen st\u00fcrzte. Nur ein fast nicht h\u00f6rbarer, echoloser Laut folgte dem Aufprall eines nachgiebigen K\u00f6rpers auf einen harten, dann fiel dieser silbergl\u00e4nzende K\u00f6rper, gerade vorher noch stolz und zielbewusst, besiegt und seltsam grotesk zur\u00fcck in das Becken. Wieder und wieder erfolgten diese f\u00fcrchterlichen Spr\u00fcnge. Bald waren die glatten Fischflanken zerschunden, und Blut sickerte unter den Silberschuppen hervor. Beides war gleicherma\u00dfen schrecklich, der dumpfe Niederprall und der sich aufschnellende und st\u00fcrzende K\u00f6rper. Nur mit Schrecken konnte man dieses Schauspiel miterleben: ein lebender K\u00f6rper, der sich selbst auf dem gef\u00fchllosen, leblosen Antlitz der Felswand zerschmetterte. Zitternd flohen die anderen Fische bei jedem vergeblichen Versuch unter die Steine, und ihre kleinen Seelen f\u00fcllten sich mit Scham vor der Leidenschaft ihres gr\u00f6\u00dferen Gef\u00e4hrten. Ja, Scham und Ehrfurcht erf\u00fcllten sie zu gleicher Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sonne stand schon hoch am Himmel, bevor sich der Lachs in die Dunkelheit des tieferen Wassers hinabsinken lie\u00df. Seine letzten Spr\u00fcnge hatten den Rand des Wasserfalles fast zwei Meter verfehlt. Bei Sonnenuntergang begann der Kampf von neuern. Der Lachs machte zwei oder drei Spr\u00fcnge, dann schien er Kraft zu sammeln. Er fegte wild \u00fcber die Oberfl\u00e4che des Beckens, jeder Schlag seines Schwanzes lie\u00df einen Wirbel im Wasser zur\u00fcck. Sein K\u00f6rper schien sich zu spannen. Und dann, mit einem heftigen Aufschnellen warf er sich in die H\u00f6he.<\/p>\n\n\n\n<p>Er erreichte den Rand des Falles, einen fl\u00fcchtigen Augenblick sah er jenes friedliche, von herabgefallenen Nadeln und dem Schatten der B\u00e4ume dunkle Wasser, das die niederh\u00e4ngenden Zweige sanft streichelten. Seine Flossen stemmten sich gegen die Gewalt des Wassers gerade an jenem Punkt, wo es sich \u00fcber die Felskante st\u00fcrzen wollte. So hing er Sekunden dort, w\u00e4hrend das Wasser einen Kranz aus wei\u00dfem Gischt um seinen Kopf formte. Alle die kleineren Fische standen reglos im Wasser. W\u00fcnschten sie, dass ihr Gef\u00e4hrte siegte? Oder w\u00fcnschten sie &#8211; vielleicht noch mehr &#8211; dass er besiegt wurde?<\/p>\n\n\n\n<p>Es geschah nach ihrem Willen. Die Anstrengung war zu gro\u00df. Der Lachs konnte mit seinen Flossen keinen Halt finden, das unbarmherzige, unab\u00e4nderlich str\u00f6mende Wasser zog ihn zur\u00fcck, er glitt \u00fcber die Felswand, schlug auf eine der scharfen Felsspitzen und fiel hinab in das Becken. Der K\u00f6rper versank, drehte sich um sich selbst. Es sah aus, als ob ein Riese seinen L\u00f6ffel hinunter in das Becken geworfen h\u00e4tte. Nach kurzer Zeit kam der Lachs wieder an die Oberfl\u00e4che. Er trieb auf der Seite, die ganze Flanke tief aufgerissen. Die Felsspitze mochte das R\u00fcckgrat gebrochen haben, oder vielleicht auch war unter der riesenhaften Anstrengung das Herz des Fisches zersprungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Str\u00f6mung erfasste den leblosen K\u00f6rper und f\u00fchrte ihn abw\u00e4rts. Er verfing sich an Steintr\u00fcmmern, wurde weitergerissen, drehte sich, \u00fcberschlug sich, ein totes, wehrloses Wrack. An einer Fluss Kr\u00fcmmung wurde es auf eine Felsplatte getrieben, und in ein paar Stunden hatten Kr\u00e4hen und Stare das Fleisch von den Gr\u00e4ten gepickt. Wie eine seltsame, wei\u00dfe Feder blieb die gekr\u00fcmmte R\u00fcckengr\u00e4te auf dem Stein liegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht mehr als ein paar Dutzend anderer Lachse hatten den Kampf<br>\ngesehen, den letzten Todessprung und den abw\u00e4rts treibenden leblosen K\u00f6rper. Doch schon nach kurzer Zeit erz\u00e4hlte man sich die Geschichte flussabw\u00e4rts und flussaufw\u00e4rts, und alle Fische fanden es unfassbar, was geschehen war. Als die Jahre vergingen, kannten alle Lachse weit und breit die Geschichte des Kampfes, und allen jungen Fischen wurde sie berichtet, bevor sie noch zwei Ringe auf ihren Schuppen hatten. Der gro\u00dfe Fisch, der den gro\u00dfen Wasserfall herausgefordert hatte, erf\u00fcllte die Lachse mit Ehrfurcht und Staunen. Und wieder, nachdem Jahre vergangen und neue Generationen von Lachsen geboren waren, wurde der gro\u00dfe Fisch in ihren Legenden riesenhaft, er soll goldene Flossen gehabt haben, Augen, die in der Dunkelheit rot brannten, und man schrieb ihm die Macht des s\u00fc\u00dfesten Gesanges zu.<\/p>\n\n\n\n<p>So wurde dieser Fisch ein unsterblicher Lachs.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[85,168,133],"tags":[],"class_list":["post-606","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-maerchen","category-tier","category-maerchen-weltweit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/606","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=606"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/606\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4319,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/606\/revisions\/4319"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=606"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=606"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=606"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}