{"id":585,"date":"2015-11-03T22:16:44","date_gmt":"2015-11-03T21:16:44","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=585"},"modified":"2025-12-28T02:33:46","modified_gmt":"2025-12-28T01:33:46","slug":"der-goldne-rehbock","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-goldne-rehbock\/","title":{"rendered":"Der goldne Rehbock"},"content":{"rendered":"<p>Ludwig Bechstein<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p align=\"justify\">Es waren einmal zwei arme Geschwister, ein Knabe und ein M\u00e4dchen, das M\u00e4dchen hie\u00df Margarete, der Knabe hie\u00df Hans. Ihre Eltern waren gestorben, hatten ihnen auch gar kein Eigentum hinterlassen, daher sie ausgehen mussten, um durch Betteln sich fortzubringen. Zur Arbeit waren beide noch zu schwach und klein; denn H\u00e4nschen z\u00e4hlte erst zw\u00f6lf Jahre und Gretchen war noch j\u00fcnger. Des Abends gingen sie vors erste beste Haus, klopften an und baten um ein Nachtquartier, und vielmal waren sie schon von guten mildt\u00e4tigen Menschen aufgenommen, gespeist und getr\u00e4nkt worden; auch hatte mancher und manche Barmherzige ihnen ein Kleidungsst\u00fcckchen zugeworfen.<\/p>\n<p align=\"justify\">So kamen sie einmal des Abends vor ein H\u00e4uschen, welches einzeln stand; da klopften sie ans Fenster, und als gleich darauf eine alte Frau heraus sah, fragten sie diese, ob sie hier nicht \u00fcber Nacht bleiben d\u00fcrften? Die Antwort war: \u00bbMeinetwegen, kommt nur herein!\u00ab Aber wie sie eintraten, sprach die Frau: \u00bbIch will euch wohl \u00fcber Nacht behalten, aber wenn es mein Mann gewahr wird, so seid ihr verloren; denn er isst gern einen jungen Menschenbraten, daher er alle Kinder schlachtet, die ihm vor die Hand kommen! \u00ab<\/p>\n<p align=\"justify\">Da wurde den Kindern sehr angst; doch konnten sie nunmehr nicht weiter, es war schon ganz dunkle Nacht geworden. So lie\u00dfen sie sich gutwillig von der Frau in einem Fass verstecken und verhielten sich ruhig. Einschlafen konnten sie aber lange nicht, zumal da sie nach einer Stunde die schweren Tritte eines Mannes vernahmen, der wahrscheinlich der Menschenfresser war. Des wurden sie bald gewiss, denn jetzt fing er an mit br\u00fcllender Stimme auf seine Frau zu zanken, dass sie keinen Menschenbraten f\u00fcr ihn zugerichtet. Am Morgen verlie\u00df er das Haus wieder und tappte so laut, dass die Kinder, die endlich doch eingeschlummert waren, dar\u00fcber erwachten.<\/p>\n<p align=\"justify\">Als sie von der Frau etwas zu fr\u00fchst\u00fccken bekommen hatten, sagte diese: \u00bbIhr Kinder m\u00fcsst nun auch etwas tun, da habt ihr zwei Besen, geht oben hinauf und kehrt mir meine Stuben aus, deren sind zw\u00f6lf, aber ihr kehret davon nur elf, die zw\u00f6lfte d\u00fcrft ihr um Himmelswillen nicht aufmachen. Ich will derzeit einen Ausgang tun. Seid flei\u00dfig, dass ihr fertig seid, wenn ich wieder komme. \u00ab<\/p>\n<p align=\"justify\">Die Kinder kehrten sehr emsig, und bald waren sie fertig. Nun mochte Gretchen doch gar zu gerne wissen, was in der zw\u00f6lften Stube w\u00e4re, das sie nicht sehen sollten, weil ihnen verboten war, die Stube zu \u00f6ffnen. Sie guckte ein wenig durchs Schl\u00fcsselloch und sah da einen herrlichen, kleinen, goldenen Wagen, mit einem goldenen Rehbock bespannt. Geschwind rief sie H\u00e4nschen herbei, dass er auch hineingucken sollte. Und als sie sich erst t\u00fcchtig umgesehen, ob die Frau nicht heimkehre, und da von dieser nichts zu sehen war, schlossen sie schnell die T\u00fcre auf, zogen den Wagen samt Rehbock heraus, setzten drunten sich hinein in den Wagen und fuhren auf und davon. Aber nicht lange, so sahen sie von weitem die alte Frau und auch den Menschenfresser sich entgegen kommen, gerade des Wegs, den sie mit dem geraubten Wagen eingeschlagen hatten. H\u00e4nslein sprach: \u00bbAch, Schwester, was machen wir? Wenn uns die beiden Alten entdecken, sind wir verloren. \u00ab<\/p>\n<p align=\"justify\">\u00bbStill!\u00ab sprach Gretchen, \u00bbich wei\u00df ein kr\u00e4ftiges Zauberspr\u00fcchlein, welches ich noch von unserer Gro\u00dfmutter gelernt habe:<\/p>\n<p align=\"center\">Rosenrote Rose sticht;<br \/>\nSiehst du mich, so sieh mich nicht!\u00ab<\/p>\n<p align=\"justify\">Und alsbald waren sie verwandelt in einen Rosenstrauch. Gretchen wurde zur Rose, H\u00e4nslein zu Dornen, der Rehbock zum Stiele, der Wagen zu Bl\u00e4ttern.<\/p>\n<p align=\"justify\">Nun kamen beide, der Menschenfresser und seine Frau, daher gegangen und letztere wollte sich die sch\u00f6ne Rose abbrechen, aber sie stach sich so sehr, dass ihre Finger bluteten und sie \u00e4rgerlich davon ging. Wie die Alten fort waren, machten sich die Kinder eilig auf und fuhren weiter und kamen bald an einen Backofen, der voll Brot stund. Da h\u00f6rten sie aus demselben eine hohle Stimme rufen: \u00bbR\u00fcckt mir mein Brot, r\u00fcckt mir mein Brot.\u00ab Schnell r\u00fcckte Gretchen das Brot und tat es in ihren Wagen, worauf sie weiter fuhren. Da kamen sie an einen gro\u00dfen Birnbaum, der voll reifer sch\u00f6ner Fr\u00fcchte hing, aus diesem t\u00f6nte es wieder: \u00bbSch\u00fcttelt mir meine Birnen, sch\u00fcttelt mir meine Birnen! \u00ab Gretchen sch\u00fcttelte sogleich, und H\u00e4nschen half gar flei\u00dfig auflesen und die Birnen in den goldenen Wagen sch\u00fctten. Und wieder kamen sie an einen Weinstock, der rief mit angenehmer Stimme: \u00bbPfl\u00fcckt mir meine Trauben, pfl\u00fcckt mir meine Trauben! \u00ab Gretchen pfl\u00fcckte auch diese und packte sie in ihren Wagen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Unterdessen aber waren der Menschenfresser und seine Frau daheim angelangt und hatten mit Ingrimm wahrgenommen, dass die Kinder ihren goldenen Wagen samt Rehbock gestohlen, gerade wie diese beiden ebenfalls vor langen Jahren Wagen und Rehbock gestohlen und noch dazu bei dem Diebstahl auch einen Mord begangen hatten, n\u00e4mlich den rechtm\u00e4\u00dfigen Eigent\u00fcmer erschlagen. Der mit dem Rehbock bespannte Wagen war nicht nur an und f\u00fcr sich von gro\u00dfem Wert, sondern er besa\u00df auch noch die vortreffliche Eigenschaft, dass, wo er hinkam, von allen Seiten Gaben gespendet wurden, von Baum und Beerstrauch, von Backofen und Weinstock. So hatten denn die Leute, der Menschenfresser und seine Frau, lange Jahre den Wagen, wenn auch auf unrechtm\u00e4\u00dfige Weise, besessen, hatten sich gute Esswaren spenden lassen und dabei herrlich und in Freuden gelebt. Da sie nun sahen, dass sie ihres Wagens beraubt waren, machten sie sich flugs auf, den Kindern nachzueilen und ihnen die k\u00f6stliche Beute wieder abzujagen. Dabei w\u00e4sserte dem Menschfresser schon der Mund nach Menschenbraten; denn die Kinder wollte er sogleich fangen und schlachten. Mit weiten Schritten eilten die beiden Alten den Kindern nach und wurden dieselben bald von ferne ansichtig, weil sie vorausfuhren. Die Kinder kamen jetzt an einen gro\u00dfen Teich und konnten nicht weiter, auch war weder eine F\u00e4hre noch eine Br\u00fccke da, dass sie hin\u00fcber h\u00e4tten fl\u00fcchten k\u00f6nnen. Nur viele Enten waren darauf zu sehen, die lustig umherschwammen. Gretchen lockte diese ans Ufer, warf ihnen Futter hin und sprach:<\/p>\n<p align=\"center\">\u00bbIhr Entchen, ihr Entchen, schwimmt zusammen,<br \/>\nMacht mir ein Br\u00fcckchen, dass ich hin\u00fcber kann kommen!\u00ab<\/p>\n<p align=\"justify\">Da schwammen die Enten eintr\u00e4chtiglich zusammen, bildeten eine Br\u00fccke, und die Kinder samt Rehbock und Wagen kamen gl\u00fccklich ans andere Ufer. Aber flugs hinterdrein kam auch der Menschenfresser und brummte mit h\u00e4sslicher Stimme:<\/p>\n<p align=\"center\">\u00bbIhr Entchen, ihr Entchen, schwimmt zusammen,<br \/>\nMacht mir ein Br\u00fcckchen, dass ich hin\u00fcber kann kommen!\u00ab<\/p>\n<p align=\"justify\">Schnell schwammen die Entchen zusammen und trugen die beiden Alten hin\u00fcber &#8211; meint ihr? nein! in der Mitte des Teiches, da das Wasser am tiefsten war, schwammen die Entchen auseinander, und der b\u00f6se Menschenfresser nebst seiner Alten plumpsten in die Tiefe und kamen um. Und H\u00e4nschen und Gretchen wurden sehr wohlhabende Leute, aber sie spendeten auch von ihrem Segen den Armen viel und taten viel Gutes, weil sie immer daran dachten, wie bitter es gewesen, da sie noch arm waren und betteln gehen mussten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ludwig Bechstein<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[90,85],"tags":[],"class_list":["post-585","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ludwig-bechstein","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/585","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=585"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/585\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":586,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/585\/revisions\/586"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=585"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=585"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=585"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}