{"id":6027,"date":"2026-04-20T01:58:07","date_gmt":"2026-04-19T23:58:07","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=6027"},"modified":"2026-04-20T01:58:08","modified_gmt":"2026-04-19T23:58:08","slug":"rattenkoenig-birlibi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/rattenkoenig-birlibi\/","title":{"rendered":"Rattenk\u00f6nig Birlibi"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><a><strong>Rattenk\u00f6nig Birlibi<\/strong><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Ernst Moritz Arndt<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Ich will die Geschichte erz\u00e4hlen von dem Rattenk\u00f6nig Birlibi, eine Geschichte, die mir Balzer Tievs aus Preseke oft erz\u00e4hlt hat nebst vielen andern Geschichten. Balzer war ein Knecht, der auf meines Vaters Hofe diente, als ich acht, neun Jahre alt war, ein Mensch von schalkischen Einf\u00e4llen, der viele Geschichten und M\u00e4rchen wusste. Die Geschichte von dem Rattenk\u00f6nig Birlibi lautet also:<\/p>\n\n\n\n<p>In dem stralsundischen Dorfe Altenkamp, welches zwischen Garz und Putbus seitw\u00e4rts am Strande liegt, hat vormals ein reicher Bauer gelebt, der hie\u00df Hans Burwitz. Das war ein ordentlicher, kluger Mann, dem alles, was er angriff, geriet, und der im ganzen Dorfe die beste Wehr hatte. Er hatte sechzehn K\u00fche, vierzig Schafe, acht Pferde und zwei F\u00fcllen auf dem Stalle und in den Koppeln, glatt wie die Aale und von so guter Zucht, dass seine F\u00fcllen auf dem Berger Pferdemarkt immer zu acht bis zehn Pistolen das St\u00fcck bezahlt wurden. Dazu hatte er sechs h\u00fcbsche Kinder, S\u00f6hne und T\u00f6chter, und es ging ihm so wohl, dass die Leute ihn wohl den reichen Bauer zu Altenkamp zu nennen pflegten. Dieser Mann ist durch n\u00e4chtliche G\u00e4nge im Walde um all sein Verm\u00f6gen gekommen.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/rattenkoenig.jpg\" rel=\"lightbox[6027]\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/rattenkoenig.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6028\" style=\"width:538px;height:auto\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Hans Burwitz war auch ein starker J\u00e4ger, besonders hatte er eine treffliche Witterung auf F\u00fcchse und Marder und war deswegen oft des Nachts im Walde, wo er seine Eisen gelegt hatte und auf den Fang lauerte. Da hat er im Dunkeln und im Zwielichte der D\u00e4mmerung und des Mondscheins manche Dinge gesehen und geh\u00f6rt, die er nicht wiedererz\u00e4hlen mochte, wie denn im Walde des Nachts viel Wunderliches und Absonderliches vorgeht; aber die Geschichte von dem Rattenk\u00f6nig Birlibi hat man von ihm erfahren. Hans Burwitz hatte in seiner Kindheit oft von einem Rattenk\u00f6nig erz\u00e4hlen h\u00f6ren, der eine goldene Krone auf dem Kopfe trage und \u00fcber alle Wiesel, Hamster, Ratten, M\u00e4use und anderes dergleichen Springinsfeldisches und leichtes Gesindel herrsche und ein gewaltiger Waldk\u00f6nig sei; aber er hatte nie daran glauben wollen. Manches liebe Jahr war er auch im Walde auf Fuchs- und Marderfang und Vogelstellerei rundgegangen und hatte vom Rattenk\u00f6nig auch nicht das mindeste weder gesehen noch geh\u00f6rt. Da mochte der Rattenk\u00f6nig aber wohl in einer anderen Gegend sein Wesen getrieben haben. Denn er hat viele Schl\u00f6sser in allen L\u00e4ndern unter den Bergen und zieht beinahe jedes Jahr auf ein anderes Schloss, wo er sich mit seinen Hofherren und Hofdamen erlustigt. Denn er lebt wie ein sehr vornehmer Herr, und der Gro\u00dfmogul und K\u00f6nig von Frankreich kann keine bessere Tage haben, und die K\u00f6nigin von Antiochien hat sie nicht gehabt, die ihr Verm\u00f6gen in Herzen von Paradiesv\u00f6geln und Gehirnen von Nachtigallen aufgefressen hat. Und das glaube nur nicht, dass dieser Rattenk\u00f6nig und seine Freunde N\u00fcsse und Weizenk\u00f6rner und Milch je an ihren Schnabel bringen; nein, Zucker und Marzipan ist ihr t\u00e4gliches Essen, und s\u00fc\u00dfer Wein ist ihr Getr\u00e4nk, und leben besser als K\u00f6nig Salomon und Feldhauptmann Holofernes.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun ging Hans Burwitz wieder einmal nach Mitternacht in den Wald und war auf der Fuchslauer. Da h\u00f6rte er aus der Ferne ein vielstimmiges und kreischendes Get\u00f6se, und immer klang mit heller Stimme heraus:&nbsp;<em>Birlibi! Birlibi! Birlibi!<\/em>&nbsp;Da erinnerte er sich des M\u00e4rchens vom Rattenk\u00f6nig Birlibi, das er oft geh\u00f6rt hatte, und er dachte: \u00bbWillst mal hingehen und zusehen, was es ist!\u00ab Denn er war ein beherzter Mann, der auch in der stockfinstersten Nacht keine Furcht kannte. Und er war schon auf dem Sprunge zu gehen, da bedachte er das Sprichwort: \u00bbBleib weg, wo du nichts zu tun hast, so beh\u00e4ltst du deine Nase\u00ab; aber das Birlibi t\u00f6nte ihm nach, solange er im Walde war. Und die andere Nacht und die dritte Nacht war es wieder ebenso. Er aber lie\u00df sich nichts anfechten und sprach: \u00bbLass den Teufel und sein Gesindel ihr tolles Wesen treiben, wie sie wollen! Sie k\u00f6nnen dem nichts tun, der sich nicht mit ihnen abgibt.\u00ab Wollte Gott, Hans h\u00e4tte es immer so gehalten! Aber die vierte Nacht hat es ihn \u00fcberm\u00e4chtigt, und er ist wirklich in die b\u00f6sen Stricke geraten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist der Walpurgisabend gewesen, und seine Frau hat ihn gebeten, er m\u00f6ge diese Nacht nur nicht in den Wald gehen, denn es sei nicht geheuer, und alle Hexenmeister und Wettermacherinnen seien auf den Beinen, die k\u00f6nnen ihm was antun; denn in dieser Nacht, die das ganze h\u00f6llische Heer loslasse, sei schon mancher Christenmensch zu Schaden gekommen. Aber er hat sie ausgelacht und hat es eine weibische Furcht genannt und ist seines gew\u00f6hnlichen Weges in den Wald gegangen, als die andern zu Bett waren. Da ist ihm aber der K\u00f6nig Birlibi zu m\u00e4chtig geworden. Anfangs war es diese Nacht im Walde eben wie die vorigen N\u00e4chte, es tosete und l\u00e4rmte von fern, und das Birlibi klang hell darunter; und was \u00fcber seinem Kopfe durch die Wipfel der B\u00e4ume schwirrte und pfiff und rauschte, das k\u00fcmmerte Burwitz nicht viel, denn an Hexerei glaubte er gar nicht und sagte, es seien nur Nachtgeister, wovor dem Menschen graue, weil er sie nicht kenne, und allerlei Blendwerke und Gaukeleien der Finsternis, die dem nichts tun k\u00f6nnen, der keinen Glauben daran habe. Aber als es nun Mitternacht ward und die Glocke zw\u00f6lf geschlagen hatte, da kam ein ganz anderes Birlibi aus dem Walde hervor, dass Hansen die Haare auf dem Kopfe kribbelten und sauseten und er davonlaufen wollte. Aber die waren ihm zu geschwind, und er war bald mitten unter dem Haufen und konnte nicht mehr heraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn als es zw\u00f6lf geschlagen hatte, t\u00f6nte der ganze Wald mit einem Male wie von Trommeln und Pauken und Pfeifen und Trompeten, und es war so hell darin, als ob er pl\u00f6tzlich von vielen tausend Lampen und Kerzen erleuchtet worden w\u00e4re. Es war aber diese Nacht das gro\u00dfe Hauptfest des Rattenk\u00f6nigs, und alle seine Untertanen und Leute und Mannen und Vasallen waren zur Feier desselben aufgeboten. Und es schienen alle B\u00e4ume zu sausen und alle B\u00fcsche zu pfeifen und alle Felsen und Steine zu springen und zu tanzen, so dass Hansen entsetzlich bange ward; aber als er weglaufen wollte, verrannten ihm so viele Tiere den Weg, dass er nicht durchkommen konnte und sich ergeben musste, stehenzubleiben, wo er war. Es waren da die F\u00fcchse und die Marder und die Iltisse und Wiesel und Siebenschl\u00e4fer und Murmeltiere und Hamster und Ratten und M\u00e4use in so zahlloser Menge, dass es schien, sie waren aus der ganzen Welt zu diesem Feste zusammengetrommelt. Sie liefen und sprangen und h\u00fcpften und tanzten durcheinander, als ob sie toll waren; sie standen aber alle auf den Hinterf\u00fc\u00dfen, und mit den Vorderf\u00fc\u00dfen trugen sie gr\u00fcne Zweige aus Maien und jubelten und toseten und heulten und kreischten und pfiffen jeder auf seine Weise. Kurz, es war das ganze leichte Diebsgesindel der Nacht beisammen und machten gar ein scheu\u00dfliches Gel\u00e4ute und Gebimmel und Get\u00fcmmel durcheinander. In den L\u00fcften ging es ebenso wild als auf der Erde; da flogen die Eulen und Kr\u00e4hen und K\u00e4uze und Uhus und Flederm\u00e4use und Mistk\u00e4fer bunt durcheinander und verk\u00fcndigten mit ihren gellenden und kreischenden Kehlen und mit ihren summenden und schwirrenden Fl\u00fcgeln die Freude des hohen Tages.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Hans erschrocken und erstaunt sich mitten in dem Gewimmel und Geschwirr und Get\u00f6se befand und nicht wusste, wo aus noch ein, siehe, da leuchtete es mit einem Male heller auf, und nun sangen viele tausend Stimmen zugleich, dass es in f\u00fcrchterlich grauslicher Feierlichkeit durch den Walde schallte und Hansen das Herz im Leibe bebte:<\/p>\n\n\n\n<p>Macht auf! Macht auf! Macht auf die Pforten!<br>Und wallet her von allen Orten!<br>Geladen seid ihr allzugleich;<br>Der K\u00f6nig ziehet durch sein Reich.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin der gro\u00dfe Rattenk\u00f6nig.<br>Komm her zu mir, hast du zu wenig!<br>Von Gold und Silber ist mein Haus,<br>Das Geld mess&#8216; ich mit Scheffeln aus.<\/p>\n\n\n\n<p>So klang es im feierlichen und langsamen Gesange fort, und dann schallten immer wieder einzelne kreischende und gellende Stimmen mit widerlichem Laute darunter&nbsp;<em>Birlibi! Birlibi!<\/em>&nbsp;und die ganze Menge rief&nbsp;<em>Birlibi!<\/em>&nbsp;nach, dass es durch den Wald schallte. Und es war der Rattenk\u00f6nig, welcher einhergezogen kam. Er war ungeheuer gro\u00df wie ein Mastochs und sa\u00df auf einem goldenen Wagen und hatte eine goldene Krone auf dem Haupte und hielt ein goldenes Zepter in der Hand, und neben ihm sa\u00df seine K\u00f6nigin und hatte auch eine goldene Krone auf und war so fett, dass sie gl\u00e4nzte; und sie hatten ihre langen kahlen Schw\u00e4nze hinter sich zusammengeschlungen und spielten damit, denn ihnen war sehr wohlig zumute. Und diese Schw\u00e4nze waren das Allerscheu\u00dflichste, was man da sah; aber der K\u00f6nig und die K\u00f6nigin waren auch scheu\u00dflich genug. Und der Wagen, worin sie sa\u00dfen, ward von sechs magern W\u00f6lfen gezogen, die mit den Z\u00e4hnen fletschten, und zwei lange Kater standen als Heiducken hinten auf und hielten brennende Fackeln und miauten entsetzlich. Dem Rattenk\u00f6nig und der Rattenk\u00f6nigin war aber vor ihnen nicht bange; sie schienen hier zu gewaltige Herren und K\u00f6nige \u00fcber alle zu sein. Es gingen auch zw\u00f6lf geschwinde Trommelschl\u00e4ger dem Wagen voran und trommelten. Das waren Hasen; die m\u00fcssen die Trommel schlagen und andern Mut machen, weil sie selbst keinen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Hansen war schon bange genug gewesen; jetzt aber, als er den Rattenk\u00f6nig und die Rattenk\u00f6nigin und die W\u00f6lfe und Kater und Hasen so miteinander sah, da schauderte ihm die Haut auf dem ganzen Leibe, und sein sonst so tapferes Herz wollte fast verzagen, und er sprach bei sich: \u00bbHier mag der Henker l\u00e4nger bleiben, wo alles so wider die Natur geht! Ich habe auch wohl von Wundern gelesen und geh\u00f6rt; aber sie gingen doch immer etwas nat\u00fcrlich zu. Dass dies aber buntes Teufelsspiel ist und teuflisches Pack, sieht man wohl. Wer nur heraus w\u00e4re!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Und Hans machte noch einen Versuch, sich heraus zu dr\u00e4ngen; aber der Zug brauste immer frisch fort durch den Wald, und Hans musste mit. So ging es, bis sie an eine \u00e4u\u00dferste Ecke des Waldes kamen. Da war ein offenes Feld und hielten viele hundert Wagen, die mit Speck und Fleisch und Korn und N\u00fcssen und anderen Esswaren beladen waren. Einen jeden Wagen fuhr ein Bauer mit seinen Pferden, und die Bauern trugen die S\u00e4cke Korn und das Speck und die Schinken und Mettw\u00fcrste und was sie sonst geladen, hinab in den Wald, und als sie Hans Burwitz stehen sahen, riefen sie ihm zu: \u00bbKomm! Hilf auch tragen!\u00ab Und Hans ging hin und lud mit ab und trug mit ihnen; er war aber so verwirrt, dass er nicht wusste, was er tat. Es deuchte ihm aber in dem Zwielichte, als sehe er unter den Bauern bekannte Gesichter, und unter andern den Schulzen aus Krakvitz und den Schmied aus Casnevitz; er lie\u00df sich aber nichts merken, und jene taten auch wie unbekannte Leute. Mit den Bauern aber hatte es die Bewandnis: sie hatten sich dem Rattenk\u00f6nig und seinem Anhange zum Dienst ergeben und mussten ihnen in der Walpurgisnacht, wo des Rattenk\u00f6nigs gro\u00dfes Fest steht, immer den Raub zu dem Walde fahren, den Rattenk\u00f6nigs Untertanen einzeln aus allen Orten der Welt zusammengemaust und zusammengestohlen hatten. Und Hans kam nun auch ganz unschuldig dazu und wusste nicht wie. Sowie die S\u00e4cke und das andere in den Wald getragen wurden, war das wilde Diebsgesindel dar\u00fcber her, und es ging Grips! Graps! und Rips! Raps! hast du mir nicht gesehen, und jeder griff zu und schleppte sein Teil fort, so dass ihrer immer weniger wurden. Der K\u00f6nig aber hielt noch da in seinem hohen und pr\u00e4chtigen Wagen, und es tanzten und toseten und l\u00e4rmten noch einige um ihn. Als aber alle Wagen abgeladen waren, da kamen wohl hundert gro\u00dfe Ratten und gossen Gold aus Scheffeln auf das Feld und auf den Weg und sangen dazu:<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4nde her! M\u00fctzen her!<br>Wer will mehr? Wer will mehr?<br>Lustig! Lustig! Heut geht&#8217;s toll,<br>Lustig! H\u00e4nd&#8216; und M\u00fctzen voll!<\/p>\n\n\n\n<p>Und die Bauern fielen wie die hungrigen Raben \u00fcber das ausgesch\u00fcttete Gold her und griffelten und graffelten und dr\u00e4ngten und stie\u00dfen sich, und jeder raffte so viel auf von dem roten Raube, als er habhaft werden konnte, und Hans war auch nicht faul und griff r\u00fcstig mit zu. Und als sie in bester Arbeit waren wie Tauben, worunter man Erbsen geworfen, siehe, da kr\u00e4hete der Morgenhahn, wo das heidnische und h\u00f6llische Reich auf der Erde keine Macht mehr hat \u2013 und in einem hui war alles verschwunden, als w\u00e4re es nur ein Traum gewesen, und Hans stand ganz allein da am Walde. Und der Morgen brach an, und er ging mit schwerem Herzen nach Hause. Er hatte aber auch schwere Taschen und sch\u00f6nes rotes Gold darin; das sch\u00fcttete er nicht aus. Seine Frau war ganz \u00e4ngstlich geworden, dass er so sp\u00e4t zu Hause kam, und sie erschrak, als sie ihn so bleich und verst\u00f6rt sah, und fragte ihn allerlei. Er aber fertigte sie nach seiner Gewohnheit mit Scherz ab und sagte ihr nicht ein Sterbensw\u00f6rtchen von dem, was er gesehen und geh\u00f6rt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Hans z\u00e4hlte sein Gold (es war ein h\u00fcbsches H\u00e4uflein Dukaten), legte es in den Kasten und ging die ersten Monate nach diesem Abenteuer nicht in den Wald. Er hatte ein heimliches Grauen davor. Dann verga\u00df er, wie es dem Menschen geht, die Walpurgisnacht und ihr schauerliches und greuliches Get\u00fcmmel allm\u00e4hlich und ging nach wie vor im Mond- und Sternenschein auf seinen Fuchs- und Marderfang. Von dem Rattenk\u00f6nig und seinem Birlibi sah und h\u00f6rte er nichts mehr und dachte zuletzt selten daran. Aber als es gegen den Fr\u00fchling ging, ver\u00e4nderte sich alles; er h\u00f6rte zuweilen um die Mitternacht wieder das Birlibi klingen, dass seine mattesten Haare auf dem Kopfe ihm lebendig wurden, und lief dann zwar immer geschwinde aus dem Walde, hatte aber dabei doch seine heimlichen Gedanken auf die Walpurgisnacht; und weil das, was die Menschen bei Tage denken, ihnen bei Nacht im Traume wiederkommt und allerlei spielt und spiegelt und gaukelt, so blieb auch der Rattenk\u00f6nig mit seiner Nachtgaukelei nicht aus, und Hans tr\u00e4umte oft, als stehe der Rattenk\u00f6nig vor seiner T\u00fcre und klopfe an; und er machte ihm dann auf und sah ihn leibhaftig, wie er damals in dem Wagen gesessen, und er war nun ganz von lauterem Golde und auch nicht so h\u00e4sslich, als er ihm damals vorgekommen, und Rattenk\u00f6nig sang ihm mit der allers\u00fc\u00dfesten Stimme, von der man nicht glauben wollte, dass eine Rattenkehle sie haben k\u00f6nnte, den Vers vor:<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin der gro\u00dfe Rattenk\u00f6nig.<br>Komm her zu mir, hast du zu wenig!<br>Von Gold und Silber ist mein Haus,<br>Das Geld mess&#8216; ich mit Scheffeln aus<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann kam er dicht zu ihm heran und fl\u00fcsterte ihm ins Ohr: \u00bbDu kommst doch wieder zur Walpurgisnacht, Hans Burwitz, und hilfst S\u00e4cke tragen und holst dir deine Taschen voll Dukaten?\u00ab Zwar hatte Hans, wann er aus solchen Tr\u00e4umen erwachte, neben der Freude \u00fcber das Gold immer ein Grauen, und er sprach dann wohl: \u00bbWarte nur, Prinz Birlibi, ich komme dir nicht zu deinem Feste!\u00ab Aber es ging ihm, wie es andern Leuten auch gegangen ist, und das alte Sprichwort sollte an ihm auch wahr werden:&nbsp;<em>Wen der Teufel erst an einem Faden hat, den f\u00fchrt er auch wohl bald am Strick.<\/em>&nbsp;Genug, je n\u00e4her die Walpurgisnacht kam, desto mehr wuchs in Hans die Gier, auch dabei zu sein. Doch nahm er sich fest vor, dem B\u00f6sen diesmal nicht den Willen zu tun, und ging den Walpurgisabend auch gl\u00fccklich mit seiner Frau zu Bett. Aber er konnte nicht einschlafen; die Wagen mit den S\u00e4cken und die Bauern und die gro\u00dfen Ratten, die das Gold aus Scheffeln auf den Boden sch\u00fctteten, fielen ihm immer wieder ein, und er konnte es nicht l\u00e4nger aushalten im Bette, er musste aufstehen und sich von der Frau fortschleichen und in den finstern Wald laufen. Und da hat er diese zweite Nacht ebenso wieder erlebt als das erste mal. Er hatte sich ein S\u00e4ckchen mitgenommen f\u00fcr das Gold und hatte auch viel reichlicher eingesammelt als das vorige Jahr.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun deuchte ihm, habe er des Goldes genug, und er tat einen hohen Schwur, er wolle sich nimmer wieder in die Versuchung geben und auch nie wieder in den Wald gehen. Und er hat den Schwur gehalten und sich selbst \u00fcberwunden, dass er nicht in den Wald gegangen ist und keine Walpurgisnacht wieder mitgehalten hat, so oft ihm auch noch von dem Birlibi und dem goldenen Rattenk\u00f6nige getr\u00e4umt hat. Er hat das aber nicht in seinem Herzen sitzen lassen, sondern hat es mit eifrigem Gebet wieder ausgetrieben und den B\u00f6sen endlich m\u00fcd, gemacht, dass er von ihm gewichen ist. So war manches Jahr vergangen, und Hans hie\u00df ein sehr reicher Mann. Er hatte sich f\u00fcr seine Dukaten D\u00f6rfer und G\u00fcter gekauft und war ein Herr geworden. Es munkelte auch unter den Leuten, es gehe nicht mit rechten Dingen zu mit seinem Reichtum; aber keiner konnte ihm das beweisen. Aber endlich ist der Beweis gekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der B\u00f6se lauerte auf den armen Mann, an dem er schon einige Macht gewonnen hatte. Er war ergrimmt auf ihn, weil er von seinen hohen Festen in der Walpurgisnacht ganz ausblieb, und als Hans einmal wieder mit s\u00fcndlicher L\u00fcsternheit an das Goldsammeln gedacht und dar\u00fcber das Abendgebet vergessen, auch einige unchristliche Fl\u00fcche \u00fcber eine Kleinigkeit getan hatte, hat er mit seinem Gesindel hervorbrechen k\u00f6nnen, und Hans hat nun gelernt, was das goldene Spielwerk des K\u00f6nigs Birlibi eigentlich auf sich habe. Seit dieser Zeit hat Hans weder Stern noch Gl\u00fcck mehr in seiner Wirtschaft gehabt. Wie viel er sich auch abmattete, er konnte nichts mehr vor sich bringen, sondern es ging von Tage zu Tage mehr r\u00fcckw\u00e4rts. Seine \u00e4rgsten Feinde aber waren die M\u00e4use, die ihm im Felde und in den Scheunen das Korn auffra\u00dfen, die Wiesel, Ratten und Marder, die ihm die H\u00fchner, Enten und Tauben abschlachteten, die F\u00fcchse und W\u00f6lfe, die seine L\u00e4mmer, Schafe, F\u00fcllen und K\u00e4lber holten. Kurz, das Gesindel hat es so arg gemacht, dass Hans in wenigen Jahren um G\u00fcter und H\u00f6fe, um Pferde und Rinder, um Schafe und K\u00e4lber gekommen ist und zuletzt nicht ein einziges Huhn mehr hat sein nennen k\u00f6nnen. Er hat als ein armer Mann mit dem Stock in der Hand nebst Weib und Kindern von Haus und Hof gehen und sich auf seinen alten Tagen als Tagel\u00f6hner ern\u00e4hren m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da hat er oft die Geschichte erz\u00e4hlt, wie er zu dem Reichtum gekommen und aus dem Bauern ein Edelmann geworden ist, und hat Gott gedankt, dass er Ratten und M\u00e4use als seine Bekehrer geschickt und ihn so arm gemacht hat. \u00bbDenn sonst\u00ab, hat der arme Mann gesagt, \u00bbW\u00e4re ich wohl nicht in den Himmel gekommen, und der Teufel h\u00e4tte seine Macht an mir behalten, und ich h\u00e4tte dort jenseits endlich auch nach des Rattenk\u00f6nigs Pfeife tanzen m\u00fcssen.\u00ab Das hat er auch dabei erz\u00e4hlt, dass solches Gold, das man auf eine so wundersame und heimliche Weise gewinne, doch keinen Segen in sich habe; denn ihm sei bei allen seinen Sch\u00e4tzen doch nie so wohl ums Herz gewesen als nachher in der bittersten Armut; ja, er sei ein elenderer Mann gewesen, da er als Junker mit Sechsen gefahren, als nachher, da er oft froh gewesen, wenn er des Abends nur Salz und Kartoffeln gehabt habe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rattenk\u00f6nig Birlibi Ernst Moritz Arndt Ich will die Geschichte erz\u00e4hlen von dem Rattenk\u00f6nig Birlibi, eine Geschichte, die mir Balzer Tievs aus Preseke oft erz\u00e4hlt hat nebst vielen andern Geschichten. 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