{"id":5955,"date":"2026-04-19T23:30:37","date_gmt":"2026-04-19T21:30:37","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5955"},"modified":"2026-04-19T23:30:44","modified_gmt":"2026-04-19T21:30:44","slug":"der-koenig-im-bade","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-koenig-im-bade\/","title":{"rendered":"Der K\u00f6nig im Bade"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Der K\u00f6nig im Bade<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ludwig Bechstein<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Es war einmal ein K\u00f6nig, dem waren viele Lande deutscher und welscher Zunge untertan, darob wurde sein Herz \u00fcberm\u00fctig, und er glaubte, es g\u00e4be in der Welt keinen m\u00e4chtigen Herrn, au\u00dfer ihm allein. Nun geschah es, dass er eines Abends in die Vesper ging und h\u00f6rte den Priester die Worte lesen: Deposuit potentes de sede, et exaltavit humiles. Da fragte er, weil er kein Latein verstand, die gelehrten M\u00e4nner, die um ihn waren, was diese Worte bedeuteten. Und da wurde ihm die Deutung: Gott der Herr wirft die M\u00e4chtigen vom Throne und erh\u00f6het die Niedrigen. Der K\u00f6nig erschrak \u00fcber diesen Spruch und wurde zornig und gab ein Gebot, dass dieser Ausspruch des Evangelisten Lukas f\u00fcrder nicht mehr solle gelesen werden, auch solle niemand ihn h\u00f6ren und er solle ganz und gar vertilgt werden aus den heiligen\u00a0\u00a0B\u00fcchern. Das Gebot trugen des K\u00f6nigs Sendboten in alle Lande und zu allen Geistlichen und in alle Kl\u00f6ster. Die\u00a0\u00a0B\u00fccher\u00a0aber, darin diese Schriftstelle stehen blieb, die sollten verbrannt werden. Also wurden jene Worte vielfach zerst\u00f6rt und ausgetilgt und wurden \u00f6ffentlich in den Kirchen nicht mehr gelesen oder gesungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun geschah es zu einer Zeit, dass der K\u00f6nig in ein Bad ging; da sandte Gott, auf dass er b\u00fc\u00dfe f\u00fcr den Frevel am heiligen Wort des Evangeliums, einen Engel, der nahm des K\u00f6nigs Gestalt an und schlug die Augen aller mit Blindheit, dass sie ihn f\u00fcr den K\u00f6nig hielten, den K\u00f6nig selbst aber nicht als den, der er war, erkannten. Als der K\u00f6nig aus dem Bade trat, setzte er sich auf eine Bank, auf welcher der Engel schon sa\u00df. Da hie\u00df ihn der Bader aufstehen und sich anderswo hinsetzen. &#8222;Bist du trunken, Bader?&#8220; fragte der K\u00f6nig, &#8222;dass du also schmachvoll mir redest? Ich bin&#8217;s, der K\u00f6nig, dein Gebieter!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ein Narr m\u00f6gt Ihr sein!&#8220; antwortete der Bader. &#8222;Mein Herr, der K\u00f6nig sitzt ja hier; wessen K\u00f6nig seid Ihr denn? Und wo ist das Reich Eurer Majest\u00e4t? Wohl Narragonia?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;B\u00f6sewicht!&#8220; schrie der K\u00f6nig voller Zorn, nahm einen K\u00fcbel und warf den an des Baders Kopf, da h\u00f6rte das Badegesinde den L\u00e4rm, eilte herzu und salbte den K\u00f6nig mit Faust\u00f6l, bis der Engel des K\u00f6nig dazwischentrat und ihn aus den H\u00e4nden des Gesindes befreite. Dann aber verlie\u00df er ihn, trat aus der Badestube, und da legten ihm des K\u00f6nigs Diener, die den Engel f\u00fcr ihren Herrn halten mussten, jenes k\u00f6stliche Gewand an und geleiteten ihn auf stolzen Rossen in allem Glanze nach der Hofburg. Den K\u00f6nig aber warfen der Bader und seine Gesellen nackt und blo\u00df aus dem Hause, und da stand er vor der T\u00fcre und wusste nicht, wie ihm geschehen war. Und das Volk sammelte sich um ihn und spottete \u00fcber ihn, dazu sein eignes Gesinde, denn es kannte ihn keiner mehr. Und er eilte nackend, wie er war, und mit gro\u00dfer Scham von den Leuten hinweg, die ihm aber nachliefen wie einem Toren, zum Hause seines Schenken und viel treuen Rates.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war nach der Zeit des Mittagsimbisses, und der Schenk sa\u00df und pflegte der Mittagsrast, als der K\u00f6nig am Tore schellte und Einlass begehrte. Der Pf\u00f6rtner fragte, wer er sei und was er begehre, und jener sagte: &#8222;Ich, der K\u00f6nig!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ei, pfui dich!&#8220; rief der Pf\u00f6rtner. &#8222;So schandbar hab ich noch keinen K\u00f6nig gesehen. Du kommst mitnichten herein!&#8220; Da schrie und l\u00e4rmte der K\u00f6nig unget\u00fcmlich, dass der Schenk es h\u00f6rte, und fragte, was es gebe. Der Pf\u00f6rtner sprach: &#8222;Herr, es stehet ein Mann drau\u00dfen, der ist nackt und blo\u00df und sagt, er sei dein Herr und K\u00f6nig, und das Volk ist hinter ihm und hat seinen Narren an dem Affen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Lasst ihn herein!&#8220; sprach mitleidvoll der Schenk, &#8222;und reicht ihm ein notd\u00fcrftig Gewand, auf dass er seine Bl\u00f6\u00dfe bedecke.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Dies geschah, und dann trat der K\u00f6nig herein zu dem Schenken, der ihn auch nicht als seinen Herrn zu erkennen vermochte, und sprach: &#8222;O mein Freund, du wirst und musst mich erkennen, dass ich dein K\u00f6nig bin, obschon mich heut ein wunderlich Verh\u00e4ngnis heimsucht und von Ehren und Gute mich vertreibt. Denke der Reden, die wir gestern fr\u00fch vertraulich miteinander pflogen, als ich euch, meinen R\u00e4ten, einen Befehl gab, den ich erf\u00fcllt sehen wollte und ihr mir es ausredetet, als eines F\u00fcrsten nicht w\u00fcrdig.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und solcher Heimlichkeiten sagte der K\u00f6nig zum Schenken noch mehr, der aber begann zu lachen und sprach: &#8222;Die Wahrheit sagt Ihr ja, aber Euch muss sie der Teufel ins Ohr geblasen haben!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und der K\u00f6nig sprach: &#8222;Womit ich auch das Ungl\u00fcck verdient, das mich schl\u00e4gt, mein Herz sagt mir, dass ich ein gerechter und wahrhafter K\u00f6nig bin.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schenke mochte nicht widersprechen, weil das die Narren aufzubringen pflegt und bei Klugen auch nicht f\u00fcr ein Zeichen von guter Lebensart gilt, aber er gebot, dem Fremden Speise aufzutragen, und dachte bei sich: ich will diesen seltnen Fall doch dem K\u00f6nig als Neuigkeit hinterbringen. Er, der Schenke, galt bei Hof so viel durch seine weisen Ratschl\u00e4ge, dass er zu jeder Zeit freien Zutritt hatte, und so machte er sich gleich auf zur K\u00f6nigsburg, trat vor den Engel und verk\u00fcndete ihm die M\u00e4r von seinem wunderlichen Gast. Der gebot ihm, den K\u00f6nig zu Hofe zu f\u00fchren, und es sammelte sich in einem gro\u00dfen Saale der ganze Hofstaat, und das Gesinde erf\u00fcllte alle Treppen und Galerien. Wie nun der Schenk den gedem\u00fctigten K\u00f6nig brachte, schrie alles sp\u00f6ttisch: &#8222;Gr\u00fc\u00df Gott, Herr K\u00f6nig ohne Land!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Engel sa\u00df in reicher Pracht neben der sch\u00f6nen K\u00f6nigin auf dem Throne und gr\u00fc\u00dfte seinen Doppelg\u00e4nger, dessen Herz in Hass aufwallte, als er den vermeinten Feind bei seiner eignen Gemahlin sitzen sah. Der Engel sprach: &#8222;Sagt an, ist das wahr, seid Ihr hier K\u00f6nig?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und der K\u00f6nig antwortete: &#8222;Wohl sah ich den Tag, da ich hier gewaltig war, wo meine Gemahlin noch mich empfing als ihren K\u00f6nig und Herrn, deren g\u00fctlichen Gru\u00df ich nun ganz entbehre, der mir doch sonst nie versagt ward, bis heute an diesem Tag meiner Schmach und meines Leides. O wie freundlich schied ich noch heute morgen aus ihren minniglichen Armen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die K\u00f6nigin ward ob dieser Rede ganz schamrot, dass sie sollte den fremden Mann umfangen haben und sprach zum Engel: &#8222;Mein k\u00f6niglicher Herr und Gemahl, dieser Mann ist wohl unsinnig!&#8220; und ein alter Hofritter rief: &#8222;Schweige, B\u00f6sewicht! Dich m\u00fcsse man auf einer Kuhhaut zum Galgen schleifen!&#8220; und die jungen Lecker am Hofe wollten schon sich Gunst machen und ihren Heldenmut sehen lassen und griffen nach dem K\u00f6nig, h\u00e4tten ihm auch \u00fcbel genug mitgespielt, aber der Engel wehrte sie ab und f\u00fchrte den K\u00f6nig mit sich hinweg in ein sch\u00f6nes einsames Gemach.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort sprach er zu ihm: &#8222;Sag an, glaubst du oder glaubst du nicht, dass Gott Gewalt habe \u00fcber alle Gesch\u00f6pfe? Siehe, wie seine allm\u00e4chtige Kraft dich in den Staub tritt! Was hilft dir dein m\u00e4chtiges Kriegsheer? Wer gehorcht deinem Rufe und Gebote? Noch lebt die Wahrheit: Deposuit potentes de sede, und du und deinesgleichen werdet sie ewig nicht unterdr\u00fccken!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>So sprach der Engel zum K\u00f6nig, und dieser fragte erbebend: &#8222;Mann, wer seid Ihr? Seid Ihr Gott der Allm\u00e4chtige, von dem Ihr redet, so erbarme sich Eure Gnade \u00fcber mich armen, bet\u00f6rten Mann!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich bin nicht Gott!&#8220; sprach darauf der Engel: &#8222;Aber seiner Boten einer bin ich und des wahren Christus Diener. Der sandte mich, und dir sandte er die Strafe deiner Hoffart. Gott erh\u00f6het und erniedrigt, wen er will! Warum verfolgst du diese Wahrheit?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Da fiel der K\u00f6nig hin zu des Engels F\u00fc\u00dfen und bat um Gottes Huld und Verzeihung. Der Engel hie\u00df ihn aufstehen und sprach: &#8222;Du musst Glauben haben an das Wort der Schrift aus der Priester Munde! Du musst barmherzig sein gegen die, so dir ihren Kummer klagen! Du musst gerecht sein gegen die Kleinen, wie gegen den Gro\u00dfen! Willst du das, so sollst du wieder einnehmen den Stuhl deiner Macht und deiner Ehren.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Da dem\u00fctigte sich aufs neue der K\u00f6nig vor dem Boten des Herrn, neigete sich, kniete nieder und sprach: &#8222;Ich folge dir gerne, gew\u00e4hre mir durch Gott Gnade!&#8220; Da bot ihm der Engel seine Hand und reichte ihm die K\u00f6nigsgewande und verlieh ihm die K\u00f6nigsgestalt wieder, und der K\u00f6nig legte das d\u00fcrftige R\u00f6cklein ab, das der Schenk ihm geben lie\u00df. Der Engel aber verschwand vor den Augen des K\u00f6nigs und flog wieder auf gen Himmel, in die Heimat der Seelen, in das Reich des ewigen Vaters.<\/p>\n\n\n\n<p>Der K\u00f6nig sprach: &#8222;Gelobt sei der s\u00fc\u00dfe Christ, der Gewaltige. Was der Engel mir sagte, das ist die rechte Wahrheit.&#8220; Und ging hervor aus dem Gemach wie einer, dem nie ein Leid widerfahren. Da fragten ihn die Dienstmannen ehrfurchtsvoll: &#8222;Herr, wo ist der Narr geblieben?&#8220; Er aber berief die K\u00f6nigin und alle die Seinen um sich her und erz\u00e4hlte ihnen alles, wie es sich begeben und was er erlitten, seinen Streit mit dem Bader und alles andere und zeigte ihnen das d\u00fcrftige R\u00f6cklein. Des erschraken die Schranzen und sch\u00e4mten sich, dass sie den Herrn also gekr\u00e4nkt und misskannt, und meinten ihrer viele, es werde ihnen nunmehr an Leib und Gut gehen. Selbst die K\u00f6nigin bat den Gemahl um Huld und Gnade und versicherte heilig und teuer, dass sie ihn nicht erkannt habe. Er schloss sanft ihre H\u00e4nde in seine Hand und sprach: &#8222;Frau, schweigt stille! Gott hat es so gewollt! Kannte ich doch zuletzt mich selbst nicht mehr.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann hie\u00df er den Spruch Deposuit wieder in alle\u00a0\u00a0B\u00fccher\u00a0schreiben, wo er ausgel\u00f6scht worden, und lie\u00df ihn wieder in den Kirchen lesen und ward gar ein dem\u00fctiger Herrscher. Und wer diese M\u00e4r lieset, der dem\u00fctige sein Herz vor Gott und bitte, dass er ihn vor Hoffart und \u00dcbermut gn\u00e4diglich bewahren wolle.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der K\u00f6nig im Bade Ludwig Bechstein Es war einmal ein K\u00f6nig, dem waren viele Lande deutscher und welscher Zunge untertan, darob wurde sein Herz \u00fcberm\u00fctig, und er glaubte, es g\u00e4be in der Welt keinen m\u00e4chtigen Herrn, au\u00dfer ihm allein. 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