{"id":602,"date":"2015-11-03T22:29:04","date_gmt":"2015-11-03T21:29:04","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=602"},"modified":"2025-12-28T02:31:52","modified_gmt":"2025-12-28T01:31:52","slug":"der-grabhuegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-grabhuegel\/","title":{"rendered":"Der Grabh\u00fcgel"},"content":{"rendered":"\n<p>Gebr\u00fcder Grimm<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Ein reicher Bauer stand eines Tages in seinem Hof und schaute nach seinen Feldern und G\u00e4rten: das Korn wuchs kr\u00e4ftig heran und die Obstb\u00e4ume hingen voll Fr\u00fcchte. Das Getreide des vorigen Jahrs lag noch in so m\u00e4chtigen Haufen auf dem Boden, dass es kaum die Balken tragen konnten. Dann ging er in den Stall, da standen die gem\u00e4steten Ochsen, die fetten K\u00fche und die spiegelglatten Pferde. Endlich ging er in seine Stube zur\u00fcck und warf seine Blicke auf die eisernen Kasten, in welchen sein Geld lag. Als er so stand und seinen Reichtum \u00fcbersah, klopfte es auf einmal heftig bei ihm an. Es klopfte aber nicht an die T\u00fcre seiner Stube, sondern an die T\u00fcre seines Herzens. Sie tat sich auf und er h\u00f6rte eine Stimme, die zu ihm sprach \u201ehast du den Deinigen damit wohlgetan? hast du die Not der Armen angesehen? hast du mit den Hungrigen dein Brot geteilt? war dir genug, was du besa\u00dfest, oder hast du noch immer mehr verlangt?\u201c <\/span><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Drei gruselige Schauerm\u00e4rchen der Gebr\u00fcder Grimm f\u00fcr Erwachsene (H\u00f6rbuch zum Einschlafen)\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/f_nF6njlkdw?start=627&#038;feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Das Herz z\u00f6gerte nicht mit der Antwort \u201eich bin hart und unerbittlich gewesen und habe den Meinigen niemals etwas Gutes erzeigt. Ist ein Armer gekommen, so habe ich mein Auge weg gewendet. Ich habe mich um Gott nicht bek\u00fcmmert, sondern nur an die Mehrung meines Reichtums gedacht. W\u00e4re alles mein eigen gewesen, was der Himmel bedeckte, dennoch h\u00e4tte ich nicht genug gehabt.\u201c Als er diese Antwort vernahm, erschrak er heftig: die Knie fingen an ihm zu zittern und er musste sich niedersetzen. Da klopfte es abermals an, aber es klopfte an die T\u00fcre seiner Stube. Es war sein Nachbar, ein armer Mann, der ein H\u00e4ufchen Kinder hatte, die er nicht mehr s\u00e4ttigen konnte. \u201eIch wei\u00df\u201c, dachte der Arme, \u201emein Nachbar ist reich, aber er ist ebenso hart: ich glaube nicht, dass er mir hilft, aber meine Kinder schreien nach Brot, da will ich es wagen.\u201c Er sprach zu dem Reichen \u201eIhr gebt nicht leicht etwas von dem Eurigen weg, aber ich stehe da wie einer, dem das Wasser bis an den Kopf geht: meine Kinder hungern, leiht mir vier Malter Korn.\u201c Der Reiche sah ihn lange an, da begann der erste Sonnenstrahl der Milde einen Tropfen von dem Eis der Habsucht abzuschmelzen. \u201eVier Malter will ich dir nicht leihen\u201c, antwortete er, \u201esondern achte will ich dir schenken, aber eine Bedingung musst du erf\u00fcllen.\u201c \u201eWas soll ich tun? sprach der Arme. \u201eWenn ich tot bin, sollst du drei N\u00e4chte an meinem Grabe wachen.\u201c Dem Bauer ward bei dem Antrag unheimlich zumut, doch in der Not, in der er sich befand, h\u00e4tte er alles bewilligt: er sagte also zu und trug das Korn heim.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Es war, als h\u00e4tte der Reiche vorausgesehen, was geschehen w\u00fcrde, nach drei Tagen fiel er pl\u00f6tzlich tot zur Erde; man wusste nicht recht, wie es zugegangen war, aber niemand trauerte um ihn. Als er bestattet war, fiel dem Armen sein Versprechen ein: gerne w\u00e4re er davon entbunden gewesen, aber er dachte \u201eer hat sich gegen dich doch mildt\u00e4tig erwiesen, du hast mit seinem Korn deine hungrigen Kinder ges\u00e4ttigt, und w\u00e4re das auch nicht, du hast einmal das Versprechen gegeben und musst du es halten.\u201c Bei einbrechender Nacht ging er auf den Kirchhof und setzte sich auf den Grabh\u00fcgel. Es war alles still, nur der Mond schien \u00fcber die Grabh\u00fcgel, und manchmal flog eine Eule vorbei und lie\u00df ihre kl\u00e4glichen T\u00f6ne h\u00f6ren. Als die Sonne aufging, begab sich der Arme ungef\u00e4hrdet heim, und ebenso ging die zweite Nacht ruhig vor\u00fcber. Den Abend des dritten Tags empfand er eine besondere Angst, es war ihm, als st\u00e4nde noch etwas bevor. Als er hinauskam, erblickte er an der Mauer des Kirchhofs einen Mann, den er noch nie gesehen hatte. Er war nicht mehr jung, hatte Narben im Gesicht, und seine Augen blickten scharf und feurig umher. Er war ganz von einem alten Mantel bedeckt, und nur gro\u00dfe Reiterstiefeln waren sichtbar. \u201eWas sucht Ihr hier?\u201c redete ihn der Bauer an, \u201egruselt Euch nicht auf dem einsamen Kirchhof? \u201eIch suche nichts,\u201c antwortete er, \u201eaber ich f\u00fcrchte auch nichts. Ich bin wie der Junge, der ausging, das Gruseln zu lernen, und sich vergeblich bem\u00fchte, der aber bekam die K\u00f6nigstochter zur Frau und mit ihr gro\u00dfe Reicht\u00fcmer, und ich bin immer arm geblieben. Ich bin nichts als ein abgedankter Soldat und will hier die Nacht zubringen, weil ich sonst kein Obdach habe.\u201c \u201eWenn Ihr keine Furcht habt, \u201e sprach der Bauer, \u201eso bleibt bei mir und helft mir dort den Grabh\u00fcgel bewachen.\u201c \u201eWacht halten ist Sache des Soldaten,\u201c antwortete er, \u201ewas uns hier begegnet, Gutes oder B\u00f6ses, das wollen wir gemeinschaftlich tragen.\u201c Der Bauer schlug ein, und sie setzten sich zusammen auf das Grab.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Alles blieb still bis Mitternacht, da ert\u00f6nte auf einmal ein schneidendes Pfeifen in der Luft, und die beiden W\u00e4chter erblickten den B\u00f6sen, der leibhaftig vor ihnen stand. \u201eFort, ihr Halunken, \u201e rief er ihnen zu, \u201eder in dem Grab liegt, ist mein: ich will ihn holen, und wo ihr nicht weggeht, dreh ich euch die H\u00e4lse um.\u201c \u201eHerr mit der roten Feder\u201c, sprach der Soldat, \u201eIhr seid mein Hauptmann nicht, ich brauch Euch nicht zu gehorchen, und das F\u00fcrchten hab ich noch nicht gelernt. Geht Eurer Wege, wir bleiben hier sitzen.\u201c Der Teufel dachte \u201emit Gold f\u00e4ngst du die zwei Haderlumpen am besten\u201c, zog gelindere Saiten auf und fragte ganz zutraulich, ob sie nicht einen Beutel mit Gold annehmen und damit heimgehen wollten. \u201eDas l\u00e4sst sich h\u00f6ren,\u201c antwortete der Soldat, \u201eaber mit einem Beutel voll Gold ist uns nicht gedient: wenn Ihr so viel Gold geben wollt, als da in einen von meinen Stiefeln geht, so wollen wir Euch das Feld r\u00e4umen und abziehen.\u201c \u201eSo viel habe ich nicht bei mir, \u201e sagte der Teufel, \u201eaber ich will es holen: in der benachbarten Stadt wohnt ein Wechsler, der mein guter Freund ist, der streckt mir gerne so viel vor.\u201c Als der Teufel verschwunden war, zog der Soldat seinen linken Stiefel aus und sprach \u201edem Kohlenbrenner wollen wir schon eine Nase drehen: gebt mir nur Euer Messer, Gevatter.\u201c Er schnitt von dem Stiefel die Sohle ab und stellte ihn neben den H\u00fcgel in das hohe Gras an den Rand einer halb \u00fcberwachsenen Grube. \u201eSo ist alles gut\u201c sprach er, \u201enun kann der Schornsteinfeger kommen.\u201c<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Beide setzten sich und warteten, es dauerte nicht lange, so kam der Teufel und hatte ein S\u00e4ckchen Gold in der Hand. \u201eSch\u00fcttet es nur hinein, \u201e sprach der Soldat und hob den Stiefel ein wenig in die H\u00f6he, \u201edas wird aber nicht genug sein.\u201c Der Schwarze leerte das S\u00e4ckchen, das Gold fiel durch und der Stiefel blieb leer. \u201eDummer Teufel, \u201e rief der Soldat, \u201ees schickt nicht: habe ich es nicht gleich gesagt? kehrt nur wieder um und holt mehr.\u201c Der Teufel sch\u00fcttelte den Kopf, ging und kam nach einer Stunde mit einem viel gr\u00f6\u00dferen Sack unter dem Arm. \u201eNur eingef\u00fcllt\u201c, rief der Soldat, \u201eaber ich zweifle, dass der Stiefel voll wird.\u201c Das Gold klingelte, als es hinabfiel, und der Stiefel blieb leer. Der Teufel blickte mit seinen gl\u00fchenden Augen selbst hinein und \u00fcberzeugte sich von der Wahrheit. \u201eIhr habt unversch\u00e4mt starke Waden\u201c, rief er und verzog den Mund. \u201eMeint Ihr\u201c, erwiderte der Soldat, \u201eich h\u00e4tte einen Pferdefu\u00df wie Ihr? seit wann seid Ihr so knauserig? macht, dass Ihr mehr Gold herbeischafft, sonst wird aus unserm Handel nichts.\u201c Der Unhold trollte sich abermals fort. Diesmal blieb er l\u00e4nger aus, und als er endlich erschien, keuchte er unter der Last eines Sackes, der auf seiner Schulter lag. Er sch\u00fcttete ihn in den Stiefel, der sich aber so wenig f\u00fcllte als vorher. Er ward w\u00fctend und wollte dem Soldat den Stiefel aus der Hand rei\u00dfen, aber in dem Augenblick drang der erste Strahl der aufgehenden Sonne am Himmel herauf, und der b\u00f6se Geist entfloh mit lautem Geschrei. Die arme Seele war gerettet.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Der Bauer wollte das Gold teilen, aber der Soldat sprach \u201egib den Armen, was mir zuf\u00e4llt: ich ziehe zu dir in deine H\u00fctte, und wir wollen mit dem \u00fcbrigen in Ruhe und Frieden zusammen leben, solange es Gott gef\u00e4llt.\u201c<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gebr\u00fcder Grimm Ein reicher Bauer stand eines Tages in seinem Hof und schaute nach seinen Feldern und G\u00e4rten: das Korn wuchs kr\u00e4ftig heran und die Obstb\u00e4ume hingen voll Fr\u00fcchte. Das Getreide des vorigen Jahrs lag noch in so m\u00e4chtigen Haufen auf dem Boden, dass es kaum die Balken tragen konnten. 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