{"id":5950,"date":"2026-04-19T21:44:02","date_gmt":"2026-04-19T19:44:02","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5950"},"modified":"2026-04-19T21:44:08","modified_gmt":"2026-04-19T19:44:08","slug":"vom-knaben-der-das-hexen-lernen-wollte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/vom-knaben-der-das-hexen-lernen-wollte\/","title":{"rendered":"Vom Knaben, der das Hexen lernen wollte"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Vom Knaben, der das Hexen lernen wollte<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ludwig Bechstein<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Es war einmal ein Knabe, der hatte vieles geh\u00f6rt von der Hexenkunst, wollte sie auch gern lernen. Wen er aber darum fragte, der sagte, dass er solche Kunst nicht kenne und nicht k\u00f6nne, und auch nichts von ihr wissen wolle. Da ging der Knabe ganz allein in einen dunkeln Wald, und rief mehr denn einmal recht laut: \u00bbWer lehrt mich das Hexen?\u00ab \u2013 und da schallte es wie antwortend an mehreren Stellen des tiefen Waldes: \u00bbHexen! Hexen!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Und nach einer Weile kam ein uraltes Weiblein durch das Geb\u00fcsche gekrochen, das keinen Zahn mehr im Munde und schrecklich rote Augen hatte. Ihr R\u00fccken war gekr\u00fcmmt, ihr Haar war wei\u00df, und hing ihr wild um den Kopf herum, und wehte im Winde. Ihre Stimme klang wie die Stimme des Vogels Kreidewei\u00df, wenn er ruft: \u00bbkomm mit!\u00ab und geradeso rief auch das alte Weib dem Knaben zu, und winkte ihm zu folgen, sie wolle ihm das Hexen lehren. Der Knabe folgte ihr und sie f\u00fchrte ihn immer tiefer in den Wald hinein, und zuletzt auf ein sumpfiges Erlenmoor, darauf eine graue, unscheinbare, halbverfallene Waldh\u00fctte stand. Die W\u00e4nde waren von Torfziegeln aufgef\u00fchrt, und mit Moos austapeziert; das Dach war mit Schilf gedeckt. In der Waldh\u00fctte war niemand als ein h\u00fcbsches junges M\u00e4dchen, welche Lieschen hie\u00df; die Alte sagte aber nicht, ob es ihre Tochter oder ihre Enkelin sei; au\u00dferdem waren nur noch drei gro\u00dfe Kr\u00f6ten vorhanden, und \u00fcber dem niederen Herde hing ein Kessel, darinnen eine Br\u00fche kochte, wie G\u00e4nseschwarz, Hasenpfeffer, oder sonstiges Schwarzsauer mit Fleischkn\u00f6chlein darin. Die alte setzte eine Kr\u00f6te vor die T\u00fcrschwelle, dass sie Wache halte, die zweite Kr\u00f6te schickte sie auf den Boden, dass sie dem Knaben eine Lagerstatt bereite, und die dritte Kr\u00f6te stellte sie auf den Tisch, dass sie leuchte. Diese Kr\u00f6te tat ihr Bestes im Leuchten, doch wie auch ihre \u00c4ugelein im gr\u00fcnlichen Schimmer flammten, so brachte sie es kaum dahin, so hell zu leuchten, wie ein Gl\u00fchwurm, daher auch der Hass kommt, den die Kr\u00f6ten gegen die Gl\u00fchw\u00fcrmer haben. Nun a\u00dfen die Alte und das Lieschen aus dem Kessel ihre Abendmahlzeit, und der Knabe sollte auch essen, aber er graulte sich, denn es kam ihm vor, als ob die Kn\u00f6chlein Finger und Zehen von Kindern w\u00e4ren. Er klagte, dass er sehr m\u00fcde sei, und wurde auf sein Strohlager gewiesen, wo er bald mit dem Gedanken einschlief, am andern Morgen werde nun seine Lehrzeit in der Hexenkunst angehen, und dass es sehr h\u00fcbsch sein werde, wenn das kleine Lieschen ihm darin Unterricht geben wolle. Die alte Hexe aber zischelte dem M\u00e4dchen zu: \u00bbWieder einen gefangen! Ein h\u00fcbscher Braten, morgen wecke mich recht fr\u00fch, ehe die Sonne aufgeht, da wollen wir ihn schlachten und was wir nicht gleich braten, einp\u00f6keln.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt gingen die beiden auch schlafen, aber Lieschen fand keinen Schlaf, der sch\u00f6ne Knabe dauerte sie gar sehr, dass er auch sterben sollte, und sie stand von ihrem Lager auf und trat an das seine, und sah, wie sch\u00f6n rot seine W\u00e4ngelein waren, und wie blond sein gelocktes Haar, und dass seine Augen blau waren, wie Vergissmeinnicht, das hatte Lieschen nicht vergessen. Und es graute ihr vor ihr selbst, dass sie gezwungen war, der alten b\u00f6sen Hexe zu dienen, die sie schon lange, als sie noch ein ganz kleines Kind war, ihren Eltern geraubt und in den tiefen Wald geschleppt hatte, und hatte das Hexenwerk lernen m\u00fcssen, wie man pfeilschnell durch die Luft eilt, wie man sich unsichtbar macht, wie man sich in andere Gestalten verwandelt, und als sich nun Lieschens Herz in voller Zuneigung zu dem Knaben bewegte, so beschloss das M\u00e4dchen, ihn wo m\u00f6glich zu erretten. Sie weckte ihn daher ganz leise, und fl\u00fcsterte ihm zu: \u00bbLieber Knabe, erhebe dich und folge mir! Hier wartet deiner nur der Tod.\u00ab \u00bbSoll ich denn hier nicht das Hexen lernen?\u00ab fragte der Knabe, welcher Friedel hie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbBesser ist dir, wenn du es nimmermehr lernst; au\u00dferdem hast du noch Zeit genug dazu\u00ab, antwortete Lieschen, \u00bbjetzt s\u00e4ume nicht \u2013 fliehe, und ich will mit dir fliehen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbMit dir gehe ich gerne, liebes M\u00e4dchen\u00ab, sprach der Knabe: \u00bbund bei der h\u00e4sslichen Alten mit ihren garstigen Kr\u00f6ten m\u00f6chte ich nicht bleiben.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSo komm denn!\u00ab sprach Lieschen, und \u00f6ffnete leise das H\u00e4uschen, und sah nach, ob die Alte schlief; die schlief noch, denn es war noch halb Nacht, und lange nicht Morgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt trat Lieschen mit Friedel aus dem H\u00e4uschen, und Lieschen spuckte auf die Schwelle, worauf sie beide rasch von dannen eilten. Durch das \u00d6ffnen und Wiederschlie\u00dfen der T\u00fcre war aber doch ein kleines Ger\u00e4usch entstanden, und weil alte Leute sehr leise schlafen, so erwachte die Hexe, und rief: \u00bbLieschen! Stehe auf! Ich glaube, es wird bald Tag.\u00ab Da rief der Speichel auf der Schwelle vermittelst eines Hexenzaubers, den Lieschen ver\u00fcbt: \u00bbIch bin schon auf! Ruhe nur noch, bis ich das H\u00fcttchen gekehrt, und Laub und Holz zum Feuer zusammengelesen habe.\u00ab \u2013 Nun blieb die Alte noch ein Weilchen liegen, w\u00e4hrend die Fliehenden unaufhaltsam von dannen eilten; jene konnte aber nicht wieder einschlafen, und rief abermals: \u00bbLieschen, brennt das Feuer?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da antwortete abermals der Speichel auf der Schwelle: \u00bbEs brennt noch nicht, das Laub ist feucht \u2013 das Holz raucht \u2013 ruhe noch ein Weilchen, bis ich das Feuer angeblasen habe.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Die Alte ruhte noch eine kurze Zeit, w\u00e4hrend die Fliehenden immer mehr sich von ihrer H\u00fctte entfernten. Unterdes ging die Sonne auf, da fuhr die Alte, die ein wenig eingenickt war, mit beiden Beinen zugleich aus dem Bette, und schrie: \u00bbSatanskind! Die Sonne geht auf, und du hast mich nicht geweckt. Wo steckst du?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Auf diese Frage bekam die Alte keine Antwort, denn die Sonne hatte den Speichel auf der Schwelle vertrocknet \u2013 und nun fuhr die Hexe im Hause herum, wie ein Wirbelwind. Der Knabe war fort, und Lieschen war fort, und die H\u00fctte war nicht gefegt, es lag nicht Laub, nicht Holz auf dem Herde. Die Alte war w\u00fctend. Sie ergriff einen Besenstiel, und rannte aus dem Hause. Sie schlug mit dem Besen an die T\u00fcre, da ward das H\u00e4uschen unsichtbar; sie trat auf einen Bovist, da wallte eine Wolke empor; sie setzte sich auf ihren Besenstiel, und fuhr als Wolke in die Luft. Da sah sie, nach welcher Richtung die Fl\u00fcchtlinge flohen, und mit Windeseile flog die Wolke ihnen nach. Lieschen aber sah sich auf der Flucht best\u00e4ndig um, denn sie kannte die K\u00fcnste der alten Hexe, und sprach jetzt zu Friedel: \u00bbSiehst du dort am hohen Himmel die braune Wolke? Das ist die Hexe, die uns nachf\u00e4hrt; wir k\u00f6nnen nicht weiter fliehen, sie wird uns bald einholen. Jetzt lasse mich meine Kunst brauchen. Ich will ein Dornstrauch werden, und dich als eine Schlehe tragen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich war Lieschen ein Schlehendorn, der viele Fr\u00fcchte trug, und an einem Raine stand, und die unterste Beere, das war Friedel.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Hexe bekam auf ihrer Luftfahrt gro\u00dfen Durst, und als sie den Schlehendornstrauch mit den vielen Fr\u00fcchten sah, sprach sie zu sich selbst: die Luft ist trocken und zehrt \u2013 ich muss mich herablassen und ein paar Schlehen essen. Dieses tat sie dann, und pfl\u00fcckte eine Beere nach der andern, und sagte: \u00bbSauer macht lustig.\u00ab Jetzt waren die Beeren alle verzehrt, bis auf die letzte, welches der Friedel war, und das wusste die schlimme Alte recht gut, sie krallte mehrmals danach, aber der Dornbusch stach sie t\u00fcchtig in ihre langen, d\u00fcrren Finger \u2013 aber sie kehrte sich nicht daran, sie gab sich rechte M\u00fche, die in Dornen ganz versteckte letzte Schlehe zu erhaschen, da fiel die Schlehe ab, und rollte den Rain hinab, und da wurde pl\u00f6tzlich der Dornbusch zu einem Wasser, und die Beere zu einem kleinen Enterich, alles durch Lieschens Zauberkunst, die sie von der Alten gelernt hatte. Da warf die Alte einen ihrer Pantoffel in die Luft, der wurde alsbald ein gro\u00dfer Raubvogel, und stie\u00df auf den Enterich, dieser tauchte schnell unter, und sowie der Raubvogel mit seinem Schnabel das Wasser ber\u00fchrte, schlug dieses eine Welle, die ihn fasste und ers\u00e4ufte, worauf der Enterich wieder auftauchte. W\u00fctend schleuderte die Alte ihren zweiten Pantoffel in das Wasser, der wurde ein Krokodil, und schoss nach dem Enterich hin, ihn zu erschnappen, da flog der Enterich in die Luft, und lie\u00df sich an einer andern Stelle wieder in das Wasser nieder; das Wasser aber, welches dem Krokodil in den Rachen drang, wurde zu Stein, da wurde das Krokodil so schwer, dass es untersank. Jetzt legte sich die alte Hexe platt an den Rand des Wassers, um dasselbe wegzutrinken, denn ohne das Wasser hatte der verzauberte Enterich keinen Boden mehr. So wie er das Land ber\u00fchrte, musste dieser Enterich die vorige Gestalt wieder annehmen. Nicht lange aber hatte die Alte getrunken, da verwandelte sich das Wasser in ihrem Leibe in Feuer, und da tat es einen Knall, als ob die H\u00f6lle platze. Die Hexe war zerplatzt, der Enterich war wieder der sch\u00f6ne Knabe, das Feuer wurde zum Lieschen, und dann blieben beide miteinander treu verbunden. Wie der Knabe das Lieschen fragte, ob es ihm das Hexen lehren wollte \u2013 lachte Lieschen und sagte: \u00bbDu kannst es ja schon, du hast ja mich behext.\u00ab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom Knaben, der das Hexen lernen wollte Ludwig Bechstein Es war einmal ein Knabe, der hatte vieles geh\u00f6rt von der Hexenkunst, wollte sie auch gern lernen. Wen er aber darum fragte, der sagte, dass er solche Kunst nicht kenne und nicht k\u00f6nne, und auch nichts von ihr wissen wolle. 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