{"id":6054,"date":"2026-04-20T02:52:52","date_gmt":"2026-04-20T00:52:52","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=6054"},"modified":"2026-04-20T02:53:06","modified_gmt":"2026-04-20T00:53:06","slug":"von-einem-pfarrer-der-allzu-kraeftig-predigte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/von-einem-pfarrer-der-allzu-kraeftig-predigte\/","title":{"rendered":"Von einem Pfarrer, der allzu kr\u00e4ftig predigte"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Von einem Pfarrer, der allzu kr\u00e4ftig predigte<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Johann Wilhelm Wolf<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Es war einmal ein Bauer, der war so dumm, dass er sein eignes Haus im Orte nur daran kannte, das ein Kirschbaum vor der T\u00fcr stand. Jeden Morgen, wenn er aufs Feld zur Arbeit ging, gab seine Frau ihm ein St\u00fcck Brot, damit musste er umspringen bis zum Abend. Kam einmal ein armer Handwerksbursche daher und bat ihn um ein Almosen: \u00bbIch habe nur ein St\u00fcck Brot, da ist es\u00ab, sprach der Bauer, \u00bbaber im Orte steht ein Haus und davor ein Kirschbaum, da wohne ich; gehe dahin und lass dir mehr geben, meine Frau ist zu Hause.\u00ab Der Handwerksbursche, welcher ein Schneider seines Zeichens war, ging in das Dorf, suchte das Haus und sagte der Frau, ihr Mann habe ihn zu ihr geschickt und sie solle ihm etwas geben. Da gab sie ihm vollauf, denn er war ein sch\u00f6ner Mensch und gefiel ihr. Sie klagte ihm, wie sie mit ihrem dummen Manne so \u00fcbel dran sei und von Herzen w\u00fcnsche, von ihm erl\u00f6st zu werden. \u00bbEi das ist nichts leichter\u00ab, sprach der Schneider, \u00bbwenn du mich heiraten willst, will ich alles \u00dcbrige schon in Ordnung machen. \u00ab Das garstige Weib freute sich zu sehr, als es das h\u00f6rte, fiel dem Schneider um den Hals und rief ein \u00fcber das andere Mal: \u00bbAch was bin ich f\u00fcr eine gl\u00fcckliche Frau! \u00ab \u00bbGib mir vor allem die S\u00e4ge\u00ab, sprach der Schneider, \u00bbund geh mit vor die Haust\u00fcr.\u00ab Das geschah und da s\u00e4gten sie den Kirschbaum unten an der Wurzel ab und schleiften ihn in die Scheune. \u00bbJetzt sind wir geborgen\u00ab, sprach der Schneider, \u00bbnun lass uns lustig leben. \u00ab Da hausten die Beiden mit des Bauern sauer verdientem Geld, dass es eine Schande war; Wein und Braten konnte nicht alle werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Bauer auf dem Felde mit seiner Arbeit fertig war, trieb er mit seinen K\u00fchen nach dem Dorfe zur\u00fcck. Da suchte er die Stra\u00dfe hinauf, die Stra\u00dfe hinab nach dem Haus mit dem Kirschbaum davor, aber er fand es nicht und fand es nicht. Die Beiden standen am Fenster, sahen, wie der arme Bauer suchte und lachten. Endlich sprach der Schneider, der doch kein so ganz verdorbenes Herz hatte, wie das Weib: \u00bbWir wollen ihn doch die Nacht noch einmal bei uns logieren lassen. Morgen mag er sehn, wie er sich forthilft. \u00ab Er trat an die Th\u00fcr und als der Bauer wieder vorbeikam und ein recht betr\u00fcbtes Gesicht machte, rief er ihm zu und sprach: \u00bbWas fehlt euch denn? \u00ab \u00bbAch ich suche mein Haus, davor ein Kirschbaum steht, und kann es nicht finden und habe doch die letzte Nacht darin geschlafen. Sagt mir doch, wo ich mein Haus mit dem Kirschbaum finde\u00ab, bat der Bauer und der Schneider sprach: \u00bbLieber Freund, ich bin in dem Ort geboren und erzogen, aber ein Haus mit einem Kirschbaum habe ich nie hier gesehen. Ihr m\u00fcsst in einem andern Ort zu Hause sein. Da es aber schon sp\u00e4t ist, so geht mit mir und \u00fcbernachtet bei mir. \u00ab \u00bbGott lohn&#8217;s euch! \u00ab sagte der Bauer und bot ihm treuherzig die Hand, dann trieb er seine K\u00fche durch das Hoftor in den Stall und der Schneider ging mit. Im Stalle schaute der Bauer sich um und sprach: \u00bbWenn der Stall nicht euch geh\u00f6rte, wei\u00df der Himmel, ich m\u00f6chte drauf schw\u00f6ren, es sei mein Stall. \u00ab \u00bbWas sind das f\u00fcr Redensarten? Ihr werdet doch nicht denken, ich h\u00e4tte euren Stall genommen? \u00ab frug der Schneider. \u00bbBewahre, bewahre, lieber Freund\u00ab, antwortete der Bauer. \u00bbEin Stall kann ja aber dem andern gleichen. \u00ab Nachdem die Tiere versorgt waren, sagte der Schneider: \u00bbNun kommt herein und esst mit uns zu Nacht. \u00ab \u00bbVon Herzen gern, ich habe gro\u00dfen Hunger\u00ab, sprach der Bauer und folgte dem Schneider. Als sie in die Stube kamen, sa\u00df das Weib da und strickte. Der Bauer schaute sich um, guckte das Weib an und sprach: \u00bbWie es einem doch so kurios gehen kann! Wenn ich nicht w\u00fcsste, dass ich in eurem Hause bin, wollte ich drauf schw\u00f6ren, das sei meine Stube und dort sitze meine Frau. \u00ab \u00bbWas muss ich da h\u00f6ren? \u00ab rief der Schneider. \u00bbZuvor sagtet ihr, dass es euch scheinen Stall sei euer, und jetzt wollt ihr gar behaupten, mein Haus und meine Frau seien euer. \u00ab \u00bbBewahre, lieber Freund\u00ab, sprach der Bauer, \u00bbaber ein Haus und eine Frau k\u00f6nnen einander gleichen. Es schien mir nur so. \u00ab Sie setzten sich jetzt zu Tische und a\u00dfen, dann legten sie sich alle schlafen. Da beriet der Schneider mit dem Weibe, was sie jetzt weiter machen sollten. \u00bbHalt ich hab&#8217;s! \u00ab rief er endlich. \u00bbIch sah in deinem Kleiderschrank vorhin ein schwarzes Kleid h\u00e4ngen, daraus mache ich ihm einen Pfarrersrock und ein Pfarrerk\u00e4ppchen. F\u00fcr das \u00dcbrige lass mich nur sorgen.\u00ab Sie holte rasch das Kleid und Zwirn, Nadel und Schere dazu, mein Schneider sprang auf den Tisch und n\u00e4hte tapfer drauf los, so dass er vor Tagesanbruch mit dem Anzuge fertig war; den legte er dem Bauern vor sein Bett.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Bauer Morgens erwachte und sich anziehen wollte und den Pfarrersrock mit dem Pfarrerk\u00e4ppchen fand, war er gar verdutzt und sprach zu sich selber: \u00bbHab ich doch gemeint, ich sei ein Bauer und bin doch ein Pfarrer. Was man sich nicht Alles einbilden kann!\u00ab Er zog sich an und ging in die gro\u00dfe Stube, da stand der Schneider und das Weib ehrerbietig auf und gr\u00fc\u00dften ihn: \u00bbGuten Morgen, lieber Herr Pfarrer.\u00ab Der Bauer sch\u00fcttelte den Kopf und fragte sich selber aufs Gewissen noch einmal: \u00bbBin ich&#8217;s, oder bin ich&#8217;s nicht?\u00ab Da sprach der Schneider: \u00bbWollen Sie denn so fr\u00fch schon weiter ziehen, Herr Pfarrer?\u00ab und das Weib: \u00bbIch will Ihnen vorher noch einen guten Kaffee kochen, Herr Pfarrer.\u00ab \u00bbIch bin&#8217;s nicht, ich bin der Pfarrer\u00ab, sagte jetzt der Bauer zu sich selbst, denn so gro\u00dfe Falschheit hielt er in seiner Treuherzigkeit nicht f\u00fcr m\u00f6glich. \u00bbIch nehme den Kaffee mit Dank an\u00ab, antwortete er alsdann, trank und a\u00df und reiste weiter, w\u00e4hrend der Schneider und das Weib ins F\u00e4ustchen lachten.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen Mittag kam er an ein Dorf, da war der Pfarrer gestorben und die Bauern suchten einen neuen Pfarrer. Da kam ihnen der Bauer gerade recht und er wurde sogleich ins Pfarrhaus gef\u00fchrt und am folgenden Tage, der ein Sonntag war, sollte er zuerst predigen. \u00bbWem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand\u00ab, dachte der Bauer und ging Nachmittags aus, um einen Text zu seiner Predigt zu suchen. Da kam er an ein Wasser, worauf ein Korb schwamm und er sprach: \u00bbHalt, da habe ich schon eins, das ist Cuprum.\u00ab Dann kam er an eine Wiese, worauf eine Kuh Klee fra\u00df. \u00bbEs geht gut\u00ab, sprach er, \u00bbdas ist also Cuprum K\u00fchlerem.\u00ab Dann kam er auf den Weg, wo eine alte Frau sa\u00df. \u00bbJetzt hab ich den Text\u00ab, sprach er; \u00bb Cuprum Kubkleeum die alta Mameum.\u00ab Ging nach Hause zur\u00fcck, lie\u00df vier Zimmerleute kommen, die mussten den andern Morgen vor der Predigt auf den Boden gehen jeder mit einer Axt. Was sie da zu thun hatten, sagte er ihnen ins Ohr.<\/p>\n\n\n\n<p>Morgens als die Gemeinde in der Kirche sa\u00df, bestieg er die Kanzel und sprach: \u00bbMeine lieben Zuh\u00f6rer, jetzt fange ich meine Predigt an, deren Text ist schon so kr\u00e4ftig, dass Holz und Stein in der Kirche sich dar\u00fcber erbarmen und krachen und bersten vor lauter R\u00fchrung und ihr alle werdet weinen und jammern, als wenn das J\u00fcngste Gericht anbreche.\u00ab \u00bbAh das ist einmal ein Prediger f\u00fcr uns\u00ab sagten die Bauern einer zum andern, als sie husteten und sich schn\u00e4uzten. \u00bbDer versteckt\u2018s.\u00ab Jetzt fuhr der Pfarrer fort: \u00bbMein Text lautet aber also: Corpum Kuhkleeum.\u00ab Da schlugen zwei Zimmerleute mit ihren \u00c4xten wider die Decke, dass es Kalk und Lehm regnete. \u00bb Die alta Mameum!\u00ab schrie der Pfarrer weiter und da handhabten sie die \u00c4xte alle vier, so dass gro\u00dfe St\u00fccke von der Decke herniederfielen und die Bauern alle aus der Kirche flohen, denn sie glaubten nicht anders als sie st\u00fcrze ein. Er aber ging zufrieden nach Hause.<\/p>\n\n\n\n<p>Da kam der B\u00fcrgermeister mit dem Gemeinderat zu ihm und sprach: \u00bbLieber Herr Pfarrer, unsere Kirche ist nicht f\u00fcr so kr\u00e4ftige Predigten gebaut. Da wir aber einen Mann wie euch um alles in der Welt als Pfarrer behalten wollen, so bitten wir euch um Erlaubnis, euch noch einen Pfarrgehilfen geben zu d\u00fcrfen.\u00ab \u00bbDaran tut wie euch gef\u00e4llt, liebe Pfarrkinder\u00ab, sprach der Pfarrer. Er bekam jetzt einen Gehilfen, brauchte nicht mehr zu predigen und hatte gute Tage bis an sein Ende.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von einem Pfarrer, der allzu kr\u00e4ftig predigte Johann Wilhelm Wolf Es war einmal ein Bauer, der war so dumm, dass er sein eignes Haus im Orte nur daran kannte, das ein Kirschbaum vor der T\u00fcr stand. 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