{"id":587,"date":"2015-11-03T22:18:39","date_gmt":"2015-11-03T21:18:39","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=587"},"modified":"2026-01-24T22:18:13","modified_gmt":"2026-01-24T21:18:13","slug":"die-goldspinnerinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-goldspinnerinnen\/","title":{"rendered":"Die Goldspinnerinnen"},"content":{"rendered":"<p><!--more--><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Ich will euch eine sch\u00f6ne Geschichte aus dem Erbe der Vorzeit erz\u00e4hlen, welche sich zugetragen hat, als noch die Anger nach alter Weise von der Sprachkundigkeit der Vierf\u00fc\u00dfer und Befiederten widerhallten.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Es lebte mal vor grauen Zeiten in einem tiefen Wald eine lahme Alte mit drei jugendfrischen T\u00f6chtern; ihre H\u00fctte lag im Dickicht versteckt. Die T\u00f6chter bl\u00fchten sch\u00f6nen Blumen gleich um der Mutter verdorrten Stumpf; besonders sch\u00f6n und zierlich wie ein Bohnensch\u00f6tchen war die j\u00fcngste Schwester. In dieser Einsamkeit gab es aber keine anderen Beschauer als am Tage die Sonne und bei Nacht den Mond und die Augen der Sterne. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Blendend blickt mit Burschenaugen, sengt die Sonne ihren Kopfputz, blinkt auf breiten bunten B\u00e4ndern, purpurn ihre S\u00e4ume f\u00e4rbend.&#8220; <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die Alte lie\u00df die M\u00e4dchen nicht m\u00fc\u00dfig gehen noch s\u00e4umig sein, sondern hielt sie vom Morgen bis zum Abend zur Arbeit an; sie sa\u00dfen Tag f\u00fcr Tag am Spinnrocken und spannen Goldflachs zu Garn. Den armen Dingern wurde weder Donnerstag- noch Samstagabend Mu\u00dfe geg\u00f6nnt, ihre Aussteuertruhen aufzuf\u00fcllen, und wenn nicht in d\u00e4mmrigen Augenblicken oder im Mondenschein verstohlenerweise die Stricknadel zur Hand genommen wurde, w\u00e4ren die Truhen ganz ohne Zuwachs geblieben. War die Kunkel abgesponnen, wurde sofort eine neue aufgesteckt, \u00fcberdies musste das Garn gleich biegsam, drall und fein sein. Das fertige Garn verwahrte die Alte hinter Schloss und Riegel in einer geheimen Kammer, wohin die T\u00f6chter nie ihren Fu\u00df setzen durften. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Von wo der Goldflachs ins Haus gebracht wurde, oder zu was f\u00fcr einem Gewebe das Garn versponnen wurde, das war den Spinnerinnen unbekannt, &#8211; nie gab das alte Weib auf solche Fragen Antwort. Zwei- oder dreimal in jedem Sommer unternahm die Alte geheimnisvolle Reisen, blieb zuweilen \u00fcber eine Woche aus und kam immer zu n\u00e4chtlicher Zeit zur\u00fcck, so dass die T\u00f6chter nicht erfahren konnten, was sie mitgebracht hatte. Ehe sie abreiste, teilte sie ihren Kindern jedes Mal f\u00fcr so viele Tage Arbeit zu, wie sie auszubleiben gedachte. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Wieder war die Zeit heranger\u00fcckt, wo die Alte ihre Wanderung antreten wollte. Gespinst f\u00fcr sechs Tage wurde den M\u00e4dchen ausgeteilt, wobei ihnen abermals die alte Ermahnung zuteil wurde: &#8222;M\u00e4dels, haltet den Blick scharf und die Finger geschickt, damit der Faden in der Spindel nicht rei\u00dft, sonst schwindet mit dem Glanz des Goldgarns auch euer Gl\u00fcck!&#8220; Die M\u00e4dchen verlachten diese mit Nachdruck gegebene Warnung; noch ehe sich die Mutter auf ihrer Kr\u00fccke zehn Schritte vom Haus entfernt hatte, fingen alle drei an zu spotten: <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Dieses alberne Verbot, das immer wiederholt wird, haben wir doch nicht n\u00f6tig&#8220;, sagte die j\u00fcngste Schwester. &#8222;Die Fasern des Goldgarns rei\u00dfen ja nicht mal, wenn man an ihnen zupft, geschweige denn beim Spinnen.&#8220; Eine der \u00e4lteren Schwestern setzte hinzu: &#8222;Ebenso wenig kann sich der Glanz des Goldes verlieren.&#8220; Oft schon hat M\u00e4dchenvorwitz so mancherlei voreilig verspottet, wobei allzu langer Jubel letzten Endes in Tr\u00e4nen zerfloss. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Am dritten Tag nach der Mutter Abreise ereignete sich ein unerwarteter Vorfall, der den M\u00e4dchen anfangs Bangen, dann Gl\u00fcck und Freude, auf lange Zeit aber Kummer, Gram und Sorgen bereiten sollte. Ein K\u00f6nigssohn aus der Sippe des Kalev war auf der Pirsch im dicken, dichten Walde von seinen Gef\u00e4hrten so weit abgekommen, dass ihn weder Hundegebell noch H\u00f6rnerblasen auf die richtige F\u00e4hrte zur\u00fcckleiteten. Alles Rufen fand nur das Geh\u00f6r der scheel\u00e4ugigen Waldfee oder verfing sich im undurchdringlichen Gestr\u00fcpp. Verdrossen und todm\u00fcde stieg der k\u00f6nigliche J\u00fcngling schlie\u00dflich vom Ross und warf sich nieder, um im Schatten eines Gestr\u00e4uches zu ruhen, w\u00e4hrend das Pferd sich nach Belieben auf dem Wiesengrund sein Futter suchen durfte. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Als der K\u00f6nigssohn erwachte, stand die Sonne schon niedrig. Er suchte jetzt kreuz und quer nach dem Wege und entdeckte endlich einen kaum merklichen Fu\u00dfpfad, der ihn zur H\u00fctte der hinkenden Alten f\u00fchrte. Wohl erschraken die T\u00f6chter, als sie pl\u00f6tzlich den fremden Mann gewahrten, desgleichen ihr Auge nie zuvor erblickt hatte. Indes hatten sie sich nach Vollendung ihres Tagewerks in der K\u00fchle des Abends so mit dem Fremden befreundet, dass sie sich gar nicht einmal zur Ruhe begeben mochten. Und als sich die \u00e4lteren Schwestern endlich doch schlafen gelegt hatten, sa\u00df die j\u00fcngste noch mit dem Gast auf der T\u00fcrschwelle, und kein Schlaf kam ihnen diese Nacht in die Augen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">W\u00e4hrend die beiden im Angesicht des Mondes und der Sterne einander ihr Herz \u00f6ffnen und minnigliche Gespr\u00e4che f\u00fchren, wollen wir uns nach den J\u00e4gern umsehen, die ihren Anf\u00fchrer im Walde verloren hatten. Unerm\u00fcdlich war der ganze dichte Wald nach allen Seiten hin durchsucht worden, bis das Dunkel der Nacht dem Suchen ein Ende machte. Dann wurden zwei Boten in die Stadt zur\u00fcckgeschickt, die traurige Kunde zu \u00fcberbringen, w\u00e4hrend die \u00fcbrigen unter einer breit\u00e4stigen Fichte ihr Nachtlager aufschlugen, um am n\u00e4chsten Morgen die Suche fortzusetzen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der K\u00f6nig hatte sogleich Befehl gegeben, in aller Fr\u00fche ein Regiment zu Pferde und eins zu Fu\u00df ausr\u00fccken zu lassen, um seinen vermissten Sohn aufzufinden. Der lange weite Wald dehnte die Nachforschungen bis zum dritten Tag aus; dann erst stie\u00df man am fr\u00fchen Vormittag zuf\u00e4llig auf Fu\u00dfstapfen, die zum Pfad und dort weiter zur H\u00fctte f\u00fchrten. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Dem K\u00f6nigssohn war die Zeit in Gesellschaft der M\u00e4dchen nicht lang geworden, noch weniger hatte er sich heimgesehnt. Ehe er schied, gelobte er der J\u00fcngsten heimlich, in B\u00e4lde wiederzukommen und sie dann, sei es im Guten oder mit Gewalt, mit sich zu nehmen und zu seiner Hauszierde zu machen. Wenngleich die \u00e4lteren Schwestern von dieser Verabredung nichts geh\u00f6rt hatten, so kam die Sache doch heraus und zwar auf eine Weise, die niemand vermutet h\u00e4tte. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Nicht gering war n\u00e4mlich der j\u00fcngsten Tochter Best\u00fcrzung, als sie, nachdem der K\u00f6nigssohn die H\u00fctte verlassen hatte, sich an den Rocken setzte und fand, dass der Goldfaden in der Spindel gerissen war. Wohl wurden die Enden des Fadens in Kreuzknoten zusammengekn\u00fcpft, und das Spinnrad in rascheren Gang gebracht, auf dass emsige Arbeit die im Kosen mit dem Br\u00e4utigam verlorene Zeit wieder einbr\u00e4chte. Allein ein unerh\u00f6rter und unerkl\u00e4rlicher Umstand machte das Herz des M\u00e4dchens beben: verloren war des Goldgarns bisheriger Glanz. Da half kein Scheuern, kein Seufzen und kein Benetzen mit Tr\u00e4nen &#8211; die Sache war nicht wieder gutzumachen. Das Ungl\u00fcck springt zur T\u00fcr ins Haus, tritt durchs Fenster herein, kriecht durch jede Ritze, die es unverstopft findet, sagt ein altes weises Wort; also geschah es auch jetzt. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die Alte war in der Nacht heimgekehrt. Kaum war sie am Morgen in die Stube gekommen, als sie augenblicklich erkannte, dass hier etwas nicht recht stimmte. Ihr Herz entbrannte in Zorn; sie lie\u00df die T\u00f6chter eine nach der anderen vor sich treten und forderte Rechenschaft. Mit Leugnen und Ausreden kamen die M\u00e4dchen nicht weit, denn L\u00fcgen haben kurze Beine; die schlaue Alte brachte bald heraus, was der Dorfhahn hinter ihrem R\u00fccken der j\u00fcngsten Tochter ins Ohr gekr\u00e4ht hatte. Das alte Weib begann so gr\u00e4ulich zu fluchen, als wollte sie Himmel und Erde mit ihren Verw\u00fcnschungen verfinstern. Zuletzt drohte sie, dem J\u00fcngling den Hals zu brechen und sein Fleisch den wilden Tieren zum Fra\u00df vorzuwerfen, wenn er es sich gel\u00fcsten lie\u00dfe, noch einmal wiederzukommen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die j\u00fcngste Tochter wurde rot wie ein gesottener Krebs, fand den ganzen Tag weder Rast noch Ruh und konnte auch des Nachts kein Auge zutun; dauernd lag es ihr steinschwer auf der Seele, dass der J\u00fcngling, sollte er sich hier blicken lassen, den Tod finden k\u00f6nnte. In aller Fr\u00fche, als die Alte und die Schwestern noch im Morgenschlummer lagen, verlie\u00df sie heimlich das Haus, um in der Tauesk\u00fchle Atem zu sch\u00f6pfen. Zum Gl\u00fcck hatte sie als Kind von der Alten die Vogelsprache erlernt, und das kam ihr jetzt zustatten. In der N\u00e4he sa\u00df auf einem Fichtenwipfel ein Rabe, der mit dem Schnabel sein Gefieder zurechtupfte. Das M\u00e4dchen rief: &#8222;Lieber Lichtvogel, weisester der Befiederten! Willst du mir zu Hilfe kommen?&#8220; &#8222;Was f\u00fcr Hilfe begehrst du?&#8220; fragte der Rabe. Erwiderte das M\u00e4dchen: &#8222;Hoch vom Horst hebe dich, bis du eine pr\u00e4chtige Stadt mit dem K\u00f6nigssitz erblickst. Suche mit dem K\u00f6nigssohn zusammenzukommen und verk\u00fcnde ihm, was f\u00fcr ein Ungemach mir widerfahren ist.&#8220; Darauf erz\u00e4hlte sie dem Raben die Geschichte ausf\u00fchrlich, vom Rei\u00dfen des Fadens bis zur gr\u00e4sslichen Drohung der Alten, und sprach die Bitte aus, dass der J\u00fcngling nicht mehr zur\u00fcckkomme. Der Rabe versprach, den Auftrag auszurichten, wenn er jemand f\u00e4nde, der seiner Sprache kundig w\u00e4re, und machte sich sogleich auf den Weg. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die Alte lie\u00df die j\u00fcngste Tochter nicht mehr am Spinnrocken Platz nehmen, sondern hielt sie an, das gesponnene Garn aufzuwickeln. Diese Arbeit w\u00e4re der Maid leichter gewesen als das Spinnen, aber das st\u00e4ndige Fluchen und Zanken des alten Weibes lie\u00df ihr vom Morgen bis zum Abend keine Ruhe. Versuchte die Jungfrau sich zu verteidigen, so wurde die Sache noch \u00e4rger. L\u00e4uft einem Weibe mal die Galle \u00fcber und setzt ihre Kinnladen in Bewegung, so vermag dem keine Macht mehr Einhalt zu gebieten. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Gegen Abend rief der Rabe vom Fichtenzipfel: &#8222;Kraa, kraa! &#8222;, und das gequ\u00e4lte M\u00e4dchen eilte hinaus, um den Bescheid zu h\u00f6ren. Der Rabe hatte gl\u00fccklicherweise im Garten des K\u00f6nigs eines Windzauberers Sohn gefunden, der die Vogelsprache vollkommen verstand. Diesem meldete der schwarze Vogel die ihm von der Jungfrau anvertraute Botschaft und bat ihn, die Sache dem K\u00f6nigssohn mitzuteilen. Als der G\u00e4rtnerbursche dem K\u00f6nigssohn alles erz\u00e4hlt hatte, schlug es diesem schwer auf Herz und Gem\u00fct, und er hielt mit seinen Freunden heimlich Rat, wie das M\u00e4dchen zu befreien w\u00e4re. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Sage dem Raben&#8220;, gebot er dann dem Sohn des Windzauberers, &#8222;dass er eiligst zur\u00fcckfliege und der Jungfrau melde: Sei wach in der neunten Nacht, dann erscheint ein Retter, der das K\u00fcchlein den Klauen des Habichts entrei\u00dft.&#8220; Zum Lohn f\u00fcr die Bestellung erhielt der Rabe ein St\u00fcck Fleisch, um seine Schwingen zu st\u00e4rken, dann wurde er zur\u00fcckgeschickt. Die Jungfrau dankte dem schwarzen Vogel f\u00fcr seine Besorgung, verbarg aber das Geh\u00f6rte tief im Herzen, auf dass die anderen nichts erf\u00fchren. Je n\u00e4her aber der neunte Tag r\u00fcckte, desto schwerer wurde ihr ums Herz, wenn sie bedachte, dass ein unvorhergesehenes Unheil alles zunichte machen k\u00f6nnte. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">In der neunten Nacht, als die Alte und die Schwestern sich zur Ruhe gelegt hatten, schlich die j\u00fcngste Schwester auf Zehenspitzen aus dem Haus und setzte sich unter einem Baum auf die Wiese, um des Br\u00e4utigams zu harren. Hoffnung und Furcht zugleich erf\u00fcllten ihr Herz. Schon kr\u00e4hte der Hahn zum zweiten Mal, aber vom Walde her waren weder Schritte noch Rufe zu h\u00f6ren. Zwischen dem zweiten und dritten Hahnenschrei drang von weitem ein Ger\u00e4usch wie leises Pferdegetrappel an ihr Ohr. Sie lie\u00df sich durch dieses Ger\u00e4usch leiten und ging den Kommenden entgegen, damit deren Nahen die im Hause Schlafenden nicht wecke. Alsbald erblickte sie eine Kriegerschar, an deren Spitze der K\u00f6nigssohn selbst als F\u00fchrer ritt, denn er hatte, als er j\u00fcngst von hier geschieden war, an den B\u00e4umen heimliche Zeichen gemacht, durch die er den rechten Weg fand. Als er der Jungfrau gewahr wurde, sprang er vom Pferde, half ihr in den Sattel, setzte sich selbst vor sie hin, damit sie sich an ihm festhalte, und dann ging es schleunigst heimw\u00e4rts. Der Mond spendete gerade so viel Licht, dass sie nicht den gekennzeichneten Weg verloren. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Das Morgenrot hatte \u00fcberall der V\u00f6gel Zungen gel\u00f6st, sie zum Zwitschern verlockt. H\u00e4tte die Jungfrau auf sie zu achten und aus ihren Zwiegespr\u00e4chen Lehren zu ziehen gewusst, es h\u00e4tte beiden mehr gen\u00fctzt als die honigs\u00fc\u00dfen Schmeicheleien, die aus des K\u00f6nigssohns Munde flossen und als einzige Laute an ihr Ohr schlugen. Nichts anderes sah und h\u00f6rte sie als ihren Verlobten, der in sie drang, alle eitle Furcht aufzugeben und sicheren Mutes auf den Schutz der Krieger zu bauen. Als der Wald sich endlich lichtete, stand die Sonne bereits ziemlich hoch. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Zum Gl\u00fcck hatte die Alte nicht gleich am fr\u00fchen Morgen die Flucht der Tochter entdeckt; erst etwas sp\u00e4ter, als sie die Garnwinde nicht abgewickelt fand, fragte sie die anderen, wohin denn die j\u00fcngste Schwester gegangen w\u00e4re. Keine wusste darauf Antwort zu geben. Aus manchen Anzeichen ersah die Alte jedoch, dass ihr die Tochter ausgerissen wart. Sofort fasste sie den t\u00fcckischen Vorsatz, der Fl\u00fcchtigen die Strafe auf dem Fu\u00dfe nachzusenden. Sie holte vom Boden eine Handvoll aus neunerlei Arten gemischter Hexenkr\u00e4uter, sch\u00fcttete dazu Salz, das sie vorher besprochen hatte, und band alles in ein L\u00e4ppchen zu einer Quaste; dann fluchte sie ihre Verdammungs- und Verw\u00fcnschungsspr\u00fcche drauf und lie\u00df das Hexenkn\u00e4uel mit dem Winde davonziehen, wobei sie im Singsang sprach: <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Wirbelwind, verleihe Fl\u00fcgel, Windesschwieger, &#8211; deinen Fittich! Flieget fort mit diesem Fitzel, stiebet sturmschnell in die Ferne, wallet w\u00fcrgend eures Weges, bringt der Frevlerin Verderben! &#8220;<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Am Vormittag gelangte der K\u00f6nigssohn mit seinen Kriegern zum Ufer eines breiten Flusses, \u00fcber welchen eine schmale Br\u00fccke geschlagen war, so dass die M\u00e4nner nur einzeln her\u00fcber konnten. Der K\u00f6nigssohn , ritt gerade mitten auf der Br\u00fccke, als die Gesandte des Windes, das Hexenkn\u00e4uel, wie eine Bremse angeschossen&#8216; kam und das Pferd ber\u00fchrte. Das Pferd schnaubte vor Schreck und b\u00e4umte sich pl\u00f6tzlich, und ehe noch jemand zu Hilfe eilen konnte, glitt die Jungfrau vom Sattel herab j\u00e4hlings in den Fluss. Der K\u00f6nigssohn wollte ihr nachspringen, doch die Krieger hinderten ihn daran, denn der Fluss war grundlos tief und menschliche Hilfe konnte das Ungl\u00fcck ohnehin nicht mehr ungeschehen machen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Schrecken und tiefste Trauer hatten den K\u00f6nigssohn g\u00e4nzlich bet\u00e4ubt. Die Krieger f\u00fchrten ihn halb mit Gewalt nach Hause zur\u00fcck, wo er mehrere Wochen in einsamem Kummer sein Ungl\u00fcck beklagte und die ersten Tage nicht einmal Speise und Trank zu sich nahm. Der K\u00f6nig lie\u00df aus allen Orten von nah und fern Weise zusammenrufen, aber keiner konnte die Krankheit erkl\u00e4ren, noch wusste jemand ein Mittel gegen sie. Da sagte eines Tages des Windzauberers Sohn, der im Garten des K\u00f6nigs G\u00e4rtnerbursche war: &#8222;Sendet sofort nach Finnland zum&#8220; alten Weisen, der versteht davon mehr als die Weisen Eures Landes. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Alsbald sandte der K\u00f6nig eine Botschaft an den alten Weisen nach Finnland, und jener traf bereits nach einer Woche auf Windesfl\u00fcgeln ein. Er erkl\u00e4rte dem K\u00f6nig: &#8222;Gn\u00e4diger Herrscher! Die Krankheit hat der Wind angeweht. Ein b\u00f6ses Hexenkn\u00e4uel hat des J\u00fcnglings bessere Herzensh\u00e4lfte hinweggerafft, dar\u00fcber gr\u00e4mt er sich best\u00e4ndig. Hier helfen weder Spr\u00fcche noch Arzneien. Schickt ihn an die Luft, auf dass der Wind seine Sorgen verwehe. &#8220; <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">So geschah es auch wirklich. Der K\u00f6nigssohn erholte sich allm\u00e4hlich, begann Nahrung zu sich zu nehmen und nachts zu schlafen. Zuletzt ,gestand er den Eltern seinen Herzenskummer. Der Vater w\u00fcnschte dass der Sohn wieder auf die Freite ginge und eine Jungfrau nach seinem Sinn heimf\u00fchre; der Sohn aber wollte nichts davon h\u00f6ren. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Schon \u00fcber ein Jahr hatte der J\u00fcngling in tiefer Trauer verbracht, als er eines Tages zuf\u00e4llig an die Br\u00fccke kam, wo seine Liebste ihr Ende gefunden hatte. Des Ungl\u00fccks gedenkend traten ihm bittere Tr\u00e4nen in die Augen. Mit einem Male h\u00f6rte er jemanden einen sch\u00f6nen Gesang anstimmen, obwohl nirgends eine Menschenseele zu sehen war. Die Stimme sang: <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Durch des Weibes Fluch verdammet, schwank ich schutzlos in den Fluten; betten mich gar nasse Wellen, <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">decket Ahti * nun dein Sch\u00e4tzchen. &#8220; <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Wie dem Menschen nicht selten ein guter Gedanke unerwartet vom Winde zugeweht wird, so geschah es auch hier. Der K\u00f6nigssohn dachte: Wenn ich, ohne zu s\u00e4umen, zur Waldh\u00fctte reite, wer wei\u00df, ob mir nicht etwa die Goldspinnerinnen diesen wunderbaren Fall deuten k\u00f6nnen. So bestieg er denn sein Pferd und schlug den Weg zum Walde ein. An den fr\u00fcheren Zeichen hoffte er sich leicht zurechtzufinden, allein der Wald war gewachsen und das Suchen nahm mehr als einen Tag in Anspruch, bis er auf den Fu\u00dfsteig gelangte. In der N\u00e4he der H\u00fctte verbarg er sich, bis eine der Jungfrauen herauskommen w\u00fcrde. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Fr\u00fch Morgens ging die \u00e4lteste Schwester zur Quelle, um sich das Gesicht zu waschen. Der J\u00fcngling trat n\u00e4her, erz\u00e4hlte vom Ungl\u00fcck, das sich voriges Jahr auf der Br\u00fccke zugetragen, und was f\u00fcr einen Gesang er vor einigen Tagen dort geh\u00f6rt hatte. Das alte Weib war gl\u00fccklicherweise nicht daheim, und so lud die Jungfrau den K\u00f6nigssohn ins Haus. Als die M\u00e4dchen dessen ausf\u00fchrlichen Bericht vernommen <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">hatten, begriffen sie sogleich, dass das Ungl\u00fcck des vergangenen Jahres durch ein Hexenkn\u00e4uel der Alten entstanden war, und dass die Schwester jetzt nicht tot war, sondern in Zauberbanden liegt. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die \u00e4lteste Schwester fragte: &#8222;Ist Euren Blicken auf dem Wasserspiegel nichts begegnet, was einen Gesang h\u00e4tte ert\u00f6nen lassen k\u00f6nnen?&#8220; &#8211; &#8222;Nein&#8220;, erwiderte der K\u00f6nigssohn. &#8222;So weit mein Auge reichte, war auf der Fl\u00e4che des Flusses nichts weiter zu sehen als ein gelbes Teichbl\u00fcmchen zwischen breiten Bl\u00e4ttern, aber Bl\u00fcten und Bl\u00e4tter k\u00f6nnen doch nicht singen.&#8220; <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die T\u00f6chter mutma\u00dften sogleich, dass das Wasserr\u00f6schen niemand anderes sein k\u00f6nne als ihre in den Fluten versunkene und durch Hexenkunst in ein Bl\u00fcmchen verwandelte Schwester. Sie wussten, wie das Weib seinen fluchbehafteten Hexenkn\u00e4uel hatte fliegen lassen und dass dieser die Schwester zwar nicht t\u00f6ten, wohl aber in jeglicher Weise verwandeln konnte. Von dieser Vermutung sagten sie indes dem K\u00f6nigssohn nichts, denn solange sie noch keinen Rat zur Erl\u00f6sung ihrer Schwester wussten, wollten sie keine eitlen Hoffnungen erwecken. Da die R\u00fcckkehr der Alten erst in einigen Tagen erwartet wurde, hatten sie Zeit, sich zu beraten. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Am Abend holte die \u00e4ltere Schwester eine Handvoll entsprechend gemischter Zauberkr\u00e4uter vom Boden, zerrieb sie, mengte sie mit Mehl zu einem Teig, buk Kuchen daraus und gab dem J\u00fcngling davon zu essen, ehe er sich am Abend zur Ruhe legte. In der Nacht hatte der K\u00f6nigssohn einen wundersamen Traum, als lebe er im Walde unter den V\u00f6geln und verstehe jeder Art eigene Sprache. Als er den Jungfrauen am Morgen seinen Traum erz\u00e4hlte, sagte die \u00e4ltere Schwester: <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Zu gl\u00fccklicher Stunde habt Ihr Euch zu uns aufgemacht, zu ebenso gl\u00fccklicher Stunde den Traum gehabt, der auf Eurem Heimweg auch in Erf\u00fcllung gehen wird. Mein gestriger, mit Schweineschmalz bestrichener Kuchen, den ich Euch zu Frommen buk, war mit Weisheitskr\u00e4utern durchwirkt, die Euch in die Lage setzen, alles zu verstehen, was die klugen V\u00f6gel untereinander reden. Diese im Federkleide steckenden Lebewesen bergen in sich viele Weisheiten, die den Menschen unbekannt sind, daher passt scharf auf, was die Vogelschn\u00e4bel verk\u00fcnden. Und wenn die Zeit kommt, wo die Tage Eurer Leiden um sind, so denkt auch an uns arme Waisen, die wir hier als ewig Gefangene am Rocken sitzen. &#8220; <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der K\u00f6nigssohn dankte den M\u00e4dchen f\u00fcr ihre gute Gesinnung und versprach, sie sp\u00e4ter aus ihrer Knechtschaft zu befreien, sei es f\u00fcr ein L\u00f6segeld oder gewaltsam; nahm Abschied und trat eilig die R\u00fcckreise an. Die M\u00e4dchen waren froh, dass ihnen weder der Faden gerissen noch der Goldglanz geblichen war; die Alte hatte ihnen, als sie nach Hause kam, nichts vorzuwerfen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Um so seltsamer erging es dem K\u00f6nigssohn, der gleichsam in zahlreicher Gesellschaft durch den Wald zog, denn der Vogelsang, der an sein Ohr schlug, war ihm verst\u00e4ndlich, als w\u00e4ren es Worte in menschlicher Sprache. Voller Verwunderung musste er zur Kenntnis nehmen, wie viel Wissen dem Menschen dadurch verloren geht, dass er der Vogelsprache unkundig ist. Daraus, was das Federvieh redete, wurde der Wanderer anfangs nicht recht klug: es wurde \u00fcber vielerlei Menschen dies und jenes geplaudert, aber diese Menschen und ihr Treiben waren ihm fremd. Da sah er pl\u00f6tzlich auf einem hohen F\u00f6hrenwipfel eine Elster und eine Drossel, deren Unterhaltung offensichtlich auf ihn gem\u00fcnzt war. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Gro\u00df ist die Dummheit der Menschen&#8220;, sagte die Drossel. &#8222;Sie wissen auch die geringf\u00fcgigsten Dinge nicht richtig anzupacken. Dort sitzt schon ein ganzes Jahr neben der Br\u00fccke in Gestalt einer Wasserrose des alten Hinkeweibes Pflegekind, klagt singend den Vor\u00fcbergehenden ihr Leid, aber niemand kommt sie erl\u00f6sen. Vor einigen Tagen erst ritt ihr ehemaliger Liebster \u00fcber die Br\u00fccke, h\u00f6rte den sehns\u00fcchtigen Gesang der Jungfrau und war doch nicht kl\u00fcger als die anderen.&#8220; Woraufhin die Elster erwiderte: &#8222;Und gleichwohl muss das M\u00e4dchen um seinetwillen die von der Alten verh\u00e4ngte Strafe erdulden. Wenn ihm keine gr\u00f6\u00dfere Weisheit zuteil wird als die, welche er aus dem Munde der Menschen vernimmt, so bleibt das M\u00e4dchen ewig ein Bl\u00fcmlein.&#8220; &#8211; &#8222;Des M\u00e4dchens Erl\u00f6sung w\u00e4re eine Kleinigkeit&#8220;, sagte die Drossel, &#8222;wenn die Sache dem weisen Greise von Finnland gr\u00fcndlich dargelegt w\u00fcrde. Der Weise von Finnland k\u00f6nnte die Jungfrau mit Leichtigkeit befreien.&#8220; <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Das soeben Geh\u00f6rte stimmte den J\u00fcngling nachdenklich; beim Weiterreiten \u00fcberlegte er, wo er einen Boten hernehme, den er nach Finnland schicken k\u00f6nnte. Da h\u00f6rte er pl\u00f6tzlich \u00fcber seinem Haupte eine Schwalbe zur anderen sagen: &#8222;Komm, lass uns nach Finnland ziehen, dort gibt&#8217;s bessere Nistpl\u00e4tze als hier! &#8220; <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Haltet, Freunde!&#8220; rief der K\u00f6nigssohn in der Vogelsprache. &#8222;Bringt dem alten Weisen in Finnland tausend Gr\u00fc\u00dfe von mir und bittet ihn um Bescheid, wie es wohl m\u00f6glich w\u00e4re, eine in eine Wasserrose verwandelte Jungfrau wieder zu einem Menschen zu machen.&#8220; Die Schwalben versprachen den Auftrag auszurichten und flogen davon. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Wie er nun ans Flussufer kommt, l\u00e4sst er sein Pferd verschnaufen und horcht auf der Br\u00fccke, ob sich nicht wieder der Gesang vernehmen lasse. Aber Schweigen ringsum und nichts zu h\u00f6ren als das Rauschen der Wellen und das Sausen des Windes. Betr\u00fcbt schwingt sich der J\u00fcngling wieder in den Sattel und reitet heim, l\u00e4sst aber gegen niemand von seinem Abenteuer auch nur ein W\u00f6rtchen fallen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Eine Woche sp\u00e4ter sa\u00df er im Grasgarten und dachte sich, dass die Schwalben seine Botschaft wohl vergessen h\u00e4tten, da sah er einen Adler hoch in den L\u00fcften \u00fcber seinem Haupt kreisen. Immer niedriger lie\u00df sich der Vogel sinken, bis er sich endlich auf eine Linde in der N\u00e4he des K\u00f6nigssohnes setzte. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Der alte Weise in Finnland&#8220;, so schnarrte der Adler, &#8222;l\u00e4sst Euch gr\u00fc\u00dfen und bittet, es ihm nicht zu ver\u00fcbeln, dass er nicht fr\u00fcher Antwort erteilt hat. Es war gerade keiner da, der hierher wollte. Um die Jungfrau aus ihrer Blumengestalt zu erl\u00f6sen, ist nur dieses n\u00f6tig: Geht ans Ufer der Flusses, werft Eure Kleider ab und schmiert Euch den K\u00f6rper \u00fcber und \u00fcber mit Schlamm ein, so dass kein wei\u00dfer Fleck bleibt; dann haltet Euch die Nase zu und ruft: &#8222;Aus dem Mann ein Krebs!&#8220; Augenblicklich werdet Ihr zum Krebs; taucht mutig in die Tiefe des Flusses, ein Ertrinken habt Ihr nicht zu bef\u00fcrchten. Dringt vor bis unter die Wurzeln des Wasserr\u00f6schens und l\u00f6set sie von Schlamm und Schlick, dass sie nirgends mehr festsitzen. H\u00e4ngt Euch dann mit den Scheren an eine Wurzelfaser, so wird Euch das Wasser mit dem Bl\u00fcmchen an die Oberfl\u00e4che heben. Treibet dort mit dem Strom fort, bis Ihr links am Ufer eine Eberesche mit dichtbelaubten Zweigen erblickt. Nicht weit von der Eberesche steht ein Stein von der H\u00f6he einer kleinen Kate. Am Stein angelangt, m\u00fcsst Ihr die Worte aussto\u00dfen: &#8222;Aus der Wasserrose die Jungfrau, aus dem Krebs wieder ein Mann! &#8222;, und alsogleich wird es geschehen. &#8220; Mit diesen Worten erhob sich der Adler in die L\u00fcfte und flog davon. Der J\u00fcngling schaute ihm eine Weile nach und wusste nicht recht, was er davon halten sollte. So unter Zaudern verstrich \u00fcber eine Woche; der J\u00fcngling hatte weder Mut noch Vertrauen genug, auf diese Weise die Erl\u00f6sung zu versuchen. Da h\u00f6rte er eines Tages aus dem Schnabel einer Kr\u00e4he: &#8222;Was z\u00f6gerst du, der Weisung des Alten nachzukommen? Der alte Weise hat nie falschen Bescheid geschickt, noch die Vogelsprache jemanden betrogen. Eile an das Ufer des Flusses und trockne der Jungfrau Sehnsuchtstr\u00e4nen.&#8220; <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die Rede der Kr\u00e4he verlieh dem J\u00fcngling frischen Mut. Er dachte: Schlimmeres kann mir nicht widerfahren als der Tod, aber der ist leichter zu ertragen als endlose Trauer. So schwang er sich denn auf sein Ross und ritt den wohlbekannten Weg zum Ufer. Als er die Br\u00fccke erreichte, erklang der Gesang: <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Durch des Weibes Fluch verdammet, <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">muss in Schlick und Schlamm ich schlummern, in den k\u00fchlen Wogen welkend <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">muss das Kind in Qual verk\u00fcmmern. Tief, kalt und feucht das Bett im Fluss, in dem es ewig ruhen muss!&#8220; <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der K\u00f6nigssohn legte seinem Pferd die Fu\u00dffessel an, damit es sich nicht weit von der Br\u00fccke entferne, warf die Kleider ab, beschmiert den K\u00f6rper \u00fcber und \u00fcber mit Schlamm, so dass nirgends ein wei\u00dfer Fleck blieb, fasste sich dann an der Nasenspitze und sprang ins Wasser mit dem Ruf: &#8222;Aus dem Mann ein Krebs!&#8220; Einen Augenblick zischte das Wasser auf, dann war alles wieder still wie ehedem. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der in einen Krebs verwandelte J\u00fcngling begann die Wurzeln der Wasserrose vom Flu\u00dfgrund zu l\u00f6sen, was viel Zeit beanspruchte. Die Wurzeln sa\u00dfen so fest in Schlamm und Schlick, dass der Krebs sieben Tage schwer zu schaffen hatte, bis es soweit war. Als die Arbeit beendigt war, hakte der Krebs seine Scheren in die Fasern der Wurzel, und das Wasser hob ihn samt dem Bl\u00fcmchen an die Oberfl\u00e4che Die schaukelnden Wellen trieben Krebs und Wasserrose langsam vorw\u00e4rts, und wie viel B\u00e4ume und Str\u00e4ucher auch am Ufer sichtbar wurden, so kam noch immer keine Eberesche mit dem besagten gro\u00dfen Stein zum Vorschein. Endlich sah er links am Ufer die dichtbelaubte Eberesche rnit ihren roten Beerentrauben, und etwas weiter stand auch der Steinbock von der Gr\u00f6\u00dfe einer kleinen Saunakate. Jetzt stie\u00df der Krebs die Worte aus: &#8222;Aus der Wasserrose die Jungfrau, aus dem Krebs wieder ein Mann!&#8220; &#8211; Im Handumdrehen erschienen auf dem Wasser zwei Menschenh\u00e4upter, ein m\u00e4nnliches und ein weibliches; die Str\u00f6mung trieb sie ans Ufer, aber beide waren splitternackt, wie der Herr sie geschaffen, <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die versch\u00e4mte Jungfrau bat nun: &#8222;Lieber J\u00fcngling, ich habe keine Kleider anzuziehen, darum wage ich nicht, aus dem Wasser zu steigen!&#8220; &#8211; Der J\u00fcngling versetzte: &#8222;Tretet ans Ufer unter die Eberesche <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">, ich schlie\u00dfe solange die Augen, bis Ihr Euch im Schatten des Baumes berget. Dann eile ich zur Br\u00fccke, wo ich Pferd und Kleider liel3 <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">, bevor ich in den Fluss sprang. &#8220; <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die Jungfrau war unter die Eberesche geschl\u00fcpft, und der J\u00fcngling eilte zur Br\u00fccke, aber er fand dort weder Ross noch Kleider vor. Dass sein Krebsdasein etliche Tage gedauert hatte, wusste er gar nicht, vielmehr glaubte er nur einige Stunden auf dem Grunde des Wassers verbracht zu haben. &#8211; Siehe, da rollte ihm das Ufer entlang eine pr\u00e4chtige, mit sechs Pferden bespannte Kutsche entgegen. In der Kutsche fand er alle n\u00f6tige Bekleidung sowohl f\u00fcr sich als auch f\u00fcr die aus dem Wasserkerker erl\u00f6ste Jungfrau; sogar ein Diener und eine Zofe waren mit der Kutsche angekommen. Den Diener behielt der K\u00f6nigssohn bei sich, die Magd schickte er mit der Kutsche und den Kleidern dahin, wo sein nacktes Liebchen unter der Eberesche harrte. Es verging \u00fcber eine Stunde, da kam die hochzeitlich geschm\u00fcckte Jungfrau in der Kutsche zum K\u00f6nigssohn gefahren, der sie bereits voller Ungeduld erwartete. Auch er war pr\u00e4chtig als Br\u00e4utigam angetan. Er setzte sich zu ihr in die Kutsche, und los ging es zur Stadt geradenwegs vor die Kirchent\u00fcr. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der K\u00f6nig und die K\u00f6nigin sa\u00dfen in Trauerkleidern in der Kirche, denn sie trauerten um ihren teuren verschollenen Sohn, den man im Fluss ertrunken w\u00e4hnte, da man Pferd und Kleider am Ufer gefunden hatte. Wie gro\u00df war aber der Eltern Freude, als der f\u00fcr tot beweinte Sohn quicklebendig an der Seite einer sch\u00f6nen Jungfrau vor sie trat, beide in Prunkgew\u00e4ndern. Der K\u00f6nig selbst f\u00fchrte sie zum Altar, wo sie getraut wurden. Dann wurde ein Hochzeitsfest veranstaltet, das in Saus und Braus sechs Wochen lang dauerte. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Im Wandel der Zeiten gibt es zwar keinen Stillstand und keine Ruhe, dennoch scheinen Tage der Freude rascher dahinzuflie\u00dfen als Stunden der Tr\u00fcbsal. Nach der Hochzeit war der Herbst eingetreten, dann kam der Winter mit Frost und Schnee, so dass das junge Paar gar wenig Lust versp\u00fcrte, den Fu\u00df aus dem Hause zu setzen. Als aber der Fr\u00fchling wiederkehrte und erste Kunde von der nahenden Sommerpracht brachte, ging der K\u00f6nigssohn mit seiner jungen Gattin in den Garten lustwandeln. Da h\u00f6rte sie, wie eine Elster vom Wipfel eines Baumes ihnen zuschnarrte: &#8222;O undankbares Gesch\u00f6pf, das du in den Tagen des Gl\u00fccks deine hilfreichen Freunde vergessen hast! Sollen die beiden ungl\u00fccklichen Jungfrauen ihr lebelang Goldgarn spinnen? Das hinkende alte Weib ist gar nicht ihre Mutter, sondern eine Zauberin, eine b\u00f6se Hexe, welche die M\u00e4dchen als Kinder aus fernen Landen geraubt hat. Der Alten S\u00fcnden sind arg, sie verdient keine Barmherzigkeit. Abgebr\u00fchte Schierlingswurz w\u00e4re f\u00fcr sie das trefflichste Gericht; sonst w\u00fcrde sie das gerettete Kind abermals mit ihren Hexenkn\u00e4ueln verfolgen.&#8220; <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Jetzt fiel dem K\u00f6nigssohn alles wieder ein, und er bekannte seiner Gattin, wie er zur Waldh\u00fctte gegangen war, die Schwestern um Rat zu fragen, dort die Vogelsprache erlernt und den Jungfrauen versprochen hatte, sie aus ihrer Gefangenschaft zu befreien. Die Gattin bat ihn mit Tr\u00e4nen in den Augen, den Schwestern zu Hilfe zu eilen. Als sie am anderen Morgen erwachte, sagte sie: &#8222;Ich hatte einen bedeutungsvollen Traum. Die Alte hat das Haus verlassen und die Schwestern allein gelassen; jetzt w\u00e4re es gewiss die rechte Zeit, ihnen zu Hilfe zu eilen.&#8220; <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der K\u00f6nigssohn lie\u00df sofort eine Kriegerschar ausr\u00fcsten und zog mit ihnen zur Waldh\u00fctte. Am n\u00e4chsten Tag langten sie dort an. Die Jungfrauen waren, wie der Traum geweissagt hatte, allein zu Hause und kamen unter Jubelrufen ihren Rettern entgegen. Einem Kriegsmann wurde Befehl gegeben, Schierlingswurzeln zu sammeln und daraus der Alten ein Gericht zu bereiten, so dass, wenn sie nach Hause kommt und sich daran g\u00fctlich tut, ihr die Lust am Essen f\u00fcr immer verginge. Sie \u00fcbernachteten in der Waldh\u00fctte und machten sich am anderen Morgen in aller Fr\u00fche mit den M\u00e4dchen auf den Weg, so dass sie am Abend die Stadt erreichten. Gro\u00df war der Schwestern Freude, als sie sich nach zwei Jahren wieder vereinigt fanden. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die Alte war in derselben Nacht heimgekehrt. Gierig vor Hei\u00dfhunger verzehrte sie, was sie auf dem Tisch vorfand, und schl\u00fcpfte dann ins Bett, um zu ruhen. Sie erwachte nimmermehr, der Schierling hatte dem Leben der Unholdin ein Ende gemacht. Als der K\u00f6nigssohn eine Woche sp\u00e4ter einen zuverl\u00e4ssigen Hauptmann hinschickte, sich die Sache anzusehen, fand er die Alte tot. In der geheimen Kammer wurden f\u00fcnfzig Fuder Goldgarn aufgeh\u00e4uft gefunden, welche unter den Schwestern verteilt wurden. Als der Schatz fortgef\u00fchrt war, lie\u00df der Hauptmann den roten Hahn aufs Dach setzen. Schon streckte der Hahn seinen roten Kamm durch die Rauchluke, als eine gro\u00dfe Katze mit gl\u00fchenden Augen von der Luke her an der Wand herunterkletterte. Die Kriegsleute jagten der Katze nach und wurden ihrer bald habhaft. Ein V\u00f6gelchen gab von einem Baumwipfel her den Rat: &#8222;Heftet der Katz eine Falle an den Schwanz, dann wird die ganze Wahrheit an den Tag kommen! &#8220; Und also taten die M\u00e4nner. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Qu\u00e4lt. mich nicht, ihr M\u00e4nner!&#8220; flehte nun die Katze. &#8222;Ich bin ein Mensch wie ihr, wenn ich auch jetzt durch Zauberkraft in Katzengestalt gebannt bin. Es war der Lohn f\u00fcr meine Bosheit, dass ich in eine Katze verwandelt wurde. Ich war in einem fernen Lande Haush\u00e4lterin eines reichen K\u00f6nigsschlosses, die Alte aber war der K\u00f6nigin erste Kammerjungfer. Von Habgier getrieben, verschworen wir uns miteinander, die drei K\u00f6nigst\u00f6chter und mit ihnen zusammen einen gro\u00dfen Schatz zu rauben und dann das Weite zu suchen. Nachdem wir allm\u00e4hlich alle goldenen Ger\u00e4te beiseite geschafft hatten, die die Alte in goldenen Flachs verwandelte, entf\u00fchrten wir die Kinder, deren \u00e4lteste drei Jahre, das j\u00fcngste sechs Monate alt war. Die Alte bef\u00fcrchtete, dass ich bereuen und anderen Sinnes werden k\u00f6nnte, und verwandelte mich deshalb in eine Katze. Zwar wurde mir in ihrer Todesstunde die Zunge gel\u00f6st, aber die fr\u00fchere Gestalt habe ich nicht wiedererhalten.&#8220; Der Kriegshauptmann sagte, als die Katze geendet hatte: &#8222;Du verdienst kein besseres Los als die Alte!&#8220;, und lie\u00df sie ins Feuer werfen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die beiden K\u00f6nigst\u00f6chter aber verm\u00e4hlten sich bald, wie ihre j\u00fcngste Schwester, mit K\u00f6nigss\u00f6hnen, und das von ihnen in der Waldh\u00fctte gesponnene Goldgarn war f\u00fcr sie eine reiche Mitgift. Ihr Geburtsort und ihre Eltern blieben unbekannt. Man erz\u00e4hlt sich, dass das alte Weib noch so manches Fuder Goldgarn unter der Erde vergraben h\u00e4tte, aber niemand kann die Stelle angeben.<\/span><\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: small;\">Dieses M\u00e4rchen wurde mir von <a href=\"mailto:c_f.richter@t-online.de\">Isabel, Conny und Frank Richter<\/a> zur Verf\u00fcgung gestellt.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[85,133],"tags":[],"class_list":["post-587","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-maerchen","category-maerchen-weltweit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/587","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=587"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/587\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":588,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/587\/revisions\/588"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=587"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=587"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=587"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}