{"id":604,"date":"2015-11-03T22:30:05","date_gmt":"2015-11-03T21:30:05","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=604"},"modified":"2025-12-28T02:31:14","modified_gmt":"2025-12-28T01:31:14","slug":"das-graue-maennchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/das-graue-maennchen\/","title":{"rendered":"Das graue M\u00e4nnchen"},"content":{"rendered":"<p>Johann Wilhelm Wolf<br \/>\n<!--more--><br \/>\nEs war einmal ein reicher Bauer. Weil er aber schon alt war und kein Kind hatte, ward er traurig und dachte: \u00bbIch wei\u00df doch nicht, f\u00fcr wen ich eigentlich schaffe. \u00ab Er lie\u00df nun die Sachen gehen wie sie wollten und bald war mehr als die H\u00e4lfte seines Verm\u00f6gens fort. Auf einen Tag lud er Holz im Walde ab, da kam ein klein grau M\u00e4nnlein und fragte ihn, warum er so traurig sei? Als er nun erz\u00e4hlte, wie es jeden Tag r\u00fcckw\u00e4rts mit ihm gehe und ein Acker um den andern an den Juden komme, da sagte das M\u00e4nnlein, er, der Bauer, habe Etwas im Hause, wenn er ihm das zu eigen gebe, so wolle er ihn wieder so reich machen, als er gewesen und noch einmal so reich dazu. Der Bauer sagte mit Freuden ja, da verk\u00fcndigte ihm das graue M\u00e4nnchen, seine Frau gehe mit einem Kinde, das sei nun ihm verfallen und er m\u00fcsse es ihm hier auf den Fleck bringen, sobald es das zw\u00f6lfte Jahr erreicht h\u00e4tte. Bis dahin solle er dem Kinde in Allem den Willen tun und ihm nichts befehlen.<\/p>\n<p>Als der Bauer nach Haus kam und seiner Frau Alles erz\u00e4hlte, sagte sie Anfangs, das M\u00e4nnlein habe sich geirrt, doch nach und nach machte sich die Sache und nach drei Vierteljahren genas sie eines sch\u00f6nen S\u00f6hnleins. Zugleich mit dem Kinde kam dem Bauern das Gl\u00fcck ins Haus, so dass er bald nach des M\u00e4nnleins Versprechen doppelt so reich war, als er vorher gewesen.<\/p>\n<p>Der Knabe lief den ganzen Tag im Wald umher und als er sechs Jahr alt war, musste ihm der Vater eine Flinte kaufen, mit der schoss er Alles, was ihm in den Weg kam. Als des Buben zw\u00f6lfter Geburtstag da war, sagte der Bauer zu ihm, er m\u00f6ge doch morgen einmal mit ins Holz fahren. Des andern Tages setzten sie sich auf den Wagen und fuhren hinaus an die bewusste Stelle. Der Alte fing nun an d\u00fcrres Holz aufzulegen und nach und nach ein B\u00fcndelchen daraus zu machen, immer in der Erwartung, dass das graue M\u00e4nnlein kommen sollte. Dem Buben w\u00e4hrte aber das Ding bald zu lang und er sagte: \u00bbVater macht fort, sonst bleib ich nicht da! \u00ab Der Vater sprach in seinem Sinn: \u00bbO gingst du doch! \u00ab da er ihn aber nichts hei\u00dfen durfte, so schwieg er ganz still und sammelte fort, aber noch viel langsamer. \u00bbVater\u00ab, sagte jetzt der Bub \u00e4rgerlich, \u00bbwenn du nicht fortmachst, so geh ich in die weite Welt. \u00ab \u00bbO wenn du doch gingst!\u00abdachte der Vater und tat als wenn er \u00fcber seiner Arbeit einschlafen wollte. Da warf der Sohn sein Gewehr auf den Buckel und sagte: \u00bbAde Alter\u00ab, und fort war er. Der Bauer aber war froh und fuhr heim zu seiner Frau und erz\u00e4hlte ihr die ganze Sache und war viel Jammerns bei ihnen \u00fcber das verlorne Kind. Der Bub lief unterdessen immer lustig in die Welt hinein, doch als er aus dem Walde gekommen und noch ein paar Stunden gegangen war, kam der Hunger an ihn. Deswegen ging er zu einem Bauer und verdingte sich als Knecht, tat aber nicht lang gut. Er kam bald bei vielen Herrschaften herum und war nirgends viel R\u00fchmens von ihm. Endlich kam er auch wieder einmal zu einer Herrschaft, da sollte er die Schafe h\u00fcten. Ehe er zum ersten Male hinaustrieb, nahm ihn die Frau bei Seite und sagte, es w\u00e4re Schad&#8216; um so ein junges B\u00fcrschchen wie Milch und Blut, und er solle sich mit seinen Schafen auf der Weide immer links halten, denn rechts im Walde sei der gro\u00dfe B\u00e4r, der habe schon drei Sch\u00e4fer vor ihm geholt. Der Bub dankte der Frau, hing sein Gewehr um und trieb sein Vieh gleich rechts und immer weiter rechts bis an den dunkeln Wald. Gleich kam auch mit f\u00fcrchterlichem Brummen ein B\u00e4r gelaufen so gro\u00df wie ein Scheunentor, mit gl\u00fchenden Augen, so gro\u00df wie ein Paar Suppenteller. Der Bursch besann sich nicht lange und schoss dem Tier gerade ins Gesicht. Da stand mit einem Schlage statt des B\u00e4ren eine wundersch\u00f6ne wei\u00dfe Dame vor ihm, die bedankte sich, dass er sie erl\u00f6st habe und sagte, er solle sich dreierlei w\u00fcnschen. \u00bbF\u00fcrs Erste\u00ab, sprach da der Junge, \u00bbw\u00fcnsche ich mir das Himmelreich dereinst zu erben, f\u00fcrs Zweite so viel Geld als ich nur immer haben mag und f\u00fcrs Dritte dich zur Frau. \u00ab \u00bbAlles sollst du haben\u00ab, sagte die Dame, \u00bbnur das Dritte kann nicht sein, denn ich bin nicht mehr ledig und habe einen Mann und drei Kinder zu Haus, ich will dir aber stattdessen die Kraft schenken, dass du dich verwandeln kannst, zu was du willst. \u00ab Und damit verschwand sie. Der junge Bursch zog seines Weges fort bis er an ein gro\u00dfes Schloss kam, da hie\u00df es unten im Ort, heut \u00fcber acht Tage sei etwas Gro\u00dfes droben vor. Der K\u00f6nig wolle seine drei T\u00f6chter neben einander stellen; davon sehe eine aus wie die Andre und wer es riete, welche die \u00c4lteste oder die J\u00fcngste sei, der solle sie haben und das K\u00f6nigreich dazu; wer aber falsch rate der m\u00fcsse den Kopf lassen. Da verwandelte er sich in ein goldiges V\u00f6glein und flog in den Schlossgarten, wo die drei T\u00f6chter an der Tafel sa\u00dfen und speisten. Er nahm sich ein R\u00f6cklein und flog damit fort, kam wieder und tat, als wenn er immer kecker w\u00fcrde und lie\u00df sich endlich von der Einen mit der Hand fangen. Da liefen sie alle drei in gro\u00dfer Freude ins Schloss und zeigten ihrem Vater das sch\u00f6ne V\u00f6glein und jede wollte es haben. Die, die es gefangen hatte, tat es aber nicht anders, es musste in einem goldnen Bauer in ihr Schlafzimmer geh\u00e4ngt werden. Als es Nacht war kam das V\u00f6glein heraus, und wie die K\u00f6nigstochter erwachte, stand ein Mann an ihrem Bette. Sie schrie, dass der ganze Hofstaat, den K\u00f6nig an der Spitze, gelaufen kam, aber der Vogel war wieder im K\u00e4fig, und der J\u00fcngling verschwunden. Der K\u00f6nig mit dem Hofe zog wieder ab und war sehr erz\u00fcrnt, dass man ihn aus dem besten Schlafe geweckt hatte, um Nichts und wider Nichts. Als nun die Prinzessin wieder aufwachte, und der J\u00fcngling wieder an ihrem Bette stand, schrie sie noch \u00e4rger denn zuvor. Diesmal aber drohte ihr der K\u00f6nig, wenn sie noch einmal einen solchen L\u00e4rm anfange, wolle er ihr gewiss und wahrhaftig den Kopf abhauen. Sie getraute sich nicht mehr einzuschlafen und sah nun, wie das V\u00f6glein aus dem K\u00e4fig kam und zum sch\u00f6nen J\u00fcngling wurde. Sie erschrak zu Tode und h\u00e4tte wieder geschrienen, wenn er ihr nicht mit einem Kuss den Mund geschlossen h\u00e4tte. Sie wurden nun eins mit einander, und sie sagte ihm, sie sei die J\u00fcngste, und daran k\u00f6nne er sie erkennen, dass ihr Taschentuch daumenbreit aus dem Sch\u00fcrzent\u00e4schchen herausgucken werde. Hat es denn auch wohl herausgeguckt den andern Tag bei der feierlichen Wahl? Daumenbreit nicht, aber zwei H\u00e4nde lang sah es heraus, und er bekam sie und war K\u00f6nig.<\/p>\n<p>Als er das Regieren ein Wenig satt hatte, ging er wieder wie fr\u00fcher den ganzen Tag auf die Jagd. Er hatte einen gro\u00dfen, gro\u00dfen Forst und darin drei Teiche, einer immer weiter fort als der andre, und an dem ersten stie\u00df er eines Tags auf eine wei\u00dfe Hirschkuh, die lockte ihn fort bis an den dritten Teich, hier blieb sie stehen. Er schoss &#8211; und mit einem Schlage stand statt des Hirsches das graue M\u00e4nnchen da und packte ihn am Kragen. \u00bbIch bin ja der K\u00f6nig! \u00ab rief er. \u00bbEi was K\u00f6nig! ein schlechter Bauernbub bist du, ich hab damals nur keine Zeit gehabt, dich zu holen; jetzt aber bist du mein! \u00ab rief das M\u00e4nnchen und damit warf es ihn in den Teich, hundert Klafter tief unter das Wasser.<\/p>\n<p>Als die K\u00f6nigin lange vergeblich auf ihren Gemahl gewartet hatte, rief sie alle Zauberer im Lande zusammen, um ihn wieder herbeizuschaffen. Lange wollte es keiner unternehmen, zuletzt sagte einer, er wolle es tun, er brauche dazu nichts als einen Spiegel und eine Sackuhr. Mit diesen beiden St\u00fccken fuhr er hinaus an den Teich, zog einen Kreis darum und legte die Uhr ans Ufer. Dann fing er an zu beschw\u00f6ren, bis das M\u00e4nnlein heraus kam aus dem Wasser. Es ging in dem Kreise um den Teich herum, bis es an die Uhr kam, da blieb es stehen und fragte, was das sei? Das w\u00e4re eine Uhr, sprach der Hexenmeister, darin w\u00e4re etwas Lebendiges und man k\u00f6nne immer darauf sehn, welche Zeit es sei. Das M\u00e4nnlein hielt die Uhr ans Ohr und sagte, es wolle sie eintauschen. Der Zauberer erwiderte, f\u00fcr den K\u00f6nig k\u00f6nne er sie bekommen; endlich wurden sie einig, dass das M\u00e4nnlein den K\u00f6nig nur einmal zeigen und die Uhr daf\u00fcr kriegen solle. Da fuhr es hinab und brachte den armen K\u00f6nig heraus, es lie\u00df ihn aber nur zur H\u00e4lfte aus dem Wasser heraussehen, damit es noch Gewalt \u00fcber ihn hatte, und riss ihn dann schnell wieder hinunter.<\/p>\n<p>Wie er es mit der Uhr gemacht hatte, so machte es der Zauberer nun mit dem Spiegel. Das M\u00e4nnlein freute sich gar sehr \u00fcber das Glas, worin es sich pers\u00f6nlich sehen konnte und sagte, es h\u00e4tte nie gedacht, dass es so sch\u00f6n sei. Der Zauberer versprach ihm den Spiegel, wenn es den K\u00f6nig noch einmal herausheben und auf seine flache Hand stellen wolle.<\/p>\n<p>Das M\u00e4nnlein willigte ein; wie aber der K\u00f6nig auf seiner Hand sa\u00df, ward er auf einmal zum goldigen V\u00f6glein und flog fort. Das Wasser schwoll ihm nach, zwei Stockwerk hoch, doch es konnte ihn nicht mehr erreichen. Da zerschlug das M\u00e4nnlein im Zorn den Spiegel und fuhr hinab in den brausenden See. Als aber der Zauberer heim kam, lag der K\u00f6nig schon oben am Fenster und hatte sein liebes Ehegemahl im Arme.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Johann Wilhelm Wolf<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[92,85],"tags":[],"class_list":["post-604","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-johann-wilhelm-wolf","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/604","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=604"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/604\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":605,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/604\/revisions\/605"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=604"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=604"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=604"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}