{"id":5929,"date":"2026-04-19T19:42:46","date_gmt":"2026-04-19T17:42:46","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5929"},"modified":"2026-04-19T19:49:11","modified_gmt":"2026-04-19T17:49:11","slug":"die-kuenstliche-orgel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-kuenstliche-orgel\/","title":{"rendered":"Die k\u00fcnstliche Orgel"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Die k\u00fcnstliche Orgel<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Richard von Volkmann-Leander<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Vor langen, langen Jahren lebte einmal ein sehr geschickter junger Orgelbauer, der hatte schon viele Orgeln gebaut, und die letzte war immer wieder besser als die vorhergehende. Zuletzt machte er eine Orgel, die war so k\u00fcnstlich, dass sie von selbst zu spielen anfing, wenn ein Brautpaar in die Kirche trat, an dem Gott sein Wohlgefallen hatte. Als er auch diese Orgel vollendet hatte, besah er sich die M\u00e4dchen des Landes, w\u00e4hlte sich die Fr\u00f6mmste und Sch\u00f6nste und lie\u00df seine eigene Hochzeit zurichten. Wie er aber mit der Braut \u00fcber die Kirchschwelle trat und Freunde und Verwandte in langem Zuge folgten, war sein herz voller Stolzes und Ehrgeizes. Er dachte nicht an seine Braut und nicht an Gott, sondern nur daran, was er f\u00fcr ein geschickter Meister sei, dem niemand es gleichtun k\u00f6nne, und wie alle Leute staunten und ihn bewundern w\u00fcrden, wenn die Orgel von selbst zu spielen beg\u00f6nne. So trat er mit seiner sch\u00f6nen Braut in die Kirche ein \u2013 aber die Orgel blieb stumm. Das nahm sich der Orgelbaumeister sehr zu Herzen, denn er meinte in seinem stolzen Sinne, dass die Schuld nur an der Braut liegen k\u00f6nne und dass sie ihm nicht treu sei. Er sprach den ganzen Tag \u00fcber kein Wort mit ihr, schn\u00fcrte dann nachts heimlich sein B\u00fcndel und verlie\u00df sie. Nachdem er viele hundert Meilen weit gewandert war, lie\u00df er sich endlich in einem fremden Land nieder, wo niemand ihn kannte und keiner nach ihm fragte. Dort lebte er still und einsam zehn Jahre lang: da \u00fcberfiel ihn eine namenlose Angst nach der Heimat und nach der verlassenen Braut. Er musste immer wieder daran denken, wie sie so fromm und sch\u00f6n gewesen sei und wie er sie so b\u00f6sslich verlassen. Nachdem er vergeblich alles getan, um seine Sehnsucht niederzuk\u00e4mpfen, entschloss er sich, zur\u00fcckzukehren und sie um Verzeihung zu bitten. Er wanderte Tag und Nacht, dass ihm die Fu\u00dfsohlen wund wurden, und je mehr er sich der Heimat n\u00e4herte, desto st\u00e4rker wurde seine Sehnsucht und desto gr\u00f6\u00dfer wurde seine Angst, ob sie wohl wieder so gut und freundlich zu ihm sein werde wie in der Zeit, wo sie noch seine Braut war. Endlich sah er die T\u00fcrme seiner Vaterstadt von fern in der Sonne blitzen. Da fing er an zu laufen, was er laufen konnte, so dass die Leute hinter ihm her den Kopf sch\u00fcttelten und sagten: &#8222;Entweder ist\u2018s ein Narr, oder er hat gestohlen.&#8220; Wie er aber in das Tor der Stadt eintrat, begegnete ihm ein langer Leichenzug. Hinter dem Sarge her gingen eine Menge Leute, welche weinten. &#8222;Wen begrabt ihr hier, ihr guten Leute, dass ihr so weint?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Es ist die sch\u00f6ne Frau des Orgelbaumeisters, die ihr b\u00f6ser Mann verlassen hat. Sie hat uns allen so viel Gutes und Liebes getan, dass wir sie in der Kirche beisetzen wollen.&#8220; Als er dies h\u00f6rte, entgegnete er kein Wort, sondern ging still gebeugten Hauptes neben dem Sarge her und half ihn tragen. Niemand erkannte ihn; weil sie ihn aber fortw\u00e4hrend schluchzen und weinen h\u00f6rten, st\u00f6rte ihn keiner, denn sie dachten: Das wird wohl auch einer von den vielen armen Leuten sein, denen die Tote bei Lebzeiten Gutes erwiesen hat. So kam der Zug zur Kirche, und wie die Tr\u00e4ger die Kirchschwelle \u00fcberschritten, fing die Orgel von selbst zu spielen an, so herrlich, wie noch niemand eine Orgel spielen geh\u00f6rt. Sie setzten den Sarg vor dem Altare nieder, und der Orgelbaumeister lehnte sich still an eine S\u00e4ule daneben und lauschte den T\u00f6nen, die immer gewaltiger anschwollen, so gewaltig, dass die Kirche in ihren Grundpfeilern bebte. Die Augen fielen ihm zu, denn er war sehr m\u00fcde von der weiten Reise; aber sein Herz war freudig, denn er wusste, dass ihm Gott verziehen habe, und als der letzte Ton der Orgel verklang, fiel er tot auf das steinerne Pflaster nieder. Da hoben die Leute die Leiche auf, und wie sie inne wurden, wer es sei, \u00f6ffneten sie den Sarg und legten ihn zu seiner Braut. Und wie sie den Sarg wieder schlossen, begann die Orgel noch einmal ganz leise zu t\u00f6nen. Dann wurde sie still und hat seitdem nie wieder von selbst geklungen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die k\u00fcnstliche Orgel Richard von Volkmann-Leander Vor langen, langen Jahren lebte einmal ein sehr geschickter junger Orgelbauer, der hatte schon viele Orgeln gebaut, und die letzte war immer wieder besser als die vorhergehende. 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