{"id":5990,"date":"2026-04-20T00:47:41","date_gmt":"2026-04-19T22:47:41","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5990"},"modified":"2026-04-20T00:47:47","modified_gmt":"2026-04-19T22:47:47","slug":"die-beiden-kugelrunden-mueller","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-beiden-kugelrunden-mueller\/","title":{"rendered":"Die beiden kugelrunden M\u00fcller"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Die beiden kugelrunden M\u00fcller<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ludwig Bechstein<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Es war einmal ein M\u00fcller, der war schon an sich sehr stark und dick, wollte aber auch fest sein gegen Hieb und Stich, gegen Bolz und Pfeil, darum steckte er sich in eine wunderliche Kleidung. Er lie\u00df sich zuv\u00f6rderst ein Wams machen, das f\u00fctterte er mit Kalk und Sand, und lie\u00df, um das zu verbinden, geschmolznes Pech hineinflie\u00dfen, hinten machte er ein Futter von mehreren K\u00f6rben und vorn beblechte er es mit alten Reibeisen und eisernen Hafendeckeln, da wurde das Wams schwerer als der schwerste Brust- und R\u00fcckenharnisch, den jemals ein streithafter Ritter trug.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber zog dieser M\u00fcller nun drei Hemden, und unter das Wams legte er einen wirklichen Panzer an, \u00fcber die Hemden auch einen Panzer, und dar\u00fcber zog er neun lodene R\u00f6cke, wie sie die Wollenweber im Schwabenlande noch heute fertigen. Wenn nun der M\u00fcller sich mit diesem stattlichen Kleiderbollwerk angetan, wobei er die Beine mit mehr als vier alten \u00fcbereinander gezogenen Lederhosen verwahrt, so war er ein so stattliches kugelrundes Kerlchen, dass er eben so breit war als hoch, wie eine rechte Kugel sein muss, und konnte schier nicht ohne Gezwang durch ein Stadttor aus- und eingehen, konnte sich auch kaum r\u00fchren und regen, und musste denn seine Freundschaft mit ihm gehen, ihn f\u00fchren und geleiten. Da er nun allj\u00e4hrlich zu St. Oswalds Kirchtag ging und sich auch sehen lassen wollte vor den Leuten, so fuhr er einher auf einem Karren in seiner R\u00fcstung und so gewappnet, wie jeder m\u00e4nnlich noch nie gesehen hatte. Den Wagen zogen vier starke Ochsen, und hinterdrein gingen alle Bauern seines Orts mit ihren Weibern und Kindern, die steckten sich, wenn sich ein Feind zeigte, hinter ihres M\u00fcllers Karren, wie hinter eine Feste und Schirmhut. Er war gewaffnet mit zween Spie\u00dfen und einer Armbrust, an seiner Seite hing ein Schwert einer Mannsl\u00e4nge lang, ein Zweihander; und neben ihm lag noch ein Bogen nebst einem Pfeilk\u00f6cher.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn nun der kugelrunde M\u00fcller mit seinem Karren und seinen vier Ochsen an einen gewissen Berg kam, \u00fcber welchen der Weg f\u00fchrte, so harrten seiner dort ein paar Neffen mit Weib und Kindern, die halfen den Wagen in die H\u00f6he hinauf schieben, w\u00e4hrend vorn noch sechs Ochsen als Vorspann zogen, und so brachten sie ihn denn endlich hinauf mit Ach und Krach und Vergie\u00dfung vieler Schwei\u00dftropfen. Ging es nun auf der andern Seite des Berges wieder abw\u00e4rts, so musste eingehemmt werden so viel als nur m\u00f6glich, dass es nicht mit dem Kugelrunden kopf\u00fcber kopfunter ging. Wenn seine Sippschaft ihn nun endlich am Ziele hatte, so wurde er mit Leitern und Hebeb\u00e4umen vom Wagen herabgeschrotet, wie ein gro\u00dfes volles Weinfass, und dann scharten sie sich um ihn her und zumeist hinter ihm wie die Philister hinter ihrem Goliath.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei war der runde Mehlsack von gro\u00dfer St\u00e4rke und Unerschrockenheit, und es ging von ihm die Rede, dass er einst in einem Schimpfspiel, wo ein K\u00e4mpfer einen Apfel, der andre eine Birne an der Spitze seiner Klinge gef\u00fchrt, und sich ein gro\u00dfer L\u00e4rm erhob, derma\u00dfen in den Haufen mitten hinein geschlagen, wie ein Hagelschauer in das Getreide, so dass er vielen Bauern viel Leids gebracht. Aber da war ihm ein Gegner entgegengetreten, stark und kr\u00e4ftig, der f\u00fchrte einen Hauptstreich nach dem M\u00fcller, dass seine Blechhaube gleich zu Boden fiel, und meinten alle, die das sahen, der Kopf w\u00e4re mit vom Rumpfe geflogen; der kugelrunde K\u00e4mpe hatte aber, wie sein Gegner ausholte, seinen Kopf aus der Haube schnell heraus unter die hohe Halsberge gezogen, und jetzt tat er einen Streich nach dem Gegner, der ihm so tief in den Hals schnitt, wie die Sense des M\u00e4hers in das Gras. Da f\u00fcrchteten sich alle vor dem gewaltigen Mann, dem die Taten, die man von Recken las, nur ein Spa\u00df schienen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun war aber ein andrer M\u00fcller in der Nachbarschaft, der war ebenso stark und gro\u00df, ebenso kugelrund und trug auch so ein wohlausgef\u00fcttertes und geblechtes Wams, und keiner mochte den andern leiden, weil keiner dem andern nachstand. Und hassten und bekriegten einander schon zehn Jahre. Auf jedem Kirchweihtag, wo sie hinkamen, gerieten sie aneinander, und fochten gegeneinander mit Worten und Waffen; es konnte aber ihrer keiner dem andern etwas anhaben, und beide waren zwei gar sehr gef\u00fcrchtete Kampfhelden. Der eine M\u00fcller hatte einen Sohn, der andre eine Tochter, welche beide einander so sehr liebten, als die V\u00e4ter einander hassten, dar\u00fcber wurde der Zwiespalt noch gr\u00f6\u00dfer, bis endlich gute und einsichtsvolle Freunde sich ins Mittel schlugen und beiden M\u00fcllern rieten, gute Freunde zu werden und ihre Kinder miteinander zu verheiraten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie das Ger\u00fccht vom B\u00fcndnis der beiden M\u00fcller ins Land erscholl, und dass sie sogar ihre Kinder miteinander verheiraten wollten, da erhob sich gro\u00dfe Unruhe und Besorgnis, denn jederm\u00e4nniglich konnte sich nun an den Fingern abz\u00e4hlen, dass die beiden Kugelrunden sein w\u00fcrden wie zwei M\u00fchlsteine, zwischen denen alles, was ihnen zu nahe k\u00e4me, w\u00fcrde aufgerieben werden. Und wer jetzt dem einen M\u00fcller zu nahe trat, der hatte es gleich mit beiden zu tun, und konnte kein F\u00fcrst beide W\u00e4mser \u00fcberwinden, denn die M\u00fcller glichen runden Burgen, waren auch nicht auszuhungern durch eine Belagerung, denn sie hatten auch in ihren W\u00e4msern manche Metze gefasst, von der sie zehren konnten lange Zeit. Da aber nun die beiden un\u00fcberwindlichen Helden also mannhaft waren, dass selbst der Kaiser gro\u00dfe M\u00fche gehabt haben w\u00fcrde, sie zu \u00fcberw\u00e4ltigen, so musste man nur froh sein, dass sie ihre gro\u00dfe Macht gegen die Feinde des Reiches kehrten, und begehrten gar keinen Sold und Lohn, sondern nur die Ehre, fechten und streiten zu d\u00fcrfen. Und war das nur ihre einzige Klage, dass so mancher Tag verging, an dem sie keines Gegners ansichtig wurden, weil ihr Ruf so weit und breit genannt war, dass sich alles vor ihnen f\u00fcrchtete.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele tapfre Taten vollf\u00fchrten die beiden kugelrunden M\u00fcller, seit sie miteinander verbunden waren, und wenn man diese Taten und die Abenteuer, die durch sie bestanden wurden, niedergeschrieben h\u00e4tte, so w\u00e4re das ein Buch geworden, zweimal so stark wie die Bibel und die Weltchronik. Auch taten sie mehr Wundertaten als alle die Recken, von denen die alten Lieder und Geschichten sagen. Endlich schlugen sie ihre Wohnung in einer W\u00fcste hinten an der Welt Ende auf, und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die beiden kugelrunden M\u00fcller Ludwig Bechstein Es war einmal ein M\u00fcller, der war schon an sich sehr stark und dick, wollte aber auch fest sein gegen Hieb und Stich, gegen Bolz und Pfeil, darum steckte er sich in eine wunderliche Kleidung. 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