{"id":589,"date":"2015-11-03T22:20:04","date_gmt":"2015-11-03T21:20:04","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=589"},"modified":"2025-12-28T02:33:04","modified_gmt":"2025-12-28T01:33:04","slug":"goldtoechterchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/goldtoechterchen\/","title":{"rendered":"Goldt\u00f6chterchen"},"content":{"rendered":"<p>Richard von Volkmann-Leander<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Vor dem Tor, gleich an der Wiese, stand ein Haus, darin wohnten zwei Leute, die hatten nur ein einziges Kind, ein ganz kleines M\u00e4dchen. Das nannten sie Goldt\u00f6chterchen. Es war ein liebes, kregles kleines Ding, flink wie ein Wiesel. Eines Morgens geht die Mutter fr\u00fch in die K\u00fcche, Milch zu holen; da steigt das Ding aus dem Bett und stellt sich im Hemdchen in die Haust\u00fcre. Nun war ein wunderherrlicher Sommermorgen, und wie es so in der Haust\u00fcre steht, denkt es: Vielleicht regnet&#8217;s morgen; da ist&#8217;s besser, du gehst heute spazieren. Wie&#8217;s so denkt, geht&#8217;s auch schon; l\u00e4uft hinters Haus auf die Wiese und von der Wiese bis an den Busch. Wie&#8217;s an den Busch kommt, wackeln die Haselb\u00fcsche ganz ernsthaft mit den Zweigen und rufen:<\/span><\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbNacktfrosch im Hemde,<br \/>\nWas willst du in der Fremde?<br \/>\nHat kein&#8216; Schuh und hast kein&#8216; Hos,<br \/>\nHast ein einzig Str\u00fcmpfel blo\u00df;<br \/>\nWirst du noch den Strumpf verlier&#8217;n,<br \/>\nMusst du dir ein Bein erfrier&#8217;n.<br \/>\nGeh nur wieder heime;<br \/>\nMach dich auf die Beine! \u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Aber es h\u00f6rt nicht, sondern l\u00e4uft in den Busch, und wie es durch den Busch ist, kommt es an den Teich. Da steht die Ente am Ufer mit einer vollen Mandel Junger, alle goldgelb wie die Eidotter, und f\u00e4ngt entsetzlich an zu schnattern; dann l\u00e4uft sie Goldt\u00f6chterchen entgegen, sperrt den Schnabel auf und tut, als wenn sie es fressen wollte. Aber Goldt\u00f6cherchen f\u00fcrchtet sich nicht, geht gerade darauf los und sagt:<\/span><\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbEnte du Schnatterlieschen,<br \/>\nHalt doch den Schnabel und schweig ein bisschen! \u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbAch\u00ab, sagt die Ente, \u00bbdu bist&#8217;s, Goldt\u00f6chterchen! Ich hatte dich gar nicht erkannt; nimm&#8217;s nur nicht \u00fcbel! Nein, du tust uns nichts. Wie geht es dir denn? Wie geht es denn deinem Herrn Vater und deiner Frau Mutter? Das ist ja recht sch\u00f6n, dass du uns einmal besuchst. Das ist ja eine gro\u00dfe Ehre f\u00fcr uns. Da bist du wohl recht fr\u00fch aufgestanden? Also, du willst dir wohl auch einmal unsern Teich besehen? Eine recht sch\u00f6ne Gegend! Nicht wahr?\u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Wie sie ausgeschnattert hat, fragt Goldt\u00f6chterchen: \u00bbSag einmal, Ente, wo hast du denn die vielen kleinen Kanarienv\u00f6gel her? \u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbKanarienv\u00f6gel? \u00ab wiederholt die Ente, \u00bbich bitte dich, es sind ja blo\u00df meine Jungen. \u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbAber sie singen ja so fein und haben keine Federn, sondern blo\u00df Haare! Was bekommen denn deine kleinen Kanarienv\u00f6gel zu essen?\u00ab<br \/>\n\u00bbDie trinken klares Wasser und essen feinen Sand. \u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbDavon k\u00f6nnen sie ja aber unm\u00f6glich wachsen. \u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbDoch, doch\u00ab, sagt die Ente; \u00bbder liebe Gott segnet&#8217;s ihnen; und dann ist auch zuweilen im Sand ein W\u00fcrzelchen und im Wasser ein Wurm oder eine Schnecke. \u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbHabt ihr denn keine Br\u00fccke? \u00ab fragt dann weiter Goldt\u00f6chterchen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbNein\u00ab, sagt die Ente, \u00bbeine Br\u00fccke haben wir nun allerdings leider nicht. Wenn du aber \u00fcber den Teich willst, will ich dich gern hin\u00fcberfahren. \u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Darauf geht die Ente ins Wasser, bricht ein gro\u00dfes Wasserrosenblatt ab, setzt Goldt\u00f6chterchen darauf, nimmt den langen St\u00e4ngel in den Schnabel und f\u00e4hrt Goldt\u00f6chterchen hin\u00fcber. Und die kleinen Entchen schwimmen munter nebenher.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbSch\u00f6nen Dank, Ente! \u00ab sagte Goldt\u00f6chterchen, als es dr\u00fcben angekommen ist.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbKeine Ursache\u00ab, sagt die Ente. \u00bbWenn du mich mal wieder brauchst, steh ich gern zu Diensten. Empfiehl mich deinen Eltern. Sch\u00f6n adje! \u00ab<br \/>\nAuf der anderen Seite des Teiches ist wieder eine gro\u00dfe gr\u00fcne Wiese, auf der geht Goldt\u00f6chterchen weiter spazieren. Nicht lange, so sieht es einen Storch, auf den l\u00e4uft&#8217;s geradezu: \u00bbGuten Morgen, Storch\u00ab, sagt&#8217;s; \u00bbwas isst du denn, was so gr\u00fcnscheckig aussieht und dabei quakt? \u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbZappelsalat\u00ab, antwortet der Storch, \u00bbZappelsalat, Goldt\u00f6chterchen! \u00ab \u00bbGib mir auch was, ich bin hungrig! \u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbZappelsalat ist nichts f\u00fcr dich\u00ab, sagt der Storch; geht an den Bach, taucht mit seinem langen Schnabel tief unter und holt erst einen goldenen Becher mit Milch und dann eine Wecke heraus. Darauf hebt er den rechten Fl\u00fcgel und l\u00e4sst eine Zuckert\u00fcte herunterfallen. Goldt\u00f6chterchen l\u00e4sst sich&#8217;s nicht zweimal sagen, sondern setzt sich hin und isst und trinkt. Wie&#8217;s satt ist, sagt&#8217;s:<\/span><\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbEin&#8217;n sch\u00f6nen Dank,<br \/>\nUnd gute Gesundheit dein Leben lang! \u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Darauf l\u00e4uft\u2019s weiter. Nicht lange, so kommt ein kleiner blauer Schmetterling geflogen. \u00bbKleines Blaues\u00ab, sagt Goldt\u00f6chterchen, \u00bbwollen wir uns ein wenig haschen? \u00ab \u00bbIch bin\u2019s zufrieden\u00ab, antwortet der Schmetterling, \u00bbaber du darfst mich nicht angreifen, damit nichts abgeht. \u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Nun haschen sie sich lustig auf der Wiese herum, bis es Abend wird. Wie es anf\u00e4ngt zu d\u00e4mmern, setzt sich Goldt\u00f6chterchen hin und denkt, jetzt willst du dich ausruhen; dann gehst du nach Hause. Wie\u2019s so sitzt, merkt\u2019s, dass die Blumen im Grase auch schon alle m\u00fcde sind und einschlafen wollen. Das G\u00e4nsebl\u00fcmchen nickt ganz schl\u00e4frig mit dem Kopfe, richtet sich dann noch einmal auf, sieht sich mit gl\u00e4sernen Augen um, und dann nickt\u2019s noch einmal. Da steht eine wei\u00dfe Aster daneben (und das war jedenfalls die Mutter) und sagt:<br \/>\n\u00bbG\u00e4nsebl\u00fcmchen, mein Engelchen, <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Fall\u2019 nicht vom St\u00e4ngelchen!<br \/>\nGeh zu Bett, mein Kind. \u00ab Und das G\u00e4nsebl\u00fcmchen duckt sich hin und schl\u00e4ft ein. Dabei verschiebt sich\u2019s wei\u00dfe M\u00fctzchen, dass ihm die Spitzen gerade \u00fcber\u2019s Gesicht fallen. Darauf schl\u00e4ft auch die Aster ein.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Wie Goldt\u00f6chterchen sieht, dass alles schl\u00e4ft, fallen ihm die Augen auch zu. Da liegt es nun auf der Wiese und schl\u00e4ft, und mittlerweile l\u00e4uft seine Mutter immer noch im ganzen Hause umher und sucht\u2019s und weint. Sie geht in alle Kammern und sieht in alle Winkel, unter alle Betten und unter die Treppe. Dann geht sie auf die Wiese bis an den Busch und durch den Busch bis an den Teich. \u00dcber den Teich kann es nicht gekommen sein, denkt sie und geht wieder zur\u00fcck, und durchsucht noch einmal alle Winkel und Ecken und sieht unter alle Betten und unter die Treppe. Wie sie damit fertig ist, geht sie wieder auf die Wiese, und wieder in den Busch, und wieder bis an den Teich. Das tut sie den ganzen Tag, und je l\u00e4nger sie es tut, desto mehr weint sie. Der Mann aber l\u00e4uft unterdessen in der ganzen Stadt umher und fragt, ob niemand Goldt\u00f6chterchen gesehen hat.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Als es aber ganz dunkel geworden war, kam einer von den zw\u00f6lf Engeln, die jeden Abend \u00fcber die ganze Welt hinwegfliegen m\u00fcssen, um nachzusehen, ob sich nicht irgendwo ein kleines Kind verlaufen hat, und es wieder zu seiner Mutter zu bringen, auch auf die gr\u00fcne Wiese. Als er Goldt\u00f6chterchen hier liegen und schlafen sah, hob er es behutsam auf, ohne es zu wecken, flog bis \u00fcber die Stadt und sah nach, in welchem Hause noch Licht war. \u00bbDas wird wohl das Haus sein, wo\u2019s hingeh\u00f6rt\u00ab, sagte er, als er das Haus von Goldt\u00f6chterchens Eltern sah, und das Licht im Wohnzimmer brannte immer noch. Heimlich sah er zum Fenster hinein: Da sa\u00dfen Vater und Mutter sich an dem kleinen Tische gegen\u00fcber und weinten, und unter dem Tisch hielten sie sich die H\u00e4nde. Da \u00f6ffnete er ganz leise die Haust\u00fcre, legte das Kind unter die Treppe und flog fort.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und die Eltern sa\u00dfen immer noch am Tisch. Da stand die Frau auf, z\u00fcndete noch ein Licht an und leuchtete noch einmal in alle Winkel und Ecken und unter die Betten.<br \/>\n\u00bbFrau\u00ab, sagte der Mann traurig, \u00bbdu hast ja schon so oft vergeblich in alle Winkel und Ecken und unter die Treppe gesehen. Geh zu Bett. Unser Goldt\u00f6chterchen wird wohl in den Teich gefallen und ertrunken sein. \u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Doch die Frau h\u00f6rte nicht, sondern ging weiter, und wie sie unter die Treppe leuchtete, da lag das Kind da und schlief. Da schrie sie vor Freude so laut auf, dass der Mann eilends die Treppe herabgesprungen kam. Mit dem Kinde auf dem Arm kam sie ihm freudestrahlend entgegen. Es schlief ganz fest, so m\u00fcde hatte es sich gelaufen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbWo war es denn? Wo war es denn? \u00ab rief er.<br \/>\n\u00bbUnter der Treppe lag\u2019s und schlief\u00ab, erwiderte die Frau, \u00bbund ich habe doch heute schon so oft unter die Treppe gesehen. \u00ab<br \/>\nDa sch\u00fcttelte der Mann mit dem Kopfe und sagte: \u00bbMit rechten Dingen geht\u2019s nicht zu, Mutter; wir wollen nur Gott danken, dass wir unser Goldt\u00f6chterchen wieder haben! \u00ab<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Richard von Volkmann-Leander<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[85,99],"tags":[],"class_list":["post-589","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-maerchen","category-richard-von-volkmann-leander"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/589","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=589"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/589\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":590,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/589\/revisions\/590"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=589"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=589"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=589"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}