{"id":5952,"date":"2026-04-19T21:51:47","date_gmt":"2026-04-19T19:51:47","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5952"},"modified":"2026-04-19T21:51:47","modified_gmt":"2026-04-19T19:51:47","slug":"der-komet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-komet\/","title":{"rendered":"Der Komet"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Der Komet<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hans Christian Andersen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Und der Komet kam, schimmerte mit seinem Feuerkern und drohte mit seinem Schweif; er ward betrachtet aus dem reichen Schloss, aus der armen H\u00fctte, aus dem Menschengedr\u00e4nge auf der Stra\u00dfe und von dem einsamen Wanderer, der \u00fcber die wegelose Heide schritt. Ein jeder hatte seinen Gedanken dabei.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Kommt und seht das Zeichen des Himmels! Kommt und seht den prachtvollen Anblick!&#8220; sagte man, und alle beeilten sich, zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber drinnen im Zimmer sa\u00dfen noch ein kleiner Knabe und seine Mutter; das Talglicht brannte, und die Mutter glaubte, einen Hobelspan im Licht zu sehen; der Talg bildete eine Spitze und kr\u00fcmmte sich, das bedeutete, so glaubte sie, dass der kleine Knabe bald sterben m\u00fcsse, der Hobelspan wandte sich ja ihm zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Das war ein alter Aberglaube, und den teilte sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Der kleine Knabe sollte aber noch viele Jahre auf der Erde leben, sollte leben und den Kometen sehen, wenn sich der nach mehr als sechzig Jahren wieder blicken lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Der kleine Knabe sah nicht den Hobelspan im Licht, dachte auch nicht an den Kometen, der zum ersten Mal in seinem Leben vom Himmel herab schien. Er sa\u00df, eine genietete Sp\u00fclkumme vor sich, da; in der Kumme war Seifenwasser und dahinein tauchte er den Kopf einer kleinen t\u00f6nernen Pfeife, setzte dann die R\u00f6hre an den Mund und machte Seifenblasen, kleine und gro\u00dfe; sie bebten und schwebten in den herrlichsten Farben, sie gingen von Rot in Gelb, in Lila und Blau \u00fcber, und dann wurden sie gr\u00fcn wie das Blatt des Waldes, wenn die Sonne hindurch schimmert.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Gott schenke dir so viele Jahre hier unten auf der Erde, wie du Seifenblasen machst!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;So viele, so viele!&#8220; sagte der Kleine. &#8222;Das Seifenwasser kann nie alle werden!&#8220; Und der Kleine blies eine Blase nach der anderen in die Luft hinein.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Da fliegt ein Jahr! Da fliegt noch ein Jahr! Sieh nur, wie sie fliegen!&#8220; sagte er bei jeder Seifenblase, die sich losl\u00f6ste und flog. Ein paar flogen ihm gerade in die Augen hinein; das biss und brannte, Tr\u00e4nen traten ihm in die Augen. In einer jeden Blase sah er ein Zukunftsbild, schimmernd, glitzernd.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Jetzt kann man den Kometen sehen!&#8220; riefen die Nachbarn, &#8222;Kommt doch heraus und seht!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und die Mutter nahm den Kleinen bei der Hand, er musste die t\u00f6nerne Pfeife hinlegen, das Spiel mit den Seifenblasen unterbrechen; der Komet war da.<\/p>\n\n\n\n<p>Und der Kleine sah die schimmernde Feuerkugel mit dem strahlenden Schweif, einige sagten, er sei drei Ellen lang, andere behaupteten, er messe Millionen Ellen; man sieht so verschieden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten von denen, die das sagten, waren auch tot und begraben, als er sich wieder zeigte; aber der kleine Knabe, f\u00fcr den sich der Hobelspan im Licht gebildet hatte und von dem die Mutter glaubte, dass er bald sterben w\u00fcrde, der lebte noch, war alt und wei\u00dfhaarig. &#8222;Wei\u00dfe Haare sind die Bl\u00fcten des Alters!&#8220; sagt das Sprichwort, und er hatte viele von den Bl\u00fcten; er war jetzt ein alter Schulmeister.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schulkinder sagten, er sei so klug, er wisse so viel, er wusste Geschichte und Geographie und was man von den Himmelsk\u00f6rpern kennt.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Alles kehrt wieder!&#8220; sagte er. &#8222;Gebt nur acht auf die Personen und Ereignisse, und ihr werdet erfahren, dass sie alle wiederkehren, in anderem Gewand, in anderem Land.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und der Schulmeister hatte gerade von Wilhelm Tell erz\u00e4hlt, der einen Apfel von seines Sohnes Haupt schie\u00dfen musste, aber ehe er den Pfeil abschoss, barg er einen zweiten auf seiner Brust, um ihn dem b\u00f6sen Ge\u00dfler ins Herz zu schie\u00dfen. Das geschah in der Schweiz, aber viele Jahre fr\u00fcher war genau dasselbe in D\u00e4nemark mit Palnatoke geschehen; der sollte auch einen Apfel von seines Sohnes Haupt schie\u00dfen und steckte, wie Tell, einen Pfeil beiseite, mit dem er sich r\u00e4chen wollte; und vor mehr als tausend Jahren ward dieselbe Geschichte niedergeschrieben, die sich in \u00c4gypten zugetragen hatte; es kehrt alles wieder so wie die Kometen, sie fahren hin, verschwinden, und kehren wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Und der sprach von dem Kometen, der erwartet wurde, von dem Kometen, den er als kleiner Junge gesehen hatte. Der Schullehrer kannte die Himmelsk\u00f6rper, dachte \u00fcber sie nach, verga\u00df aber dar\u00fcber keineswegs die Weltgeschichte und die Geographie.<\/p>\n\n\n\n<p>Seinen Garten hatte er in der Form der Landkarte von D\u00e4nemark angelegt. Hier standen Kr\u00e4uter und Blumen, wie sie in den verschiedenen Gegenden des Landes heimisch sind. &#8222;Holt mir Erbsen!&#8220; sagte er, und dann ging man nach dem Beet, das Laaland darstellte. &#8222;Holt mir Buchweizen!&#8220; und dann ging man nach Langeland. Der sch\u00f6ne blaue Enzian und der Porsch waren hoch oben bei Skagen zu finden, der schimmernde Christdorn dr\u00fcben bei Silke borg. Die St\u00e4dte selber waren durch Postamente angedeutet. Hier stand St. Knud mit dem Lindwurm, das bedeutete Odense; Absalom mit dem Bischofsstab bedeutete Sor\u00f6; das kleine Fahrzeug mit den Rudern war das Kennzeichen, dass hier Aarhus lag. Aus dem Garten des Schulmeisters lernte man sehr gut die d\u00e4nische Landkarte; aber erst musste man ja von ihm belehrt werden, und das war gar erg\u00f6tzlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt war der Komet in Aussicht, und von dem erz\u00e4hlte er, und er erz\u00e4hlte auch, was die Leute in alten Zeiten, als er zuletzt hier war, gesagt und geweissagt hatten. &#8222;Das Kometenjahr ist ein gutes Weinjahr!&#8220; sagte er. &#8222;Man kann den Wein mit Wasser verd\u00fcnnen, ohne dass es jemand merkt. Die Weinh\u00e4ndler sollen die Kometenjahre sehr lieben.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Vierzehn Tage und vierzehn N\u00e4chte war die ganze Luft mit Wolken angef\u00fcllt, man konnte den Kometen nicht sehen, aber er war da. Der alte Schulmeister sa\u00df in seiner kleinen Kammer dicht neben der Schulstube. Die Bornholmer Uhr aus der Zeit seiner Eltern stand in der Ecke, die schweren Bleilote hoben sich nicht und sanken auch nicht. der Perpendikel r\u00fchrte sich nicht; der kleine Kuckuck, der ehemals herauskam und die Stunden rief, hatte mehrere Jahre lang schweigend hinter dem geschlossenen Deckel gesessen; alles war stumm und still da drinnen, die Uhr ging nicht mehr. Aber das alte Klavier dicht dabei, das auch aus der Zeit der Eltern stammte, hatte noch Leben, die Saiten konnten noch klingen, freilich ein wenig heiser, konnten die Melodien eines ganzen Menschenalters singen. Der alte Mann ward dadurch an so vieles erinnert, an Frohes und Trauriges, w\u00e4hrend einer ganzen Reihe von Jahren, von der Zeit an, da er als kleiner Knabe den Kometen sah, bis auf heute, wo er wieder hier war. Er erinnerte sich dessen, was die Mutter von dem Hobelspan im Licht gesagt hatte, er erinnerte sich der herrlichen Seifenblasen, die er gemacht hatte; eine jede sei ein Lebensjahr, hatte sie gesagt, wie schimmernd, wie farbenreich! Alles Sch\u00f6ne und Erfreuliche hatte er darin gesehen: Kinderspiele und Jugendlust, die ganze weite Welt lag im Sonnenschein offen vor ihm, und dahinaus sollte er! Es waren Zukunftsblasen. Als alter Mann t\u00f6nten ihm aus den Saiten des Klaviers Melodien aus entschwundenen Zeiten entgegen: Erinnerungsblasen mit dem Farbenschimmer der Erinnerungen; da erklang Gro\u00dfmutters Stricklied:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">&#8222;Wohl keine Amazone hat<br>den ersten Strumpf gestrickt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Da erklang das Lied, das die alte Magd des Hauses ihm als Kind gesungen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">&#8222;Gar mancherlei Gedanken<br>hienieden muss bestehen,<br>wer jung und unerfahren<br>und wenig hat gesehen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, dann ert\u00f6nten die Melodien, von dem ersten Ball, ein Menuett und ein Molina ski; jetzt klangen weiche, wehmutsvolle T\u00f6ne, die Augen des alten Mannes f\u00fcllten sich mit Tr\u00e4nen, jetzt brauste ein Kriegsmarsch, jetzt kam ein geistliches Lied, dann folgten untere T\u00f6ne, eine Blase nach der andern, wie zu der Zeit, da er als kleiner Knabe Blasen aus dem Seifenwasser in die Luft hinaus gesandt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Auge war auf das Fenster gerichtet, eine Wolke da drau\u00dfen am Himmel glitt fort, er sah in der klaren Luft den Kometen, seinen schimmernden Kern, einen leuchtenden Nebelschleier.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war, als habe er ihn erst gestern Abend gesehen, und doch lag ein ganzes reiches Menschenleben zwischen damals und jetzt; damals war er ein Kind und sah in den Blasen &#8222;vorw\u00e4rts&#8220;, jetzt zeigten die Blasen &#8222;zur\u00fcck&#8220;. In ihm regten sich Kindersinn und Kinderglaube, seine Augen strahlten, seine Hand sank auf die Tasten nieder &#8211; es klang, als zerspringe eine Saite.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Kommt doch und seht, der Komet ist da!&#8220; wurde von den Nachbarn gerufen. &#8222;Der Himmel ist so herrlich klar! Kommt doch heraus, damit ihr ihn recht sehen k\u00f6nnt!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der alte Schulmeister antwortete nicht, er war auf dem Wege dahin, wo man so recht sehen kann; seine Seele schwebte auf gr\u00f6\u00dferen Bahnen, in einen weiteren Raume, als ihn der Komet durchfliegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und der Komet ward wieder von allen betrachtet, aus dem reichen Schloss, aus der armen H\u00fctte, aus dem Gedr\u00e4nge auf der Stra\u00dfe und von dem Einsamen auf der wegelosen Heide.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Seele des alten Mannes aber schaute Gott an, schaute die lieben Heimgegangenen an, nach denen er sich gesehnt hatte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Komet Hans Christian Andersen Und der Komet kam, schimmerte mit seinem Feuerkern und drohte mit seinem Schweif; er ward betrachtet aus dem reichen Schloss, aus der armen H\u00fctte, aus dem Menschengedr\u00e4nge auf der Stra\u00dfe und von dem einsamen Wanderer, der \u00fcber die wegelose Heide schritt. 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